Montag, 26. Dezember 2016

Libertinismus und Rigorismus- ein Taumel in der Moraltheologie?

Einst soll im Jesuitenorden und angeblich somit auch in der Katholische Kirche hinter vorgehaltener Hand die Maxime gegolten habe: Der Zweck heiligt die Mittel. Man braucht seine Phantasie nicht zu überanstrengen, um zum Ergebnis zu kommen, daß es zur Rechtfertigung jeder Untat schon ein heiliges Ziel sich finden lassen wird, das dann die Untat legitimiert. Nicht nur die Parole vom Tode Gottes bringt so die Möglichkeit eines: Alles ist erlaubt! hervor, auch diese jesuitische Maxime erlaubt letztendlich Alles.
"Der Jesuit und Theologe Hermann Busenbaum schrieb 1652 in seiner Schrift "Kern der Moraltheologie": "Wenn der Zweck erlaubt ist, sind auch die Mittel erlaubt." Dabei schloss er aber verwerfliche Mittel aus: ausgenommen Gewalt und Unrecht, "praecisa vi et injuria". Ab dem 17. Jahrhundert sahen sich die Jesuiten zahlreichen Verschwörungstheorien ausgesetzt, in denen sie als machthungxrig, romhörig, antiaufklärerisch und materialistisch dargestellt wurden." (Internetseite: Redensartenindex: Der Zweck heiigt die Mittel)
Auch wenn man davon ausgeht, daß wohl die Vorstellung, daß jedes Mittel durch einen heilgen Zweck legitimierbar sei, nicht jesuitisch war und ist, so litt der Jesuitenorden eben unter dem Image, daß die Moral hier so genichtet wird.
Den Gegenpol bildet dazu die Lehre vom "malum in se", daß eine bestimmte Handlung immer ein Übel, eine Todsünde sei, unabhängig von den Zielen und Intentionen, warum und wozu sie gesetzt wird. Wenn die Maxime des: Der Zweck heiligt die Mittel, dem Libertinismus Tor und Tür öffnet, ist die Vorstellung von einem "malum in se" der Türöffner für einen moralischen Rigorismus, dessen Höhepunkt sich in der Maxime: "Hauptsache, das moralisch Gute tuen, wenn auch die Welt daran zu Grunde geht."
Die goldene Mitte zu finden zwischen Rigorismus und Libertinismus, das ist die große Aufgabe der Moraltheologie. Wo dies nicht gelingt, wird es für das Leben gefährlich! Die heutige Hauptquelle für die Maxime: Alles, was gefällt, ist erlaubt, ist a)die Vorstellung von Gott, der nur noch die Liebe ist und jeden bedingungslos liebt und die Parole von dem Gewissen als der letztendlich allein gültigen Instanz der Beurteilung von gut und böse, von mir erlaubt und mir unerlaubt. 
Aber es gibt auch eine rigoristische Tendenz in der Morallehre der Kirche, die dann lebensfeindlich zynisch sich auswirkt. Als Beispiel die Lehre, daß jeder Freitod immer objektiv eine Todsünde sei! Imaginieren wir uns den Fall einer Nonne im spanischen Bürgerkrieg. Ihr Kloster wird gerade von kommunistisch-anarchistischen Kämpfern "befreit". Sie steht vor dem Medizinschrank des Klosters und weiß: entweder töte ich mich jetzt durch die Einnahme von bestimmten Medikamenten oder ich werde von den "Befreiern" zu Tode vergewaltigt. Wenn in jedem Falle der Freitod ein "malum in se" ist, dann muß sich die Nonne in diesem Falle zu Tode vergewaltigen lassen!
Es wäre dann Gottes Wille, daß sie diese tödliche Vergewaltigung hinnehmen muß, weil die einzige Möglichkeit, sich davor zu retten, ihr Freitod wäre. Hier beginnt die Moral, zynisch zu werden.
Oder der Fall einer jungen Frau, die geheiratet hat, um eine Familie zu gründen, aber ihr Mann läßt sich gegen ihren Willen von ihr scheiden, weil er jetzt eine andere Frau liebt. Jetzt ist sie geschieden, gegen ihren Willen, da sie die Ehe fortsetzen wollte und sie darf nach der Morallehre keine eigenen Kinder mehr bekommen, denn dazu müßte sie heiraten, was ihr aber die Morallehre verbietet, da sie noch immer gültig verheiratet ist ob ihrer gültig geschlossenen Ehe. Das 1.Gebot, das Gott uns Menschen gab, heißt: Seid fruchtbar und mehret euch! Nun verhindert die Morallehre in diesem Falle, daß diese Frau unschuldig diesem Gebot Gottes nicht gerecht werden kann, obgleich sie es möchte. Auch hier führt die Morallehre zu einem lebensfeindlichen Rigorismus, der sich jetzt sogar gegen das Gebot Gottes stellt.
Es bedarf wohl einer sehr komplexen Kasuistik, um den Gefahren eines moralischen Rigorismus zu entgehen, der dann gar zynisch-menschenfeindlich werden kann. Einfacher gesagt: Es gibt Fälle, in denen das, was unmoralisch ist, doch moralisch geboten ist- und diese Fälle müssen genau bestimmt werden!           

Kommentare:

  1. Ich kenne den Fall einer jungen Frau die geheiratet hat und mit ihrem Mann gerne Kinder bekommen hätte. Nun, nach allen Versuchen steht die Erkenntnis, dass es wohl Gott nicht will, dass die beiden Kinder bekommen. Gott gegen sein eigenes Gebot: Seid fruchtbar und mehret euch? Das Thema Rigorismus in der Moral ist wohl doch sehr komplex um es an Fallbeispielen zu erklären.

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  2. Ihr Beispiel für Fälle, in denen das, was unmoralisch ist, doch moralisch geboten ist, halte ich für problematisch. Hier liegen Sie ganz auf der Linie von Kardinal Kasper. Da ist es nicht mehr weit, von der Ausnahme zur Regel. Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass es Fälle, in denen das, was unmoralisch ist, doch moralisch geboten sein kann. Ich denke nur an das Wort „fringsen“. Am 31. Dez. 1946 stellte Kardinal Frings in der von ihm gestalteten Silvestermesse in der St. Engelbert Kirche in Köln-Riehl dazu fest: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann. Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: Unverzüglich unrechtes Gut zurückzugeben.“ Ich denke aber, dass das Verbot des Ehebruchs über dem Gebot der Fruchtbarkeit steht.

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