„Nihilismus als eine Errungenschaft“
Mit dieser These verbüfft ein Vertreter des „Transhumanismus“ Stefan Lorenz Sorgner die Leserschaft seines Buches: „Übermensch.Plädoyer für einen Nietzeanischen Transhumanismus“.1 Nicht will er dabei, Nietzsche folgend den Nihilismus überwinden, sondern er schreibt: „Der Nihilismus ist nicht beklagenswert,vielmehr sollte er gefeiert werden.“2 Zwei verschiedene Bereiche des Nihilismus existierten, daß jede Wahrheitserkenntnis verneint wird, der „aletheische Nihilimus“ und daß jede Erkenntnis des Guten, der „ethische Nihilismus“, verneint wird.3
Die Errungenschaften dieses Nihilismus seien,daß sie die „Wahrscheinlichkeit fördern,die Vielfalt des Lebens zum Florieren zu bringen.“4 Als die Feinde der Vielfalt markiert der Autor nun „totalitäre und paternalistische Strömungen.“5Mit dieser Begründung stürzt uns nun der Autor in eine Meer von Aporien. Die „Vielfalt des Lebens“ wird hier als etwas Gutes und Erstrebenswertes gewertet. Das ist nun aber eindeutig ein moralisches Werturteil, das in einer nihilistischen Weltanschauung nicht möglich ist, setzt es doch ein Werturteil voraus, daß eine Vielfalt einer Monokultur vorzuziehen sei. Daß ein paternalistisches Staatsverständnis zu reprobieren sei, ist der Ideologie des Liberalismus ihr Basiscredo, aber einfach einem Nihilisten ein unmögliches Urteil.
Geradezu obskurantistisch wirkt dann die Beweisführung des „aletheischen Nihilismus“: Weil alles sich permanent ändere, könne es keine wahre Erkenntnis geben! Erstens versteht sich diese Aussage selbst als eine wahre Aussage, die für sich selbst eine dauerhafte Gültigkeit beansprucht und deswegen selbst dem „aletheischen Nihilismus“ widerspricht. Außerdem kann nur von einem sich gleichbleibenden Subjekt prädiziert werden, daß an ihm Änderungen sich ereignen: X hatte gestern diese, hat jetzt die und morgen wird es jene Eigenschaft haben.
„Jedes Urteil ist eine Interpretation. Eine Interpretation zu sein, bedeutet jedoch nicht,dass das betreffende Urteil falsch sein muss,sondern es beinhaltet ausschließlich, dass das betreffende Urteil falsch sein kann.“6Aber da es im Raume dieses erkenntnistheoretischen Nihilismus keine Kriteriologie der Unterscheidbarkeit von wahren zu falschen Interpretationen gibt, kann nie eine Interpretation als wahr oder falsch beurteilt werden.
Jede Spielart eines Nihilismus destruiert sich so von selbst durch seine ihm immanenten Widersprüche.
Positiv formuliert,es an dem Beispiel der deutschen Sprache zu veranschaulichen: Das System der deutschen Sprache ermöglicht die Hervorbringung unendlich vieler Romane, geschrieben in dieser bestimmten Sprache. Löste man dies Sprachregelsystem nihilistisch auf, da es die Freiheit des Schreibens eingrenze, gar verunmögliche, könnte kein Roman mehr geschrieben werden. Mit dem Sprachwissenschaftler Saussure ist daran festzuhalten, daß das System der Sprache die notwendige Voraussetzung für die kontingente Bildung einzelner Aussagesätze ist und damit einer lebendigen Sprache überschäumender Vielfalt. Im nihilistischen Denken löst sich dagegen alles in ein unterschiedsloses Einerlei auf.
Der Nihilismus sei die Voraussetzung der Freiheit setzt Freiheit gleich mit Willkür.
1Sorgner, Transhumanismus, 2019, S.91.
2A.a.O. S.91.
3A.a.O. S.92.
4A.a.O.S.91.
5A.a.O. S.91.
6A.a.O. S.94.
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