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Donnerstag, 30. Juni 2022

Spurensuche: Das Phänomen der Selbstsäkularisierung der Kirche

Spurensuche: Das Phänomen der Selbstsäkularisierung der Kirche


Daß die anvisierten „Kirchenreformen“, würden sie, wie sie jetzt in Deutschland diskutiert werden, vollständig umgesetzt, die hiesige Kirche in eine protestantische Religionsgemeinschaft verwandeln würde, ist so offenkundig, daß selbst der Papst anfrug, wozu es denn in Deutschland neben der EKD noch eine zweite protestantische Kirche geben solle. Aber die Kaprizierung auf die Frage, verprotestantisiere sich so die Katholische Kirche Deutschlands verstellt den Blick dafür, daß die Substanz der Kirche durch die Tendenz der Selbstsäkularisation noch viel grundsätzlicher angegriffen wird.

Ein Extrembeispiel führt der Artikel: „Jesuitenpater sieht katholische Kirche am Kipp-Punkt“. (Kath de am 27.6.2022)

Der Jesuitenpater definiert die Katholische da so: „dass unterschiedlichste Leute in Anerkennung ihrer Verschiedenheit im Dialog zusammenkommen und gemeinsam versuchen aus der Welt eine Welt für alle zu machen.“ Die Kirche sei für die Menschen da, habe ihnen Hoffnung zu geben und solle sich für Gerechtigkeit einsetzen. Was auffallen muß: Nichts irgendwie Religiöses oder gar Christliches findet sich hier wieder. Radicaler kann die Selbstsäkularisierung nicht betrieben werden. Was tritt hier an die Stelle der christlichen Religion? Der Auftrag zur Humanisierung der Welt. Die „Anerkennung der Verschiedenheit“ ist dabei die Lieblingsparole der „Sexuellen Revolution“ in der Epoche der Postmoderne: Jede sexuelle Orientierung soll anerkannt und die natürliche Zweigeschlechtigkeit des Menschen, daß er Frau oder Mann sei, reprobiert werden. Dazu gehört dann auch, daß alle Möglichkeiten der Ausgestaltung der Sexualität bejaht werden. Nun könnte der Text aber auch so gelesen werden, als meinte er, daß jeder, egal welche politische Option er für das Projekt der Weltgestaltung vertritt, mitdialogisieren könne und solle, um „eine Welt für alle“ zu kreieren.Das ist sicher so nicht gemeint: Die Zielvorgabe der einen Welt schließt schon alle Globalisierungskritiker aus. Nur Befürworter der Einen-Welt-Ideologie sind für diesen Dialog zugelassen. Außenpolitisch sind da die zwei großen Gegner der Globalisierung zu benennen: China und Rußland und innenpolitisch die „Popularisten“, die „Rechten“, die „Nationalisten“...Pragmatischer formuliert: nur die politisch Korrekten. (So soll es auf dem „Synodalen Weg“ eine übliche Praxis gewesen sein, sobald ein als conservativ Geltender das Wort ergreifen wollte, ihm die „Rote Karte“ gezeigt wird, bevor er noch ein Wort sprach: Deine Rede ist hier unerwünscht! Diese Unterscheidung von zum Dialog Dazu- und Nichtdazugehörigen und Dazu- und Nichtdazusagbarem gehört nun aber konstitutiv zur Ordnung der Diskurse dazu, wie M. Foucault fundiert darlegt. Somit ist dieser Dialog ein Diskurs im Sinne Foucaults. Diese Praxis des Ausgrenzens ist jedem vertraut, der die Parole der Buntheit und Vielheit kennt, mit der alles Conservative und Rechte dann ausgeschlossen und nur noch Rot-Grün und die Homosexfahne erlaubt wird.

Eine Welt für alle“, das ist nun nicht irgendein Weltbeglückungsprogramm, sondern das der Überwindung aller Differenzen hin zu einer uniformierten Einheitswelt: die „neue Weltordnung“ ist damit gemeint, eine Welt ohne Geschlechter- Völker- und Rassendifferenzen, in der es nach John Lennons Traum („Imagine“) keine Religion und keine Nationen und keine Grenzen mehr gibt, sondern nur noch ein in sich undifferenziertes Einerlei. Dazu paßt es eben, daß schon in der Kirche die Religion keine Rolle meh

Aber für was für einen Menschentyp soll denn nun diese neue Gerechtigkeitswelt errichtet werden. Was wird dabei dann unter dem Begriff der Gerechtigkeit verstanden? Sicher nicht, daß jeder das ihm Zustehende bekommt: Jedem das Seine!, ein Gerechtigkeitsverständnis, daß ja heute als nationalsozialistisches verteufelt wird, sondern eher, daß jeder das Gleiche bekommt. Alle Menschen seien gleich, darum sollen auch alle das Gleiche bekommen. Was kann denn dann die staatliche Politik an alle Bürger gleichmäßig ver- und zuteilen? Materielle Güter, vom Essen über die Kleidung bis zum Wohnraum, aber auch alle möglichen Konsumgüter. Gerecht geht es also zu in der Welt, wenn jeder auf ihr die Güter und auch Konsumgüter hat, die er haben will und er so keinen materiellen Einschränkungen unterworfen ist. Der Konsummensch ist so der Adressat dieses Eine-Welt-Projektes, dem zugerufen wird, daß solange Menschen auf der Erde auf etwas verzichten müssen, sie ein Unrecht erleiden. Dieser Konsummensch ist so ein Mensch ohne religiöse oder metaphysische Bedürfnisse, einen Sinn in seinem Leben zu haben, weil ihm das Leben als der Ermöglichungsgrund zum Konsumieren reicht. Und wenn er doch mal religiöse Bedürfnisse haben sollte, dann gibt es dafür Religionsdienstleistungsanbieter.

Diesen Menschentyp konstruiert sich der politische Diskurs selbst, der ihn als sein angemessenes Objekt des politischen Handelns braucht. Mit solch einem Menschentyp läßt sich eben die „Neue Weltordnung“ erschaffen. Nietzsche beschreibt diesen Typ als den des „letzten Menschen“. Dieser kann streng genommen kein religiöser Mensch mehr sein, er ist reduziert auf seine Wirtschaftsfunktion als Produzent und Konsument von Waren. Gerechtigkeit kann dann für diesen Typus nur noch heißen, daß jeder Mensch, wenig arbeitend alles wie alle anderen konsumieren kann.

Was bleibt dann für die Kirche noch übrig? Nichts, außer daß auch sie einstimmt in den großen Aufruf: Schaffet die zum „letzten Menschen“ passende Welt, denn die wird eine des Friedens und der Gerechtigkeit, in der es Alles für Alle gibt.

Das wäre die radicalste Version der Selbstsäkularisierung der Kirche. So radical ist man doch aber nicht in Deutschen Landen. In der Kirche wird doch noch von Gott und Jesus geredet, selbst der Hl. Geist taucht ab und zu auf. Der reformierte Theologe Karl Barth riet einmal zur Überprüfung, ob ein Text wirklich christlich sei, aus ihm Gott, Jesus Christus etc zu streichen, um dann zu untersuchen, ob der Gehalt des Textes sich ändere. Zur Veranschaulichung: Die Aussage: Jesus sagt, es sei gut, aufeinander Rücksicht zu nehmen, behält ihren Wahrheitswert, wenn ich das: „Jesus sagt“ streiche. In wie vielen Texten des katholischen Verbandslebens könnte man so Gott, Jesus Christus... streichen, ohne daß die Texte dadurch an Gehalt verlören. Es drängt sich eben der Verdacht auf, daß der Grad der Selbstsäkularisierung dadurch verschleiert wird, daß rein säkularistische Texte noch mit christlichem Dekor verziert werden. Sinnfällig wird das besonders bei bischöflichen Stellungnahmen, die sich kaum in irgendetwas noch von den Regierungserklärungen zu der Sache unterscheiden.




 

Montag, 14. September 2020

Auf den Spuren des "letzten Menschen"- Das "ökonomische Zeitalter"

Eine Skizze des Menschen im „ökonomischen Zeitalter“ unterbreitete 1934 Werner Sombart in seinem Werk: „Deutscher Sozialismus“, die heute noch genauso aktuell ist wie damals, denn die Skizze trifft etwas Wesentliches,daß der Mensch sich verändert hat, seit dem er in die Epoche des „ökonomischen Zeitalters“ eingetreten ist.

Der schwerste Schlag,der den Menschen treffen konnte, war die Zerstörung seines Gottglaubens.“ (S.32). Er löste so sein Dasein von allen transzendenten Beziehungen. Überhaupt ist diese Epoche bestimmt als eine der Auflösungen einstiger Einbindungen des Menschen. Er lebt jetzt getrennt von der Natur, er lebt ein „künstliches Leben“. (S.32). Sein Gemeinschaftsleben löst sich auf: „Immer sieht sich der Einzelne anderen Einzelnen gegenüber“. (S.33). Der homo oeconomicus ist eben per Definition ein Einzelner, der nur noch in Verkaufsvertragsbeziehungen sich zu Anderen verhält, wäre hier zu ergänzen. Sein wichtigstes Anliegen ist der „Komfortismus“ (S.35), das Leben zu bequem wie möglich zu gestalten.

Man mag diese Skizze als zu oberflächlich, in sich nicht differenziert genug beurteilen, aber doch kann nicht abgestritten werden, daß so Trend des heutigen Menschen erfaßt wird. Der „Materialismus“ (S.34) sei so die den Menschen des „ökonomischen Zeitalters“ bestimmende Grundhaltung. Diese Epoche mache so den Menschen zum „Sklaven“ seiner Bedürfnisse (S.34), er hätte auch schreiben können, zu einer Funktion der Ökonomie als Warenproduzent und Warenkonsument.Die „Religion“ dieses Zeitalters könnte zusammengefaßt werden in der Hoffnung, daß alles, was befriedigen oder gar glücklich machen kann, als Konsumgut produzierbar und genießbar ist. Es ginge jetzt nur noch darum, daß alles hinreichend genug produziert wird, damit so das größtmögliche Glück von so viel wie möglichen Menschen erwirkt werden kann.

Hat sich die Kirche nicht dem schon längst angeschlossen, indem sie nun unter der Parole der Gerechtigkeit sich engagiert, diesen Zustand der Vollversorgung aller mit ausreichenden Konsumwaren zu fördern? Meint sie so, dem heutigen Menschen zu dienen? Aber wo bleiben da die metaphysisch-religiösen Bedürfnisse des Menschen- diesem homo oeconomicus des „ökonomischen Zeitalters“ müßte doch etwas fehlen? Sombart sieht das so: Für diesen Menschen hat das Leben seinen Sinn verloren (S.32), sein Leben sei Oede und Leere“, (S.33), das durch „Vereinzelung und Vereinsamung“ (S.33) geprägt sei. So lebte der Mensch nach Sombart 1934 und so lebt er jetzt immer noch. Hat der Mensch sich in dieser Epoche so verändert, daß dies Leben so ihm als das natürliche erscheint, das es so gilt, so es zu bejahen?

Wikipedia (Der letzte Mensch, Nietzsche): „Zarathustra beschreibt den letzten Menschen als eine Daseinsform, der alles zu beschwerlich geworden ist, was über die direkte Bedürfnisbefriedigung und die Sicherung des eigenen Komforts hinausgeht:„Sie [d. h. die letzten Menschen] haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme, Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher.[…]
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.“

Das Leben des letzten Menschen ist pazifistisch, komfortabel und dekadent. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Herrscher und Beherrschten, stark und schwach, Überlegenheit und Mittelmaß. Soziale Konflikte und Herausforderungen werden vermieden. Individualität und Kreativität werden unterdrückt.“

Bestätigt so Sombart im Wesentlichen das von Nietzsche Vorausgesagte? Ja, muß man sagen. Somit bestätigt sich wieder einmal, daß dieser Philosoph nicht der Vergangenheit angehört, sondern daß jetzt seine Zeit ist.



 

Mittwoch, 23. Januar 2019

Der Mensch der Zukunft oder der schon jetzige - Lesefrüchte

"Jede Zeit, die für etwas anderes verwendet wird, als zu konsumieren oder Konsumgüter zu scheffeln, wird als vergeudet gelten."
"Je einsamer der Mensch sein wird, desto mehr wird er  konsumieren und desto mehr wird er sich vergnügen, um seine Einsamkeit zu übertünchen. Eine -wenigstens scheinbar- ständig zunehmende individuelle Freiheit wird in wachsendem Umfang dazu führen, daß sich jeder für sein persönliches, berufliches  und privates Leben selbst verantwortlich fühlen und sich scheinbar von nichts anderem leiten lassen wird als von seinen eigenen Launen sowie von den Normen, welche die Bedingungen seines eigenen Überlebens festlegen."
"Der Mensch wird den anderen nur noch als Werkzeug seines eigenen Glücks sehen, als Mittel, um sich Vergnügen oder Geld oder beides zugleich zu beschaffen. Niemand wird noch auf den Gedanken verfallen, sich um  andere zu kümmern: Warum soll man denn teilen, wenn es zu kämpfen gilt? Warum soll man etwas gemeinsam mit anderen unternehmen, wenn diese doch Konkurrenten sind?"
"Jede kollektive Akion- und darum auch jede politische Veränderung - wird aus diesem Grund undenkbar scheinen. Die Einsamkeit beginnt schon in der Kindheit. Niemand wird Eltern, seien es nun biologische oder Adoptiveltern, noch dazu zwingen können, ihre Kinder lange genug zu achten und zu lieben, um sie aufzuziehen." Vincent Reynouards Utopie des zukünftigen Menschen. (zitiert nach: J.Graf, Der geplante Volkstod, 2016,S.86.) 
 Dies ist wirklich als positive Zukunft von dem Autoren gemeint: So soll es werden! Diese Utopie ist eben die Frucht eines radical zu Ende gedachten Liberalismus, der alles Gemeinschaftliche, isb die Ordnung der Familie und des Volkes auflösen will, damit nur noch atomisierte Einzelmenschen übrigbleiben als Korrelat zur Welteinheitsregierung des globalisierten Kapitalismus.      

Donnerstag, 7. Juni 2018

Der Mensch ohne große Ziele, zur Postmoderne

"Das radikale Vorantreiben der Säkularisierung, die Hinwendung zu unserem profanen Leben, verwandelt dieses Leben sebst in einen >abstrakten<anämischen Prozß." S. Zizek, Das >aufregende Abenteuer der Orthodoxie<, in: ders: Die Puppe und der Zwerg, 2003, S.43. Erläuternd wird hinzugefügt, daß der heutige "Letzte Mensch", der postmoderne sämtliche höheren Ziele als "terroristisch" verurteilt und sein Dasein nur noch mit mehr oder weniger raffinierten Lüsten dekoriere. Das  carpe diem hat so alle großen Ziele ersetzt.
Bevor nun gefragt wird, was aus dem Menschen wird, wenn er ohne höhere Ziele lebt, fragen wir zuerst: Ist hier die Säkularisation wirklich begriffen worden? Meine These dazu: Das, was der religiöse Mensch von Gott erhoffte und erwartete, nämlich die christliche Hoffnung auf das Reich Gottes und auf das ewige Leben, das wurde durch die Säkularisation zur Aufgabe des Menschen. Es entstand der Glaube an die Bildung als Selbstbefreiung des Menschen hin zur Humanität und es entstand der Glaube an die Politik,daß durch Revolutionen die wahre Humanisierung der Welt möglich ist. Die religiösen Hoffnungsgehalte wurden aus der Religion emanzipiert und zur Aufgabe des Menschen umgestaltet.
Der Terror wurde dabei als notwendiges Mittel zur Schaffung dieser neuen Welt legitimiert- von der Französischen Revolution bis zur bolschewistischen. (Der Nationalsozialismus enthält dagegen keine universalistische Erlösungshoffnung und so legitimierte er seinen Terror auch nicht mit dem Endziel einer säkularisierten Utopie.)
Der Letzte Mensch entsteht so erst, wenn alle Hoffnungspotentiale der Religion in ihrer säkularisierten Umformungsgestalt verbraucht sind, sich als Illusionen erwiesen haben. Jetzt erst tritt der postmoderne desillusionierte Mensch auf der Bühne auf, für den es keine gr0ßen Ziele mehr gibt. Der Mensch wird klein ohne große Ziele. Brot und Spiele,solche Vergnügungen sollen uns darüber hinwegtäuschen, daß der postmoderne Mensch ohne Ziel lebt. 
Aber das hat auch wieder Rückwirkungen auf die christliche Religion: Auch sie hat längst ihre großen Erlösungsziele im Archiv eingemottet: Das Reich Gottes und das ewige Leben sind in der Verkündigung der Kirche und isb. im Religionsunterricht nur noch Marginalien.Man kann sagen, daß das 2.Vaticanische Konzil mit seinem Dokument: "Gaudium et spes" versucht hat, die säkularistische Umformung des Reich Gottes Zieles positiv zu rezipieren, der bekannteste Versuch war ja das Konzept der Befreiungstheologie, aber mit dem endgültigen Scheitern des real existierenden Sozialismus 1989 endete diese Rezeption.
Die großen Geschichtsphilosophien werden ersetzt durch Konzepte der "Begegnungsideologie". War der Gott des Alten Bundes noch der, der einem Abraham verhieß, daß aus ihm ein großes Volk werden wird, daß eine große Zukunft vor sich hat, verkündete Jesus Christus noch das Ende der Welt und der Zeit, weil nun das Reich Gottes anfänge, so reduziert die Begegnunsideologie die Geschichte auf punktuelle Ereignisse, in denen einem Menschen Gott begegnet, und daß er in dieser Begegnung Gottes Ja zu ihm erfährt.  Dieser Punktualität korrespondiert das carpe diem in ihrer geschichtslosen Punktualität. Nicht mehr auf eine Zukunft ausgerichtet existiert der Mensch, sondern nur noch in der Intensivität des persönlichen Erlebens im erfüllten Augenblick.Gott eröffnet dem Menschen keine Geschichte mehr, kein Endziel, sondern nur noch seine Bejahung des Menschen in einer Ich--Du-Beziehung. 
Lyotard bezeichnet in seinem Essay: "Das postmoderne Wissen" ja den Glaubwürdgkeitsverlust aller großen Erlösungserzählungen für das Spezifische der Postmoderne. Wo alle großen Erlösungserzählungen entwertet sind, ob es das Hoffen auf das Reich Gottes ist oder auf die humanisierte Welt, da beginnt die Herrschaft des postmodernen letzten Menschen.   

Der letzte Mensch, wie ihn Nietzsche in seiner Vorrede zum "Zarathustra" erfaßt:

Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.
»Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln –
 

Samstag, 12. August 2017

Irritierendes Göttersöhne und Titanen- ein Grundbaustein jeder Religion?

Die hl. Schrift stellt so manches mal den aufmerksamen Leser vor beachtliche Probleme. So lesen wir im 1.Mose 6, 4: In jenen Tagen gab es auf Erden die Riesen [Titanen], und auch später noch, nach- dem sich die Göttersöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten.Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer."
Göttersöhne, das können und dürfen wir als Engel Gottes verstehen. Aber wie können Engel als körperlose Wesen mit Menschenfrauen Kinder zeugen? Nur, Engel erscheinen Menschen ja körperlich, damit sie überhaupt uns erscheinen können. Ist es da auszuschließen, daß sie so körperlich erscheinend auch Väter von menschlichen Kindern werden können?
Engel, die sich in menschliche Frauen verlieben, um ihretwillen vom Himmel hinabsteigen, um sie  geschlechtlich zu lieben, ist das nicht einfach nur eine mythologische Phantasie? Aber stünde das dann in der Bibel? Und ist nicht der Hl. Geist, der über die Jungfrau Maria kam, sodaß sie den Sohn Gottes gebärte, dann auch nur eine mythologische Phantasievorstellung? 
Zäunen wir das Pferd einmal anders herum auf: Am Anfang stünden Menschen mit Kräften (jetzt im weitesten Sinne), die das durchschnittliche Vermögen der Menschen weit übersteigt. Dem Tuen geht das Sein voraus, oder nur was einem Subjekt möglich ist, kann es auch vollbringen. Wie muß der sein, der solch Außerordentliches vermag?, drängt sich so als Frage auf. Helden, Titanen, Riesen sind eben aus einem anderen Holz geschnitzt als wir Durchschnittsmenschen.
So wird von Platon gesagt: " Es wurde sogar behauptet, er sei ein Sohn des Gottes Apollon, sein leiblicher Vater sei nur sein Stiefvater gewesen." (Wikipdia, Platon). Platon als "titanischer" Denker sei eben auch übernatürlichen Ursprunges, denn wie sonst könne man die Größe dieses Denkens verstehen.
Im Geniekult begegnet uns sozusagen eine säkularisierte Form dieser Vorstellung, daß das Außerordentliche ein besonders talentiertes Hervorbringersubjekt voraussetzt. Man beachte dabei die ursprüngliche Bedeutung des Genius:"Der Genius (Pl. Genien oder lateinisch Genii) war in der römischen Religion der persönliche Schutzgeist eines Mannes und Ausdruck seiner Persönlichkeit, seiner Schicksalsbestimmung und insbesondere seiner Zeugungskraft. " Wikipedia:Genius. 
Daß wir mitten im Natürlichen mit dem Sein und dem Wirken von Übernatürlichem zu rechnen haben, das kann uns diese fragmentarische Überlegung vor Augen halten: Im Meer der unzähligen Menschen ragen Heroen und Titanen hervor, Geistesgrößen, die so sehr das Durchschnittliche übertreffen, das es uns ist, als wenn sie übernatürlichen Ursprunges wären. Und weist uns das Johannesevangelium nicht auch in eine ähnliche Richtung, wenn wir da lesen, daß die Christen "nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind." (Joh 1, 13)
Ob nicht  all dem eine gemeinsame Weltvorstellung zu Grunde liegt, daß eben alles Außergewöhnliche, das Normale Überragende in der natürlichen Welt übernatürlichen Ursprunges ist? Ist das nicht die Grundüberzeugung jeder Religion?
Ein Spezificum der Moderne wäre es dann, die Welt als einen in sich abgeschlossenen Kosmos zu denken, in dem nichts Übernatürliches sein kann und sich ereignen kann. Alles, was in der Welt ist und sich in ihr ereignet, ist als rein Weltimmanentes zu verstehen. Das führt aber konsequenterweise dazu, daß alles Heroische, Titanenhafte und Große kleingemacht werden muß, damit daraus etwas rein Natürliches und Weltimmanentes wird. So machen wir uns die Welt klein für uns kleingezüchteten letzten Menschen. Vielleicht ist es das Privileg der religiösen Weltsicht, daß in ihr es wirklich Großes, Übernatürliches und Erhabenes geben kann!

Corollarium 1
Eingedenk von 5.Mose 32,8, daß die Menschheit aufgegliedert worden ist in Völker gemäß der Anzahl der Völkerengel, könnte gemutmaßt werden, daß Völkerengel die Urheber der jeweiligen Volksreligion sind. Paulus warnt ja vor  der Möglichkeit, daß ein Engel ein falsches Evangelium in die Welt bringen könnte, um das wahre zu bekämpfen.(Gal 1,8). Die Annahme, daß die Religionen ausschließlich sich dem Menschen verdanken und ohne übernatürliche Hervorbringung entstanden sind, ist in nichts begründet außer in dem Vorurteil, daß alles in der Welt rein weltimmanent ist.  

Donnerstag, 27. Juli 2017

Der letzte Mensch

"Der >letzte Mensch< aber ist das Geschöpf,das beinahe unweigerlich aus dem Prozeß  der >Zivilisation< hervorgeht, also der nivilierte, gedankenarme Konsumweltbürger, der eins geworden ist mit den Forderungen seiner Zeit und nichts will, als ein bequemes, risikoloses Leben inmitten einer begradigten, funktionstüchtigen Welt, die ihm alle seine Bedürfnisse augnblicklich erüllt."Frank Lisson, Homo Viator. Die Macht der Tendenzen, 2013, S.14

Es soll nun ausführlicher als sonst an diesem Orte üblich zitiert werden, denn was Nietzsche hier über den letzten Menschen schreibt, das muß man im Originalton hören bzw. lesen- hier ist die Sprache Nietzsches nicht etwas dem da Ausgesagten Äußerliches, sodaß man es auch ohne Bedeutungsverlust in eigenen Worten wieder geben könnte! Lassen wir Nietzsche zu uns reden auf daß wir in unseren Zeitgenossen diesen letzten Menschen erkennen, an dem auch ich und jeder Leser, betrachtet er sich selbstkritisch einen Anteil, ja ein Zuviel an Anteil in sich trägt!

" Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, daß der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, daß der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinauswirft und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
"Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?" - so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krank-werden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.
"Ehemals war alle Welt irre" - sagen die Feinsten und blinzeln."


Kann man sich dem entziehen, daß wir diese letzten Menschen sind? Ist der letzte Mensch notwendigerweise der Grund des Untergehens unserer Kultur und damit auch der christlichen Religion? Der Begriff des Konsumweltbürgers (Lisson) ist dabei mehr als erhellend gewählt. Leben heißt hier nur noch, zu konsumieren. Der faktische Nihilismus dieser Warenwelt ist die völlige Gleich-Gültigkeit des Was-ich- konsumiere. Alles ist zur Ware mir geworden, zum Erkaufbaren und nichts gibt es mehr als das Kaufbare. Darum reduziert sich der Begriff der Gerechtigkeit darauf, daß jeder Erdenmensch über genügend Kaufkraft zu verfügen hat, um unlimitiert zu konsumieren. Die ganze Welt ist ihm zum Markt des Kaufens und Verkaufens geworden, das ist der postbürgerlicher Kosmopolitismus, das was aus der Idee der universalen Vernunftrepublik Kants übrig blieb. Dieser Mensch ist selbst zur Ware geworden entheimatet, wie ein Nomade von Jobangebot zu Jobangebot wandernd auf dem globalen Arbeitsmarkt.   
Dem Glibalismus im Großen mit seiner neuen Weltordnung korreliert im Kleinen der letzte Mensch als Funktionsanhang der Ökonomie. Nietzsches Begriff vom Chaos im Menschen als einer seiner Lebensmöglichkeiten meint so das Protestvermögen wider eine völlig ökonomistisch durchrationalisierten Welt, romantisch vitalstisch ausgedrückt. Siehe dazu auch: Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz, 1. Auflage.
Politischer formuliert: Daß dem Funktionieren wieder Ziele gesetzt werden, wozu die Ökonomie da sein soll, statt daß alles für sie ist und alles ihr subordiniert wird. Nihilismus ist ein Leben ohne ein über das Leben hinaus noch erstreben zu können.