Wenn von einer unbedingten Bejahung des 2.Vaticanumes geschrieben wird, was wird damit gemeint?
Seit einiger Zeit hege ich diesbezüglich einen Verdacht, den ich noch nicht verifizieren kann, aber den ich für sehr wahrscheinlich halte.Nicht die vielfältigen theologischen Aussagen der Texte dieses Konziles sind gemeint, wenn das Konzil als unbedingt zu Bejahendes gefeiert wird, sondern primär seine kirchenpolitischen Intentionen.
Im 2.Vaticnum habe die Kirche die moderne bürgerliche Gesellschaft, fundiert auf der Ideologie der Menschenrechte und der Menschenwürde anerkannt und damit objektiv gesehen die gesamte konstantinische Epoche als den Irrweg der Kirche abgeurteilt. Sie habe daraus aber noch nicht die Konsequenz gezogen, nun ihr eigenes Innenleben demgemäß zu gestalten, sich also zu enthierarchisieren und zu verdemokratisieren.
Im 2.Vaticanum sei die Zeit(geist)gemäßheit zu dem Kriterium der Kirche und der Theologie avanciert, daß die Geschichte der Kirche und ihrer Theologie ein permanenter Anpassungsprozeß an die jeweilige Zeit gewesen sei, auch wenn die conservativen Kräfte in der Kirche sich jeweils der notwendigen Modernisierung entgegengesetzt hätten, aber den Progreß nicht aufhalten konnten. Das wäre die „Tradition“ der Kirche, daß so nun ein weiteres Einpassen in die Moderne verlange.
Dazu gehöre die Anerkenntnis aller Religionen als gleich wahre, der Verzicht auf jegliche Mission und daß stattdessen das Eintreten für die Menschenrechte die Zentralaufgabe der Kirche zu sein habe.
Im 2.Vaticanum habe so die Kirche die zeitgeschichtliche Bedingtheit all ihrer Lehren erkannt und sei so offen geworden für eine generelle Modernisierung der Kirche, die nur von Conservativen und Reaktionären torpediert würde
Dabei oszilliert das innerkirchliche Reformlager zwischen einer rein marktwirtschaftlichen Konzeption: „Der Kunde ist König“ und einer dogmatisch aufklärerischen, daß einfach gesagt reaktionären, conservativen Bedürfnissen nicht nachgegangen werden dürfe, das wäre ein illegitimer Populismus sondern nur den progressiven Wünschen nachzugehen sei. So sei jeder Versuch einer Rehabilitierung der „Alten Messe“ zu verwerfen, aber wenn Homosexuelle oder LGBTQ- Anhänger Gottesdienste für sich haben wollen, müsse das begeistert bejaht werden.
Dabei gilt die Morallehre der Kirche als ihr größter Irrtum, sodaß es am besten wäre, einfach dem vernünftigen Menschen es anheimzustellen, wie er selbst leben möchte, sofern er dabei die Moraldogmen der Politischen Korrektheit respektiert als die von jedem Bürger anzuerkennenden öffentlichen Religion,
Da die Bejahung der westlichen Demokratie, faktisch die Herrschaft einer Parteienpolitikeroligarchie die Aufgabe der Kirche sei, müsse sie nun vorrangig den Kampf gegen „Rechts“ führen. Die Kirche habe sich dabei als ein Subsystem der Gesellschaft zu verstehen, die sich durch ihre Leistungserbringungen für sie legitimiert. Traumatisierend wirkte dabei die Einstufung der Kirche und der Religion als nichtsystemrelevant in der Coronakrisenzeit: Nein wir sind relevant für die moderne Gesellschaft.
Nun ist das nicht eine Anreihung von Einzelpunkten, sondern meint einen Grundsatz, der sich dann so expliziert, daß die Anerkennung des Pluralismus als dem Fundament der modernen Gesellschaft die Behauptung, daß es eine Wahrheit gäbe, die als uns offenbarte uns beansprüche, nicht akzeptierbar sei.
