Kann Gott erhören? Eine kleine Exkursion in die Gotteslehre
Wir stoßen hiermit auf die Zentralfrage jeder Religion: Wie denken wir uns die Beziehung Gottes oder der Götter zu uns? Jede Religion stellt sich diese Beziehung als eine Wechselbeziehung vor. Gott ist in Beziehung zu Menschen und der Mensch zu Gott. Keine Wechselbeziehung besteht mehr, wenn von Gott nicht mehr gedacht werden kann, daß er sich zum Verhalten der Menschen selbst noch einmal verhalten kann. Das meint konkreter, daß Gott auf die Reue und Buße der Stadt Ninive schauen kann, und er um dieser Reue und Buße willen auf sein Gericht verzichtet. Der Gott der Liebe, wie ihn uns das Zitat aus der Credo-Schrift darstellt, kann das nicht. Er ist einfach vorgestellt als liebender Gott, der seine Liebe wie die Sonne ihr Licht ausströmen läßt über alle Menschen. Dieser Liebesgott verhält sich nun gleichgültig dazu, ob und wie die so geliebten Menschen auf seine Liebe antworten. Das wäre so, als sagte ein Mann zu der Frau, die er liebt: „Ich liebe dich! Es ist mir gleichgültig, ob Du mich liebst oder auch nicht liebst und wie du dich sonst verhältst. Ich werde nie aufhören, dich zu lieben.“ Gott kann, weil er die Liebe ist, kein Gebet und kein Opfer erhören, ja er kann nicht mal zu unserem Leben, ob wir als Heilige oder wie Schweine leben, sich verschieden verhalten, weil er nur lieben kann. Bittet ein Mensch Gott um etwas, kann Gott dies Gebet oder sein Opfer, das in dieser Intention ihm dargebracht wird, nicht erhören. Denn er gibt das Erbetene, wenn es gemäß der Liebe Gottes zu dem Menschen ist, unabhängig von dem Gebet und dem Opfer. Wenn das Erbetene aber nicht gemäß der Liebe Gottes zu den Menschen ist, dann kann Gott dies Gebet und Opfer auch nicht erhören, weil er nur wirken kann, was gemäß seiner Liebe zu den Menschen ist. Gott ist so unwandelbar der Liebende, daß von ihm nie gedacht werden kann, daß er um des Gebetes und des Opfers willen den Menschen etwas gewährt, was er ihnen ohne das Gebet und Opfer nicht gewährt hätte. Damit werden die Grundvollzüge des religiösen Lebens, das Opfern und das Beten, zu sinnlosen Handlungen. Aber nicht nur das!
Wenn ich mich entscheide, ob ich Gutes oder Böses tun will, kann ich nach dieser Gotteslehre urteilen, nein, ich muß es sogar, daß es dem Liebesgott gleichgültig ist, ob ich Gutes oder Böses tue. Gleich ob ich das Gute oder das Böse vollbringe, Gott wird mich in beiden Fällen weiterhin lieben, weil er nur lieben kann, die Heiligen wie die Sünder. Aus welchen Gründen auch immer ich mich dann für das Gute und gegen das Böse entscheide, den Liebesgott brauche ich bei dieser Entscheidung nicht zu berücksichtigen, denn ihm ist sie gleichgültig. Dostojewskij sagte: Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt. Jetzt dürfen wir ergänzen: Weil Gott die Liebe ist, ist alles erlaubt!
Aber wie anders stellt uns die hl. Schrift die Beziehung Gottes zum Menschen und sein Verhalten zu unserem Beten dar! Da wir schon das Thema der Fürbitte angeschnitten haben, sollen nun Mose und Maria, die Gottesmutter, uns als Fürbitter vor Augen gestellt werden.
„Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte“ (Exodus 32, 14). Wie kam es dazu? Das Volk hatte schwer gesündigt. Es hatte sich ein Goldenes Kalb gegossen und dies als seinen Gott verehrt, während Mose auf dem Berg die Gesetze Gottes empfing. Gott spricht zu Mose: „Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten herausgeführt hast, läuft ins Verderben. Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.“ (32, 7-8) Zu beachten ist dabei, daß mit dem „sie laufen ins Verderben“ kein Tun- und Ergehenszusammenhang gemeint ist, sondern, daß das Volk wußte, daß, wenn es zu anderen Göttern sich bekehrt, Gottes Zorn über es entbrennen wird. Sie wußten, was sie taten.
„Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut. Ein störrisches Volk ist es. Jetzt laß mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.“ (32, 9-10). Liebt Gott alle gleich, ob sie sündigen oder gemäß seinen Geboten leben? Der von modernistischen Theologen erdachte Gott liebt so! Aber hier liebt Gott ganz anders! Er liebte sein Volk, und darum ließ er es durch Mose aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreien. Jetzt schlägt aber die göttliche Liebe in göttlichen Zorn um! Warum: Weil das Volk durch die Anbetung des Götzenbildes Gottes Liebe zu ihm verachtet. Aus geschmähter Liebe wird Zorn. Wem das völlig unbegreiflich sein sollte, der stelle sich vor: Der Ehemann kommt früher als erwartet von der Arbeit heim und sieht seine Frau im Ehebett mit einem Geliebten! Sein Zorn entbrennt, gerade weil er seine Frau liebte! Nur wer liebt, kann auch zürnen. Die Begriffe Liebe und Zorn sollen uns dabei vor Augen stellen: Gott ist kein apersonales Prinzip, das der Gerechtigkeit etwa, das nun die Gerechten belohnt und die Bösen bestraft, sondern ein sich engagierendes Wesen. Er ist eine persönlicher Gott, der Beziehungen zu anderen stiftet, in Beziehungen eingeht, sich in ihnen engagiert als Menschen wirklich Liebender und so auch als Zürnender! Gott will sein Volk vernichten, weil es gesündigt hat gegen ihn, und er will Mose retten, weil er gerecht ist.
Jetzt wird der Gerechte aktiv! „Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt. Sollen etwa die Ägypter sagen können: in böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Laß ab von deinem glühenden Zorn und laß dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest. Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel,und dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen.“ (32, 11-13)
So betet der gerechte und fromme Mose zu seinem Gott. Er stellt sich zwischen Gottes Zorn und das Volk, das Gottes Zorn vertilgen will. Er steht nicht unter dem Zorn Gottes. Nur deshalb kann er jetzt als Fürbitter vor Gott treten, um sein Volk zu retten versuchen. Hier ringt ein Mensch mit Gott. Dem Gerede, daß Juden von Natur aus für den Beruf des Rechtsanwaltes geeignet seien, könnte man angesichts dieses glanzvollen Plädoyers ein wenig Glauben schenken. Selbstverständlich weiß Mose, warum Gott über das Volk erzürnt ist. Er stellt trotzdem diese Warumfrage. Er appelliert damit an Gott, sich von seinem Zorn zu distanzieren und sich zu fragen: „Ist das so gut, daß ich jetzt so zürne?“ Nicht versucht nun Mose die Sünde des Volkes kleinzureden: „So schlimm war das doch nicht!“ Nein, er weiß, daß das so nicht geht. Gottes Zorn ist gerecht angesichts dieses Greuels des aufgestellten und vom Volke verehrten Götzenbildes. Er appelliert an Gott: „Was werden die anderen Menschen, die Ägypter, von dir denken, wenn du so handelst!“ Mose glaubt von seinem Gott, daß ihm die Menschen, auch die Ägypter nicht gleichgültig sind. Und darum ist es diesem Gott auch nicht gleichgültig, was die Ägypter über ihn denken werden, wenn er so in seinem Zorne handelt. Es wäre rufschädigend. Verborgen enthält diese Mahnung Mose die Vorstellung: Gott will nicht nur der Gott Israels sein, sondern der Gott aller Völker. Wie will Gott das aber werden, wenn er in den Ruf gerät, sein Volk, das er sich erwählt hatte, selbst vernichtet zu haben? Welches Volk möchte einen solchen Gott als seinen Gott haben! Danach erinnert Mose Gott an seine Verheißungen an die Väter Israels. „Bleibe deiner Verheißung treu!“
Im Zentrum dieses Gebetes steht nun aber: „Lasse dich das Böse reuen!“ Das dürfte nicht nur nach Meinung der Modernisten, sondern schon Calvins und vieler anderer nicht in der Bibel stehen. Wie viel Schweiß vergoß man, um diese Aussage zum Verschwinden zu bringen! Nur, wenn wir diese Aussage streichen: Was bleibt dann von Gott? Das Böse meint hier selbstredend nicht etwas moralisch Verwerfliches! Das angedrohte Zornesgericht ist gerecht. Aber, was gerecht ist, das ist für das Volk sein Todesurteil. Dies Todesurteil ist für das Volk böse, einfach in dem Sinne, daß es denen, die leben wollen, ihr Leben vernichtet. Gott will hier den Tod seines erwählten Volkes. Das ist das Böse schlechthin für das Volk, auch wenn es ein gerechtes Todesurteil ist. Mose kritisiert ja auch gar nicht dies göttliche Urteil als ungerecht. Er sagt stattdessen zu Gott: Das gerechte Urteil schadet dir. Es ist zwar gerecht, aber nicht gut für dich. Welches Volk, welcher Mensch möchte dich noch zu seinem Gott haben, wenn man von dir zu erzählen weiß, daß du dein eigenes Volk vernichtet hast und daß du deine Eide deinem Volke gegenüber nicht einhältst, wenn das Volk sündigt. Was nützten dann deine Eide, wenn die Einlösung der Eide daran gebunden ist, daß man nicht sündige!
Und was antwortet Gott auf dieses Gebet, das uns doch gar nicht so recht fromm erscheint, ja eher einen guten Rechtsanwalt als Urheber vermuten läßt? Wir haben es schon vernommen: „Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.“ Reuen meint hier nicht, daß Gott von Anfang an nicht vorhatte, sein Volk zu strafen für seine Sünde und dies nur Mose vorspielte, um zu prüfen, wie er sich da verhalten würde. Bewährt sich Mose? Nein, die Reue Gottes meint hier wirklich, daß Gott umgekehrt ist. Er änderte sein vorgesehenes und von ihm selbst gewolltes Verhalten zu seinem Volke. Das ist die Macht und die Kraft des Gebetes wie des Opfers. Gott kann sein Wollen ändern. So lebendig ist Gott.
Ergänzend dazu berichtet Deuteronomium 5 von Moses' rettender Fürbitte: „Ich warf mich also vor dem Herrn nieder und lag vor ihm vierzig Tage und vierzig Nächte lang. Ich warf mich nieder, weil der Herr gedroht hatte, er werde euch vernichten. Ich betete zum Herrn und sagte: Gott, mein Herr, bring nicht das Verderben über dein Volk und deinen Erbbesitz, die du in deiner Macht freigekauft und mit starker Hand aus Ägypten geführt hast. Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Jakob! Beachte nicht den Starrsinn dieses Volkes, sein Verschulden und seine Sünde, damit man nicht in dem Land, aus dem du uns geführt hast, sagt: offenbar kann der Herr sie nicht in das Land führen, das er ihnen zugesagt hat, oder er liebt sie nicht; also hat er sie nur herausgeführt, um sie in der Wüste sterben zu lassen. Sie sind doch dein Volk und dein Erbbesitz, die du mit großer Kraft und hoch erhobenem Arm herausgeführt hast.“ (9,25-29)
Wenn Mose dem Credo der Katholischen Erwachsenenbildung geglaubt und auf die Fürbitte verzichtet hätte, wäre Israel hier vom Gottes Zorn vertilgt worden! Aber das war Mose! Wie ist das heute bei uns Christen?