Wie Gott irrelevant (gemacht) wurde? - „Wenn nichts fehlt,wo Gott fehlt“.1
Die religiöse Indifferenz, die in dem Buch Loffelds konstatiert wird, ist wesentlich eine Indifferenz dem Glauben an Gott gegenüber. Nicht mehr die Kontroverse, gibt es einen Gott oder gibt es keinen?, bestimmt den religiösen Diskurs, sondern die Vergleichgültigung dieser Frage. Debattiert wird zwischen Conservativeren und Liberaleren, ob und mit wem wer Sex haben darf, ob das Heil der Kirche in ihrer Verdemokratisierung oder in ihrem Bewahren der hierarischen Struktur liege, ob das Wichtigste ihr Engagement gegen Rechts sei. Nur Gott wird nicht mehr thematisiert, nicht weil in der Gotteslehre alle Fragen geklärt wären, sondern aus Desinteresse.
Armin Kreiner zitiert in seinem Buch: „Das wahre Antlitz Gottes“ J. R.Searle: „ Heutzutage schert sich niemand darun,und es bezeugt einen gewissen Mangel an gutem Geschmack,überhaupt nur die Frage nach der Existenz Gottes aufzuwerfen.Mit den religiösen Dingen ist es wie mit den sexuellen Vorlieben: Man erörtert sie nicht in der Öffentlichkeit, und selbst die abstrakten Fragen werden nur noch von Langweilern erörtert.“2
Wie wurde Gott uninteressant?, oder um sich auf den kirchlichen und theologischen Eigenanteil der Vergleichgültigung Gottes zu kaprizieren ist ist zu fragen: Wie wurde Gott gleichgültig gemacht?
Es soll nun der Versuch gemacht werden, zu konstruieren, welche Aussagen über Gott notwendig zu machen sind, damit er als für das Leben relevant und nicht als irrelevant erscheint. Die pure Aussage, daß Gott ist, ist nämlich zwar die notwendige Voraussetzung dafür, daß Gott für uns Menschen relevant ist, aber nicht ist sie hinreichend genügend.
Meine These dazu: Von Gott muß notwendig um seiner Relevanz willen ausgesagt werden, daß es einen für uns Menschen erkennbaren Willen gibt, daß und was er von uns Menschen will und daß er auf unser Verhalten seinem Willen uns gegenüber auch reagiert. Jede Religion, gleichgültig, ob sie an einen oder viele Götter glaubt, präsumiert, daß der Wille Gottes oder der Götter uns bekannt ist, wie auch immer, etwa durch eine Offenbarung oder durch ein regelmäßiges Befragen Gottes oder der Götter und daß der Gott oder die Götter auf unser Verhalten ihm, bzw ihnen gegenüber auch reagieren. Ein Gott, der nur existierte, aber weder in Hinsicht auf uns agierte noch auf unser Reagieren hin selbst noch mal reagierte, wäre ein Gott ohne eine Relevanz für uns.
Genau diese notwendigen zwei Prämissen werden in der heutigen Theologie und Kirche weitestgehend in Frage gestellt.
Erstens ist die Tendenz erkennbar, zwar noch von einer Offenbarung Gottes in Jesus Christus zu schreiben, aber was er denn da offenbart habe, als faktisch kaum erkennbar zu dekonstruieren: Die Religion, der Glaube sei eben nur eine (mögliche) Antwort auf die Offenbarung und zwar eine zeitgeschichtlich bedingte, sodaß sie keine wirkliche Verbindlichkeit für uns mehr haben, da wir in einer anderen Zeit lebten.Die zeitgeschichtliche Bedingtheit alles theologischen Denkens schlösse so die Möglichkeit einer wahren Erkenntnis Gottes und seines Willens an uns aus.
Zweitens: Solange geglaubt wird, daß es Gott bzw den Göttern nicht gleichgültig ist, wie wir uns ihnen gegenüber verhielten, muß die Frage: Wie ist wahrhaft Gott oder den Göttern zu dienen ist, von existentieller Bedeutung sein. Wenn es aber keine gewisse Erkenntnis über die wahre Gottesverehrung gibt und jede Religion eine ihr eigentümliche als die einzig wahre glaubt, dann könne es zu keinem Frieden zwischen den Religionen geben, da ja geglaubt wird, daß es Gott nicht gleichgültig sei, ob und wie er verehrt wird, Gott also als uns wohltuend geglaubt wird, verehren wir ihn gemäß seinem Willen und uns strafend, wenn wir ihm ungehorsam sind.
Deswegen ist um des interreligiösen Friedens willen von Gott bzw den Göttern (es sei an den Polytheismus der indischen Religion gedacht) zu glauben, daß er oder sie sich selbst indifferent unserem Verhalten ihnen gegenüber verhalten. „Gott ist es doch gleichgültig, ob wir ihn katholisch, evangelisch, islamisch, jüdisch oder als Göttin Erde in indianischen Religionen verehren. Ja, wenn Gott vernünftig gedacht wird, kann Gott oder den Göttern es doch nur wichtig sein, daß wie Menschen „anständig“, humanistisch miteinander umgehen, das sei die Vernunfteinsicht der natürlichen= vernünftigen Gottes-(v)erkenntnis.
Dem so irrelevant gemachten Gott korreliert dann die Gleichgültigkeit des Menschen Gott gegenüber.
Theologiegeschichtlich begann dieser Vergleichgültigungs-strategie Gottes in der Aufklärung, daß alle religiösen Kontroversen über das Wie der wahren Gottesverehrung gleichgültig seien, da es allein auf die vernünftige ankäme.In der Epoche der Globalisierung wird diese Vergleich-gültigungsstrtegie auf das Verhältnis aller Religionen zueinander appliziert: Alle Religionen seien als gleich wahr und gleichgültig anzuerkennen um des innerreligiösen Friedens willen. Nur die fundamentalistischen Richtungen in jeder Religion existent bedrohen durch ihre Lehre, nur die eigene Verehrung Gottes sei die wahre, diesen Religionsfrieden.
Drittens:Diese Vergleichgültigungsstrategie um des innereligiösen Friedens willen resultiert nicht aus einer besseren Gotteserkenntnis, sondern ist die Antwort auf die Frage: „Wie muß Gottes Verhältnis zu uns gedacht werden, damit alle Religionen als gleich wahr und gleichgültig behauptet werden können?“Der Nichterkennbarkeit des Willens Gottes, keine Religion könne verifizieren, daß die ihrige „Erkenntnis“ die wahre sei, fungiert somit als die denknotwendige Präsumption dafür, alle Religionen als gleich wahr anzuerkennen um des Friedens willen.
Viertens:Diese Vergleichgültigungsstrategie devitalisiert um der Domestikation der Religionen willen die Religionen, denn nur so erscheinen sie dem postmodernen Denken gegenüber friedensfähig. Es sei an das postmoderne Credo erinnert: Jede erkannte oder als erkannte behauptete Wahrheit erzwinge eine Wahrheitsdiktatur- nicht nur in den totalitären Staaten, etwa denen Hitlers oder Stalins. Nicht waren diese Diktaturen Diktaturen eines Nihilismus sondern die Konsequenz der Behauptung der Wahrheitserkenntnis und des Wahrheitserkenntnisbeseitzes. Deswegen gilt ja für Popper Platon und Hegel als die Vordenker des Totalitarismus, da in ihrem philosophischen Denken die Wahrheit als eine erkannte zu stehen käme.
Religionen dürften so nur Suchbewegungen nach der Wahrheit sein, verbunden mit der Einsicht, daß sich die Wahrheit aller menschlichen Erkenntnis entzöge.
Damit stehen wir vor dem Resultat, daß Loffeld in seinem Buch feststellt, daß Gott uns Menschen nicht mehr fehlt, da er uns gleichgültig geworden ist. Nicht enthält dieses Buch aber die Genalogie dieses festgestellten Indifferentismus, daß Gott um des Friedens willen domestiziert und vergleichgültigt worden ist.
Die Moderne glaubte, daß durch die Transformation aller positiven Religionen in die eine vernünftige Religion, die wahre also der innerreligiöse Friede erwirkbar sei, die Postmoderne dagegen fordert den Verzicht auf jede Wahrheitserkenntnis und jeden Wahrheitsbesitz um der Freiheit und des Friedens willen. Wahrheit sei eben auch nur eine Maske des Willens zur Macht, Nietzsche.
1Jan Loffeld, Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt..
2Armin Kreiner, Das wahre Antlitz Gottes, 2006, S.9.