Freitag, 1. August 2014

Wider die modernistische Kreuzestheologie

Wider den Kreuzzug wider das Kreuz

Daß Heiden und Juden das Kreuz Christi eine Torheit und ein Ärgernis ist, daß wußte schon der Apostelfürst Paulus- aber den Gläubigen war und sollte es höchste Weisheit Gottes sein. Davon sind wir in heuer weit entfernt: ein innerkirchlicher Kreuzzug wider das Kreuz Christi in der Katholischen Kirche wie im Protestantismus ist unübersehbar. So unterschiedlich die Kritik auch ist, bestimmte Konstanten sind sozusagen ökumenisch: ein Melange aus der Kritik der traditionellen christlich-kirchlichen Gottesvorstellung, dem Jesu Gottesbild antithetisch gegenübergestellt wird, eine Hyperkritik am Neuen Testament, in dem Jesu ureigenste Verkündigung schon verfälscht worden sei, so schon Nietzsche und in heutigen Tagen der katholische Theologe E.Biser und der Protestant Klaus Peter Jörns, eine Kritik an dem ach so negativen Menschenbild paulinisch-augustinischer Fasson, dem ganz vom Geiste bürgerlichen Humanismus erfüllt, getreu dem Naturalisten Rousseau der von Natur aus gute Mensch gegenübergestellt wird und ein erstaunlicher Phänomen in Zeiten des Philosemitismus: eine Revitalisierung antijüdischer Klischees vom Opfer-und Zorn-Gott des Alten Bundes, dem der Nurliebesgott Jesu entgegengesetzt wird- Liebe statt diese innergöttliche Dialektik von Zorn und Gnade. Kryptisch wirken hier ureigenste marcionitische und pelagianistische Intentionen weiter. Und die Liebe zum Feindbild: Anselm von Canterbury, neben dem hl. Augustin sind die Verfälscher des Christentumes nebst der institutionellen Kirche.

Viel steht auf dem Spiel! Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika: „Caritatis studium“ lehrt: „Das Wesen der Natur und der Religion enthüllt die Notwendigkeit des Opfers.... Und wenn man die Opfer entfernt, kann eine Religion weder sein noch gedacht werden. Das Gesetz des Evangeliums ist nicht geringer als das alte Gesetz; im Gegenteil, sogar noch viel hervorragender, weil es das überreich vollendet, was jenes begonnen hatte. Die im Alten Testament gebräuchlichen Opfer wiesen aber schon auf das am Kreuz vollzogene Opfer voraus, lange bevor Christus geboren wurde. Nach seinem Aufstieg in den Himmel wird eben dies Opfer im eucharistischen fortgesetzt.“1

Im Zentrum der christlichen Religion steht so das Kreuzaltaropfer Jesu Christi in seiner Vorandeutung im Opferkult des Alten Bundes und in seiner Nachabbildung im kirchlichen Meßopfer. Das Kreuz Christi ist so als Sühnopfer das Heilereignis. Gegen das Zentrum des christlichen Glaubens richtet sich so der Aufstand gegen das Kreuz. Nicht wird dabei die Historizität des Kreuzes verleugnet sondern es wird eine eigentümliche Diastase konstruiert, die zwischen dem Ereignis der Kreuzigung und der Deutung und Interpretation, sodaß nun die Sühnopfervorstellung zu einem von vielen möglichen Interpretamenten des historischen Ereignisses wird. Die Deutung des Ereignisses hätten nun die Theologen und Evangelisten des Neuen Testamentes zu verantworten und ihre späteren Nachfolger, die traditionelle Theologie und Kirche. Die in der hl. Schrift selbst gegeben Deutungen sind so nicht mehr Bestandteil der offenbarten Wahrheit, diese reduziert sich auf das historische Ereignis Jesus von Nazareth und alles andere sind theologische Deutungen, die als menschlich-allzumenschliche auch in Frage gestellt werden können. So geht der Präses der EKD, Schneider so weit, selbst das urchristliche Glaubensbekenntnis, Jesus ist der Messias, der Christus als problematische Interpretation zu dysqualifizieren und um des christlich-jüdischen Dialoges willen dies Bekenntnis außer Kraft zu setzen.2

Es sollen nun exemplarisch veranschaulichend Vertreter diese Art von Kreuzeskritik vorgestellt und diskutiert werden, nicht nur, um zu zeigen wie sehr modernistische Theologen in die Irre gehen können, sondern vielmehr deshalb, weil an ihren Angriffen gegen die katholische Lehre der Kirche gerade auch Schwächen der Lehre sichtbar werden, die uns zu einem Weiterarbeiten und Vertiefen der kirchlichen Lehre verpflichten. Wie erst Luthers radikaler Angriff auf das Meßopfer der Kirche die kirchliche Theologie zur Klärung des Verhältnisses vom Kreuzaltaropfer zum Meßopfer zwang, so steckt auch in jedem Angriff wider die Lehre der Kirche die Chance, durch solche Fundamentalkritik zu einem Mehr an Klarheit vorzudringen; so dienen selbst Irrlehrer -unbeabsichtigt- der Wahrheit.


Eugen Biser: Liebe statt Kreuz

Daß der Professor der Katholischen Kirche, Eugen Biser unter den zeitgenössischen Häretikern einen Ehrenplatz einnimmt, ist keine polemische Überspitzung. Und so soll dieser Kritiker der Lehre der Kirche hier auch gewürdigt werden. Der protestantische Theologe Klaus Peter Jörns präsentiert in seinem Festvortrag: „Die Opferkritik in der Theologie Eugen Bisers“ gehalten in München im Jahre 2008, ein Kompendium der Kritik Bisers an der kirchlichen Lehre vom Sühnopfer Christi und seiner Umdeutung.3

Im ersten Teil der Vorlesung entfaltet Jörn, wie dominierend im Neuen Testament selbst die Deutung des Kreuzes als Sühnopfer präsent ist. Damit schließt er selbst die urreformatorische Möglichkeit aus, eine mißliebige Lehre der Katholischen Kirche zu delegitimieren, indem behauptet würde, diese sei so nicht in der Bibel enthalten und somit eine unerlaubte Zufügung und Verfälschung durch die Kirche. Nein, daß Christus für unsere Sünden am Kreuz gestorben sei, ist eine biblische Aussage. „dass die Opfer-und Sühnetheologie allgegenwärtig in der Bibel und-noch jedenfalls-in den Liturgien christlicher Kirchen ist.“4

Umso mehr ist Bisers Kühnheit zu bewundern, diese Tradition zu kritisieren und als mit Jesu wahrer Verkündigung unvereinbare beseitigen zu wollen. Denn diese allgegenwärtige Gnaden-und Sühnetheologie verdecke die Verkündigung Jesu von der bedingungslosen Liebe Gottes, ja ist damit inkompatibel. Vier Argumente bietet Biser gegen die Gnaden-und Sühnetheologie der Kirche auf. Bemerkenswert ist dabei die Klarsichtigkeit, daß mit der Kritik der Sühnopfertheologie auch die gesamte katholische Gnadenlehre ob ihres engsten Zusammenhanges mit ihr genichtet werden muß.
Eine Theologie ohne Kreuz und ohne Gnade ist so das Ziel, das mit diesen vier Argumenten erreicht werden soll.

Das erste und gewichtigste Argument lautet: Ein Gott der bedingungslosen Liebe würde durch Opfer nicht versöhnt und er wolle auch gar keine Opfer. Das Gottesbild Jesu schließe die Vorstellung eines Gottes, der Opfer wolle, gar Sühnopfer aus. Jesu Gottesbild überwinde die Vorstellung Gottes als eines Gemisches von Zorn und Gnade zugunsten der des reinen Liebesgottes.Gott ist nur Liebe und somit könne von ihm weder Zorn noch Gnade prädiziert werden. Auf den ersten Blick muß diese biserische Antithese von Liebe statt Zorn und Gnade irritieren,näher läge doch, allein in der Vorstellung vom Zorn Gottes eine mit dem Gott der Liebe inkompatible Vorstellung zu vermuten und nicht in der Gnade. Aber auch die Vorstellung eines gnädigen Gottes widerspräche dem jesuanischen Gott der Liebe. Wenn der Gegenbegriff zur Gnade -spätestens seit der großen Kontroverse zwischen Augustin und Pelagius- der der Natur ist, wird diese biserische Antithetik aber nachvollziehbar. Es ist die Natur Gottes, zu lieben und so liebt er von Natur aus alle Menschen und so vergibt er auch, ohne daß er dazu als Bedingung des Menschen Buße, Reue oder Sühne verlangt und somit schon gar nicht das Kreuz Christi. Die Vorstellung einer bedingungslosen göttlichen Liebe schließt so jedes heilsrelevante Tun des Menschen aus: er ist immer in der Liebe Gottes geborgen. So wird aus der Gnade, von Gott geliebt zu werden, ein naturalistisches Verhältnis, so als gliche Gottes Liebe der Sonne, die ihr Licht auf alles Irdische ausstrahlt. Gottes Liebe emaniert sich, strömt aus auf alles. Als Gnade wäre Gottes Liebe nur begreifbar, könnte Gott sich auch anders als liebend zum Menschen verhalten und wäre es nicht selbstverständlich, daß er nur Liebe ist. Die Vorstellung vom Zorn Gottes ist so denkerisch die notwendige Bedingung dafür, daß von Gott geliebt zu werden, als Gnadenakt verstanden wird, sofern und weil der Mensch ob seines Sünderseins nur den gerechten Zorn Gottes verdient hätte.Die Ausschließung der Vorstellung vom Zorne Gottes erzwingt so den Verlust jeder Lehre von der göttlichen Gnade, indem nun das Verhältnis Gottes zum Menschen naturalistisch vorgestellt wird.

Jesu Gottesvorstellung sei die der Gotteskindschaft. Die mache so den Menschen frei von einem Gottesbild, das ihn „ehemals als zürnend und rächend vorgestellt worden war:“ Damit kann Biser nur das Gottesbild des Alten Testamentes meinen, in dem von Gott tatsächlich ausgesagt wird, daß er zürne und Rache nehme.

Der Gott Jesu befreit uns so als reiner Gott der Liebe vom Gott des Alten Testamentes, der Opfer, Sühnopfer gar verlangt, der zürnt und Rache nimmt. Das ist purer Marcionismus. Stand Marcion noch vor dem Problem, wie dann die Evangelien Jesu von allem Alttestamentlichen zu purifizieren seien, damit nur noch der liebe Jesusgott übrigblieb, so übernimmt diese Aufgabe bei Biser die historisch-kritische Methode, die alle Aussagen, die nicht mit jesuanischen Gottesbild kompatibel sind, als spätere Gemeindebildung oder verfehlte Interpretation eskamotiert.

Die Vorstellung der bedingungslosen Liebe Gottes schließt es nun für Biser selbstredend aus, daß die Bitte um Vergebung selbst noch einmal als Bedingung für die Sündenvergebung zu stehen kommen darf, sodaß der Auftrag zur Sündenvergebung nur noch meinen kann, daß dem Sünder zugesagt wird, was ihm schon immer gilt, daß Gott ihm vergibt, weil er ihn liebt und daß wir so auch allen vergeben sollen. Der Akt der Sündenvergebung verändert so nicht die Beziehung Gottes zum Menschen sondern befreit den Menschen nur von der falschen Gottesvorstellung eines gerechten Gottes, der den Sünder straft, wenn er nicht reuig umkehrt und Buße tut.

Woher hat Jesus dieses Gottesbild? Das wäre das Spezifische von Jesu- er verkündet uns einen neuen Gott, von der die Welt und das jüdische Volk noch nie gehört hat. Es ist nun ein Leichtes, nachzuweisen, daß dieses jesuanische Gottesbild nicht das der Verkündigung des Jesus Christus ist, so wie es die Evangelien und das Neue Testament verkünden, sondern ein reines Phantasieprodukt dieses Theologen ist. Mit dieser Phantasie steht er nicht allein: von Nietzsche über A. Rosenberg bis hin zu Biser ist uns dieser breite Traditionsstrang bekannt: man destilliert aus dem Meer der Aussagen und Handlungen Jesu ein paar Worte heraus, aus denen dann das dem Konstrukteur genehme Jesusbild entsteht, und deklariert alles andere dann als Verfälschung oder Fehlinterpretation. In der Regel sagen solche Jesusphantasien mehr über die Wünsche und Sehnsüchte der Konstrukteure als über Jesus Christus aus.

Theologiegeschichtlich gesehen ist die Vorstellung von der unbedingten Liebe Gottes wohl ein Umformungsprozeßprodukt der lutherischen Rechtfertigungslehre: hieß es ursprünglich, daß der Sünde allein, wenn er darauf vertraut, daß Jesus für seine Sünden gestorben ist, gerechtfertigt, ein von Gott Geliebter zu werden und so nur aufhört, unter dem gerechten Zorn Gottes zu stehen und allein aus Gnade besagt da, daß der Vertrauensglaube ausreicht und besagt, daß der Glaube nicht selbst noch mal ein Werk des Menschen ist, sondern, daß er glaubt sei ein Gnadengeschenk Gottes, so löst sich diese Konzeption auf, insofern der Vertrauensglaube als menschlicher Glaube nun doch den Eindruck evoziert, daß das Geliebtwerden von Gott, das Gerechtfertigtsein vor Gott abhängig sei von einer menschlichen Leistung, dem Vertrauensglauben und daß Gottes Liebe anhängig sein von dem Verdienst Christi, daß er uns erst vor Gott die Liebenswürdigkeit wieder erlangt hätte. Um des Allein aus Gnade Willen werden dann diese beiden Bedingungen des Gerechtfertigtseins vor Gott eskamotiert, so daß dann nur noch: allein aus Gnade übrig bleibt. Dies Allein aus Gnade destruiert sich dann selbst, denn der Begriff der Gnade setzt den des gerechten Zornes voraus. Wenn aber Gott aus Gnade jeden liebt, ist dies kein Gnadenakt mehr sondern Gottes natürliches Verhalten:allein aus der Natur Gottes heraus sind wir von Gott Geliebte. Das ist der Versuch einer Rekonstruktion der logischen Umformung der lutherischen Rechtfertigungslehre aus ihrer inneren Spannung von: aus Glaube und aus Gnade, insofern das allein aus Gnade dem allein aus Glauben widerstreitet, da damit eine Bedingung für das Heil gesetzt ist. Es ist nun eine Frucht der Ökomene,daß solche Zerfallsprodukte lutherischer Theologie katholischerseits unkritisch rezipiert werden.

Das zweite Argument ist kein selbstständiges, sondern setzt voraus, daß Jesus nicht für unsere Sünden gestorben ist und offeriert nun eine andere Deutung des Kreuzes, die nun die wahre sein soll und somit die Unwahrheit der katholischen verifiziere. Biser deutet den Tod Jesu so: „In seinem Tod gibt sich Jesus als Individuum auf, um als Gegenwärtiger in den Seinen auf-und fortzuleben.“5Gemeint ist damit, daß Jesus nicht als Person aufersteht und ewig lebt, sondern als Geist in der Gemeinde. Jesus will sterben, um als Geist in der Gemeinde zu leben. Daß dies eine mit dem christlichen Glauben unvereinbare Vorstellung ist, zeigt ein kurzer Blick ins apostolische Glaubensbekenntnis, in dem Jesus Christus vom Hl. Geist unterschieden wird und nicht doziert wird, daß Jesus durch seinen Tod zu einem apersonal gedachten hl. Geist wird, der in den Gläubigen wohnt. Daß Jesus als „lebendigmachender“ Geist bezeichnet wird,6 bestätigt die Vermutung, daß Jesu Umformung zu einem Geist als Ersatz für die traditionelle Lehre vom Hl. Geist fungiert.

Das dritte Argument ist nun wieder nur eine Wiederholung des ersten, daß Gottes unbedingte Liebe das Kreuz als Sühnopfer ausschlösse.

Das vierte Argument bringt nun wieder etwas Neues: die Sühnopferlehre widerspräche nicht nur dem Gottesbild des nur lieben Gottes, sondern auch Jesu Menschenbild, das zufälligerweise ganz eins ist mit dem von Rousseau bzw. der politischen Korrektness. Das negative Menschenbild gehöre zur Sühnopfertheologie dazu. Die paulinische Anthropologie wird nun attackiert. Paulus schreibt im Römerbrief, daß die Sterblichkeit und Endlichkeit des Menschen die Folge der Sünde Adams sei. Dies ist das Zentralargument der Ursündenlehre: Sterben muß der Mensch, weil er Sünder ist. Jeder Mensch muß von Geburt an sterben, also muß er von Geburt an Sünder sein und daß erklärt die Ursündenlehre, warum er von Anfang an Sünder ist und nicht auf sich allein gestellt aus dieser Ursünde sich befreien kann.

Bisers Anliegen ist nun, die Sünde klein zu machen, sodaß es das Heilmittel des Kreuzes nicht mehr bedarf. Der Tod sei nicht-gegen Paulus und gegen das Alte Testament-der Sünde Sold sondern ein Moment der guten Schöpfung Gottes. So wird nun der Tod, das Sterbenmüssen verklärt: statt den Tod zu diskriminieren als den „letzten Feind“ so Paulus müsse er als „Wohltat“ angesehen werden, die den Menschen vor Vergreisung bewahre und verhindere, daß zu viel Leben entsteht, das sich wechselseitig ersticken würde. Der Mensch sei also gar nicht von Anfang an von der Sünde bestimmt.

Was ist nun dabei das Argument wider die Sühnopfertheologie? Erst in der weiteren Ausführung wird dies deutlich. Biser meint, daß das Menschenbild des Paulus düster sei, „weil Paulus unterstellt, der Mensch sei seit Adam und Eva der Sünde verfallen“.7 Dieser Negativanthropologie entspräche dann die Sühnopfertheologie, während ein positives, lichtes Menschenbild ohne Kreuz auskäme. Der nur liebe Gott und der an sich gute Mensch bedürfen keiner Versöhnung durch das Kreuz, weil sie a priori immer schon in einem guten Verhältnis zueineinander sind. Die Rechtfertigungslehre des Paulus und somit natürlich auch die augustinische und die katholische sei ein schwerer Fremdkörper in der Kirche weil unvereinbar mit Jesu positivem Menschenbild. Kirche. Einfach gesagt: weder ist Gott gerecht, so daß er um der Gerechtigkeit willen Strafe für die Sünde fordert noch ist der Mensch so sündig, daß er wirklich bestraft werden müßte. Alles irgendwie im grünen Bereich.

Augenfällig ist hier, daß Biser und sein Deuter Jörns eine uns von Nietzsche schon bekannte Denkfigur reaktiviert: die eigentliche Verkündigung von Jesus und wie Paulus sie dann verfälscht habe.

Nietzsche schreibt: „ 168 Die Kirche ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat-und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte-169 Kein Gott für unsere Sünden gestorben, keine Erlösung durch den Glauben,keine Wiederauferdstehung nach dem Tode-das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christrentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.“8 A. Rosenberg steht so nicht allein mit seinem Votum, daß nicht Jesus, sondern Paulus der Erfinder des Christentumes sei mit all seinen schrecklichen Lehren von Sünde, Gnade und Opfer, während Jesus das alles abgelehnt hätte. „...daß die Kirchen nicht christlich, sondern paulinisch sind, da doch Jesus fraglos das Eins-Sein mit Gott als Erlösung und Ziel pries, nicht die herablassende Gnadengewährung eines allmächtigen Wesens,dem gegenüber auch die größte meschliche Seele ein reines Nichts darstellte.“9 Biser meint nun, dieser Fremdkörper sei in die paulinische Verkündigung eingedrungen, weil er aus missionarischen Gründen sich angepaßt hätte, während Jörn urteilt, nein,Paulus habe das wirklich so geglaubt und das sei eine Folge davon, daß er nie eine echte Begegnung mit Jesus gehabt hätte. Er kannte Jesus einfach nicht. Interessant, daß ein evangelischer Theologe das Zentrum reformatorischer Theologie so als eine Irrlehre des Paulus dysqualifiziert, um stattdessen die bedingungslose gnadenlose Liebe Gottes zu predigen.
Das jesuanische Gottesbild und das positive Menschenbild Jesu widersprächen so der Sühnopfertheologie. Daß in der Hl. Schrift diese Theologie und das entsprechende Menschenbild bezeugt wird, ist für Biser und Jörns nur der Anlaß dafür, nicht nur der Kirche sondern schon der Bibel den Vorwurf zu machen, daß in ihr Jesu Verkündigung verfälscht würde.

Hier erleben wir nun einen der größten Triumphe der historisch-kritischen Methode. War das ursprüngliche reformatorische Anliegen der Unterscheidung von Schrift und Tradition und der willkürlichen These, nur die Schrift sei verbindlich, alle Tradition stünde so unter dem Generalverdacht der Verfälschung und wird so erfolgreich delegitimiert, so wendet sich in der historisch-kritischen Methode dieser Generalverdacht nun gegen die Schrift selbst, indem der historische Jesus unterschieden wird von dem durch die Schrift Bezeugtem und das Zeugnis gerät nun selbst unter den Generalverdacht des Mißvertehens und Verfälschens. Nun wird auch die hl. Schrift ihrer Autorität beraubt und der Willkür des Exegeten unterworfen, sich das ihm gefällige Jesusbild aus den Texten heraus zu konstruieren.Als besonders einfallsreich erweisen sich dabei dies Autorenteam nicht: es bleibt bei der Mär von dem Gott, der nur lieb ist und den Menschen, die eigentlich auch nur, auch wenn sie alle kleine Sünderleins sind, alle in den Himmel kommen, wie das bekannte Volkslied es schon weiß.

Für uns Katholiken muß sich angesichts dieses Gebrauches der historisch-kritischen Methode aber die Frage stellen,ob wir nicht zu unkritisch dies trojanische Pferd des Protestantismus in die Kirche und ihre Theologie hineingelassen haben.

Aber wir stehen vor einem noch bedeutsameren Problem: offenkundig ist bei Biser die Tendenz, den Gott Jesu gegen den Gott des AT auszuspielen und gerade so da Paulus und die Bibel zu kritisieren, wo sie Jesu im Lichte des AT deuten: als Sühnopfer. Das verweist auf ein reales Problem der katholischen Theologie: wie ist die Einheit Gottes zu denken, wenn er einerseits den Opferkult des Alten Bundes wollte und andererseits das Kreuz Christi? Widerspricht Gott etwa mit dem Kreuz seiner Opferkultordnung des Alten Bundes, so daß eine Differenz in Gott wäre- der Keim,um dann den Gott Jesu wider den Gott des Opferkultes auszuspielen, um so im Marcionismus zu enden? Korrespondiert dem dann etwa ein düsteres Menschenbild, in dem der Mensch Opfer darzubringen habe, dem Jesu sein positives Menschenbild gegenübergestellt hätte, daß der Mensch als von Gott Geliebter die Kraft zum guten Leben in sich trüge und so keines Opferkultes bedürfte? Kryptimarcuinismus, als Ablehnung eines Gottesbildes, das Opfer verlangt und ein Krypopelagianusmus, daß der Mensch, weil nur peripher sündig, nicht der Gnade Gottes bedürfte, gingen hier so eine unheilige Allianz ein! Und diese alten Ladenhüter sollen dann moderne Theologie sein!

Die Aufgabe der Theologie heißt also: wie ist das Verhältnis von den Opfern des Alten Bundes zu dem Kreuzaltaropfer Jesu und dem kirchlichen Meßopfer zu denken, damit nicht um eines der Opfer willen die anderen delegitimiert werden und damit auch der dem jeweiligen Opfer korrespoindierende Gott. So könnte man jüdisch um der legitimen Opfer des AT willen Jesu Opfer und seinen Gott verurteilen oder im Geiste Marcions um des Opfers Jesu willen die Opfer des AT und dessen Gott oder um des Kreuzes Jesu willen reformatorisch,die kirchlichen Opfer und damit die Kirche delegitimieren. Erst wenn es gelingt, die Aussage, daß wir um des einen Opfers willen gerechtfertigt sind, um des Kreuzes Christi willen zu vereinbaren mit den legitimen vielen Opfern des Kultes des Alten Bundes und des Neuen, kann auch die Einheit Gottes gedacht werden, der einer ist als der Herr des Alten und des Neuen Bundes und der Herr des Kreuzes. Ansonst entsteht die Gefahr einer Auflösung der Einheit, daß entweder ontisch der Gott des Alten Bundes vom dem Gott Jesu unterschieden wird oder zumindest noetisch, als wäre der Gott der Liebe im priesterlichen Kult noch nicht recht erkannt worden und erst in Jesus wirklich offenbar.

These: Wenn das Kreuzaltaropfer Christi als das eine heilsgenügsame verstanden wird, dann muß notwendigerweise das Kultopfer des Alten Bundes wie das des Neuen Bundes entwertet werden-sie können höchstens noch als Austeilung der Frucht des eines Opfers verstanden werden, das ist die lutherische Lösung, oder aber sie werden gleichberechtigt neben das eine Opfer gestellt, dann entsteht uns eine unendliche Serie von Opfern, denen wir unser Heil verdanken.

Nur wenn das eine Opfer, dem wir unser Heil verdanken, selbst als die dialektische Einheit von den vielen Opfern und dem einen gedacht wird, ist es möglich, dem Alten wie dem Neuen Bund gerecht zu werden und dabei das Zentrum im Kreuzopfer Jesu zu verorten. Die Einheit des Selbstbewußtseins ist, daß das Ich sich setzt als Mich und sich selbst mit dem gesetzten Ich identifiziert als Eins. Einheit ist die Setzung der Differenz und ihre Aufhebung. Das Urbild des Opfers, das Kreuzaltaropfer ist als Urbild noch nicht das eine Opfer, sondern wird es erst durch die Setzung seiner Abbilder als Vorabbildung und Nachabbildung des Kreuzaltaropfers, indem die damit gesetzte Differenz durch die Identifizierung des Urbildes mit seinen Abbildern zu einem Opfer wird in der dialektischen Einheit von Ur-und Abbild. Das Opfer Christi ist sozusagen die Substanz der Opfer des Alten und des Neuen Bundes, die als Opfer nichts Selbstständiges sind, sondern nur Abbilder des Urbildes. Oder als anderer Vergleich: die Einheit der Menschheit ist die Einheit der Idee des Menschseins mit den vielen Indivuduationen des Menschseins. Dieser Gedanke mag vielleicht zu philosophisch anmuten, aber die Einheit zu denken ist eine philosophische Aufgabe und ohne eine so geartete Lösung zerfällt uns die Trias von dem Opferkult des Alten bundes, des Kreuzaltares und des Meßopfers und dann entsteht die Gefahr der Delegitimuerung einer dieser von Gott gewollten Ordnungen und im schlimmsten Falle der Eindruck, daß der Gott des Alten Bundes nicht der des Kreuzes Jesu ist und daß das kirchliche Meßopfer ein Abfall sei vom Gott Jesu.

Was hat nun dieses eine Opfer Christi in seiner dialektischen Einheit mit der Vorstellung von Gottes Liebe zu tun? Nach Biser und vielen nichts. Aber was versteht man dann unter Liebe? Der Verdacht drängt sich auf, daß hier eine Hypostasierung der mütterlichen Liebe zu ihrem Kleinkind stattfindet, in der die Mutter ganz die Gebende und das Kleinkind ganz das Empfamgende ist: eine infantile Liebe, wohingegen die Liebe Jesu zu seiner Kirche als Vorbild der Liebe des Mannes zu seiner Braut nicht eine infantile ist, sondern eine, die den Liebenden und den Geliebten zu miteinander Wirkenden macht: die geliebte Braut empfängt und gibt Liebe wie auch die Kirche. Und dieser erwachsenden Liebe Gottes zu den Menschen entspricht es, daß er sie nicht nur als passive Empfänger der Liebe will, sondern als Mitarbeiter am göttlichen Erlösungswerk. Und dies ereignet sich am vollkommensten im Opfer, denn hier wirken von Gott eingesetzte Priester gemäß Gottes Willen Heil. Nicht wollte Gott den Menschen ohne seine Kooperation erlösen und darum setzt Gott den Kult, damit hier Menschen Mitarbeiter Gottes sein können und das ist gerade die göttliche Liebe, die nicht einfach die mütterliche zu einem Infanten ist, eine infantile sondern der gleicht, die der Bräutigam seiner Braut entgegenbringt und die sie erwidert. Die Kritiker des Opferkultes verstehen so sehr einseitig die göttliche Liebe ausschließlich nach dem Ideal der Mutter zu iihrem Baby. Die Verabsolutierung der Passivität des Empfangenen verdankt sich bei dieser Ausdeutung des Verständnisses von der unbedingten göttlichen Liebe der reformatorischen Heimat dieser Vorstellung, der Überbetonung der reinen Passivität des Menschen im Zuspruch des Gerechtfertigtwerdens. Das ist selbstredend auch der antikatholische Charakter dieser Vorstellung.
So gesehen widerspricht dies Opferverständnis nicht der Liebe Gottes. Es ist für die katholische Theologie eine sehr wichtige Aufgabe, herauszuarbeiten, daß der Gott des Opferkultes im Alten Bund und der Gott Jesu einer ist und daß er dabei immer auch der der Liebe ist, damit nicht etwa der Alte Bund Gott als gerechten und auch zornigen bezeuge und der neue Bund dann Gott nur noch als Liebe. Es geht um die Einheit der hl. Schrift und somit auch um die Einheit vom Alten und Neuen Bund in ihrem Zentrum, dem Opfer Christi. Gelingt das nicht zu denken, wird der Marcionismus in irgendeiner Tarngestalt immer wieder in der Kirche Fuß fassen können, wie etwa in dem Kryptomarcioniten E.Biser! Es ist erstaunlich, daß auch Rosenberg sagen kann, im wohlwollenden Ton: „Die Religion Jesu war zweifellos die Predigt der Liebe“10, die dann Paulus u.a. verfälschte-“Die männliche Jesusgestalt“ und „Paulus als Verfälscher des Evangeliums“11 und er dann Marcion 12als Versuch der Wiederherstellung des Ursprünglichen deutet. Wer den Glauben der Kirche verläßt, auf was für seltsame Partner man dann stoßen kann!
Uwe Christian Lay

1DH, 40.Auflage, 3339.
2Vgl: Lay, U.C., Die protestantische Aufkündigung des urchristlichen Bekenntnissses zu Jesus Christus, in: Theologisches 9/10 2011 Sp.509-514.
3Klaus Peter Jörns, www. Chrismon plus rheinland de.
4Jörns, S.6.
5Jörn,S.9
6Jörn, S.9
7Jörns, S.12.
8Nietzsche, F., Der Wille zur Macht, 1.Auflage 1992, 168-169 S.133.
9Rosenberg, A., Der Mythos des 20. Jahrhunderts, 17-20. Auflage 1934, S.235f.
10Rosenberg, A., Mythos S. 607
11Rosenberg, A., Mythos S.604f

12Rosenverg, A., Mythos S. 75f.

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