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Mittwoch, 14. Oktober 2026

Ist der christliche Glaube die Alternative zum Nihilismus in Europa?

 

Ist der christliche Glaube die Alternative zum Nihilismus in Europa?



Kardinal Joseph Ratzinger scheint diese Position zu vertreten. So schreibt er: „So ist schon über Jahrzehnte hin ein Zertreten des moralischen Sinns vor sich gegangen,das zum vollständigen Nihilismus werden muss,in dem keines der vorherigen Ziele mehr galt und Freiheit nur als Möglichkeit stehen blieb,alles zu tun,was ein leer gewordenes Leben einen Augenblick spannend und interessant machen kann.“1

Diese KardinalsAussage ist nun wahrlich nicht leicht verständlich: Da gibt es einerseits einen moralischen Sinn, dann vorherige Ziele und dann eine irgendwie falsch verstandene Freiheit. Der Nihilismus generiere sich nun aus der Destruktion des moralischen Sinnes. Die Ziele, die vorher noch als erstrebenswert galten und die Moral suspendierten, hätten ihre Bedeutung verloren, und das erbrächte nun ein nihilistisches Freiheitsverständnis.

Klarer wird dieser Gedankengang, wenn man sich Kardinal Ratzingers Analyse des Nationalsozialismus und der kommunistischen Ideologie vor Augen hält. In Übereinstimung mit Rauschning bestimmt er den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“2 und den Kommunismus, dem ebenso ein Nihilismus zugrunde läge.3

Nun verfolgen beide Ideologien Endziele, das der Errichtung der deutschen Volksgemeinschaft oder das der universalen klassenlosen Gesellschaft. Solche Endziele schließen nun aber einen Nihilismus a priori aus, es kann im Raume solcher endzielausgerichteten Ideologien zwar wohl eine Moral des; „Der Zweck heiligt die Mittel“ geben,aber der Glaube an ein höchstes Ziel, ein summum bonum also schließt jeden Nihilismus aus.

So sagt Hitler selbst: „Das Höchste aber,was mir Gott auf dieser Welt gegeben hat,ist mein Volk! In ihm ruht mein Glaube,ihm diene ich mit meinem Willen, und ihm gebe ich mein Leben.“1

Nun wird die These aufgestellt: „In der nationalsozialistischen wie in der kommunistischen Diktatur gab es keine Handlung, die als an sich schlecht und immer unmoralisch angesehen worden wäre.“4 Nicht „an sich“ gilt eine Handlung moralisch oder unmoralisch, sondern in Hinsicht auf das Kriterium der Hinordnung auf das höchste Ziel. Wäre etwa die Position: Alles, was dem Ziele, in das ewige Leben zu erreichen, diene,sei moralisch gut und alles, was das Erreichen dieses Zieles verunmögliche, sei unmoralisch, verwerflich?

Der Kardinal meint nun aber, daß eine so auf ein Endziel ausgerichtete Moral unmoralisch sei und daß sie den Nihilismus vorbereite, wenn dann ihre Endziele, die der Volksgemeinschaft oder der klassenlosen Weltgemeinschaft ihre Glaubwürdigkeit verlören.

Rauschning behauptet nun aber, daß die Natinalsozialisten gar kein Endziel gehabt hätten, an das sie geglaubt hätten: „Der Nationalsozialismus war nur ein Instrument,dessen sich der Nihilismus bediente,das er aber auch jederzeit wegzuwerfen und durch andere zu ersetzen bereit war.“5

Das ist nun eine Variante des plumpen Priester-betrugsnarratives,daß die Priester ihre Götter nur erfunden hätten, an die sie selbst selbstverständlich nicht glaubten, nur um mit diesen Göttern das Volk zu beherrschen. Außer den angeblichen Gesprächen Rauschnings mit Adolf Hitler,6 in denen der sich als purer Nihilist offenbart haben soll, existiert kein Beleg, daß Hitler und die anderen Nationalsozialisten nicht an ihre eigene Ideologie geglaubt haben! Das gilt genauso für alle Leninisten, Stalininisten und Maoisten. Sie alle waren viel mehr Jakobiner, die mit Gewalt das von ihnen als das Wahre Erkannte durchsetzen wollten, und die so die Feinde der Wahrheit bekämpften.

Gerhard Szczenys Buch: „Das sogenannte Gute:Vom Unvermögen der Ideologen“ wird eventuell diesen politischen Welterlösern gerechter als ein Nihilismusvorwurf: Sie wollten die Welt erlösen und erachteten den Terror als ein notwendiges Mittel zur Erreichung ihrer Weltopti-mierungsprogramme.

So wie Kardinal Ratzinger hier versucht, dem Nihilsmus zu Grunde zu gehen, geht es nicht. Die großen Ideologien des Kommunismus wie des Nationalsozialismus haben nichts Nihilistisches an sich, sie verneinen nur das Gebot der Feindesliebe im politischen Raum, den sie glauben an einen Feind, der vernichtet werden muß.

Auch und gerade eine „Der Zweck heiligt die Mittel Moral“ ist kein Nihilismus. Wenn etwa in einer Religion geglaubt wird, daß die Kultprostitution für die Fruchtbarkeit notwendig ist, dann ist das keine unmoralische Praxis für die, die das so glauben! Als unmoralisch kann nur der diese Kultpraxis verurteilen, der sich gewiß ist, daß dieser Glaube ein Irrglaube ist.

Aber es gibt doch in der heutigen Zeit eine Tendenz zum Nihilismus. In diesem Punkte könnte man doch dem Kardinal zustimmen, auch wenn man seine Genealogie des Nihilismus als falsch beurteilen muß!

Aber auch in diesem Punkte muß dem Kardinal widersprochen werden! Die christliche Moral wird zwar in das Abseits gedrängt und ist zu einer bloßen Privatsache geworden, aber doch nur, um Platz zu machen für eine neue Moral, die der politischen Korrektheit! Die avanciert zur neuen öffentlichen Religion, der sich auch die Kirche unterworfen hat! Im Kern ist das die Ideologie der Menschenwürde, der Menschenrechte, die seit der Französischen Revolution ihren Siegeszug gegen die Kirche und die christliche Religion eröffnete und jetzt umfassend siegt. Diese Ideologie macht nun aber die christliche Religion als dem Fundament des Abendlandes für das heutige Europa überflüssig. Nicht der Nihilismus ist unser Schicksal, sondern eingedenk Nietzsches Willen zur Überwindung des Nihilismus der neue Werte- und Moralhimmel, der die christliche Religion in das Abseits stellt.

Den Feind des Nihilismus gibt es nicht, da dieser Feind schon längst überwunden worden ist durch die neue öffentliche Religion, der sich nun selbst die Kirche subordiniert. 

Um es überspitzt provokannt zu formulieren: Stalin und Hitler waren "Gläubige", die um der Wahrheit willen die Feinde der Wahrheit, die, die sie dafür hielten, bekämpften- sie waren so keine Nihilisten!  

1Zitiert nach: Wofür kämpfen wir?, 1944, S.77. 

1Joseph Kardinal Ratzinger, Werte im Zeichen des Umbruchs, 2005, S.46.

2A.a.O. S.46. Er bezieht sich dabei auf: H.Rauschning, Die Revolution des Nihilismus, 1938.

3A.a.O. S.46.

4A.a.O. S.46.

5A.a.O. S.46.

6Es spricht sehr viel dafür, daß die Gespräche zwischen dem Autoren und Hitler eine pure Fälschung ist. Rauschning wird aber in kirchlichen Kreisen gern zitiert, weil nur in diesem Buch ausgesagt wird, daß Hitler selbst die Absicht geäußert habe, die Kirchen zu vernichten.

Donnerstag, 21. Mai 2026

„Nihilismus als eine Errungenschaft“

 

„Nihilismus als eine Errungenschaft“



Mit dieser These verbüfft ein Vertreter des „Transhumanismus“ Stefan Lorenz Sorgner die Leserschaft seines Buches: „Übermensch.Plädoyer für einen Nietzeanischen Transhumanismus“.1 Nicht will er dabei, Nietzsche folgend den Nihilismus überwinden, sondern er schreibt: „Der Nihilismus ist nicht beklagenswert,vielmehr sollte er gefeiert werden.“2 Zwei verschiedene Bereiche des Nihilismus existierten, daß jede Wahrheitserkenntnis verneint wird, der „aletheische Nihilimus“ und daß jede Erkenntnis des Guten, der „ethische Nihilismus“, verneint wird.3

Die Errungenschaften dieses Nihilismus seien,daß sie die „Wahrscheinlichkeit fördern,die Vielfalt des Lebens zum Florieren zu bringen.“4 Als die Feinde der Vielfalt markiert der Autor nun „totalitäre und paternalistische Strömungen.“5Mit dieser Begründung stürzt uns nun der Autor in eine Meer von Aporien. Die „Vielfalt des Lebens“ wird hier als etwas Gutes und Erstrebenswertes gewertet. Das ist nun aber eindeutig ein moralisches Werturteil, das in einer nihilistischen Weltanschauung nicht möglich ist, setzt es doch ein Werturteil voraus, daß eine Vielfalt einer Monokultur vorzuziehen sei. Daß ein paternalistisches Staatsverständnis zu reprobieren sei, ist der Ideologie des Liberalismus ihr Basiscredo, aber einfach einem Nihilisten ein unmögliches Urteil.

Geradezu obskurantistisch wirkt dann die Beweisführung des „aletheischen Nihilismus“: Weil alles sich permanent ändere, könne es keine wahre Erkenntnis geben! Erstens versteht sich diese Aussage selbst als eine wahre Aussage, die für sich selbst eine dauerhafte Gültigkeit beansprucht und deswegen selbst dem „aletheischen Nihilismus“ widerspricht. Außerdem kann nur von einem sich gleichbleibenden Subjekt prädiziert werden, daß an ihm Änderungen sich ereignen: X hatte gestern diese, hat jetzt die und morgen wird es jene Eigenschaft haben.

„Jedes Urteil ist eine Interpretation. Eine Interpretation zu sein, bedeutet jedoch nicht,dass das betreffende Urteil falsch sein muss,sondern es beinhaltet ausschließlich, dass das betreffende Urteil falsch sein kann.“6Aber da es im Raume dieses erkenntnistheoretischen Nihilismus keine Kriteriologie der Unterscheidbarkeit von wahren zu falschen Interpretationen gibt, kann nie eine Interpretation als wahr oder falsch beurteilt werden.

Jede Spielart eines Nihilismus destruiert sich so von selbst durch seine ihm immanenten Widersprüche.

Positiv formuliert,es an dem Beispiel der deutschen Sprache zu veranschaulichen: Das System der deutschen Sprache ermöglicht die Hervorbringung unendlich vieler Romane, geschrieben in dieser bestimmten Sprache. Löste man dies Sprachregelsystem nihilistisch auf, da es die Freiheit des Schreibens eingrenze, gar verunmögliche, könnte kein Roman mehr geschrieben werden. Mit dem Sprachwissenschaftler Saussure ist daran festzuhalten, daß das System der Sprache die notwendige Voraussetzung für die kontingente Bildung einzelner Aussagesätze ist und damit einer lebendigen Sprache überschäumender Vielfalt. Im nihilistischen Denken löst sich dagegen alles in ein unterschiedsloses Einerlei auf. 

Der Nihilismus sei die Voraussetzung der Freiheit setzt Freiheit gleich mit Willkür.





1Sorgner, Transhumanismus, 2019, S.91.

2A.a.O. S.91.

3A.a.O. S.92.

4A.a.O.S.91.

5A.a.O. S.91.

6A.a.O. S.94.

Dienstag, 18. November 2025

Die Katholische Kirche im Würgegriff der LGBTQ- Lobby

 

Die Katholische Kirche im Würgegriff der LGBTQ- Lobby


Wer das nun pupliziete Papier: „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ der Schulkommission der Deutschen Bischofskonferenz durchliest, kann die Augen nicht davor verschließen, daß hier die LGBTQ-Lobby einen großen Sieg errungen hat: Das Papier kapituliert bedingungslos vor der LGBTQ- Ideologie, wobei dann noch versucht wird, diesen Fremdkörper in die Theologie zu integrieren, wobei dann der ganze Glaube der Kirche verschrottet wird nur, um das Wohlgefallen dieser mächtigen Lobby zu erringen.

In dem „Communio“-Artikl vom 17.11.2025 : „Kritik ignoriert: Streit um katholisches Queer-Papier - Nachdem ein Text zur "Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule" im Sommer für Streit gesorgt hatte, wurde das Schreiben kürzlich trotzdem mit kleineren Änderungen im Namen der Bischöfe veröffentlicht – ohne neuerliche Abstimmung. Einwände wurden offenbar nicht berücksichtigt“ wird die Kernthese dieses Eloborates erfaßt:

„Dort heißt es nun, die >unbedingte Anerkennung des gemeinsamen Menschseins im Primat der Liebe" ergebe sich aus der "Gottebenbildlichkeit des Menschseins<. Gott erweise dem nach seinem Bild geschaffenen Menschen seine Liebe >In der Inkarnation des Logos und seinem Erlösungswerk"<. Das >Geliebtsein in Schöpfung und Erlösung"<gelte >dem Menschen in seiner gesamten Vielfalt"< Davon könne auch die >Diversität der sexuellen Identitäten nicht ausgenommen werden"<


 Das heißt, werden die theologischen dekorativen Verschnörkelungen weggelassen, daß die hinreichende Bedingung des Geliebtwerdens des Menschen von Gott sein Menschsein ist. Dies Geliebtwerden ist schon sein Gerechtfertigsein und Erlöstsein. Dieses Geliebt- und Gerechtfertigtsein habe dann auch Jesus Christus noch mal bestätigt, aber genau genommen war das ein überflüssiges Unternehmen, denn die Wahrheit, daß jeder Mensch ob seines Menschseins ein von Gott Bjahter sei, war und ist ja wahr völlig unabhängig von einem vermeintlichen Erlösungswerk Jesu. Er hat uns halt nur über den Sachverhalt unseres Bejahtseins von Gott aufgeklärt.

Daraus wird nun gefolgert, daß der Mensch, egal was er nun tut, ein immer von Gott Beajhter ist, daß er also seine Sexualität ausleben könne wie es ihm gefällt, immer sage Gott nur „Ja“ zu ihm! Er dürfe so auch sein Geschlecht verändern, behaupten keines zu haben oder so viele Geschlechter neu kreieren, wie es ihm gefiele, die Kirche habe dazu immer nur zu sagen: „Das ist in Ordnung!“ Sie müsse jeder Kritik an dieser Selbstbestimmungsideologie sich strikt widersetzen und allen nur die unbedingte Liebe Gottes zu jedem erfahrbar machen.

Dieser moralische Nihilismus1 wird mit der These, daß Gott jeden Menschen ob seines Menschseins bejahe, egal wie er dann sein Leben führe letztbegründet! Daß diese Lehre ein völliger Abfall vom Katholischen Glauben ist, ist offenkundig! Die theologisch korrekte Aussage, daß Gott das Heil jedes Menschen wolle und daß er deshalb einen ordo salutis gesetzt hat, wie der Mensch dann das Heil erlangen kann, wenn er diesen von Gott gesetzten Heillsweg beschreitet, wobei dann die Verhältnisbestimmung von der Gnade Gottes und dem Wie des Mitwirkens Gottes zu den schwierigsten Fragen der Theologie gehört2, wird dabei völlig ignoriert: Gottes Wille, jeden zu erlösen, wird nun einfach als schon allein durch Gott realisiert angesehen, daß Gott jeden Menschen ob seines Menschseins schon liebe und somit auch schon erlöst hat in Hinsicht auf das endgültige Heil.

Damit werden alle von Christus eingesesetzte Sakramente, die Kirche als Heilsvermittelungsinstitut auf der einen Seite und der in Liebeswerken tätige Glaube auf der anderen Seite als überflüssig abgetan. Es bedürfe nur des Glaubens an die Menschenwürde jedes Menschen, daß jeder ein von Gott Affirmierter sei, da er ein Mensch sei! Das ist purster Säkularismus mit einer Prise Menschenwürdeglauben gewürzt, daß der Mensch als Mensch ein von Gott Bejahter sei. Diese neue „Theologie“ ist nur erklärbar als eine vollständige Kapitulation vor der Macht der LGBTQ-Lobby..


1Dostojewski urteilt: Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt! Dazu muß ergänzt werden: Wenn Gott das unbedingte Ja zu jedem Menschen ist, ist auch alles erlaubt. Daß aber diese Lehre von der unbedinh´gten Bejahung durch Gott nicht kompatibel ist mit dem Enggement der Kirche gegen alles poliitisch Nichtkorrekte, hat dies Elaborat im Eifer des Gefechtes völlig vergessen!

2Vgl dzu: Der hl. Augustin: „Der dich ohne dich erschaffen hat,rechtfertigt dich nicht ohne dich.“ ziziert nach: Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, 11.Auflage, 2005, S.352, „ohne dich“ bedeutet hier: nicht ohne dein Mitwirken.

Montag, 9. Januar 2023

Über die Diktatur des Relativismus: Weil was das gute Leben ist, unerkennbar sei, kann jeder gut leben nihilistisch!

Über die Diktatur des Relativismus: Weil was das gute Leben ist, unerkennbar sei, kann jeder gut leben nihilistisch! Sorgner offeriert in seiner Apologie des Transhumanismus : „Übermensch.Plädoyer für einen Nietzscheanischen Transhumanismus“ allerlei Bedenklichkeiten, in denen er komprimiert aber die Probleme der liberalen Ideologie unfreiwillig enthüllt. Unter der wortgewaltigen Kapitelüberschrift: „Zwischen Renaissance-Genie und der radikalen Pluralität der menschlichen Perfektion“ steht geschrieben (S.47): „In einer Welt der beständigen und allumfassenden Veränderung fehlt die Möglichkeit der Übereinstimmung von Aussagen mit platonischen Ideen und damit auch des einen umfassenden Verständnisses des Guten.“ Das klingt so plausibel, daß es den Verdacht provoziert, daß an dieser Aussage etwas nicht stimmen wird. Wenn etwas, (A) sich verändert (aktiv) oder verändert wird (passiv) oder sich verändern läßt (medium), dann impliziert dies denknotwendig A als sich identisch Bleibendes, an dem sich diese 3 möglichen Veränderungsarten ereignen können. Eine Biographie kann nur geschrieben werden, indem ein Subjekt, das der Biographie als sich Gleichbleibendes präsumiert wird, dem dann alle erzählten Ereignisse als seine, ihn irgendwie betreffende zugeschrieben werden und dadurch wird erst das Erzählte zu einer Biographie dieses Subjektes. Ohne die Präsumption eines solchen Subjektes, des Iches der Biographie ließen sich gar keine Veränderungen am Ich vorstellen und beschreiben. Dies so präsumierte Ich wäre so ein besonderer Fall einer platonischen Idee, wie auch Kants Konstruktion des intelligiblen Iches eine Modifikation der platonischen Ideenlehre ist. Wenn es nun eine Vielzahl, vielleicht gar eine unbegrenzte Vielzahl von Vorstellungen über das Gute gäbe oder geben könnte, und dies den beständigen Wandel der Vorstellung vom Guten ermöglicht, wie kann denn dann von einer solchen Mannigfaltigkeit gesprochen werden, wenn allen Vorstellungen nichts gemein wäre, daß sie eben Meinungen vom guten Leben sind und darin auf etwas von allem Gemeinten Gemeinsames ausgerichtet sind. Was sollte man den von der Meinung halten, daß, weil jeder Mensch sich von jedem anderen unterschiede, es unmöglich sei, zu erfassen, was das Menschsein des Menschen ausmache. Aber hier verbleibt das Nachdenken über das Gute einfach bei der Feststellung des Phänomenes, daß es viele Meinungen über das Gute und das, was so ein gutes Leben ausmache, gäbe. So würde es deutlich, „dass jeder Versuch einer inhaltlichen Beschreibung dessen, worin das gute Leben für uns alle besteht, unplausibel sein muss.“ (S.51) Der Ton liegt dabei auf dem „für uns alle“, denn jeder könne wohl für sich beschreiben, was für ihn ein gutes Leben ausmache, aber eben nur für sich. Impliziete wird nun präsumiert, daß jeder gut leben möchte und da nun jeder seine reine Privatvorstellung von dem Erstrebten habe, und so geschlußfolgert, daß die Gesellschaft die beste sei, in der so jeder seine Privatvorstellung vom guten Leben führen könne. Die liberalistisch geordnete Gesellschaft sei so die notwendige Konsequenz der Nichterkennbarkeit des Guten und dessen, was ein gutes Leben ausmache. Demzufolge kann nicht mehr die Gesellschaft der Ort des guten Lebens sein sondern nur die Sphäre der Privatexistenz. In der Gesellschaft muß das Privatich ja so leben, wie man in der Gesellschaft zu leben hat, eben nach den gesellschaftlichen Normierungen. Aber Sorgner kapriziert sich eben auf den Privatmenschen. Nun gibt es Menschen, die für das eigene Wohlergehen (das soll nun eine Gestalt des guten Lebens sein) es nötig erachten, „andere Menschen zu misshandeln, zu quälen,zu beleidigen, zu erniedrigen, zu vergewaltigen oder gar zu töten“ (S.53). Damit muß die Freiheit jedes Einzelnen in der Freiheit des Anderen seine Grenze haben, damit nicht der Eine den Anderen so mißhandeln darf, weil das seine Vorstellung vom guten Leben sei.Aber hier bleibt dann ungefragt, warum denn jeder Einzelne die Rechte der Anderen, so zu leben, wie es ihm gut vorkommt, zu respektieren habe. Wenn der „Nihilismus als Errungenschaft“ in diesem Buch gefeiert wird (S.91-99) dann kann diese Anerkennung des Rechtes des Anderen nicht mehr theoretisch begründet werden. Ein Blick in die Werke Marquuise de Sade zeigte nämlich, daß der souveräne Mensch die Rechte seiner Mitmenschen nicht zu respektieren bräuchte, weil es solche gar nicht gibt, wenn er nur über genug Macht verfügt, alles machen zu können, was ihm gefalle,weil er keinerlei Sanktionen dafür mehr zu befürchten hat. Diese Erkenntnis des Nihilismus de Sades ausblendend, landet dies Buch in dem Konzept der liberalen Gesellschaft, in der jeder in seiner Privatssphäre leben könne, wie es ihm gefalle, sofern er dabei die Anderen auch so selbstbestimmt leben lasse. Aber damit steht der aufmerksame Leser wieder selbst vor einer Konstruktion einer allgemeinen Vorstellung vom guten Leben: Das gute Leben für alle ist das, wenn jeder in seiner Privatssphäre seine individuelle Vorstellung vom guten Leben realisiert und dabei die Anderen mit ihren eigenen Vorstellungen respektiert. Dies gute Leben wäre dann immer nur gefährdet von denen, die eine materiale Bestimmung des guten Lebens vertreten würden, also die, die man gern als die „Feinde der offenen Gesellschaft“ diffamiert. Gravierender ist aber, daß der Mensch hier zerteilt wird in den Bürger der Gesellschaft, der eben so zu leben habe, wie es die Gesellschaft ihm vorschreibt und den Privatmenschen, der nur privatissimo sein Privatglückleben führen kann, denn für das gesellschaftliche gemeinsame Leben kann es keine gemeinsame Idee vom guten Leben geben.Es können nur private Vorstellungen davon existieren, die auch nur privat gelebt werden können. Das heißt, daß es für das gesellschaftliche Leben, für das Volksleben keine Vorstellung für ein gutes gemeinsames Leben mehr geben kann. So korreliert dieser reinen Verindividualisierung des guten Lebens der Verzicht auf ein gemeinschaftlich gesellschaftliches gutes Leben. Nur wenn Ich mit Mir zusammen bin und dann das Wie frei gestalten kann, kann Ich gut leben.

Samstag, 30. Juli 2022

Auch Kardinal Müller kann mal irren: Über den Nihilismus, der schuld sein soll an Allem

"Nietzsche verkündete den Übermenschen. Was kam, war der Unmensch des 20. Jahrhunderts, der über die zertrümmerte christliche Moral und gewaltige Leichenberge zum selbstgemachten Paradies aufsteigen wollte. Wenn der Mensch nicht mehr das Geschöpf sein darf nach dem Bild und Gleichnis des dreieinigen Gottes, dann versinkt er im Malstrom des anthropologischen Nihilismus, der zwangsläufig aus der Leugnung der Existenz Gottes und seines unbedingten Heilswillens folgt.“

Auch wenn diese Äußerung von Kardinal Müller stammt (Tagespost, 29.7.2022, 21:00 Uhr) , erstaunt und irritiert dieser vulgäre Grobianismus. Irgendwie ist es en vogue, Nietzsche als den Wegbereiter des Nihilismus zu vermaledeien, aber seine Philosophie wollte den heraufkommenden Nihilismus überwinden, indem gerade der Übermensch durch seine Kreativität einen neuen Wertehimmel erschaffen sollte, nachdem die alten sich entwertet haben werden. Der hier zitierte Nihilismus hat nun aber mit den „Leichenbergen“ der Versuche der Errichtung eines Paradieses auf Erden überhaupt nichts gemein, denn die Haupttäter, von den Französischen Revolutionären über die bolschewistischen bis hin zu Stalin und Mao waren in keinster Weise Nihilisten sondern gläubige Kommunisten. Ihre Moral war eher eine jesuitische als daß sie Nihilisten waren: Der Zweck heiligt die Mittel, also dürften um der großen Ziele, das der Weltbeglückung Menschen geopfert werden. (In dem Theaterstück: „Die Maßnahme“ expliziert B. Brecht dies Moralverständnis auch zur Rechtfertigung des stalinistischen Terrors.)

Nein, hier sehen postmoderne Philosophen genauer mit ihrer These, daß der Besitz der Wahrheit erst solche Leichenberge ermöglichte: Im Namen solcher Wahrheiten wurden ja die Feinde der Wahrheit getötet. Wer nun gar das Wagnis auf sich nimmt, die Johannesoffenbarung ernst nehmend zu lesen, kann nicht umhin, daß gerade hier für die Feinde Gottes es nur eine Perspektive gibt, die des Todes und der ewigen Verdammnis.

Eine kleine Anmerkung noch zu Hitler: Dieser war weder ein Nihilist, (gegen Rauschning) noch ein ein Paradies auf Erden errichten Wollender. Oder könnte ein wirklicher Nihilist so sprechen: " Das Höchste aber, was mir Gott auf dieser Welt gegeben ist, ist mein Volk! In ihm ruht mein Glaube, ihm diene ich mit meinemWillen, und ihm gebe ich mein Leben." Adolf Hitler, zitiert nach: Wofür kämpfen wir?, 1944.  Die nationalsozialistische Diktatur ist so weder von Nietzsche, vom Nihilismus noch von der Vorstellung, ein Paradies auf Erden errichten zu wollen, erklärbar.

Aber in einem hat doch der Kardinal recht, daß all dies Unglück nur möglich gewesen war in Folge der Zertrümmerung der christlichen Moral. Das stimmte aber nur, wenn die den Jesuiten zugeschriebene Parole: „Der Zweck heiligt die Mittel“ nicht auch eine mögliche Moral in der Kirche sein könnte. Es spricht nun einiges dafür, daß faktisch die Kirche nicht immer diese Moral verworfen hat. So ließ König Salomon auf das Anraten König Davids alle eventuell Oppositionellen töten, um sein Königtum vor Bürgerkriegen Oppositoneller zu bewahren. (1.Könige 2)

Auch ist der Begriff des „unbedingten Heilswillens“ Gottes sehr zweifelhaft, lehrt Jesus Christus doch selbst (Mk 16,16): Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet, wer nicht glaubt, wird verdammt. Die Verheißung, in das ewige Leben eingehen zu werden,knüpft so Gott an Bedingungen: Wie muß ich gelebt haben, um in das Reich Gottes eingehen zu dürfen? So diskriminiert das göttliche Endgericht, daß die einen eingehen werden und die anderen nicht. Wie kann dann da von einem „unbedingtem Heilswillen“ Gottes die Rede sein?

Prinzipieller formuliert: Es gibt nicht nur die christliche Moral sondern auch andere, die so nicht nihilistisch sind. Der Islam ist überhaupt nicht nihilistisch, aber in seinem Namen werden jetzt so viel Christen wie noch nie in der Geschichte vor dem um ihres Glaubens willen getötet. Und in Nordkorea werden die Christen auch nicht von einem Nihilisten verfolgt, sondern von einem gläubigen Kommunisten. In China wird die sog Untergrundkirche verfolgt, weil sie die chinesische Regierung als antipatriotisch einschätzt, wohingegen die Patriotische Kirche toleriert wird.

Es ist einfach eine versimplifizierende Schwarz-Weiß-Malerei, alles Nichtchristliche als nihilistisch zu dysqualifizieren und dann für alle Übel der Welt verantwortlich zu machen.



 

Freitag, 26. Juni 2020

Katholische Frauen auf dem Irrweg



Maria Flachsbarth, Präsidentin des KDFB („Katholischer Deutscher Frauenbund) unterstützt die Kampagne: „SheDecides“. Das: „Sie entscheidet“ klingt nun recht harmlos,meint aber, daß die Mutter über Leben und Tod ihres noch nicht geborenen Kindes selbst (und allein) zu entscheiden hat. Es ist das Ermächtigungsgesetz zum Töten der Kinder im eigenen Mutterleibe. Diese Kampagne wird gesteuert von der internationalen Abtreibungsorganisation „Plannes Parenthood“.
Die CDU-Politikerin sieht darin kein Problem:Ihren Einsatz für eine Initiative der International Planned Parenthood Federation entschuldigte sie nicht, vielmehr erwiderte sie: »Ich habe mich als Mitglied des Deutschen Bundestages, als Parlamentarische Staatssekretärin und auch im Ehrenamt als Präsidentin des KDFB immer für den Schutz des Lebens, insbesondere in den besonders sensiblen Phasen ganz am Anfang und ganz am Ende eingesetzt. Eine Abtreibung ist nie ein Mittel der Familienplanung. Sie kann im Einzelfall ein letzter schrecklicher Ausweg sein.« (Freie Welt am 25.6.2020Die Abtreibungslobby freut sich Katholische CDU-Politikerin unterstützt . Initiative von »Planned Parenthood«
Hier wird mal wieder das Radio-Eriwan-Prinzip erfolgreich angewendet: Im Prinzip sei sie schon dagegen, aber im Einzelfall könne eine Kindestötung im Mutterleibe schon in Ordnung sein. Damit steht sie in dieser Organisation nicht alleine. So findet sich auf einer Internetseite des „Katholischen Deutschen Frauenbundes“, da spricht wirklich nicht ein kommunistischer Frauenbund diese Petition gegen Papst Franziskus:
Petition an den Papst: Abtreibung ist kein Verbrechen!
Sehr geehrter Papst Franziskus,
als Frau und als Vorsitzende des Berliner Diözesanverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes möchte ich Ihnen sagen:
Abtreibung ist kein Verbrechen!

Frauen, die an eine Abtreibung denken, sind keine Verbrecherinnen, sondern Leidtragende. Sie befinden sich in einer ausweglosen Lage und brauchen Hilfe. Das kann auch eine Abtreibung sein. Das ist traurig, aber nicht verdammenswert.
Mit diesem offenen Brief möchte ich alle Frauen in Not unterstützen!
Bitte zeichnen Sie diesen Appell an Papst Franziskus, wenn auch Sie denken, dass Abtreibung nicht mit einem Auftragsmord gleichzusetzen ist.
Ihre Prof. Barbara John,
Vorsitzende des Berliner Diözesanverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes



In erfreulicher Klarheit wird hier das Recht der Frau propagiert, ihr Kind im eigenen Mutterleibe töten lassen zu dürfen. Daß nun nicht das getötete Kind sondern die die Tötung des Kindes veranlaßt habende Mutter die Leidtragende ist, ist nun eine sophistische Meisterleistung der Verdrehung der Tatsachen. Ob diese Professorin, wäre sie eine Rechtsanwältin wohl für einen Raubmörder vor Gericht einen Freispruch einfordern würde, weil doch der Raubmörder der wahrhaft Leidtragende sei, als er erkennen mußte, daß er sich von seinen horrenden Schulden nicht anders befreien konnte als durch diesen Raubmord: Wie schwer fiel dem Täter diese Gewissensentscheidung, die müsse das Gericht doch akzeptieren! Der KDFB hat eben mit der Katholischen Kirche und dem christlichen Glauben wenig im Sinne. Das Zeitgeistsurfen ersetzt hier völlig das Hören auf die Kirche. 

Zusatz:
Wenn eine "katholische" Abtreibungsbefürworterin das Wort ergreift, kann sie sich auf das Laien ZK der Katholischen Kirche verlassen:
 "Der Vorsitzende des ZdK, Thomas Sternberg, äußerte gegenüber der „Catholic News Agency“, er sei sich in dieser Sache „völlig einig“ mit Flachsbarth. „Ich sehe keinen Gegensatz zwischen ihren [Flachsbarths] und meinen zitierten Äußerungen. Immer hat sich das ZdK vehement für den Lebensschutz eingesetzt." (Kath net am 26.6.2020) 
Also: Im Prinzip bin ich gegen das Töten von Kindern im Mutterleibe, aber wenn die Mutter es töten will, dann ist das als Einzelfall zu respektieren. Merke: Jeder Dieb bejaht das Eigentum, nur im Einzelfall, wenn er stehlen will, nicht, aber er ist strikt dagegen, wenn ihm irgendwer sein Eigentum stiehlt. 




Corollarium 1
Selbstverständlich schließt das Selbstbestimmungsrecht nicht ein, daß über Leben und Tod eines anderen Menschen entschieden werden darf. Wenn es ein Recht zum Töten geben kann, dann nur als Recht im Kriege oder als Todesstrafe, als also im Gewaltmonopol des Staates fundierte Rechte. 

Zusatz:



Corrolarium 2 
Die Mahnung von der Tyrannei der Demokratie, der Mehrheit über die Minderheit erweist  sich hier als mehr als berechtigt: Die Mehrheit schafft durch die Abtreibungsgesetze das Menschenrecht auf Leben für die Kinder im Mutterleibe ab, indem sie das Leben des Kindes im Mutterleibe  der Willkür der Mutter unterwirft . Der Feminismus ist eben in erster Linie eine dekadente Lebensverneinungsideologie.




Samstag, 14. März 2020

Leben wir in einer Epoche des Nihilismus?

„Die Welt, in der Gott tot ist“, so betitelt Julius Evola das 2.Kapitel seines großen Essays: „Den Tiger reiten“.Den Ausgangspunkt bildet Nietzsches: „Gott ist tot“ und Dostojeweskijs Ausspruch: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.“ Damit sei der Nihilismus gekennzeichnet, der nicht nur den Moraldiskurs im engeren Sinne sondern auch die Weltanschauung bestimme. „Der Tod Gottes trug bei zum Verlust jeglichen Lebenssinn,jeder höheren Rechtfertigung der Existenz.“ Evola, Den Tiger reiten, 1997, S,51)
Leben wir jetzt wirklich in einer Epoche des Nihilismus, einer, in der alles erlaubt ist?Nüchtern betrachtet: Vieles, was einst als unmoralisch gab, etwa im Bereich der Sexualität, gilt heute als erlaubt, aber deswegen ist doch noch nicht alles erlaubt. Vor vielen Jahren konnte noch unbekümmert eine Mutter ihrem Kinde einen Negerkuß zum Essen geben, heute ist das fast eine unverzeihbare Sünde. Nicht mehr die christliche Religion mit ihrem Verweis auf Gott lehrt, was gut und böse, was wahr und unwahr, was schön und unschön ist, sondern auch diese Funktion übernimmt inzwischen diese politische Weltanschauung. Sie verfügt als Letztbegründungs-instanz nicht auf einen Gott, ja, es finden sich in ihr kaum Begründungen, stattdessen dominiert das einfache „Man“: Das darf man nicht denken, sagen und tuen. Und diese neue Moral hat sich weitestgehend durchgesetzt, sosehr, daß die Katholische Kirche und der Protestantismus sie vollständig in sich aufgenommen haben und nun als ihre Botschaft verstehen.
Kann so der Begriff des Nihilismus nur den Punkt bezeichnen, in dem die christliche Religion ihre Stellung als die öffentliche Religion verlustig wurde und noch kein funktionaler Ersatz etabliert worden war? Haben wir so den Nihilismus schon hinter uns, bevor er richtig zur Herrschaft kommen konnte? Daß dieser Begriff einfach nur den Riß markiert zwischen dem Ausruf: „Der König ist tot“ und „Es lebe der neue König“?
Anders stellte es sich dar, würde gefragt, ob denn wirklich eine Weltanschauung ohne einen Absolutes, von dem her alles andere seine Legitimierung erfährt, lebensfähig ist. Es drängt sich so der Gedanke auf, daß wie für die christliche Religion das historische Ereignis des Kreuzes Jesu Christi den Emergenzpunkt für die christliche Religion bildet, der Holocaust als historisches Ereignis den Emergenzpunkt für die Weltanschauung der Politischen Korrektheit bildet. In ihr ist dann die sogenannte Holocaustreligion integriert als ihr eigentliches Fundament, also das Ereignis des absolut Bösen. (Vgl dazu Sieferle, Finis Germaniae). Die „religiöse“ Praxis dieser neuen öffentlichen Religion ist dann der Kampf gegen Rechts.
Wenn nun eine evangelische Pfarrerin im „Wort zum Sonntag“ den Kampf gegen Rechts predigt, daß die Parlamente gestürmt werden müssen, in die AfD Politiker hineingewählt worden sind, dann demonstriert das eben nur, wie sehr das organisierte Christentum sich der neuen öffentlichen Religion subordiniert, ja, die schon für die christliche Religion, zumindest ihrer Kernaussagen hält. Der Nihilismus ist so, bevor seine Zersestzungskraft wirksam werden konnte, überwunden worden. Das stellt nun aber keine Rückkehr zur christlichen Religion dar, mitnichten, sondern das heißt nun, daß sich gerade die christliche Religion der neuen Herrschaft dieser Ideologie unterwirft.

Samstag, 22. Juni 2019

Liberalismus, Volk und Religion

Die Kernthesen des Liberalismus nach Alexander Dugin, Die vierte politische Theorie, 2013, S.152.

" das Bild des Individuums als Maß aller Dinge;

   der Glaube an den sakralen Charakter des Eigentumes;

   die Behauptung, Chancengleichheit sei ein gesamtgesellschaftliches Moralgebot

   der Glaube an die >vertragliche< Begründung aller soziopolitschen Institutionen, einschließlich
   der staatlichen

   die Abschaffung aller staatlichen, religiösen oder sozialen Autoritäten, die einen Anspruch auf   
   die >allgemeine Wahrheit< erheben;

  die Gewaltenteilung und die Einrichtung von sozialen Kontrollmechanismen über jegliche staat-
  liche Institution;

  die Erschaffung einer rassen-,volks- und religionslosen Zivilgesellschaft zum Ersatz traditio-
  neller Staaten;

  die Herrschaft von Marktverhältnissen über andere Formen der Politik (die These,  >Wirtschaft
  ist Schicksal<);

  die Gewißheit, daß der geschichtliche Weg der westlichen Völker und Länder ein universales
  Vorbild für Entwicklung und Fortschritt in der ganzen Welt und als Maß und Muster hochzu-
   halten ist."
  
Brillant erfaßt hier Dugin die Zentralbausteine der liberalen Ideologie. Dabei dürfen diese Punkte nun nicht als isolierte Einzelthesen verstanden werden, aus denen sich dann das Gesamtgebäude dieser Ideologie erbaut, sondern diese Punkte bilden ein organisch Ganzes. Aber Dugin beläßt es nicht bei dieser Darstellung. Er vertieft sie durch die Bestimmung des Freiheitsverständnissses des Liberalismus. Der Liberalismus kenne nur die "Freiheit wovon", daß das Individuum von allen sozialen Bindungen emanzipiert, sich für völlig Beliebiges entscheiden kann: "<Zur Freiheit wofür<, also zur Bedeutung und zum Ziel der Freiheit schweigen die Liberalen,damit rechnend, daß jedes Individuum von selbst eine Anwendung für seine Freiheit ffinden oder die Suche nach einer Möglichkeit, sie zu gebrauchen, überhaupt vergessen kann." (S.153) 
  
Das kann auch einfacher gesagt werden: Der freie Markt weist jeden über Kaufkraft Verfügenden die Rolle des freien Subjektes zu, daß er auf dem Markt erwerben kann, was er will. Was er nun erwirbt, ist ganz in seine Freiheit gelegt (auch wenn faktisch die Wirtschaft durch ihre Warenagebote und das Wie ihrer Präsentation die Konsumwünsche der Käufer zu lenken versucht). Aber das Individuum fungiert nun selbst auf dem Markt als Ware, nämlich auf dem freien Arbeitsmarkt. Hier wird ihm dann auch die Rolle des freien Subjktes zugesprochen, sich als beliebige Arbeitskraft anzubieten, hoffend, einen Arbeitskraftkäufer für sich zu finden. Die "Freiheit wovon" ist so nur die Freiheit, unbehindert einen freien Zugang zum freien Markt haben zu dürfen. Da dieser aber durch den Nationalstaat reglementiert wird: Wer darf in dem Staatsgebiet sich als Arbeitskraft anbieten und wer darf in ihm Waren anbieten?, ist der Nationalstaat per se der Feind des Liberalismus.Er will den globalisierten freien Markt ohne jegliche Regulierung durch den Staat. 
Wenn Dugin S.185  schreibt: "Was der Mensch ist, wird nicht von ihm als Individuum, sondern von der Politik abgeleitet. Es ist die Politik, der Träger der Gewalt und der legitimen Macht, die den Menschen definiert.", so muß wohl kritisiert werden, daß das nur für soziale Gemeinwesen gilt, die vom Primat der Politik bestimmt sind. Die westliche Kultur ist aber bestimmt durch den Primat der Ökonomie. Und wie er als freies Subjekt der Ökonomie bestimmt ist, so soll er auch im Raume der Politik sich verstehen, der dann eben zwischen verschiedenen regieren wollenden Parteien die Freiheit der Wahl hat. 
In dieser so strukturierten Gesellschaft kann eine Religion nur den Charakter eines beliebigen Konsumgutes annehmen, den der freie Konsument sich aneignen  oder unbeachtet im Warenhaus liegen lassen kann. So ist diese liberale Gesellschaft notwendigerweise eine religionslose. Da es in ihr auch nur noch freie Konsumenten gibt,kann es auch kein Volk mehr geben: Es gibt nur noch atomisierte Individuen ohne eine kollektive Wir-Identität. 
Nun versucht Dugin den Wandel des Liberalismus zu erfassen: Was wird aus ihm, nachdem er zur einzigen Ideologie geworden ist, weil er alle konkurrierenden besiegt hat, also nach der Implosion des real existierenden Sozialismus als letzten ideologischen Feind? 
Hier enttäuscht dann aber Dugin, denn er wiederholt nur auf S.163 das vordem schon Ausgesagte, nur mit kleinen Akzentverschiebungen: daß die Stellung des Indviduumes in der Postmoderne untergraben wird durch viellfältige Theorien des Todes des Menschen (des sich im Sinne Descartes bzw. des intelligiblen Iches Kant verstehender Menschen),sonst aber stellt er nur die liberalen Grundsätze als sich verstärkend dar. Dugin bedenkt hier eben nicht die Bedeutung der Politischen Korrektheisideologie mit der darin integrierten Holocaustreligion als der religiösen Substanz der Postmoderne, die eben gerade der aufklärerischen Vision einer völlig säkularisierten Gesellschaft entgegentritt mit der These, daß Gesellschaften ohne eine öffentliche Religion nicht funktionieren.Nicht tritt also mit dem Tode des christlichen Gottes eine Epoche des Nihilismus ein.(Nietzsche) sondern eíne mit einer neuen öffentlichen Religion. 
Dazu muß sich aber auch der Liberalismus selbst verändern: der der Postmoderne ist nicht mehr einfach der der Moderne! Er entliberalisiert sich auch in seiner Affirmierung der neuen öffentlichen Religion angesichts der Erkenntnis, daß der freie Markt aus sich heraus zu wenig kraftvolle Bindungen hervorbringen kann!                          

Mittwoch, 20. März 2019

Die unerträgliche Leichtigkeit des Lebens Zum Nihilismus

"Die ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht:alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen! Was besagt dieser widersinnige Mythos?
Der Mythos von der ewigen Wiederkehr sagt uns in der Negation, daß das ein für allemal entschwindende und niemals wiederkehrende Leben einem Schatten gleicht, daß es ohne Gewicht ist und tot von vornherein; wie grauenvoll, schön oder herrlich es auch immer gewesen sein mag-dieses Grauen, diese Schönheit, diese Herrlichkeit bedeuten nichts."
So eröffnet Milan Kundera seinen Roman: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.Was besagt denn dann Nietzsches Mythos von der ewigen Wiederkehr positiv? Es stellt einen Versuch Nietzsches dar, den heraufkommenden Nihilismus zu überwinden, indem nun dem Leben wieder Gewicht verliehen werden soll: Lebe so, daß Du, so wie Du jetzt lebst, immer wieder leben möchtest. Jede Entscheidung, so oder so zu leben, erhält so eine ewige Bedeutung, weil das Gewählte immer wieder, ewig dann zu leben ist. Die Kraft dieses Mythos ist aber nur zu verstehen vor dem nihilistischen Hintergrund der Vorstellung eines gleichgültigen bedeutungslosen Lebens, wie es hier Kundera skizziert. Genau das hatte Nietzsche vor Augen, als er mit diesem Mythos die unerträgliche Leichtigkeit des Lebens überwinden wollte.
In der christlichen Religion bekommt das endliche Leben so viel Gewicht, weil das endliche, wie es gelebt wird, darüber entscheidet, wie das ewige für den Menschen ausfallen wird, ob er ewig leben  oder ewig die Hölle erleiden wird. So gewichtet die Perspektive des ewigen Lebens, weil es auch die Alternative der ewigen Hölle gibt, das endliche Leben. 
Was passiert aber, wenn die Perspektive der Hölle entfällt? Dann wird das endliche Leben vergleichgültigt, weil nun im Sinne des wirksamsten Kirchenlehrers des  20. Jahrhundertes, Willy Millowitsch wir alle zwar kleine Sünderlein doch alle in den Himmel kommen werden. Es ist so gleichgültig, wie das endliche Leben geführt wird, da wir immer in den Himmel kommen werden.Gewicht kann das endliche Leben nur bekommen, wenn von den Entscheidungen im endlichen Leben das Wie des nichtendlichen Lebens nach dem Tode abhängig ist. Das hat Nietzsche erfaßt, aber der christlichen Religion schon zu sehr entfremdet, als daß er zu ihr angesichts des aufkommenden Nihilismus zurückkehren konnte, konzipierte er den Mythos von der ewigen Wiederkehr, daß eben der Wert des endlichen Lebens nur durch eine Vorstellung von Ewigkeit gerettet  werden kann- in bewußter Auseinandersetzung mit Schopenhauers Verneinungslehre des Wertes des Lebens.

Kann das Leben aber auch zu schwer werden? In dem Roman:"Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" heißt es am Schluß: "Teresa, Berufung ist Blödsinn.Ich habe keine Berufung.Niemand hat eine Berufung.Und es ist eine ungeheure Erleichterung festzustellen,daß man frei ist und keine Berufung hat." Wer keine Berufung hat, der hat für sich selbst etwas zu erwählen,aber er wählt dann nur noch für sich einen "Job" (darum haben wir auch heutzutage nur noch "Jobcenter"),denn den Beruf erwählt niemand für sich- dazu fühlt der Berufene sich berufen. Das setzt ein Berufenwordensein voraus, ist also eine heteronome Bestimmung. Die gibt der Berufung ihr Gewicht: Dazu bin ich berufen worden; an dieser Berufung, Bestimmung kann ich scheitern, aber es ist auch mein Lebensglück, sie zu erfüllen. Vor dieser Schwere des Lebens, dieser Gewichtigkeit möchte am Schluß der Protagonist des Romanes fliehen: Ist ihm die Leichtigkeit des Seins doch lieber als die Schwere eines Lebens, in dem es ein Berufensein gibt und so gelingendes und auch mißlingendes Leben?                

Donnerstag, 16. August 2018

Lesefrüchte: Ohne Teufel kommt die Welt nicht aus!

"Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, ist der säkulariserte Teufel einer aufgeklärten Gegenwart.Diese mündig und autnom gewordene Welt benötigt ihn als die Negativfolge, vor der sie sich rechtfertigen kann." 
"Aus der Kollktivschuld der Deutschen, die auf Auschwitz zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur permanenten Buße, doch fehlt in dieser säkularsierten Form der Erbsünde das Element der Gnade und Liebe vollständig. Der Deutsche ähnelt daher nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht revidiert, aber kompensiert wird, sondern dem Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben wird und der für alle Zeiten in der Finsternis verharren wird." Rolf Peter Sieferle, Finis Germania, 2017,S.66 
In der diesem Text eigenen Ironie und Klarheit erfaßt dieser Text die Lage des Deutschen in der Gegenwart.Oberflächliche meinen, daß die Aufklärung das Ende jedes Teufelsglaubens sei,  daß man aufgeklärt nicht mehr das absolut Böse bräuchte, von dem her die Übel der Welt erklärt werden. Schon gar nicht bedürfe die Gegenwart einer Rechtfertigung.Aber all diese Vorstellung treten in der Nachtseite der Aufklärung, im Bilde des absoluten Feindes der Aufklärung wieder: im Nazi bzw. im Deutschen, der als solcher immer schon ein kleiner Hitler ist. 
Die christliche Religion ist nicht mehr die öffentliche Religion Europas, sie war es von Kaiser Konstantin bis zum Ende der drei letzten christlichen Kaiser Europas, Rußlands, Österreichs und Deutschlands nach dem 1.Weltkrieg. Das Ende dieser öffentlichen Religion hinterließ Leerstellen, die des Bösen, die nach dem Träger des Bösen. Es gibt gute Gründe dafür, zu sagen, daß die Politische Korrektheit die Funktion der öffentlichen Religion Europas übernommen hat. Was dabei aber nicht immer gsehen wird, ist, daß hierin dem Deutschen, bzw. dem Nazi die Funktion des Teufels zugeschrieben wird. Auschwitz steht dann nicht nur für das absolut Böse sondern auch dafür, daß hier der Deutsche seinen wahren Charakter erst offenbart hat, daß er für das Böse schlechthin steht. 
Der Deutsche ist nicht therapierbar, nicht resozilisierbar, er kann nur genichtet werden. Das meint nun nicht einfach den biologischen Tod, sondern daß der Deutsche zu entdeutschen ist. Denn solange er deutsch ist, ist er der Böse. "Die Erde aber wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden, d.h. zu abstrakten >Menschen< geworden sind." (S.69)
Finis Germania ist dann auch die Parole aller politisch Korrekten, daß hier nur noch Menschen leben sollen ohne ihre deutsche Identität: der kulturlose Mensch, der so in eine multikulturelle  Gesellschaft leicht einpaßbar ist, weil er selbst nichts mehr ist. 
Welche Funktion erfüllt dabei die Vorstellung des absolut Bösen? Sah Nietzsche als notwendige Folge der Auflösung der Vorherrschaft der christlichen Religion den Nihilismus voraus, so wußte er auch, daß dieser um des Lebens willen wieder überwunden werden müsse durch einen neuen Wertehimmel. Da Gott nun tot war, kein neuer geboren werden kann, erfüllt die Idee des absolut Bösen nun die Funktion Gottes nach seinem Tode. Durch die Idee des absolut Bösen kann nun alles andere durch seine Relationierung auf dies absolut Böse als böse, aber weniger böse und als gut als Antithese zu diesem Bösen bestimmt werden. Gibt es erst ein absolut Böses, kann so ein neuer Wertehimmel aufgebaut werden, indem nicht alles relativ ist, sondern alles klar bestimmbar ist ob seiner Relationierbarkeit auf das absolute Böse hin. "Das ist böse, weil es ähnlich dem Holocaust ist,das ist gut, weil es oppositonell zum Holocaust steht", wird so zum Grundaxiom der Überwindung des postchristlichen Nihilismus. Und wir Deutschen haben dabei die Rolle des Teufels zu spielen. Nur wenigen ist es da gegeben, aus der massa perditionis sich herauszulösen, um als Anti-Deutscher sich zu erlösen von dieser Erbkollektivschuld: die antifaschistischen Gutmenschen!  

Anbei. Das Buch Finis Germania von Rolf Peter Sieferle sei hier ausfrücklich zur Lektüre empfohlen, denn man muß sehr lange suchen, um so viel Geistvolles in so wenig Text woanders zu finden.  
       

Mittwoch, 4. Juli 2018

Der Verlust aller Werte? Oder der Sieg des Verkaufserfolges

Der Protagonist des Romanes: "Gegen den Strich" von Joris-Karl Huysmann faßt seine Erfahrung mit Schriftstellern desillusioniert so zusammen. Er war entsetzt, "ihre kleinlichen und rachsüchtigen Urteile zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen Streitigkeiten zu hören, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufes bemessen wurde." (Einleitung, Anacondaverlag, 2015, S.14).  Der Protagonist erleidet hier nach dem Abschluß seiner Ausbildung in einem Jesuiteninternat das, was bei Buddha seine Ausfahrten aus dem Hofe in das wirkliche Leben evozierten: Angesichts der Desillusionierung entscheidet sich der Protagonist zur Abkehr von der Welt. Nach Kontakten zu Adelskreisen, zu denen er selbst gehört, zu ehemaligen Schülern des Internates suchte er einen Kontakt zu Literaten, hoffend hier auf Geistesverwandte zu treffen- aber gerade hier erlitt er diese maßlose Enttäuschung. Spontan fühlt man sich an Balzacs: "Verlorene Illusionen" erinnert.
Aber was erwartete den der "Held", als er den Weg zu Literaten suchte, sodaß er enttäuschbar war?Wer nichts erwartet an Positivem, der kann ja auch nicht enttäuscht werden. Unterteilt man die Vernunft in Anlehnung an Kant in drei, die theoretische, die praktische und die ästhetische Vernunft, so wäre die Literatur einer der Orte des Diskurses über das Schöne und das Häßliche, wie die theoretische Vernunft sich konstituiert durch das Oppositionspaar: wahr und unwahr, und die praktische Vernunft durch das Oppositionspaar: Gut und Böse. Und auf was stößt nun der Protagonist? Wo er ästhetische Dialoge erhofft hat, da stößt er auf Kleinkrämerisches, auf die enttäuschende Wahrheit, daß die Qualität eines künstlerischen Werkes der Gewinn ist, der mit ihm erzielt wurde. Alles Ästhetische löscht sich auf angesichts dieser Krämergeistwahrheit. Das Desillusionierende ist nun, daß die Künstler selbst, die Literaten selbst, diese Art der Wertschätzung künstlerische Werke so verinnerlicht haben, daß sie selbst auch keine ästhetischen Qualitätsmerkmale mehr kennen.Nicht ist es hier so, daß Künstler eigentlich ästhetisch Wertvolles hervorbringen möchten, sich dann aber gezwungen sehen, gemäß den Gesetzen des Marktes zu produzieren. Sie verfügen selbst nicht mehr über ästhetische Werturteile- sie orientieren sich allein am (möglichen) Verkaufserfolg ihrer Produkte. 
Das kann einerseits als Außerkraftsetzung aller Ästhetik in einem nihilistischen Sinne begriffen werden, aber andererseits auch als die Folge der Unterwerfung der Kunstproduktion unter die Gesetze des freien Marktes. Kunstwerke, die nur noch Waren sind, emanzipieren sich von der Ästhetik, weil sie nur noch zum Geldverdienst produziert und angekauft werden (als Wertanlage). 
Aber so betrachtet wird ein anderes Phänomen dabei übersehen: Daß der Diskurs über das Schöne und Häßliche selbst an seinem ihm notwendig innewohnenden Anspruch gescheitert ist, zu begreifen, was das Schöne denn in der Kunst wäre. Der subjektivistische Geschmack zersetzte jede Objektivität des Schönen. Was für den moraltheologischen Diskurs das Gewissen als Letztentscheidungsinstanz ist, daß ist für den ästhetischen Diskurs der Rekurs auf den individuellen Geschmack. Diese Subjektivierung, wie ein schwarzes Loch, löscht alles Objektive aus, zermalmt es in sich.
So bitter es auch ist: Daß Goethe und Schiller zur Hochkultur und Karl May und Hedwig Courths Mahler zur bloßen Unterhaltungsliteratur zählen, ist nur noch eine Konvention, der zugestimmt wird, weil man so zu denen gehört, die so guten Geschmack beweisen. Die Literaturwissenschaft kann selbst dies Werturteil nicht selbst mehr begründen, es akzeptiert dies Urteil einfach als Vorurteil des Alltagswissens. Und wie bleibt dies Werturteil lebendig? Wer unter Literaten sitzend erklärte, Courths Mahler als eine brillante Erzählerin zu schätzen, der katapultierte sich damit heraus aus dem Kreise der ernst zu nehmenden Literaturkritiker. Darum zählt sie eben nur zur seichten Unterhaltungsliteratur. 
Kann es einen desillusionierenden Ausgang der Ästhetik geben als diesen, daß nur noch der Verkaufserfolg den Wert ästhetischer Werke ausmacht?  
Kann man ernsthaft glauben  bzw. hoffen, daß das sich nur auf die ästhetische Produktion beschränkt, daß nicht auch die wissenschaftliche Theologie und somit auch die Kirche so ihre Produkte produziert: Wahr ist, was verkaufbar ist, was beim Konsumenten ankommt? 

Zusatz:
Ist der Nihilismus so nur der philosophische Begriff dafür, daß alles zur Ware geworden ist, und daß das gerade auch für den Diskurs über das Wahre, Gute und Schöne gilt, daß diese einstigen Werte entwertet sind durch den alleinigen des Verkaufserfolges?        

Donnerstag, 7. Juni 2018

Der Mensch ohne große Ziele, zur Postmoderne

"Das radikale Vorantreiben der Säkularisierung, die Hinwendung zu unserem profanen Leben, verwandelt dieses Leben sebst in einen >abstrakten<anämischen Prozß." S. Zizek, Das >aufregende Abenteuer der Orthodoxie<, in: ders: Die Puppe und der Zwerg, 2003, S.43. Erläuternd wird hinzugefügt, daß der heutige "Letzte Mensch", der postmoderne sämtliche höheren Ziele als "terroristisch" verurteilt und sein Dasein nur noch mit mehr oder weniger raffinierten Lüsten dekoriere. Das  carpe diem hat so alle großen Ziele ersetzt.
Bevor nun gefragt wird, was aus dem Menschen wird, wenn er ohne höhere Ziele lebt, fragen wir zuerst: Ist hier die Säkularisation wirklich begriffen worden? Meine These dazu: Das, was der religiöse Mensch von Gott erhoffte und erwartete, nämlich die christliche Hoffnung auf das Reich Gottes und auf das ewige Leben, das wurde durch die Säkularisation zur Aufgabe des Menschen. Es entstand der Glaube an die Bildung als Selbstbefreiung des Menschen hin zur Humanität und es entstand der Glaube an die Politik,daß durch Revolutionen die wahre Humanisierung der Welt möglich ist. Die religiösen Hoffnungsgehalte wurden aus der Religion emanzipiert und zur Aufgabe des Menschen umgestaltet.
Der Terror wurde dabei als notwendiges Mittel zur Schaffung dieser neuen Welt legitimiert- von der Französischen Revolution bis zur bolschewistischen. (Der Nationalsozialismus enthält dagegen keine universalistische Erlösungshoffnung und so legitimierte er seinen Terror auch nicht mit dem Endziel einer säkularisierten Utopie.)
Der Letzte Mensch entsteht so erst, wenn alle Hoffnungspotentiale der Religion in ihrer säkularisierten Umformungsgestalt verbraucht sind, sich als Illusionen erwiesen haben. Jetzt erst tritt der postmoderne desillusionierte Mensch auf der Bühne auf, für den es keine gr0ßen Ziele mehr gibt. Der Mensch wird klein ohne große Ziele. Brot und Spiele,solche Vergnügungen sollen uns darüber hinwegtäuschen, daß der postmoderne Mensch ohne Ziel lebt. 
Aber das hat auch wieder Rückwirkungen auf die christliche Religion: Auch sie hat längst ihre großen Erlösungsziele im Archiv eingemottet: Das Reich Gottes und das ewige Leben sind in der Verkündigung der Kirche und isb. im Religionsunterricht nur noch Marginalien.Man kann sagen, daß das 2.Vaticanische Konzil mit seinem Dokument: "Gaudium et spes" versucht hat, die säkularistische Umformung des Reich Gottes Zieles positiv zu rezipieren, der bekannteste Versuch war ja das Konzept der Befreiungstheologie, aber mit dem endgültigen Scheitern des real existierenden Sozialismus 1989 endete diese Rezeption.
Die großen Geschichtsphilosophien werden ersetzt durch Konzepte der "Begegnungsideologie". War der Gott des Alten Bundes noch der, der einem Abraham verhieß, daß aus ihm ein großes Volk werden wird, daß eine große Zukunft vor sich hat, verkündete Jesus Christus noch das Ende der Welt und der Zeit, weil nun das Reich Gottes anfänge, so reduziert die Begegnunsideologie die Geschichte auf punktuelle Ereignisse, in denen einem Menschen Gott begegnet, und daß er in dieser Begegnung Gottes Ja zu ihm erfährt.  Dieser Punktualität korrespondiert das carpe diem in ihrer geschichtslosen Punktualität. Nicht mehr auf eine Zukunft ausgerichtet existiert der Mensch, sondern nur noch in der Intensivität des persönlichen Erlebens im erfüllten Augenblick.Gott eröffnet dem Menschen keine Geschichte mehr, kein Endziel, sondern nur noch seine Bejahung des Menschen in einer Ich--Du-Beziehung. 
Lyotard bezeichnet in seinem Essay: "Das postmoderne Wissen" ja den Glaubwürdgkeitsverlust aller großen Erlösungserzählungen für das Spezifische der Postmoderne. Wo alle großen Erlösungserzählungen entwertet sind, ob es das Hoffen auf das Reich Gottes ist oder auf die humanisierte Welt, da beginnt die Herrschaft des postmodernen letzten Menschen.   

Der letzte Mensch, wie ihn Nietzsche in seiner Vorrede zum "Zarathustra" erfaßt:

Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.
»Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln –
 

Dienstag, 1. Mai 2018

Kuturmarxismus- eine Kritik

"Der sogenannte Kulturmarxismus (»Cultural Marxism«) hinterfragt permanent die Gesellschaft, ihre Werte, die Familie, die Traditionen, die Kultur und fordert zur ununterbrochenen Kulturrevolution auf. Alles kommt auf den Prüfstand, was man als Unterdrückung interpretieren könnte: das angebliche westliche Patriachat, die Gender-Rollen, die nationalen Identitäten und die heimatliche Verbundenheit. Am Ende bleibt die Auflösung aller Werte." Freie Welt 30.4.2018
Kurze Anmerkungen
1. Der Begriff des Kulturmarxismus ist sehr treffend, indem er den ideologischen Wandel der Linken erfaßt: a) der Kapitalismus soll nicht mehr überwunden sondern sozialstaatlich humanisiert werden, b) die bürgerliche Kultur soll aber überwunden werden inclusive ihrer christlichen Fundierung.
2. Die Zersetzung der alten Werte der bürgerlichen Kultur ist kein Selbstzweck, sondern der Nihilismus limitiert sich auf die Nichtung der alten Werte, um einen neuen Wertehimmel zu schaffen. (Vgl dazu: Nietzsche als Prophet und Überwinder des Nihilismus)
3. Der neue Wertehimmel ist der der Politischen Korrektheit, des Gutmenschtumes. Diese "neuen" Werte sind nicht schon deshalb gut, weil sie neu sind, wie die alten nicht schlecht sind, weil sie alt= bewährt sind. Aber diese neuen Werte bekämpfen die alten, zerstören sie.
4. Keine Gesellschaft kommt ohne eine Kultur aus- nur welche, darum wird jetzt in Deutschland gekämpft. Seit 1989, seit der Wiedervereinigung ist der Antinationalismus der Kern der linken Ideologie. Die Auflösung der Ordnungen der Familie, des Volkes, der Rasse ist dabei die negative Seite der "positiven", der Schaffung einer Einheitswelt mit uniformen Einheitsmenschen.
5. So korrespondiert das linke "Ideal" mit dem der Globalisierungsbefürworten: Die neue Weltordnung.Die ist  aber keine ohne Werte. Wir kennen diese neuen Werte ja zur Genüge: Toleranz plus keine Toleranz gegen die alten Werte, offen sein für Alles, nur nicht für Conservatives, Ja zu allen Religionen, nur nicht zum Christentum....Mit den neuen Werten wird gegen die
bürgerliche Ordnung gekämpft, um die neue Welterteordnung zu etablieren.

6. Alles, was man als Unterdrückung deuten könnte, würde einer Kritik unterzogen. Nein- nur die alten Werte und Ordnungen werden als unterdrückerisch verurteilt, aber in der Autorität der neuen Werte wird alles Bisherige unterdrückt. 
Zur Veranschaulichung: Ist es vorstellbar, daß an irgendeiner Deutschen Universität ein wissenschaftlicher Vortrag zum Thema: "Die Berufung der Frau zur Mutterschaft" noch stattfinden könnte oder einer über" Homosexualität als Fehlentwickelung" oder: "Alleinschuld Deutschlands am 1. und 2. Weltkrieg- historische Zweifel"?. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, daß diese 3 Vorträge, ja kein politisch nicht korrekter noch an einer Universität stattfinden könnte, auch keiner über: "Wie Muslimen den christlichen Glauben vermitteln?" Wenn die Vorträge nicht gleich von der Universitätsleitung untersagt würden unter lautem Beifall linker Professoren, stürmtem die "Antifaschisten" diese Veranstaltungen, um sie zu verunmöglichen. Die Politische Korrektheitsideologie wird eben auch mit Brachialgewalt gegen Andersdenkende durchgesetzt oder gewaltfrei durch die jetzt verabschiedeten Zensurgesetze für die sozialen Medien. 
Wie kann da vom Verlust aller Werte gesprochen werden, werden doch die neuen so radical und intolerant jeder Kritik gegenüber durchgesetzt.    
Als Ergänzung:
BERLIN. Der Berliner CDU-Abgeordnete Kurt Wansner hat die Absage einer Demonstration gegen Linksextremismus am 1. Mai verteidigt. „Ich konnte als Kreisvorsitzender nicht die Verantwortung für unsere Mitglieder übernehmen“, sagte Wansner der JUNGEN FREIHEIT. (1. Mai 2018) So sehr beherrschen politisch korrekte Antifaschisten das Land: Die CDU mußte ihre Kundgebung zum 1. Mai absagen aus Angst vor diesen militanten Gutmenschen.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Der Papst gewinnt neue Freunde

"Die "Italienischen Radikalen" (Radicali Italiani) bedankten sich für die Unterstützung des Papstes. Die Vorgängerpartei propagierte in den 1970er Jahren gegen den Widerstand der Kirche Volksabstimmungen über Abtreibung und Ehescheidung."Kath de 22.6.2017 
Wie hat das nur der Papst geschafft? Papst Franziskus fordert, daß in Italien illegale Einwanderung  nicht mehr als Straftat anzusehen sei!  Zur Souveränität jedes Staates gehört es, daß er entscheidet, wer in seinem Staatsgebiet leben darf und wer nicht und daß er Regeln setzt, wie Fremde in sein Staatsgebiet einwandern dürfen und wie nicht. Dies Recht abzuschaffen, heißt den Staat faktisch abzuschaffen, indem er seiner Rechte beraubt wird.
Das findet seine Parallele in Papst Franziskus Agitation gegen die Todesstrafe, auch hier verkennt der Papst das dem Staate von Gott gegebene Recht zum Verhängen dieser Strafe.
Eines fällt zudem auf: Daß wohl ein Zusammenhang existiert zwischen der Forderung nach dem Recht der Mütter, ihre Kinder im Mutterleib  töten zu dürfen, und der Forderung, illegale Einwanderungen nicht mehr als Straftat zu beurteilen und dem Willen, Ehescheidungen zu erlauben, bzw. zu erleichtern. 
Es ist ein Angriff auf die elementarsten Lebensordnungen, unmittelbar auf das Leben durch das "Recht" zur Kindestötung, dem nun neu hinzugefügt wird, daß faktisch Kinder das Recht bekommen, ihre Eltern töten zu lassen (bei unheilbaren Schwersterkrankungen) und daß die Ordnung der Ehe als der Ort des Entstehens und Aufwachsens der Nachkommen, auflösbar werden soll zum Schaden der Kinder und daß nun auch die Lebensordnung des italienischen Volkes aufgelöst werden soll, indem die Staatsgrenzen aufgelöst werden.
Der Wille zur Auflösung dieser Lebensordnungen ist das Gemeinsame, was die italienischen Radicalen mit Papst Franziskus verbindet: Sie sagen Nein zum Leben. (Dazu paßt ja auch die Berufung eines Abtreibungsbefürworters durch den Papst in die Akademie des Lebens; faktisch hat ja der Papst diese Akademie liquidiert, wie Kath info ausführlich dazu berichtet hat ).
In Kommentaren zu dieser Causa auf Kath de wird von der eben allzu bekannten Vorliebe des Papstes für linke Politikprojekte gesprochen. Das ist sicher richtig: Der Papst ist politisch eindeutig linksorientiet. Aber das trifft eben doch noch nicht den Kern des Problemes, wenn so der lebensverneinende Charakter dieser Linksoption übersehen wird, indem diese linken Projekte die Ordnungen des Lebens aufzulösen versuchen, die elementarste, die der Beziehung der Mutter zum eigenen Kind, indem nun die Mutter zur Mörderin ihres Kindes wird im Akt der Abtreibung, indem der Bund fürs Leben, die Ehe zu etwas jederzeit Auflösbarem wird  und indem nun die Lebensordnung des Volkes zerstört werden soll!  (Vgl dazu auch mein Buch: Der zensierte Gott)

Corollarium 1
Zu beachten ist, daß diese Auflösungen im Namen der Humanität eingefordert werden. Das muß auf den ersten Blick verwirren, aber ist denn nicht der Humanismus selbst schon die Absage an die Herrschaft Gottes, daß nun der Mensch für den Menschen der höchste Wert sein soll und nicht mehr Gott. Kann es dann uns verwundern, daß ein solcher Humanismus in seiner Abwendung vom Schöpfer des Lebens in einer Kultur des Todes endet?
   

Donnerstag, 1. Juni 2017

Leben im Nihilismus?

"Bei Hegel heißt es:>Welcher Inhalt gut oder nicht gut ist, recht oder unrecht ist, dies ist für die gewöhnlichen Fälle des Privatlebens in den Gesetzen und Sitten des Staates gegeben. Es hat keine große Schwierigkeit, das zu wissen.<". Gehlen kommentiert: "Unter durchschnittlichen Umständen ist das wahr." (Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, 4.Auflage 1981, S.39)
Emanuel Hirsch urteilte aber 1920 in seinem großen Essay: Deutschlands Schicksal, Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht: "Wir wissen nicht, wie wir die Vergangenheit beurteilen sollen. Wir wissen nicht, welchen Weg wir jetzt gehen müssen, um eine Zukunft überhaupt zu haben.Denn wir haben verschiedene Begriffe von Gut und Böse, von Gerechtigkeit und Liebe, von Volk und Gemeinschaft, von Schicksal und Geschichte, von Menschheit und von Gott." (2.Auflage 1922, S.5)
Wie weit sind wir jetzt von der Lage, so wie sie Hegel sah, entfernt, und wie nahe ist uns doch Hirschs Zeitdiagnostik! Das, was die christliche Religion für das Wahre und Gute erachtet, was einst, auch noch zu Hegels Zeiten den Konsensus der bürgerlichen Gesellschaft ausmachte, ist verdunstet, herabgestuft zur Privatmeinung von Christen, wohingegen die öffentliche Moral von der Ideologie der politischen Korrektheit bestimmt wird. Aber ist diese öffentliche Moral wirklich verbindlich oder setzt sie sich nur durch Repressionen gegen Andersdenkende durch? 
Oder grundsätzlicher gefragt: Kann es auf Dauer noch Gut und Böse, das Wahre und das Falsche geben, wenn der Grund dieser Unterscheidungen, Gott nämlich, nicht mehr geglaubt wird? Übertüncht die politische Korrektheitsideologie einfach nur den ausufernden Nihilismus? Erstarkt deshalb in Europa der Islam so sehr, weil er vor sich nur noch ein Vakuum hat, das sie verlöschende christliche Religion hinterläßt?   

Corollarium 1
Ist der Nihilismus die Rückseite der Durchkapitalisierung der Gesellschaft, sodaß nur noch der Tauschwert von etwas von Bedeutung ist, weil alles nur noch Ware und nichts mehr Wahrheit ist?

Donnerstag, 22. September 2016

Der postmetaphysische Mensch- eine Lesefrucht

"Die Hölle, das ist das Außen. In diesem methodischen Inferno, dieser Gleichgültigkeit eines Raumes, in dem kein Einwohnen geschieht, sind die modernen Punkt-Individuen bindungslos zerstreut. Es kommt daher nicht nur, wie die Existentialisten sagen, darauf an, sich durch ein frei gewähltes Engagement im Sinnlosen selbst eine Richtung zu geben; vielmehr geht es, nach der allgemeinen Bloßstellung des Menschen auf den Oberflächen der Erde und der Systeme darum, das gleichgültige Außen zu bewohnen, als könnten sich in ihm beseelte Blasen längerfristig stabilisieren.  [Vgl Sloterdijks Triologie Sphären] [...]Die Lebenskünste der Moderne zielen darauf, Nicht-Gleichgültiges im Gleichgültigen zu errichten." Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S.184.
Nur in künstlich geschaffenen Blasen könne der Mensch in einer objektiv gleichgültigen Welt leben, in denen und nur in ihnen so etwas wie ein sinnvolles Leben möglich sei! Als solche Blasen sieht der Philosoph Paare, Kommunen, Chöre, Teams, die Völker und die Kirchen an. (S.184). Dies ist nun nicht religions- oder kirchenkritisch gemeint, sondern: Ohne künstliche Blasen könne der Mensch auf Erden so wenig leben wie ein Raumfahrer ohne Weltraumanzug im Weltraum. Aber die postulierte Nützlichkeit besagt eben auch die Unwahrheit dieser Sphären aus, denn in ihnen wird etwas hervorgebracht, was es objektiv nicht gibt, sondern nur als etwas diese Kunstblasen Konstituierendes. 
Das Denken erhält so einen zwiefachen Charakter: einerseits erkennt das Denken die Sinnlosigkeit der Außenwelt und andererseits bringt es Sphären, Blasen hervor, die sinnvoll durch das Denken hervorgebracht werden, in denen der Mensch leben kann. Denken ist somit auch das Erdenken von etwas, was es nur im Denken gibt: sinnvolles Leben- erstaunliche Einsichten eines Philosophen. 

Donnerstag, 14. April 2016

Was das Leben lebenswert macht! Eine Lesefrucht

"Es ist ein durch und durch nietzeanisches Paradox, daß der größte Verlierer bei der scheinbaren Bekräftigung des Lebens gegenüber sämtlichen transzendenten Ursachen tatsächlich das Leben selber ist.[...]Das, was das Leben >lebenswert< macht, ist gerade der Exzeß des Lebens: Das Bewußtsein, daß es etwas gibt, für das man bereit wäre, sein Leben zu lassen (man kann diesen Exzeß >Freiheit<, >Ehre<, >Würde<, >Autonomie< usw. nennen.) Nur wenn wir bereit sind, dieses Risiko auf uns zu nehmen, sind wir wirklich lebendig." Slavoj Zizek, Vom Gesetz zur Liebe...und zurück, in: Zizek, Slavoj, Die Puppe und der Zwerg. Das Christentum zwischen Perversion und Subversion, 2003, S.96. Vielleicht ist der Nihilismus die notwendige Rückseite des Glaubens an das menschliche Leben als dem höchsten Wert! Für den christlichen Märtyrer war dies Höhere das ewige Leben, um dessen willen er sein endliches zu opfern bereit war, aber gerade durch diese Zu- und Unterordnung auf das ewige Leben hin, gewann das endliche seinen Wert, weil es der Ermöglichungsgrund zur Erlangung des ewigen ist. Aber wie soll das endliche einen Sinn und Wert in sich haben, wenn es auf nichts mehr bezogen ist, was größer als es selbst ist.      

Sonntag, 3. Januar 2016

Ein irritierender Gedanke zum Verhältnis von Christentum und Nihilismus

Selbstverständlich ist jedem Christen die Vorstellung, daß die christliche Religion die Anithese zum Nihilismus ist und daß dieser nur entstehen und zur Machtkommen kann, wenn die Lebenskraft der christlichen Religion versiegt. Dann muß ein christlicher Leser von Nietzsches Werk : "Der Wille zur Macht" irritiert feststellen, daß in dem Buchkapitel: "Nihilismus als Konsequenz der bisherigen Wert-Interpretation des Daseins" die christliche Wertinterpretation gemeint ist! "Sofern wir an die Moral glauben, verurteilen wir das Leben", proklamiert Nietzsche in Nr 6 seines Werkes. Die Entwertung des Lebens wäre dann der Nihilismus, hervorgerufen durch die christliche Moral. Versimplifiziert formuliert: Um des moralischen Ideales des Lebens willen wird das wirkliche Leben entwertet, als nichtig verurteilt. Wem das völlig unverständlich ist, der möge sich eine junge Frau vorstellen, romantische Liebesromane lesend und vielleicht auch mal einen Rosamunde Pilcherfilm anschauend, die dann auf ihr reale Liebeserfahrungen schaut und maßlos enttäuscht ob dieses Vergleiches ihre wirklichen Liebesbziehungen zu verachten beginnt, weil sie bei weitem nicht so schön sind wie die in den Liebesromanen und Liebesfilmen. Das Ideal entwertet das Reale, so schon beim Philosophen Platon, dem die wirkliche Welt nur das armselige Abbild des Wahren ist, der ewigen Ideen, dem eigentlichen Leben. 
Nur, diesen uns zu recht irritiernden Gedankengang Nietzsches wollen wir hier nun in eine ganz andere Richtung ausziehen.Es gehört zum Glaubensgut der Kirche die Lehre von der "Creatio ex nihilo". Gott schuf alles aus dem Nichts- nicht war Gott ein Urstoff vorgegeben, den er dann zu seiner Schöpfung umformte und umwandelte- nur Gott war und alles andere schuf Gott in seiner Allmacht aus dem Nichts.

"Ein kleiner franziskanischer Trick der Mönche Duns und Ockham hatte bis heute nicht zu überschätzende Auswirkungen:Gottes Wesen sei sein allmächtiger Wille. Dieser sei die letzte Ursache der normativen Schöpfungsordnung. Alles Gute und Böse sei ein beliebiges Produkt göttlicher Willkür! Damit wandte Ockham sich ab von Platon und Thomas [der hl. Thomas von Aquin ist gemeint]: Dieser hatte Gott für die unwandelbare Idee des Guten selbst erklärt und damit seine Allmacht verkürzt: Gottes Wille steckte damit im Käfig einer idealen Vernunftidee, über die selbst Gott sich nicht hinwegsetzen konnte. Gottes innerstes Wesen  sei die berechenbare Vernunft. Nein,widersprach ihm Duns: Sein Wesen sei die Liebe: Sie beruht auf einem nicht rational ableitbaren, also freien Willensakt. Schließlich befreite Ockham Gottes Willen endgültig und setzte ihn über alles Gut und Böse: es gebe kein Gut und Böse aus der Natur der Sache selbst und keine vorwillkürliche, vernünftigem Kalkühl zugängliche Bewertung in Gut und Böse. Gott selbst sei es, der Gut und Böse willkürlich aus dem normativen Nichts erzeuge." Kunze, Klaus, Mut zur Freiheit- Ruf zur Ordnung. Politische Philosophie auf dem schmalen Grat zwischen Fundamentalismus und Nihilismus, 1995 S.12f.

Auf einmal gerät uns hier der christliche Schöpfungsglaube in eine beunruhigende Nähe zum Nihilismus! Der große Theologe Ockham hat nämlich konsequent die Schöpfung aus dem Nichts zu Ende gedacht und somit auch die gesamte Werteordnung der christlichen Religion als eine freie Setzung Gottes ausgedeutet. Man kann dies auch als ein Produkt göttlicher Willkür deuten. Das hat Konsequenzen: Alles was ist, hat, um es bildlich auszudrücken Gott zum Vater und als Mutter das Nichts und das gilt auch für die christliche Werteordnung: auch sie hat Gott zum Vater und das Nichts zur Mutter. Ohne Bild geredet: Dem Seienden wie dem, was sein soll, den normativen Ideen, hängt ihr Geschöpftsein aus dem Nichts an. Gemeint ist damit:(zur Veranschaulichung)Wenn ein Goldschmied Gold als Rohstoff seines Arbeitens erwählt, so wohnt jedem seiner künstlerischen Erzeugnisse der Wert des Grundstoffes des Goldes inne. Die Herkunft, der Ursprung bestimmt das Seiende und das Seiende ist nicht nur das wert, was aus ihm gemacht wird. Die Herkunft von Allem ist nun höchst ambivalent, da alles einerseits aus Gott ist und andererseits aus dem Nichts ist. Die Synthese beider Aussagen über die Herkunft von Allem, sowohl von allem Seienden und von allen normativen Ideen ist der Begriff der Willkür. Gott schuf alles willkürlich, weil jede Ordnung, gemäß der Gott etwas schaffen kann, selbst wiederum nur ein Produkt einer freien willkürlichen Setzung Gottes ist. Dies Sein aus dem Nichts läßt alles Seiende in das Dunkel eines Abgrundes eintauchen, dem Nichts, dem Grund allen Nihilismus.
Man könnte also urteilen,daß die christliche Schöpfunglehre alles von Gott Geschaffene in den Abgrund des Nichts einzeichnet, der der Grund des Unglaubens an den Wert alles Geschaffenen ist, weil es aus Nichts kreiert ist. Allein Gott, der Schöpfer bewahrt dann all das von ihm Geschaffene vor der Nichtung durch ihren Ursprung, dem Nichts, dem alles aber immer ausgesetzt bleibt, auch wenn Gott alles erhält. Dies aus dem Nichtssein wäre dann der Grund für jeden möglichen Nihilismus, der sich so dem ontologischen Status alles Seienden verdankt. Der Kosmos Platons war da "stabiler", weil ihm das Gute nicht ein Produkt einer göttlichen Willkürsetzung ist, sondern das Gute ist eins mit dem göttlichen Sein. Dies Ineinssein von Gott und dem Guten stärkt den Wert des Guten gegen die Möglichkeit einer nihilistischen Entwertung, entwertet aber Gott, der nun nicht mehr als göttliches Subjekt sondern nur noch als vollkommene "Substanz", auch oder gerade wenn sie nur ganz ideel geistig gedacht wird, vorgesellt wird. Bei Platon ist Gott das vollkommene Gutsein aber er ist noch nicht als Subjekt seines Seins gedacht und begriffen.