Opfer und
Gebet - keine magische Praxis! (ein Auszug aus meinem Buch:"Der zensierte Gott")
Nun könnte
sich bei uns ein gefährliches Mißverständnis einschleichen: Wenn
wir nur in rechter Weise opfern und beten, dann wird Gott uns
erhören. Er wird dann umkehren und uns seine Gnade erweisen. Es gibt
eine feste göttliche Ordnung: opfern und beten wir so, wie es der
göttlichen Ordnung entspricht, dann wird uns Gott auch ganz gewiß
erhören. Gott habe sich selbst seiner Ordnung untergeordnet, indem
er uns zusagt: Immer, wenn ihr recht opfert und betet, dann werde ich
euch erhören.
Vielleicht
ist auch deshalb uns die Geschichte von König David und Batseba
aufgeschrieben worden, damit wir lernen, das Beten von einer
magischen Praxis zu unterscheiden. Ein magisches Opfer- und
Gebetsverständnis wäre es nämlich, wenn wir meinten, daß wir Gott
beherrschen könnten: Beten und opfern wir nur richtig, dann muß
Gott tun, um was wir ihn bitten!
Der
Ausgangspunkt ist der Augenblick des Sichverliebens. König David,
auf dem Balkon stehend, sieht Batseba beim Baden. Sie war so schön
anzusehen, daß er sich in sie verliebte. Der König zog
Erkundigungen über diese Frau ein. Sie ist verheiratet mit dem
Hetiter Urija. König David lud sie zu sich ein, sie schliefen
miteinander, und Batseba wurde schwanger. Das sagte sie dem König.
Ein Seitensprung mit Folgen. König David faßt nun einen einfachen
Plan. Er läßt den Ehemann, der als Krieger dem König diente, aus
einer Schlacht zu sich kommen, um sich die militärische Lage von ihm
darlegen zu lassen. Der König hoffte nun, der Krieger würde,
heimgekehrt, zu seiner Frau gehen, sodaß man ihm das uneheliche Kind
als seines unterschieben könne. Aber demonstrativ ging der betrogene
Ehemann nicht zu seiner Frau. Nun mußte es offenbar werden, daß das
Kind nicht von ihm ist! Der Ehemann muß von dem Fehltritt seiner
Frau gehört haben und ging so nicht in die königliche Falle. Ginge
er ein zu seiner Frau, dann könnte ja er als der Vater gelten. Jetzt
würde es offenbar werden, daß er, da er ob des Krieges schon so
lange nicht mehr zu Hause war, nicht der Vater sein kann.Was nun,
König David? König David läßt den Ehemann umbringen. Er befahl
seinem Vertrauten: „Sorge dafür, daß dieser Ehemann in der
nächsten Schlacht stirbt.“ Die Anweisung wird ausgeführt. Der
Ehemann fällt in der Schlacht.Die Witwe trauert um ihren toten Mann.
Als aber die Trauerzeit zu Ende war, nahm sich der König David sie
zur Frau. Sie gebar ihm einen Sohn!
So weit
diese dramatische Liebesgeschichte. Jetzt greift Gott ein: „Dem
Herrn aber mißfiel, was David getan hatte.“ (2 Samuel 11,27). Gott
will den König für diese Sünde bestrafen. David bekennt dem
Propheten Gottes: „Ja, ich habe gesündigt und verdiene, bestraft
zu werden.“ Der Prophet Natan verkündet David das Strafgericht
Gottes: „Aber warum hast du das Wort des Herrn verachtet und etwas
getan, was ihm mißfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert
erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das
Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das
Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast
mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie
deine Frau werde. So spricht der Herr: ich werde dafür sorgen, daß
sich aus deinem eigenen Haus das Unheil wider dich erhebt, und ich
werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem
anderen geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja du
hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am
hellen Tag tun.“ (11,9-12)
Gottes
Strafe wird hier durch das Prophetenwort verkündet. David hat das
Wort des Herrn verachtet. Darum straft ihn Gott. Nahm er sich eine
Frau, die schon verheiratet war zur Frau, so soll nun David durch
Gott dadurch gestraft werden, daß ein Umstürzler ihm den
Königsthron nehmen und dann ihm all seine Frauen für sich als
seine Frauen nehmen wird.
Wie reagiert
David? Er bekennt: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt.“ Man
beachte: Nicht sagt er, er habe gegen Menschen gesündigt, gegen den
Ehemann, den er töten ließ und gegen Batseba, die er zum Ehebruch
verführte. Hat David denn nicht gegen diese beiden Menschen
gesündigt? David denkt hier theozentrisch: Daß er gegen Gott
gesündigt hat, das ist sein Vergehen. Darum wird Gott ihn strafen.
Denn das Sündigen ist ein Angriff auf Gott. Er wird durch unser
Sündigen verachtet. Und darum straft er um seinetwillen. David
bekannte seine Sünde. „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“
wird man hier mithören dürfen.
Wie reagiert
nun Gott angesichts dieses reuigen Sündenbekenntnises? „Der
Herr hat dir deine Sünden vergeben.“ Aber dann folgt: „Du wirst
nicht sterben - aber dein Kind, dein Sohn!“ Sein Sohn, von Batseba
zur Welt gebracht, das Kind dieses Ehebruches muß nun sterben. Die
Begründung: „Weil du aber die Feinde des Herrn durch diese Sache
zum Lästern veranlaßt hast, muß der Sohn, der dir geboren wird,
sterben.“ Gott hat ihm seine Sünde verziehen. Und doch verlangt
Gott noch eine Strafe. Die Untat Davids hatte Folgen. Für diese
Folgen ist David verantwortlich. Dafür straft Gott David, indem er
ihm seinen Sohn tötet. Eine sehr befremdliche Vorstellung: ein
unschuldiges Kind töten, um David zu strafen. Und warum verzeiht
Gott, wenn er doch noch eine Strafe wider David verhängt? Hier
stoßen wir auf Fragen, die uns dieser Text nicht beantwortet. Hier
zeigt sich uns aber aufs deutlichste, warum die Theologie nicht nur
erzählend gestaltet werden kann und warum sie so ins
systematisch-dogmatische Denken übergehen muß! Aber jetzt wollen
wir bei dieser Szene stehen bleiben und dies in seiner Dunkelheit
auch so stehen lassen.
Wie reagiert
David? David kämpft um das Leben seines Kindes. Er fastet und betet.
Gott, der Herr will ihm das Kind nehmen, es töten. Nur er kann es
aber auch vom Tode retten. Streng fastete er. Er legte sich auf den
nackten Boden, um so Gott anzuflehen: „Verschone mein Kind!“
Was bedeutet
hier das Fasten? Natürlich kein Gesundfasten, keine Diät, kein
bewußteres Leben, nicht, daß er nun, weil er nicht mit Essen und
Trinken befaßt war, mehr Zeit für etwas Wichtigeres und
Wesentlicheres hätte. All das, wie man heute so über das Fasten
redet, hat mit dem religiösen Fasten nichts zu tun! David hat seinen
Gott vor Augen. Gott will sein Kind strafen. Jetzt straft sich David
selbst durch dies strenge Fasten. Er hofft, daß Gott urteilen wird:
Um der Strafe willen, die David sich selbst auferlegt hat und an sich
selbst vollzieht, verzichte ich auf meine Strafe. Die Strafe, die
Gott über das Kind Davids verhängt hat, ist selbstredend viel
größer als die Qualität der Strafe, die David sich selbst
auferlegt. Es ist so ein Gnadenakt Gottes, wenn er diese im Vergleich
zu dieser von ihm verfügten kleinen Strafe als Ersatz annimmt und so
auf seine verzichtet. David will leiden, damit das Kind nicht leiden
muß. Er fügt sich den Schmerz des Fastens zu, damit dem Kind der
Schmerz des Sterbens erspart bleibt. Darum heißt es ja auch in
Jesaja 58,5: Ist das ein Fasten wie ich es liebe, ein Tag, an dem man
sich der Buße unterzieht?“ Hier übersetzt die
„Einheitsübersetzung“ aber leider nicht korrekt. Der hebräische
Text liest hier: sich kasteit, sich ein Leid antun! Eine
„Übersetzung“ im Geiste der Zensierung Gottes!
Im
Hintergrund steht die Vorstellung, daß jede Sünde bestraft werden
muß. Ein einfaches Bild mag uns diese uns befremdlich vorkommende
Vorstellung näherbringen. Wenn ein Lastschiff beladen wird, muß es
ausgewogen beladen werden. Würde nur auf der einen Seite das Schiff
beladen, auf der anderen nicht, droht das Schiff zu kentern und
unterzugehen. Es muß im physikalischen Sinne gleichgewichtig beladen
werden. In einer menschlichen Gemeinschaft, damit sie nicht kentert
und untergeht, muß das Verhältnis zwischen Sünden und Strafen
ausgeglichen sein, damit sie im moralischen Sinne im Gleichgewicht
bleibt. Ungestrafte Sünden brächten sie aus dem moralischen
Gleichgewicht. Durch Davids Sünde und seine Folgen ist nun eine
Gleichgewichtsstörung im sozialen Leben entstanden. Die Untat Davids
wurde durch die Vergebung durch Gott ausgeglichen. Die Negativfolgen
der Untat Davids sollen nun durch die Bestrafung des Kindes von David
ausgeglichen werden. David bietet Gott nun an, selbst sich zu
bestrafen, um so durch sein strenges Fasten die Ausgeglichenheit
wieder herzustellen. Seine Selbstbestrafung reicht selbstverständlich
zum Ausgleich nicht aus. Aber wenn Gott sein Bußwerk annimmt, seine
Selbstbestrafung, dann würde sie ausreichen durch die göttliche
Annahme. Erst die göttliche Annahme qualifizierte dies strenge
Fasten zum ausreichenden Ersatz für die Bestrafung des Kindes. David
hofft auf die Gnade Gottes. Er hofft auf Gottes Erbarmen. Gott erhört
ihn nicht. Sein Kind stirbt. Gott tötete es - trotz Davids Bitten
und seines Fastens.
Behalten wir
dies Bild vor Augen: David bittet, er fastet: „Verschone mein
Kind!“ Aber Gott erhört ihn nicht. Er tötet das Kind Davids! Gott
läßt hier nicht den Tod des Kindes zu, er straft es mit der
Todesstrafe. Gott hat geurteilt. Sein Kind ist tot. Er geht zu seiner
Frau Batseba und tröstet sie. Sie wird schwanger und gebiert ihm den
Sohn Salomon.
Werfen wir
doch auch einen Blick auf diese Mutter. Sie wird die Ehefrau des
Mörders ihres Mannes. Sie gebiert ihm einen Sohn, den Gott tötet,
um der Sünde ihres Ehemannes willen. Das ist ihr Schicksal! Hat sie
es sich selbst zuzuschreiben, weil sie zum König ging, als er sie zu
sich rief?Ist sie das Opfer einer männlich - königlichen
Verführung? Und nun ist sie wieder Mutter, die Mutter des
zukünftigen Königs Salomo. Ihr zweites Kind mit dem König David,
ihr erstes ist tot. Dies Frauenschicksal sollten wir nicht zu schnell
ausblenden. Sie hat Gott in ihrem Lebensschicksal so erfahren. Es ist
kein Trugbild. Gott war so zu ihr.
Zusatz
So sehr die Differenz zu betonen ist zwischen dem Beten und einem magischen Beschwören, ist auch das Gemeinsame zu benennen, daß mit übernatürlichen Kräften gerechnet wird, die für unser Leben von größter Relevanz sind.