Ein paar sehr vorläufige
Anmerkungen zur Moderne und der Postmoderne-diese Anmerkungen kann
der eilige Leser gern überlesen.
Man kann
heute in den Zeiten der Postmoderne nicht mehr einfach, in medias res
gehend, anfangen. Lyotard schlägt für das Verständnis von
Postmoderne vor: „Bei extremer Vereinfachung hält man die Skepsis
gegenüber den Metaerzählungen für `postmodern`“.
Lyotard denkt dabei primär an die großen philosophischen Systeme
Hegels und Marx, die großen Erzählungen von der Emanzipation und
Befreiung des Menschen aus seinem selbstverschuldeten Unglück. Als
Christen denken wir an die Großerzählung von der Schöpfung des
Menschen im Paradies, die Geschichte seines Falles und seiner
Erlösung durch Jesus Christus mit der Verheißung des Reich Gottes.
Leicht fällt es uns, ausgehend von dieser großen Erzählung die
Metaerzählungen Lyotards als säkularisierte Fassung dieser
Ursprungserzählung zu deuten. Was der religiöse Mensch von Gott
erhoffte und ersehnte, daß soll in der säkularisierten Fassung der
Mensch selbst leisten durch humanistische Bildung oder durch
politische Revolutionen.
Die
Postmoderne markiert somit einen Paradigmenwechsel: wir leben nicht
mehr im Mittelalter, nicht mehr in der Moderne. Postmoderne zeigt das
Ende der konstantinischen Epoche an, dem großen Versuch der
Verchristlichung der Welt durch die Kooperation von Kirche und Staat.
Wir erleben und erleiden das, was Oswald Spengler den „Untergang
des Abendlandes“,
Franz Lisson das Ende der Kultur und den Beginn der Epoche der
Zivilisation benennt.
Den
Grundtext der christlichen Religion bildet eine Sammlung von heiligen
Schriften, von Erzählungen und Reflexionen über das Erzählte, die
Bibel, das Buch der Bücher. Darüber baute sich ein in Archiven und
Bibliotheken präsenter großer theologischer Diskurs auf, immer
schauend auf den Grundtext, und ihn verknüpfend mit den gewichtigen
Texten der jeweiligen Umwelt, der Philosophie vorrangig.
Ernst Jünger
schrieb in seiner Aphorismen: Über den Autor und Autorschaft: „
Für den Konservativen kommt(...)der Punkt, an dem die Akten
geschlossen sind. Die Tradition darf dann nicht mehr verteidigt (…)
werden. Die Väter werden schweigend und in den Träumen verehrt.
Sind die Akten geschlossen, so mögen sie ruhen, zu treuen Händen
künftiger Historiker verwahrt.“
M. Mosebach zitiert Jünger als selbstkritische Anfrage des
Anliegens des Wunsches der Wiederbelebung der Alten Liturgie, der
tridentinischen. „Das Paradies auf Erden. Liturgie als Fenster zum
Jenseits“ betitelt er seine Erwägungen zur Wahrheit der Alten
Messe. Aber am Schluß steht die resignative Frage: ist die Epoche
dieser Liturgie und damit auch des gelebten Glaubens zu Ende?
Die alte
Messe lebt aus ihrem Gottesverständnis. Wie wir uns Gott denken, so
feiern wir auch Gottesdienst. Und wir denken Gott gemäß der großen
Erzählung von Gott in dem Buch der Bücher.
Unser
Gottesverständnis hat sich sehr geändert. Wir lesen die alten
Erzählungen von Gott und den Menschen heute anders. Die Geschichten
verwandeln wir. Gott wird zensiert, um ihn den Ansprüchen der
Moderne gemäß weiter erzählen zu können. Mit dem Anheben der
Postmoderne verliert auch der so modernisierte Gott seine Bedeutung;
die modernisierten Erzählungen wirken plötzlich antiquiert und
verstaubt.
„Der
zensierte Gott“ ist so eine Suchbewegung nach dem ursprünglichen
Gottesverständnis, wie es in den biblischen Erzählungen uns
übermittelt wurde, das wir übermalt haben und zwar so sehr, daß
uns das Religiöse fremd geworden ist. Aber mit dem Untergang der
Moderne können wir nun auch unbeschwert die Umschreibungen und
Anpassungen der Gottesvorstellung an die Moderne wieder zurücknehmen.
Wenden wir uns den großen Erzählungen wieder zu, in der Hoffnung,
daß gerade in ihnen sich Wahrheiten eingeschrieben haben, die ewig
und somit auch für unsere Zeit wahr sind. Nicht wollen wir das
Vergangene künstlich konservieren, um es vor dem Verfall zu
bewahren, sondern um das ewig Wahre in ihnen zu suchen und das zu
verlebendigen.
Alles ernste
Denken, was nicht im Vorläufigen endet und nicht vor der Frage nach
dem Anfang und dem Ende sich verschließt, ist ein metaphysisches
Denken. Die schöne Kinderfrage: „Warum ist das so?“ bildet den
Anfang dieses Denkens, weil es nicht zur Ruhe kommt, bis es eine
Antwort gibt, die keine weitere Frage nach einem Warum zuläßt. Das
wäre der Uranfang. Das ist die Antwort: Gott. Aber entscheidend ist,
wie wir diesen Uranfang denken. Selbst der radikale Atheist Lenin
konnte der Frage nach dem Uranfang nicht ausweichen, und erweist sich
so als redlicher Denker.
Er beantwortete diese Frage nach dem Uranfang mit der Idee der
Materie. Das ist ihm das, was dem Religiösen Gott ist.
Wie denken
wir den Uranfang? Die großen religiösen Erzählungen sollen
daraufhin befragt werden in der Vermutung, daß es einen guten Grund
dafür gibt, daß vor dem theoretischen Denken über Gott die
Erzählung von Gott war und ist. Diesen Erzählungen soll nun unsere
Aufmerksamkeit gelten, hoffend gerade hier, Wahrheiten zu finden.
Wir erleben
und erleiden einen Epochenwandel. Wir wissen nicht, was kommen wird,
wir wissen nur, was zu Ende gegangen ist. Das soll hier unter
Postmoderne gemeint sein. Vielleicht können wir zu einem begrifflich
klareren Denken wieder zurückfinden, wenn sich unsere Zeit selbst
wieder begriffen hat. Postmoderne zeigt an, daß unsere Gegenwart
sich noch nicht begriffen hat.
Gott wird in
Szenen dargestellt, die sich dann zusammenschreiben zu einer großen
Gesamterzählung. Einzelne bedeutsame Stellen sollen in den
Vordergrund gestellt werden, die unter dem Verdacht stehen,
bevorzugte Objekte einer Zensur geworden zu sein.
So soll nun
eine Bildergeschichte Gottes eröffnet werden. Im Zentrum stehen
dabei Bilder des Opferns. Denn der Opferkult bildet das lebendige
Zentrum jeder Religion. „Das Wesen und die Natur der Religion
enthüllt die Notwendigkeit des Opfers. ...Und wenn man die Opfer
entfernt, kann eine Religion weder sein noch gedacht werden.“,
lehrt Leo XIII.
Die Moderen ist vielleicht gerade darin die Abwendung von der
Religion, indem sie Schritt für Schritt sich vom religiösen
Opferkult abwendete. Und damit könnte tatsächlich der Reformator
Luther mit seiner Revolution wider das Zentrum des christlichen
Gottesdienst, dem Meßopfer, daß die Messe kein Opfer mehr sein
soll!, den Beginn der Moderne bezeichnen, versteht man darunter die
Abwendung von der Religion, oder besser gesagt die Säkularisierung
der Religion, in dem das, was der religiöse Mensch von Gott
erhoffte, er sich nun zu seiner eigenen Aufgabe machte: sich selbst
durch Bildung und die Humanisierung der Welt zu erlösen. Glaser
urteilt so über den spätbürgerlichen Bildungsbegriff: „Die
Erlösungshoffnung, die in den Bildungsbegriff hineinprojiziert
werde, sei auch eine der Selbsterlösung.“
Die Postmoderne bezeichnete dann die Erschöpfung des Glaubens des
Menschen an die Möglichkeit einer politischen, das meint durch
Menschen selbst hervorgebrachten Erlösung. Die Postmoderne meint
dann: Leben ohne eine Hoffnung auf eine Erlösung. Das Implosion des
real existierenden Sozialismus 1989 als dem letzten Versuch der
Erlösung der Welt durch eine Selbsthumanisierungskonzeption markiert
dann das endgültige Ende der Moderne. Sloterdijk datiert ebenso den
Durchbruch der Postmoderne.
Wir schauen
auf dies Projekt der Säkularisierung und Politisierung der Religion
zurück und schauen, wie diesem Projekt das Bild des Priesters, der
Gott sein wohlgefälliges Opfer darbringt, dem Urbild gelebter
Religion zum Opfer fiel. Das Opfer ist dabei ein privilegiertes Opfer
des Fortschritts: nur der noch nicht Aufgeklärte glaube an Gott
gewollte Opfer.
Der
Fortschrittsglaube, der den Jenseitsglauben ersetzte, ist die naive
Vorstellung. Zur Veranschaulichung: einst glaubten die Menschen, die
Erde sei eine Scheibe. Sie hatten Angst, entfernten sie sich zu weit,
kamen dem Rand zu nahe, daß sie in einen unbegreifbaren Abgrund des
Grauens stürzten. Jetzt wissen, wir daß die Erde eine Kugel ist und
mit diesem Erkenntnisfortschritt einher geht ein Weniger an Angst.
Niemand fürchtet sich mehr, am Rand der Scheibenerde hinabzustürzen.
Auf eine Kurzformel gebracht: je mehr Fortschritt, je mehr
Wissenschaft, desto weniger Angst, desto besser lebt der Mensch!
Wir werden
dabei auch kurze Blicke werfen auf die unzähligen Opfer,
Menschenopfer dieses humanistischen Selbsterlösungsprojektes und
bedenken, ob es wirklich nur eine konservative Illusion ist, daß mit
der Rückkehr zur Alten Messe , die ihr Zentrum im Meßopfer hat ,
das der Priester Gott darbringt, eine Revitalisierung der
christlichen Religion möglich ist nach der Epoche ihrer
Verdunkelung.