Montag, 11. November 2019

War Jesus ein Fundamentalist?

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Joh 14,6. Diese Selbstaussage ist leider eindeutig. Nichtfundametalistisch hätte Jesus nur sagen dürfen: Ich bin einer von vielen Wegen zu Gott, dem Vater. Der Vater ist nur die Wahrheit, ich aber nur einer von vielen Wegen zu ihm und so nicht selbst die Wahrheit.
Jesu Selbstwahrnehmung, er sei die Wahrheit verunmöglicht ja jeden interreligiösen Dialog auf gleicher Augenhöhe, denn wäre das wahr, gäbe es eine Religion, die die wahre Gotteserkenntnis vermitteln kann, die christliche nämlich mit ihrem Zentrum, daß Jesus Christus die Wahrheit sei, sodaß alle anderen Religionen keine wahren Religionen sind, denn in ihnen ist kein Weg zum Vater. Niemand könne zu Gott kommen, der nicht den Weg Jesu Christi beschreite. 
Zum Einmaleins des interreligiösen Dialoges dagegen gehört die Vorausetzung, daß keine Religion im Besitze der Wahrheit sei, in keiner wird wirklich Gott erkannt, denn alle sind nur Suchbewegungen hin auf den einen Gott. Allerdings gilt auch, daß Gott, obzwar er in keiner Religion erkannt wird, doch soweit bekannt ist, daß ihm alle Religionen gleich wohlgefällig sind. Wie generiert sich nun der Wahrheitsgehalt dieser Aussage, wenn Gott doch der Unbekannte ist? Einfach. Das ist einfach eine Spielregel für diesen Dialog: Jeder habe davon auszugehen, daß Gott jede Religion gleichgültig sei, damit auf gleicher Augenhöhe miteinander dialogisiert werden kann. 
Denn, wenn eine Religion wahrer wäre als die anderen, dann würde diese Differenz eine missionarische Praxis evozieren, daß die Religion, die von sich glaubt, eine wahrere Erkenntnis Gottes zu haben, die anderen davon zu überzeugen habe, zu ihr zu konvertieren, um so der Wahrheit näher zu kommen. Da aber der interreligiöse Dialog jedes Missionieren ausschließen will, darf es unter den Dialogpartnern keinen geben, der von sich sagt, in dieser Religion sei die Gotteserkenntnis präsent oder auch nur wahrer als in den anderen.
Nur wenn alle Religionen sich solch eines Fundamentalismus enthalten, daß es eine erkannte Wahrheit und einen Weg zu ihr gäbe, daß die in ihr sei, ermöglicht diesen Dialog. Das heißt aber, daß Jesus als die Wahrheit und der eine Weg zum Vater aus diesem Dialog auszuschließen ist.  
Und das Ziel dieses  Dialoges? Es ist zu erahnen: Eine Einheitsreligion, in der alle Differenzen zwischen den monotheistischen Religionen als Nebensächlichkeiten abgetan werden, um die Gemeinsamkeit des Glaubens an Einen  Gott zu betonen.
Eugenio Scalfari, der atheistische Freund von Papst Franziskus legte ein neues Buch vor, das verdeutlicht, worum es ihm – mit Hilfe von Franziskus – geht. Das Buch „Il Dio unico e la società moderna“ (Der eine Gott und die moderne Gesellschaft, Einaudi, 2019) (Kath info 8.11.2019). Es ginge den Beiden genau um dies Ziel, das einer Einheitsreligion, die nur noch einen Gott kennt, der in allen Religionen gleichermaßen präsent sei. Nur wenn die Katholische Kirche sich so verstünde, passe sie in die Welt der Globalisierung. 
Dazu muß aber der Jesus Christus, der sich als die eine Wahrheit bekennt, überwunden werden. So erscheint es doch glaubwürdig, wenn dieser Papstfreund Scalfari aussagt, daß für den Papst Jesus nicht der Sohn Gottes sei sondern nur ein Mensch, auch wenn er ein außergewöhnlicher war. 
 

Sonntag, 10. November 2019

Kommen Gesellschaften ohne einen Teufel aus?

Zu den großen Naivitäten der Aufklärung gehört der Gemeinplatz, daß die Religion nur noch eine reine Privatangelegenheit sein solle, denn so könne die Politik, emanzipiert von allem Religiösen rein vernünftig gestaltet werden. Das Irrationale würde so eingehegt in die Sphäre des Privaten, der Innerlichkeit, wo sie dann keinen gesellschaftlichen Schaden mehr anrichten könne.
Wenn aber genau hingesehen wird, sieht man, daß aber Surrogate für die ins Private verdrängte Religion gesucht wurden, die dann die Funktion einer öffentlichen Religion anstelle der christlichen einnehmen sollten. Es sei an den Versuch des französischen Revolutionärs Robespiere erinnert, der einen neuen Kult der Verehrung der Göttin "Vernunft" installieren wollte oder der Versuch nicht nur Kants, eine Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft als neue öffentliche Religion zu  kreieren, oder ganz auffällig im Sowjtkommunismus die kommunistsche Partei und der Marxismus-Leninismus als Ersatzkirche und Ersatzreligion.
Zu jeder montheistischen Religion gehört nun aber auch konstitutiv der Glaube an den Teufel. Polytheistische Religionen führen ja die in der Welt nicht übersehbaren Widerstreite und Konflikte in ihr auf Konfikte unter den Göttern selbst zurückführen. Ein Verzicht auf so eine Zurückführung auf jenseitige Wirkmächte wäre schwerlich mit den Anliegen einer Religion vereinbar, daß in und gerade mitten in ihr jenseitige Mächte wirken und daß das Wohlergehen des Menschen gerade von diesen abhängig ist.
Jede monotheistische  Religion muß nun eine Auskunft darüber geben, warum es in der Welt solche Widerstreite und Konflikte überhaupt geben kann, wenn doch alles, was ist, durch den einen Gott erschaffen und regiert wird. Daß die Welt nicht monistich ist, obgleich es nur einen Herrscher gibt, daß erklären somit monoteistische Religionen mit dem Konzept eines Antigottes, der zwar Gott subordinert ist, der aber als übermächtige Gewalt in die Welt hineinregiert. Die Komplexität dieses Konzeptes ergibt sich nun daraus, daß a) am Monotheismus festgehalten werden muß, der Satan kann kein zweiter Gott sein, er muß also als von Gott geschaffen gedacht werden und b) muß er doch so viel Eigenmacht besitzen, daß er als real gegen Gott Wirkender zu konzipieren ist. Das Böse in der Welt allein auf den Menschen zurückzuführen, widerspräche aber dem Grundanliegen der Religion, die Welt als ein offenes System zu verstehen, in das außerweltliche Kräfte (Gott, Engel, Teufel, Daimonen) einwirken und das gerade in den für uns Menschen besonders relevanten Lebensbereichen.
Als Alternative böte sich nur an, alles Böse in der Welt als Strafwirken Gottes zu verstehen, das eben dann nur von Uneinsichtigen als Böses mißverstanden würde.  Aber wird man so allem Bösen in der Welt wirklich gerecht.
Was wird nun aber aus dem Bösen in der Welt, wenn gar schon die Kirche aufhört, vom Teufel zu reden und wenn in einer säkularisierten Welt sich die  Rede vom Teufel von selbst verbietet?
Könnte es Ersatzreligionen geben, in denen es nun auch einen Ersatzteufel gibt, der die Funktion des Teufels im öffentlichen Diskurs übernimmt, die bisher der Teufel in der christlichen Religion einnahm? Wo an den Teufel und seine Daimonen geglaubt wird, da gibt es immer auch die Praxis des Exorzismus: der Teufel muß ausgetrieben werden. Teufelsaustrebung und die Parole: "Nazis raus!" Keine Kampfparole erfreut sich unter Gutmenschen und politisch Korrekten so großer Beliebtheit wie dieser. Ist das nicht eine säkularisierte Gestalt des Exorzismus? Früge wer einen Demonstranten, wohin sich den die "Nazis" wegzubewegen hätten, es könnte ihm keine Antwort gegeben werden. Diese sollen nicht irgendwohin sondern ganz aus der Welt verschwinden. Das Wohin zeigt so auf einen nur in einer Religion möglichen Ort, denn der säkularisierte Gutmensch aber nicht mehr benennen kann. Dafür weiß er aber um so gewisser, daß alles Böse irgendwie von den Nazis herkommt und daß die eben einfach die Bösen schlechthin sind. 
Für die monotheistischen Religionen gilt, daß nur Gott das einzig Gute und daß der Teufel nur das einzig Böse ist. Somit kann der Mensch nie vollkommen gut oder vollkommen böse sein oder werden, denn er kann sich weder vergöttlichen noch verteufeln. In einer Surrogatsreligion kann dem gegenüber ein oder eine Gruppe von Menschen so verteufelt werden, daß sie die Rolle des Teufels in einer Ersatzreligion einnehmen können. So erscheint uns jetzt der Kampf gegen Rechts- "Nazis raus" in einem ganz anderen Lichte. Die Politische Korrektheitsideologie erschuf auch einen neuen Teufelsglauben: Hitler ist der Teufel dieser Ideologie. Er erfüllt in ihr die religiöse Funktion des Teufels. Alle Menschen, die keine Gutmenschen sind, sind also Teufelskinder, von ihm Besessene, also "Nazis". Und gegen die ist die Zivilgesellschaft zu einem permanenten Kampf aufgerufen.
Dieser Dualismus zwischen den Gutmenschen und den "Dunkeldeutschen", den "Nazis" hat selbst schon einen religiösen Charakter, reproduziert sich doch in ihm die Gegenüberstellung von Gott und Teufel. Die Parole: "Nazis raus" ist so wirklich ein zeitgeistgemäßer Exorzismus. 
Interessant ist nun, daß auch Conservative und Rechte diese Ersatzreligion praktizieren.So wird in solchen Kreisen gelegentlich von "linksfaschistischen Terror" oder von einem "faschistischen Islamismus" geredet. Hitler wird nämlich gerne in linken Kreisen als "deutscher Faschist" bezeichnet. Das hat seinen Ursprung in der Einschätzung des Nationalsozialismus durch die Kommunistische Internationale in den 30er Jahren: Hitler wurde als Sonderfall des allgemeinen Faschismus in Europa angesehen. Dieses Begriffes bedient man sich bis heute noch, auch wenn eingeräumt wird, daß so das Spezifische des Nationalsozialismus nicht erfaßt wird. Wenn also Hitler als der Faschist der Böse schlechthin ist, dann müssen alle anderen Bösen als Derivate von ihm verstanden werden. Also sind islamistische Gotteskrieger wie autonome Antifaschisten in Wirklichkeit auch Faschisten, nur daß sie das nicht wissen. Nur wer gut ist, ist kein "Faschist" oder "Nazi". Und wer das ist, das bestimmen die "Guten" immer selber, indem sie alle Andersdenkenden als "Nazis" diffamieren.
Andererseits gilt nun aber auch, daß alles was Nichtnazis, Nichtfaschisten auch immer vollbringen, dann nichts Böses sein kann, denn das ist nur Nazis und Faschisten gegeben. Darum wird von Gutmenschen die von Islamisten oder Kommunisten praktizierte Gewalt nie so verurteilt wie "rechte" Gewalt.  
Aber es kommt noch wunderlicher. So erleben wir das Phänomen, daß Christen, wenn sie gegen das Töten von Kindern im Mutterleibe demonstrieren, regelmäßig entgegengerufen wird: "Nazis raus", ja der Lebensschutz wird als Nazianliegen verteufelt. Wer für den Erhalt des (christlichen) Abendlandes sich einsetzt, gilt selbstredend auch als "Nazi". Wieso? Wenn im religiösen Diskurs alles Böse immer auch auf den Teufel zurückgeführt wird, dann wird im politisch korrekten Diskurs alles Mißfallende als "nazihaft" oder "faschistisch" abqualifiziert, denn es gibt für den moralisch-politischen Diskurs nur eine Größe, die für alles Böse da verantwortlich ist: Hitler und seine  Reinkarnationen. 
So sehen wir in der politischen Korrektheitsideologie eine neue Religion oder Ersatzreligion, die auch wie die christliche nicht ohne einen Teufel auskommt und ihn ihn Hitler erfolgreich gefunden hat. Und da es, wie  es nur einen Gott und nur einen Teufel gibt, auch hier nur einen Teufel geben kann, ist er der  einzige und alle anderen können dann nur Avatare von ihm sein-  Neonazis, Rechte, Rechtspopulisten, gegen die Gutmenschen anzukämpfen haben wie in einem heiligen Kreuzzug gegen Rechts.
Augenfällig ist nun aber auch, daß sowohl die Katholische Kirche wie der Protestantismus sich dieser neuen Ersatzreligion subordineren ihre Hoheit als neue Staatsreligion anerkennen, um sich selbst nur noch als eine Privatreligion zu verstehen.

Corollarium 1
These: Der einzelne Mensch kann auch ohne eine Religion, ohne einen Privatglauben leben. Aber Gesellschaften kommen nicht ohne eine öffentliche Religion aus, die den Anspruch erhebt, von allen Gliedern der Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Die christliche Religion hatt die Funktion der öffentlichen Religion so im Abendland, aber nach dem Ende des Thron-und Altarbündnisses am Ende des 1.Welktkrieges hat sie diese Aufgabe verloren. Natürlich war das ein längerer Auflösungsprozeß, eingeleitet durch die Reformation und den innerchristlichen Religionskrieg des 17. Jahrhundertes. Das so entstandene Vakuum versuchten nun verschiedene Ideologien zu füllen, die sozialistisch/kommunistische, die faschistisch/nationalsozialistische und die liberale Ideologie. (So Alexander Dugin) Der Liberalismus siegte 1989 endgültig, aber er erweist sich zu schwach in seinen Bindungskräften, denn der Liberalismus ist primär eine Ideologie der Entbindung, der Atomisierung von Gemeinschaften. Es sei an das große Wort von Moeller van den Bruck erinnert, daß die Völker am Liberalismus untergehen. Die politische Korrekteisideologie soll so nun den an Bindungskräften schwachen Liberalismus absichern, indem nun diese Ideologie die Rolle der öffentlichen Religion in Europa übernimmt. Wir erleben und erleiden so die Etablierung einer neuen Staatsreligion. (vgl dazu: Sieferle, Finis Germania)

Corallarium 2
Fußballspielen kann man nur mit einem Ball. Was aber, wenn keiner vorhanden ist? Eine Coladose kann dann als Ersatz fungieren. Ganz Verschiedenes kann so die selbe Funktion erfüllen.So kann auch die Religion durch etwas anderes ersetzt werden, wenn dadurch auch die Funktion der öffentlichen Religion für die Gesellschaft erfüllt werden kann.

Corallarium 3
Wozu braucht eine Gesellschaft den Glauben an den einen Feind, den Teufel?
 A) Damit durch den Feind, den Teufel eine Gesellschaft sich zu einer Gemeinschaft transformiert als die Opposition dazu. Gemeinschaft entsteht nur durch Ausgrenzung.
B) Jede Gesellschaft braucht Sündenböcke, die sie für alles Negative verantwortlich machen kann, um so innergesellschaftlich  eine Entlastung zu erwirken, daß für alles immer nur einer die Schuld trage. So gibt es eben keine Ausländerkriminalität sondern nur Rechte, die contrafaktisch behaupten, daß es sie gäbe. Die Aufspaltung der Gesellschaft in die Gutmenschen und die Dunkeldeutschen konstituiert so erst die Gemeinschaft der Guten, die nur gut sind, weil sie nicht zu den Dunklen gehören.
 
     

Samstag, 9. November 2019

Kirche- Hautsache: Wir reden alle miteinander und schließen die Störer aus vom Dialog

 Die Kirche befindet sich in einer ernsten Krise. Das ist wahrscheinlich der einzige im deutsch-sprachigem Raum noch existierende Konsens unter Katholiken. Wir müssen alle miteinander offen reden über Auswege aus der Krise, das ist nun das Therapeuticum, das in der Form des synodalen Weges die Katholische Kirche revitalisieren soll. Das ist für die Kirche schon wahrlich ein ungewohnter Weg: Ist denn nicht die Synodalität etwas Protestantisches oder Demokratisches? Aber der demokratische Zeitgeist glaubt eben an das Parlament als Ort der Diskussion, durch die sich die Wahrheit kraft ihrer besseren Argumente, ihrer Vernünftigkeit eben gegen Irrtümer durchsetzt.  

Aber, nun ist zu fragen: Wer darf da mit wem wie dialogisieren? Die inoffiziell offizielle Internetseite Katholisch de zeigt uns nun, wie das praktisch geht. Die Überschrift spricht schon Bände (5.11.2019

"Bochumer Kirchengemeinde lädt Kardinal Müller aus" .Der Kardinal hätte zum Thema: "Fragen zur Weltkirce und den gegenwärtigen Herausforderungen" vortragen sollen. Aber er wurde aus-geladen. Die Begründung: 

 "Die konservativen Äußerungen des Kardinals entsprechen ganz sicher nicht der Denke der Mehrheit unseres Gremiums", sagte der Katholikenrats-Vorsitzende Lothar Gräfingholt. Auch mit Blick auf die Initiative "Maria 2.0" habe der Katholikenrat anfangs überlegt, eine Mahnwache vor der Kirche zu unterstützen. Dies sei nun hinfällig geworden. "  Conservative Ansichten sollen eben nicht zu Gehör kommen, denn sie entsprechen nicht dem, was man da hören will. Mit der antimarianischen Maria 2.0. hätte man, hätte der Vortrag des Kardinales stattgefunden, protestieren wollen gegen die conservativen Ansichten des Kardinales. Gehören also conservative Ansichten nicht in den Dialog aller mit allen über die Zukunft der Kirche? Die Bochumer Kirchengemeinde zeigt hier klar Flagge:Wer da reden darf und wer nicht!

Dazu paßt folgende Meldung (Kath de 6.11.2019):Wir bitten, auf Vorwurf mangelnder‚Rechtgläubigkeit‘ zu verzichten.   Zehn Generalvikare deutscher (Erz-)Bistümer setzen sich in Schreiben an Marx und ZdK für den Synodalen Weg und für Reformen ein – Nur eine Kirche, in der Pluralität und Diversität gewünscht und erlaubt seien, könne in der Gesellschaft präsent bleiben".Pluralität und Diversität fordern sie, aber kritisiert werden darf das nicht. Daß die Forderung nach Pluralität und Diversität die Forderung der Auflösung der Wahrheiten des Glaubens zugunsten einer Anpassung an den Zeitgeschmack ist, ist offensichtlich. Den Kritikern dieses Auflösungskonzeptes wird dann gleich die "Rote Karte" gezeigt. 

So wird ein Dialog inszeniert, dessen Ergebnisse schon feststehen, bevor das erste Wort zur Sache gesprochen worden ist. In gesinnungshomogenen Gruppen dialogisiert es sich eben am besten, gerade wenn conservative Stimmen von vorherein ausgeschlossen werden. Man redet nicht mit Rechten, nur über und gegen sie, ist ja der politisch korrekte Standpunkt, der auch in der Kirche einzuhalten ist.Da Conservative doch auch irgendwie rechts sind, sind sie eben auszuschließen. Dem Resultat des Dialoges wird das sicher gut tuen.   



 

 

Freitag, 8. November 2019

Unzeitgemäße Gedanken: zur Norm der Zeitgemäßheit

Ein aufschlußreicher Dialog über zeitgemäße Malerei findet sich in Thomas Manns Erzählung: "Die Betrogene" (zitiert nach: Thomas Mann, Die Erzählungen, Fischer 1997,S.906-979):
Eine Mutter debatiert mit ihrer Tochter, einer Nachwuchsmalerin über die Norm der Zeitgemäßheit der Kunst. Nachdem die Mutter ihrer Tochter skizziert hat, wie gemalt werden sollte, respondiert die Tochter so:

1. "Halt, halt Mama! Du hast ja eine ausschweifende Phantasie.Aber so kann man doch nicht mehr malen!" (S.909). Das Man diktiert, wie was jetzt zu malen ist. Die Phantasie will nun dies: Mandiktat außer Kraft setzen, indem sie sich einfach Möglichkeiten des Wie-Was-Malens erträumt. Aber die realistische Tochter muß hier die träumerisch veranlagte Mutter zurückrufen.

2. Die Mutter mißversteht dies Man: Du könntest so nicht malen, wie es mir vorschwebt, frägt sie.

3. Die Tochter korrigiert: "Du mißverstehst mich,Mama. Es handelt sich nicht darum, ob ich es könnte. Man kann es nicht. Der Stand von Zeit und Kunst läßt das nicht mehr zu." (S.909) Es gibt also die Norm der Zeit, die das, das Künstlerich wohl könnte, ihm nicht erlaubt.Was man nicht darf, das darf das Ich des Künstlers auch nicht, auch wenn es das kann. Das Nichtkönnen bedeutet hier also nicht ein Unvermögen sondern etwas Unerlaubtes. Der Einzelkünstler muß sich so dem Man unterordnen, wenn der Künstler als Künstler anerkannt werden will.

4. Die Mutter versteht nun das Anliegen ihrer Tochter: Das "fortschreitende Leben" verlangt, daß die Kunst nicht zurückbleiben darf. (S.909) Das Leben wird nun gedeutet als eine progressive Entwickelung, sodaß nur die Kunst legitim ist, die auf der Höhe der Zeit sich selbst bewegt. 
Die Mutter urteilt nun: "Desto trauriger für Zeit und Kunst!" (S.909).Der Fortschritt bringt eine Kunst hervor, die der Mutter nicht gefällt, aber sie muß es akzeptieren, daß ihr Kunstgeschmack nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, denn sie ist eben in der Vergangenheit mit ihrem Kunstverständnis verblieben.Die Phantasie wäre nun die Kraft, sich aus dieser Zeitgebundenheit zu emanzipieren, um Kunst so hervorzubringen, wie es ein freier Künstler wohl möchte. Aber der Künstler ist faktisch ein Gefangener seiner Zeit, des Zeitgeistes, der ihm das Wie-Was- Hervorbringen als Kunstwerk vorschreibt. Die Normativität der Zeit, daß die künstlerischen Hervorbringungen zeitgemäß zu sein haben, legitimiert sich nun durch dies besondere Verständnis der Zeit als einen progressiven Prozeß vom Dunklen zum Immerhellerwerdenden. Was gestern noch als Kunst galt, kann dem Heutigen schon nur noch Kitsch sein, so der Entwertungsprozeß der unaufhaltsam voranschreitenden Zeit.  

Was passiert aber, wenn der Glaube an diesen Fortschrittsprogreß sich auflöst? Kann dann die Zeit noch die Norm für Kunstwerke sein? Ein Verdacht drängt sich aber auf, daß nicht nur in der Kunst, sondern auch in allen Geisteswissenschaften aber gerade auch in der Theologie noch immer die Zeitgemäßheit die Norm bildet.  


  

Donnerstag, 7. November 2019

Irritierendes: Das Christentum -eine Buchreligion?

Spontan erhebt sich da doch der einsichtige Einwand, daß im Zentrum unserer Religion Jesus Christus, bzw. der dreieinige Gott stünde, oder moderner: spezifische Gotteserfahrungen vom Exodus aus Ägypten bis zum Ostersonntag, daß Jesus von Gläubigen als lebend erfahren  wurde. Das Eigentliche würde dann nur durch die Schriften der Bibel wiedergegeben, seien so aber doch nur eher Hinweisschilder auf das Eigentliche und nicht das Eigentliche selbst.Im Hintergrund steht eine kompexe metaphysisch zu brennende Vorstellung:

1. Die Schrift ist dem gesprochenen Wort nachgeordnet.

2. Das gesprochene Wort gibt nur das innerlich Gedachte wieder.

3. Das innerlich Gedachte ist das Eigentliche, das selbst unmittelbar ohne Sprache in mir ist.
    Alles Versprachlichte ist ja schon ein durch die Sprache Vermitteltes und  somit nicht mehr
    unmittelbar. Aber nur das Unmittelbare ist mir das Wahre.

Jedes Ereignis fände so einen Widerhall in mir selbst, aber in dem Prozeß der Vermittelung in eine Sprache und der Veräußerung in die Schrift, die Verschriftlichung verliert das Ereignis, so wie ich es erlebte, an Authenzität und wird so auch verfälscht. Der Text, die Schrift also ist so der entfernteste Ausdruck des ursprünglich Erlebten. So müsse eben die hl. Schrift auf das unter ihr liegende Eigentliche zurückgeführt werden, das sich dann verfremdet in dem sprachlich verfaßten Text wiederfände.  In Gerichtsprozessen liegen verschriftliche Aussagen von Zeugen vor und es ist nun die Aufgabe des Richters, sie auf ihren Wert für die vor Gericht behandelte Causa zu beurteilen.

Soll so nun auch der Bibelleser Richter über die Texte der hl. Schrift sein?  Faktisch erhebt der moderne Umgang den Lesenden zu solch einem Richtersein und versetzt die hl. Schrift in den Anklagestand, daß sie evtl das Eigentliche nicht wahrheitsgemäß wiedergäbe. Und schon die Versprachlichung  sei das erste Problem: Kann denn überhaupt die Sprache die Wirklichkeit objektiv wiedergeben oder verformt sie sie durch ihre Struktur, daß etwa jedes Ereignis uns durch die Sprachlichkeit des Denkens etwas wird, das wir als Subjekt- Prädikat aussprechen. Nietzsche kritsiert das etwa durch ein Beispiel wie: Das Ereignis des Donners und Blitzes wird versprachlicht zu: Der Donner (Subjekt) donnert (Prädikat), der Blitz blitzt, wo es doch nur ein Ereignis gäbe. So ließe schon die Versprachlichung das Eigentliche nicht mehr erfahrbar machen.

Dies ist wohl einer der Gründe, warum heutzutage selbst in unserer Buchreligion Medititationen und Ähnliches auf so viel Interesse stoßen. Denn darin wird das Unmittelbare, das Nichtvermittelte gesucht als meine authentische Erfahrung vom "Göttlichen". In der Stille könne Gott, wenn überhaupt noch, nur noch erfahren werden, im Weg in das Innerste des Menschen, der weltabgewandt dann in sich das Göttliche erspüren könne. Wie fad und profan ist dagegen das aufmerksame Lesen von Texten, auch wenn es Texte der hl. Schrift sind- aber das Heilige kann und ist ja gar nicht die Schrift, denn die könne doch nur ein Wegweiser zum Eigentlichen sein, das etwas ganz anderes sei als ein Text.

Wie nun aber, wenn die hl. Schrift uns ein anderes Verständnis zumutete? Denn es heißt da doch:"In principio erat verbum, et verbum erat apud Deum, et Deus erat verbum" Joh 1,1. Das verbum ist also das Erste und durch es ist alles. Was bedeutet das für die Sprache?Wenn alles durch das Wort ist, dann ist alles sprachlich strukturiert und dies Sprachliche alles Wirklichen korreliert dem sprachlichen Denken, das so wie das göttliche Verbum strukturiert ist. Es könnte auch von der Vernunft so gesprochen werden, daß weil alles aus göttlicher Vernunft ist, ist es auch durch die menschliche Vernunft begreifbar, ob der analogia entis. Aber das Verbum verweist auf die Sprachlichkeit der Vernunft und somit des Denkens.
So stünde die versprachlichte Darstellung eines Ereignisses dem Eigentlichen zumindest näher als die unmittelbare unreflektierte Erfahrung (wenn es so eine überhaupt gibt), denn das Wesen von Allem ist sein Sein aus dem Wort.  In der Versprachlichung, in der Aufhebung des unmittelbaren Eindruckes kommt so das Eigentliche des Ereignisses erst zu seinem Ausdruck. So erfährt sich der Mensch ja erst als freier, wenn er zu der Aussage, "Das wollte ich!" den Zusatz bildet: "Das hätte ich auch nicht wollen können!" Erst durch den Gebrauch des Konjunktives erfahrt sich der Mensch als frei, denn die Möglichkeit zum konjunktivischen Denken ist seine Freiheit. So konstituiert sich die Wahrheit, daß Gott den Menschen zur Freiheit bestimmt hat durch die Sprache, in der der  Konjunktiv existiert.

Das gesprochene Wort ist ein flüchtiges, es wird ausgesprochen, vernommen und es vergeht. Ganz anders die Wahrheit. Gott als die Wahrheit ist eben nicht dieser Struktur unterworfen, der des Werdens und Vergehens. Das gesprochene Wort steht so in seinem bloßen Ausgesprochensein der Wahrheit des Wortes entgegen. Die Wahrheit des Wortes findet so erst im geschriebenen Wort, im Text  seine seiner Wahrheit gemäße Form- im nur gesprochenen widerstreitet die Flüchtigkeit des Gesprochenen seinem Wahrheitsgehalt, das ist die Partizipation des wahren Wortes an dem wahren Wort, durch das alles ist, Gott selber.

Nähmen wir die hl. Schrift wahr als das göttliche Wort, dann fänden wir unsere Gotteserfahrungen gerade im Lesen der hl.Texte. Dort ist in unserer Buchreligion Gott für uns da und zwar gerade in den Texten der Bibel. Sie sind die permanente Präsens des Verbums, des Prinzipes von Allem in der Welt. 
  

Mittwoch, 6. November 2019

Unzeitgemäße Gedanken: Alles wird künstlich- nichts ist noch natürlich!

"Alles ist künstlich und künstlich erzeugbar.Träume,Kinder,Weltbilder.An die schöpferische Naturwidrigkeit ist der Mensch gefesselt.In Wahrheit ist seine Geschichte ein unaufhörliches Programm der Verkünstlichung." Pointiert führt Botho Strauß dann so diesen Gedanken weiter:"Nicht eine Pflanze im Garten, wie Gott sie schuf. Alles gezüchtet, bearbeitet,veredelt.Genmanipuliert.Nun denn: veredeln wir uns!" 
Der zivilisations- und kulturkritische Tonfall dieser Sätze ist wirklich unüberhörbar.Der Gegenpol bleibt hier unausgesprochen: das Natürliche, denn die Pflanze im Garten ist ja, genau bedacht selbst schon wieder etwas Künstliches, denn ein Garten ist keine natürliche Ordnung. Aber doch soll der Begriff der Pflanze des Gartens, wie Gott sie schuf, hier wohl das Natürliche als das Gute symbolisieren. Und dann trat wie auch immer der Sündenfall ein, indem der Mensch das Natürliche verkünstlichte
Hier wird uns sozusagen eine postmoderne Version der biblischen Sündenfallsgeschichte präsentiert mit wenigen, aber brillant formulierten Sätzen. Botho Strauß ist eben unbezweifelbar einer bedeutendsten Schriftsteller nach 1945. Das Zitat ist entnommen dem mehr als lesenswerten Roman, wenn dies Werk noch als Roman bezeichnet werden kann:"Die Fehler des Kopisten",2001, S.55.
Der Wille zur Verkünstlichung sei ein unaufhörliches Programm, in die der Mensch so eingebunden, gefesselt ist, daß es für ihn kein Heraustreten aus diesem Schicksal möglich ist. Bitter fügt so der Autor nach dem Appell: "veredeln wir uns!" hinzu: "Kristallisieren wir, technifizieren, artifizialisieren wir das Beste vom Menschen und bewahren es so vor seinem geschichtlichen Untergang!" (S.55) Ganz antimodern erscheint hier der Mensch nicht als Freiheit, als das Subjekt, das frei sich selbstbestimmt und so auch seine Lebenswelt- nein, er erscheint als ein vom Schicksal des Willens zur Verkünstlichung Getriebener, ja als wenn dies Programm der Verkünstlichung gar nicht sein eigenes Projekt wäre sondern ein ihm schicksalhaft Auferlegtes.
Das manifestiert erstmal die Entfremdung des Menschen von den Produkten seines eigenen Hervorbringens: Das, was er kreativ produzierte, die technische Zivilisation beherrscht nun ihn, den Hervorbringer.Ihm erscheint das von ihm Hervorgebrachtes selbst als etwas Fremdes, das ihn nun zu beherrschen beginnt. Die Pointe ist nun aber, daß der Mensch, indem er auch sich selbst als ursprünglich Natürliches verkünstlicht, sich auch selbst fremd wird, indem er sich in dem verkünstlichten Menschen selbst nicht recognizieren kann: Bin ich das noch, ein Mensch? 
Aber könnte das nicht auch ganz anders gelesen werden? Etwa  so:

"Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist."

Nietzsche, aus der Vorrede zu: Also sprach Zarathustra. Tatsächlich, Botho Strauß thematsiert hier den Untergang des Menschen , aber er sieht nicht, daß dieser Untergang zugleich ein Übergang ist.
Spontan wird man sicher hier urteilen, daß eben Nietzsche ein antichristlicher Philosoph und Botho Strauß dagegen ein christlich anmutender  Melancholiker sei, der die noch von Adalbert Stifter so wunderschön beschriebene Naturordnung zerfallen sieht durch den sündhaften Herrschaftswillen des Menschen. Aber wie nun, wenn das darin implizierte Bild vom natürlich Gutem, in das der Mensch eingeordnet gehört, selbst nur ein aufgewärmter Rousseau ist mit seiner Mär vom gut-natürlichen Menschen, der dann  nur durch die Gesellschaft, die Kultur oder die Zivilisation verkorumpiert worden ist?
Bietet die große Schöpfungserzählung der Bibel uns nicht ein ganz anderes Menschenverständnis? So spricht da Gott zum Menschen:
"Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllt die Erde und machet sie euch unterthan und seid Herren über (sie)." 1.Mose 1,28. Ist das nicht Gottes Programm für den Menschen, daß er die Welt zu gestalten hat, also die Natur zu verkünstlichen habe? Und der Mensch tritt in diesem Programm in einer eigentumlichen Zweifachheit auf, denn einerseits ist er das Subjekt der Weltgestaltung und andererseits fungiert er selbst auch als ein Objekt dieser Weltgestaltung. Er ist so sich selbst auch als Aufgabe gegeben, sich zu gestalten und das impliziert auch notwendig, sich aufzugeben, um sich zu etwas zu gestalten, was er noch nicht ist.Der Mensch ist so gesehen ein Projekt des Schöpfergottes, das sich zu etwas entwerfen kann und soll, das  aber so sich auch verfehlen kann.
Anders formuliert: Die Welt der Natur ist dem Menschen als Seele etwas Fremdes, nur als Leib ist er natürlich. "Naturwidrig" ist er so aber als Geistseele, die nun die Natur als das Andere und Fremde ihr gegenüber umgestalten will, um in ihr heimisch werden zu können.
Nur, wenn wir nun die obige Passage aus dem Roman Botho Strauß bedenken, dann drängt sich der Eindruck auf, daß das Programm der Weltbeherrschung, die ihrer Verkünstlichung zum Leidwesen des Menschen ausfällt. Der Mensch dieser Passage erfährt sich als dies Programm  Erleidender gerade in der Gewißheit, daß er diesem Programm unterworfen ist, aus dem er nicht mehr aussteigen kann. Er wird nämlich durch seine eigene Technik beherrscht, als daß er durch sie herrschen würde. Die Produkte des Menschen beherrschen den Menschen, obzwar er selbst sie produziert hat und produziert.Dem haftet etwas Schicksalhaftes an, seitdem das marxistische Konzept der Überwindung dieser Entfremdung des Menschen von sich selbst in der Praxis gescheitert ist. (Vgl dazu: Karl Marx, Ökonomisch-philosohische Manuskripte).
So bleibt uns nur Nietzsches Einsicht in die Lage des Menschen, aber auch der Wille, zu diesem Schicksalhaften Ja zu sagen:  Amor fati, denn das ist uns als Aufgabe aufgegeben in der ganzen Doppeldeutigkeit des Begriffes der Aufgabe als dialektische Einheit von Aufgabe und Übergang. Denn der Mensch lebt immer auch in der Gefahr der Möglichkeit der Renaturalisierung des Menschen, daß er doch lieber  als Thier leben will und sich so aufgibt als Mensch.
   

Montag, 4. November 2019

Wir gestalten Gott neu- der Alte ist nicht mehr zeitgemäß!

Der Fundamentaltheologe Magnus Striet plaudert offenherzig das Geheimnis modernistischer Theologie aus, daß sie vor der Aufgabe stünde, einen für den modernen Menschen akzeptablen Gott zu konzipieren. "Aber der Begriff von ihm wird menschlich normiert."(Ernstfall Freiheit, 2018, S.41), denn Gott dürfe kein anderer sein als ein freiheitsfürchtiger Gott. Er hat unseren "moralisch-ethischen Maßstäben" zu entsprechen. Ob dann dieser Gott, so konstruiert, auch wirklich so ist, ist dann eine Frage des Hoffens: O möge er doch so sein! Einfacher ausgedrückt: Der Gott, so wie ihn die hl.Schrift und die Tradition lehrt, ist eben nicht mehr marktgerecht, denn er ist nicht kompatibel mit den Konsumwünschen der Heutigen. Gott muß einfach modernisiert werden,damit er für uns akzeptabel wird.
Bischof Kohlgraf präsentiert uns dazu ein praktisches Beispiel dieser Umformungsarbeit.Völlig inakzeptabel ist doch für Heutige die Vorstellung eines strafenden Gottes, der gar Menschen ins Fegefeuer verurteilt. Deshalb sagt dieser Bischof: "Das Fegefeuer ist kein Ort der Qual" Katholisch de am 2.10. 2019:
"Christus ist nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu retten". Im Tod begegne Jesus den Menschen nicht als strenger Richter, der über ihnen throne und sie von oben herab behandele, sondern in Liebe und Zuwendung. Gleichwohl sei der Tod ein Augenblick der Selbsterkenntnis, wie das eigene Leben verlaufen sei — und das könne auch schmerzlich sein. Die Christen sollten "die Rede vom Gericht" ernst nehmen, aber keine Angst davor haben."

1. Jesus Christus ist in seiner ersten Ankunft nicht gekommen, um zu richten, aber er wird kommen,um zu richten die Lebenden und die Toten. So bekennt es das Apostolische Glaubensbekenntnis. 

2. Jesus Christus begegnet uns nicht als "strenger Richter" sondern in "Liebe und Zuwendung",aber was ist mit der göttlichen Gerechtigkeit? Als Grundwahrheiten des Glaubens bezeichnete noch 1950 das Gottesdienstgesangbuch des Erzbistumes München und Freising:
"Gott belohnt das Gute und bestraft das Böse. Ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis wird das endgültige Geschick der unsterblichen Seele sein." (S. 15)Aber wer nur langsam lesend diese zwei Aussagen für sich wiederholt, wird urteilen müssen: Solche Wahrheiten verträgt der moderne Christ nicht mehr. Als Konsument hat er aber ein Recht darauf, daß ihm ein ihm genehmer Gott von der Kirche präsentiert wird!

3. Es gibt also kein Gericht mehr und schon gar keine Strafe, denn das Gericht ist nur dies, nämlich der "Augenblick der Selbsterkenntnis". Wenn normalerweise unter dem Gericht die Be- und auch Verurteilung des Angeklagten verstanden wird, wenn er als schuldig im Sinne der Anklage befunden wird, sodaß der Verurteilung eine Verurteilung zu einer Strafe folgt, kennt dieser Bischof eine ganz andere Art von Gericht. Das Gericht vermittelt nur noch die Selbsterkenntnis des Angeklagten und das ist alles. Die Maxime: Erkenne Dich selbst! wird so zur Wirklichkeit. So eine Selbsterkenntnis könne nun zwar auch schmerzlich sein, aber davor bräuchte sich der Christ - oder vielleicht auch niemand- zu fürchten, denn diese Selbsterkenntnis hat keine Folgen.
Das wäre so, als wenn der Richter am Ende der Urteilsbegründung zum Mörder sagte: "Sie sind ein Mörder- erkenne das an! und danach können sie als freier Mensch das Gericht verlassen." Jesus Christus würde also so wie dieser Richter richten und vor solch einem Gericht bräuchte sich niemand zu ängstigen.  

4. Zu einer Strafe verurteilt zu werden, weil man Verbrecherisches getan hat, ist nun kein Akt des Quälenwollens sondern ein Akt der Gerechtigkeit. Die Waage ist das Symbol der Gerechtigkeit, daß der Schwere der Straftat gegenüber die Schwere der Strafe auszufallen hat. Die Untat wird durch die Strafe so ausgewogen. Aber davon will dieser Bischof nichts mehr wissen. Das göttliche Gericht darf nur noch eine Selbsterfahrung sein, so bin ich wirklich, wobei dann diese Selbsterkenntnis für den Sicherkennenden folgenlos bleibt. Es gibt keine göttliche Verurteilung nicht zum Fegefeuer und- wir dürfen wohl im Sinne dieses modernistischen Bischofes hinzufügen, keine Verurteilung zur ewigen Verdammnis. Gottes Gerechtigkeit wird einfach hinwegdispuiert, weil Gott nur noch Liebe und Zuwendung sei.

5. Was bedeutet das aber für das Menschenverständnis? In diesem Gericht ist der Mensch in den Augen Gottes strafunmündig. Er kann und braucht für seine Tat nicht einzustehen. Wie einem unmündigen Kinde erklärt hier der väterliche Richter, daß das vom Kinde Getane nicht in Ordnung sei und die Einsicht in die Falschheit seiner Tat reicht für die Erziehung des Kindes. Vorkonziliar sah Gott den Menschen als Mündigen an, der verantwortlich ist für sein Böses und der auch belohnbar ist für sein Gutes- jetzt erfolgt die große Regression, denn der Mensch wird nun entmündigt, er ist nur noch das Objekt der liebenden Pädagogik Gottes, die dem Kinde zuruft: Das hast du aber gut getan, jenes aber nicht!, um es dann liebevoll in den Arm zu nehmen, denn der göttlichen Liebe ist letztendlich das Tuen und Nichttuen seines Kindes gleichgültig- oder wie es volkstümlich einfach der größte Kirchenlehrer des 20.Jahrhundertes auf den Punkt brachte: "Wir sind alle kleine Sünderlein..und kommen alle in den Himmel hinein!" Willy Millowitsch!