Ist der christliche Glaube die Alternative zum Nihilismus in Europa?
Kardinal Joseph Ratzinger scheint diese Position zu vertreten. So schreibt er: „So ist schon über Jahrzehnte hin ein Zertreten des moralischen Sinns vor sich gegangen,das zum vollständigen Nihilismus werden muss,in dem keines der vorherigen Ziele mehr galt und Freiheit nur als Möglichkeit stehen blieb,alles zu tun,was ein leer gewordenes Leben einen Augenblick spannend und interessant machen kann.“1
Diese KardinalsAussage ist nun wahrlich nicht leicht verständlich: Da gibt es einerseits einen moralischen Sinn, dann vorherige Ziele und dann eine irgendwie falsch verstandene Freiheit. Der Nihilismus generiere sich nun aus der Destruktion des moralischen Sinnes. Die Ziele, die vorher noch als erstrebenswert galten und die Moral suspendierten, hätten ihre Bedeutung verloren, und das erbrächte nun ein nihilistisches Freiheitsverständnis.
Klarer wird dieser Gedankengang, wenn man sich Kardinal Ratzingers Analyse des Nationalsozialismus und der kommunistischen Ideologie vor Augen hält. In Übereinstimung mit Rauschning bestimmt er den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“2 und den Kommunismus, dem ebenso ein Nihilismus zugrunde läge.3
Nun verfolgen beide Ideologien Endziele, das der Errichtung der deutschen Volksgemeinschaft oder das der universalen klassenlosen Gesellschaft. Solche Endziele schließen nun aber einen Nihilismus a priori aus, es kann im Raume solcher endzielausgerichteten Ideologien zwar wohl eine Moral des; „Der Zweck heiligt die Mittel“ geben,aber der Glaube an ein höchstes Ziel, ein summum bonum also schließt jeden Nihilismus aus.
So sagt Hitler selbst: „Das Höchste aber,was mir Gott auf dieser Welt gegeben hat,ist mein Volk! In ihm ruht mein Glaube,ihm diene ich mit meinem Willen, und ihm gebe ich mein Leben.“1
Nun wird die These aufgestellt: „In der nationalsozialistischen wie in der kommunistischen Diktatur gab es keine Handlung, die als an sich schlecht und immer unmoralisch angesehen worden wäre.“4 Nicht „an sich“ gilt eine Handlung moralisch oder unmoralisch, sondern in Hinsicht auf das Kriterium der Hinordnung auf das höchste Ziel. Wäre etwa die Position: Alles, was dem Ziele, in das ewige Leben zu erreichen, diene,sei moralisch gut und alles, was das Erreichen dieses Zieles verunmögliche, sei unmoralisch, verwerflich?
Der Kardinal meint nun aber, daß eine so auf ein Endziel ausgerichtete Moral unmoralisch sei und daß sie den Nihilismus vorbereite, wenn dann ihre Endziele, die der Volksgemeinschaft oder der klassenlosen Weltgemeinschaft ihre Glaubwürdigkeit verlören.
Rauschning behauptet nun aber, daß die Natinalsozialisten gar kein Endziel gehabt hätten, an das sie geglaubt hätten: „Der Nationalsozialismus war nur ein Instrument,dessen sich der Nihilismus bediente,das er aber auch jederzeit wegzuwerfen und durch andere zu ersetzen bereit war.“5
Das ist nun eine Variante des plumpen Priester-betrugsnarratives,daß die Priester ihre Götter nur erfunden hätten, an die sie selbst selbstverständlich nicht glaubten, nur um mit diesen Göttern das Volk zu beherrschen. Außer den angeblichen Gesprächen Rauschnings mit Adolf Hitler,6 in denen der sich als purer Nihilist offenbart haben soll, existiert kein Beleg, daß Hitler und die anderen Nationalsozialisten nicht an ihre eigene Ideologie geglaubt haben! Das gilt genauso für alle Leninisten, Stalininisten und Maoisten. Sie alle waren viel mehr Jakobiner, die mit Gewalt das von ihnen als das Wahre Erkannte durchsetzen wollten, und die so die Feinde der Wahrheit bekämpften.
Gerhard Szczenys Buch: „Das sogenannte Gute:Vom Unvermögen der Ideologen“ wird eventuell diesen politischen Welterlösern gerechter als ein Nihilismusvorwurf: Sie wollten die Welt erlösen und erachteten den Terror als ein notwendiges Mittel zur Erreichung ihrer Weltopti-mierungsprogramme.
So wie Kardinal Ratzinger hier versucht, dem Nihilsmus zu Grunde zu gehen, geht es nicht. Die großen Ideologien des Kommunismus wie des Nationalsozialismus haben nichts Nihilistisches an sich, sie verneinen nur das Gebot der Feindesliebe im politischen Raum, den sie glauben an einen Feind, der vernichtet werden muß.
Auch und gerade eine „Der Zweck heiligt die Mittel Moral“ ist kein Nihilismus. Wenn etwa in einer Religion geglaubt wird, daß die Kultprostitution für die Fruchtbarkeit notwendig ist, dann ist das keine unmoralische Praxis für die, die das so glauben! Als unmoralisch kann nur der diese Kultpraxis verurteilen, der sich gewiß ist, daß dieser Glaube ein Irrglaube ist.
Aber es gibt doch in der heutigen Zeit eine Tendenz zum Nihilismus. In diesem Punkte könnte man doch dem Kardinal zustimmen, auch wenn man seine Genealogie des Nihilismus als falsch beurteilen muß!
Aber auch in diesem Punkte muß dem Kardinal widersprochen werden! Die christliche Moral wird zwar in das Abseits gedrängt und ist zu einer bloßen Privatsache geworden, aber doch nur, um Platz zu machen für eine neue Moral, die der politischen Korrektheit! Die avanciert zur neuen öffentlichen Religion, der sich auch die Kirche unterworfen hat! Im Kern ist das die Ideologie der Menschenwürde, der Menschenrechte, die seit der Französischen Revolution ihren Siegeszug gegen die Kirche und die christliche Religion eröffnete und jetzt umfassend siegt. Diese Ideologie macht nun aber die christliche Religion als dem Fundament des Abendlandes für das heutige Europa überflüssig. Nicht der Nihilismus ist unser Schicksal, sondern eingedenk Nietzsches Willen zur Überwindung des Nihilismus der neue Werte- und Moralhimmel, der die christliche Religion in das Abseits stellt.
Den Feind des Nihilismus gibt es nicht, da dieser Feind schon längst überwunden worden ist durch die neue öffentliche Religion, der sich nun selbst die Kirche subordiniert.
Um es überspitzt provokannt zu formulieren: Stalin und Hitler waren "Gläubige", die um der Wahrheit willen die Feinde der Wahrheit, die, die sie dafür hielten, bekämpften- sie waren so keine Nihilisten!
1Zitiert nach: Wofür kämpfen wir?, 1944, S.77.
1Joseph Kardinal Ratzinger, Werte im Zeichen des Umbruchs, 2005, S.46.
2A.a.O. S.46. Er bezieht sich dabei auf: H.Rauschning, Die Revolution des Nihilismus, 1938.
3A.a.O. S.46.
4A.a.O. S.46.
5A.a.O. S.46.
6Es spricht sehr viel dafür, daß die Gespräche zwischen dem Autoren und Hitler eine pure Fälschung ist. Rauschning wird aber in kirchlichen Kreisen gern zitiert, weil nur in diesem Buch ausgesagt wird, daß Hitler selbst die Absicht geäußert habe, die Kirchen zu vernichten.