Verdrängte biblische Wahrheiten – oder wie Gott irrelevant wurde
Geben wir der hl. Schrift das Wort: „Werdet nicht wie eure Väter und Brüder, welche von dem Herrn, dem Gott ihrer Väter, abfielen, und die er dem Untergang preisgab1, wie ihr selbst seht. Seid nicht halstarrig,wie eure Väter;bietet dem Herrn die Hand,und kommet zu seinem Heiligthume,das er auf immerdar2 geheiligt hat, dienet dem Herrn, dem Gott eurer Väter,so wird sein grimmiger Zorn sich von euch wenden.“ 2.Chronik, 30,7f.
„Kehret um, dann wird Gott auch zu Euch wieder umkehren. Jetzt zürnt Euch Gott, aber wenn Ihr umkehrt zu ihm hin, dann wird er seinen Zorn von Euch abwenden und Euch wieder ein gnädiger Gott sein!“
Das ist nicht nur die Kernaussage dieser Bibelstelle, sondern eine, die wie ein roter Faden sich durch die ganze hl.Schrift zieht.
Gott kann uns zugewandt oder im Zorne gegenüber stehen. Das macht seine Relevanz aus. Wenn Gott zwar existierte, aber beziehungslos zu uns, dann wäre er für und irrelevant.Wenn Gott existierend stets als uns liebender zugewandt wäre, dann wäre zu urteilen, daß es diesem Gott gleichgültig wäre,wie wir uns ihm und uns selbst gegenüber verhielten. Diese Liebe wäre eine, die nicht auf die Antwort von uns, unsere Liebe ausgerichtet wäre. Nur, das Bekenntnis: „Ich liebe Dich“ wird nie ausgesprochen ohne die Erwartung der positiven Antwort: „Und ich liebe Dich!“Wäre ohne diese Erwartung die Liebe Gottes wirklich eine Liebe?
Wenn aber von Gott geglaubt wird, daß er uns liebend oder zürnend sein kann, dann wird er für uns relevant. Denn es kann keinem Menschen gleichgültig sein, ob ihm Gott zürne oder ob er von Gott geliebt werde, insbesondere, wenn Gott nie als uns gegenüber indifferent sich verhaltend geglaubt werden kann.
Das Volk Israel verlor seine Heimat, sein Königtum, seinen heiligen Ort der Gottesverehrung, weil Gott ihm zürnte wegen seines Sündigen Gott gegenüber, aber Gott verheißt ihm, all das zurückzugeben, wenn es wieder zu ihm sich zurückwendet.
Das ist nun nicht ausschließlich als ein besonderes Ereignis der Beziehungsgeschichte Gottes mit seinem Volke in den Chronikbüchern erzählt, sondern zeigt an, wie Gott generell sich zu uns Menschen verhält. In einer narrativen Theologie wird das Allgemeine in eine besondere Geschichte verkleidet, um darin das Allgemeine erkennen zu lassen.
Wenn Gott nicht mehr so gedacht wird, dann muß er selbst für die Gläubigen irrelevant werden, da eine solche objejektivistische Liebe, einer Liebe, die das Wie des Antwortens des Geliebten gleichgültig ist, von einer Gleichgültigkeit uns gegenüber nicht mehr unterscheidbar ist.
Von Gott muß also gedacht werden können, daß er nicht nur sich in irgendeiner Weise zu Anderem als sich selbst verhalten kann sondern auch, daß er auf das seinem Verhalten reagierenden Verhalten selbst noch einmal reagieren kann. Das stellt für einen traditionell metaphysisch gedachten Gott ein Problem dar. Denn Gottes Sein wird als ein zeitloses ewiges Sein gedacht. Das ermöglicht zwar die Vorstellung, er könne eine Realtion zu anderem als sich unterhalten, aber nur eine ewig konstante, nicht kann aber gedacht werden, daß Gott auf unser Verhalten ihm gegenüber reagieren könnte, denn das erheischt , daß Gott sein Verhalten zu uns ändern könnte, was aber ein zeitliches Sein und eine Veränderbarkeit Gottes in seinem Verhalten denknotwendig voraussetzt. Das Beides ist aber in einer Metaphysik im Stile Aritoteles undenkbar.
Wenn Gottes Relation zu seinem von ihm gesetzten Sohn als eine lebendige Beziehung gedacht werden soll, dann muß gedacht werden, daß der von seinem Vater geliebte Sohn ihn antwortend liebt und der Vater auf diese ihm erbrachte Liebe wieder reagiert. Ihm ist die Liebe seines Sohnes zu ihm selbst nicht gleichgültig. Das inkludiert aber, daß mit der Setzung des Sohnes in der immanenten Trinität Gottes die Dimension der Zeit eingefügt wurde, damit eine lebendige Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn so ermöglicht wurde. Wenn das wahr ist, dann kann dieser Gott auch Beziehungen zu uns Menschen unterhalten, lebendige, in denen er auch auf unser Reagieren ihm gegenüber selbst noch mal reagieren kann.
Das ist aber die denknotwendige Präsumption der Kernbotschaft nicht nur dieser Chronikbibelstelle.
Sonst entstünde für den Gläubigen ein Gott, der von seiner Natur aus uns immer nur lieben könnte und dem es gleichgültig wäre, wie wir dann auf seine Liebe zu uns reagierten, da er nicht auf unser Verhalten ihm gegenüber reagieren könnte: Er könnte immer nur lieben!
1Tradit ...in internittum“ meint aber. In den Untergang geben, nicht ein Zulaasen, wie diese Übersetzung suggerieren könnte.
2„In aeternum“ = für die Ewigkeit. Der Tempel in Jerusalem wurde aber 70 n Chr endgültig zerstört und bis heute nicht wieder aufgebaut. Die Verheißung des auf immer Geheiligtseins dieses Tempels war also eine konditionierte: Wenn Israel vom Glauben abfällt, konnte Gott seine Verheißung revozieren.