„Woher kommt eigentlich die Vorstellung, dass jeder Mensch Gott braucht?“1
Diese Frage wirft der Praktische Theologe Loffeld auf in seiner besonderen Hinsicht auf die christliche Religion. Nicht wird also gefragt, wie es denn dazu gekommen sei, daß heutzutage so vielen Gott gleichgültig sei, das sei das Problem des heutigen Christentumes2, sondern wie sei es überhaupt dazu gekommen, daß man meinte, daß der christliche Gott für jeden Menschen von höchster Relevanz sei.
Die Theologie des Apostelfürsten Paulus rekonstruiert er dazu mit dem Schwerpunkt auf dessen Erbsündenlehre. Da diese Rekonstruktion in seinem Buch sehr knapp ausfällt, erlaube ich mir eine ausführlichere hier darzulegen, an Hand des Römerbriefes, Kapitel 1 bis 8 in der Intention Loffelds.
Paulus sieht sich mit dem Einwand der Heiden konfrontiert: „Uns kannst Du nicht vorwerfen, daß wir Sünder seien und so der Erlösung durch Jesu Christi bedürfen, da wir ja gar nicht wußten und erkennen konnten, daß es einen Gott nur gäbe, den wir zu verehren hätten und wie wir gemäß ihm zu leben gehabt hätten. Kann uns so aber nicht der Vorwurf, Sünder zu sein, gemacht werden, auch nicht von diesem christlichen Gott, bräuchten wir auch keine Erlösung.“
Paulus beweist nun, daß jedem Menschen Gott erkennbar sei kraft der Möglichkeit der natürlichen Gotteserkenntnis und daß jeden sein Gewissen bezeuge, wie er zu leben habe, denn im Gewissen spräche Gott zu ihm. So sind nicht nur die Juden, denen Gott sich offenbart hatte Sünder, weil sie nicht gemäß Gottes offenbartem Willen lebten sondern auch die Heiden. Beide wußten von dem einen Gott und wie sie zu leben hätten.
Nun könnte aber ein weiterer Einwand jetzt von den Juden wie von den Heiden erhoben werden: Jeder Mensch könne nun doch umkehren,und dann so leben, wie Gott es von ihm wolle, sodaß es keines Erlösers bedürfe. Das Vermögen zur natürlichen Gotteserkenntnis und das Wissen um wie man zu leben habe im Gewissen jedes Menschen reiche doch aus.
Paulus konstruiert deswegen die Erbsündenlehre, um mit ihr zu beweisen, daß kein Mensch ohne die Erlösung durch Jesus Christus und die Aneignung des Heilswerkes Jesu Christi durch den Glauben an ihn gerettet werden kann.
„Der Mensch ist unfreiwilliges Opfer bzw Teil einer universalen Sündenverfallenheit, aus der er sich aus eigener Kraft nicht befreien kann. Daher müssen Kinder möglichst früh getauft werden, um diesem allgemeinen Zusammenhang möglichst schnell entzogen zu werden.“3
„Von nun an wird der Monotheismus missionarisch, was er vorher nicht war.“ 4Damit deutet der Autor die Intention seines Buches an, eine nicht mehr missionarische Kirche,die den christlichen Glauben nur noch anbietet als eine Option unter vielen möglichen Weltanschauungen und Religionen, wobei der Kunde letztlich frei entscheidet, welche er präferieren will. So lautet dann die folgende Überschrift: „Ein Hauptproblem: >Leben in Fülle< funktioniert ohne Gott.“ 5 Daß hier einfach der Autor die subjektive Meinung, ein „Leben in Fülle“ zu haben mit der Frage, ob es denn auch objektiv ein Leben in Fülle sei, verwechselt, ist offensichtlich aber das ist bei eine konsumentenrenorientierten Untersuchung eine Selbstverständlichkeit: Nur die Meinung des Kunden zählt.
Daß also jeder Mensch Gott, den christlichen Gott gar mit seinem spezifischen Erlösungswerk benötige, sei nur eine theologische Konstruktion, um die Ware: „christlicher Glaube“ im Prinzip an jeden Menschen verkaufen zu können.So rechtfertigte sich die große Missionsbewegung der Kirche.6
Der Apostelfürst Paulus legitimierte nun so also die Heidenmission neben der Judenmission als notwendig, weil auch die Heiden nur durch den Glauben an Jesus Christus das Heil erlangen könnten. Aber damit sei es nun zu Ende. Die Kirche hat ja schon ihr „Nein“ zur Judenmission gesprochen und faktisch hat sie sich auch von jeder Mission Mission verabschiedet: Kein Mensch bedürfe um seines Heiles willen der christlichen Religion und jeder könne auch ohne sie gut leben.
Versimplifiziert veranschaulicht: Jeder Getränkeproduzent weiß, daß es viele Getränke zum Durstlöschen gibt, mit denen viele Kunden zufrieden sind. Deswegen versucht er aber trotzdem, dafür zu werben, seine Getränke zu kaufen, auch wenn er weiß, daß die anderen Getränke auch gut sind. Nur, es könnten sich ja Konsumenten auch für seine Getränke entscheiden. Nur in einem Punkte hinkt dieser Vergleich: Jeder Mensch muß eine Flüssigkeit zu sich nehmen, sonst verdurstet er, aber kein Mensch muß eine Religion oder eine Weltanschauung für sich erwählen, da er auch ganz gut ohne irgendeine Religion oder Weltanschauung leben könne.
Letztendlich bietet so die Kirche Überflüssiges an, aber auch das könne sich verkaufen lassen trotz des gravierenden Desinteresses an den kirchlichen Angeboten.
Bezeichnend ist die völlige Ausklammerung der Wahrheitsfrage zugunsten der Marketingstrategie: Wie verkauft man das Produkt "christliche Religion", wenn die Strategie, jeder Mensch bedürfe sie zu seinem Seelenheit nicht mehr "ankommt" bei den potentiellen Kunden? Nur die Verkaufbarkeit zählt.
1Jan Loffeld, Wenn nichts fehlt,wo Gott fehlt. 2024, S.98.
2Der Untertitel des Buches von Loffeld lautet: Das Christentum vor der religiösen Indifferenz.
3A.a.O. S.99f.
4A.a.O. S.99.
5A.a.O. S.100.
6A.a.O. S.99.