Donnerstag, 1. Januar 2026

„Ein gutes neues Jahr“ oder eine befremdliche attavistische Praxis

 

Ein gutes neues Jahr“ oder eine befremdliche attavistische Praxis





Jemanden etwas Gutes wünschen, gehört zu den üblichen Geburtstagsritualen und zu Neujahr wie das Amen in der Kirche. Diese Praxis ist eine so selbstverständliche, daß es für Nachdenkliche sinnvoll ist, darüber einmal nachzudenken: Es wird ein Wunsch geäußert. Spontan würde man doch meinen, daß ein Wunsch an jemanden adressiert wird in der Hoffnung, daß dieser dann auch den Wunsch erfüllen möge. „Mama, eine Extraportion Eis möchte ich jetzt“, und wenn auch nicht immer dieser Kinderwunsch erfüllt wird, so wird er doch in der Hoffnung artikuliert, daß dieser Wunsch erfüllt wird.

An wen wird dann der Geburtstagswunsch etwa: „ein langes Leben und Gesundheit“ adressiert, daß der den dann erfüllen möge. Der Begünstigte ist das Geburtstagskind, aber zu wem wird dieser Wunsch adressiert, daß der in Erfüllung gehen möge? Wer ist der Adressat des Wunsches: „Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr“? Soll etwa nun gemeint sein, daß es nun die Aufgabe des so Bewünschten ist, den Wunsch selbst zu verwirklichen? Wäre der Wunsch dann auszubuchstabieren in die Aussage: „Mögest Du doch dafür sorgen, daß für Dich das nächste Jahr ein gutes wird“?

Aber wenn man nun das, was einem gewünscht wird, bedenkt, kommt man zu der Erkenntnis, daß das Gewünschte gerade nicht etwas ist, daß der Bewünschte durch eine Eigenleistung selbst realisieren kann. Der Wunsch: „Viel Glück!“ verdeutlicht dies.Das Irritierende der Wunschpraxis ist nun das, daß kein Adressat benannt wird, von dem der für jemanden etwas Wünschende die Erüllung des Wunsches sich erhofft.

Zwei unterschiedliche Lösungsansätze sehe ich nun:Erstens, daß implizit damit Gott gebeten wird, diesen Wunsch zu erfüllen und daß von ihm auch eine Wunscherfüllung erhofbar ist, da man ja nur Gutes für jemanden erwünscht und Gott selbst die Quelle alles Guten ist. Wir Menschen können zwar in beachtlichen Maßen für die von uns erwünschten Güter sorgen, aber es sind uns auch unsere Grenzen bewußt. Gott würde dann um das gebeten, was sich unserem Eigenvermögen entzieht. Der Glaube an das Schicksal als eine unser Leben (mit)bestimmende Macht drückt dies am deutlichsten aus gerade in der Unbestimmtheit dieser Vorstellung des Schicksalhaften.

Aber es gibt nun ein beachtliches Gegenargument: Wo Gutes anderen Menschen gewünscht werden kann, da kann auch verflucht werden: „Verflucht seist Du und Deine Familie!“ Das Verbot: „Fluche nicht“ setzt ja die Möglichkeit eines Verfluchens voraus und gibt so diesem Verbot erst seinen Sinn. Auch der, der irgendwen verflucht, erwartet, daß der ausgesprochene Fluch sich gegen den so Verfluchten erfüllen wird. Wie der, der jemndem etwas Gutes wünscht, damit nicht einfach nur seine Wohlgesonnenheit dem Bewünschten gegenüber artikulieren möchte, so will auch der Verfluchende mehr damit bewirken, als nur seine Abneigung dem Verfluchten gegenüber zu artikulieren. Wer wäre dann der Adressat, von dem die Erfüllung des Fluches erhofft wird?

Jetzt nähert sich uns der unerquickliche Gedanke, daß wir es hier mit einer magischen Praxis zu tuen haben. Der Wunsch wie auch die Verwünschung erfüllen sich durch ihr Ausgesprochenwerden an den so Bewünschten oder so Verfluchten. Deshalb bräuchte weder der Wunsch noch der Fluch einen Adressaten, von dem eine Realisierung erhofft wird.

Ein Szenenwechsel: Wer frägt, was für eine gediegene Hochzeitsfeier von Nöten und was gar förderlich für eine gute Ehe sei, stößt unweigerlich auf diese Anregung: Man möge der Braut doch etwas Blaues,Altes, Neues und Geliehenes geben, vier verschiedene Dinge, deren Übergabe förderlich für das Glück der nun gechlossen werdenden Ehe sei. Wie läßt sich das erklären? Die einfachste Erklärung wäre wohl die, daß wir es auch hier mit einer magischen Praxis zu tuen haben.

Wenn man der These zustimmt, daß die Kultur die säkularisierte Substanz des religiösen Kultes ist, in dem immer auch magische Praktiken aufgehöben sind, dann klingt es nicht unplausibel, daß sich solch ursprüngliche Prktiken bis in nachaufklärerischen Zeiten bewahrt haben, nur daß man an sie nicht mehr so recht glaubt. Kultur sei eben das, was man praktiziert, auch wenn man daran nicht mehr recht glaubt. Wer glaubt denn noch, daß der Wunsch: „Ich wünsche Dir alles Gute“ eine Äußerung ist, die da er ausgesprochen wurde, das Gewünschte erwirkt ob nun magisch oder durch Gottes Erhören des Wunsches?

Oder wollen wir es doch mit Shakespeare halten, daß zwischen Himmel und Erde es weit mehr gibt, als wovon unsere Schulweisheit weiß?



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