Die christliche Religion = das Fundament (West)Europas?
Kardinal Joseph Ratzinger schreibt: „Es ist kein Zweifel,dass bei den Grundvätern der europäischen Einigung das christliche Erbe als Kern dieser geschichtlichen Identität angesehen wurde,natürlich nicht in konfessionellen Formen, das Gemeinchristliche schien über die konfessionellen Grenzen hinweg als verbindende Kraft weltlichen Handelns durchaus erkennbar.“1
Das „Gemeinchristliche“ ist nun mehr als das Konstrukt der natülichen Religion, auf die die Aufklärung, isb in Deutschland die christliche Religion und alle anderen reduzieren wollte, an den Glauben an Gott, der Bestimmnng des Menschen zur Sittlichkeit und dem Glauben an das ewige Leben, aber doch auch weit weniger als das confessionelle kirchliche Christentum.
Natürlich“ war die Entscheidung dazu nicht, sondern eine politische! Eingedenk der Erkenntnis Carl Schmitts über die Bedeutung des „Feindes“ im politischen Diskurs galt für die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, später zur EU umfirmiert und der Nato der „Ostblock“ mit seiner kommunistischen Ideologie als der „Feind“, gegen den sich alle Christen Westeuropas zusammenschlossen, die confessionellen Grenzen hintenanstellend um des gemeinsamen Feindes willen.
Der Rardinal schreibt, daß Europa „kein geographisch fassbarer Kontinent sei, „sondern ein kultureller und historischer Begriff „sei 2,dann verdrängt er damit, daß Europa primär ein politischer Begriff ist.Wer sich die Epoche des „Kalten Krieges“ vor Augen hält, sieht hier klarer: Westeuropäische Staaten taten sich zusammen als ein Verteidigungsbändnis gegen die sozialistischen Staaten und deren Ziel des Weltkommunismus und mit dem Ziel, alle osteuropäischen Staaten in die EWG und die Nato zu integrieren, aber Rußland dabei herauszuhalten3. Dies Ziel verkennt Kardinal Ratzinger völlig, wenn er meint, Europa sei ein Friedensprojekt, nein es ist primär ein Eroberungsprojekt, denn wäre es ein Defensivprojekt, hätte es sich als „westeuropäische Union“ bezeichnet und nicht als Europa,das Osteuropa in sich integrieren will. Um dieses gemeinsamen Feindes willen gründeten sich die C-Parteien als confessionsüberwindende: Es sei gleichgültig, ob man Katholisch oder Protestantisch sei, Hauptsache christlich- antikommunistisch.
Die Ideologie des „freien Westens“ war und ist die des Liberalismus, dem die Kirche und auch der Protestantismus4 als der erfolgreichsten antikommunistischen Ideologie zustimmten, nachdem der Faschismus und der Nationalsozialismus als antikommunistischen Ideologien 1945 gescheitert waren.
Damit stellt sich die Frage, wie denn nun der katholische Glaube sich zum Liberalismus verhält. Meine These lautet nun: Die Reduzierung des katholischen Glaubens auf das „Gemeinchristliche“ diente dazu, die christliche Religion auf das mit dem Liberalismus Kompatible zu reduzieren. Aktuell heißt das, daß zum Zentrum der christlichen Religion der Glaube an die Menschenwürde, die Menschenrechte und der Aufruf zur Humanisierung der Welt aufgestiegen ist, der dann theologisch mit dem Glauben an den Schöpfergott begründet wird, daß Gott als Schöpfer jeden Menschen bejahe unter der Absehung aller spezifisch christlichen Gehalte.
Die Liaison mit dem Liberalismus, antikommunistisch motiviert, muße sich als eine Mesalliance erweisen, denn in dieser Ehe löste der Liberalismus die Substanz der christlichen Religion auf.
Kardinal Ratzingers Intention ist klar: Europa bedürfe als sein Fundament das Christliche, denn ohne dies ist es grundlos. Daß aber das Fundament Westeuropas und jetzt auch fast aller osteuropäischen Staaten der Liberalismus ist, übersieht er.
Dabei hat er selbst das Anliegen des Liberalismus im Raume der Politik erfaßt: „der rein säkulare Staat, der die göttliche Verbürgung und Normierung des Politischen als mythische Weltansicht ablegt und Gott selbst zur Privatsache erklärt,die nicht ins Öffentliche der gemeinsamen Willensbildung gehört.“ 5
Zusätze
Slavoj Zizek spricht von „unserem Zeitalter des globalen Kapitalismus und seines ideologischen Suppements,des liberal - demokratischen Multikulturalismus“ 6 Der Begriff des Supplementes wird der Ideologie, auch der des Liberalismus nicht gerecht, denn die Wirklichkeit unserer Zeit ist ja die Materialisierung dieser Ideologie. Daß dieser Ideologie aber der Glaube an das Privateigentum eine „heilige Kuh“ ist, ist unverkennbar und das macht die Substanz des Kapitalismus aus.Man schaue auf die geradezu hysterischen Reaktionen auf das Vorhaben der Partei „Die Linke“, die Wohnraumnot in Berlin durch Verstaatlichungen als die ultima ratio zu lösen.
„Der
Dollar-Imperialismus des 21. Jahrhunderts – oder:
Die westliche
Wertegemeinschaft in Aktion
Die westlichen Demokratien verstehen sich als und bilden eine Wertegemeinschaft. Das ist in mehrfacher Hinsicht, im materiellen wie im höheren Sinn von ‚Wert‘, ernst zu nehmen. Die Partnerländer des sogenannten Westens haben sich einer Staatsräson verschrieben, deren ökonomischer Gehalt durch den materiellen Wert schlechthin definiert ist: das private Eigentum und seine Vermehrung. Der Erwerb von Dollars resp. Euros oder verwandtem Geld ist das gesellschaftliche Lebensmittel und findet statt in Abhängigkeit von der Verwendung des Geldes als Kapital; das Gelingen des einschlägigen Geschäftslebens ist die allgemeine, unerbittlich geltende gesellschaftliche Lebensbedingung, also der die Gesellschaft beherrschende Lebenszweck. Das gilt im Innern der verbündeten Demokratien so absolut und so selbstverständlich, dass Alternativen nicht einmal verboten werden müssen: Alles andere als die marktwirtschaftliche Realität disqualifiziert sich einfach als unrealistisch. Im ideellen Wertekanon der westlichen Nationen wird das Dasein unter der Notwendigkeit des Gelderwerbs und nach Maßgabe des damit erzielten Kapitalwachstums als verwirklichte Handlungsfreiheit verbucht, speziell in Amerika als „way of life“ vom Rang eines Menschenrechts, dem die Staatsgewalt dient, wenn sie mit ihrem Schutz des privaten Eigentums die Konkurrenz um einen Gelderwerb zum ersten und entscheidenden Inhalt der gewährten staatsbürgerlichen Freiheit macht.“ „Gegenstandpunkt“ 3/2014
So polemisch dieser Text auch verfaßt ist, erfaßt er wohl besser das Wesentliche der europäischen Werteordnung als der Glaube an ihre christliche Fundierung!
1Kardinal Ratzinger, Was ist Europa – Grundlagen und Perspektiven, in: ders: Werte in Zeiten des Umbruchs, 2005, S.90.
2A.a.O. S.68.
3Es ist bezeichnend, daß der Kardinal etwa Sibierien als nicht zu Europa gehörend ansieht, obschon auch dort Europäer leben (S.68), sie aber nicht westlich sind sondern zum Feind gehört..
4In Deutschland fand der Nationalsozialismus isb unter den Protestanten viel Zustimmung ob seiner antikommunistischen Ausrichtung.
5A.a.O. S.76.
6Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts, 2001, S.11.