Dienstag, 5. Mai 2026

Unsere Sprache: Grenze oder Reichtum unseres Denkens?

 

Unsere Sprache: Grenze oder Reichtum unseres Denkens?


Das berühmte Zitat >Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt< von Ludwig Wittgenstein (Tractatus) besagt, dass unser Verständnis der Realität durch die sprachlichen Begriffe und Strukturen, die uns zur Verfügung stehen, begrenzt wird. Sprache prägt Wahrnehmung, Denken und Handeln, da wir Phänomene, für die uns Worte fehlen, schwerer fassen können. So faßt der KI, abgefragt am 5.5,2026 das Problem: Die Sprache- Grenzen unseres Verstehens treffend zusammen.“


Das klingt auf den ersten Leseeindruck hin gut, aber löst sich sofort auf, wenn über das da Geschriebene nachgedacht wird. Es gibt nicht nur indikativische Aussagen, die die Realität wiedergeben sondern auch konjunktivische:“Statt jetzt diesen Beitrag zu schreiben, könnte ich auch meinen Karl May Roman weiterlesen.“ Diese konjunktivische Aussage bezieht sich aber nicht auf die Realität, denn in der schreibe ich jetzt und lese nicht.Es gibt auch imperativische Aussagen: „So soll es sein!“, aber die beziehen sich nicht auf die Realität, wie sie ist. Und jede futurische Aussage bezieht sich auf etwas, was noch nicht eine Realität ist, aber eine werden könnende ist.In unserer Sprache transzendieren wir so die Realität und erschließen uns darin Welten, die nicht wirklich sind, die der Freiheit und die der Moral, des Sollens. Unser Handeln ist stets auf eine Zukunft ausgerichtet,solange das Ziel der Handlung noch nicht erreicht ist und das Zukünftige ist noch keine Realität.

Kunstwerke sind so auch nicht einfach Abbilder einer Realität, welche sollte denn da eine Gustav Mahler Symphonie oder „Der Herr der Ringe“ wiedergeben, sondern gewähren uns ein Eingehen in Kunstwelten,die zwar Ähnlichkeiten mit unsere Lebenswelt aufweisen, aber doch rein Künstliches sind.

Fragen wir weiter: Käme je ein Schachspieler auf die Idee, das Regelsystem des Schachspieles als die Begrenzung seines Spielens zu beurteilen? Mitnichten, denn dieses Regelsystem ermöglicht ja erst unendlich viele Möglichkeiten. Ohne dies Regelsystem existierte nämlich für einen Spieler überhaupt keine Möglichkeit, einen Spielzug zu vollziehen.

Die Sprache ist so der notwendige und hinreichende Ermöglichungsgrund unseres Denkens, das nicht nur die Bestimmung zum Begreifen der Realität in sich trägt.

Theologisch gewendet bedeutet das, daß alles durch den Logos ist, vgl den Johannesevangeliumsprolog) sodaß die Welt, die Totalität logozentristisch ist.Unserem Denken, das immer ein sprachliches ist, korreliert die Realität, da auch sie die Hervorbringung des göttlichen Denkens ist. Aber auch die die Realität transzendierenden Welten der Freiheit und des Sollens sind durch den Logos und so auch in der Sprache des Denkens denkbar.

Das sprachliche Denken ist der Reichtum des Menschen und befähigt uns gar dazu, die Realität zu transzendieren.


Ein großes Unrecht wird aber in der Betrachtung der Sprache der Schriftlichkeit der Sprache angetan. Das gliche einem Weinkenner, der meinte, es wäre für den Genuß eines Weines gleichgültig, ob er den Wein aus einem Weinglas oder einer Teetasse trünke, denn das Trinkgefäß sei dem Getränk rein äußerlich.So steht die Schrift in dem Verruf, der gesprochenen Sprache rein äußerlich zu sein und deswegen dem Aussagegehalt des Gesprochenen gleichgültig gegenüberstehend.Wer sich aber einmal das Verglügen geleistet hat, Werke in ihrer Originalorthographie gelesen zu haben, dem wird dieser Irrglaube schnell vergehen: Er wird das literarische Werk dann so genießen, wie ein Weinkenner einen guten Wein nur aus einem Weinglas genießen will.

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