Denkwürdige Gespräche – im Meer des Relativismus gibt es doch noch Gewißheiten
Mein Vorzugsopfer waren und sind Germanistikstudenten m/w/d, m/ w/de, da in diesen Kreisen sehr viel Wert auf politisch korrekten Verhalten in allen Lebensbereichen gelegt wird. Das Gespräch eröffnete ich gern mit dem Bekenntnis, daß ich nun nicht vom Fache sei, aber gerne von m-w-d Germanisten erfrüge, wie sie ein Werurteil begründen. Daß Thomas Mann oder Robert Musil literarisch Hochwertiges hervorgeracht hätten, sei doch wohl unbestritten. Wie begründe man aber die Minderwertigkeit der Werke etwa der Schriftstellerin Hedwig Courts Mahlers? Ich wüsse das nicht und hörte gern eine Begründung dieses Werturteiles.
"Ihre Romane seien Kitschromane!" Das wüsse doch jeder. Aber warum seien denn ihre Romane kitschig? Wenn mein Dialogpartner ob solcher Inkompetenz nicht das Gespräch sofort beendete,hieß es: „Weil deren Romane alle mit einem „Happy End“ abschlössen, sind sie kitschig.“ Mein Gegenargument lautete dann: „Dann sind alle Kriminalfilme auch kitschig, weil am Ende immer der Mörder überführt und der Mordfall aufgeklärt wird.“
„Nein, so könne man das nicht sehen. Morde sind nicht kitschig, nur die Liebesfilme und Romane sind kitschig, weil es da um die Liebe geht!“ Mein Einwand: „Frägt man, womit Menschen das Glücklichsein verbinden, dann antworten sie: „ Mit der Liebe“ und nur Ältere urteilen, daß das Allerwichtigste ihr Nichtkranksein sei.“ Sollte also der Glaube an ein mögliches Glücklichsein kitschig sein, da jeder Realist wüsse, daß es auf Erden kein Glück geben könne? Hier könnte sich eine erste gewichtige Spur des Grundes des Kitschvorwurfes andeuten: Das Darstellen am Ende glücklich sich Liebender evoziert Neidgefühle: Wenn mir das Glück in der Liebe nicht möglich ist, dann soll das auch keinem anderen vergönnt sein: „Denn wie könnte ich noch mit meinem Leben zufrieden sein, gäbe es wirklich glücklich Liebende?“
Aber dieser Verdacht transzendiert den Raum der Literaturkritik. Der Verdacht liegt nun näher im Raume der Literaturkritik,daß diese Autorin ihre eigenen Werke „klein gemacht hatte“. Erfolg ruft Neid hervor. Karl May wurde so ein Opfer einer Neidkampagne, seine Werke seien unsittlich, jugendgefährdend. Courths Maler wehrte eine solche Kampagne mit ihrer ihr eigenen Klugheit ab: „Liebe Männer, ich schreibe doch nur Märchen für Erwachsene. Solche Werke braucht doch kein Schriftsteller ernst zu nehmen!“ Eine feministische Literaturkritik könnte das nun als eine kluge Strategie bezeichnen, wie eine Frau in der von Männern dominierten Welt der Romane sich ihren Platz eroberte und eine der Vielgelesendsten wurde. Aber da ihre Romane Liebesromane sind, kam und kommt sie nicht zu dieser sssEhre,klug agiert zu haben.
Gelegentlich wurde auch das Argument des "Klischeehaften" vorgetragen. Aber auf die Nachrfrage,warum denn Klischees etwas Negatives seien, konnte niemand etwas erwidern. Eingedenk der Anthropologie Arnold Gehlens könnte zur Verteidiung des Klischees könnte gesagt werden, daß wir Menschen ob unserer defizitären Bestimmtheit durch unsere Natur die Kontingenz, daß es viele Handlungsoptionen für uns gibt, bewältigen, indem kulurell bestimmte Handlungsversionen vorgegeben sind,die wir dann realisieren.
Wie viele Mölichkeiten ließen sich ausdenken, wie ein Mann einer Frau seinen Heiratsantrag macht. Es gibt nun ein "Klischee", wie ein Mann den Antrag richtig macht, kniend und dazu der Frau einen Ring anstekend. Wer das so macht, der weiß daß die Frau das als einen richtig gemachten anerkennen wird, sodaß sie dann auch ihr "Ja" sagen kann, wohingegen ein ganz anders gemachter bei der Frau Zweifel entstehen lassen könnte, ob den der Antrag auch wirklich ernst gemeint sei. Klischees helfen so als Kontingenzbewältigungskonzeptionen und entlasten so den Einzelnen, eine angemessene Praxis für sich zu konzipieren. So entlasten nicht nur die Instituionen sondern auch die kulturell vorgegebenen Klischees den Einzelnen. Diese selbst werden nun durch die Kunst vermittelt, durch die Medien und dazu gehört immer auch noch die Literatur: "So kannst Du Dich in so einer Angelegenheit verhalten, vertrauend darauf, so nichts falsch zu machen. " Warum sollte eine so geartete Hilfe für das Leben ästhetisch minderwertig sein?
Man weiß eben als m/w/d Germanist, welche Romane man auf keinen Fall schätzen darf, um nicht bei allen Kommilitonen unten durch zu sein. „Ernst Jünger darf man auf keinen Fall lesen, denn er ist ein Nazi!“ Meine Gegenfrage: „Woher wissen Sie denn, daß er ein Nazi ist, wenn Sie nie eine Zeile von ihm gelesen haben?“ bekam die Antwort: „Nazibücher lese ich nicht, es reicht, daß ich weiß, daß der einer war!“Und woher weiß man das? Das wüsse doch jeder. Lebt etwa die germanistische Wissenschaft von solchen Vorurteilen?
Wenn es im Raume der Ästhetik noch Gewißheiten gibt, dann sind es Vorurteile, die in bestimmten Milieus vertreten werden und die man teilen muß, wenn man dazugehören will. Ist das der Ausgang der Aufklärung, des Willens zum selbstständigen Denken?
Einen „Ausweg“ bietet das Konzept der politisch engagierten Kunst: Hier entscheidet allein die politische Gesinnung eines Werkes über seinen ästhetischen Wert. So wird wohl kein israelischer Künstler mehr in Österreich oder Deutschland irgendein Werk ausstellen können, ohne daß da gegen ihn heftigst protestiert wird und die Ausstellung dann untersagt wird: Er sei, da er ein Jude sei, ein Unterstützer des zionistischen Imperialismus.
Aber was macht denn stattdessen die ästhetische Qualität eines Kunstwerkes aus? Aber der totale Relativismus macht nicht im Raume der Ästhetik halt: „Was macht eine Aussage zu einer wahren und was qualifiziert das Gute als das Gute?“ Auch die theoretische wie auch die praktische Vernunft ist eben von dem Virenschadprogramm des Relativismus befallen!
Kein Germanist, auch nicht seit es m/w/d Germanisten gibt, konnte mir meine Fragen zur Qualitätserkennung literarischer Werke beantworten!