Erwägungen angesichts einer Bekannten, die sich einer Drogenentzugstherapie unterziehen muß
Besessenheit sei ein voraufklärerisches Mißverstehen einer Sucht oder einer psychischen Erkrankung, das wird auch so gepredigt, wenn es gilt, Jesu Exorzismen zeitgemäß zu verkünden. Aber ist etwas dran an dieser Aktualisierung?
Unter einer Besessenheit wird ein Überweltigwerden eines Menschen durch einen oder mehrere Daimonen verstanden, sodaß das Opfer von diesen Mächten beherrscht wird und es für das Opfer keine Möglichkeit einer Selbstbefreiung gibt. Ein Exorzist allein kann mit der Kraft Gottes ihn befreien, der Befallene verhält sich dabei nur passiv.
Ganz anders verhält sich bei einem Teufelspakt: Der Teufel bietet dem Menschen sozusagen ein Geschäft an: "Übergebe mir Deine Seele und dafür helfe ich Dir bei Deinen Angelegenheiten!"Nur wenn der so Versuchte freiwillig sein "Ja" zu dem offerierten Pakt gibt, entsteht er. Es ist dem Menschen dann auch möglich, wenn auch nur mit Gottes Hilfe, diesen Pakt aufzulösen.
Wird eine Sucht, etwa die Drogen- oder die Alkoholsucht ähnlich einer daimonischen Besessenheit vorgestellt, heißt das, daß es keinen Eigenanteil des Süchtigen an seiner Entwickelung zu einem Süchtigen gibt und daß er nicht selbst aktiv an seiner Überwindung seiner Sucht mitwirken kann.
Sinnvoll ist es, die Entstehung einer dieser zwei Süchte anhand des aristotelischen Begriffes des Habitus zu rekonstruieren, als eine in Fleisch und Blut eingegange schlechte Gewohnheit. Am Anfang stünde ein Schmerz, eher psychisch als körperlich verursacht. Der Schmerz selbst ist ein Handlungs-appell, daß hier ein bedrängendes Problem vorliegt, das zu behandeln ist. Nun kann der Schmerz als das Problem wahrgenommen werden und nicht als ein Warnzeichen für ein vorliegendes Problem. So wird nun das Schmerzempfinden beseitigt durch Schmerzbetäubungsmittel. "Wer Sorgen hat, hat auch Likör", heißt es im Volksmunde. Wer nun alle seine Sorgen mit Likör bekämpft, wem das zur Gewohnheit geworden ist, der ist zum Alkoholiker geworden, dem der Griff zur Flasche zu der Problemverdrängung schlechthin geworden ist., zumal die Alkoholosierung kontinuierlich erhöht werden müssen, um eine betäubende Wirkung zu erzielen.
Auf Probleme kann der Mensch prinzipiell in dreierlei Weise reagieren: Flüchten, standhalten und angreifen. Der Griff zu Drogen ist eindeutig eine Untervariante des Flüchtens.Das Problem selbst determiniert nicht selbst, welche der drei Möglichkeiten erwählt wird. Es muß also in den Menschen je nach seiner Individualität eine Disposition, eine Tendenz dazu geben, welche von den drei Optionen er für sich bevorzugt. Ich selbst vermute, daß diese Tendenz in der frühkindlichen Phase entwickelt worden ist und sich dann in aktuellen erlebten Problemen aktualisiert. Daß hieße dann aber auch, daß die Entstehung dieser Dispositon dem Süchtigen selbst nicht transparent, bewußt ist und nur durch eine Analyse im Stile S. Freuds erhellbar sein dürfte.
Wenn aber die Sucht ähnlich einer Besessenheit interpretiert wird, dann wird der Eigenanteil an der Genese der Sucht nicht analysiert: Das Suchtmittel habe eben süchtig gemacht. Die Sucht sei das Resultat des süchtig machenden Stoffes. Adam wußte schon, daß er ganz unschuldig sei, da ihn Eva verührte, wobei er sein Sichverführenlassen tunlichst vergaß, das ist sein Eigenanteil an dieser Sünde.Wenn es aber keinen Eigenanteil an der Genese der Sucht gibt, wie soll dann der Süchtig-gewordende selbst aktiv mit der Unterstützung eines Therapeuten seine Sucht überwinden können. Müßte dann ein Therapeut nicht wie ein Exorzist wirken?
Der Favorisierung der Form der Gruppentherapie anstelle der Analyse auf der Couch S.Freuds hängt mit einer gesellschaftskritischen zusammen. Adornos Votum: "Im falschen Leben könne es kein wahres geben!", grob versimplifizierend wurde: Da die Gesamtgesellschaft krank sei, was sich in den gestörten Kommunikationsbeziehungen manifestiere, müssen die Menschen ja erkranken, zumindest die sensibleren und Nichtabgehärteten und Verhärteten. Deshalb müssen nun in einer Gruppe Kommunikationsweisen erprobt und erlernt werden, die diese krankmachenden transzendieren.
Verkannt wird dabei, daß eine Sucht ein erlerntes Fehlverhalten ist, das zum Habitus geworden ist, zu einer in Fleisch und Blut übergangen wordenen Gewohnheit, die nicht schon durch eine intellektulle Einsicht überwunden werden kann: Schlechte Gewohnheiten können nur durch bessere oder gute ersetzt werden, urteilt in kritischer Intention Aristoteles gegen Platon.