„Kann der Westen ohne das Christentum überleben?“
So frug Kardinal Müller (Kath net, 17.5.2026) und die Kathnet Leserschaft wird wohl keine Antwort erwarten als ein klares: „Nein“! Dennoch könnte gegen dies eindeutige: „Nein“ Einwände erhoben werden: Sollte das nur für den Westen gelten und so, warum eigentlich nicht,nicht für China oder Indien?
Ein Orientierungsversuch:
Dem großen Soziologen Max Weber verdanken wir diese Erkenntnis: „ Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren,was er soll,sondern nur was er kann und unter Umständen – was will.“1Im Sinne Humes besagt das, daß die Wissenschaft nur erkennen kann, was ist,nicht was sein soll. Handlungstheoretisch formuliert besagt das, das wissenschaftlich geprüft werden kann, ob bestimmte Mittel das erstrebte Ziel erwirken kann, aber nicht, ob ein Ziel an sich vernünftig ist. Die persönlichen Werte oder die Weltanschauung eines Kritikers ermöglichen erst Werturteile, eine Kritik angestrebter Ziele. Diese Werte bzw Weltanschauung ist nun selbst aber nicht mehr wissenschaftlich fundierbar. Zwischen „Weltanschauungen“2 würde nun der Streit zwischen den differierenden Wertordnungen geführt, der zwar deskriptiv rekonstruiert werden kann, aber nicht präskriptiv beurteilt werden.
Wenn die Wissenschaften diese selbstkritische Beschränkung akzeptieren müssen, um nicht spekulativ zu werden. „Nur unter der Voraussetzung des Glaubens an Werte jedenfalls hat der Versuch Sinn,Werturteile nach außen zu vertreten.Aber die Geltung solcher Werte zu beurteilen, ist Sache des Glaubens,daneben vielleicht eine Aufgabe spekulativer Betrachtung und Deutung des Lebens und der Welt auf ihren Sinn hin,sicherlich aber nicht Gegenstand einer Erfahrungswissenschaft“.3
Die Wissenschaften sind also nach M.Weber erkenntnis-theoretisch begrenzt in dem, was sie erkennen können und was nicht. Sie können weder erkennen, was der Mensch soll, noch kann sie die Welt als Ganzes deuten, ihren Sinn verstehen sondern nur ursächlich ergründen. Sie können nur erkennen, nicht beurteilen.
Die Orientierungsskizze nach dieser Problemexplikation
Deshalb muß dieser Mangel nun behoben werden und dazu bieten sich nun die Religionen oder die Weltanschauungen mit ihren ihnen eigenen Werten an. Folgende Unterscheidungen möchte ich hier verwenden: Weltanschauungen sollen als säkularisierte Religionen verstanden werden, der Glaube als die subjektive Zustimmung zu einer Religion oder Weltanschauung, die Theologie bzw Ideologie dann als die Selbstreflexionsgestalt der Religion bzw der Weltanschauung.
Drei differente Handlungsziele können nun benannt werden: a) das Überleben der Menschheit, b) das gute Leben in der Spannung von einem moralisch richtigen Leben und dem guten Leben im Sinne eines Gemeinwohles und c) dem ewigen Leben als religiösem Ziel.
Kardinal Müllers These lautet nun, daß diese drei Handlungsziele der Westen nur erreichen kann durch seine Rückkehr zur christlichen Religion. Ginge es nur um das Ziel des ewigen Lebens,könnte dem zugestimmt werden, aber doch nur für dieses Ziel könnte dies gelten. Es existieren Gottes Schöpfung- und Erhaltungsordnungen, die Ehe und die Familie, das Volk und der Staat, die unabhängig von der christlichen Religion das Überleben sichern. Auch ein an das Allgemeinwohl orientiertes (politisches) Handeln setzt nicht die christliche Religion voraus. Diese Aufgaben können auch Weltanchuungen erfüllen, nur es muß entweder eine Religion mit ihrer eigenen Theologie oder eine Weltanschauung mit ihrer Selbstreflexion als einer Ideologie diese Aufgaben übernehmen. Die Wissenschaften können das nicht.
So kann man im Sinne Webers die Notwendigkeit einer Religion oder Weltanschauung begründen. Diese dürfen aber jetzt nicht nur Privatangelegenheiten seien, sondern müssen eine Geltung besitzen für die Gesellschaft. Der Mensch kann sich nicht völlig verprivatisieren und nur noch privat für sich die Frage: Was soll sein?,und:Gibt das Ganze einen Sinn?, beantworten. Eine nichtreligiös fundierte Gesellschaft muß so eine ideologisch fundierte sein.
In der Französischen Revolution begann der Siegeszug der Ideologie des Liberalismus mit seinem Glauben an die Menschenwürde und die Menschenrechte, die in der Epoche des „Kalten Krieges“ zu der des Westens avancierte,der Weltanschauung des Marxismus-Leninismus entgegen-gesetzt.4 Die Katholische Kirche ging nun angesichts dieser ideologischen Konfrontation des Westens mit dem Osten eine Mesalliance mit dem westlichen Liberalismus ein.
Moeller van den Bruck stellte nun aber schon fest, daß am Liberalismus die Völker zugrunde gingen!5 Das bestätigt nun Kardinal Müllers Situationsbeschreibung des Westens.
1Zitiert nach: Max Weber, Rationalisierung und entzauberte Welt, Reclam Leipzig 1989,Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis, S.53.
2A.a.O. S.55.
3A,a.O. S.54.
4Vgl, Katechismusartig zusammengefaßt: J.Stalin,Über dialektischen und historischen Materialismus.
5Vgl: van den Bruck: Das dritte Reich.