Das Verschwinden des „Nächsten“ - oder ein Humanitarismus, der den „Nächsten“ übersieht
Der „Nächste“ das ist ein in der Nähe von mir Wohnender und Beheimateter, denn man vom „Sehen“ kennt und mit dem man nachbarschaftliche Kontakte pflegt.Die Familie und die Verwandten und dann auch Bekannten stellen dabei eine besondere Intensivierung dieser Nächstenkontakte dar. Die Verwandten lebten eben in der Nähe, die Kinder zogen aus ihren Familien aus, um dann in der Nähe ihre eigenen zu gründen, ja selbst viele Firmen waren Familienbetriebe,nicht nur in der Landwirtschaft übernahm der Sohn den väterlichen Betrieb. Die „Nähe“ ist so eine Kategorie des Raumes und schließt den „Fernen“,den „Fremden“ aus: Der ist kein „Nächster“.
Weihnachten ist zu dem Familienfest schlechthin mutiert: Hier kommt endlich die ganze Familie zusammen, um miteinander zu feiern. Ob und wie dann diese Familienfeier gelingt, braucht hier nicht erörtert zu werden sondern das Faktum, aus wie vielen fernen und noch ferneren Gegenden die Familienmitglieder anreisen, um nun beieinander zu sein. Die verwandtschaftlichen Beziehungen existieren noch, sind aber oft faktisch Fernbeziehungen ohne die ursprüngliche räumliche Nähe: Man sieht sich selten! Das führt so zu einer Entnähung der Verwandtschaftsbeziehungen, selbst im einst engeren Familiengefüge.
In der (post)modernen Gesellschaft ist der „Nächste“ keine Kategorie des Raumdenkens mehr sondern eine Kategorie der Medienwelt: Je präsenter jemand in den Medien ist, desto „näher“ ist er. Zur Veranschaulichung: Den jetzt amtierenden Papst kennen viel mehr als ihren Gemeindepfarrer, die Parteivorsitzenden der etablierten Parteien viel mehr als die Parteivorsitzenden ihrer Stadt. Die Prominenten der Medienwelt kennen auch viele besser als ihre Nachbarn. (Über das Ehe- und Beziehungsleben der Prominenten, nicht nur der Königshäuser weiß heute die Leserschaft dieser Zeitschriften weit besser Bescheid als über das Leben ihrer Nachbarn!) Der „Nächst“ ist so zu einem Medienereignis geworden.
Der „Nächste“ im räumlichen Koordinatensystem war einer,mit dem man direkt kommunizierte, dem man auch mal helfen konnte, wenn der in einer Notlage war. Der „Nächste“ war so immer auch ein möglicher Adressat zu praktizierender Nächstenliebe. Der „Nächste“ der Epoche des Medienzeitalters ist in handlungspraktischer Perspektive kein „Du“ mehr, zu dem man sich unmittelbar verhält,indem man mit ihm kommuniziert.(Das nicht reflektiert zu haben, macht die Antiquiertheit des Projektes des „kommunikativen Handelns“ Habermas aus.)
Der „Nächste“ der medialen Fernkommunikation führt nun dazu, den „Nächsten“ im Raume zugunsten des „Nächsten“ der Medienwelt zu vergessen.Kinder, die von einer Hungersnot irgendwo in Afrika betroffen sind, sind uns Mediennutzer „näher“ als das notleidende Kind in der Nachbarschaft. Der „Nächste“ transformiert sich so zu dem Fernen, der aber durch die Medien uns zum „Nächsten“ geworden ist.
Das zeitigt nun auch gravierende Folgen für den moraltheologischen Diskurs: Ein universalistischer Humanitarismus substituiert das ursprüngliche Konzept der Nächstenliebe, wie es die „Ordnung der Liebe“ expliziert, die Ordnung konzentrischer Kreise, die den Näheren, der Familie, der Verwandtschaft, dem eigenen Volke eine höhere Verbindlichkeit abverlangt als den Ferneren: je ferner, desto weniger. Dem universalistischen Humanitarismus ist dagegen die Liebe der Mutter zu ihrem eigenen Kinde etwas Suspektes, da so die Liebe zu allen Kindern nicht Genüge getan würde.
Der „Nächste“ der Medienwelt ist nun aber auch keiner mehr, dem man eine tätige Nächstenliebe entgegenbringen könnte, man kann nur noch für ihn spenden, das ist die Praxis der Nächstenliebe in unserem Medienzeitalter. Ein guter Mensch, ein Christ ist, wer für Sozial- Caritatives spendet. So wird ja jeder Bürger zum „Fest der Liebe“,Weihnachten überhäuft mit Spendenaufrufen.Das Alltagsleben wird somit von der da zu praktizierenden Nächstenliebe entlastet.ist man doch schon ein guter Mensch1 und ein praktizierender Christ, wenn man spendet für die „Fernen“, die uns zu unseren „Nächsten“ gemacht worden sind.
1Bitte nicht verwechseln mit dem „Gutmenschen“, dessen Gutsein darin besteht, jeden Kontakt,jede Infizierung mit nichtguten Menschen zu vermeiden.