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Donnerstag, 1. Januar 2026

„Ein gutes neues Jahr“ oder eine befremdliche attavistische Praxis

 

„Ein gutes neues Jahr“ oder eine befremdliche attavistische Praxis





Jemanden etwas Gutes wünschen, gehört zu den üblichen Geburtstagsritualen und zu Neujahr wie das Amen in der Kirche. Diese Praxis ist eine so selbstverständliche, daß es für Nachdenkliche sinnvoll ist, darüber einmal nachzudenken: Es wird ein Wunsch geäußert. Spontan würde man doch meinen, daß ein Wunsch an jemanden adressiert wird in der Hoffnung, daß dieser dann auch den Wunsch erfüllen möge. „Mama, eine Extraportion Eis möchte ich jetzt“, und wenn auch nicht immer dieser Kinderwunsch erfüllt wird, so wird er doch in der Hoffnung artikuliert, daß dieser Wunsch erfüllt wird.

An wen wird dann der Geburtstagswunsch etwa: „ein langes Leben und Gesundheit“ adressiert, daß der den dann erfüllen möge. Der Begünstigte ist das Geburtstagskind, aber zu wem wird dieser Wunsch adressiert, daß der in Erfüllung gehen möge? Wer ist der Adressat des Wunsches: „Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr“? Soll etwa nun gemeint sein, daß es nun die Aufgabe des so Bewünschten ist, den Wunsch selbst zu verwirklichen? Wäre der Wunsch dann auszubuchstabieren in die Aussage: „Mögest Du doch dafür sorgen, daß für Dich das nächste Jahr ein gutes wird“?

Aber wenn man nun das, was einem gewünscht wird, bedenkt, kommt man zu der Erkenntnis, daß das Gewünschte gerade nicht etwas ist, daß der Bewünschte durch eine Eigenleistung selbst realisieren kann. Der Wunsch: „Viel Glück!“ verdeutlicht dies.Das Irritierende der Wunschpraxis ist nun das, daß kein Adressat benannt wird, von dem der für jemanden etwas Wünschende die Erüllung des Wunsches sich erhofft.

Zwei unterschiedliche Lösungsansätze sehe ich nun:Erstens, daß implizit damit Gott gebeten wird, diesen Wunsch zu erfüllen und daß von ihm auch eine Wunscherfüllung erhofbar ist, da man ja nur Gutes für jemanden erwünscht und Gott selbst die Quelle alles Guten ist. Wir Menschen können zwar in beachtlichen Maßen für die von uns erwünschten Güter sorgen, aber es sind uns auch unsere Grenzen bewußt. Gott würde dann um das gebeten, was sich unserem Eigenvermögen entzieht. Der Glaube an das Schicksal als eine unser Leben (mit)bestimmende Macht drückt dies am deutlichsten aus gerade in der Unbestimmtheit dieser Vorstellung des Schicksalhaften.

Aber es gibt nun ein beachtliches Gegenargument: Wo Gutes anderen Menschen gewünscht werden kann, da kann auch verflucht werden: „Verflucht seist Du und Deine Familie!“ Das Verbot: „Fluche nicht“ setzt ja die Möglichkeit eines Verfluchens voraus und gibt so diesem Verbot erst seinen Sinn. Auch der, der irgendwen verflucht, erwartet, daß der ausgesprochene Fluch sich gegen den so Verfluchten erfüllen wird. Wie der, der jemndem etwas Gutes wünscht, damit nicht einfach nur seine Wohlgesonnenheit dem Bewünschten gegenüber artikulieren möchte, so will auch der Verfluchende mehr damit bewirken, als nur seine Abneigung dem Verfluchten gegenüber zu artikulieren. Wer wäre dann der Adressat, von dem die Erfüllung des Fluches erhofft wird?

Jetzt nähert sich uns der unerquickliche Gedanke, daß wir es hier mit einer magischen Praxis zu tuen haben. Der Wunsch wie auch die Verwünschung erfüllen sich durch ihr Ausgesprochenwerden an den so Bewünschten oder so Verfluchten. Deshalb bräuchte weder der Wunsch noch der Fluch einen Adressaten, von dem eine Realisierung erhofft wird.

Ein Szenenwechsel: Wer frägt, was für eine gediegene Hochzeitsfeier von Nöten und was gar förderlich für eine gute Ehe sei, stößt unweigerlich auf diese Anregung: Man möge der Braut doch etwas Blaues,Altes, Neues und Geliehenes geben, vier verschiedene Dinge, deren Übergabe förderlich für das Glück der nun gechlossen werdenden Ehe sei. Wie läßt sich das erklären? Die einfachste Erklärung wäre wohl die, daß wir es auch hier mit einer magischen Praxis zu tuen haben.

Wenn man der These zustimmt, daß die Kultur die säkularisierte Substanz des religiösen Kultes ist, in dem immer auch magische Praktiken aufgehöben sind, dann klingt es nicht unplausibel, daß sich solch ursprüngliche Prktiken bis in nachaufklärerischen Zeiten bewahrt haben, nur daß man an sie nicht mehr so recht glaubt. Kultur sei eben das, was man praktiziert, auch wenn man daran nicht mehr recht glaubt. Wer glaubt denn noch, daß der Wunsch: „Ich wünsche Dir alles Gute“ eine Äußerung ist, die da er ausgesprochen wurde, das Gewünschte erwirkt ob nun magisch oder durch Gottes Erhören des Wunsches?

Oder wollen wir es doch mit Shakespeare halten, daß zwischen Himmel und Erde es weit mehr gibt, als wovon unsere Schulweisheit weiß?



Samstag, 18. Januar 2025

Die Früchte der Multikultigesellschaft...oder der Verlust einer Kultur!

 

Die Früchte der Multikultigesellschaft...oder der Verlust einer Kultur!


Kath de berichtet am 18.Jänner 2025 in dem Artikel: „Zahl der Kinder in bildungsfernen Familien ist gewachsen“ : „Immer mehr Kinder in Deutschland leben in Familien, in denen die Eltern weder Studium noch Ausbildung absolviert haben. Zwischen 2011 und 2021 stieg ihre Zahl von 11,4 auf 17,6 Prozent, so eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), über die das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Mehr als jedes 20. Kind hat sogar Eltern ohne Schulabschluss. Auffällig ist dabei unter anderem, dass Kinder aus nicht-deutschsprachigen oder zweisprachigen Familien besonders häufig betroffen sind.“

Die Propagandisten der unkontrollierten Masseneinwanderung in Deutschland verhießen zwar Heerscharen von Bestausgebildeten, die nur zu uns kämen, um den Facharbeitermangel zu beheben, die in die Kranken- und Rentenkassen einzahlen würden als Gutverdiener, sodaß unsere Renten so gesichert würden, ja es kämen Unmengen von Kulturträgern, die unsere Monokultur verlebendigen würden, aber die Arbeitgeber Deutschlands stellen nun ernüchtert fest, daß die meisten Einwanderer nicht für den hiesigen Arbeitsmarkt qualifiziert genug sind.

Wer an einem beliebigen Kinderspielplatz in Deutschland vorbeigehend die Ohren spitzt, ob er da noch deutsche Sprachfragmente zu hören bekommt, wird wohl lange horchen müssen:Ein babylonisches Sprachgewirr erklingt da in seinen Ohren.Wenn Daheim überhaupt kein Deutsch gesprochen wird und sich ethnisch homogene Parallelwelten herauskristalisieren, in denen man ohne ein einziges deutsches Wort zu können, außer:“Nix deutsch!“ bestens auskommt, dann kann es niemanden verwundern, daß viele Kinder in bildungsfernen Familien aufwachsen und ungebildet bleiben, sofern darunter eine Teilhabe an der deutschen Kultur verstanden wird.

Die Multiethnisierung Deutschlands hat eben zur Konsequenz, daß sich ethnisch homogene Parallelgesellschaften herausbilden, die nicht oder kaum einen Anteil nehmen an der deutschen Kultur. Für viele ist es realistisch, in Deutschland zwar lebend fast ganz ohne einen Kontakt mit uns Deutschen zu leben, denn selbstverständlich sucht man eine Anstellung bei einem ethnisch dazugehörigem Arbeitgeber und und heiratet auch nur Landsleute. Wo die Einheit einer Gesellschaft sich auflöst, existiert auch keine allen gemeinsame Bildung und Kultur mehr, jede hier lebende lebt ihre eigene. Nietzsche schrieb mal, daß die Kultur der Stil eines Volkes sei:Wie kann es dann in dem vermultiethnisierten Deutschland noch eine gemeinsame Bildungskultur geben?


Daß der Kinderreichtum dann noch eine gute Möglichkeit ist für die Asylanten und Flüchtlingen, hier leicht zu Geld zu kommen, verstärkt dann noch die Tendenz, daß viele Kinder in bildungsfernen Elternhäusern aufwachsen.


Vor knapp 20 Jahren, als ich in München in der Jugendarbeit tätig war, erzählten mir Berufsschüler, daß isb die türkischen Mitschüler so gut wie gar nicht deutsch sprechen konnten, daß die dazu selbstbewußt erklärten, daß wir Türken bald diesen deutschen Laden übernehmen würden und dann müßten wir Deutsche Türkisch lernen. Wozu solle man sich da noch eine zum Untergange bestimmte Kultur aneignen!


Sicher sind nicht alle bildungsfernen Elternhäuser Einwandererfamilien, und es muß auch berücksichtigt werden, daß erst seit dem viele einer bestimmten Fremdethnie hier leben, das Interesse an einer Teilhabe an unserer Bildungskultur drastisch abnahm, aber trotzdem muß das Problem der bildungsferen Elternhäuser primär als ein Folgeproblem der konsequenten Vermultiethnisierungspolitik angesehen werden.


Es muß aber auch eingeräumt werden, daß in einer nichthomogenen Gesellschaft, einer in eine Ober- und Mittel- und Unterschicht ausdifferenzierten, erfahrungsgemäß die Unterschicht am meisten und die Oberschicht am wenigsten Kinder bekommt. Die Soziologie spricht hier von einem schichtenspezifischen Verhalten verbunden mit der Feststellung, daß in so ausdifferenzierten Gesellschaften die soziale Mobilität gering ist: Bitter, aber wahr: Wer „unten“ geboren wurde, bleibt in der Regel „unten“ und die Kinder aus guten Elternhäusern bewahren ihren Sozialstatus. In wirtschaftlichen Krisenzeiten vermehren sich die armen Elternhäuser, die so dann auch das schichtenspezifische Verhalten annehmen. Die Armut prägt das Leben, auch wenn das der Mythos von, daß jeder der Herr seines eigenen Schicksales sei, nicht wahrhaben will. In der Moraltheologie wie auch in der Sozialethik wird aber viel zu sehr personalistisch individualethisch gedacht, als daß diese Wirklichkeit des sozialen Lebens erfaßt werden könnte. Ein großes Maß an Inhomogenität verunmöglicht so eine Bildungskultur, stattdessen existieren nur nebeneinander praktizierte Subkulturen, ohne eine Einheit zu bilden.

 Zusatz: 

Ein aktuelles Beispiel der Vermultisierungspolitik: 

"Wien baut Luxuswohnungen: Einziehen dürfen nur Migranten.Luxuswohnungen für Asylberechtigte: 110 Neubauten mit Klimaanlage und Balkon sorgen in Wien-Favoriten für Aufregung. Österreicher werden ausgeschlossen, die FPÖ ist empört – und die Stadt Wien schweigt zu den Kosten." Junge Freiheit, 18.Jänner 2025

 




Freitag, 17. November 2023

Geht die Kultur zugrunde? Oder ist das übertriebener Pessimismus?

Geht die Kultur zugrunde? Oder ist das übertriebener Pessimismus?


„Das kulturelle Niveau eines intelligenten Volkes fällt in dem Maße,in dem sein Lebensstandard steigt“, urteilt Nicolas Gomez Davila. („Es genügt,dass die Schönheit unseren Überdruss streift...“ Aphorismen,2007,S.63.

Auf den ersten Blick überzeugt dieser Aphorismus, paßt er doch auch so recht in das Gesamtwerk dieses großen Kulturkritikers, aber dem Mitdenkenden bereitet diese These doch gewichtige Probleme. Der „steigende Lebensstandard“ sei also die Quelle dieses kulturellen Niederganges. Erstmal hat doch ein gestiegener Lebensstandard nur die Folge, daß nun Menschen als Konsumenten von Kulturprodukten auftreten, die sich bisher das ökonomisch nicht leisten konnten. Für eine marktwirtschaftlich organisierte Kultur heißt das also, daß nun hinsichtlich diese neuen Zielgruppe Kultur produziert wird. Die Unterhaltungsindustrie entsteht so,der große Ästhetiker Adorno spricht in abfälligem Ton von der „Kulturindustrie“, wobei dieser Begriff schon für sich die Abnormität dieser Kultur zum Ausdruck bringt, gelten doch Kunstwerke als etwas individuell Hervorgebrachtes, wohingegen der Begriff der Industrie mit Fabrikproduktionen assoziiert wird.

Also, als noch für den Adel, die Kirche und das Bildungsbürgertum die Kunstwerke erschaffen wurden, da zeichneten sie sich durch ihr Niveau aus, seitdem aber für den gemeinen Mann Kunst produziert wird, wird sie populär-vulgär. Vornehme, gleich niveauvolle Kunst ist also die von Vornehmen genossene Kunst, vulgär wird sie, wenn sie vom Volke konsumiert und somit für dessen Bedürfnisse konzipiert werden. Träfe das so zu, wäre das Niveau eines Kunstwerkes nicht eine ihm innewohnende Qualität, sondern die Vornehmheit ihrer Genießer qualifiziere bestimmte Werke erst. Bejubelt das Bildungsbürgertum, oder das, was sich dafür hält, Werke von Beuys, dann werden seine Werke dadurch zu niveauvoller Kunst, wohingegen die zigtausendfach reproduzierte „Sixtinische Madonna“ von Rafael zum Kitsch degradiert würde, weil es zu einem Bild für jedermann so wurde.

Was macht denn dann die Qualität eines Kunstwerkes, sein Niveau aus, wenn seine Qualität nicht einfach durch die Qualität ihrer Käufer bestimmbar ist, wenn die Qualität etwas dem Kunstwerk Inhärierendes zu sein hat? Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ erweckt ja den Verdacht, daß letztendlich nur das Milieu, das bestimmte Kunstwerke konsumiert, deren Qualität festsetzt: Was den oberen 10.000 gefalle, sei Hochkultur, was dem gemeinen Manne gefalle, sei dann eben vulgäre Kunst.

Nun muß aber eingewandt werden, daß die Kultur viel Umfassenderes bezeichnet als nur die Kunstwerke einer Epoche. Aber die Kunst gehört unbestreitbar zur Kultur und was für diese Teilmenge der Kultur gilt, könnte auch für die ganze Kultur gelten.Die Tendenz zum Kulturrelativismus führt ja dazu, nur noch Kulturen als sich unterscheidend zueinander verhaltend zu verstehen, ohne noch ein qualitatives Urteil darüber abgeben zu können. Die Diktatur des Relativismus, von der Papst Benedikt XVI sprach, ist eben eine allumfassende. Der verdankt sich dann erst die Vorstellung, den Wert von Kunstwerken durch ihre Konsumentenmilieus zu definieren. Denn für die simple Frage, was denn die Qualität eines Kunstwerkes ausmache, findet sich keine andere Antwort, als daß es Konsense im ästhetischen Diskurs darüber gibt, was als zur Hochkultur zu zählen hat, ohne daß es für diese Zuordnung eine hinreichende Begründung gäbe. Es handelt sich scheinbar nur um getroffene Festsetzungen dieses Diskurses.

Vielleicht könnte aber der Begriff des Volkes weiterführen, nannte Nietzsche doch die Kultur den Stil eines Volkes. Wenn also das Volk der soziale Träger einer jeden Kultur wäre,dann wäre der Niedergang einer Kultur die Folge des Niederganges eines Volkes.Aber wie drückte sich ein solcher Niedergang in den Kunstwerken selbst aus, sodaß von einem Niveauverlust zu sprechen wäre?  

Vielleicht ist der Eindruck eines  allgemeinen kulturellen Niederganges aber selbst nur eine Projektion der heutigen Dekadenz.

 

Mittwoch, 24. August 2022

Gehen wir unter,wenn sich die Fundamente Europas auflösen?

 

Gehen wir unter, wenn sich die Fundamente Europas auflösen?


„Gewalt reicht nicht, um eine Zivilisation zu zerstören.Jede Zivilisation stirbt an der Gleichgültigkeit gegenüber der ihr eigentümlichen Werten,die sie begründen.“


So urteilt Nicolas Gomez Davila. (Es genügt,dass die Schönheit unseren Überdruss streift...Aphorismen, 2017, S.73) Zwei kleinere Korrekturen erlaube ich mir, die den Gehalt des Ausgesagten dann besser zum Ausdruck bringen. Die uns geläufige Unterscheidung von dem Begriff der Zivilsation von dem der Kultur ist außerhalb Deutschlands wenig bekannt, so daß man dort von einer Zivilisation spricht, wo der Begriff der Kultur angemessener wäre. Unter der Zivilsation möchte ich die Organisation der Naturbeherrschung verstehen, unter der Kultur das geistlich-geistige Leben. Werte, fundierende kann es so nur im Raume der Kultur geben, die Zivlisation ist durch ihre Zweckrationalität bestimmt.

Meine These: Wo von den eine Kultur fundierenden Werten geschrieben wird, da befindet sich eine Kultur schon in ihrem Verfall. Denn dann löst sich die sie fundierende Religion oder Weltanschauung schon auf und es verbleiben nur noch Werte als Trümmerstücke des einstigen Fundamentes.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus der Parteiengeschichte Deutschlands. Die SPD war bis zum Godesberger Parteitag offiziell eine Weltanschauungspartei, die des Marxismus. Dann reduzierte sie ihre Weltanschauung auf ein paar Grundwerte, die so unbestimmt sind, daß man diese Partei kaum noch von der CDU unterscheiden kann,die ebenso ihr christliches Fundament auf Werte reduzierte, christliche, denen, wie ich vor einiger Zeit irritiert feststellte, auch Muslime zustimmen könnten.laut dieser Partei. Vielleicht auch Atheisten?

Das Abendland lebte aus seinem christlichen Fundament. Am überzeugendsten und schönsten stellt das Novalis in seiner Schrift: „Christentum oder Europa“ dar. Wer von einem „Untergang des Abendlandes“ schreibt, meint somit immer zuerst das Verlöschen der Lebenskraft der christlichen Religion in Europa. Das Ende der „Konstantinischen Epoche“ mit der Nichtung der drei christlichen Kaisertümer, des zaristischen Rußlands und des Endes der Monarchien Österreichs und Deutschlands, kann wohl als das Ende des christlichen Europas angesehen werden. Jetzt verwandelte sich das Christentum zu einer Religion in Europa, wohingegen nun Ideologien den Kampf um die Vorherrschaft in Europa eröffneten: Der Liberalismus/Conservatismus und der Sozialismus/Kommunismus und der Faschismus/Nationalsozialismus. Sehr erörterungsbedürftig ist dabei die Frage, inwieweit Elemente der christlichen Religion in diesen politischen Ideologien weitergelebt haben, ja ob es diese ohne die entkräftete christliche Religion überhaupt hätte geben können.

Nach dem Endsieg über den „Real existierenden Sozialismus“ ist aber der Liberalismus zwischen einem mehr conservativen oder sozialliberalen Flügel sich ausdehnend die uns bestimmende Ideologie. (Ich unterscheide zwischen einer Weltanschauung und ihrer reflektierten Gestalt als einer Ideologie.) Ist so Europa am Untergehen, weil es sich entchristlicht oder überlebt es basierend auf dem Fundament der liberalen Weltanschauung?

Nur ein Prophet kann diese Frage letztlich respondieren. Aber einiges fällt doch auf: Die Herrschaft der „Politischen Korrektheit“ in Westeuropa, Osteuropa ist dem noch nicht völlig unterworfen, wie Ungarn beweist, aber auch Polen, ist genau genommen mit dem Liberalismus nicht kompatibel. Der Liberalismus, jetzt als Sieger sich proklamierend, man denke an die Parole vom Ende der Geschichte, traut selbst nicht mehr auf seine Kraft, er wird illiliberal, um seine Herrschaft abzusichern. Auch die Coronapolitik der Regierenden Europas ist eine klare Absage an dem Liberalismus gewesen. Glaubt der Liberalismus nicht mehr an sich selbst nach seinem Sieg 1989ff?


Und was bleibt jetzt noch von dem Fundament des einstigen Abendlandes, der christlichen Religion? Fragen wir einfach: Lebt die christliche Religion noch im einstigen Abendland, im jetzigen Westeuropa, das sich gern in dieser Tradition sah als die Antithese zum atheistischen Osten? Die Lage ist sehr unübersichtlich, aber der Trend einer sich beschleuniegenden Entchristlichung ist leider unverkennbar. Zwei große Katastrophen erwirkten diese Entchristlichung: a) die Reformation mit ihrer Folge der innerchristlichen Religionskriege und b) die Französische Revolution als der Kampfansage an das christliche Europa. Der Revolutionär Robespiere hatte ja versucht, die christliche Religion durch die kultische Verehrung der Vernunft zu ersetzen.

Ein Prophet bin ich nicht, so kann ich nicht sagen, ob wir noch auf eine Revitalisierung der christlichen Religion hoffen dürfen, es könnte auch sein, daß zumindest Westeuropa ein für die Kirche verlorener Kontinent werden könnte. Dafür spricht die schleichende Selbstsäkularisierung der Kirche in Westeuropa! In Osteuropa scheint es nicht ganz so negativ auszusehen, denkt man an den lebendigen Katholizismus Polens oder an die erstarkende Russisch-Orthodoxe Kirche.

Und das Gebet? Ja, wir dürfen und müssen Gott bitten, aber Gott kann auch unsere Gebete unerhört lassen.

Zusatz:

Kann eine Gesellschaft ohne eine Kultur existieren, wenn sie etwa alles auf das rein Ökonomomische reduzierte, alles zur käuflichen Ware degradierte?

Montag, 8. März 2021

„Die dem Menschen seine Ketten nehmen, befreien nur ein Tier“

„Die dem Menschen seine Ketten nehmen, befreien nur ein Tier“


So urteilt Nicolas Gomez Davila (Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift...Aphorismen, 2017, S.71)

Ein einfaches Bild: Ein Schäferhund mit gefletschten Zähnen, Aggressivität ausstrahlend vor mir stehend, aber fest an der Leine, sie hält, der Hundebesitzer zehrt den Hund weg- ich überlebe! Ein aggressiv-bissiger Hund, aber an der Kette und so und nur so ungefährlich- Wehe, wenn er losgelassen würde.

Gleicht dem der Mensch, an den Ketten der Kultur angeleint und so ungefährlich gemacht? So plausibel dies Bild auf den ersten Blick auch erscheinen mag, es ist ein Fehlbild. Denn der Mensch ist eben kein durch seine Eigennatur fixiertes Wesen. In ihm erscheint in der Welt etwas aus ihr nicht Ableitbares: die Freiheit. Als Freiheit kann er gegen seine Natur leben, im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich handeln. Das kann kein anderes Tier, auch kein Raubtier kann wider seine Raubtiernatur handeln, es lebt immer natürlich. So ist es eingezeichnet in die Naturordnung der Welt. Wenn die griechische Sprache die Welt Kosmos nennt, darf ruhig auch das Wort: „Kosmetik“ mitgehört werden, denn dieser Begriff meint das Wohl- und Schöngeordnetsein, das die Welt ausmacht.

Aber in diese Ordnung bricht nun etwas Fremdartiges ein: Der menschliche Geist als Freiheit: Ich kann wider meine eigene Natur und die ganze Naturordnung leben. So nimmt der Mensch in der Naturordnung eine exzeptionelle Sonderstellung ein. In Anklang an Arnold Gehlen ist so der Mensch auch als „Mangelwesen“ zu begreifen, dem ob seiner Freiheit seine Bestimmtheit durch seine Eigennatur fehlt. Nicht blinde Triebe dominieren ihn, sondern er kann seine Triebleben frei und nur deshalb auch pervers gestalten. Den natürliche Fortpflanzungstrieb kann so der Menschen zum zum Quälen des eigentlich zur Fortpflanzung Bestimmten bis hin zum Lustmord.

Diese Unbestimmtheit des Menschen, seine Nichtdeterminiertheit verlangt so die Anleinung der Freiheit. Das könnte auch so umformuliert werden, daß die Willkürfreiheit zu einer human verträglichen Freiheit umgeformt werden muß. Das sind dann die Ketten, die den Menschen erst humanisieren. Aber lebt er seine Willkürfreiheit aus, vertiert der Mensch sich nicht sondern er pervertiert nur sein Menschsein, er wird zu einem perversen Menschen. Sadomasochistisch ausleben kann nur der Mensch weil er Mensch ist, seine Sexualität, das kann kein Tier. Diese Perversionsoption ist gerade etwas, was ihn vom Tierischen fundamental distinguiert.

Nicht ist der Mensch so gegen Rousseau von seiner Natur her schon menschlich, denn er kann gerade ob seiner Natur auch unmenschlich sein- erst durch seine Kultivierung wird er zu einem Menschen im humanen Sinne.Die kulturelle Hochform dieses Menschseins erfaßt etwa E. Hirsch, wenn er schreibt: „Wir haben des Staat als das höchste irdische Gut einer Nation erkannt, als die Form, die ihr allein Leben und Freiheit und Endfaltung ihres Könnens gewährt.“ (Deutschlands Schicksal, S.141).

Der so kultivierte Mensch überwindet so die Möglichkeit der Willkürfreiheit, indem er sich zu einem freien Leben als Glied eines Ganzes begreift, in das er als Einzelne integriert ist, weil er in diesem ganzen Leben sein vernünftiges eigene hat. Hier erst gibt es die Möglichkeit zu einem humanen Leben, indem die Möglichkeit der Willkürfreiheit aufgehoben wird. Diese Aufhebung kann aber nur die staatliche Ordnung mit ihrem Gewaltmonopol gewähren, weil die Menschlichkeit des Menschen immer durch die Möglichkeit der Willkürfreiheit gefährdet ist, nicht aber durch die Unmöglichkeit einer Regression zu einem tierischen Leben.


Corollarium 1

Nur dem Menschen ist es so ob seiner Freiheit möglich, sich als Einzelsubjekt so zu verabsolutieren, daß es sich selbst zum Selbstzweck aufwirft, die anderen zu nur Mitteln seiner Egozentrik herabzudegradieren und das Menschsein, sein Gattungswesen als eine bloße Fiktion anzusehen, als ein Element einer symbolischen Lebenswelt, der keine Realität zukommt. Diese Selbstdeutung kann als das Böseseinkönnen des Menschen begriffen werden. Er kann es aber nur, weil er kein Tier ist und sich gerade in dieser Möglichkeit zur Perversion als Mensch erweist, der untermenschlich aber so gerade nicht tierisch leben kann.

 

Samstag, 10. August 2019

"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht" Eine Kritik der Moderne?

Ein Narrativ, eine große Erzählung von der Unterdrückung der afrikanischen und lateinamerikanischen Völker durch den "Weißen Mann" konfundiert seit längerem das kulturelle Selbstbewußtsein des Europäers und zunehmend auch des US-Amerikaners. Der marxistisch fundierten Befreiungstheologie bildet sie gar das Basiscredo: Afrika, aber auch Lateinamerika sind unterentwickelte Regionen, weil sie vom "Weißen Mann", dem Europäer und dann auch dem Amerikaner unterentwickelt worden sind. Die imperialistischen Mächte schufen sich ihre Kolonien, durch die dann die Eigenweiterentwickelung der dortig Beheimateten gestoppt wurde und ihnen dann eine ihnen fremde Kultur aufgenötigt wurde. Der "Weiße Mann" sah da keine eigene andere Kultur sondern stattdessen nur eine Nichtkultur, eine primitive, die er nun durch den Import seiner überlegeneren und höher entwickelten zu ersetzen versuchte. Ökonomisch wurde dabei Afrika ausgebeutet und selbst die Entkolonisierung beendete nicht dies Ausbeutungsverhältnis.
So stehen nun den ausgebeuteten Völkern der imperialistische "Weiße Mann" gegenüber, der eurozentristisch auch noch seine Kultur für die höchst entwickelte schätzte, als das Modell, das alle anderen zu übernehmen haben.
Nur eines blendet dies Narrativ aus: Warum behaupteten sich die Völker Afrikas nicht gegen den Kulturimperialismus des Westens, des "Weißen Mannes"? Warum verfügten sie nicht über ein starkes Immunsystem, das das Eindringen des Fremden abwehrte? Warum bewahrten sie ihre kulturelle Identität nicht, indem sie dem Fremden Mauern entgegensetzten zum Schutz ihres Eigenen?
Wenn der 1.FC  Krähwinkel  0: 10 gegen den FC Bayern München sein Heimspiel verliert, dann doch nur deshalb, weil der Krähwinkelverein in allen Belangen dieser bayrischen Fußballmannschaft weit unterlegen ist. Ist diese Überlegenheit nun die Schuld der Bayern? Erklärte nun ein Fan des Krähwinkler Fußballvereines, Bayern München habe eben die besondere Spielkultur der Einheimischen nicht respektiert um so mit ihrem Höchstgeschwindigkeitsfußball die Krähwinkler schwindelig zu spielen, wer würde das als legitime Rechtfertigung der Niederlage anerkennen?
"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", diés afrikanische Sprichwort könnte so die Lücke dieses Narratives ausfüllen. Denn man kann doch sagen, daß gerade das Wesen der westlich- europäischen Kultur das der Beschleunigung ist. Statt mit dem Pferde in einer "natürlichen" Geschwindigkeit Entfernungen zurückzulegen, fahren wir mit zigfach schnelleren Autos und Zügen, statt mit Vogelgeschwindigkeit fliegen wir mit Flugzeugen, gelegentlich mit Überschallgeschwindigkeit. Wo es natürliche Zeiten für etwas gibt, beschleunigt der "Weiße Mann", alles, weil ihm das Natürliche zu langsam ist.  Natürliches Wachstum soll eben beschleunigt werden, daß mehr in weniger Zeit entsteht.
 "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht",darin drückt sich eine ganze Lebenseinstellung aus: Alles hat seine Zeit, alles braucht seine Zeit (vgl Prediger Salomo), und der Mensch hat sich dieser Zeitordnung einzupassen, denn auch er ist ihr unterworfen. Ganz anders der moderne Mensch: "Zeit ist Geld", und darum wird ununterbrochen versucht, Zeit einzusparen. Alles muß morgen schneller als heute gehen. Wer schriebe heutzutage noch per Hand einen Brief, kuvertierte ihn, schickte ihn per Post ab, wenn er jetzt den Brief per ePost fast in Sekundenschnelle an den Adressaten verschicken kann. Die Moderne ist geradezu der Aufstand gegen eine Eigenzeit von allem und nicht nur der Schnellkochtopf steht für dies Spezificum der Moderne.
Die auf Höchstgeschwindigkeit getrimmte Kultur des "Weißen Mannes" überrannte so Afrika wie die Stürmer Bayerns die Verteidigung des FC Krähwinkels. Ist das nun die Schuld der Sieger? Müssen sie nun Tag und Nacht: ihr "mea  culpa" ertönen lassen? Formulieren wir es hart: Ist nicht auch die Kulturgeschichte der Menschheit immer auch noch eingeschrieben in die Naturgeschichte des Überlebenskampfes, in dem die Stärkeren die Schwächeren besiegen?  Die Harmonie der Natur ist eben die des Krieges aller gegen alle.

Zusatz:
9. August: Welttag der indigenen Völker der Welt
Wien (kath.net/pm)
Mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für jene Menschen, die seit Jahrhunderten unterdrückt, verfolgt und ausgebeutet werden: Das fordert Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner zum Welltag der indigenen Völker der Welt. Der 9. August wurde von den Vereinten Nationen zu diesem Welttag erklärt. Gleichzeitig zählt dieses Anliegen zu den zentralen Themen der Amazonien-Synode im Oktober im Vatikan.
Kath net am 10.8.2019

       

Sonntag, 17. Februar 2019

Irritationen: Naturbeherrschung und die göttliche Bestimmung des Menschen

Wird nach einem Spezificum der abendländischen Kultur gefragt, es müßte dann auch dieser Herrschaftsauftrag expliziert werden: "et replete terram, et subjicite eam"=und erfüllet die Erde, und machet sie euch unterthan, 1.Mose,1,28. Es liegt nun nahe, dies so zu verstehen, daß der Mensch, der Erde gegenüberstehend hier zur Unterwerfung der Erde durch Gott beauftragt wird. Das lateinische "subjicite" meint die Subjektivierung der Welt durch den Mensch als dem Subjekt, das der Erde gegenübersteht. Nicht erst das viel geschmähte: "Ich denke, also bin ich" Descartes setzte so aus sich heraus die Geschichte der Unterwerfung der Natur durch den Menschen. Es ist eben kein Zufall, daß das Abendland ob dieser religiösen Fundierung zu dem Ort des technischen Fortschrittes und noch gewichtiger des Fortschrittsglaubens wurde.
Ein Aspekt wird dabei aber leicht überlesen, daß der Mensch selbst einerseits als aus der Erde geschaffen zur Erde gehört und daß er andererseits als Seele, von Gott ihm eingehaucht, nichtirdisch ist: die materielle Welt, die Erde kann nicht aus sich heraus die Seele als rein Geistiges hervorbringen. Somit muß konsequenterweise der Mensch, insofern er körperlich-irdisch  ist, sich selbst auch zum Objekt seines Unterwerfens werden: Er subjektiviert sich selbst. 
Als erstes ist da an die Tugend der Selbstbeherrschung zu denken, aber damit erschöpft sich dieses Sichselbstunterwerfen nicht. Es fängt ganz unmerklich an, daß Menschen künstliche Zähne in ihrem Munde tragen, daß künstliche Hüften eingesetzt werden und dann auch künstliche Herzen, wo immer Defekte des natürlichen Körpers solche künstlichen Implantate verlangen zur Aufrechterhaltung der Gesundheit. 
Gibt es nun eine Grenze der Verkünstlichung des Menschen, daß eben nicht der ganze natürliche Körper durch einen Kunstkörper ersetzt werden darf, indem dann die menschliche Seele wohnte, wie einst im natürlichen Körper?Ein anderer Weg ist der der künstlichen Erzeugung und die Möglichkeit, schon pränatal eventuell gar in die DNA einzuwirken um entweder Erbkrankheiten vorzubeugen oder um nun doch den natürlichen Menschen zu "optimieren". Bisher war dies Optimieren nur etwas Äußerliches, wenn etwa die natürliche Seekraft durch Ferngläser oder Mikroskope verbessert wird, daß so das menschliche Auge sehen kann, was es rein natürlich nicht könnte  Wie nun aber, wenn dies Äußerliche zum Innerlichen des Menschen wird, daß er sich besser Implantate einsetzen ließe, so daß er besser  als allein mit den natürlichen Augen sehen könnte. 
Ist, um es abstrakter zu formulieren, der Mensch, der sich zum Cyborg umbildet, noch eine legitime Option im Rahmen dieses Unterwerfungsauftrages? Eines ist sicher: Unterwerfen meint nicht, was heutige Ökoconservative proklamieren, daß der Mensch die Natur so zu erhalten habe, wie sie ist. Gott hat dem Menschen eher eine große Baustelle vorgelegt mit dem Auftrage, nun daraus etwas dem Menschen Gemäßes zu machen, daß die Natur zu kultivieren ist. Das Gutsein der Natur ist dann die Gestaltbarkeit der Natur durch das Subjekt Mensch. Er kann die Natur subjektivieren, weil sie dazu erschaffen worden ist. 
Es drängt sich so der Eindruck auf, daß der Untergang  des Abendlandes auch sich in dem Mißtrauen gegnüber dem Willen und den Möglichkeiten der Unterwerfung der Natur manifestiert: Der postmoderne Mensch fängt an seiner Berufung zur Naturbeherrschung zu zweifeln.Ihm erscheint das als Willküranmaßung einer alles dominieren wollenden Subjektivität. Als Alternative bietet sich da die Vorstellung einer Reintegration des Menschen in die Natur an, daß er nur noch natürlich leben will und die Kultivierung der Natur, das ist seine Beherrschung als Irrweg perhorresziert. Aber so entseelt sich der Mensch in dem Willen,nur noch natürlich sein zu wollen. Als Seele ist er immer auch das ganz Andere der Natur gegenüber. So kann er nicht in ihr heimisch werden, ohne daß er die Natur für sich verkultiviert. Das ist die Subjektivierung der Erde durch den Menschen, die immer auch die Selbstkultivierung des Menschen inkludiert. Es ist aber eine offene Frage, wie sehr er sich selbst kultivieren will, ob es ihm gut täte, sich zu einer Cyborgexistenz zu kultivieren. Aber eine Tendenz zur Selbstcyborgisierung ist nicht verkennbar.
Verständlich wird diese Tendenz aber nur im Wissen um die dualistische Konzeption des Menschen als Seele-Leib- Wesen, dem so sein Leib selbst Objekt seines Beherrschen- und Gestaltenwollens wird. Dieser Dualismus setzt den Menschen erst als Gegenüber zur Welt, die er dann für sich gestalten will.          

Samstag, 29. Dezember 2018

Barbarische Ökumene?

Ob Wein oder Kaffee oder Limonade, alles sind eben Getränke, und Getränkgefäß ist Getränkgefäß, warum also nicht den Wein aus dem Kaffeebecher trinken und die Limonade aus dem Schnapsglas?
Kultur ist die Liebe zur Differenz, zur Kunst des Unterscheidens. Ein Weinkenner genießt gar den Rotwein aus einem Rotweinglas, einen Weißwein aus einem Weißweinglas. Nur so viel kulturelle Ausdifferenzierung  läßt auch ein Unbehagen an der Kultur entstehen: Warum nicht die Einheit, die Gleichheit von Allem betonen, daß das doch alles nur Getränke seinen und daß so ein Trinkgefäß für alle ausreiche? 
Die Ähnlichkeit zum ökumenischen Diskurs verblüfft: Evangelisch, Katholisch, Anglikanisch, ist das nicht auch alles nur christliche Religion, im Prinzip das Gleiche. Warum da nur die Differenzen betonen, bei so viel Gleichheit. Und die jüdische,die christliche und die islamische Religion sind doch auch alles monotheisische Religionen- warum nicht gleich alle drei unter einem Dach, einer gemeisamen Religionsorganisation?  
Wenn eine Hochkultur sich durch ein Höchstmaß an Binnendifferenzierungen auszeichnet, so keimt in ihr auch immer schon der Wille zur Vereinfachung, zum Zurück zur Einheit. Die christliche Religion gehörte zur Hochkultur des Abendlandes.Jetzt nimmt sie auch ihren Anteil an dem Niedergang des Abendlandes.Die Unlust am Differenten, der Wille nach der Einheit aller Christen ist so auch eine Manifestation des Unbehagens an der Kultur. 
Der ökumenische Diskurs ist somit nicht nur eine Manifestation des schwindenden Glaubens an eine Wahrheit in der Religion und den christlichen Confessionen (daß alle Confessionen  und Religionen gleich wahr seien, zeigt doch nur an, daß die Frage nach der Wahrheit der Religion als unwichtig abgetan ist), sondern auch eine Manifestation der Krise der Kultur: ist doch alles irgendwie gleich(gültig)

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Zivilisation , Kultur und Religion- ein Orientierungsversuch

Was ist Zivilisation, was ist Kultur und wie verhält sich die Religion dazu? Hier gibt es sicher mehr Meinungen als Kalenderblätter- nur eines ist gewiß, daß hier wir uns Klarheit verschaffen müssen, auch um die Religion adäquat begreifen zu können. Alexander Dugin präsentiert nun in seinem Buch: "Die vierte politische Theorie" eine Orientierungsskizze zu dieser Problematik. Traditionell unterscheide man verschiedene Phasen der Menschheitsentwickelung, die der "Wildheit", der " Bar barei" und der "Zivilisation". ( 1. Auflage 2013, S.109) Anfänglich lebten die Menschen als Jäger und Sammler wild, dann kam die Phase der "Barbarei": analphabetische Gesellschaften, " die sich mit Landwirtschaft der einfachsten Art und Rinderzucht beschäftigten, ohne eine klare Arbeitsteilung oder die Entwicklung sozialpolitischer Institutionen zu besitzen." (S.109)
"Zivilisation" das steht dann für das geschriebene Wort, Städte, Handwerk, technische Verbesserungen, Klassenbildung und "entwickelte theologische und religiöse Systeme " treten hervor. (S.109) Daß aber die Religion erst in der Phase der Zivilisation erscheinen soll, ist unvorstellbar. Auch wenn man kein Anhänger feministischer Theologie ist, kann man zumindest in einem Punkte ihr zustimmen, daß in der Zeit, bevor der Mensch anfing, Ackerbau zu betreiben und Tiere zu züchten matriachale Religionen vorherrschend waren, da der Zusammenhang zwischen Säen und Ernten nicht bekannt war und auch nicht der zwischen dem geschlechtlichen Fortpflanzungsakt und der Geburt von Nachwuchs. Die Fruchtbarkeit der Erde wie die der Frau ließen also den Glauben an weibliche Gottheiten entstehen, da das Weibliche für die Fruchtbarkeit steht. Als nun aber die Bedeutung des Geschlechtsverkehres für die Zucht von Tieren und die Notwendigkeit des Aussäens für die Ernte erfaßt wurde, wurde das Männliche als das Produktive und das Weibliche als das rein Empfangene verstanden (in das was eingesät wurde) und die Götter wurden männlich. Die Konstante ist dabei, daß das Göttliche für das Produktive, das Hervorbringende steht und so der "Geschlechtswandel" der Götter sich erklären läßt. 
Aber eines ist so klar: Auch in der wilden Zeit gab es praktizierte Religion und so wahrscheinlich schon eine erste Arbeitsteilung, die von Priestern und Nichtpriestern, daß eben nur besonders Eingeweihte die religiösen Kulthandlungen erfolgsversprechend vollziehen konnten. 
Dugin schlägt nun gar vor, die Begriffe Zivilisation und Kultur synonym zu gebrauchen (S.111). Aber das scheint mir kein guter Rat zu sein. Wo Religion ist, da ist Kultur, aber nicht immer lebte der Mensch  zivilisiert. Ob man nicht Zivilisation und Kultur so distinguieren sollte, daß die Zivilisation  einen bestimmten Grad der Naturbeherrschung durch den Menschen meint, daß das Verhältnis zur Natur ein technisches ist (und der Mensch sich selbst durch Technik zu beherrschen anfängt, daß der Mensch zusehens zum Cyborg wird) und daß die Kultur sein geistiges Leben meint: Religion, Kunst und Moral.(Es ist wohl anzunehmen, daß ursprünglich die Kunst in der Religion praktiziert wurde und sich später erst von  ihr emanzipierte.)
Nun gibt es Relationen von der Zivilisation und der Kultur: Wenn der Mensch seine gesamte Aktivität auf den Erwerb des zum Leben Notwendigen kaprizieren muß, wird er schwerlich Kultur hervorbringen können. Wenn aber der Mensch als Jäger und Sammler erfolgreich genug ist, daß einige anderes als jagen und sammeln  müssen, dürften die ersten kulturellen Praktiken hervorgebracht worden sein, wahrscheinlich von Priestern. Versteht man magische Praktiken als Vorstufe religiöser Kulthandlungen, ist es wohl einsichtig, daß dafür besonders Talentierte und Qualifizierte von Nöten waren, daß hier vielleicht die erste Arbeitsteilung vorlag, die die Differenz und Bezogenheit von Zivilisation und Kultur anzeigt: Der Jagdzauben ist eine Kulturpraxis, dient aber der Naturbeherrschung. Als  Zivilisation kann dann die Phase der Naturbeherrschung verstanden werden, wo Magie und Religion keine Faktoren der Naturbeherrschung mehr sind, weil diese nun rein technisch gestaltet wird. 
So kann man- gegen eine überspannte Modernismuskritik bei Dugin- den Fortschritt in der Beherrschung der Natur und damit auch des Menschen nicht  bestreiten, aber das gilt nicht so für einen vermeintlichen kulturellen Fortschritt. Oswald Spenglers These von der Zivilisation als der Untergangsphase jeder Kultur, könnte man dann auch so deuten, daß die Kultur in rein technisch sich verstehenden Zeiten untergeht, die Kultur sich sozusagen nihilistisch auflöst.  
Sagen wir es einfach: Der Steinzeitmensch erschlug seinen Nächsten mit einem unbearbeiteten Stein, der moderne Mensch erschießt ihn mit einer Pistole. Der technische Fortschritt  ist unverkennbar, aber kulturell ist hier wenig an Fortschritt zu erkennen, wenn man zur Kultur das moralische Verhalten der Menschen dazuzählt. 
Einfach veranschaulicht: Das Wasserklosett ist eine wunderbare zivilisatorische Hervorbringung, die das Leben erleichtert, aber die an den Wänden niedergeschriebenen  Klosprüche erreichen mitnichten das Niveau von Aphorismen  Nitzsches oder die Qualität von Goethes Gedichten!    

Corollarium 1
Die Moderne möchte ich so als eine spezifische Kultur verstehen, als den Versuch, daß der Mensch das von Gott Erhoffte, die Erlösung, als seine Aufgabe versteht, daß die Religion aufgehoben werden soll, indem ihre Erlösungsverheißungen als Entwicklungsaufgabe des Menschen verstanden wurde. Die Postmoderne signalisiert das Ende, das Verblassen des Glaubens an die Erlösbarkeit des Menschen durch den Menschen, als der radicalste Versuch der Selbsterlösung im Scheitern des kommunistischen Sozialismus 1989  endgültig endete. Vielleicht war Josef Stalin so der letzte wirklich moderne Mensch, der Geschichte wirksam gestaltete.  

Corollarium 2
Zur Zivilisation gehört es so konstitutiv, daß der Mensch sich selbst auch als Naturwesen begreift, das er durch die Technik als das Medium der Naturbeherrschung selbst beherrschen will.  Da er aber immer auch Geist, Seele ist, ist er aber auch immer jenseits der Natur und so kulturfähig.