"Ich habe ihnen versprochen, ihr Leben zu schonen,falls sie ein offenes Geständniß ablegen; sie haben dies gethan, und nun ist es meine Pflicht, mein Wort zu halten."
"Hm, das ist nicht vorsichtig.Diese Kerls haben den Strick verdient.Werden sie ohne Strafe entlassen,so sind Sie Ihres Lebens ja gar nicht mehr sicher."
"Das sage ich auch,aber ich habe mein Wort noch nie gebrochen und werde es auch jetzt nicht thun. Vielleicht macht meine Nachsicht einen bessernden Eindruck auf sie." Karl May, "Waldröschen" Bd 3, Zweite Abtheilung, Die erste Menschenjagd, 5.Kapitel, Tief unter der Erde, S.1450. Praktizierte Nachsicht verbessere (vielleicht) Menschen, das ist die hier zu bedenkende Aussage. Die nachsichtig Behandelten wollten einen Auftragsmord begehen und kamen doch straffrei davon, da sie ihren Anstifter benannten. Das war das Wesentliche ihres "offenen Geständniß", nicht aber eine ehrliche Reue.
Gehört der Glaube an das Gute im Menschen, daß er ein besserer wird, wenn man ihn gütig begegnet und behandelt zum christlichen Glaubensgut? In dem Roman erfolgt diese Antwort: "Dies glaube ich nicht; auf diese Art von Menschen macht Liebe keinen Eindruck, da sie die Milde doch nur für Schwäche halten." (S.1450f) Aber besagt denn nun Jesu Gebot: "Liebet Eure Feinde" nicht genau das Gegenteil, daß ein Mensch durch die ihm entgegengebrachte Liebe wohl ein besserer wird?
Die Auslegung der Bergpredigt Jesu Christi gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Moraltheologie, wie diese in Einklang zu bringen ist mit dem Gebot der Nächstenliebe und dem darin eingeschlossenen Gebot der Selbstliebe. Eindeutig ist nun aber die Intention der Bergpredigt: Sie lehrt uns, wie wir zu leben haben, um in das ewige Leben eingehen sollen in der Tradition des 15.Psalmes, der Einlaßbedingungen in das Allerheiligste. Das schließt nun aus, daß Jesus uns hier die Feindesliebe lehrt, um ein innerweltliches Ziel zu erreichen, etwa daß durch die praktizierte Feindesliebe die Welt friedlicher würde, der Feind durch die ihm erwiesende Liebe in einen Nichmehrfeind verwandelt würde, daß vielleicht der Feind, mit liebenden Augen gesehen, sich als verkannter Freund erwiese.
Für Jesus gibt es zwei grundlegenden verschiedene Belohnungen, den irdischen oder den himmlischen. Wer also seine Freunde liebt, der wird dann auch von denen wiedergeliebt und darin empfängt er seinen Lohn, den irdischen. Wer aber seine Feinde liebt, wird von diesen nicht wiedergeliebt und empfängt so keinen irdischen Lohn. Gott wird ihm dafür aber einen himmlischen Lohn geben. Zu handeln, ohne dabei auf einen innerweltlichen Gewinn zu erstreben, hofft auf den Himmelslohn. Darum ist es ja auch konsequent, daß Jesus uns rät, nicht die einzuladen, die gewiß einen dann eine Gegeneinladung aussprechen werden, denn das wäre dann der intendierte Lohn, sondern Menschen, arme, die nicht dann selbst wieder einladen können. Dieser Einladungspraxis verheißt Jesus einen Himmelslohn.
Aber ist es nicht Gottes Wille, daß wir zu besseren Menschen uns entwickeln sollen, daß er uns wie ein Erzieher von den Anfängen hin zur Sittlichkeit führt, bis daß dann die Menschheit die Reifeprüfung bestanden habend in das ewige Leben versetzt wird? Was sagt uns dazu die hl.Schrift selbst? "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen,denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf."1.Mose, 8,21) Eigentlich wollte Gott die Menschen vertilgen etwa durch eine weitere Sintflut,weil die Menschen so böse sind, wie sie nun mal sind. Daß Gott nun den Menschen als eine erzieherische Aufgabe ansieht und ein Pädagogikprogramm startet, damit sie in das Gute Liebende verwandelt werden, das steht hier nicht. Diese Aussage klingt eher resignativ: Aus denen wird nichts Ordentliches mehr! Nun könnte man meinen, daß das nur eine Einzelaussage der Bibel sei, aber die Geschichte Gottes mit seiner Menschheit sei doch eine erzieherische, in der am Ende die Menschheit die Maturaprüfung bestehen wird und so in das Reich Gottes eingehen werde.
Wer nun aber daraufhin den letzten Text der Bibel liest, in der uns das zukünftige Ende der Menschheitsgeschichte offenbart wird,der findet da keine Spuren einer so allgemeinen Versittlichung des Menschen, daß nun ihre Herzen zum Guten geneigte wären!
Warum vertilgt dann Gott die Menschheit nicht endgültig? Dieser Mosetext offenbart es uns, auch wenn die Antwort der zeitgenössischen Theologie und Kirche zuwider ist: "Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar." (1.Mose,8,20) Gottes Reaktion auf das ihm so dargebrachte Opfer steht dann im 21.Vers: " Und der Herr roch den lieblichen Gerich". Um dieses ihm so wohlgefälligen Opfers verzichtet nun Gott auf die Vertilgung der Menschheit, die ihre Vertilgung ob ihrer Boshaftigkeit verdient hätte. Dieser Mosetext stellt also eine Reflexion über die Frage des Wozus des Opferkultes dar, erzählend dargelegt.Das ein Mal so dargebrachte Opfer Noahs ist so der Urtypus aller Gott wohlgefällig dargebrach-ten Opfer.Der Opferkult setzt so eine Störung der Beziehung des Menschen zu Gott voraus, er ist und lebt nicht so, wie es Gott von uns will, aber um der Opfer willen hebt Gott diese Störung auf, indem er auf die Vernichtung der Menschheit verzichten will.
Daß Menschen, dessen Herz zum Bösen geneigt ist, durch die Nächstenliebe oder durch Nachsicht bessere Menschen werden, das ist nun leider eine humanitaristische Vorstellung, die nicht in der christlichen Religion fundiert ist!