Mittwoch, 29. Juli 2026

„Aktuelle Bertelsmann-Studie: Deutsche bewerten Demokratie überwiegend negativ“ - oder sind wir umerzogen worden?

 

Aktuelle Bertelsmann-Studie: Deutsche bewerten Demokratie überwiegend negativ“ - oder sind wir umerzogen worden?



Das Magazin: „Zuerst“ berichtet unter dieser Überschrift über diese Negativstimmung am 22.7.2026,aber der Artikel bringt dann klar zum Ausdruck, daß wir Deutschen nur ob einer idealisierten Vorstellung von der Demokratie der jetzigen real existierenden nicht positiv gegenüberstünden.

Ich bekenne mich tief überzeugt,daß das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können,“. So urteilt niemand anderes als Thomas Mann in seiner „Vorrede“ zu: „Betrachtungen eines Unpolitischen“.1 Knapp 100 Jahre später gilt uns die Demokratie selbstverständlich als die beste denkbare Staatsform, nur daß viele urteilen, die jetzige sei keine zufrieden stellende Realisierung der Idee der Demokratie.Eine Bejahung der Demokratie setzte so „die völlige Umwandlung des Volkscharakters“ voraus. Denn die Demokratie sei etwas zutiefst Westliches und passe so nicht zu unserem deutschen Volkscharakter. Ja,Thomas Mann versteigt sich gar zu der Aussage, „daß der vielverschriebene >Obrigkeitsstaat< die dem deutschen Volke angemessene zukömmliche und im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt.“ 2

Mann setzt sich dabei primär ab von der französischen Demokratie und sekundär von der russischen Despotie. Ihm schwebt dabei keine Idealgstalt des Staates vor, die für alle Völker die wahre sei, sondern insistiert darauf, daß wegen der Verschiedenheit der Volkscharaktere auch ihre Staatsgestaltungen verschieden auszufallen haben. So bestimmt nun Man die Differenz zwischen dem Westlichen und uns Deutschen: „Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele,Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation,Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur.“

Den ersten Weltkrieg begreift so Thomas Mann als den Selbstbe-hauptungskampf unseres Volkes zur Wahrung unserer Eigenart. Ja, so rekonstruiert er die wahren Gründe dieses Weltkrieges: „Die Geschichsforschung wird lehren,welche Rolle das internationale Illuminatentum, die Freimaurer-Weltloge, unter Ausschluß der ahnungslosen Deutschen natürlich, bei der geistigen Vorbereitung und wirklichen Entfesselung des Weltkrieges, des Krieges der >Zivilisation< gegen Deutschland gespielt hat.“3

Wenn uns heutigen Deutschen das alles nur noch als obskur und abwegig vorkommt, könnte das daran liegen, daß zumindest wir Westdeutschen so erfolgreich umerzogen worden sind.

1Ich gebe keine Seitenzahlen an, da dies Werk in so vielen verschiedenen Ausgaben publiziert worden ist.

2Alle Zitate aus der „Vorrede“.

3Die Geschichtsforschung brachte wirklich die hier von Thomas Mann angekündigten Erkenntnisse, etwa: Friedrrich Hasselbacher: Entlarvte Freimaurerei, aber sie werden nach 1945 als Verschwörungstheorien abqualifiziert und als unwissenschaftlich verurteilt.

Dienstag, 28. Juli 2026

Verdrängtes und Vergessenes in der heutigen Kirche

 

Verdrängtes und Vergessenes in der heutigen Kirche


Perry,glaub ganz fest daran: Wie viele Millionen Lichtjahre uns auch trennen, wie viele Jahre vergehen – eines Tages sehen wir uns wieder. Es ist uns bestimmt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es im Universum ein Schicksal gibt. Dieses Schicksal steht auf unserer Seite.“1

Der Glaube ist hier eine feste Überzeugung, nicht ein: „Ich weiß es nicht, aber es wird wohl so sein.“ Der Begriff des Schicksales ist nun ein Begriff aus der Welt der Religion, aber kein spezifisch christlicher. Da nun aber die christliche Religion eine Religion ist, gehört er auch zu ihr, auch wenn es die Tendenz gibt, statt von der christlichen Religion von dem christlichen Glauben zu sprechen, auch um zu verdecken, daß sie eine Religion ist. Dietrich Bohnhoefers fragmentarischen Erwägungen zu einem „religionslosen Christentumsverständnis wirkten sich dabei destruktiv aus ob der dem erwachsenden Tendenz, die christliche Religion auf eine Morallehre und Praxis zu reduzieren.

Hinter dem Glauben an das Schicksal steht der Glaube an einen die Welt im Allgemeinen und im Besonderen regierenden Gott. Würde an mehr als einen Gott geglaubt, könnte nicht mehr mit Gewißheit geglaubt werden, daß das Schicksal, für den ein Gott Menschen bestimmt hat, sich auch erfüllen wird, da ja die anderen Götter dies verhindern könnten. So verlangt der Schicksalsglaube eine monotheistische Religion.

In allen monotheistischen Religionen wird ihr Gott als sich offenbart habender und sich so bekannt gemacht habender geglaubt. Der Begriff des Schicksales entfaltet hier nun eine zu bedenkende Differenzierung: Der Gott, wie er sich offenbart und somit zu erkennen gegeben hat, kann nicht direkt in seinem Wirken an uns recogniziert werden, er erscheint als ein anderer Gott . Luther entfaltete dies in seiner Lehre vom „verborgenem Gott“. Der Begriff des Schicksales verdankt sich ebenso dieser Differenzerfahrung.Wer einen „Schicksalsschlag“ erleidet, etwa daß eine Mutter ihr eigenes Kind beerdigen muß, da es durch einen Unfall zu Tode kam, der kann in diesem Ereignis nicht das Wirken des uns Menschen doch liebenden Gottes wiedererkennen. Aber dieses Schreckliche wird nicht als ein Ereignis außerhalb des Regierens Gottes gedeutet, sondern daß auch hier Gottes Wille sich ereignet hat.

Aber das „Warum“, das „Wozu“ bleibt den davon Betroffenden und es Erleidenden unerforschlich. Es widersetzt sich nun aber der Schicksalsglaube dem, indem er darauf setzt, daß auch dies Schreckliche einen guten Sinn hat, da dies Schicksal von Gott selbst verhängt worden ist.

Die Frau von Perry Rhodan kann nicht erkennen, warum sie nun so lange und so weit von ihrem Manne getrennt ihre besondere Pflichten, ihre ihr zugemutete Aufgabe zu erfüllen hat, aber sie vertraut darauf, daß das Schicksal es gut mit ihnen beiden meint und somit sie auch wieder zusammenführen wird.

Der Schicksalsbegriff hat in der Frömmigkeit so eine zentrale Bedeutung, wird durch ihn die Serie unserer kontingenten Ereignisse unseres Lebens mit dem Glauben, daß Gott nicht nur die ganze Welt sondern auch unser besonderes Leben regiert. Die Verhältnisbestimmung zwischen Gottes Regieren isb als dem Bestimmer unseres Schicksales und unserer Freiheit, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des sich reflektierenden Glaubens, der Theologie,aber in der Frömmigkeit wird beides geglaubt: unsere Verantwortlichkeit für unser Leben und daß doch Gott regiert.

Ein großer Verlust stellt es so dar, wenn dieser Begriff in der Theologie und Kirche fast völlig vergessen ist!

1Robert Felddorf, Das Sternenfenster, Perry Rhodan Nr 2100.

Montag, 27. Juli 2026

Bedenkliches: Gott verheißt – bedingungslos oder über eine gefährliche Illusion

 

Bedenkliches: Gott verheißt – bedingungslos oder über eine gefährliche Illusion


So Verheißungsvolles steht in der hl. Schrift über den Jerusalemer Tempel: „von welchem der Herr zu David und zu seinem Sohne Salomon gesprochen hatte:In diesem Tempel und zu Jerusalem ,das ich aus allen Stämmen Israels erwählt habe, will ich meinen Namen wohnen lassen auf ewig = in sempiternum) 2.Könige 21,7) Gott verheißt so seinem Volke, daß es für es einen Ort gibt und für ewig geben wird, an dem er für es anrufbar ist. Ein Tempel ist nur ein Tempel, wenn zumindest geglaubt wird, daß ein Gott hier gegenwärtig ist. In dem Ausdruck, seinen Namen dort wohnen lassen, reflektiert sich die Frage, ob denn Gott in einem von Menschen erbauten Tempel Gott selbst wohnen kann. Es wird somit eine Differenz eingezeichnet zwischen dem Gott an sich als dem jenseitigen und seiner Präsens für uns Menschen als einen ansprechbaren, daß er seinen Namen da wohnen läßt.


Das ist Gottes Verheißung aber jeder weiß, daß Gott dieses Versprechen nicht eingelöst hat. Im Jahre 70 wurde der Tempel endgültig zerstört und bis heute nicht wieder auferbaut. Sind Gottes Verheißungen etwa nicht vertrauenswürdig? Gott selbst gibt uns in diesem Text die Antwort, warum er seinen Namen nicht mehr in dem Tempel wohnen läßt und ihn gar zerstören ließ: „weil sie gethan, was vor mir böse ist,und nicht aufgehört haben,mich zum Zorne zu reizen, von dem Tage an, wo ihre Väter aus Ägypten gezogen sind, bis auf diesen Tag.“ (21,15)

Gott verheißt, aber seine Verheißungen knüpft er an seine Bedingungen, die er auch den die Verheißung Geltenden offenbar gemacht hat. Ein Arzt sagt zu seinem Patienten: „Sie werden wieder gesund werden, wenn Sie....“Was geschieht nun aber, wenn der Patient höchst erfreut die Verheißung hört: „Sie werden gesunden!“, aber den Nachsatz: „wenn Sie...“ überhört?

Könnte es sein, daß wir heutigen Christen den Nachsatz, die Bedingungen, die Gott stellt, damit sich seine Versprechungen auch erfüllen, überhören?


Hier beschreitet nun die zeitgenössische Theologie und ihr folgend die Kirche eine fatale Strategie: Man lehrt nun, daß Gott sein Volk Israel nie verlassen habe, es immer auf ewig Gottes erwähltes Volk sei, um dann sich selbst beruhigend zu folgern, daß so Gott auch nie seine Kirche und uns Christen verlassen würde. Keine noch so arge Sünde wider Gott hätte Gott dazu veranlassen können, „Nein“zu seinem Volke zu sagen und das gälte nun auch so uns!





Sonntag, 26. Juli 2026

Hat das Gemeinwohl etwas mit der Religionsfreiheit zu tuen?

 

Hat das Gemeinwohl etwas mit der Religionsfreiheit zu tuen?


Spontan dürfte die Antwort „Ja“ lauten, denn es ist doch für ein friedliches Miteinander günstig, wenn jeder Bürger seine eigene Religion frei ausüben könne und auch das Recht besitzt, nicht religiös zu sein.

Aber selbst da erhebt Marcel Lefebvre einen Einwand. Es sei ihm hier das Wort gegeben: „Kommen wir nun zu einigen weiteren Gebrechen der Religionsfreiheit,die noch fundamentaler sind. Die Argumentation des Konzils beruht im Grund auf einer falschen,personalistischen Auffassung des Gemeinwohls, das hier auf die Summe der Einzelinteressen reduziert ist, wie man sagt,auf die Respektierung der Rechte der Personen auf Kosten des gemeinsamen Werkes.das zur größeren Ehre Gottes und zum Wohl aller zu vollbringen ist,“ 1

Papst Johannes XXIII wird dann dazu so zitiert: „>Für das heutige Denken<,schreibt er,>beruht das Gemeinwohl vor allem in dem Schutz der Rechte und Pflichten der menschlichen Person>.“2


Das Allgemeine, auf das sich das Ziel des Wohlergehens bezieht, ist nicht die Summe der Privatinteressen der Einzelbürger. Es fehlt nun eine positive Bestimmung des dem Privatbürgers übergeordnetem Allgemeineren. Für den politischen Diskurs im Kontrast zu einem humanistischen ist das das Volk, das sein Leben im Nationalstaat als selbstbewußtes führt. Wenn nun die Rechte des Einzelnen verabsolutiert werden, stellt das eine Gefährdung des Allgemeinwohles dar.

Nur, was hat diese Einsicht mit der Frage der Religionsfreiheit zu tuen? Was soll man sich bei der Formulierung: „des gemeinsamen Werkes.das zur größeren Ehre Gottes und zum Wohl aller zu vollbringen ist,“ denken? Das gemeinsame Werk meint die Religionsausübung, die um des Gemeinwohles willen zu vollbringen ist. Pointiert formulierter: Unser Wohlergehen ist von der rechten Gottesverehrung und dem Ja zur wahren Religion abhängig.

So irritierend dieser Gedanke auch erscheinen mag, wird er doch einsichtig, wenn bedacht wird, daß einerseits Gott der Spender aller guten Gaben ist und daß es ihm andererseits nicht gleichgültig sein kann, ob er gemäß seinem offenbarten Willen geehrt wird oder nicht. Näherliegend ist nun wohl der Gedanke, daß für das Wie des Miteinanders und der Einsicht in die Bereitschaft der Unterordnung des Bürgers unter das Allgemeinwohl die wahre Religion förderlich ist.

Für das Alte Testament ist es eine selbstverständliche Wahrheit, daß das Wohlergehen des jüdischen Volkes abhängig ist von der rechten Gottesverehrung. Kaiser Konstantin förderte die christliche Religion, nicht primär als eine Privatperson, sondern weil er von seinem Beruf her für die rechte Gottesverehrung zuständig war um des Wohlergehens des römischen Volkes.

Ein heute völlig verworfener Gedanke muß aber noch mitbedacht werden: Gott kann auch zürnen, wenn er nicht recht verehrt wird, wobei die rechte Gottesverehrung nicht als reine Privatangelegenheit gemeint ist. Die privaten Sünden straft Gott an dem Einzeltäter, die öffentlichen an dem Volke, dass sie begeht. Das Gericht Gottes über Sodom und Gomorrah war keines über die vielen Privatsünden. Daß das Gemeinwohl nichts mit der rechten Gottesverehrung zu tuen habe, ist ein erst in der Moderne aufgekommender Gedanke, dessen Wahrheit bezweifelt werden kann.


1Marcel Lefebvre, Sie haben ihn entthront, 1988, S.206.

2A.a,O.

Samstag, 25. Juli 2026

Unerhörtes zum Gebet, zur Gebetserhöhung im 1.Johannesbrief

 

Unerhörtes zum Gebet, zur Gebetserhöhung im 1.Johannesbrief



uns was wir bitten,werden wir von Gott empfangen,denn wir halten seine Gebote und tun,was vor ihm wohlgefällig ist.“ (3,20) Der Grund dafür,daß Gott unsere Gebete erhört: daß wir seine Gebote halten. Das „und“ ist dann nicht addidativ sondern explikativ gemeint: das ist, das ihm Wohlgefällige zu tuen.Heißt das nun, daß uns Gott unsere Gebete nicht erhören wird, erfüllen wir diese Bedingung des Haltens seiner Gebote nicht? Das ist damit nicht notwendig mitausgesagt, denn es wird nur ausgesagt, daß wenn wir seine Gebote halten, er uns erhören wird, wohingegen es nicht gewiß ist, daß er unsere Gebete erhören wird, erfüllen wir diese Bedingung der Gesetzesbefolgung nicht.

In 5,14 heißt es nun: „Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen,so hört er uns.“ Das „hört uns“ bedeutet hier: erhört uns. „nach seinem Willen“ bedeutet hier, das Wie und das Worum wir beten. Das Worum meint im 1. Johannesbrief eine Bitte, die dem Gebot des „Liebet einander“ entspricht, das Wie ist nun schwieriger zu bestimmen.Im Jakobusbrief findet sich nun aber diese Erklärung dazu: „Er bitte aber im Glauben und zweifele nicht“. „Ein solcher Mensch denke nicht, daß er von dem Herrn empfangen werde.“ (1,5 und 7) Zweifeln bedeutet hier, nicht sich gewiß sein, ob Gott unsere Gebete erhören will.

Zweierlei ist damit gesagt: Erstens Gott kann und will unsere Gebete erhören und zweitens gibt es Kriterien, ob Gott ein Gebet erhört oder nicht. Welcher Christ, wenn er selbstkritisch sein Beten reflektiert, kann von sich sagen, daß er so betet? Diese Aussagen zur Erhöhung unseres Betens begründen so unsere katholische Gebetspraxis, die Heiligen und isb die Mutter Gottes zu bitten, in unseren Gebetsanliegen eine Fürbitterin zu sein. 

Zusatz:

Franz Diekamp.Katholische Dogmatik,Bd 2, 11/12 Auflage § 47, S.397:

"   1  Maria ist die Mittlerin aller Gnaden.. insofern sie die ganze Welt dem Erlöser gebracht hat.

 2.  insofern sie durch ihre Fürbitte bei Gott allen Menschen die Heilsgnaden zuwenden kann

3 insofern durch Gottes Anordnung seit ihrem in die himmlische Seligkeit kein Mensch irgendeine Heilsgnade empfängt, die sie ihn durch spezielle Fürbitte erwirkt hat."

(verschiedene Gewißheitsgrade) 

Freitag, 24. Juli 2026

Befremdliche Gedanken über: „Christ, genieße nicht!“ und den Neid

 

Befremdliche Gedanken über: „Christ, genieße nicht!“ und den Neid


Weder existiert ein Gebot Gottes noch ein Kirchengebot: „Genieße nicht!“ und der Neid ist eine Sünde, keine lässige. Rückübersetzen wir aber das „Genießen“ in das Lateinische, in „frui“, schon stehen wir in einem komplexen Diskurs über die Differenz von „uti“ =gebrauchen und „frui= genießen, des hl. Augustin, des neben dem hl. Thomas von Aqiun bedeutendsten Kirchenlehrers.

Uti“ bedeutet jede Handlung, oder jedes Objekt, das um eines Zieles, das außerhalb dieser Handlung oder dieses Objektes erstrebt wird, es wird um eines Zweckes willen gebraucht. Zur Veranschaulichung: Ich kaufe ein Buch, um es zu lesen und ich lese es, um mich auf eine Reise vorzubereiten. Das Buch gebrauche ich als einen Reiseführer für die Reise, die Reise zur Erholung. Das sind alles Gebrauchtstätigkeiten bzw Gebrauchsobjekte.

Frui“bedeutet, daß etwas um seiner selbst willen genossen wird, es ein selbstzweckliches Tuen ist oder ein Objekt, das um seiner selbst willen erstrebt wird. Ich kann um des Lesens willen lesen und ein Kunstobjekt um seiner selbst willen genießen.

Der hl. Augustin lehrt nun, daß nur Gott genossen werden dürfe, während alles andere nur zu gebrauchen ist und zwar so, daß es förderlich ist auf den Endzweck des Genießen Gottes hin ausgerichtet. In diesem Gedankengang drängt sich die These auf, daß jedes Genießen von etwas, was nicht Gott ist, von diesem wahren Endzweck wegverführt. In dem asketischen Diskurs fungiert dabei die Sexualität als Vorzugskandidat eines solchen vom wahren Genießen Wegverführens! Deshalb gilt: Die Sexualität dürfe nur zu dem Zweck der Fortpflanzung praktiziert, gebraucht werden und nicht genossen werden. Von Natur aus verheißt nun aber die praktizierte Sexualität einen hohen Lustgewinn, also einen „Hochgenuß“, um die Menschen zur Fortpflanzung zu motivieren. Wäre die Motivation dagegen die Erkenntnis des Verpflichtetseins zum Erhalt der Menschheit einen Beitrag zu leisten, wäre die Menschheit wohl schon lange, trotz Kants Pflichtenethik ausgestorben.

Der hl. Augustin kennt aber nun auch eine Güterlehre, in der Gott als das „summum bonum“, als das „höchste Gut“ expliziert wird: Nur Gott ist gut, ist schön und wahr, und alles andere ist in differenzierten Graden gut, schön und wahr, indem und nur indem es teilhat an dem einzig Wahren, Guten und Schönen. Bildtheoretisch formuliert: Alles in der Welt Gute, Wahre und Schöne ist nur als ein Abbild des Urbildes wahr, gut und schön. Aber in den Abbildern ist nun auch wirklich Gott so präsent, aber in der Differenz von dem Urbild und den Abbildern dieser Dreieinigkeit. Dann wird in allem Schönen die Schönheit Gottes in ihrer Abbildlichkeit genossen und somit ist ein frui von allem Schönen erlaubt. Aber in dem Diskurs der Askese wird genau diese Position Augustins vergessen zugunsten einer Verabsoluierung der uti- frui - Konzeption.

Nur Gott dürfe ein Christ genießen wollen und deswegen dürfe er nichts anderes genießen, schon gar nicht die Sexualität.1 Aber dann müßte auch gelehrt werden, daß jedes Speisegenießen eine Sünde wäre, da jedes Nahrungsmittel nur zu dem Zweck des Lebenserhaltes gebraucht werden dürfte und nicht genossen werden dürfte.

Seit Nitzsches Moralkritik ist der Verdacht nicht mehr aus der Welt exkommunizierbar, daß die Moralvorstellungen vom Neid (mit)geformt sind: „Wenn ich nicht genießen kann, dann soll der Andere nicht genießen dürfen!“ Dem Anderen etwas nicht gönnen können, was mir nicht vergönnt ist, ist das nicht eine der vielfältigen Erscheinungen des Neides? So theologisch berechtigt auch die Lehre von der Unterscheidung von dem Gebrauchen und dem Genießen ist, diese Unterscheidungslehre verführt den Neidischen geradezu, nun allen Genießenden die „Rote Karte“ zu zeigen in der frommen Maskerade, daß jedes Genießen doch nur uns wegverführe von Gott, der allein zu genießen sei.

Eine säkularistische Version dieser Neidaskese : Um der Gesundheit willen habe man auf (fast) alle Genüsse zu verzichten, da jedes Genußmittel die Gesundheit schädigten. Der Tabakgenuß wird so heutzutage verteufelt mit geradezu exorzistischem Eifer und das obzwar wahrscheinlich schon die ersten Menschen rauchten und es genossen haben. Der Mensch braucht Brot, aber er liebt so sehr die Spiele, daß er sie nötig hat. Aber ob es nun die Tradition des Sylvesterfeuerwerkes ist oder jetzt die Fußballweltmeisterschaft der Männer: Muß das sein, ist das nicht eine pure Verschwendung, und wie viele verdienen doch durch solchen Sport wie viel Geld...Hören wir nicht auch hier hinter diesen Masken die Stimme des Neides. „Ich kann kein Feuerwerk genießen, also soll es niemand dürfen!“ „Wenn andere die Fußballweltmeisterschaft begeistert, mich aber nicht, dann darf sie niemanden begeistern!“ „Wenn ich nicht mehr genießen kann, dann darf das niemand, denn das Genießen von den Anderen provoziert meinen Neid auf sie, der ich es nicht kann! Das ist das Ressentiment der Nichtgenießenkönnenden.

Eine Konsumwelt, in der jedem Konsumenten verheißen wird: „Kaufe das und genieße es und Du wirst glücklich sein!“ produziert massenhaft Menschen, die desillusioniert nichts mehr genießen können! So bildet sich ein fruchtbarer Boden für den Neid der Nichtgenießenkönnenden. Genießen können ist eine  zu elernende Fähigkeit.






1Sehr provokant urteilt Slavoj Zizek (Die Tücke des Subjekts, 2001, S.115f Fußnote 18: „Das übliche Argument der katholischen Kirche gegen die Empfängnisverhütung (dem zuolge jeder Sex, der vom höheren Ziel der Fortpflanzung abgekoppelt ist, auf ein tierisches Unzuchttreiben reduziert wird) verfehlt demnach offenkundig das Entscheidende: Ist es nicht gerade der Sex, der sich der Zeugung von Nachkommen widmet- also der biologischen Fortpflanzung- der tierisch ist? Ist es nicht spezifisch menschlich, dass sich die sexuelle Aktivität von ihrem >natülichen< Ziel ablösen kann und zum Selbstzweck wird?“ Jeder Befürworter einer natürlichen Empfängnisverhütung bejaht Zizek.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Jeder ist dafür: Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit – oder gibt es da Fragen?

 

Jeder ist dafür: Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit – oder?


Einen Bruder oder eine Schwester kann es doch nur geben, wenn es auch einen Nichtbruder und eine Nichtschwester gibt, eingedenk der Einsicht: omnes determinatio est negatio.Die Ermöglichungsbedingung von Verwandtschaftsbeziehungen ist, daß es Nichtverwandte gibt. Wen grenzt auch die Brüderlichkeit bzw die Geschwisterlichkeit aus? Diese Frage ist sozusagen die Nachtseite von der Rede von der Brüderlichkeit bzw Geschwisterlichkeit.

3 Konzeptionen existieren: a) durch die Geburt werden uns bestimmte Menschen zu Brüdern oder Schwestern; sie erwählt man sich nicht, sondern sie sind es objektiv, vorgegeben, gleichgültig wie man sich ihnen gegenüber verhält. Aber es existieren normative Vorstellungen darüber, wie man sich zu seinen Geschwistern zu verhalten habe und wie nicht. Menschen können sich also nicht nur unmenschlich sondern auch ungeschwisterlich verhalten und b) kann damit eine freundschaftliche Beziehung zu Nichverwandten gemeint sein: Sie verhalten sich dann zueinander wie es der normativ der Geschwisterlichkeit entspricht und c) meint es eine Gesinnungs-gemeinschaft: Alle, die selbe Gesinnung,bzw Weltanschauung oder Religion teilen, sind Geschwister, die sich untereinander so verhalten, wie es der Norm der Verwandtschaftsbeziehung der Geschwisterlichkeit entspricht.


Nur die Geschwisterschaft im verwandtschaftlichen Sinne ist eine objektive Gegebenheit, alle anderen bezeichnen eine Normativität des Wie Miteinanderumgehens. „Ein Bruder oder eine Schwester bist Du mir nur, wenn Du dieser Norm gerecht wirst!“ Die Nachtseite dieser Aussage lautet deswegen im realen Leben so: „Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein!“ Die Französische Revolution proklamierte die Brüderlichkeit und guillotinierte zu Hauff die Nichtbrüder, die Kritiker der Revolution.


Könnte es sein, daß die Norm der Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit in Nichtverwandtschaftsbeziehungen dazu führt, wenn diese Norm nicht erfüllt wird, den Bruder und die Schwester zum Nichtbruder und zur Nichtschwester zu erklären, die dann gar als Feinde behandelt werden? Der Gesinnungsgenosse von Gestern könnte morgen so zum Verräter und Feind werden, der Glaubensbruder zum Ketzer, der brüderliche Freund zum persönlichen Feind. Die ursprüngliche Geschwisterlichkeit als eine Verwandtschaftsbeziehung suggeriert nun dabei, daß solche Enttäuschungen nicht zu befürchten seien, da sie doch etwas Objektives bezeichnen, das nicht durch ein Fehlverhalten negiert werden könne: Freunde oder Glaubensbrüder oder Glaubensschwestern oder Gesinnngs-genossen können nicht so enttäuschen, indem sie gegen die Normativität der Geschwisterlichkeit verstoßen, da diese Normativität doch etwas Objektives sein soll daß eben sich Verwandte von Natur aus brüderlich, geschwisterlich verhielten und dies für sie nicht in erster Linie nur eine Norm sei.

Ein leiblicher Bruder bleibt ein Bruder,wenn er sich unbrüderlich verhält, der Gesinnungsbruder wird dagegen dann zum Feind.