Wider die Verharmlosung Gottes: oder: „Mein ist die Rache!“
Als der Apostelfürst Paulus in seinem Römerbrief schrieb: „Die Rache ist mein,ich will vergelten, spricht der Herr“ (12,19) muß er wohl ganz vergessen haben, daß Gott die Liebe ist und so kein Rache nehmender sein kann.
Nur auch ein viel weniger bedeutsamer und doch sehr lesenswerter Autor läßt in seinem Roman: „Waldröschen“1 einen der Protagonisten sagen: „Sennorita, Ihr seid ein Ungeheuer. Thut mit uns, was Ihr wollt; aber es giebt einen gerechten Gott im Himmel, der Alles sieht und Alles hört;er wird uns an Euch rächen und Alles vergelten,was Ihr verbrochen habt!“2
Weil Gott gerecht ist, rächt er- so urteilen diese zwei Autoren übereinstimmend.
Kurz danach ereignet sich dieser Dialog: „Sennorita, bedenkt, daß es einen Gott im Himmel giebt!.“ „Einen Gott?Ah!“ lachte sie,den Kopf schüttelnd. „Welcher Alles belohnt und bestraft, je nachdem es gut oder böse ist!“ „Das ist ein Ammenmärchen!“ wiederholte sie. „Seht Ihr denn nicht, daß gerade dieser Gott mich beschützt? Er hat mich Eure Anschläge wissen lassen.Aber ich brauche seine Hilfe gar nicht; ich weiß allein, was ich thue. Sie werden Alle fallen.3 Und Ihr, wißt ihr, was mit Euch geschieht?“ „Ich stehe in Gottes Hand,“ antwortete er. „Nein, Ihr befindet Euch zunächst in meiner Hand. Ihr werdet hängen, wirklich hängen“. 4
Etwas später: „Ihr seid eine Teufelin!“ Sie antwortet: „Nicht wahr? Ihr habt recht; das sollt Ihr an Euch selbst erfahren.Ihr sollt nämlich nicht zugleich gehangen werden, ich will Euch erst ein kleines Vergnügen gönnen.“ 5
Dies Vergnügen soll darin bestehen, daß sie den so Angesprochenen zu ihrem Vergnügen foltern will, bevor sie ihn erhängt. Es gibt Menschen, die so böse sind, daß sie als „Teufel“ zu bezeichnen theologisch zwar inkorrekt ist, aber, aber man sie doch moralisch empfindend so bezeichnen darf.
Gibt es diesen Gott wirklich oder hätte hier der Protagonist nur verkünden dürfen: „Was immer Sie auch an Grausamkeiten und Menschen Quälerisches tuen wollen, Gott liebt Sie, er sagt „Ja“ zu Ihnen“? Spräche so wirklich die Liebe Gottes? Wenn so Gottes Liebe wäre, triumphierten noch im Himmel die Bösen über ihre Opfer! Denn dann wäre es Gott gleichgültig, ob wir unseren Nächsten lieben oder morden! Ist es nicht wahrer, daß Er, weil er seine Menschen liebt, die Opfer dieses Gequält- und Ermordetwerdens rächt?
Der Apostelfürst sieht das so und der so christliche Schriftsteller May stimmt dem zu!
1Karl May, Waldsöschen, 4.Band, Kaiser Max von Mexiko, . Es sei hier die historisch kritische Ausgabe wärmstens empfohlen, die anderen verschlimmbessern den Text. Zusatz: Kein Weintrinker würde behaupten,daß es ihm gleichgültig wäre, ob er seinen Wein aus einem Weinglas oder einer Kaffeetasse tränke, den für ein Getränk sei es gleichültig, aus was für ein Trinkgefäß es getrunken würde, da das dem Getränk rein äußerlich sei So urteilen aber Leser, wenn sie meinen, daß die Rechtschreibung für den Gehalt des Gelesenen gleichgültig sei, da auch die jeweilige Orthographie etwas nur rein Äußerliches sei. Wer die historisch- kritische Ausgabe liest, wird merken, daß dies ein Irrtum ist, sozusagen eine doketische Schriftlehre impliziert.
2A.a.O. S.2522.
3Sie will alle ihre Pläne verhindern Wollenden umbringen lassen.
4A.a.O. S.2546.
5A.a.O. S.2546.