Ver-rücktes über die Sünde
„Was man die Sünde nennt,ist ein wesentliches Glied in der Kette des Fortschrittes. Ohne sie würde die Welt zum Sumpfe, sie würde alt und farblos.Durch die starke Betonung der Individualität rettet sie uns vor der Einförmigkeit des Typus.“ So lautet einer der bekannten Aphorismen des Schriftsteller Oscar Wilde.Francoise Sagan, zitiert in ihrem Roman: „Bonjour tristesse“ diesen Schriftsteller so: „Die Sünde ist der einzige lebendige Farbfleck,der in der modernen Welt existiert.“ 1
Das klingt verrückt und ist nicht nur antichristlich sondern auch antimoralistisch. Allerdings ergänzt die Protagonistin des Sagan Romanes diesen Aphorismus Wildes so: „Vollkommen überzeugt machte ich mir diesen Ausspruch zu eigen,und dies um so leichter, als ich ihn nie in die Tat umgesetzt hatte.“ Eine einfache Kontrollfrage zeigt das Problem eins solchen Antimoralismus: Was, wenn ich selbst das Opfer eines solchen Antimoralismus werden würde? Wer so denkt, dürfte sich immer nur als Täter denken, oder zumindest als ein außerhalb des Lebens Stehender, dem das Leid der Opfer unberührt läßt.
Aber irritieren müßte einen aufmerksamen Leser doch der Zusammenhang zwischen der Sünde und der Individualität, von der dieser Aphorismus spricht. Daß Oscar Wilde nun selbst seine Individualität inszeniert hat, ist auch allseits bekannt. Was bedeutet es denn nun für das Verständnis des Sünde, wenn sie auf das engste mit der Vorstellung des Individualismus verbunden wird? Man könnte den Individualisten als einen Menschen verstehen, der sich selbst sein Gesetz, wie er leben will oder meint, leben zu sollen, sich selbst gibt. Es existiert für ihn dann keine objektiv geltende Moral, sondern er entscheidet sich selbst für eine oder kreiert sie gar für sich. Im Sinne Nietzsches wäre ein Individualist jemand, der das Faktum, daß es keine objektiv geltenden moralischen Gesetze anerkennt und diesen Nihilismus überwindet, indem er sich selbst ein Gesetz gibt, das aber dann nur für ihn selbst gelten würde. Es gäbe so nur eine Privatmoral und Menschen, die ihre Privatmoral anderen zum Gesetz machen wollen, obgleich ihre Geltung doch nur eine rein subjektive ist.
Ist also der Individualismus so gedeutet im Sinne Wildes die Quelle des Fortschrittes und der Lebendigkeit des Lebens, daß es nicht ein uniformes Einerlei ist? Soziologisch, isb im religionssoziologischen Diskurs ist ja die These von der Individualisierung der Religion wie überhaupt der Lebensstile des modernen Menschen eine übliche Vorstellung geworden: Jeder erwähle sich seinen Lebensstil,bestimme selbst, wie er es mit der Religion halten wolle und was er selbst für ein moralisches Leben erachtet.Wenn nun das theokratische System des Irans zugrunde geht, dann ist das ja für jeden Individualisten der Beweis, wohin ein System führt, das jedem Menschen diktieren will, wie er zu leben habe. Nur ein liberaler Staat sei so der Garant für die Freiheit seiner Bürger, privat leben zu können, um dabei nur ein Minimum an für alle geltende Gesetze anerkennen zu müssen.
Aber kann man sich einen König David oder Salomon vorstellen, die obschon selbst fromm, erklärten, daß jeder sich frei entscheiden dürfe, welchen Gott oder welche Götter er verehren möchte und daß dann in Jerusalem es so viele Göttertempel gäbe wie Religionen in dieser Stadt praktiziert werden? Aber das hat es gegeben zum Ende der Regentschaft des Königs Salomon: Gott rechnete das ihm und dem jüdischen Volke aber als Sünde an und nicht als ein Musterbeispiel gelebter Pluralität, als ein buntes Festival der Religionen!
Aber in der Politikwissenschaft gilt es wohl als ein Allgemeinplatz, daß die Demokratie von der Prämisse lebt, daß nicht erkennbar sei, was objektiv das wahre Leben oder das Gemeinwohl sei, sondern daß die Pluralität der Meinungen darüber eine unhintergehbare Tatsache sei. Wahrheit ist und kann nur eine Privatmeinung sein des Einzelnen oder von Gruppen, in denen die Einzelnen dann in ihrem Meinen übereinstimmten. Deswegen verurteilt ja Popper alle Philosophen von Platon bis Hegel, die eine Erkennbarkeit der Wahrheit vertreten.
Wenn das nicht völlig daneben gedacht ist, dann hieße das, daß unsere jetzige postmoderne Gesellschaft den Individualismus als ihr Fundament anerkenne und damit auch die Sünde. Die innerkatholische Strömung des Integralismus tendiert tatsächlich zu diesem Urteil und wird deswegen auf das entscheidendste bekämpft von allen Bejahern des Pluralismus.
So scheinen die verrückt anmutenden Aphorismen Wildes über die Sünde doch viel bedeutsamer zu sein, als es der erste Leseeindruck suggeriert. Abstrackter formuliert: Wie verhält sich die Wahrheit, wenn sie erkennbar ist, zur Pluralität der menschlichen Lebensgestaltungen? Die Extremthese lautet : Wahrheit schließt die Legitimität der Pluralität aus und kann sie nur als eine Abkehr von der Wahrheit begreifen. (Das ist die Hauptthese der Vorlesung: „Grundkurs der politischen Systeme“ von Professor Patzelt. Wo das, was das Allgemeinwohl ist, politikwissenschaftlich ver-standen,philosophisch, das, was die Wahrheit ist, a priori erkannt wird, etwa durch die Offenbarung Gottes oder durch eine Philosophie, da könne es keinen legitimen Pluralismus geben.) Ist eine andere Verhältnisbestimmung zwischen der Wahrheit als erkannten bzw erkennbaren und der Pluralität und Individualität konstruierbar? Das ist wahrlich keine leichte Aufgabe.
1Erster Teil, 2.Kapitel, Schluß. Übersetzung Helga Treichl.
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