Zur
Kirchenkrise und der Krise der christlichen Religion – ein weiterer
Erklärungsversuch
Wenn
man sich weder mit der naiven Vorstellung, an der Krise sei primär
die „Diskriminierung“ der Frau in der Kirche und die zu
conservative Sexualmorallehre der Kirche schuld noch mit der, man
bräuchte nur die vorkonziliare Kirche mit ihrer Theologie
repristinieren, zu Frieden geben mag, der steht vor der Aufgabe, erst
mal eine Genealogie dieser Krise sich zu erarbeiten.
Ich
lege hierzu nun einen weiteren Versuch dar.
These:
Die christliche Religion ist eine Buchreligion. Es gibt nur ein
maßgebendes Buch, die Bibel und viele andere Bücher, die allerdings
ihren Wahrheitsanspruch daraus ableiten, daß sie eine
Sekundärliteratur zu dem einen Buch sind. Was wahr ist, erschließt
sich so nur durch das Studium des einen und dann sekundär der vielen
Bücher. Der Gebildete ist so der, der versteht, was er da in dem
einen und dann abgeleitet in den vielen kommentierenden Büchern
liest.
Die
Aufklärung und der Humanismus setzte diese Vorstellung der Bildung
voraus, um sie dann zu modifizieren: Nun sollte es viele gute Bücher
geben, die gute Literartur, durch deren Studium der Mensch sich
bildete. Der „Monotheismus“ des einen Buches wurde so ersetzt
durch einen Bücherpolytheismus: Die guten Bücher avancierten nun zu
der Quelle der Bildung und der Humanität. So blieb die Aufklärung
in der Tradition des Glaubens an die Wirkkraft des Buches, des
Geschriebenen.
Den
Hintergrund bildet ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis, daß es
die Wirklichkeit der Vielfalt der Erscheinungen gibt, die Wahrheit
des Erscheinenden aber nicht einfach sie selbst sind, sondern das,
was in ihnen erscheint. Zu diesem den Erscheinenden als Wahrheit
zugrunde Liegendem führt das eine heilige Buch, da es das Buch der
offenbarten Wahrheiten ist und die viele Kommentarbücher. Das Wahre
ist so ein dem Erscheinenden, den Phänomenen gegenüber
Transzendentes.
(So
obskur es auch klingen mag: Selbst der orthodoxe Marxismus hielt noch
an diesen Buchglauben fest, indem nun die marxistischen
Klassikertexte als die die Wahrheit erschließenden gelesen wurden,
die Gesamtausgaben von Marx, Engels, Lenin und Stalin.Man könnte den
Marxismus als säkularisierte Erlösungsideologie somit als ein
uneheliches Kind der christlichen Religion bezeichnen.)
Gegen
diesen Buchglauben stellt die Weltanschauung des Empirismus einen
rabiaten Bruch dar. Nun gilt das Urteil, das sei doch Bücherwissen,
als ein Negativurteil . „Das hat der nur aus Büchern, vom
wirklichen Leben dagegen hat er keine Ahnung.“ Der Büchermensch
gilt nun als ein weltfremder Mensch, gebildet ist nur der, der seine
Studierstube verläßt und hinausgeht, um alles zu erforschen.
„Reisen bilde“ heißt es nun.
Den
Hintergrund dieses Wirklichkeitsverständnises bildet die
Vorstellung, daß die Einzeltatsachen, die Dinge in sich das Wahre
seien und daß nun alle Interpretationen und Theorien, die über das
Einzelne als Wahrnehmbares hinausgehen,dem kritischen Verdacht
unterliegen, haltlose Spekulationen über das einzig Erkennbare, dem
Einzelnen zu sein.
Das
Bücherwissen sei eben gar kein Wissen, sondern böte nur
zweifelhafte Interpretationen des Wirklichen dar, die allein
empiristisch erkennbar sei, was eben meß- und zählbar sei. Wenn die
Bibel von Jesus als dem Sohn Gottes schreibt, dann ist das eben nur
eine Deutung der Person Jesu von Nazareth. Die Umweltkatastrophe der
Sintflut deutet die Bibel halt nur als ein Strafgericht Gottes, statt
es bei einer naturwissenschaftlichen Erklärung sein zu lassen.
Das
Buchwissen wird so zu einer Deutungskultur entwertet, dem die
wirkliche Welt der Tatschen gegenüberstünde und die erschlössen
sich eigentlich nur durch die Naturwissenschaften.
Die
Krise der Kirche ist so auch die Krise des Buches, indem das, was ein
Buch schreibt von dem, worüber es schreibt unterschieden wird als
eine Polarität von dem, wie es ist, und dem, wie es beschrieben
wird. Das Wie des Beschreibenwordenseins gerät dabei unter den
Generalverdacht eines Verschreibens der Wirklichkeit. Bücher
seien Verschreibungen der Wirklichkeit und keine Führer mehr zur
Wahrheit, die sich in ihnen offenbare.
Dieser
Zerfall des Wahrheitsgehaltes der Sprache setzt voraus, daß die
Wirklichkeit selbst nichts sprachlich Strukturiertes sei und so
genaugenommen nie von der Sprache erfaßt, begriffen werden könne.Die
Theologie setzt dagegen, daß alles durch den göttlichen Logos ist
und so selbst sprachlich strukturiert ist. „Gott sprach und es
wurde!“ Der Zerfall des Wahrheitsgehaltes der Sprache wird aber
gerade aus der Sprache selbst erst ermöglicht, indem in ihr die
Differenz zwischen dem Zeichen, einer Zeichensprache und dem
Bezeichneten ruht. Im Nominalismus begann dann der Zerfall, indem den
abstrakten Begriffen keine reale von ihnen verschiedene Existenz
zugebilligt wurde. Die Ideen von etwas galten nun ontologisch nicht
mehr als ante rem, als die Idee Gottes von ihm sondern nur noch als
post rem nachträglich produzierte Gedanken über es, wie auch die
Bücher mit ihrem eigenen Buchwissen.