Unsere Mutter als unsere Fürbitterin (Auszug aus meinem Buch: "Der zensierte Gott"
„Der
heilige Dominikus und der heilige Franziskus von Assisi waren beide
von ihrer Kindheit an bis zu ihrem Tode ganz besondere Verehrer
Mariä, der allerseligsten Jungfrau. -Sie nahmen in allen großen und
wichtigen Angelegenheiten ihre Zuflucht zur himmlischen Gottesmutter.
-Der heilige Dominikus betete, wie er selbst erzählt, nach seiner
Gewohnheit nachts in der Kirche. -Da sah er, wie der Sohn Gottes zur
Rechten des Vaters ganz erzürnt aufstand, um alle Sünder auf Erden
zu vertilgen. -Er schwang drei Lanzen: eine wider die Hochmütigen,
eine wider die Habsüchtigen und eine wider die Wollüstigen. -Da
sich niemand widersetzen durfte, kam die Mutter Gottes, umfing Jesu
Füße und bat ihn, doch diejenigen,die er mit seinem Blute erlöst
hätte, zu verschonen und Barmherzigkeit vor Recht walten zu lassen.-
„Siehst du nicht“, sagte ihr Sohn, „wie viele Unbilden sie mir
zufügen? -Länger kann meine Gerechtigkeit so viel Böses in allen
Ständen nicht dulden.“ -Allein die Mutter erwiderte: „Du weißt
alles, also auch die Weise, wie du sie wieder zu dir zurückführen
kannst. -Sieh, ich habe einen Diener, einen eifrigen Verehrer, den du
in die Welt hinaussenden wirst, auf daß er ihnen deinen Willen
verkünde, und so werden sie sich wieder zu dir, ihrem Heilande
bekehren. -Und dann habe ich noch einen treuen Verehrer und Diener.
Diesen will ich dem ersten zum Gehilfen geben.“ Da sagte der Sohn:
„Ich bin versöhnt, aber zeige mir jene, welche du zu diesem großen
Geschäfte ausersehen hast.“ -Da führte die Gottesmutter ihm den
heiligen Dominikus zu. Dieser sah auch im Gesichte den heiligen
Franziskus, den er vormals nie gekannt hatte. -Da er ihn am anderen
Tage in der Kirche sah, erkannte er ihn und sagte: „Du bist mein
Gefährte! Laß uns zusammenstehen, und kein Feind wird uns
besiegen.“
Soweit diese
Geschichte! Da sagte der Sohn: „Ich bin versöhnt.“ Das ist die
Zentralaussage dieser Szene aus dem Leben Jesu. Jesus Christus kann
unversöhnt sein! Die Sünden der Menschen, ihr Hochmut, ihre
Habsucht, ihre Wollust zerstören das Liebesverhältnis Gottes zu den
Seinen. Er zürnt denen, die er selbst mit seinem Blut erlöst hat.
Diesen Erlösten zürnt er. Diese will er vertilgen, weil sie so viel
sündigten, und das, obwohl sie durch Jesu Blut Erlöste sind. So
ernst nimmt Jesus Christus unser Sündigen. Ob unserer menschlichen
Sünden stehen wir, obgleich Getaufte und durch sein Blut Erlöste,
wieder unter Gottes Zorn.
Die Mutter
Gottes versöhnt nun Jesus, indem sie ihm ihren Plan aufzeigt zur
Bekehrung und Umkehr der sündigenden Menschen. Jetzt wollen wir aber
nicht auf diesen marianischen Rettungsplan schauen, nein, sondern auf
die Umkehr Jesu. Zuerst kehrt er um, indem er abläßt von seinem
Zorn. Maria bittet Jesus, und diese Bitte, ihr Gebet ändert Gott. Er
will jetzt, was er vorher nicht wollte.
Wer dies nun
für eine mythologisierende Erzählung hält, die Gott und seinem
Sohn nicht gerecht werden, weil der dreieinige Gott nichts als die
Liebe ist, der möge jetzt Paulus Römerbrief 1-8 überfliegen. Es
ist eine große Erzählung vom Zorn Gottes über die Menschen, Juden
wie Heiden, und wie sie alle gegen Gott sündigten, obwohl sie
wußten, wie sie zu leben haben gemäß Gottes Willen, bekannt
gemacht durch die Offenbarung des Gesetzes und im Gewissen und wie
durch das Kreuz Christi und den Glauben die Wende eintritt, daß
Gott, durch das Kreuz Christi versöhnt, sich wieder liebend den
Menschen zuwendet, die an Jesus Christus glauben. Hier braucht uns
nur die Struktur zu interessieren: daß Gott den Menschen zürnt,
weil sie Sünder sind und daß durch das Kreuz versöhnt, Gott sich
wieder neu den Menschen zuwendet.
Die
Zentralaussage lautet also: Gott kann sich ändern! Er kann zürnen
und er kann seinen Zorn wieder zurücknehmen. Was wird aber aus der
Geschichte Gottes mit den Menschen, streichen wir diese Vorstellung
aus dem Gottesbild heraus? Was bleibt von der Geschichte, wenn es
weder Gottes Zorn noch Gottes Umkehr gibt? Es entstünde ein
Aufklärungsroman über Gott, der immer nur der uns Menschen Liebende
war, ist und sein wird und die Einsicht, daß wir Menschen uns viele
falsche Vorstellungen von Gott gemacht haben, von denen uns Jesus
befreite, indem er verkündete: „Gott ist die Liebe! Befreit euch
von euren falschen Gottesbildern, daß er auch heilig und gerecht,
zürnend und vergebend ist, daß er Opfer fordert, daß er unsere
Nachfolge will. Er will nichts von uns! Er ist einfach nur Liebe.“
Nur, dieses Gottesbild ist nicht das des Alten Testamentes, nicht das
von Jesu Christi, nicht das, das die Kirche verkündete, sondern ein
erdichteter Gott, ein Phantasiegott, den es nur in den Vorstellungen
modernistischer Theologen gibt!
Halten wir
so dies fest: der Philosoph Platon sagt, daß um der Moral willen
folgende religionsphilosophischen Voraussetzungen gemacht werden
müssen. Von Gott bzw. von den Göttern muß gedacht werden, daß sie
sind, daß sie sich um die Menschen kümmern und daß es nicht leicht
sei, ihre Gunst zu erlangen.
Platon sieht als Gefahr für die Moral die Vorstellung an, daß der
Mensch leicht die Gunst Gottes wiedererlangen könnte durch das
Darbringen von Opfern und Gebeten. Es sei en passant daran erinnert,
daß auch heute noch im Verborgenen über Katholiken gelästert wird,
daß sie es mit der Moral nicht so genau nähmen, bräuchten sie doch
nur, wenn sie gesündigt haben, einen Rosenkranz beten, und ihnen sei
alles vergeben! Wer bemühte sich schon um ein moralisches Leben,
wenn man so leicht seine Sünden los werden könnte! Die christliche
Religion sieht dies anders, denn sie glaubt an Jesus Christus, das
wahre Gott dargebrachte Opfer, und dies Opfer ist kein leichtes! Die
christliche Religion weiß aber, daß wenn Gott zürnt, es eines
Opfers bedarf, das Gottes Zorn stillen kann. Welches Opfer das
vermag, das wird uns erst das Kreuz Christi zeigen und uns vor die
Frage stellen: wie verhält sich dies eine Opfer Christi zu den
vielen anderen Opfern? Jetzt soll aber nur dies festgehalten werden:
Gott kann und will umkehren. Er kann und will über uns Menschen
zürnen, wenn wir gegen ihn sündigen. Er kann und will aber auch
seinen Zorn von uns wieder abwenden. Ihn kann sein Zorn reuen, wenn
er uns wieder gnädig sein will!
Ganz anders der zensierte
Gott! E. M. Mørstad schreibt dazu
treffend: „Weg mit einem heiligen Zorn Gottes über die Sünde, weg
mit dem lieblosen, strafenden Gott! Das Golgatha war ja ein
Zusammentreffen ungünstiger Umstände durch Menschen, die nichts
wußten; das sagte ja Jesus selbst am Kreuz. Ach, diese reine Gestalt
Jesus, dieser Verwirklicher der Nächsten- und Gottesliebe! Er starb
aus Liebe zu allen Menschen, nicht weil er von einem brutalen,
primitiven Gott als Sühne für die Sünden der Welt geopfert wurde!
Da war Paulus noch ganz jüdisch und alttestamentlich. Das Evangelium
der Liebe verstand sogar er nun eben nicht so ganz hundertprozentig,
obwohl er, und das geben wir immerhin zu, so ergreifend schön von
der Liebe sprach: Die Liebe `duldet alles`.
JHWH nunmehr geleugnet -
sollte das sogenannte `Heil` nur unter der Kategorie der
`Liebe`konzipiert werden, und also zugleich der sogenannte `Gott`?.
Nicht länger durfte Jesus der in seinem Blut unter dem Zorn Gottes
des Vaters sterbende Gott und Mensch sein, der unbedingt notwendige
Versöhnungspriester, Stellvertreter und Heiland des Menschen, für
alle Menschen das notwendige Opferlamm.“
Mørstad malt uns hiermit
das Musterbild des der Zensur zum Opfer gefallenen Gottes aus. Weil
Gott nur noch die Liebe sein soll, wird aus dem religiösen
Gottesbild alles den modernen Menschen Anstößige gelöscht: Gott
darf nicht mehr zürnen über die Sünde des Menschen, er darf keine
Opfer mehr fordern. Damit wird notwendigerweise das Gottesbild des
Alten Testamentes als für uns Heutige nicht mehr zumutbar
ausgelöscht. Ein paar wenige Stellen kann man dann vielleicht noch
stehen lassen, etwa das Bild des Gottes, der Israel aus dem
Sklavenhaus Ägyptens befreit, selbstverständlich unter Ausblendung
des Bildes der um ihr Kind und ihren Ehemann weinenden Mutter, aber
das meiste muß weg. Aber auch das Neue Testament ist leider
angefüllt mit widrigen Gottesbildern. Insbesondere der Apostelfürst
Paulus gilt spätestens seit Nietzsches Pauluskritik als der
Verfälscher des Lebens Jesu, als der Übeltäter schlechthin. Was
bleibt? Nur noch ein Liebesgott und sein Aufklärer, der uns Menschen
aus der selbstverschuldeten Gottesfurcht befreite, indem er lehrte:
Gott hat uns alle lieb, so als Vorläufer des einzig wahren
Kirchenlehrers der Moderne, Willy Millowitsch: „Wir sind alle
kleine Sünderleins“ und kommen alle in den Himmel.