Was der religionslose Mensch verliert – oder daß doch was fehlt, wenn der Glaube an Gott fehlt
Jan Loffelds Buch: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ reizt zum Widerspruch,schon der Titel ist eine Absurdität, denn Gott kann gar nicht fehlen, es könnte nur der Glaube an ihn fehlen, ja es könnte die Meinung vorherrschend sein, daß es gleichgültig sei, ob denn ein Gott sei, was immer man sich dann unter der Vokabel „Gott“ vorstellen mag, aber diese Vokabel bennent dann nur etwas Unwesetliches. Ja, jedem Staubkörnchen widmen zumindest die Sauberkeit Liebende mehr Aufmerksamleit als Gott, denn den Staub beachten sie, auch und gerade, wenn sie staubsaugen!
Aber ganz unverhofft fand ich nun in dem excellenten Roman: „Jan Eyre“ von Charlotte Bronte1 in einem Dialog zwischen der Hauptprotagonisten und Helen Burn, die zu ihr als Totbetrübten diese kleine Rede hält,ein Konzentrat, was meint es, ein religiöser Mensch zu sein. Geben wir also dieser Gläubigen das Wort:
„Pst Jane! Du mißt der Liebe der Menschen eine zu hohen Wert bei.Du bist zu impulsiv,zu vehement;die allmächtige Hand,die deine äußere Hülle schuf und mit Leben erfüllte,hat dich mit anderen Kraftquellen ausgestattet als nur mit deinem schwachen Ich oder dem anderer Geschöpfe,die genauso schwach sind wie du.Außer dieser Welt und außer diesem Meschengeschlecht gibt es noch eine unsichtbare Welt und ein Reich des Geistigen und der Geister.Diese Welt umgibt uns, denn sie ist überall,und diese Geister passen auf uns auf,weil sie den Auftrag haben,uns zu beschützen; und selbst wenn wir in Schmerz und Schande sterben sollten, wenn uns von allen Seiten Hohn und Spott entgegengeschlagen und Haß uns am Boden zerstören würde, dann gibt es Engel,die unsere Qualen sehen und unsere Unschuld erkennen (falls wir denn unschuldig sind,so wie ich von dir weiß,daß du unschuldig bist)“ „Und Gott wartet nur auf die Trennung des Geistes vom Fleische,um uns unseren gerechten Lohn zuteil werden zu lassen. Warum also sollten wir je von Trübsal überwältigt zu Boden sinken, wenn doch das Leben so schnell vorbei und der Tod ein so icherer Eingang zur Glükseligkeit ist – zur ewigen Herrlichkeit?“
Dies ist nun keine spezifisch christliche Trostrede, sie hätte so wohl auch von einer Jüdin oder Muslimen gehalten worden sein, aber sie ist eine zutiefst religiöse Trostrede. Sie demonstriert uns, daß die Erlösungsreligion nicht primär eine Morallehre, letztbegündet in dem Glauben an einen Gott, ist. Zu einer Erlösunsreligion gehört konstitutiv dieser Zweiweltendualismus, die Welt hier und die andere und daß die andere die wesentliche ist. Aber diese zwei Welten bestehen nun nicht beziehungslos nebeneinander, sondern die himmlische wirkt in unsere Lebenswelt hinein. Die Engel sind dazu beauftragt, im Sinne Gottes, uns in dieser Welt beizustehen.
Dies ist nun keine theologische Entfaltung der Gotteslehre und der Angellogie, sondern ein manifester Ausdruck einer religiosen Lebensauffassung: wir Menschen als Fremdlinge auf Erden in der Erwartung der Heimkehr, die nun einen kurzen Erdenweg noch vor sich haben, bis sie dann in ihre Heimat wieder aufgenommen werden. Anthropologisch reflektiert sich das in dieser dualistischen Anthropologie, daß wie aus einer Seele und einem Körper bestehen, dem der Zweiweltendualismus korreliert. Ob wir schuldig oder unschuldig sind, das entscheidet dann darüber,ob wir würdig sind, in das Himmelreich aufgenommen zu werden.
Nicht ist es nun angemessen, den Gedanken eines gerechten Lohnes für unchristlich zu erachten, denn Jesu Morallehre ist eindeutig eine Lohnmorallehre mit der Pointe, daß der Christ nicht nach einem irdischen Lohn sondern nach dem himmlischen strebt. Es scheint auch ein Strukturgesetz der monotheistischen Religionen zu sein, daß, wenn der Polytheismus in ihnen aufgehoben der eine uns alleinige Gott tendenziell nicht mehr selbst als unmittelbar in der Welt agierend geglaubt wird, sondern daß er durch Engel handelnd geglaubt wird. Der Engelglaube gehört so konstitutiv zum Monotheismus.
Zum Abschluß möchte ich dazu raten, diese Trostrede noch mal in aller Ruhe zu lesen!
1Charlotte Bronte, Jane Eyre, 1.Band, 8.Kapitel, Überetzer: Gottfried Röcklein.. Auf eine Seitenangabe verzichte ich ngesichts der Unmengen von Ausgaben dieses gar nicht genug zu lobenden Werkes.
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