Es gilt nun, die Differenz zwischen der bürgerlichen und der verbürgerlichten Gestalt der christlichen Religion zu erfassen. Anheben möchte ich dabei eingedenk der mehr als lesenswerten Studie Gerd Theißens über die "Jesusbewegung" mit der schon im Neuen Testament und dem Urchristenum dokumentierten Differenz zwischen einer radical wörtlich verstandenden Nachfolgepraxis Jesu Christi und einer, in der die Christen nicht alles aufgaben, die Familie, den Besitz und den Beruf, um mit oder wie einst Jesu als Wanderprediger von Ort zu Ort das Evangelium zu predigen.Diese Wanderprediger verzichteten auf eine Broterwerbsarbeit, da sie ganz für das Evangelium leben wollten und lebten so nur von Spenden. (Der Apostel Paulus wurde ja kritisiert, ob er denn ein wirklicher Apostel sei, da er einer Arbeit nachginge, statt wie ein Apostel sich von den Gemeinden versorgen zu lassen. 1.und 2.Korintherbrief)
Von Anfang an gab es nun aber auch sagen wir mal "seßhafte" Christen, die weiter in ihrer Familie lebten, einen Beruf ausübten und staatsbürgerlichen Pflichten nachgingen, indem sie die Steuern zahlten. Aus denen bildeten sich dann die Ortsgemeinden heraus. Statt all ihren Besitz den Armen zu geben, geben sie den Armen Allmosen, statt ihr Leben der Verkündigung zu widmen, arbeiten sie und führen ein Familien-leben.Das verlangt eine Entradicalisierug der Nachfolgepraxis Jesu, das Leben Jesu in dem bürgerlichen Leben gerecht werden wollend dies doch den Lebensnotwendigkeiten des bürgerlichen Lebens einzu-passen. Ein Extrembeispiel zeigt uns das Leben des zum christlichen Glaubens bekehrten Kaiser Konstantins: Er schob die Taufe bis an sein Lebensende hinaus, angesichts der Problematil, wie könne er als getaufter Christ noch als Kaiser regieren, ohne zu sündigen, auch damals war die Politik schon ein "schmutziges Geschäft- eine zweite Taufe zur Sündenvergebung gibt es in der christlichen Religion nicht.
Die christliche Religion war so von Anfang an eine Zweigesichtige, die der radicalen Nachfolge,aus der sich dann das Mönchtum herausentwickelte und das bürgerliche. Die radicale Nachfolge verhinderte eine Verweltlichung der christlichen Religion, das bürgerliche ein weltfüchtiges Christentum. Die Welt wurde zu dem Ort, in der der Christ seinen Glauben zu leben hatte. Gott ist eben nicht nur ein jenseitiger, der uns das ewige Leben verheißt, sondern auch einer, der jetzt die Welt regiert und in ihr wirkt, sodaß auch der Christ daran partizipiert.
Unter einer verbürgerlichten christlichen Religion soll nun ein Christentum verstanden werden, daß diese seine Zweigesichtigkeit verloren hat oder verliert. Es hat sich so eingeheimatet in die Welt, daß ihr das ganz andere, das Reich Gottes, die wahre Heimat des Menschen, der Himmel verlustig geht. Die verbürgerlichte Religion bejaht die Welt, die Gesellschaft wie sie ist und versteht den persönlichen Glauben als eine Hilfe zur Bewältigung und Meisterung dieses Lebens. Der Glaube, so wie man ist, als von Gott bejaht zu sein, soll sich dann in persönlichen Krisen bewähren,eine Lebenshilfe zu sein. Die Erlösung der Welt,ihre Erlösungsbedürftigkeit gerät außer Sicht oder wird durch humanitaristische Optimierungskonzepte ersetzt, dem Glauben an die Reformierbarkeit von allem.