Sonntag, 17. Januar 2021

„Christologische Abrüstung“- Jesus Christus klein machen! Eine Papst Franziskus-Traditon?



Lange ist es her, da spukte diese Parole in dem theologischen Blätterwald. Geboren wurde die Parole aus dem Geiste der Friedensbewegung:durch Abrüsten zum Frieden. Auch die „Christologische Abrüstung“ sollte dem Frieden dienen, dem zwischen der Kirche und der Synagoge. Pointiert formuliert: Solange die Kirche mit dem Selbstbewußtsein ausgestattet, von Gottes Sohn selbst gegründet worden zu sein, auftritt, behauptend, daß so nur die christliche Religion die wahre sein könne, die anderen dazu sich notwendig defizitär verhielten,könne es keinen christlich-jüdischen Dialog auf gleicher Augenhöhe geben.

Diese Parole ist nun gänzlich aus dem theologischen Diskurs verschwunden mit dem Ableben der Friedensbewegung. Aber in der Sache lebt sie weiter, daß die Christologie das Hindernis für den interreligiösen Dialog darstellt und so dekonstruiert werden muß.


Dem korreliert die Tendenz, Anselm von Canterburys Kreuzeslehre, seine Satifikationslehre zu perhorreszieren, um so schlußendlich jede Heilsbedeutung des Kreuzes Christi zu bestreiten. Ein Gott, der nur die Liebe ist und sonst nichts, kann auf keinen Fall das Opfer seines Sohnes zur Entsühnung verlangen. So hat Jesus uns nur von falschen Gottesvorstellungen erlöst,daß er ein die Sünder strafender sei, auch ein zorniger, indem er uns über Gott aufklärte. Seine Verkündigung war so keine Lehre, er lehrte keine Dogmen sondern praktizierte einfach die Nächstenliebe Gottes in Wort und Tat. So ermöglicht uns Jesus den Glauben an den Liebesgott. Aber um dieses Aufklärungswerk zu vollbringen, war es gar nicht nötig, daß er es als Sohn Gottes wirkte. Sein Aufklärungswerk hätte genauso jeder Prophet wirken können. Zudem kommt es nicht an den Glauben an ihn an, sondern nur auf den monotheistischen Glauben, daß Gott die Liebe ist.

Bedauerlicherweise gibt es nun immer noch fundamentalistische Kreise in der Kirche, die diese „Christologische Abrüstung“, die Entgöttlichung Jesu noch nicht vollzogen hätten! In einer Polemik gegen die Darstellung der weltweiten Christenverfolgung durch die Organisation „Open Doors“ ist so auf Kath de zu lesen


(Evangelischer Theologe für differenziertere Debatte Christenverfolgung: Vereinfachung vergiftet Miteinander der Religionen.Das Hilfswerk "Open Doors" macht jedes Jahr mit einem "Weltverfolgungsindex" auf Christenverfolgung aufmerksam. Doch der vereinfache eine komplexe Situation, was das Miteinander der Religionen belasten könne, sagt der evangelische Pfarrer Enno Haaks.)

Auch die Bedeutung von religiösem Fundamentalismus, der den Glauben der anderen nicht gelten lasse, müsse betrachtet werden. Gegen diesen Fundamentalismus helfe vor allem der Einsatz für religiöse und weltanschauliche Bildung.“


Anhänger von jeder Religion würden um ihres Glaubens willen verfolgt, sodaß es unangemessen sei, die Christen als besonders Betroffene hervorzuheben. Zudem müsse man eben die Ursache im Fundamentalismus sehen, der in jeder Religion präsent ist, als die (Irr)Meinung, nur die eigene Religion sei die wahre. So gälte es jetzt, daß alle Religionen sich als gleich wahr anzuerkennen haben. Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt dieser Erwägung, daß zwar die Parole der „Christologischen Abrüstung“ in völlige Vergessenheit geraten ist, daß die modernistische Theologie dies Projekt aber weiter betreibt: Wir müssen Jesus Christus klein machen, damit er den Frieden zwischen den Religionen nicht stört.


Und was mußten wir dazu auf Kath info lesen? (9.Oktober 2019)


Als Begleitmusik zur Amazonassynode zündete Eugenio Scalfari die Atombombe aller Atombomben. Auf dem Weg zum Einen Gott der Welteinheitsreligion müsse Jesus Christus als Sohn Gottes beseitigt werden, doch das sei klein Problem, denn Papst Franziskus vertrete genau diese Meinung.

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Wer wie ich mehrfach das Glück hatte, ihm zu begegnen und mit ihm in größter kultureller Vertrautheit zu sprechen, weiß, daß Papst Franziskus Christus als Jesus von Nazareth, als Mensch und nicht als menschgewordenen Gott versteht.“













 

Samstag, 16. Januar 2021

Zum Kampf um den Sozialstaat- Notizen

(Was ist der Mensch, was ist der Staat, das sind die Grundfragen heutiger Existenz.

Denn mit ihnen wird auch die Frage, welche Bedeutung die Religion haben kann, präjudiziert!)


Als erstes möchte ich das Buch: „Solidarischer Patriotismus“ von Benedikt Kaiser, 2020 publiziert wärmstens zu der Causa des Sozialstaates zum Lesen empfehlen. Ich verzichte hier auf eine Rezension, weil ein so gutes Buch wirklich gelesen werden sollte, daß ihm nicht gerecht wird, führt man sich stattdessen eine bloße Besprechung zu Gemüte. Ein paar Notizen sollen so diesem Buch hinzugefügt werden.


1.Dem Phänomen des Sozialstaates, wie wir ihn in Deutschland und dann im kontinental europäischen Raume kennen, liegt die Reformation zugrunde.Davor war die Sorge für die Armen eine der Aufgaben der Kirche gewesen, isb der Klöster. Wo die Reformation im 16. Jahrhundert erfolgreich war, wurden die Klöster aufgelöst, als nicht mehr mit der christlichen Religion vereinbar. Die Armenfürsorge mußte demzufolge neu reguliert werden, sie übernahm die „Öffentliche Hand“. Diese Verstaatlichung der Armenfürsorge war so die Kehrseite der Entkirchlichung dieser Aufgabe.Die „Soziale Frage“ des 19. Jahrhundertes verlangte dann den Ausbau des anfänglichen Sozialstaates, in Deutschland durch Bismarck, gerade eben weil Privatinitiativen mit ihren diversen Sozialhilfevereinen, auch der kirchlichen sich als nicht effektiv genug erwiesen zur Lösung dieses Problemes.


2.In den Zeiten der Systemkonkurrenz zwischen den westlichen Staaten und denen des Sozialismus wurde gerade der Sozialstaat nicht nur in Deutschland ausgebaut, damit die kapitalistische Wirtschaftsordnung so als die überlegende sich beweisen sollte.In ihr soll es eben allen, selbst den „Armen“ noch besser gehen als den Arbeitenden im Sozialismus. Aber die Kosten für diesen Konfrontationskurs waren auch sehr hoch, verschlang doch die Hochrüstung gegen den Osten schon viel Geld und dann noch der zu finanzierende Sozialstaat.


3.In England steht der Thatcherismus für die Absage an den Sozialstaat. Der Neoconservatismus erblickte hier so das Licht der Welt. Ziel war ein schwacher Staat, denn das alles bestimmende Ordnungsprinzip sollte der freie Markt sein. Je weniger der Markt reguliert würde und alles dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden würde, desto besser ginge es allen, vor allem aber den Reicheren. Der politische Conservatismus liberalisierte sich in einer Melange aus conservertiven Vorstellungen im Kulturbereich,etwa die Wertschätzung der Ordnung der Familie und des Volkes und einem radicalen Marktwirtschaftsliberalismus, der nun aber in seiner Eigen-dynamik die Ordnungen der Familie und des Volkes auflöst.

4.Im Hintergrund des Diskurses um den Sozialstaat steht auch das Narrativ des Totalitarismus, daß die extreme Rechte wie die extreme Linke für ein Zuviel an Staat stünden, (der Nationalsozialismus wie der Kommunismus), daß ob solchen Staatsabsolutismus die Freiheit verschwindet. Nur ein schwacher Staat garantiere so die bürgerlichen Freiheiten. Der Sozialstaat sei so auch ein Konzept eines Zuvieles an Staat; je weniger Staat, desto freier sei der Bürger.

(Völlig verkannt wird dabei das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen der allein herrschenden politischen Partei und dem Staat in diesen beiden Ideologien. So strebt der Nationalsozialismus nicht einen starken Staat an, sondern daß die Partei durch den Staat herrsche als das organisierte Volk. Lenin wollte den Staat gänzlich abschaffen („Staat und Revolution) und nur für eine Übergangsphase, der der Diktatur des Proletariates erhalten. Daß dann unter Stalin faktisch die Partei aufhörte zu leben und er einen Staatsabsolutismus kreierte, demonstriert dann nur, daß er selbst kein Leninist war.Etatisten sind so diese Revolutionäre von Rechts und Links nicht. Ein antiinstitutionelles Moment ist dafür in diesen beiden Ideologien auch zu virulent: das Volk oder die Arbeiterklasse als das eigentliche Subjekt der Politik.)


5.Im Zentrum der ideologischen Auseinandersetzung steht aber die Anthropologie: Was ist der Mensch? Der Siegeszug des Liberalismus ist sein Sieg in dieser Frage, daß der Mensch der homo oeconomicus ist. Von diesem her baut sich die liberal-kapitalistische Gesellschaftsordnung auf, die sich als alternativlos ausgibt, weil sie allein dem Menschen, so wie er nun mal ist, gerecht wird. Das Bürgertum gibt dabei desillusioniert nach der bürgerlichen Revolution ihren eigenen Revolutionsoptimismus auf, daß nun eine neue Vernunftwelt sich entwickeln würde, ist erstmal die Herrschaft des Adels und des Klerus ein Ende gesetzt. Der Glaube an den zukünftigen Vernunftmenschen trat man an die Linke ab, um diese Vorstellung dann als utopistisch zu verurteilen. Die Bewahrung der bürgerlichen Ordnung wurde so zum Hauptanliegen des einst fortschrittsgläubigen Liberalismus. Der Abschied von der Politik ging damit einher, denn nun sollte der Staat nur noch ein Servicedienstleister für die Wirtschaft sein: der Primat der Ökonomie über die Politik. Diese Primatssetzung ließ dann die Vorstellung vom homo oeconomicus zu dem Menschen an sich avancieren. Politik im emphatischen Sinne gibt es nämlich erst seit der Französischen Revolution als den Glauben an die Humanisierbarkeit der Welt durch die Politik, entweder evolutionär oder revolutionär, durch Reformen oder durch Revolutionen. Nach dem Scheitern des letzten Großprojektes der Humanisierung der Welt durch die kommunistische Ideologie ist so der Tod der Politik eingetreten, leben wir in einer postpolitischen Welt.


Das sind grob skizziert die Rahmenbedingungen des Kampfes um den Sozialstaat, der ob des Glaubens an die freie Marktordnung als die einzig dem Menschen gerecht werdende abgebaut werden soll aus Sicht der vorherrschenden Ideologie des Liberalismus.



 

Freitag, 15. Januar 2021

Über das Schweigen der Kirche in der Caronaepidemie

(über den Verlust Gottes...)


Ich habe euch nichts zu sagen“, das ist wohl die desillusionierende Wahrheit über die Katholische Kirche und den Protestantismus Deutschlands, und nicht nur Deutschlands. Etwas Theologisches aus der Kompetenz der Kirche zu sagen, daß hieße ja, Gott in einer Relation zu dieser Seuche wahrnehmen zu können: Was hat der dreieinige Gott mit dieser Epidemie zu tuen? Das ist die religiöse Frage, die eine theologische Antwort erheischt. Da Gott denknotwendig als allmächtig zu denken ist, sonst würde er nicht als Gott gedacht, kann nicht ausgesagt werden, daß diese Seuche unabhängig oder gar gegen den Willen Gottes sich ereigne.

Entweder wirkt Gott selbst dies Unglück oder er läßt es zumindest zu. Das ist die klassische Theodizeefrage aber in einer Besonderheit. Denn die in dem Theodizeediskurs vorherrschende Antwort, daß Gott dem Menschen als Freiheit erschuf und ihm um der Freiheit willen auch die Freiheit zum Mißbrauchen der Freiheit gewährte, denn sonst wäre die Freiheit keine, kann in dieser Causa nicht gegeben werden. Diese Seuche ist nicht rückführbar auf einen Mißbrauch der menschlichen Freiheit. So läge es nah, dies Übel im Sinne des hl. Augustin als Strafübel zu begreifen: Gott straft so und zwar öffentliche kollektive Sünden im Kontrast zu den Privatsünden, die individuell Gott straft, hier oder jenseitig. Die Sintflut und Sodom und Gomorrah veranschaulichen uns ja, wie Gott Kollektivsünden straft. Wenn ich meinen Nachbarn erdolchte, wäre das meine Privatsünde, daß circa 100.000 Kinder pro Jahr im Mutterleibe getötet werden, ist dagegen eine Kollektivsünde, weil dies Töten mit öffentlicher Zustimmung, gesetzlich erlaubt geschieht.

Aber der heutige Gott, so wie er jetzt gelehrt und verkündigt wird, ist kein Gott mehr, der straft, denn er ist nur noch „lieb“. Diesen von aller Heiligkeit und Gerechtigkeit purifizierten Gott kann die Kirche nicht mehr in einen sinnvollen Zusammenhang mit dieser Seuche bringen.

Jetzt bliebe nur noch das Gebet übrig: Gott, rette uns vor dieser Seuche! Aber wenn Pater Karl Wallner urteilt, daß diese Seuche das Kirchenvolk wieder lehrte zu beten (Missio Österreich), so stellt er damit doch zuerst einmal damit fest, daß das Beten verlernt worden ist. Ja, daß Gott Gebete erhören kann und will, diese zutiefst religiöse Vorstellung hat doch die nachkonziliare Theologie weitestgehend als mit der Moderne unvereinbar reprobiert. Das Beten kann so nur eine autosuggestive Praxis oder ein Appell sein. So fällt Gott auch als Adressat unseres Betens aus.

Was hat die Kirche dann noch zu sagen? Nur dies, daß das kirchliche Leben auch ein Ort einer möglichen Verbreitung dieser Seuche sein kann, sodaß auch das kirchliche Leben, so weit es irgendwie geht, eingestellt werden soll. Ja, Lebensmittelgeschäfte müssen geöffnet bleiben für die Grundversorgung der Menschen (und es muß betont werden, daß die Supermärkte in dieser Krisenzeit wirklich hervorragend ihrer Aufgabe gerecht geworden sind und werden!), aber die religiösen Bedürfnisse sind dagegen Sonderwünsche, auf deren Befriedigung die Konsumenten in Notzeiten zu verzichten haben.

Denn wenn die Religion nur noch als ein subjektives Privatinteresse verstanden wird, dann ist es auch angemessen, daß öffentliche Gottesdienste eingestellt werden wie auch die vielen Fußballfans auf ihren Stadiumbesuch verzichten müssen. Daß die christliche Religion aber nur noch ein Privatbedürfnis ist, daß zeigt auf das bitterste, daß Gott in dieser Religionsauffassung kein wirklicher Gott mehr ist, denn er ist selbst privatisiert worden und hat so mit dem Leben außerhalb meiner Frömmigkeit nichts mehr zu tun: Er ist nur noch dafür da, mir zu sagen: Dich hab ich lieb! 

(vgl mein Buch: Der zensierte Gott) 

 

Donnerstag, 14. Januar 2021

Kulturkritik- früher war alles besser und irgendwie auch niveauvoller



Das kulturelle Niveau eines intelligenten Volkes fällt in dem Maße, in dem sein Lebensstandard steigt“, urteilt Nicolas Gomez Davila (Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift...Aphorismen, 2017, S.63.) Dieser Aphorismus klingt gut, er klingt überzeugend, aber wenn über ihn nachgedacht wird? Schon die Formulierung des kulturellen Niveaus bereitet dem Nachdenken größte Probleme:Was ist das Kulturniveau, wie mißt man es und wie ist ein Sinken dieses Niveaus konstatierbar? So klar diese Aussage uns beim ersten Lesen auch scheinen mag, so verunklart sich dieser Aphorismus, je länger er durchdacht wird.

Und doch wird dieser Gedanke von Davilas Leserschaft spontan verstanden und ihm wird zugestimmt. Die Formulierung: „kulturelles Niveau“ evoziert eben nicht wie ein Begriff ein klares Verständnis des Begriffens sondern ein Meer von Assoziationen: Kulturelles Niveau, dafür steht Goethe, Schiller, Fontane und nicht zu vergessen Thomas Mann, dem nun die gegenwärtige Literatur gegenübergestellt wird, dies niveaulose Gegenwartsgeschreibsele. Noch offenkundiger im Falle der Musik: Welch ein Verfall von der klassischen Musik zum Poplied- alles nur Niedergang!

Nur, was hat dieser Niedergang mit dem Lebensstandard eines Volkes zu tuen? Der gehobene soll also die oder wenigstens eine maßgebliche Ursache dieses Niederganges sein. Wie ist das zu verstehen? Die Antwort ist offensichtlich: Unter dem Lebensstandard wird die Kaufkraft der potentiellen Konsumenten der Kulturprodukte verstanden, die nun als Waren auf dem freien Markt zum Abverkauf angeboten werden. Der steigende Lebensstandard bedeutet nun nichts anderes als daß jetzt Käufer für Kulturprodukte auf dem Markt auftreten, die früher nicht als Käufer auftraten. Die Auftragskunst, daß Kunstwerke vom Adel, von Kirchen und von reich gewordenen Bürgern bei Künstlern geordert wurden, tritt in der Moderne zugunsten der Produktion für den freien Markt zurück. Der romantische Künstler entsteht, die bittere Erfahrung, daß der Philister, für den nun produziert wird, so wenig Verständnis für die Kunst hat, aber er gerade über die Kaufkraft verfügt, die den anderen Volksschichten fehlt.

Erst die Verbesserung der ökonomischen Verhältnissen läßt ein Massenpublikum entstehen, die über so viel Kaufkraft verfügt, daß es zum Käufer von Kulturprodukten avanciert. Nun erst entsteht die für die Masse produzierte Massenkultur, die „Kulturindustrie“, wie Adorno im despektierlichen Tonfall zu sagen liebte.

Seit dem die Kulturwerke also nicht mehr für den Adel, den Klerus und zu Reichtum gekommenen Bürgerlichen produziert werden, sondern für den Massengeschmack ertönt so diese Klage des Niederganges des kulturellen Niveaus. Die Demokratisierung vervulgarisiert so die Kunst, lautet das vorschnelle Urteil aristokratischer Gestimmtheit. Könnte das nicht auch anders gesehen werden, daß nun eben für breite Volks-schichten Kunst produziert wird und eben nicht nur für den vornehmen Geschmack! Stehen heute nicht in einem Buchgeschäft neben trivialen Unterhaltungsromanen immer noch ein Robert Musil, ein Peter Handke , ein Botho Strauß?

In postmodernen Zeiten stehen nun diese so verschiedenen Kulturwerke manchmal im selben Buchgeschäftregal und wie in allen Zeiten findet das Niveauvolle wenig Leser, aber es wird doch auch das Niveauvolle gelesen, wobei wir immer noch nicht klar erfaßt haben, was etwa das Niveauvolle Musils ausmacht im Vergleich etwa zu Karl May! Nur eines ist sicher: Wer bekennt, daß ihm Rosamunde Pilcher Romane mehr zusagen als Kafka, gilt als niveaulos- man muß eben wissen, was man nicht lesen darf, um nicht als niveaulos zu gelten.

 

Mittwoch, 13. Januar 2021

„Die dem Menschen seine Ketten nehmen, befreien nur ein Tier“

(Anthropologie: Der Kampf um den Menschen)

So schreibt es Davila (Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift... Aphorismen 2017, S.71) Eine sehr obskurantistische Aussage, haben wir doch den Ausspruch, der Mensch habe nichts zu verlieren außer seinen Ketten, Karl Marx gut im Ohr. Für Davila gehört also das in Kettensein konstitutiv zum Menschsein dazu, denn ohne diese Ketten vertierte sich der Mensch. Im Hintergrund von Davilas Positon steht die Vorstellung des Naturmenschen, der ungezügelt seine Leidenschaften ausleben Wollenden, der aber durch die Moral und den Staat daran gehindert wird, so leben zu können, wie er es möchte. Die Moral und der Staat verhindern so nicht das Menschsein, sondern bringen es erst hervor.

Aber wird der Begriff des Tieres dem natürlichen unkultivierten Menschen gerecht? Offensichtlich nicht, denn das Tier, das wäre die Vorstellung von seinen Trieben beherrschten Menschen. Aber genau das ist der natürliche Mensch nicht. So kann er sich selbst töten trotz seines Überlebenstriebes, er kann sich der Sexualität enthalten trotz seines Fortpflanzungstriebes....Er ist, um es mit Gehlen zu sagen ein mangelhaft durch seine Natur determiniertes Wesen, oder um es positiver zu formulieren, ein durch seine Freiheit bestimmtes Wesen. Diese Freiheit ist ihm im Naturzustand die Willkürfreiheit, alles tuen zu dürfen, was immer er auch will, ja selbst der Begriff des Dürfens muß hier noch ausgestrichen werden, da es für den Naturmenschen keine Instanz gibt, die Gedurftes von Nichtgedurftem unterschiede.

Den Willkürmenschen und nicht einen Menschtier brächte so die Befreiung von den Ketten hervor. Dieser Befreite wäre dann wirklich das Ende der Kultur und der Humanität. Somit muß gerade die Religion als den Menschen Humanisierendes angesehen werden ob der Vorstellung des Gottes, der Menschen sagt, was sie dürfen und was nicht.


 

Dienstag, 12. Januar 2021

Gott, das Schicksal und das Glück des Menschen



Nein, Hannchen, grolle nicht mit dem Schicksal und nicht mit mir,weil ich so handle,wie meinem Gewissen es mir vorschreibt. Wissen wir denn überhaupt,was das Schicksal in diesem Augenblick für uns vorbereitet? Wir Menschen sind so kurzsichtig, wir jammern über ein Unglück und wissen nicht, daß es zu unserem Besten dient. Vielleicht ist es für Oskar gut, daß er nicht in Pracht und Reichtum heranwächst;die Armut ist oft die beste Schule.Wir wollen arbeiten und Gott für die Zukunft sorgen lassen.“ So spricht ein Familienvater zu seiner Ehefrau, Hannchen, die sehr besorgt ist um das Schicksal ihres Kindes Oskar. (Robert Kraft, Um die indische Kaiserkrone, 1.Buch, Band 2, 8.Kapitel:Ein harter Kopf)

Drei Begriffe bestimmen diese Rede des Familienvaters: Schicksal, Gott, Unglück. Sie leben in Armut, obgleich der Vater arbeitet und zwar sehr viel, aber er hat keine Anstellung, die seinem Können entspräche. Sein eigener Vater hat ihn verstoßen, nun lebt er in armen Verhältnissen. Seine Ehefrau urteilt: „Du verdientest ein anderes Leben, deine Kenntnisse und deine Fähigkeiten berechtigen dich dazu.“Er erwidert: „Wenn dies der Fall wäre, so würde mir das Schicksal auch eine Stellung bescheren, welche ich ausfüllen kann.“ Dann fügt er aber als Entgegnung noch dies an: „Und ist das übrigens nicht eine verantwortliche Stellung, der Ernährer einer Frau und der Erzieher eines Kindes zu sein? Wenn dies jeder als seine Hauptaufgabe im Leben betrachtete, fürwahr, es würde anders aussehen.“

Krafts Romane zählen zur Trivialliteratur, sein Meisterwerk, „Um die indische Kaiserkrone“ ist nur noch antiquarisch erwerbbar, ein vergessener Schriftsteller. Es drängt sich der Verdacht auf, daß die Subsumierung unter die Rubrik der Trivialliteratur sich auch solchen Teilen verdankt. Es klingt zu fromm: Statt widerständig aufzubegehren wird hier Ja gesagt zu dem Leben, wie diese drei es erleiden müssen. So hat es das Schicksal verfügt. Das Schicksal ist für den Vater nicht durchsichtig transparent, aber er sucht in seiner Lage das darin Positive, daß er die Aufgabe eines Familienvaters erfüllen kann.

Aber er vertraut auch auf das Schicksal, denn er hofft, daß die Lage, so wie sie ist, doch zu etwas gut ist. Er kann so hoffen, weil er von Gott glaubt, daß der ihm dies Schicksal auferlegt hat. Ja, er schwingt sich gar auf zu der Aussage, daß das Unglück, über das geklagt wird, uns selbst zum Besten dient. Gott regiert, nicht nur das große Geschick der Menschheit, sondern er legt auch dieser Familie ein Schicksal auf, und weil Gott der Herr des Schicksales ist, wird es so angenommen.

Aber zwischen den beiden Begriffen bleibt eine Spannung, denn Gott und das Schicksal, das ist nicht einfach das Selbe.Der Karfreitag kann uns das verdeutlichen: Wer ist denn der Gott, der von seinem Sohn verlangt, am Kreuze für die Sünden der Menschen zu sterben? Jesus sagt selbst von ihm: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Gott hat seinen Sohn nicht verlassen, vielmehr erlitt er am Kreuze den Zorn Gottes. Jesus sah aber in diesem göttlichen Zorn nicht mehr den ihn liebenden göttlichen Vater. Diese Verbergung der göttlichen Liebe drückt der Begriff des Schicksales aus. Aber das verborgene Angesicht der Liebe Gottes ist auch das, das Jesus wie diesem Familienvater das ihrige Schicksal auferlegt. Nur wird das erst von dem Osterereignis erkennbar.

Auch für den Familienvater gab es ein kleines Ostern: Einige Tage später erhielt er die so lang schon ersehnte Anstellung und so hatte die Armut für diese Familie ein Ende. Zu schön, um wahr zu sein?Eine kleine Erzählung in der großen- eine Miniatur, aber in ihr ist schon das Ganze der Großerzählung enthalten, daß es da einen Gott gibt, der schlußendlich ein gutes Ende herbeiführt, also ein frommer Roman. Wird er etwa deshalb als trivial verurteilt? An der erzählerischen und kompositorischen Qualität kann das nicht liegen.


 

Montag, 11. Januar 2021

„Für den Christen von heute war die Kreuzigung ein bedauerlicher Justizirrtum.“


So schreibt es Nicolas Gomez Davila (Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift...Aphorismen, 2017, S.115). Daß es sich so verhält, ist nicht bestreitbar, es könnte nur angemerkt werden daß nicht alle jetzigen Christen „Christen von heute“ sind. Das „heute“ bedeutet nämlich nicht eine bloße Zeitangabe, sondern meint ein Christsein gemäß der heutigen Zeit; die Zeitgemäßheit avancierte zu einer normativen Vorgabe um die Norm der Sachgemäßheit zu ersetzen. Die Zeit an sich kann keine Norm sein, aber der Geist einer Zeit, einer Epoche: wie man eben zu einer bestimmten Zeit dachte und wie man zu denken habe, wenn man dazugehören will, um nicht als vorgestrig abgeschrieben zu werden.

Welche Wahrheiten der christlichen Religion werden denn durch diese zeitgeistgemäße Vorstellung eskamotiert?


1.Gott ist ein Gott, der für die Sünden der Menschen eine gerechte Strafe verlangt und dann das Kreuz Christi als Ersatz für die Sünden der Menschen forderte.


2.Gott wollte das Kreuz Christi. Der Sohn hätte sich ob seiner Allmacht jederzeit seiner Kreuzigung entziehen können, er tat dies aber nicht aus dem Gehorsam seinem Vater gegenüber.


3.Gott gab selbst dem Römischen Staat, dem Amtsinhaber Pontius Pilatus die Vollmacht, den Sohn Gottes zu töten. So tat der Staat das, wozu er bestimmt war, als er den Sohn Gottes kreuzigte.


4.Jesus Christus war einerseits der vollkommen Unschuldige, andererseits nahm er die ganze Schuld der Menschheit auf sich, er trug sie ans Kreuz, so daß so der wahrhaftige Sünder die göttliche Strafe aller trug, weil er sich so zum Sünder gemacht hatte. Das ist vergleichbar mit jemandem, der die gesamten Schulden eines Freundes auf sich nimmt, das sind jetzt die meinigen und ich begleiche sie nun.


5. Es war auch kein Justizirrtum, denn als der Richter von der Unschuld Jesu überzeugt war, ließ er ihn doch kreuzigen allein aufgrund des Drängens der Juden. Aber da diese Wahrheit nicht dem Anliegen des christlich-jüdischen Dialoges widerspricht, wird heute die Alleinschuld dem Römischen Staate zugeschrieben. Da es aber keinen legitimen Grund für den Römischen Staat gab, Jesus zu Tode zu verurteilen, spricht man heute gern von einem Justizirrtum.


Der Gott der christlichen Religion ist nicht einfach ein Zuguckgott; es muß also gefragt werden, was denn der allmächtige Gott tat, als sein Sohn gekreuzigt wurde. Diese Frage wird einfach ausgeblendet, da ja überhaupt alle Ereignisse in der Geschichte so betrachtet werden, als gäbe es keinen Gott, der sie regiert und in ihr eingreift. Deshalb kann auch das Kreuz Christi nur ein rein weltimmanentes Ereignis sein, das mit dem Gott Jesu Christi nichts zu tuen hat. Pilatus hat sich einfach geirrt.


So kann das Kreuz Christi selbst für den Gläubigen keine Heilsbedeutung haben. Das Heil besteht allein in der durch Jesus vermittelten Erkenntnis, daß Gott als die Liebe jeden Menschen bejahe. Das Kreuz Christi kann dann höchstens nur noch aufzeigen, wie wichtig Jesus diese Liebesbotschaft war, daß er auch ob des angedrohten Todes nicht davon abließ, diese Liebe in Wort und Tat zu verkünden. Jesus bewirkt ja auch nicht das Heil, sondern verkündet ja nur, was unabhängig von ihm die Wahrheit ist, daß Gott immer der war, ist und sein wird, der zu allen Menschen sein Ja sagt.