Von der Religion zur Kultur: etwa eine Verfallsgeschichte?
„Die zentrale Frage lautet: Warum ist >Kultur< zu unserer zentralen lebensweltlichen Kategorie geworden? Im Hinblick auf Religion glauben wir nicht länger >wirklich<,wir folgen einfach (einigen)religiösen Ritualen und Sitten als Teil unseres Respekts vor dem >Lebensstil< der Gemeinschaft zu der wir gehören.“ „>Ich glaube nicht daran.es ist nur Teil meiner Kultur< scheint die vorherrschende Art für den verleugneten oder verschobenen Glauben zu sein,der für unsere Zeiten charakteristisch ist. Vielleicht ist dann der >nichtfundamentalistische< Begriff von >Kultur< , der sich von >wirklicher> Religion,Kunst usw unterscheidet,in seinem innersten Kern der Name für das ganze Feld verleugneter oder unpersönlicher Glaubenssätze - >Kultur< als der Name für all die Dinge,die wir praktizieren, ohne wirklich an sie zu glauben, oder >ernst zu nehmen<.“ Slavoj Zizek, Der neue Klassenkampf, 2020, S.52f.
Drei Begriff sind so in ihrer Beziehung zueinander zu klären:der der Religion, der der fundamentalistischen und der der nichtfundamentalistischen Kultur. Ich versuche das nun anhand der Vorstellung vom „Wünschen“ zu klären.
In einer Religion wird diese Vorstellung etwa so artikuliert: „Gott, ich wünsche von Dir für mich oder für einen Anderen, daß...“ Von Gott wird dabei geglaubt, daß er den geäußerten Wunsch erfüllen kann, da er allmächtig geglaubt wird und daß er ihn auch erfüllen will, aber das Wünschen ist keine magische Beschwörung, als müsse Gott, wenn wir nur richtig unser Wünschen formulieren, unsere Wünsche erfüllen.
In einer fundamentalistische Kultur wird der Wunsch etwa so formuliert: „Ich wünsche Dir alles Gute!“ Man glaubt, daß dieser ausgesprochene Wunsch sich auch erfüllen wird, obgleich man dabei nicht mehr an Gott glaubt, der der mögliche Realisierer dieses Wunsches ist.
In einer nichtfundamentalistischen Kultur wird der Wunsch zwar noch ausgesprochen: „Ich wünsche Dir alles Gute etwa zum Geburtstage, aber niemand glaubt mehr, daß dieser Wunsch sich wirklich erfüllen wird. Man sagt das halt zu Geburtstagen oder sonstigen Gelegenheiten. Bezeichnend dafür ist, daß der Wunsch: „Ich wünsche Dir einen guten Tag“ reduziert wird auf: „ Guten Tag“ oder gar auf „Tag“.
Im Raume der Politik formte sich so das Ja zur katholischen Religion der Partei des „Zentrums“ der Weimarer Republik zur Bejahung christlicher Werte um in den C-Parteien, an die jetzt, spätestens seit der Regentschaft von Frau Merkel selbst diese Parteien nicht mehr glauben und sie nur noch als eine Tradition zitieren.
Eine nichtfundamentalistische Kultur ist also eine, die nach dem Tode Gottes auch nicht mehr an die eigene Kultur glaubt, sondern sie nur noch praktiziert.Eine Genalogie müßte nun die Gründe dieser Verfallsgeschichte erforschen, aber das kann ich jetzt (noch) nicht leisten.
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