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Freitag, 9. Januar 2026

Kardinal Müller diagnostiziert die Ursache der jetzigen Kirchenkrise -völlig aus dem Rahmen fallend und daneben liegend

 

Kardinal Müller diagnostiziert die Ursache der jetzigen Kirchenkrise -völlig aus dem Rahmen fallend und daneben liegend



So liest sich das in dem Kath net Artikel vom 6.Jänner 2026, betitelt mit:Die Ursache der Kirchenkrise und ihre Überwindung“:Die größte Gefahr für die Neuevangelisierung im Westen, gerade auch in Deutschland, sehe ich in der Wiederkehr der Lehre von der doppelten Wahrheit. Sie ist gnostischen Ursprungs.“ Von Gerhard Card. Müller“.

Der Terminus der „doppelten Wahrheit“ ist nun eine Vorankündigung des liberalistischen Pluralismus, daß es nicht eine von uns Menschen erkennbare Wahrheit gäbe, sondern daß die Vernunft Erkenntnisse hervorbringen kann, die den Gehalten der Offenbarung Gottes widersprechen und doch als wahr rechtens gelten. Es existierten also Vernunftwahrheiten und Offenbarungswahrheiten, die nicht untereinander kompatibel seien und doch beide als wahr zu gelten haben. Daß das eine der Theologie unzumutbare Konstruktion ist, ist offenkundig, da die Offenbarungswahrheiten nicht den Vernunftwahrheiten widersprechen können, da die Offenbarung die Vernunft vollendet und nicht ein Meer an irrationalen, der Vernunft widerstreitenden Aussagen enthält. 1

Aber nun stellt uns diese Kardinalsanalyse, daß die „Lehre von der doppelten Wahrheitgnostischen Ursprunges sei, vor ein gravierendes Problem. Es ist davon auszugehen, daß der Mehrheit der Kat net Leserschaft, die in ihren zugesandten Kommentaren viel Lob für diese Analyse spendete, nicht weiß, was denn unter der Gnosis zu verstehen sei, denn sonst hätten sie diese These als ein wahrer Kardinalsfehler ad hoc erkannt.

So umstritten Rudolf Bultmanns Konzept der Entmythologisierung des Christentumes auch ist, es ist schlicht ein verhängnisvoller Irrtum, so brilliant ist Bultmann als Exeget, dem das Verdienst zukommt, das Verhältnis der christlichen Religion zur Gnosis rekonstruiert zu haben, um damit ein besseres Verstehen der Texte des Neuen Testamentes zu ermöglichen. Dabei gelingt es ihm, den Kerngednken der Gnosis, den gnostischen Erlösermythos auf den Punkt zu bringen. Bultmann erteile ich somit das Wort:

Die gnostische Bewegung bedeutete die ernsthafteteste und gefährlichste Konkurrenz für die christliche Mission, und zwar infolge der tiefgehenden Verwandschaft. Das Wesen der Gnosis besteht ja nicht in ihrer synlretistischen Mythologie,vielmehr in einem, der antiken Welt gegenüber, neuen Selbst- und Weltverhältnis,dessen Ausdruck nur die Mythologie ist. War für den antiken Menschen die Welt die Heimat,gewesen – für das AT die Welt als Schöpfung Gottes2,für die griechische Antike der von der Gottheit durchwaltete Kosmos – so ist in der Gnosis wie im Christentum zum erstenmal die grundsätzliche Verschiedenheit des menschlichen Seine von allem welthaften Sein zum Bewußtsein gekommen und deshalb die Welt dem menschlichen Ich zur Fremde geworden“.Aus dieser Fremde kann der Mensch nun nur erlöst werden, durch einen aus der Ursprungsheimat des Menschen herabsteigenden Erlösers, der den Zuerlösenden die Erkenntnis ihrer wahren Heimat vermittelt (Gnosis= Erkenntnis), um sie so aus der Exilierung zu befreien. Mythologisch wird dabei der Fall der menschlichen Seele in die Welt der Materie erzählt, um darauf aufbauend aufzuzeigen, wie die Seele zurückfinden kann in ihre Heimat. In der gnostischen Kosmologie gibt es so nur die eine wahre Welt und die unwahre,in die wir eingefangen sind und aus der es nun gilt, befreit zu werden. Die Gnosis kennt so keine Selbsterlösung sondern hofft auf einen aus der Wahrheit herabsteigenden Erlöser.

Unmöglich ist aus dem Kerngedanken der Gnosis eine zweifache Wahrheit irgendwie abzuleiten oder sie gar darin zu beheimaten!

Was versteht denn nun Kardinal Müller unter der zweifachen Wahrheit, wie sie jetzt in Deutschland und wohl nicht nur da verstanden und praktiziert wird? Es soll die Differenz zwischen den dogmatischen Wahrheiten und dem, was man aus pastoraltheologischen Gründen, meint lehren und nicht mehr lehren dürfe, benennen. Früher hieß das: „Das mag zwar in der Theorie richtig sein, aber taugt nichts für die Praxis“ und meint jetzt, daß es Wahrheiten gäbe, dogmatische, die man den Kunden der Kirche nicht mehr zumuten dürfe. Die Pastoraltheologie versteht sich heute als die Marketingabteilung der Kirche, indem sie frägt: Wie müsse die Kirche ihre Produkte gestalten, damit sei bei den potentiellen Konumenten ankommen? Zwei Wahrheiten gäbe es dann, wenn die dogmatischen Wahrheiten weiterhin als wahr anerkannt würden, aber man empfiehlt, sie nicht weiter zu lehren und zu verkündigen. Eine praktizierte Homosexialität würde dann zwar als sündig weiterhin qualifiziert werden gemäß der Lehre der Kirche, nur sagte man das Homosexuellen nicht, weil die das nicht hören möchten. Wahrheiten, die viele Konsumenten nicht (mehr) hören wollen, sollen so fernerhin als wahr gelten, aber nicht gesagt werden, so wie auch nur ein Grobian zu einer 50 jährigen Frau sagt: So sehen sie auch aus!

Kardinal Müller will damit sagen, daß die Kirche so sich selbst verböte, das zu lehren und zu verkündigen, was sie selbst als wahr zwar glaubt, aber sich nicht traut, den Menschen zu sagen. Die so zensierte Praxis wäre die zweite Wahrheit, das was man der Kundschaft gegenüber sich nur getraut zu sagen.Aber auch das ist eine kardinale Fehlanalyse: Denn das linksliberale Reformlager verlangt ja die faktische Ungültigkeitserklärung aller Lehren, die dem „modernen Menschen“ nicht zumutbar seien. Denn es gilt: „Wahr ist, was gefällt, unwahr ist das Mißfall Verursachende!“ Die dogmatischen Wahrheiten sollen nicht weiterhin als wahre gelten und wenn man sie nicht einfach als unwahr erkären und reprobieren kann, dann archiviert man sie einfach und lehrt ganz anderes als die „Weiterentwickekung“ der eingemotteten Lehren. Nicht wird eine zweifache Wahrheit anerkannt, wobei dann eine davon als zwar theoretisch wahr aber unpraktisch beibehalten wird und in der Praxis dann das Gegenteil von der Theorie die Norm ist, sondern es soll nur noch das Wohlgefällige, bei keinem Anstoß Errengende als wahr gelten. Allerdings findet diese Konsumentenausrichtung ihre Grenzen, wenn es gilt, alles politisch Unkorrekte aus der Kirche auszugrenzen. Sonst gilt aber:Es gibt nur eine Wahrheit, was der König Kunde begehrt!



1Die Redultion auf eine Whrheit, perronalitisch: Jesus sei die Wahrheit, formuliert, führt zur Entinhaltlichung der Offenbarung, sodaß dann jeder beliebige Inhalt mit der Person Jesu verbunden werden kann unter völliger Mißachtung all seiner Lehren,

2Hier verkennt der NT-Exeget die Bedeutung des Sündenfalles und der Deutung der mennschlichen Existenz auf der Erde als seine Exilierung. War das babylonische Exil eines, daß durch die Rückkehr nach Jerusalem aufhebbar ist, so radikalisuert die Sündenfallgeschichte diesen Exilierungsgedanken, daß der Mensch, aus dem Paradiese verstoßen, auf der Erde ein Exilleben führt, fern seiner Heimat. Vgl dzu das „Salve Regina“.

Freitag, 27. Juni 2025

Eine verdrängte Wahrheit: unsere Weltfremdheit - daß wir Exilierte sind !

 

Eine verdrängte Wahrheit: unsere Weltfremdheit

War für den antiken Menschen die Welt die Heimat gewesen – für das AT die Welt als Schöpfung Gottes, für die griechische Antike der von der Gottheit durchwaltete Kosmos – so ist in der Gnosis wie im Christentum zum erstenmal die grundsätzliche Verschiedenheit des menschlichen Seins von allem welthaften Sein zum Bewußtsein gekommen und deshalb die Welt dem menschlichen Ich zur Fremde geworden.“1 Bultmann spricht da von dem Bewußtsein seiner Weltüberlegenheit.“ 2

Daß der Mensch sich in seinem eigenen Selbstverständnis verfehlen kann, gründet sich in der Möglichkeit, daß er sich auch als ein Element der Welt, aus ihr entstanden und in ihr verhaftet bleibend mißverstehen kann. Die Gnosis, wie aber auch die christliche Religion vermitteln nun die Erkenntnis seiner prinzipiellen Weltfremdheit, um so ihn auf ein Projekt der Repatrisierung vorzubereiten. Dem Bibelleser ist zwar meistens die Aussage, daß unsere Heimat der Himmel sei, sodaß wir auf Erden weilend, in der Fremde leben, so wie es der Apostelfürst Paulus in dem 5.Kapitel seines zweiten Korintherbriefes entfaltet, vertraut, aber es gilt nun, diese Aussage in ihrem ganzen Gehalt zu begreifen.

Wie kann oder konnte es denn dann in der Antike zu diesem Bruch mit dem Selbstverständnis des Menschen als eines Elementes der Welt, des gut und schön geordneten Kosmos bzw der gut von Gott geschaffenen und angeordneten Welt kommen? R. Bultmann nimmt hier nur die Differenz des christlichen und gnostischen Seinsverständnisses des Menschen zu dem des AT und der Antike wahr und erachtet so dies nach seinem Urteile angemessenere Seinsverständnis des Menschen, auch wenn es noch in einer mythologischen Sprache sich hier artikuliert, als etwas nur Neues wahr,das nicht aus dem Vorherigen sich ableiten lassen könne.

Das evoziert diese Anfragen: Setzt nicht schon der Dualismus zwischen der Welt der Ideen und der Welt seiner abbildhaften Realisierungen, um es an der platonischen Philosophie zu veranschaulichen,die Möglichkeit, daß dem Mensch, auf die ideele Welt sich ausrichtend, die nichtideele Welt zu etwas Nurvorläufigen, nicht Wahrhaftigen wird? Alles, was seiend ist, ist so doch auch schon ein nichtseiend, der Vergänglichkeit Unterworfenes, sodaß der Mensch sich von dieser Welt abwendend sich auf das Unvergängliche und Wahre ausrichten will. Paulus schreibt deshalb ja im 1.Korintherbrief 7,27, daß der Christ sein Herz nicht an diese vergängliche Welt heften solle, da die zum Untergang bestimmt sei, sodaß er auf Erden nur mit einer Reservatio mentalis leben solle, so „als ob nicht“, dabei hier einen Zentralgedanken der antiken Stoa in den christlichen Glauben integrierend.

Aber dem AT müßten doch solch weltflüchtigen Gedanken völlig ferne liegen, könnte selbst ein aufmerksamer Bibelleser meinen. Bultmann meint das selbst so. Aber dieser Anschein trügt. Den Anfang des Bewußtseins der Weltfremdheit des Menschen bildet die theologische Reflexion über das babylonische Exil des jüdischen Volkes: Weil wir gegen Gott gesündigt haben, seinen Bund mit ihm gebrochen haben, hat Gott uns exiliert, uns aus der Heimat vertrieben. Das jüdische Volk konnte somit sein Leben in Babylon als eines der Vertreibung und Gottferne begreifen. Die bedrängendste Frage hieß nun: Wie können wir zurückkommen in die Heimat? Die Sünenfallgeschichte radicalisiert nun diese Deutung des Exiles: Der Mensch ist ursprünglich, da er in Adam und Eva gesündigt hat, ein aus dem Paradiese Vertriebener, ein Exilierter. Das wunderschöne Lied: „Salve Regina“ drückt dies in herrlchster Klarheit aus, daß wir Menschen die exilierten Kinder Evas sind, die in der Fremde weilend auf den Heimführer hoffen, auf Jesus Christus. Die Sündenfallgeschichte bedeutet für das Seinsverständnis des Menschen, daß ihm diese Welt die Fremde ist.Zwei Optionen entstehen ihm daraus: Die fremde Welt sich untertan zu machen, sie zur Zweitheimat des Menschen umformen oder sich auf eine Erlösungshoffnung zu kaprizieren, daß der Mensch wieder repatriiert wird.

Als eine Erlösungsreligion steht die christliche wie die Gnosis, wie Bultmann hier konstatiert, für das Hoffen auf eine Repatriierung. Aber die christliche Religion kann auch ihrers Zentrumes verlustig gehen, wenn sie den Menschen, biologistisch- naturalistisch nur noch als ein besonderes Element der von Gott erschaffenen Welt deutet, als wäre er in dieser Welt beheimatet oder beheimatbar. Das Pojekt der Humanisierung der Welt ist so der heutige Versuch, die prinzipielle Weltfremdheit des Menschen zu überwinden, bei dem die Kirche ihre Erlösungsbotschaft, die der Repatriierung des Menschen zu vergessen droht.







1R.Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, Paragraph 15, 1 Die gnostische Bewegung.

2a.a.O.

Donnerstag, 29. Mai 2025

Ein Nachtrag zu einem nicht mehr verstanden werdendem Hochfest-auch zur Leilichkeit des Menschen

 

Ein Nachtrag zu einem nicht mehr verstanden werdendem Hochfest



Der verstorbene und schon begrabene Lazarus wurde von Jesus Christus auferweckt, er lebte wieder, aber diese Lebenszeitverlängerung, ein Fußballreporter könnte hier von einer Überspielzeit sprechen, endete dann doch mit seinem Abpfiff, er starb wieder, das ist gewiß, auch wenn uns dies das Johannesevangelium nicht eigens berichtet. Die Kritiker des Osterevangeliumes, in den zwei Korintherbriefen stellt sie uns der Apostelfürst Paulus vor, isb im 15.Kapitel des ersten und im 5.Kapitel des zweiten Briefes, führten nun tatsächlich gewichtige Argumente wider das urchristliche Osterevangelium an: Wenn Jesus, wie erzählt wird, leiblich auferstanden und so seinen Schülern erschienen wäre, dann bedeutete das, daß er nun noch eine Überspielzeit von Gott zuerkannt bekommen hätte, um dann aber wie auch der von den Toten Erweckte Lazarus wieder sterben zu müssen. Denn zur Leiblichkeit gehöre konstitutiv seine Endlichkeit, sein Vergehenmüssen. Jesus hätte so den Tod nur so überwunden wie auch Lazarus es getan hätte: Er lebte nur neu auf, um wieder sterben zu müssen! Sie hätten hinzufügen können, woran man denn an dem von den Toten auferweckten Jesus erkennen konnte daß er danch nicht wieder sterben werde, daß er dem Todesschicksal nicht mehr unterworfen worden sei.Auch eine noch so diffiziele Analyse der österlichen Erscheinungsberichte kann darauf eine eindeutige Antwort geben: Gott hätte Jesus von Nazareth auch auferwecken können, um ihm eine weitere Zeit des Wirkens auf der Erde zu gewähren, um ihn dann erst endgültig heimzuholen, indem er ihn sterben ließe.

Man sollte diese Kritiker nicht vorschnell einfach als Gegner des Apostels Paulus und des Osterevangeliumes dysqualifizieren, sondern diese Argumentation, wie es auch der Apostelfürst Paulus tat, ernstnehmen. Wenn man sich nun frägt, warum die Kirche nicht nur das Hochfest Ostern feiert sondern zudem noch die Himmelfahrt Jesu Christi, dann lautet die sachgemäße Antwort: Erst durch Jesu Christi Himmelfahrt, er wurde in den Himmel aufgenommen, ohne daß er vorher verstarb, ist eindeutig geklärt, daß Gott ihn nicht von den Toten auferweckt hatte, nur um ihn danach, wie etwa auch den auferweckten Lazarus wieder sterben zu lassen nach einer befristeten Zusatzlebenszeit auf Erden.

Auch diese Kritiker glaubten, daß Jesus nun ewig lebe und nie wieder sterben werde, aber sie argumentierten dann, daß er nicht leiblich auferstanden sei, denn wäre er leiblich auferstanden, dann hätte er ob seiner Leiblichkeit wieder sterben müssen. Für sie galt also das Urteil, daß nicht nur nichts Unreines in den Himmel eingehen könne, sondern auch nichts Leibliches. Nur die menschliche Seele könne ewig leben, nicht aber der menschliche Leib. Dem korreliert deren Anthroplogie, daß der Mensch ursprünglich nur als ein Seelenwesen erschaffen worden sei und erst durch den Sündenfall in die körperliche Welt hineingefallen sei, in der dann noch in die Seele in einem Körper eingefangen worden sei, dem menschlichen. Ist nach dem katholischen Verständnis die Schöpfung auch als die sichtbar materielle Welt etwas Gutes, das dann aber durch den Sündenfall korrumpiert wurde und so zu einer zu erlösenden Welt wurde, so ist diesen Kritikern die materielle Welt an sich das Schlechte, aus der die Seelen durch Jesus Christus herauserlöst werden sollen. Es spricht so vieles dafür, daß der Exeget Bultmann recht hat, wenn er diese Kritiker als Gnostiker bezeichnet, sagen wir präziser als nichtkatholische Christen, da ihnen die Welt etwas nur Negatives ist. Paulus setzt dagegen eine Anthropologie, bei der auch der Leib zur guten Schöpfung Gottes gehört.

Aber nun darf diese Differenz auch nicht überbewertet werden, denn auch Paulus sagt, daß wir Menschen nicht mit unserem irdischen Leib in das ewige Leben eingehen können, daß also dieser verwandelt werden müsse in einen zu einem ewigen Leben befähigtem! Und Paulus erwartet für das Ende nicht eine ewige Weiterexistenz dieser Welt, sondern einen neuen Himmel und eine neue Erde.Die Welt, so wie wir sie kennen, wird untergehen und Gott wird anstatt der alten eine neue setzen. Der neue Mensch mit einem zu eínem ewigen Leben befähigten Leib ist so nicht einfach die ewige Fortsetzung des irdischen Menschen, nur die Seele erhält sich als sich identisch bleibende, der Leib wird entweder verklärt oder vielleicht doch durch einen neuen substituiert. Irrtümlicherweise wird gelegentlich behauptet, die Gnosis lehre eine Selbsterlösbarkeit des Menschen. Das stimmt nicht: Ohne einen Erlöser kann keine Seele erlöst werden. Die christlichen Gnostiker bejahten sogar die Heilsntwendigkeit der Taufe, sie ließen sich wie auch andere Christen zugunsten von schon Verstorbenen taufen, wie Paulus es im 1.Korintherbrief, im 15.Kapitel schreibt.

Die christlichen Gnostiker und der katholische Paulus stimmten so in diesem wesentlichen Punkte überein: Die Welt, in deir wir jetzt leben, ist nicht unsere Heimat, sondern die ist der Himmel, sodaß solange wir auf Erden weilen, wir fern von ihr leben. Der Streitunkt ist nun der, ob wir mit einem gewandelten Leib ewig leben werden oder ohne einen Leib, ähnlich den Engeln im Himmel leben werden. Beide Parteien insistieren dabei darauf, daß Jesus, nachdem er seinen Erdenauftrag beendet hatte, in seine Ursprungsheimat zurückgekehrt ist, wohin auch wir heimkehren werden nach unserem Tode.

Zusatz:

Zur Leiblichkeit gehört immer auch seine dreidimesionale Ausgedehntheit. Wäre der Himmel nicht räumlich also dreidimensional, könnte kein Mensch leiblich in ihm leben, sondern nur als Seele; es sei an Descartes Unterscheidung von der res cogitens, der Seele und der res extensa, allem Körperlichem erinnert. Es existiert zwar die mathematische Möglichkeit, den ausdehnungslosen Punkt als eine Kugel mit dem Raumvolumen 0 zu definieren, aber auf die Anthropologie angewendet hieße das, daß ein Mensch nur als Seele von einem Menschen mit einem Körper des Raumvolumens 0 nicht unterscheidbar wäre. Die christlichen Gnostiker bekämen so doch noch gegen Paulus recht. Aber mittels einer mathematischen Überlegung läßt sich das Problem der Räumlichkeit des Himmels leicht lösen. Wie in einem dreidimensionalen Raum drei unendlich große Flächen existieren können, ohne einen einzigen gemeinsamen Punkt, das ist, wenn sie parallel zueinander existieren, so können in einem Hyperraum, mehr als drei Dimensionen enthaltend drei unendlich große Räume parallel existieren, ohne daß sie einen gemeinsamen Punkt haben.







































Sonntag, 13. April 2025

Ein sehr irritierendes Wort zur Krise der Kirche

 

Ein sehr irritierendes Wort zur Krise der Kirche



Jesus Christus,der sich selbst als die Wahrheit offenbart, sagt: „Jeder,der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh,18,37). Zu wem sagt er es? Zu Pontius Pilatus, der daraufhin nur mit der Gegenfrage: „Was ist Wahrheit“ zu reagieren weiß.Er hält diese Frage selbst für unbeantwortbar, er will aber an der Frage nach der Wahrheit festhalten. Es existieren viele,unendlich viele Aussagen, deren Wahrheitsgehalt verifizierbar ist, daß 2 plus 3 5 ist, daß Thomas Mann der Autor des „Doktor Faustus“ ist, daß der 30 Jährige Krieg 1618 anfing.Interessant ist dabei aber die Frage, woher wir das wissen, wie gewiß uns diese Aussagen wahre sind. Ein Zeitgenosse wird sagen, daß 2 plus 3 eine Selbstverständlichkeit sei und daß Thomas Mann der Autor dieses Romanes sei und dieser Krieg 1618 anfing, das wisse er, da er es im Internetlexikon: „Wikipedia“ nachgelesen habe. Man vertraut also anerkannten Autoritäten und wenn dann noch alle Autoritäten übereinstimmend den Wahrheitsgehalt einer bestimmten Aussage bestätigen, dann glaubt man das.Der Zeitgenosse weiß so viel, den geringsten Teil seines Wissens hat er durch sein eigenes selbstständiges Tuen hervorgebracht, er hält eben das für wahr, was alle für wahr halten und lehnt deshalb die Aussagen von Abweichlern für unwahr, weil sie eben das nicht für wahr halten, was alle für wahr halten.

Aber Jesus spricht hier von einer ganz anders gearteten Wahrheit. Im philosophischen Diskurs wird zwischen Aussagen, die daraufhin zu überprüfen sind, ob sie wahr sind und einer ontologischen Wahrheit, einer Dingwahrheit distinguiert. Ob etwas wahr ist, meint eben etwas anderes, als die Frage, ob eine Aussage über etwas wahr ist. Wer von dem „wahren Menschen“, der „wahren Liebe“, der uns frei machenden „Wahrheit“ spricht,meint damit nicht, daß er etwas Wahres über etwas sagt, sondern daß das, worauf sich diese Aussage bezieht, an sich selbst wahr ist.Der theologische Diskurs bestimmt so etwas als wahr, wenn es so ist, wie es nach Gottes Willen sein soll, wenn es also eine angemessene Realisation seiner Idee ist, wie Gott es gedacht hat.

Aber was bedeutet diese Aussage Jesu denn nun im Kontext dieses Verhöres des Pilatus, der da die Wahrheit über diesen Jesus von Nazareth heraus selbst erforschen will, skeptisch den jüdischen Anklagen gegen Jesus gegenüberstehend? Der Angeklagte, oder eigentlich der Unter-suchungsgegenstand der Wahrheitssuche des Pilatus sagt hier: „Du kannst nicht erkennen, daß ich selbst die Wahrheit bin, denn das könntest Du nur, wenn Du selbst aus der Wahrheit wärest!“ Dies selbst Ausderwahrheitsein ist für Jesus Christus somit die notwendige Voraussetzung dafür, daß er selbst als die Wahrheit erkennbar ist. Nicht von jedem Menschen gilt also, daß er selbst aus der Wahrheit ist.Dies widerstreitet dem modernen Menschenverständnis der Gleichheit aller Menschen, daß also entweder jeder Mensch so geartet ist oder keiner, aber nicht darf es wahr sein, daß die einen so sind und andere nicht so sind.Das Ausderwahrheitsein bedeutet hier das Vermögen, Jesus als die Wahrheit zu erkennen. Dieses Vermögen ist nun als eine Gabe Gottes zu verstehen, die er einigen gibt und anderen nicht. Jesus als die Wahrheit zu erkennen ist dem nach kein natürliches Vermögen des Menschen, zumindest des postlapsarischen sondern Gott selbst muß ihn dazu befähigen.Wer kein Deutsch kann, kann diesen hier geschriebenen Text nicht lesen und schon gar nicht verstehen, denn die Kenntnis des Deutschen ist die notwendige Voraussetzung des Lesenkönnens dieses Textes. So ist auch dies Ausderwahrheitsein die notwendige Voraussetzung des Erkennenkönnens Jesu1.

Eines muß dann aber mehr als irritieren: Warum wirft Jesus dann den Juden vor, daß sie ihn nicht als die Wahrheit erkennen? Dieser Vorwurf kann ja nur berechtigt erhoben werden, wenn sie ihn als die Wahrheit erkannt haben könnten. Jesus erteilt darauf die Antwort: Ihnen ist das Alte Testament gegeben, Moses und die Propheten und deswegen hätten sie ihn von da aus erkennen können. Faktisch haben aber nur die Juden Jesus als die Wahrheit erkannt, die Gott selbst dazu prädestiniert hat, lehrt das Johannesevangelium.

Ein Zumglaubenkommen ist so nicht einfach ein Vermögen des Menschen, Gott muß ihn dazu eigens befähigen. Der Diskurs über die abnehmende Relevanz der christlichen Religion, daß immer weniger gläubige Christen es auch in Deutschland gibt, wird aber so geführt, als läge es in dem Vermögen jedes Menschen, gläubig zu werden, daß es seine freie Entscheidung sei, zu glauben oder nicht zu glauben. Es gälte so nun nur darum, zu eruieren, warum so wenige sich positiv für den Glauben entschieden. Daran könne nun das Kirchenpersonal, die Weise des Anbietens des Glaubens oder die Gehalte der christlichen Religion schuld seien, sodaß hier ein Optimierunsbedarf bestünde. Das wäre aber nur wahr, wenn der Glaube das Ergebnis einer freien Entscheidung für ihn wäre, zu der im Prinzip jeder Mensch fähig wäre.Nicht alle Bereiche des Lebens sind marktwirtschaftlich organisierbar.



1Interpretierte man diese Aussage, der These R.Bultmanns folgend, daß das Johannesevangelium die ihm eigene Christologie in der Sprache der Gnosis, des gnostischen Erlösermythos ausormuliere, dann könnte das so interpreiert werden: Die Seele des Menschen ist direkt aus Gott und so aus der Wahrheit.In Jesus, der aus Gott ist, erkennt sie ihren wahren Ursprung und Jesus als den, der sie in den Ursprung zurückführen will. Dann wären aber nach Jesu Urteil nicht alle Seelen so aus Gott. Das Johannesvabgelium weist eine Gemeinsamkeit und Differenz zur Gnosis auf: Daß der Kosmos, die Welt ein Reich der Finsternis ist, in das die Wahrheit, der Erlöser hineingeht, um die Menschen aus ihr zurückzuführen, zu repatriiieren, ist eine gnostische Erlösungsvorstellung, denn dem griechischen Denken ist der Kosmos das gut und schön Geordnete, die Kosmetik leitet sich von dem Begriff des Kosmos ab und dem hebräischen ist die Welt die Schöpfung Gottes und kann so nicht Finsternis sein. Aber das Johannesevangelium bezeichnet den Kosmos als durch den Logos erschaffen und nicht wie die Gnosis durch einen bösen Demiurgen. Wie nun der gut geschaffene Kosmos zu einem Reich der Finsternis werden konnte, in den dann Jesus Christus als das Licht erscheinen konnte,um die gefallenen Menschen heimzuleuchten, das bleibt im Johannesprolog unreflektiert. Hier ist die Erzählung vom Fall der Engel und der Ursünde Adams und Evas einzutragen.

Donnerstag, 15. August 2024

Bedenkliches zu Mariä Himmelfahrt, zu ihrer leiblichen Aufnahme

 

Bedenkliches zu Mariä Himmelfahrt, zu ihrer leiblichen Aufnahme


Der Prophet Elia wurde von Gott entrückt: „Während sie miteinander gingen und redeten,erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander.Elia fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.“ (2.Könige 2,11) Nebenbei: Der UFO-Experte Erich Däniken interpetierte dies Geschehnis mal als eine Aufnahme durch ein außerirdisches Raumschiff! Aber diese skurrile Interpretation kann hier unberücksichtigt auf sich ruhend beiseiten gelegt werden, denn wesentlicher ist die Frage, wie sich denn diese Entrückung des Propheten und dann auch die des Hennoch zu der leiblichen Aufnahme Mariä verhält. Zumindest die Erzählung der Aufnahme des Propheten in den Himmel wird ja nicht durch den Leib-Seele-Dualismus plausibiliert, daß die Seele des Propheten in den Himmel aufgenommen worden sei, wohingegen sein Leib auf der Erde blieb. Dabei ist zu berückichtigen, daß die alttestamentlichen Aussagen über das Beerdigtwerden und die über Weiterexistenz der Toten in der Unterwelt nur miteinander kompatibel erklärbar sind, wenn gesagt wird: Der Leib wird in die Erde begraben und die Seele gelangt dann in die Unterwelt, den Hades. Also muß diesen 2 Vorstellungen ein Leib-Seele Dualismus zugrunde liegen.

Nun besagt aber das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariä, daß sie als eine Einheit von Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist, nicht aber inkludiert dies Dogma, daß die Mutter Gottes erst gestorben wäre, d.i daß die Seele sich vom Leibe getrennt hätte und daß dann diese Trennung wieder aufgehoben worden wäre, wie sie daraufhin leiblich und nicht nur als Seele in den Himmel aufgenommen worden wäre. Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß so wie der Prophet Elia ohne zu sterben in den Himmel auffuhr auch sie ohne zu sterben in den Himmel aufgefahren ist.

Die Kritiker des Apostelfürten Paulus lehnten die Vorstellung einer leiblichen Auferstehung zu einem ewigen Leben ab mit dem Argument, daß ein menschlicher Leib, wenn er zu einem neuen Leben aus dem Tode erweckt werden würde, wieder sterben müßte, denn zum Begriff der Leiblichkeit gehöre notwendig sein Sterbenmüssen dazu. Es erginge dann uns wie dem vom Tode erweckt gewordenen Lazarus, der dann erweckt doch wieder sterben haben gemußt. Paulus konzipiert deshalb im 1.Korinther 15 und im 2.Korinther 5 eine Konzeption der Leiblichkeit, die nicht dem Schicksal des Sterbenmüssens unterliegt: den neuen verklärten unsterblichen Leib des Menschen.

Teilte man diese paulinische Konzeption, müßte gedacht werden, daß sowohl der Leib des Propheten Elia als auch der der Mutter Gottes verwandelt worden sind, damit sie auch leiblich ewig leben können. Nun gehört aber zur Leiblichkeit notwendig ihre Dreidimensionalität. Es sei an Descartes Unterscheidung von der res cogitans, der Seele also und der res extensa, des Leibes also erinnert. Lebte der Mensch nur als Seele ewiglich, könnte der Himmel unräumlich gedacht werden, den der Seele kommt keine räumliche Ausdehnung zu. Wenn der Mensch aber leiblich ewig lebt, muß der Himmel selbst auch dreidimensional gedacht werden, denn sonst könnte in ihm nichts Dreidimensionales, also der menschliche Leib existieren. Denn auch der verklärte verwandelte Leib muß ja als ein dreidimensionaler gedacht werden, sonst wäre er kein Leib. Der Himmel als etwas von Gott Differentes, als ein von ihm Erschaffendes muß also selbst ein dreidimensional Strukturiertes sein, damit dann da, wo Gott beheimatet ist, auch die Menschen lebendig sein können. Wer eine Dreidimensionalität nicht akzeptieren will, der muß dann doch nachträglich den gnostischen Kritikern des Paulus rechtgeben, daß das ewige Leben nur als eines der Seele denkbar ist.

Aber damit stehen wir vor einem noch gößeren Problem: Wie kann der Mensch als Seele-Leib-Einheit lebend gedacht werden ohne die 4.Dimension der Zeit? Würde die Ewigkeit als die Zeitlosigkeit konsequent zu Ende gedacht,müßte eingeräumt werden, daß dies postmortale Leben nicht von einem Todsein unterscheidbar sei. Als Katholiken vertrauen wir darauf, daß unsere himmlische Mutter unsere Gebete an sie gerichtet hört und auch erhören kann und will.Wie sollte Maria aber ein Gebet hören und dann gar erhören können, wenn sie nicht zeitlich lebte, daß ihr eine Zeit zum Hören zu eigen ist und eine Zeit zum Reagieren auf das gehörte Gebet? Wäre ihr ewiges Leben das einer puren Zeitlosigkeit dann kann sie genaugenommen weder hören noch erhören, denn diese 2 Aktivitäten verlangen eine Zeit als den Ermöglichungsgrund dieser Aktivitäten, zumal schon das Leben des Leibes Zeitlichkeit verlangt für die vielfältigen Körpertätigkeiten. Man versuche sich doch bitte ein schlagendes Herz in einer ewigen Zeitlosigkeit vorzustellen!

Aber wir glauben doch an eine lebendige Himmelsmutter, die nur als lebendige unsere Mutter sein kann. Dazu wäre dann es notwendig, die Differenz von Gott und dem von ihm erschaffenden Himmel zu bedenken, daß der wirklich vierdimensional strukturiert sein kann als räumlicher und als zeitlicher. Aber im philosophischen wie dann auch in dem ihm folgenden theologischen Diskurs dominiert die Vorstellung, daß die Ewigkeit Zeitlosigkeit bedeutet. Nur, wie ist unter dieser Condition Maria noch als unsere lebende Mutter zu denken? 

Auch wenn man nun angesichts dieser Probleme zu einer platonischen  Lösung sich zurückwandte, eine den gnostischen Kritikern des Pulus vergleichbare, stände das theologische Denken vor dem Problem, wie denn eine lebendige Beziehung der Seele zu Gott zu denken sei ohne Zeit.  

Zu beachten ist aber, daß das Besondere der Aufnahme Mariae in den Himmel, ihre leibliche nur erfaßt werden kann in dem Kontrast zur Vorstellung der Trennung der Seele vom Leib und des Aufstieges der Seele zu Gott. Aber das gilt so auch schon für den Propheten Elia.











Dienstag, 25. Januar 2022

In der Welt-aber nicht von ihr: über die Lage des Menschen und der Kirche


Peter Sloterdijk zitiert in seinem Essay zur Gnosis als Hinführung zu ihr einen der bedeutendsten jüdischen Theologen Philo von Alexandria: „Denn jeder von uns ist in diese Welt gekommen wie in eine fremde Stadt,an der wir vor unserer Geburt keinen Anteil hatten, und in dieser Stadt hält er sich wie ein Gast auf, bis er die ihm zugemmessene Lebensspanne erschöpft hat.“ Sloterdijk, Die wahre Irrlehre: Gnosis, in: ders, Nach Gott, 2017, S.78. Der Mensch ist so zwar in der Welt, aber nicht von ihr. Gnosis als Erlösungskomzept bedeute dann, daß das Unglück der Seele sein Vergessen seines nichtiridischen Ursprunges wäre, das durch die Erkenntnis ihres Wohers erlöst werden kann als Rückbesinnung ihrer Heimat als Rückkehr zu ihr. Diese Selbsterkenntnis zu vermitteln ist nun die Aufgabe des Erlösers, der aus der wahren Heimat in die Welt gekommen, den Seelen so ihre Selbsterkenntnis vermittelt.

Aber genau genommen ist dies noch keine Gnosis. Diese Vorstellung wird erst zu einer rein gnostischen, wenn die Schöpfung der Welt und des Menschen schon als der Fall der Schöpfung und des Menschen verstanden werden und nicht christlich zwischen der Schöpfung des Menschen und seines Sündenfalles unterschieden wird. Denn so kann die Welt als die gute Schöpfung Gottes expliziert werden, die erst durch die Sünde und die Strafe Gottes dann depraviert wurde. Wird aber dieser Mythos vom Sündenfall gestrichen und wird so die Schöpfung selbst schon zum Fall, kann auch Gott selbst nicht mehr als der Schöpfer zu stehen kommen. Es wird somit distinguiert zwischen dem Schöpfergott, einem Demiurgen und dem Erlösergott. Nun bräuchte es eigentlich noch einer mythologischen Erzählung, wie es kam, daß die Seele in die Welt gefallen ist, wie sie ihr wahres Sein verkennt, sich also als ein Element in und von der Welt mißversteht und so entfremdet von sich selbst existiert.

So entstünde die Möglichkeit der Unterscheidung von In- und von der Welt Sein. Dies Vermögen erscheint nun Sloterdijk eigentlich als nur eine Möglichkeit des gnostischen Denkens und so verkennt er, daß diese Differenz schon Philo von Alexandria und dann ihm folgend etwa von der johanneischen Theologie (das Johannesevagelium und die Briefe) gezogen werden konnte.

Was bedeutet es aber, wenn der Mensch sein Sein verkennt, indem er sich nur noch als ein Element der Welt versteht? Er wird dadurch zu einem Gefangenen der Welt, das ist seine Entfremdung von sich selbst.

Kann für diesen recht spekulativ anmutenden Gedanken es in der Bibel selbst eine Fundierung geben, oder sollte hier einfach von einer philosophischen Verfremdung des biblischen Menschenverständnisses gesprochen werden, so als stünde zumindest das Alte Testament Nietzsches Parole der Treue zur Erde näher als solche weltflüchtigen Vorstellungen? Es soll sich deshalb auf einen Zentralbegriff des Alten Testamentes, dem des Exiles kapriziert werden. Das jüdische Volk vertrieben aus seiner Heimat lebte in der „Babylonischen Gefangenschft“ . Dies Exil wurde nun theologisch begriffen als die Strafe Gottes für das Sündigen des Volkes. Nicht ob einer militärischen Niederlage wurde das Volk aus seiner Heimat vertrieben, sondern Gott nahm seine diesem Volke gegebene Verheißug zurück, er verließ sein Volk und bestrafte es durch seine Exilierung. Im Exil konnte nun das Volk nie recht heimisch werden, weil nur in Jerusalem, im jerusalemer Tempel es seinen Gott verehren durfte. Im Exil zu leben, hieß so, nicht nur fern von der Heimat zu sein, sondern auch fern von Gott zu sein. Der Mythos vom Sündenfall radicalisiert nun diese Exilstheologie: Adam und Eva lebten in ihrer Heimat, bis daß Gott sie ob ihres Sündenfalles exilierte. Jetzt wird die ganze Welt für den exilierten Menschen zu einer „Babylonischen Gefangenschaft“. Darum heißt es im „Salve Regina“ so brillant die Lage des exilierten Menschen treffend: Ad te clamamus exsules filii Evae= Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas.“

Diese theologische Existenzerhellung ist somit kein Sondergut der Gnosis sondern gehört konstitutiv zum Menschenverständnis der Bibel. Das Bedrohliche ist nun die Möglichkeit des Menschen, seine Lage mißzudeuten und sich als Element der Welt, als eine Hervorbringung der Natur zu verstehen.

Wie die Existenz des Menschen die nun eines In- aber nicht von der Welt Seins ist, die er aber mißverstehen kann, sodaß er der Welt verfällt, so kann auch die Existenz der Kirche, die ebenso in der Welt aber nicht von ihr ihr Sein hat, mißverstanden werden, wenn sie sich auch nur noch rein weltlich versteht. Es gibt nun einen klar einsehbaren Zusammenhang zwischen der Möglichkeit des Menschen, sich verweltlichend mißzuverstehen und der Möglichkeit, die Kirche ebenso mißzuverstehen: Wenn der Mensch nur noch als etwas rein Weltliches sich mißversteht, dann wird er so auch die Kirche mißverstehen. Die Trias: Gott-Seele- Welt bestimmt das Existensverständnis des Christen. Durch seine Gottesbeziehung wird er stablilisiert der Welt gegenüber, die so ihm auch zum Material seines Gestaltens wird. Verliert er diese jenseitge Stabilisierung entfremdet er sich zu einem Element der Welt, die nun ihn hervorbringt und gestaltet. Der Verlust der Seele, daß seine Psyche nur noch etwas rein biologisch natürlich Erklärbares sein soll, entmenscht dann den Menschen vollends. Er will nur noch eine besondere Organisationsform der Materie sein, so das Credo jeder materialistisch-biologistischen Philosophie.

Was wird dann aus der Kirche, wenn sie nur noch ein weltlich Ding sein soll und sein will? Die Umformung der Kirche von einer in aber nicht von der Welt zu einer auch von der Welt zur bloßen „Weltkirche“ erleiden wir in der nachkonzilaren Zeit. Der „Synodale Irrweg“ stellt da neben der marxistischen Befreiungstheologie sicher den Tiefpunkt dieses Selbstentfremdungsprozesses dar. Aber diesem Fall der Kirche ging eben der Fall des Menschen voraus, der nicht mehr wissen will, was er ist, ein Exilierter in der Fremde, wie es schon so treffend Philo von Alexandria zum Ausdruck zu bringen wußte.

 

Sonntag, 8. März 2020

Warum der Mensch so viel leidet auf Erden ein unkonventioneller Gedanke zur Passion

Wo steht das geschrieben: „Wir leben nur um der Vollendung unserer Seelen willen“? Gustav Meyrink, Der weiße Dominikaner, 3.Kapitel, Die Wanderung.Weiteres zur Seelenlehre: „Glauben Sie,daß sich seine Seele zu solchem Zweck den komplizierten Apparat, Menschenleib genannt, geschaffen hat? Mit dem hier in Frage gestelltem Zweck des Lebens ist gemeint, einer Arbeit nachzugehen, eine Familie zu gründen, krank zu werden, um dann zu sterben. Dazu wäre die Seele doch wohl nicht ins Leben getreten!
Zuvörderst ist „Der weiße Dominikaner“ ein gut geschriebener Roman, einer der den Leser die Seiten verschlingen läßt bei der Erstlektüre, der aber beim wiederholten Lesen erst seine vielen Schätze offenbart, die zum Innehalten und Durchdenken des Gelesenen einladen.
Auch der Leser wird in diesem Roman so angefragt: „Würdest du das Kreuz auf dich nehmen,heute nacht zu träumen, so deutlich als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre Dasein beispielloser Armut durchlebst,wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe,du fähndest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen Sack voll Gold vor deiner Tür!“ Diese Frage wird wohl nicht fehlinterpretiert, wenn hier mit dem nächtlichen Träumen das Erdenleben gemeint ist, sodaß das Erwachen den Punkt benennt, in der die Erkenntnis sich ereignet, das bisherige Leben als Traum geführt zu haben, nun aber aus diesem Lebenstraum erwacht sich erst in der Wirklichkeit zu befinden, in ihr angekommen zu sein. Ist damit der Tod gemeintund das Wachsein das Leben nach dem Gestorbensein, oder kann die Seele schon auf Erden dieses Erwachen erleben? Der Roman als ganzes legt die Antwort nahe, daß dies Erwachen prämortal das Ziel der Bildungsgeschichte der Seele ist.
Aber ersteinmal dominiert eine andere Frage diese Anfrage an den Leser: Warum ist dein Leben, so wie es ist? Das ganze Leben wird dabei als ein Kreuzweg, als eine Passion empfunden. Aber nicht, daß nun eine dunkle Schicksalsmacht dies Kreuz der Seele auferlegt hätte, sondern daß sie sich diesen Kreuzweg selbst erwählt hat. Das Kreuzschicksal wird so zu einem Selbstbestimmungsakt. Eines bleibt dabei aber im Dunkeln: Warum kann die Seele das positive Ziel nur über den Kreuzweg erreichen? Dabei ist zu betonen, daß die Seele diese Passion zwar nur träumt, sie ihm aber wie ein wirkliches Leben vorkommt, sodaß nun doch das Erleiden des Kreuzes auch relativiert wird, denn das war eigentlich nur ein einziger Albtraum.
Um welches Zieles willen nimmt nun die Seele diesen Passionsweg auf sich? Nicht um eines Sackes voll Gold, sondern: Nach der Aufforderung, sein Lebensschicksal nicht zu beklagen heißt es: „Weißt du denn, ob du diesen- wenn`s hoch komm nur siebzigjährigen -qualvollen Traum, Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Geldes beim Erwachen zu finden?“ Diese Frage soll der Leser selbstverständlich bejahen und indem er hier Ja sagt, soll ihm sein Passionsleben begreiflich werden in der Erkenntnis, dies Leben selbst erwählt zu haben und daß es nur ein (Alb)Traum ist, der sich in dieser Erkenntnis schon lichtet. Das darf wohl als ein Kerngedanke der Gnosis bezeichnet werden, den hier der Autor in eine attraktive Neufassung zur Sprache bringt: Erlösung der Seele durch die Erkenntnis. Modern und damit nichtgnostisch ist nun die Pädagogisierung, daß der Fall der Seele in die Fremde, aus der die Seele sich wieder befreien will, um zu ihrer Heimat zurückzukehren, zu einer Bildungsvita umgedeutet wird: Die Seele absolviert auf Erden ihre Lehrjahre, um ausgebildet dann das Erdenausbildungsprogramm erfolgreich abgeschlossen verlassen zu können.
Das Leben der Seele im Körper, im Fleische wird dann aber auch- ganz im Geiste der Gnosis- so begriffen: „Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts anderes, als daß er lebendig begraben wird.“ Das Kreuz, daß die Seele also auf sich nimmt, ist das Leben im menschlichen Körper auf der Erde, aber sie nimmt das Kreuz nur auf sich, weil nur so sie ihr Selbstbildungsprogramm realisieren kann,das ist dann eine antignostische typisch moderne Vorstellung vom Leben als eines Bildungsauftrages: Der Mensch lebt, um sich zu bilden; damit ist aber gerade nicht eine Ausbildung zu etwas gemeint, sondern humanistisch die Herausbildung zu einem bestimmten Menschsein, zu einer Persönlichkeit. Daß dieser Ausbildungsweg aber als ein Kreuzweg, eine Passion erfaßt wird, zeigt dann an, wie weit dies Konzept schon entfernt ist von den Anfängen des humanistischen Projektes der Selbstaufklärung des Menschen (Kant) und seiner Selbstoptimierung durch bürgerliche Bildungskonzepte. Der Lehrweg ist der des Kreuzes und damit wird dies Konzept auch wieder christlich. Die christliche Religion und die Gnosis, ungefähr zeitgleich entstanden, standen und stehen sich viel näher als der entschiedend geführte Kampf der Kirche gegen die Gnosis erahnen läßt. Man stritt sich, weil man sich so nahe stand.
Meyrinks Roman ruft so die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen in Erinnerung, und versucht die mit der modernen Idee der Selbstbestimmung in Einklang zu bringen, indem nun der Stand der Erlösungsbedürftigkeit, des Aufwachens aus dem Albtraum des Erdenlebens selbst als das Resultat freier Selbstbestimmung gedeutet wird, daß die Seele diesen Weg so gewollt hat. Diese Vorstellung knüpft offenkundig an die christologische an, daß der Sohn Gottes selbst Mensch werden wollte, um durch seinen Passionsweg, anfangend bei der Geburt bis zu seinem Kreuzestod das Erlösungwerk zu vollbringen. Nur durch das Kreuz hindurch ist die Erlösung möglich.
Gustav Meyrinks Romane sind eben viel mehr als gut geschriebene Unterhaltung!

Donnerstag, 31. Mai 2018

Das Johanneische Christentum- eine Umwertung aller Werte

"In der Welt, aber nicht von der Welt", das sei die neue Lokalisatinsformel des Menschen in der johaneischen Theologie, die selbst auf eine gnostische Umwertung aller bisherigen Werte aufbaue, urteilt P. Sloterdijk in seinem Essay:"Die wahre Irrlehre:Die Gnosis", in: ders: "Nach Gott, 2017, S.77. Damit stimmt dieser Philosoph der bultmannschen Deutung des Johannesevangeliums zu, daß dies Evangelium nur von der Gnosis her verstehbar sei- eine These, die Bultmann in seinem immer noch sehr lesenswerten Kommentar zum Johannesevanglium überzeugend praktiziert. 
Was ist dann diese Umkehrwende?Es ist die Entheimatung des Menschen aus dem Reich der Natur, des Kosmos, wie es das griechische Denken entfaltete indem der Mensch zur Weltfremdheit sich bekannte, daß er ist, wo er nicht hingehört, weil er zwar in der Welt, aber nicht von der Welt ist. Die menschliche Entfremdung ist seine Verweltlichung, daß er sich als Teil, sicher als besonderer Teil der wohlgeordneten Welt ver-steht ("ver" hier wie bei dem Verb: ver-kochen gebraucht), der aus der Ordnung des Natürlichen erkennt, wie auch er zu leben hat:Das Natürliche ist auch ihm das Normative. Das Eigentliche des Menschen verkennt sich aber so, daß er nicht aus der Welt ist, und daß seine Ursprungheimat das ihm Normative ist. Das ist die Umwertung aller natürlichen Werte durch die Ausrichtung auf das Jenseits der Welt, daß der Mensch sich von "Oben" bestimmen läßt.
Die durch den Sohn Gottes gewirkte Erlösung ist so die Befreiung von der menschlichen Weltverfallenheit durch eine neue Rückerinnerung an seine wahre Heimat. Das "Salve Regina" drückt diesen Kerngedanken der Weltfremdheit des Menschen ja durch den Begriff des Exiles aus: Wir sind die verbannten Kinder Evas, die aus dem Paradies Herausgefallenden. Erlösung ist sozusagen die Repatriierung des Menschen. 
Die Existenz des so Erlösten ist dann sein Sein in der Welt als Menschen, die nicht von der Welt sind. 
Nietzsches Umwertung aller Werte ist somit ein nostalgisches Zurück zu dem griechichen in der Welt Sein, weil das die Heimat des Menschen ist; er renaturalisiert sich unter dem Banner der Treue zur Erde-Nietzsche. Das Revolutionäre ist dagegen das gnostisch-christliche Programm der Entweltlichung der menschlichen Existenz. Das paulinische als ob nicht als die Form des In der Weltseins des Chhristen subsumiert Sloterdijk dann auch unter das gnostisch inspierierte Christentum. Als Gegenpol sieht er dann- sehr protestantisch- die Kirche seit ihrer Verweltlichung durch das Thron- und Altarbündnis seit Kaiser Konstatin und dessen Theologen: Eusebius von Caesarea (S.84).  
Der Mensch versteht sich so in dieser Revolution als: Seele, die der Welt gegenübersteht, sie als seine Umwelt begreift, aus der heraus sie sich aber selbst nicht begreifen kann. Die Welt wird der Seele so zu dieser Welt- die Welt wird zu etwas Negierbarem,weil es für die Seele die wahre Heimat gibt, die nicht diese Welt ist. 
Lange wird man suchen müssen, um in der aktuellen Diskussion um das Spezifische des Johannesevangeliums und der Briefe so Erhellendes zu finden. Leider erschwert der zeitgeistgemäße Philosemitismus mit seinem Dogma, alles Urchristliche sei  etwas rein Jüdisches die Erforschung des Urchristentumes, denn dies Dogma verbietet eben die Vorstellung, daß im Urchristentum es eine kritisch-konstruktive Rezeption gnostischer Grundvorstellungen gegeben haben könnte. Aber so kann der Grundzug der Entweltlichung des Urchristentumes nicht mehr begriffen werden, denn dies Existenzverständnis ist nicht jüdisch. Es hat eher seine Heimat im Zwei-Welten-Dualismus des Platonismus, die als die Heimatphilosophie der christlichen Theologie anzusehen ist. 
Mit Nietzsche und mit Karl Marx setzte dann die Konterrevolution ein: Der Mensch vernaturalisierte sich und verlor dabei als erstes seine Seele, um nur noch ganz weltlich sein zu wollen. Die Katholische Lehre vom Menschen, daß er seinen Körper dem menschlichen Gechlechtsakt, seine Seele aber Gott  verdankt, der die Seele in den menschlichen Körper inkarniert, bringt ja gerade diese Weltfremdheit des Menschen zum Ausdruck, dann aber in Absetzung zur Gnosis den Körper als Medium der Seele zur Gestaltung der Welt zu seiner Exilsheimat, in der er heimisch lebt, ohne je zu vergessen, daß die Welt für ihn nur etwas Vorläufiges ist, eine Ersatzheimat.