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Freitag, 19. September 2025

Irritationen: Eine populäre Klagelitanei: Die Jugend (und viele andere) verbrächten zu viel Zeit im Internet - oder das vergessene Abendland

 

Eine populäre Klagelitanei: Die Jugend (und viele andere) verbrächten zu viel Zeit im Internet - oder das vergessene Abendland


Statt sich dem wirklichen Leben zu stellen,lebte die Jugend zu viel in Kunst-welten, sie sollten doch lieber Osterspazieränge unternehmen, wie es schon Goethes „Faust“ tat. Wäre es nicht erstrebenswert, die Kinder und Jugend-lichen vor dieser Medienwelt zu schützen!

Aber man könnte nun angesichts dieses Klageliedes auch auf einen ganz anderen Gedanken kommen: Gehört nicht zu den Kontitutiva des Abendlandes, daß diese Kultur eine des Buches ist? Die christliche Religion ist eine Buchreligion, die aus einem heiligen Text und einem Meer von Sekundärliteratur besteht, die diesem heiligen Text subordiniert sind als Hilfsmittel zum Verstehen des Primärtextes.(Selbst die Natur konnte dabei als ein Text gedeutet werden, der nur schwerlich eindeutig lesbar war, sodaß das Eigentliche und Wahre in und nur in dem heiligen Text, der Bibel, dem Buch auffindbar sei. Ein Gebildeter war also ein Schriftgelehrter und so trat auch Jesus Christus auf, gerade in seinen Kontroversen mit den Gesetzeslehrern seiner Zeit.

Wer abendländisch kultiviert forschte, was denn die Welt im Innersten zusammenhält und was das in ihr alles ist,der las diesen Basistext und die dazugehörge Sekundärliteratur.Das Bildungsideal der Aufklärung brach nicht mit diesem Buchglauben, nur wurde hier nun die gute Literatur an die Stelle des einen heiligen Textes gesetzt.Die Musik und die Malerei wurden zwar auch geschätzt, aber der Primat wurde dem geschriebenen Wort zugesprochen als eine Folge der christlichen Buchreligion. Selbst der Antipode, der Marxismus in seiner russischen bolschewistischen Praxis blieb diesem Primat verhaftet, denn nun galt als „gebildet“ nur der, der die marxistischen Klassiker gelesen hatte:Marx, Engels und Lenin. Das, was wirklich ist, daß erschließt sich dem, der halt die richtigen Bücher liest, nur wurde nun seit der Aufklärung kontrovers diskutiert, welche Bücher die uns die Wahrheit erschließenden seien.Nietzsche hat mit Absicht seinen „Zarathustra“ als ein Antieevangelium konzipiert, das die vier Evangelien ersetzen sollte.

Daß ein gebildeter Mensch einer sei, der die Welt bereiste, um seine empirischen Erkundungen dann als eine Welterkenntnis zu qualifizieren, ist für die abendländische Kultur eine absurde Vorstellung. Dem Buchgelehrten erschließt sich stattdessen die Welt.

Daß das Empirische, daß von uns Zähl- und Meßbare das Wahre sei, markiert einen Buch mit der abendländischen Kultur. Noch der Museumsbesucher, der die Gemälde Caspar Friederichs bewundert, statt nach Draußen in die Natur zu gehen, partizipiert an dieser abendländischen Kultur, wird auch hier noch ein künstlerisches Werk höher geschätzt als die Natur selbst.

Die Epoche des Buches scheint nun durch die Epoche des Internets abgelöst zu werden. Aber auch das ist nicht einfach ein Bruch mit der abendländischen Kultur, denn immer noch stehen Texte im Mittelpunkt. Der über sein ans Internet angeschlossene technische Gerät gebeugte Textleser, der dabei seiner Umwelt kaum eine Beachtung schenkt, ist nicht Lichtjahre von dem Bücherleser in seinem Studienzimmer entfernt. Die Verachtung des Intellektuellen, dessen Wissen nur aus seinem Bücherwissen besteht, das ist erst der Bruch mit dem Abendland.

Daß die Bücher, die Texte,gar das Denken überhaupt nur ein Zweitrangiges wären, weil das Wahre einfach das Seiende sei, so wie wir es sinnlich wahrnehmen, signalisiert wohl die Abkehr vom Abendland schlechthin. Den Hintergrund bildete dabei eine metaphysische Tradition, daß alles Wirkliche ein Erscheinen der Idee von dem Erscheinenden ist,und daß die Idee als Idee ante rem die Wahrheit des Erscheinenden ist, die dann post rem recogniziert wird.In Texten,besonders qualifizierten erscheint uns das Wirkliche so transparent für das sie Grundlegende,das in der Natur eben auch sich im Erscheinenden verbirgt. Gott ist uns in seiner Selbstoffenbarung klarer erkennbar als in dem Buch der Natur.Auch das Buch der Natur verlangt nach einem Lesekundigen, der in dem Erscheinenden das, was darin erscheint, zu erkennen weiß, wohingegen dem Empiristen der Naturtext ungelesen bleibt, er beschreibt sozusagen nur die gesichteten Buchtstaben, kann aber den Text nicht lesen. Aber das sollen nun die ernstzunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnisse sein, wohingegen das, was im Abendland als Wahrheit galt nur noch unzulässige Spekulationen sein sollen!

Unsere Zeit unterscheidet sich somit von der abendländischen Kultur durch den Verlust des Glaubens an den einen heiligen Text, , in dem sich uns alles erschließt, aber solange noch primär Texte gelesen werden,jetzt verlangen viele, daß sie als die Wahrheit gelesen werden, und kreieren so einen postmodernen Polytheismus, ist das eben eine polytheistische Variante der abendländischen Kultur. Erst der völlige Sieg des Empirismus mit seinem nominalistischen Hintergrund, daß es nur die Einzeletwasse gibt, die eben keine Erscheinungen, Abbilder von etwas ursprünglich Ideelen sind,wäre die abendländische Kultur zu Ende gegangen.

1.Zusatz:

In der Gegenwart erheben nun so viele Texte den Anspruch, wahr zu sein, ohne den würde kein Text als Text gelesen, daß die vielen Geltungsansprüche sich gegenseitig relatiieren, wenn nicht gar entwerten.Aber jetzt noch lebt die Lesekultur von ihrem Ursprung her,dem Glauben an den einen heiligen Text, der seinem Leser alles erschließt. Wendete nun man ein, es ginge doch in der christlichen Religion um die Person Jesu, dann muß konzediert werden, daß er uns zuvörderst in den Texten der heiligen Schrift bgegegnet, und von da von uns Lesern bekannt werden will.  

2.Zusatz:

Es kann so vorkommen, als wenn fiktive Protagonisten in der Literatur und in dem Film uns lebendiger und realer vorkommen als die Menschen des wirklichen Lebens. Die Protagonisten der Erfolgsserie: "Sturm der Liebe" wirken so tatsächlich lebendiger und realer als die wirklichen Menschen,als wenn das Leben unwirklich geworden wäre.

Dienstag, 17. Dezember 2024

Irritierendes zum Verhältnis von der Vorstellung von einem„guten Leben“ und der Moraltheologie

 

Irritierendes zum Verhältnis von der Vorstellung von einem„guten Leben“ und der Moraltheologie

Wer Schachspielen möchte, muß das Regelsystem des Schachspieles erlernen, um spielen zu können, aber wenn er dies sich angeeignet hat, kann er lange noch nicht gut spielen, er hat dann nur das Spielen sich erlernt. Könnte es so sich auch mit der Moraltheologie verhalten. So lehrt die Moraltheologie etwa, was die Ehe ist, und welches Verhalten in ihr erlaubt und welches in ihr unerlaubt ist, aber niemand glaubt ernsthaft, daß das ausreiche, um eine „glückliche Ehe“ zu führen, auch wenn es schwer fällt, präzise zu bestimmen, was denn eine Ehe zu einer glücklichen mache.Zumindest wird aber jeder wohl zustimmen, daß eheliche Untreue das „Glück“ einer Ehe gefährde, wenn nicht gar zerstören dürfte.

Wäre also zwischen einer kirchlichen Morallehre und der Frage, wie kann ich glücklich oder sagen wir mal zufrieden leben zu distinguieren? Man überprüfe dies einmal experimentell an Hand der 10 Gebote Gottes: Gesetz den Fall, jemand hielte all diese 10 Gebote, wäre dann sein Leben schon ein glückliches oder doch zumindest zufriedenstellendes`? Auf die Frage des Endzweckes der kirchlichen Morallehre müßten wohl zwei divergierende Antworten gegeben werden. Einerseits sei der Zweck der Morallehre der der Lebenserhaltung des Menschen, daß die Gattung Mensch nicht sich selbst zugrunde richtet. Dazu dienen die Erhaltungsordnungen Gottes,die der Ehe und des Staates aber auch die Ökonomie mit ihrem jeweiligen spezifischen Ethos. Die Morallehre soll hier lebensdienlich sein. Andererseits ist das Ziel der kirchlichen Morallehre das übernatürliche, das des Erreichens des ewigen Lebens, sie beantwortet also die Frage: „Was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Wie verhalten sich dann nun diese zwei Zweckbestimmungen zu dem Ziele, glücklich zu leben oder wenigstens zufrieden? Wer sich Jesu Christi Aufforderung der Kreuzesnachfolge vor Augen führt, wird wohl schwerlich urteilen, daß die Kreuzesnachfolge ein Leben sei, daß man als glücklich qualifizieren würde.Oder um es bildlich auszudrücken: Der Arzt gibt uns Erkrankten eine bittere Medizin, um uns zu heilen, und diese Medizin, die der Kreuzesnachfolge ist nichts wohlschmeckend Süßes.Das ewige Leben wird als ein vollkommen glückliches geglaubt, aber daß der Weg dahin ein süß-lieblicher ist, das hat weder Jesus Christus noch die Kirche je gelehrt. Das Ziel der Lebenserhaltung in und durch die Schöpfungsordnungen Gottes impliziert nun wirklich nicht, daß das zu erhaltende Leben selbst schon ein glückliches ist.

Sollte so etwa doch die kirchliche Morallehre sich zum Wunschziel, glücklich zu leben ähnlich verhalten wie beim Schachspiel das Erlernen des Regelwerkes zum Gutspielenkönnen sich verhält?

In der Theologie spricht man gern von der „Krise der Weisheit“ in dem Alten Testament, wenn dort, besonders ausdrücklich im Buch des Prediger Salomons, gesagt wird, daß es doch denen, die nach Gottes Geboten leben nicht besser auf Erden geht als denen, die Gottes Gebote mißachteten.Ja der Volksmund gar, wenn er sagt: „Unkraut vergeht nicht!“ zu meinen scheint, daß Menschen, die es nicht so ganz genau mit der Moral nehmen, besser mit dem Leben zurechtkommen als die wirklich moralisch Lebenden. Daß es den moralisch gut Lebenden nicht gut und den unmoralisch Lebenden dann gar eher gut geht, das sei die Anfechtung der Morallehre, die Krise der Weisheitslehre des Alten Testamentes.

Man könnte nun doch in Hinblick auf die Kunst des Schachspielens urteilen, daß um gut leben zu können die Voraussetzung es sei, moralisch zu leben, daß das aber noch nicht selbst ein glückliches Leben sei. Die Kunst des Lebens, die Eudaimonie, wie ist ein glückliches Leben erreichbar, wäre dann von der kirchlichen Morallehre mit ihren zwei Endzweckbestimmungen zu distinguieren. Nur, wie sähe dann eine solche Lebenskunst aus? Eines kann auch der aufmerksamste Leser des Neuen Testamentes nicht da finden, daß Jesus auf Erden ein glückliches Leben geführt hätte.





Montag, 11. Dezember 2023

Was nicht in der Bibel stehen dürfte....skandalöse Aussagen

Was nicht in der Bibel stehen dürfte....skandalöse Aussagen


Gerade dem Reformator Luther bereitete der Jakobusbrief ein unerträgliches Kopf-weh, hatte er doch gerade seine neue Rechtfertigungslehre des „allein aus Glauben“ Gerechtfertigtwerdens allein aus der hl.Schrift konstruiert, da mußte er im Jakobusbrief schwarz auf weiß lesen: „Ihr seht,daß der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird,nicht durch den Glauben allein.“ (2,24) In einer Fußnote kommentiert die Einheitsübersetzung diese Aussage so:“Jakobus wendet sich in diesem ganzen Abschnitt gegen eine mögliche Mißdeutung der paulinischen Lehre.“ Man hätte auch stattdessen kommentieren können, daß der Text sich prophetisch gegen die Lehre Luthers wendet, dem der Jakobusbrief so eine nichtschriftgemäße Lehre präsentiert.

Aber auch katholischen Lesern offeriert dieser Brief Schwerstverdauliches, wenn da zu lesen ist: „Ihr Ehebrecher, wißt ihr nicht,daß Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, wird zum Feinde Gottes.“ (4,4) Mit dem Terminus „Ehebrecher“ist hier, wie schon in den Texten des Alten Testamentes der Übertreter des Bundes mit Gott gemeint, der Gott untreu Werdende. Mit wem betrügt hier der Untreue Gott? Nicht wie im Alten Testament ist damit ein Fremdgehen mit anderen Göttern gemeint, dies Verständnis präsumiert nämlich den Glauben an die Existenz von vielen Göttern, sodaß eine Verehrung eines anderen Gottes tatsächlich als ein Untreueakt dem Gott Israels gegenüber angesehen werden konnte, sondern die Freundschaft zu dieser Welt ist ein Untreueakt.

Der Jesuit A. Arndt kommentiert in seiner Vulgataausgabe 1903 diese Aussage so:Mit der Freundschaft sei eine „falsche Begierlichkeit nach irdischen Gütern und Genüssen“ gemeint. Daß hier aber unter der Freundschaft eine „falsche Begierlichkeit“gemeint sein soll, dafür gibt es kein Anzeichen in dem Text, zumal dann doch wohl die „Freundschaft“ irgendwie negativ qualifiziert worden wäre, etwa als eine „falsche“. Auch hilft der dortige Verweis auf die Alternative von Gott oder dem Mammon dienen (Mt 6,24) nicht viel weiter, denn warum sollte die „Freundschaft mit der Welt“ ein Leben im Mammondienst meinen?

Die Welt, die hat doch Gott geschaffen, wie kann da die Liebe zu dem von Gott Erschaffenem eine Feinschaft wider Gott bedeuten? Sollten wir dann doch nicht mit Luther diesen Brief als un- wenn nicht gar antievangelisch abqualifizieren?Vielleicht hilft uns aber die Vulgataübersetzung: „dieser Welt“ weiter, die vom griechischen Text möglich wäre. „Diese Welt“, das wäre dann die Welt, so wie sie nach dem Sündenfall geworden ist, und die Gott beseitigen will, weil er eine neue Erde und einen neuen Himmel uns verheißt. Das, was Gott zum Untergang bestimmt hat, sollte dann der Christ nicht lieben sondern die zukünftige neue Welt mit ihrer neuen Erde und ihrem neuen Himmel.

Skandalös bleibt diese Aussage trotzdem, aber vielleicht ist er gerade deshalb auch eine wahre Aussage dieses Briefes, daß so der Gläubige aus seiner Verhaftung in diese Welt hinausgerufen werden soll, daß ihm diese jetzige Welt nicht seine Heimat ist. J. Gaarder erfaßt in seinem Roman: „Sofies Welt“ das platonische Anliegen so: „Auf den Fittichen der Liebe möchte die Seele >heim< in die Ideenwelt fliegen. Sie möchte aus dem >Kerker< des Körpers befreit werden“. (Kapitel: Birkely). Wenn nun statt des „Körpers“ „diese Welt“ gelesen würde und statt der „Ideenwelt“ die neue Erde und der neue Himmel, dann könnte verstehbar werden, warum die Freundschaft zu dieser Welt den Aufstieg zu dieser jenseitigen Welt verhindert und so eine Feindschaft wider Gott ist. Statt zu fliegen klebte der Freund dieser Welt an ihr und kann so nicht zu seiner wahren Heimat streben.

Aber trotzdem: Der Jakobusbrief ist nicht nur für Lutheraner eine schwere Kost, der gern gemieden wird, auch und gerade auch weil er die Heilsnotwendigkeit der guten Werke lehrt und nichts weiß von einer bedingungslosen Liebe Gottes allen Menschen gegenüber.

Corollarium

Seit der Parole: Vom Mythos zum Logos produziert der philosophische Diskurs Gottesvorstellungen, die Gott entmythologiesieren sollen, aber den Verdacht evozieren, Gott zum Produkt unseres Wunschdenkens zu machen: Wie hätten wir den gern UNSEREN gott!  

 

Montag, 17. Juli 2023

Ist die Welt eine Fabel? Irritierendes – zum Nachdenken Aufforderndes

Ist die Welt eine Fabel? Irritierendes – zum Nachdenken Aufforderndes „Die Welt wird zu einer Fabel,die Welt als solche ist nur Fabel:mit Fabel meint man etwas,was erzählt werden kann und nur in der Erzählung existiert;die Welt ist etwas,was man erzählt,ein erzähltes Ereignis und demzufolge eine Interpretation:Religion,Kunst,Wissenschaft,Geschichte sind ebenso viele verschiedene Weltdeutungen,ebenso viele Variationen der Fabel.“ So schreibt es einer der bedeutendsten Philosophen der Postmoderne: Lyotard, zitiert nach:Gerhard Raulet, Gehemmte Zukunft.Zur gegenwärtigen Krise der Emanzipation, 1986.S.77. Die Welt als Ganzes wird hier als eine Fabel qualifiziert. Nicht ist damit gemeint, daß Elemente der Welt nicht erkennbar wären. Gegenstände wie Stühle und Autos, auch komplexere wie unser Sonnensystem sind für uns erkennbar, nicht aber das Ganze, das hier: die Welt genannt wird. Wer einmal Tolkieens Triologie: „Der Herr der Ringe“ gelesen hat, kennt die Faszinationskraft einer erzählten Fabel. Solange man liest, lebt man in diesem Kosmos, der nur in diesem Roman existiert, in dem man aber ganz heimisch werden kann. Aber wird das Buch zugeschlagen, entschwindet dem vormaligen Leser diese Welt, er ist nun wieder in der Realität. Sollte die Welt auch nur eine so erzählte Fabel sein, bzw sollte es so viele Welten geben wie es Welterzählungen, Fabeln über die Welt gibt? Vielleicht könnte man diesem Gedanken durch eine Veranschaulichung näher kommen. Eine Schachpartie wird gespielt. Ein Beobachter könnte nun genau die Stellung der Figuren auf dem Spielbrett beschreiben und ihre Veränderungen durch die gespielten Züge. Es könnte nun auch jede Einzelfigur analysiert werden – aber ohne die Kenntnis des Schachregelsystemes kann die gespielte Partie nicht begriffen werden. Die Welt als Ganzes gliche der gespielten Schachpartie, aber die Kommentatoren kennen das Schachregelsystem nicht, sodaß jeder versucht, das dortige Geschehen auf dem Spielfeld zu kommentieren und so Fabeln über diese Partie erzählt. Ja, es kommt das Gerücht auf, daß das Ganze, die Welt an sich nichts Sinnvolles sei, sodaß erst der Interpret Sinn dem Ganzen zu verleihen habe. Das geschieht dann, in dem eine Geschichte der Welt erzählt wird, die die Welt so zu etwas Ganzem und in sich Sinnvollem macht. Der These eines objektiven Sinnes des Ganzen steht so die Antithese gegenüber, daß erst durch das Erzählen von Weltfabeln das Ganze zu etwas Sinnvollem wird, so als wäre das Ganze eine riesige Menge von Einzelwörtern, die dann vom Erzähler zu Sätzen und dann ganzen Erzählungen zusammenkomponiert werden. Es existierte aber keine Norm, die wahre dann von unwahren Erzählungen unterscheiden könnte, da es keine objektive Realität gäbe, die die Erzählung dann richtig wiedergeben könnte. Lyotard bezeichnet das als den Glaubwürdigkeitsverlust der großen Erzählungen, die die Moderne auszeichneten als das Charakteristische der Postmoderne. (Vgl: Lyotard, Das postmoderne Wissen) Raulet versteht so Lyotards Position als einen Angriff auf die große Erzählung von der Emanzipation, daß die Menschheitsgeschichte als Ganzes die Geschichte der Selbstbefreiung des Menschen sei. Zu Grunde liegt der Moderne mit ihren großen Erzählungen die Heilsgeschichtserzählung der christlichen Religion, die seiner Erschaffung von Gott, die seines Sündenfalles und die seiner Errettung und endgültigen Erlösung. Die Moderne brachte nun vielfältige säkularisierte Versionen dieser Heilsgeschichtserzählung hervor, Erzählungen von der Selbstbefreiung des Menschen. Aber die Postmoderne durchschaue diese als bloße Fabelerzählungen . Das Ganze, woher, worin und wozu das Ganze, diese metaphysischen Fragen könnten zwar noch gestellt, aber nur mit Fabeln beantwortet werden. Das wäre unsere jetzige Lage. Weder die Religion noch die Philosophie oder die Wissenschaft können dann anderes als Fabeln produzieren,die für sich Geltungs- und Wahrheitsansprüche erheben können. Es kann nur noch Menschen geben, die eine bestimmte Fabel für sich als wahr glauben. Ist das die Lage der christlichen Religion nach dem Tode der Metaphysik, (von Platon bis Hegel) die vor dem die christliche Religion vernünftig denkend fundieren konnte?

Sonntag, 15. Januar 2023

Leben wir in apokalyptischen Zeiten? Irritierendes

Leben wir in apokalyptischen Zeiten? Irritierendes Es muß doch irritieren, wenn diese Frage auch von einem marxistischen Philosophen miterörtert wird: „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs.Der linke Kampf um das 21.Jahrhundert“, 2013. Zu unterscheiden sei das traditionell zirkuläre Zeit- verständnis, daß die Zeit „nach kosmischen Prinzipien geordnet und geregelt ist und die Ordnung der Natur und des Himmels widerspiegelt“(S.305) von dem „modernen linearen“ der Zeit, daß sie die Zeit des „allmählichen Fortschritts und der schrittweisen Entwicklung“ sei. (S.305) Diese beiden Charakterisierungen lassen schon das Interesse am Apokalyptischen erahnen, daß diese beiden Geschichtsvorstellungen es ausschließen, daß sich unter der Sonne etwas radical Neues, nicht aus der Gegenwart Erwartbares und Unableitbares ereignen könne. „Die apokalyptische Zeit ist die des Endes der Zeiten, die Zeit des Notstands, des Ausnahmefalls“. (S.30) Nun existierten jetzt vier Versionen der Deutung der Gegenwart als ein apokalyptisches Zeitalter: die christliche fundamentalistische, die New Age, die digital posthumanistische und die säkular-ökologische. All diesen ist gemein die Vorstellung von einem radicalen Bruch mit der vergehenden Vergangenheit. Genau das machen diese vier apokalyptischen Modelle für Zizek interessant. Kant diskutiert in seiner Schrift: „Der Streit der Fakultäten“ die Frage, ob es in der Geschichte einen wirklichen sittlichen Fortschritt gäbe und urteilt, daß die Französische Revolution ein Zeichen dieses sittlichen Fortschrittes gewesen sei: „Das bis dahin Unmögliche geschah, ein ganzes Volk beanspruchte furchtlos seine Freiheit und Gleichheit. Noch wichtiger als die -oft blutige – Realität der Vorgänge in den Straßen von Paris war für Kant der Enthusiasmus“.(S.309) Daß hier sich Unmögliches ereignete, also etwas aus der damaligen Gegenwart nicht Erklärbares und Unableitbares ermöglicht so, dies als eine Art eines apokalyptischen Ereignisses zu deuten. Zizek schreibt dann gar von der „ewigen Idee“ einer gerechten und freien Gesellschaft, die in solchem Enthusiasmus sich inkarniere. Die christliche und die esoterische Deutung des Apokalyptischen reprobiert er nun. Vor 4 Problemen stünden wir jetzt aber, die nicht in der kapitalistischen Ordnung lösbar seien und so die Apokalypse dieses Systemes möglich machten: die ökologische Katastrophe, die „Unangemessenheit der Idee des Privateigentums“, die Folgen der „technologisch-wissenschaftlichen Entwicklungen“,isb der „Bio-genetik“ und der neuen Formen der Apartheit. (S.300) Die posthumanistische Apokalypse setze so auf die Überwindung des Menschen durch die Biogenetik, daß Kunstmenschen, Cyborgs die Zukunft gehöre während die ökologische Apokalyptik den Tod der Menschheit voraussagt und somit eine Welt ohne Menschen. Da für Zizek die Geschichte ein offener Prozeß ist, kann nicht, wie noch im orthodoxen Marxismus die Zukunft prognostiziert werden, aber es gäbe Augenblicke, in denen das bis dahin Unmögliche doch sich ereignen könne, die Revolution des Enthusiasmus. Die bisherigen, von der Französischen über die russische bis zur Kulturrevolution in China enttäuschten dann zwar die enthusiastischen Erwartungen, aber es könne und müsse eben noch mal versucht werden. Wir lebten also in einer Zeit des möglichen Endes in Folge der Klimakrise oder des Endes des Menschen durch seine Ersetzung durch künstliche Menschen, aber es könnte auch die ewige Idee der gerechten und friedlichen Welt zu einem neuen Revolutionsenthusiasmus führen. Nur steht dem die Erfahrung entgegen, daß nach einem Augenblick exstatischer Freiheit die Revolutionen neue Ordnungen etablierten,von denen man nicht sagen kann, daß nun es besser geworden wäre. , , Bei so viel Zustimmung zum Apokalyptischen fällt eines auf: Für Zizek und nicht nur für ihn ist die eigentliche Apokalyptik die Vorstellung, daß alles wie bisher immer so weitergeht. Der Glaube an den Fortschritt ist verlorengegangen,ebenso an die ewige gute Ordnung der Natur, der zyklischen Zeitvorstellung – als wenn die Gegenwart zu einem ewig Erstarrtem sich verkristallisiert hätte, das keine Bewegung mehr zuläßt, daß die Postmoderne eine Welt ohne Ereignisse geworden wäre. Hieraus sucht dieser Philosoph einen Ausweg, das Hoffen auf einen neuen alle beflügelnden Enthusiasmus. Nebenbei: Im heutigen Christentum findet sich dazu eine Parallele im Phänomen der charismatischen Bewegungen. Ob wir ihn apokalyptischen Zeiten leben, oder ob wir noch zigtausende Jahre Leben auf der Erde, so wie wir es kennen, vor uns haben, das allein entscheidet Gott und so weiß er allein auch, wie es um unsere Zeit steht, aber unverkennbar lebt auch in der Gegenwart eine Sehnsucht nach einem apokalyptischen Ende, daß es so nicht mehr weitergehen soll. Aber die Kirche hat sich so sehr in die jetzige Welt hineingeheimatet, daß sie von einem solchen Ende nichts mehr wissen will. Ihr Engagement gilt so dem Erhalt der Welt und ihrer Verbesserung durch allerlei Reformen, damit sie bleiben kann, wie sie ist! Corollarium : apokalyptische Zeiten Zizek: "Vielleicht liegt die Lösung ja in einer eschatologischen Apokalyptik, die ohne die Phantasie des symbolischen Jüngsten Gerichts auskommt,vor dem alle vergangenen Rechnungen beglichen werden. Die Aufgabe besteht,um eine weitere Benjamin`sche Metapher zu bmühen, nur darin, den Zug der Geschichte ufzuhalten,der sonst ungebremst in den Abgrund führt." (S.325) Der "Abgrund" ist dann die eine "Apokalypse",vor der nur noch ein eschatologisch apokalyptisches Handeln retten könnte. Das soll dann die "Revolution" sein.

Sonntag, 13. März 2022

Irritierendes: Hat den die christliche Religion etwas mit Lehre und Erkenntnis zu tuen?

Es heißt zwar: „Sufficiet discipulo,ut sit magistere ejus“ (Mt 10,25), aber schon J.Arndt übersetzt in seiner Vulgatausgabe: mit „Jünger“ und „Meister“, wie jetzt auch die Einheitsübersetzung. Aber die Wortbedeutung von discipulus und von magister ist eindeutig: Schüler und Lehrer. Das Verhältnis von Jesus zu seinen „Jüngern“ ist ein klares Lehrer-Schüler-Verhältnis. Jesu Schüler verhalten sich dann auch typisch schülerhaft: Welcher Lehrer wird schon richtig von seinen Schülern verstanden. Gerade das Markusevangelium präsentiert uns Jesu Schüler gerade nicht als eine Gruppe von verständigen Lernenthusiasten. Es ist so erlaubt, dies Evangelium auch als eine erste Kirchenkritik im Namen des Lehrers Jesu zu lesen.

Aber jetzt ist das Augenmerk auf etwas anderes zu konzentrieren, daß Jesus Christus nämlich in erster Linie als Lehrer wirkte: Er lehrte. So ist es kein Zufall, daß die Evangelien von so vielen Kontroversen zwischen Schriftgelehrten und Pharisäern mit dem Lehrer Jesus schreiben, denn das sind, erst mal nüchtern betrachtet Lehrstreitigkeiten. So urteilt ja Nikodemus bekanntermaßen über Jesus: „Lehrer, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust“. (Joh 3,2). Aber die Einheitsübersetzung schreibt: „Rabbi“ statt „Lehrer“. Dazu paßt es dann auch, daß aus „der Erkenntnis des Heiles“ die „Erfahrung des Heiles“ (Lk 1.77) wird.

Das Jesus Qualifizierende ist so, daß er der von Gott kommende Lehrer ist und daß deshalb seine Lehre wahr ist. Es soll nun versucht werden, diesen Gedanken klarer zu erfassen. Gern wird das Problem der Erkennbarkeit Gottes durch den Menschen so formuliert: Wie sollte der Mensch als endliches Wesen den unendlichen Gott erkennen können, jede Erkenntnis würde Gott verobjektivierend verendlichen. (Vgl sehr viel diffiziler: Norbert Fischer, Die philosophische Frage nach Gott) Kann also Jesus uns Gott lehren oder kann es keine lehrbare Gotteserkenntnis geben?

Wenn es aber gar keine lehrbare Gotteserkenntnis geben könnte, wie konnte dann Jesus als der von Gott kommende Lehrer anerkannt werden, der dann ja auch als solcher ein Lehrgespräch mit dem bei ihm in die Schule gehenden Johannes führte. Wie konnte aber dieser Lehrer von der Heilsnotwendigkeit der Taufe wissen, die er ja in diesem Unterricht Nikodemus lehrte ? Wie konnte Jesus überhaupt eine Gotteserkenntnis lehren? Nikodemus gibt dazu die Antwort: weil er ein von Gott kommender Lehrer ist.

Es soll nun dieser Gedanke versucht werden zu verstehen. Wie könnte doch der endliche Mensch den unendlichen Gott begreifen? Das klingt sehr fromm, aber deshalb ist dies noch lange nicht wahr! Denn nähme man die Aussage, daß der endliche Mensch den unendlichen Gott nicht erkennen könne, ernst, geräte man in beachtliche Aporien. Ein Mensch denkt Gott. Wenn Gott unendlich ist, kann dies menschliche Denken nicht außerhalb von Gott sein, denn dann würde Gott durch dies Denken begrenzt: Wo der Mensch denkt, denkt Gott nicht. Dann könnte dies menschliche Denken unwahr sein, aber es könnte nur unwahr sein, weil Gott trotz seiner Unendlichkeit hier durch dies Denken limitiert würde. Wenn aber Gott als Unbegrenztheit zu denken ist, dann kann das menschliche Denken als teilidentisches mit Gottes Denken nicht unwahr sein. Gott dächte in uns, wenn wir Gott denken. Das wäre dann eine Spielart des Pantheismus oder Panentheismus. Soll aber an der Differenz zwischen dem menschlichen Denken über Gott und Gottes Denken über sich festgehalten werden, dann muß denkbar sein, daß es außerhalb von Gottes eigenem Denken ein davon verschiedenes geben kann, das dann unwahr oder wahr sein kann.

Wenn Gott als sich selbst Erkennender zu denken ist, dann verobjektiviert Gott sich selbst in seiner Erkenntnis. Alles zu Erkennende wird durch seine Erkenntnis zu einem Objekt. Gott ist unendlich und als sich Erkennender auch ein sich Verobjektivierender. Genau deshalb, weil er sich selbst erkennt, kann Gott diese seine ihm eigene Selbsterkenntnis anderen vermitteln. Der von Gott kommende Lehrer vermittelt so die Gott eigene Selbsterkenntnis seinen Schülern. Indem Gott sich als etwas Bestimmtes erkennt, als Gott und somit als Nicht-Nichtgott, konstituiert er die Möglichkeit von Nichtgöttlichem, die er durch seine Selbstbestimmung zum Gottsein ausgeschlossen hat als eine Möglichkeit eines Außerhalbes von ihm. So entsteht erst die Möglichkeit, daß ein endliches Denken außerhalb von Gott Gott inadäquat denken kann, aber auch die Möglichkeit eines wahren Denkens von Gott, wenn Gott seine Erkenntnis dem endlichen Denken vermittelt. Da es eine verobjektivierte Erkenntnis Gottes ist, ist sie tatsächlich von einem göttlichen Lehrer lehrbar. Die philosophische Frage nach Gott müßte also zu der Erkenntnis vordringen können, daß die Gotteserkenntnis nur möglich ist als eine Teilhabe an der göttlichen Selbsterkenntnis. Soll diese Teilhabe nicht pan(en)theistisch gedacht werden, verlangt die Ermöglichung dieser Teilhabe einen göttlichen Lehrer als den einzig möglichen Vermittler dieser Gotteserkenntnis. Darum ist Jesus der Lehrer und Christsein heißt, sein Schüler zu sein.

 

Montag, 27. Dezember 2021

Irritierendes: Der Weihnachtsfilm - aber was hat der eigentlich mit dem Hochfest der Geburt Jesu gemein?

rritierendes: Der Weihnachtsfilm – aber was hat der eigentlich mit dem Hochfest der Geburt Jesu gemein?


Zur Feier des Neuen Jahres, Sylvester gehört der Kultfilm „Diner for one“ wie das Anstoßglas Sekt und so gehört wohl auch „Sissi“, der Dreiteiler mit R. Schneider als die Kaiserin Sissy zum Weihnachtsfest. Zu besten Sendeterminen präsentieren sowohl das Österreichische wie auch das Deutsche Fernsehen uns „Sissi“. Obzwar kaum wer öffentlich sich dazu bekennt, Jahr für Jahr, diesen Weihnachtsfilm als den Weihnachtsfilm des Weihnachtsfestes sich anzuschauen, wehe, dieser Film würde vom Weihnachtsprogrmm abgesetzt werden. Wer zahte dann noch seine Zwangsgebühren?

Aber was macht nun diesen Film zu dem Weihnachtsfilm schlechthin, warum wurde gerade er es? Auch wenn ich nun diese Triologie zigfach schon gesehen habe, immer zu Weihnachten, isb den ersten Teil jedes mal wieder begeistert schaue, eine mich selbst befriedigende Antwort will sich nicht einfinden.

Dostojewski läßt einmal den Fürsten des Romanes „Der Idiot“ sagen: „Schönheit erlöst die Welt“ - ein Satz, dem der Leser ad hoc zustimmt und dann sich frägt: Ist das denn auch wahr, ja, was ist denn damit überhaupt gemeint? Und doch erhält sich die erste Empfindung des Lesens dieser Aussage: Das ist wahr gesprochen! Erfaßt hier der Lesende intuitiv die Wahheit dieses Satzes, kann sie dann aber diskursiv nicht mehr als wahr ergründen?

Was macht denn die Qualität dieses Filmes aus? Unberücksichtigt können wir dabei die Aussagen der Sissydarstellerin lassen, der der Erfolg dieses Filmes auch zum Problem wurde, weil das Publikum sie danach nur noch in dieser Filmrolle sehen wollten, als wenn sie eins wäre mit ihr. Auch so manche Kritik an diesem „Unterhaltungsfilm“ scheint nicht ganz frei von Sozialneidsgefühlen zu sein: Der Film sei eben so erfolgreich, weil er ein primitiver Unterhaltungsfilm sei; dagegen stünden dann die niveauvollen, die aber kein Publikum fänden, weil das nur das Vulgäre liebe.

Sagen wir so: Es gibt ein Weihnachtslied, das populärste: „Stille Nacht, heilige Nacht“, das von der bloßen ästethischen Qualität sicher nicht eines Ranges mit einer Gustav Mahler Sinphonie ist, aber trotzdem ist es von einer solchen Schönheit, daß nur ein Kunstbanause dies Lied nicht liebt.

Was macht nun dann die Qualität, die weihnachtliche dieses Filmes aus? Die Spielhandlung: Der österreichische Kaiser, der sich nun zu verheiraten hat, der dann aber statt der dazu Erwählten ihre kleine Schwester heiratet, daß statt der geplanten Vernunftehe eine Liebesverheiratung sich ereignet, die Liebe so über die berechnende Vernunft obsiegte, ist es Sissy, die vor der Schicksalsfrage steht: Kann ich mein Glück erleben, wenn es auf dem Unglück ihrer Schwester, nicht vom Kaiser geehelicht zu werden, wie es vorgesehen und geplant war , die die Qualität ausmacht. Oder der Kontrast zwischen dem rustical bügerlichem Leben der Familie der Sissy und ihrem zukünftigen am Hofe des Kaisers in der Strenge des spanischen Zeremonielles?

Aber mit diesen Fragen gehen wir wohl in die Irre, denn sie verkennen doch das Eigentliche des Filmes , daß er von seinen Bildern lebt. Wenn es nur auf die Handlung ankäme, dann könnte ja „Sissy“ auch als Hörspiel im Radioapparat ausgesendet werden! David Hamilton war ursprünglich Photograph, bevor er dann auch ein Filmregisseur wurde. Leben nicht gerade seine Filme von der Schönheit ihrer Bilder? In diesen Filmen ist einfach alles schön, ja sie könnten als Beweis für Dostojewski herangezogen werden. Daß Erlösung durch Schönheit möglich ist. Ist das auch das Geheimnis des „Sissyfilmes“? Daß er einfach den Glauben an die erlösende Kraft der Schönheit ausdrückt?

Aber damit werden wir diesem Filme auch irgendwie nicht gerecht, solange die Wahrheit dieses Filmes hinter ihm gesucht wird, als drücke der Film etwas aus, was dann jenseits von ihm wäre und dann nur durch ihn vermittelt würde. Das wäre ungefähr so, als wenn wir einen Fim so ansähen, wie wir ein Briefkuvert öffnen, um dann den Inhalt des Briefes zu lesen. Der Film wäre dann nur ein Transportmedium der Botschaft, die in dem Film so enthalten wäre wie ein Brief in einem Kuvert. Nein, der Film selbst ist der Gehalt des Filmes. Aus ihm können höchstens Elemente herauszitiert werden, um so etwas aus ihm zu unterstreichen, etwa die außergewöhnliche schauspielerische Leistung von Frau Romy Schneider.

Vielleicht ist aber noch etwas ganz anderes wesentlich: der Handlungsrahmen einer schönen Welt, die nicht mehr ist, die des kaiserlichen Hofes, die des rustikalen Landlebens, die Schönheit von all dem, die natürliche wie die kultivierte des Hofes. Der conservativ-katholische Intellektuelle Albert Pethö schrieb einmal sinngemäß, daß er Monarchist sei, weil die Demokratie so unschön sei. Ganz unwahr ist diese Aussage nicht. Vielleicht bewahrt dieser feine melacholische Unterton dieses Filmes, daß er eine untergegangene Zeit wieder zum Leben bringt, davor, als Kitsch empfunden zu werden. Man vergleiche dazu einmal die Mädchenbilder Renoirs, die gerade durch ihre Melancholie so überzeugen, daß alle Schönheit vergänglich ist und nur als tote im Gemälde aufbewahrt, conserviert werden kann.

Aber hier soll nun diese Erwägung abgebrochen werden mit dem Eingeständnis, diesem Film so nicht gerecht geworden zu sein, seine fast metaphysischen Geheimnisse nicht erschlossen zu haben, aber auch im Jahre 2022 werden wir wieder zu Weihnachten „Sissy“ sehen und darüber reflektierend konstatieren, daß sich dies Kunstwerk unserem ästhetischen Denken nicht erschließen will und gerade so uns als ein wunderschöner Weihnachtsfilm bleibt. Er ist wahrlich ein Weihnachtsfilm, wenn er uns auch als solcher so unverstanden verstanden bleibt wie Dostojrweski: Schönheit erlöst die Welt.


 

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Irritierendes: Eine Gemeinsamkeit von Liberalen und Fundamentalisten

Irritierendes: Eine Gemeinsamkeit von Liberalen und Fundamentalisten


Ein origineller Denker verblüfft seinen Leser immer wieder durch so ganz aus dem Rahmen des Üblichen Herausfallendes, das spontan einen Widerstand provoziert, das könne so nicht sein, aber vielleicht bringen solche ganz unorthodoxe Gedanken das theologische Denken weiter als ein so bequemes Verharren im Wohlvertrauten. In diesem Sinne ist das Denken Slavoj Zizeks wirklich ein Gewinn für jeden ihn Lesenden.

In seinem Buch: „Lacan. Eine Einführung“ irritiert er durch die These, daß ein authentischer Glaube mit einer grundlosen Entscheidung einsetze. (S.153) Veranschaulicht wird dies am Beispiel der universellen Gültigkeit der Menschenrechte. „Sie können nicht in unserem Wissen über die menschliche Natur begründet werden, sie sind ein Axiom,das durch unsere Entscheidung postuliert wird.(In dem Moment, in dem man versucht,die universellen Menschenrechte auf unser Wissen über die Menschheit zu begründen, wird die unvermeidliche Schlußfolgerung die sein, daß die Menschen grundlegend verschieden sind, daß einige mehr Würde und Weisheit haben als andere.)“ (S.153f)

Die Dezision, an die Menschenrechte zu glauben, sei so nicht auf Fakten fundiert, sondern ist die ethische Verpflichtung. Das mache einen authentischen Glauben aus. Der Fundamentalist nun wie der „Liberal-skeptische Zyniker“ können und wollen nun nicht authentisch glauben. „Für die liberalen Zyniker wie für die religiösen Fundamentalisten sind religiöse Aussagen quasiempirische Aussagen direkten Wissens. (S.154) Der Fundamentalist könne so nicht glauben, weil er wüsse, daß das von ihm Geglaubte wahr sei als empirische Tatsache und der Liberale wüsse eben, daß die Glaubensinhalte des Fundamentalismus keine empirisches Tatsachenwissen seien.Weil so diese zwei wissen wollen, was nicht wißbar sei, könnten sie nicht glauben. Denn der Glaube sei eine grundlose Entscheidung, etwas für wahr zu halten.

Durch diese scharf gezogene Trennungslinie wird der Glaube zu einem rein irrationalen Akt und das Wissen auf das theoretische Erkennen von dem, was ist, reduziert. Nur das Wissen ist nicht auf die theoretische Vernunft reduzierbar, denn es gibt auch ein Wissen von dem Gesollten, der praktischen Vernunft, die nicht im Vermögen der theoretischen fundiert ist, denn aus der Aussage, so ist es, kann nicht eine Sollensaussage, so soll es sein, deduziert werden. David Hume beurteilt einen solchen Schluß vom Sein auf das Sollen ja bekanntlich als den naturalistischen Fehlschluß! Es gibt also ein Wissen, das nicht als empirisches Wissen qualifizierbar ist.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Woher weiß ich, daß Caesar der Autor des Buches „Über den gallischen Krieg“ ist? Weil es in Geschichtsbüchern so geschrieben steht und weil ich nirgends diese Aussage verneint vorfinde. Weiß ich es deshalb, oder vertraue ich nicht eher darauf, daß es sich so verhält? Wieviel von unserem Wissen ist so betrachtet ein Vertrauensglaube, der aber nicht grundlos ist. Wenn kein Historiker bezweifelt, daß Caesar der Autor dieses Buches ist, warum mit welchem Recht sollte ich dann daran zweifeln? In modernen bzw postmodernen Gesellschaften sind die Wissenschaften als Orte des Wissens selbst so ausdifferenziert, daß selbst Wissenschaftler außerhalb ihres Spezialgebietes wie „Gläubige“ verhalten, die an viel mehr vertrauend glauben als sie real wissen. Dieser Glaube ist nun aber kein blinder Vertrauensglaube, sondern er kann Gründe dafür benennen, warum das Geglaubte vertrauenswürdig sei, daß man eben der Aussage über die Autorenschaft des Buches über den gallischen Krieg sein Vertrauen schenkt.

Nun könnte eingewandt werden, daß es sich hier um prinzipiell auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfbare Aussagen handle, was aber nicht auf religiöse Aussagen zuträfe. Aber auch das ist in dieser Pauschalität nicht zutreffend. Denn prinzipiell ist die Aussage, daß Jesus nach seiner Kreuzigung lebend von Menschen gesehen worden sei, auch überprüfbar. Wenn man sich dann noch die Vielzahl der Zeugen erinnert, die Paulus im 1. Korintherbrief aufführt, könnte dies Ereignis als gut bezeugtes angesehen werden. Trotzdem wird man wohl aber der Aussage zustimmen, daß die Aussage, der 30 Jährige Krieg begann 1618 eine andere Qualität habe als die, daß Gott der Schöpfer des Universums sei. Aber es frägt sich doch, ob die Zustimmung zu dieser Aussage wirklich ein rein dezisionistischer Akt sei. Eher wäre von einer gewissen Plausibilität zu sprechen, daß es so sei.

Theologisch formuliert muß der Glaube vom Schauen der Wahrheit unterschieden werden, aber er darf auch nicht als eine rein irrationale Entscheidung zu einem Fürwahrhalten bestimmt werden. Es könnte so mit Zizek gefragt werden, ob der Fundamentalist wie auch der Liberale schon im Schauen leben wollend den Glauben an etwas aus nur Plausibilitätsgründen nicht mehr akzeptieren will und kann.Dann wäre aber ihnen gegenüber einzuwenden, daß sie im praktischen Leben dauernd Aussagen als wahr erachten, ohne daß sie wirklich wissen können, ob sie wirklich wahr sind. Noch nie zuvor in der Kulturgeschichte hat es einerseits ein so komplexes Expertensystemwissen gegeben, dem gegenüber sich alle anderen nur noch vertrauend oder zweifelnd verhalten können, da es ihnen unmöglich ist, das Expertensystemwissen selbst noch auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.Wir müssen so viel glauben, weil wir kaum noch etwas wirklich wissen!


 

Sonntag, 28. November 2021

Irritierendes zur Adventszeit – Gott wurde Mensch, um uns zu erlösen, nur uns?


Der Sternenhimmel über uns, denken wir über ihn nach,kann uns mehr als irritieren, ja gar verwirren. Es ist keine Übertreibung, wenn geschätzt wird, daß es mehr um eine Sonne kreisende Planeten im ganzen Universum gibt als Sandkörner in der Saharawüste. Daß sich dann nur auf einem einzigen dieser Sandkornplaneten intelligentes Leben entwickelt haben soll, ist rein naturwissenschaftlich geurteilt nicht vorstellbar. Ergo, wir Menschen sind nicht die einzigen Intelligenzwesen des Universums. Daß der Mensch sich im Laufe der Menschheitsgeschichte dann oft eher dumm als intelligent verhält, sei hier unberücksichtigt.

Gewichtiger ist nun aber doch ein theologisches Argument: Warum sollte Gott mehr Planeten als Sandkörner in der Wüste erschaffen, um dann nur auf einem einzigen dieser Sandkörner des Weltraumes intelligentes Leben sich entwickeln lassen? Eine solche Ressourcenverschwendung widerspräche doch der Weisheit Gottes.

Es ist also davon auszugehen, daß es neben den Engeln und uns Menschen in der Schöpfung Gottes, dem ganzen Universum weitere Intelligenzwesen existieren. Auch für sie müßte also gelten, daß Gott ihr Schöpfer und ihr Gott ist.

Hat nun Jesus Christus auch für diese Intelligenzler eine Bedeutung? Oder ist zu urteilen, daß er ob seines wahren Menschseins nur eine Bedeutung hat für die Gattung des Menschen? Der göttliche Logos wurde Mensch, ohne damit aufzuhören, Gottes Sohn zu sein. Könnte dieser göttliche Logos sich auch in nichtmenschliche Intelligenzler inkarnieren, um so auch für diese ihr Erlöser zu werden? Oder soll die These vertreten werden, daß vielleicht nur wir Menschen der Erlösung bedürfen, die anderen aber nicht?

Als Alternative böte sich vielleicht diese Idee an, daß Jesus Christus der Erlöser aller von Gott erschaffenen Vernunftwesen des Universums sei, sodaß er von dem Planeten Erde aus allen anderen zu verkünden sei.Das setzte aber voraus, daß die gigantischen Entfernungen zwischen den einzelnen von Intelligenzwesen bewohnten Planeten überwindbar seien, daß eben eine interstellare Raumfahrt möglich wäre, wie sie uns in Zukunftsromanen und Filmen vorgestellt wird. Nicht nur Erich von Däniken vertritt ja die Position, daß unser Planet schon längst von Extraterristen besucht worden sei und viele meinen, UFOs gesichtet zu haben. Als reine Unmöglichkeit ist das wohl nicht abtubar, es könnte doch etwas Wahres dran sein.

Wenn es nun im ganzen Universum mehr Intelligenzwesen als den Menschen gibt, dann wäre, da Gott auch der Schöpfer von all diesen wäre, es nicht unplausibel, daß er sich auch ihnen als der Dreieinige offenbaren möchte. So gesehen liegt es doch näher, zu vermuten, daß sich der göttliche Logos auch unter ihnen inkarniert hätte, dann aber wäre er da aber nicht die menschliche Natur angenommen sondern die der Dortigen. 

Zusatz:

Angesichts der unermeßlichen Weiten des Universumes sollte die Theologie nicht so terrazentristisch provinzialistisch denken. Auf die geradezu hybride Allmachtsphantasie, es wäre unsere Aufgabe, Gottes Schöpfung zu bewahren, das ist das  ganze Universum mit seinen dort beheimateten Intelligenzlern, sollte wirklich so verzichtet werden.

 

 

Freitag, 24. September 2021

Irritierendes zum 1. Gebot: Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Anfragen an den interreligiösen Dialog


Ein Ehemann kann seiner Frau nur treu sein, insofern es eine Möglichkeit zur Untreue gibt, die er nicht realisiert. Man möge sich diesen Fall vorstellen: Eine Ehefrau frägt ihren Mann, ob er ihr denn auch treu gewesen ist auf der langen Reise und er erklärte: Der einzige Astronaut des Raumschiffes war ich, sodaß ich in der ein Jahr währenden Raumfahrt Dich gar nicht betrügen können, denn ich war da ganz allein. Die Frau könnte nun noch erwidern, daß es eine Untreue in bloßen Gedanken hätte sich ereignen können, aber das würde wohl kaum eine Frau als reale Untreue qualifizieren. Die Möglichkeit zur Untreue ist so die denknotwendige Präsumption der ehelichen Treue.

Wenn es nun nur einen Gott gibt, wenn die monotheistischen Religionen im Recht sind, dann kann es keine Untreue zu diesem einen Gott geben, indem andere Götter statt seiner verehrt werden. Kein Mensch könnte so andere Götter neben den einen wahren Gott stellen, um somit ihm untreu zu werden wie ein Ehemann, der neben seiner Frau sich noch eine Geliebte hält. Das 1.Gebot ist deshalb nur sinnvoll unter der Prämisse, daß es andere Götter gibt, die der Mensch statt des einen Gottes oder zusätzlich zu dem einen verehren könnte. Die exgetische Forschung verifiziert dann diese These: Als das Volk Israel durch die Vermittelung durch Mose dieses Gebot erhielt, glaubte man, daß es vieler Götter gäbe, daß der Gott Jahwe aber an das von ihm erwählte Volk den Anspruch erbebe, daß es nur ihn zu verehren habe. Jahwe habe sich sozusagen mit diesem Volke verehelicht, einen Bund geschlossen, der das Volk zur alleinigen Verehrung Jahwes verpflichte.

Diese eheliche Treue ist nun permanent gefährdet durch die Existenz der anderen Götter und der Neigung des Volkes zum Fremdgehen. Warum nicht Gott und Baal dienen? Vielleicht ist es ja nützlich, mit mehr als einem Gott verbunden zu sein. (Erst im babylonischen Exil formte sich dann die Monolatrie: Es gibt viele Götter, aber wir haben nur dem einen Jahwe zu glauben um zu einem Monotheimus, daß es nur einen Gott gibt und daß die anderen von Menschen verehrten gar keine Götter sind. Es ist die erste Religionskritik aufgrund einer monotheistischen Religion.

Welche Bedeutung kann dann dies 1.Gebot für uns Heutige haben. Meist wird dann eine solche Hilfskonstruktion in Anschlag gebracht: Der Mensch erschüfe sich seine Götter, indem ihm irgendetwas in nicht angemessener Weise wichtig wird. Da sollen Fußballfans ihre Nationalmannschaft zu ihrem Gott werden, weil ihnen nichts Wichtigeres gibt als ihre Mannschaft siegen zu sehen, andere vergöttern ihre Briefmarkensammlung oder ihre Geliebte oder ...Recht überzeugend klingt das aber alles nicht, denn realistischer gesehen: Wer unterhält denn wirklich zu einem Hobby ein religiöses Verhältnis? Auch der daraus abgeleitete Puritanismus, daß man seine Vorlieben für einen Fußballverein, seine Briefmarkensammlung oder für eine politische Partei nicht übertrieben wichtig nehmen, verkennt wohl den Ernst des 1.Gebotes. Oder würde eine Ehefrau ernsthaft ihrem Manne eheliche Untreue vorwerfen, wenn er an jedem Samstagnachmittag seine Sportschau (zwanghaft?) anschauen muß?

Kann unter der Prämisse, daß es nur einen Gott gibt, wirklich das 1.Gebot noch eine Bedeutung haben, wenn auf die obig zitierte Hilfskonstruktion verzichtet wird? Es gibt nicht nur eine monotheistische Religion, die des Christentumes sondern drei jetzt bedeutsame Religionen. Das führt notwendigerweise zu der Frage: Verehren diese 3 Religionen, die christliche, die jüdische und die islamische den einen Gott, den, den es allein gibt, nur eben auf verschiedene Weisen oder gibt es nur den einen Gott, der auf eine der drei Weisen adäquat und dann auf den zwei anderen Weisen inadäquat verehrt wird? Wird Gott nur auf einer Weise recht verehrt, sind dann die 2 anderen Weisen der Gottesverehrung nicht auf den wahren Gott ausgerichtet, sodaß sie faktisch einen Götzendienst praktizieren?

So ist die Frage ernsthaft zu erörtern, ob der interreligiöse Dialog mit seiner Tendenz, jede Gottesverehrung jeder Religion als eine legitim mögliche des einen und allein wahren Gottes anzusehen, faktisch neben dem wahren Gott Götzen stellt, daß also der eine Gott aufgelöst wird in eine Pluralität von Gottesvorstellungen, die alle wahr sein sollen, obzwar sie sich in ihrer jeweiligen Besonderheit von einander klar unterscheiden. Gott, christlich verehrt, Jahwe, jüdisch verehrt und Allah islamisch, das kann nicht einfach als eine Dreifaltigkeit des einen wahren Gottes gedeutet werden.

Auch ist dann zu fragen, warum denn Gott statt einer wahren Religion drei wahre gegründet haben soll, die sich gar in ihren Gotteslehren voneinander unterscheiden und widersprechen und doch gleich wahr sein sollen. Liegt es hier nicht näher ausgehend vom Phänomen des Falschgeldes, das so ähnlich dem echten ist, daß damit betrogen werden kann, zu mutmaßen, daß es eine wahre Religion und Falschblütenreligionen gibt und daß so gewiß Gott nicht selbst der Autor aller drei Religionen sein kann. Prädestiniert für das Hervorbringen von Falschreligionen ist natürlich der Antigott, der Teufel selbst. Was liegt näher, als die wahre Religion durch falsche zu bekämpfen? Das ist nun für wahr ein völlig unzeitgemäßer Gedanke, aber vielleicht verstehen wir so erst wieder den Ernst des 1.Gebotes.



 

Montag, 26. April 2021

Irritierendes: Der Mißbrauchsskandal in der Kirche und die vorgeschlagenen Heilmittel



Eines fällt sofort auf: Es gibt da ein Problem, das abbreviaturhaft hier als sexuelle Übergriffe im Raum der Katholischen Kirche bezeichnet werden soll und Vorschlägen, des Wie auf diese Mißbräuchsfälle zu Reagierens, die in Gänze schon in der Kirche vertreten wurden, lang bevor dieser Mißbrauchsskandal in der (ver)öffentlichen Meinung die Kirchein Mißkredit brachte. Es sei nur an die antikatholische Initiative: „Wir sind Kirche“ erinnert werden, die seit ihrem Bestehen die Demokratisierung der Kirche, das Frauenpriestertum, die Bejahung gelebter Homosexualität und die Liberalisierung der Sexualmorallehre der Kirche einforden.

Was sich geändert hat ist jetzt nur, daß viele Deutsche Bischöfe sich mehr oder weniger dies Deformprogramm zu eigen gemacht haben und im und durch den „Synodalen Irrweg“ umsetzen wollen. Das Befremdliche ist nun dabei, daß dieses schon verstaubte Deformierungsprogramm plötzlich die kirchliche Antwort auf die mehr oder weniger aufgedeckten sexuellen Übergriff in der Katholischen Kirche sein soll. Die Therapie war hier also schon präsent, bevor die Krankheit wahrgenommen und auf ihre Ursachen hin analysiert worden war. Das ist so als sagte ein Arzt, was immer auch ihre Krankheit sein mag, Antibiotika und gesunde Ernährung seien immer die richtige Therapie.

Liegt da der Verdacht nicht nahe, daß hier dieser Skandal nur zum Anlaß genommen wird, endlich dies Deformierungsprogramm umzusetzen, obgleich es mit dem Problem der Mißbräuchsfälle in keinerlei Zusammenhang besteht.

Aber das könnte zu schnell hier geschlußfolgert worden sein. Der behauptete Zusammenhang zwischen der Demokratie, bzw der Demokratisierung der Kirche, also dem Hierarchieabbau und der nichtdemokratischen Verfaßtheit der Katholischen Kirche soll dabei ja dieser sein: Weil die Kirche nichtdemokratisch strukturiert sei, gäbe es in ihr viele Mißbräuchsfälle, wäre sie demokratisch strukturiert weniger. Dann müßte es in unserem Kaiserreich viel mehr Vergewaltigungen von Frauen gegeben haben als in der demokratischen Weimarer Republik und viel mehr Vergewaltigungen im 3.Reich als danach in Westdeutschland. Nur, nirgends findet sich dazu ein Beleg. Stattdessen gilt: Das Risiko für eine Frau in Westdeutschland, vergewaltigt zu werden war eindeutig höher als das für eine Frau in der DDR. Die Gewaltkriminalität war in der DDR überhaupt geringer als in der westdeutschen Demokratie.

Gibt es denn überhaupt irgendeinen Beleg dafür, daß eine Demokratisierung zu weniger Gewaltkriminalität und so auch zu weniger Vergewaltigungen führt? Ich kenne keinen.

Die zweite Säule der Deformagenda ist die Forderung der Liberalisierung der kirchlichen Sexualmorallehre. Wenn die Morallehre verliberalisiert würde, würde weniger gesündigt- das klingt doch sehr befremdlich. Die Antithese dazu würde lauten: Lehrte die Kirche, daß die Vergewaltigung eine schwere Sünde wäre, sodaß der Täter mit der ewigen Verdammnis in der Hölle zu rechnen habe, wer würde dann noch andere Menschen sexuell mißbrauchen? Das Ziel jedes sexuellen Mißbrauches ist der erwartete Lustgewinn. Dies kann in zweifacher Weise vorgestellt werden.Einmal ist der sexuelle Akt das Lusterzeugende und die Gewalt dient nur dazu, den sexuellen Akt zu erzwingen, da der Andere nicht freiwillig zum Sex bereit ist, er wird dazu gewaltsam gezwungen. Die andere Vorstellung: Die angewandte Gewalt steigert den Lustgewinn des Täters. Wem das völlig unvorstellbar ist, dem sei die Lektüre eines Romanes von Marquise de Sade sehr empfohlen.

Das Ziel ist also ein Lustgewinn und wohl ein sehr intensiver. Die Hölle gilt nun in der christlichen Religion, aber nicht nur in ihr als der Ort extremsten Leidens. Diese ewige Qual vor Augen habend, wer würde dann um des kurzen Lustgewinnes gewinnen die ewige Qual der Hölle in Kauf nehmen? Innerweltlich gilt oft die Parole, man könne so viel sündigen wie man wolle, nur dürfe man sich nicht erwischen lassen. Wie viele Täter haben wohl darauf vertrauend, nie in der Kirche überführt zu werden, sexuelle Mißbräuche sich geleistet? Nur dem allwissenden Gott gegenüber kann kein Täter seine Untaten verbergen, alles kommt im göttlichen Gericht ans Tageslicht und jeder empfängt dann für seine Untaten die gerechte Strafe von Gott her.

Aber dieser gerecht ur- und verurteilende Gott ist längst aus der Kirche verbannt worden, es gibt nur noch den: „Ich hab euch alle lieb Gott“, der niemanden verurteilt, bestraft oder gar zur ewigen Verdammnis verurteilt. Weil so die Gerechtigkeit keine Eigenschaft Gottes mehr ist, er eher einer Mutter gleicht, die wohl mal mit ihren Kindern schimpft, wenn sie den Fußball zum zigsten male ins Blumenbeet geschossen haben und alle Rosen hin waren, aber dann ihre Buben gleich wieder in den Arm nimmt, weinen sie deshalb und ihnen sagt: Ich hab euch doch lieb, auch wenn ihr soviel Unfug anstellst. Der Mensch ist eben vor Gott so zu einem Unmündigen geworden, dem sein böses Tuen nicht angerechnet werden kann. Er ist strafunmündig. Dieser Unmündige kann also vor Gott so viel sündigen wie er will, immer wird Gott zu ihm nur sagen: Dich hab ich lieb. Der verliberalisierte Gott begünstigt so jede Art des Sündigens, auch die sexuellen Übergriffe. So wäre die Revitalisierung des gerechten und so auch den Sünder strafenden Gottes das beste Mittel wider das Sündigen in der Kirche, wenn klar herausgestellt wird, daß Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe wirklich schwere Sünden sind, sodaß mit der Hölle als Strafe ernsthaft zu rechnen ist.



Noch eines fällt dabei auf: Allgemein stellt man sich eine Vergewaltigung so vor: Eine junge attraktive Frau wandert im Wald ganz allein, ein Mann springt ihr entgegen mit einer Waffe: Entweder bekomme ich jetzt meinen Sex mit dir oder ich bring dich um. Eine Möglichkeit hat diese Frau nun, daß sie nach ihrer Vergewaltigung der Polizei dies Verbrechen anzeigt, hoffend daß die den Täter überführt und der dann angemessen bestraft wird.Komplizierter liegt aber der Fall, wenn etwa ein Nachhilfelehrer regelmäßig ein Mädchen oder einen Jungen sexuell mißbraucht, Sex mit ihnen hat. Wo es eine Serie von Mißbräuchen an ein und dem selben Opfer gibt, stellt sich die Frage, warum dies Opfer diese Untat nicht anzeigt bei den Eltern, bei Freunden, die Rat wissen oder am besten bei der Polizei. Wie viele Mißbräuche in der Kirche hätten gar nicht sich ereignen können, hätten die Opfer diese Mißhandlungen gleich nach dem ersten male angezeigt!

Wenn es eine wirksame Prävention gegen zukünftige sexuelle Übergriffe gibt, dann wäre die effektivste der Aufruf an jedes Opfer, den Täter anzuzeigen. Wenn der Weg zur Polizei, um Untaten anzuzeigen, zur selbstverständlichen Praxis würde, dann hätten auch die Täter in der Kirche keine Chance mehr. Wer traute sich noch einen sexuellen Übergriff zu, wüßte er, daß dann am nächsten Tage die Kriminalpolizei vor seiner Türe steht.

Nicht kirchliche Reformen sind von Nöten, sondern eine Praxis des Anzeigens solcher Untaten bei der Polizei und eine Justiz, die solche Vergehen nicht als Kavaliersdelikte beurteilt sondern mit aller gebotenen Härte abstraft. Und dann ist eine Revitalisierung der Predigt von der Hölle von Nöten. Gott ist eben nicht einfach nur lieb, er ist auch gerecht und so immer auch als ein Gott der Strafe zu glauben. Dostojewski urteilte einst: Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt- es gilt aber genauso: Wenn Gott nur lieb ist, dann ist auch alles erlaubt. An einem liberal gedachten Gott: Ich hab euch alle lieb, egal wie ihr lebt!, daran geht auch die beste Moral der Kirche zugrunde!

 

Freitag, 16. April 2021

Irritierendes zu Ostern oder: Warum siegte Ostern Jesus Christus über den Tod? Ein Irrtum?

(daß das Kreuz Christi kein Justizirrtum war -Davila- und wie durch einen der Tod wirklich besiegt wurde)



Stellen wir uns einmal vor, Jesus wäre wie der hl. Stephanus von einer erzürnten Menge gesteinigt worden und wäre dann am 3.Tage von den Toten auferweckt worden von Gott. Erlaubten dann seine österlichen Erscheinungen, von seinem Sieg über den Tod zu sprechen. Im Prinzip unterschiede Jesus sich dann ja nicht von dem vom Tode auferweckten Lazarus. Beide Auferweckungen bewiesen ja nur, daß Gott als der Allmächtige Tote wieder ins Leben zurückrufen kann. Gott hatte schon vordem Henoch und den Propheten Elischa vor dem Tode bewahrt, indem er sie in den Himmel aufnahm bevor sie starben. Haben diese 2 Entrückungen den Tod besiegt oder auch nur bewiesen, daß Gott in seiner Allmacht Menschen vor ihrem Tode bewahren kann?

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ostern für sich genommen zeigt nur, daß Gott Tote auferwecken kann, wenn er will; Ostern besagt aber nicht, daß er alle Menschen so vom Tode erwecken werden wird, wie ja auch die Himmelfahrt des alttestamentlichen Propheten nicht besagt, daß Gott so nun alle von dem Tode erwecken will. Diese Himmelfahrt demonstriert uns nur, daß der Allmächtige das könnte. Ja die Kritiker des Apostels Paulus urteilten gar, daß, wenn Jesus wirklich leiblich auferstanden wäre, er ob seiner Leiblichkeit dann wieder sterben müßte- so wie eben auch Lazarus, auferweckt wieder sterben mußte. Seine Auferweckung ist eben kein Sieg über den Tod sondern nur eine Zugabe an Lebenszeit, die mit seinen Tode ihr Ende gefunden hatte.

Wie kam dann das Narrativ auf, daß Jesu Tod die Überwindung des Todes sei. Zwei Thesen dazu:

Vom Alten Testament her und isb von den Texten der Septuaginta (die Makkabäerbücher) her hatte sich im Judentum zu Zeiten Jesu der Glaube an die allgemeine Auferstehung der Toten oder die der Gerechten entwickelt. Die Pharisäer, zu denen Paulus ursprünglich gehörte, vertraten diesen Auferstehungsglauben, die Sadduzäer reprobierten ihn. Von dieser pharisäischen Glaubensvorstellung her wurde nun im Urchristentum das Osterereignis begriffen: Mit der Auferweckung Jesu war an ihm die erwartete und erhoffte Auferstehung aller am Ende der Geschichte vorweggenommen. Er war der Erstling und wie er würden dann alle auferweckt werden, weil in Jesus das Allgemeine singulär vorweggenommen sich ereignet hat.

Das Alte Testament lehrt den Tod als Folge der Sünde Adams und Evas. Es gibt für das AT keinen natürlichen Tod. Der Tod ist Gottes Strafgericht über den Menschen und deshalb erlitt auch Jesus am Kreuze das Strafgericht Gottes. Weil er aber nun nicht Gottes Strafgericht über seine eigenen Sünden erlitt, sondern weil er das Strafgericht als Sühne für die Sünden der ganzen Welt erlitt, braucht nun kein Mensch mehr den Tod als Strafgericht zu erleiden. Jetzt wird der Tod zum Hinübergehen in das ewige Leben. Der Tod als göttliches Strafgericht besiegte Jesus Christus, indem er ihn stellvertretend für uns erlitt. Das Jesus Christus hier um der göttlichen Gerechtigkeit willen das Kreuz erleidet, dafür steht das Faktum, daß Gott Jesus durch den Römischen Staat kreuzigen ließ; sei Tod ist so ein Ereignis im Rechtsraum des Staates und ist ein Akt göttlicher Gerechtigkeit.

Wäre sein Tod nur ein Willkürakt einer aufgehetzten Menge, sein Tod hätte nichts mit der Gerechtigkeit zu tun und seine Auferweckung wäre dann nur eine Revision einer Willkürermordung. Aber durch die Durchführung des Todesurteiles durch den Römischen Staat entsteht die Frage: Ist hier Recht oder Unrecht gesprochen worden?Spontan fällt die Antwort klar aus, daß hier ein Unschuldiger verurteilt worden ist. Aber dies Urteil verkennt, daß hier der vollkommen Unschuldige für die Schuld aller eintretend der wirklich zu Bestrafende geworden ist und so Pilatus auch rechtens das Todesurteil sprach. Wenn ich für einen Freund alle seine Schulden übernehme, dann verlangen die Gläubiger zu Recht von mir, daß ich alle Schulden begleiche. Das tat Jesus auch, als er unseren Tod auf sich nahm am Kreuze, damit wir ihn nicht erleiden müssen. So besiegt Jesus für uns den Tod, daß er nun nicht mehr der Straftod ist, der uns das Tor in die Unterwelt ist sondern uns zum Tore ins ewige Leben so geworden ist.

 

Samstag, 3. April 2021

Irritierendes zu Karfreitag: der verkannte Pontius Pilatus

(auch ein Versuch einer Metaphysik des Staates- wozu ist er da?)


Soll die Bedeutung für das Heilsgeschehen des Karfreitages von Pontius Pilatus begriffen werden, nicht als Privatperson sondern als Amtsperson, als ein Subjekt, das im Namen des Römischen Staates agiert, dann ist ein sicherer Weg der, zu konstruieren, wie der Karfreitag ohne ihn ausgesehen hätte (und auch ohne den jüdischen Hohepriester Kaiaphas), denn dann können wir uns an der Steinigung des ersten christlichen Märtyrers, des hl. Stephanus orientieren.

Jesus predigte in Jerusalem und empörte Juden steinigten ihn darauf, aber nach drei Tagen stünde er dann, wie es uns der Erscheinungsberichte erzählen, von den Toten auf, um den Seinen zu erscheinen. Er wäre ein Mensch gewesen, der nach unserem heutigen Urteil aus religiöser Intoleranz gelyncht worden wäre, den Gott aber für sein mutiges Bekennen mit der Auferweckung belohnt hätte. Eine Heilsbedeutung hätte sein Tod nur insofern gehabt, als daß daraus die Hoffnungsbotschaft derivierbar wäre, daß Gott jeden, der um der Wahrheit willen sein Leben verliert als Märtyrer auf eine Auferweckung hoffen dürfe.

Was ändert sich nun aber durch das Mitwirken des Staatsbeamten Pilatus an diesem Geschehen? Jesu Tötung wird in den Raum des Rechtes eingezeichnet. Wo der Staat Recht spricht, kann er auch Unrecht sprechen, aber gerade das Urteil, hier sei jemand zu Unrecht zu Tode verurteilt, bestätigt ja, daß dies Geschehen nun in dem Raume des Rechtes verortet ist.

Ein Todesurteil setzt ein Verbrechen juristisch gesprochen voraus, das so schwer ist, daß dafür die Todesstrafe angemessen ist. Hat Jesus ein solches begangen und hat ihn dann der Staatsdiener rechtens zu Tode verurteilt? (Ich setze hierbei die Rechtmäßigkeit der Möglichkeit der Todesstrafe in Übereinstimmung mit der hl. Schrift und der Lehre der Kirche gegen Papst Franziskus voraus.) Die Antwort fällt spontan leicht: Es war ein eindeutiger Justizirrtum; Pilatus ließ sich durch die aufgebrachte Volksmenge zu diesem Fehlurteil verführen- wo Recht gesprochen werden sollte, lieferte er den Unschuldigen der Lynchjustiz aus.

Diese spontane Antwort ist wahr und doch auch unwahr. Denn der Unschuldige, der war der, der als „Sündenbock“ die ganze Schuld der Menschen auf sich nahm, sie zu seiner eigenen machte und daraufhin die Strafe erlitt. Das ist vergleichbar mit jemandem, der erklärt, daß er für alle Schulden seiner Freunde aufkomme und der sie dann auch bis zum letzten Pfennig abzuzahlen hat, obzwar es gar nicht die seinigen sind. Pilatus meint, einen Unschuldigen zu verurteilen, aber aus politischen Erwägungen heraus ist er bereit, diesen Unschuldigen als Bauernopfer dem Volke auszuliefern, um es ruhig zu stellen. Aber er verurteilt objektiv geurteilt genau den, der alle menschliche Schuld auf sich genommen hat, sie zu der seinigen gar gemachr hat. Der Staat ist nun mal die Schwertgewalt, die nach Gottes Ordnung die Vollmacht hat, mit dem Schwert der Gerechtigkeit zu dienen. Das heißt immer auch, den Verbrecher zu strafen und Schwerstverbrecher mit dem Tode.

So verurteilt Pilatus den Gerechten rechtens, weil der Gerechte sich selbst zum Ungerechten gemacht hat, indem er alle Schuld der Welt auf sich nahm und somit auch die Strafe, die eigentlich den Menschen als Sünder zu treffen hätte. Das ungerechte Urteil ist so geradezu das gerechteste, denn in Jesus straffte er ja alle menschlichen Verbrechen.

Daß der Staat organisierte Gewalt ist, ist offenkundig, sie erscheint uns als Polizei- und als Militärgewalt. Was weniger offenkundig ist, daß diese Gewalt Gott in den Dienst der Gerechtigkeit stellt. Am Kreuz Christi wird dies aber offenbar. Der Kreuzestod Jesu Christi gehört in die Sphäre des Rechtes, für das Gott die Ordnung des Staates eingesetzt hat. Daraus erst ergibt sich die spezifisch soteriolgische Bedeutung des Kreuzes: Gott spricht durch dies Todesurteil selbst Recht, indem er den, der sich die Sünde aller auflud, indem er sie ans Kreuz trug, strafte. Gottes Zorn über die Sünden der Menschen entlud sich so auf seinen eigenen Sohn, um die Menschen zu verschonen. Daraus wird deutlich, daß der Kreuzestod Jesu kein einfacher Märtyrertod war, sondern ein, nein das Sühnewerk schlechthin, daß Gottes Gerechtigkeit forderte.

Eine Präfiguration dieses göttlichen Todesurteiles findet sich im Alten Testament, 4.Mose 25,4, wo es heißt: Gott sagte zu Mose: „Nimm alle Häupter des Volkes, und hänge sie im Angesichte der Sonne an Galgen, damit mein Grimm sich von Israek abwende.“ „in patibulis“ könnte aber auch mit: an Kreuzen übersetzt werden, dann wird der präfigurative Charakter noch deutlicher. Gott will den Tod einiger, um die Vielen zu verschonen. So deutete ja schon der Hohepriester seinen Rat, Jesus den Römern auszuliefern, um das jüdische Volk vor dem Zorn der Römer zu schützen.

Daß Gott ein Gott der Gerechtigkeit und nicht einfach nur einer der Liebe ist, das beweist das Kreuz Christi. Darum übernimmt auch der Staatsdiener Pilatus in diesem Heilsgeschehen eine so gewichtige Rolle - er steht dafür, daß im Kreuz Recht gesprochen wird und zwar göttliches. Das zeigt aber auch, wie sehr die Ordnung des Staates selbst eine göttliche ist, daß Gott eben nicht nur durch seine Kirche sondern auch durch das Schwert des Staates die Welt regiert.


 

Freitag, 2. April 2021

Irritierendes zu Karfreitag: der verdrängte Hohepriester

(eine Besinnung zum Verstehen des Priestertumes und der Eucharistiefeier)


Soll die Bedeutung des Hohepriesters Kaiaphas und damit auch die Bedeutung des Priestertumes des Alten Bundes für das österliche Heilsereignis erfaßt werden, ist dafür eine Möglichkeit zu fragen: Wie wäre es gewesen, wenn der Hohepriester, das Priestertum des Alten Bundes am Kreuze Jesu Christi unbeteiligt gewesen wären? Imaginieren wir uns, daß Pontius Pilatus auf eine Anzeige jüdischer Kreise Jesus hätte kreuzigen lassen, so wie es uns das Neue Testament rapportiert, nur ohne ein Mitwirken des Hohepriesters. Selbstredend interessiert für diese Frage nicht die Privatperson Kaiaphas sondern er nur in seiner Funktion als Hohepriester.

Wir hätten einen Justizirrtum vor uns, denn Pontius Pilatus hatte ja einen seinem Urteile nach Unschuldigen hinrichten lassen, nur um dem Drängen der Volksmenge zu willfahren, die ganz basisdemokratisch seinen Tod wollte. Jesu Auferweckung hätte dann den römischen Justizirrtum korrigiert. Ob dieser Kreuzestod Jesu Christi nun eine soteriologische Bedeutung habe, könnte so diesem Ereignis für sich genommen nicht entnommen werden. Es muß hier klar distinguiert werden zwischen dem Ereignis und der urchristlichen Interpretation, daß Jesus für unsere Sünden uns zum Heile gestorben ist, und eruiert werden, was diese Ausdeutung zu einer legitimen macht.

Meine These: Durch das Mitwirken des Hohepriesters wird das Sterben Jesu am Kreuze erkennbar als ein Sühnopfer. Dieser Priester sagt selbst, daß er den Tod Jesu will, um das Leben der Vielen zu retten. Das sagt er, wie es das Johannesevangelium ausdrücklich aussagt, nicht aus sich heraus- sozusagen als persönliche Privatmeinung- sondern von Amtswegen. Es ist eben die Aufgabe des Hohepriesters, zur Entsühnung des Volkes jährlich ein Sühnopfer darzubringen. Er verkennt nun subjektiv diese Amtsintention, indem er meint, daß der Aufrührer Jesus den Römern auszuliefern sei, damit die ihn strafen, aber das Volk dann verschonen. Aber objektiv vollbringt er das, was seines Amtes ist: Als Priester übergibt er Jesus, opfert ihn aus, um das Leben vieler zu retten.Genau das ist der Wille Gottes, denn er will den Kreuzestod Jesu als Sühne für die Sünden der Menschen.


Das Priesteramt mit seiner Aufgabe des Opferdarbringens ist eine von Gott selbst eingesetzte Institution zur Regulierung des Verhältnisses zwischen Gott und seinem von ihm erwählten Volke. „Kommunikationsstörungen“ können dann sozusagen durch den Opferkult behoben werden, isb die Störung dieses Verhältnisses durch Sünden des Volkes. Diese Bereinigungsmöglichkeit verlangt aber auch ein Mitwirken des Volkes; Gott vergibt nicht einfach sola gratia, sondern er will Menschen als Cooperatoren des Heiles. Dazu befähigt Gott isb den Priesterstand. Darum wirkt auch dieser Stand mit an dem Heilsereignis des Kreuzes Jesu Christi mit. Jesus Christus ersetzt nicht einfach das Priestertum des Alten Bundes, sondern er läßt es priesterlich mitwirken. Erst vom Wirken des Hohepriesters fällt dann das Licht auf Jesus Christus selbst, der sich priesterlich als Sühnopfer selbst auf dem Kreuzaltar darbringt. Daß Jesu Tod nicht ein einfacher römischer Justizirrtum war, sondern eine kultische Opferhandlung, dafür steht der Hohepriester, der so nun wirklich das Sühnopfer darbrachte, indem er konzelebrierend sagte: Ich opfere Jesus, um die Vielen zu retten.


Das Priestertum des Alten Bundes, unser Bild von ihm muß wirklich purifiziert werden von dem Narrativ des Priesterbetruges, daß hier Menschen sich etwas anmaßten, was ihnen nicht zukommt, Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein. Das ist gerade seine ihm von Gott gestellte Aufgabe und nur weil es diese Aufgabe schon gab im Priesteramt konnte dann Gottes Sohn diese auch am Kreuze erfüllen. So gab es ja auch schon das Amt des Messias, bevor der Sohn Gottes dies Amt erfülte und so sich als der wahre Messias erwies:“Ich bin der, den ihr als Messias ersehntet!“ So erfüllt Jesus auch das Amt des Priesters, aber er beseitigt dazu nicht das von Gott gestiftete Amt, sondern nimmt es selbst in Dienst. Der Hohepriester Kaiaphas als letzter Priesteramtsinhaber des Alten Bundes brachte so das Kreuzaltaropfer dar, damit im Neuen Bund die Priester des Neuen Bundes dann das hl. Meßopfer darbringen,sodaß sich hierin das Priestertum des Alten Bundes prolongiert.

Hätte Kaiaphas nicht mitgewirkt, wäre Jesus Christus nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen, sondern um sie einfach zu negieren. Wäre der Hohepriester am Kreuzesaltaropfer gänzlich unbeteiligt gewesen, wozu sollte es dann noch in der Kirche Priester geben, denn dann könnte Jesus ja auch allein das Meßopfer wirken ohne einen Priester. Die Kirche erinnerte dann in der Eucharistiefeier nur noch an Jesu Opfer, um dann die Frucht des Opfers sakramental auszuteilen, wie es ja Luther und die anderen Reformatoren lehrten.

Der Hohepriester Kaiaphas steht nicht hoch im Kurs in der Kirche- völlig zu unrecht und: So verstellt sich die Kirche auch ein tieferes Verständnis ihres von Gott gewolltem Priestertumes.

 

Samstag, 6. März 2021

Leben wir in Zeiten der Dekadenz- Sagen wir Nein zum Leben? Irritierendes!

In den Sprüchen Salomons (8,35) steht geschrieben: „Omnes, qui me oderant, diligunt morten“= Alle, die mich (die Weisheit)hassen, lieben den Tod: ein auslegungsbedürftiger Spruch Salomons.

In welchem Verhältnis stehen hier der Haß und die Liebe? Wird die Weisheit gehaßt, weil der Tod geliebt wird? Oder ist die Folge des Hassens der Weisheit die Liebe zum Tode? Man könnte diese Aussage aber auch ganz anders deuten: Denen, die Weisheit hassen, wird gesagt, daß sie so unbeabsichtigt den Tod lieben, weil die Folge der Verachtung der Weisheit der Tod ist.

Spontan wird man meinen, daß jeder ganz natürlich sein eigenes Leben liebt und so als erhaltenswert erachtet, nur daß eben diese Liebe egozentrisch ist und so der Nächstenliebe ein Hindernis ist. An einem Mangel an praktizierter Nächstenliebe leide so die Menschheitsgeschichte. Es wäre so eine Aufgabe der Kultur, die egozentrische Selbstliebe zugunsten einer Selbstliebe, die auch einen Raum läßt für die Nächstenliebe umzuformen.

Aber Salomon mutet uns hier den Gedanken zu,Menschen uns zu imaginieren, die den Tod lieben, die die Weisheit als Kunst guten Lebens verachten, weil sie den Tod, den ihrigen und den anderer lieben.S. Freud sprach ja von einem Todestrieb des Menschen. Der Titel Jenseits des Lustprinzips der 1920 verfassten Schrift, in der Freud seine Überlegungen zum Todestrieb ausführt, deutet Freuds Verständnis desselben an: Er strebt nach Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre und des Todes.“ Wikipedia, Todestrieb.

Könnte so dieser Spruch Salomons als Beleg für einen solchen Todestrieb angesehen werden?

Noch verwirrender wird es, wenn man Versucht, zwischen diesem Todestrieb und der Vorstellung von der Liebe Tolstois einen Zusammenhang zu sehen. Denn so kritisiert E. Hirsch Tolstoi: „Zunächst jener dumpfe Liebesdrang, der das eigene Leben mit dem Leben aller Menschen, ja des Alls,verschmelzen möchte und sich zerstörend gegen alle Formen des Einzellebens wendet.“ Hirsch, Deutschlands Schicksal, 1920, S.134f.

Diese Verschmelzungsphantasie inkludiert ja die Verneinung des Einzellebens, es ersehnt seine Zerstörung. Wenn jedes bewußte Leben notwendig die Trennung des Iches von allem anderen mit sich zieht, weil alles Nicht-Ich dann dem Ich zu seinem Objekt wird, von dem er so als Ich abgesondert existiert, dann kann es diese Verschmelzung und dies Aufgehen in allem nur als Selbstnegation des Iches vollzogen werden- so wie das Ich im buddhistisch gedachten Nirvana sich nichtet. Ist solch eine Selbstauflösungsvorstellung nicht faktisch der Wunsch nach dem eigenen Tode? Wie könnte denn auch sonst das Belebte oder gar bewußte Leben eins werden mit dem Unbelebten?

Kulturkritisch formuliert, liegt es nahe, einen solchen Todestrieb nicht als eine Konstante im Menschen anzusehen wie etwa seinen Fortpflanzungstrieb, sondern als ein Phänomen dekadent gewordener Kulturen, daß nur der Kulturmensch des Lebens überdrüssig den Tod für sich und gar für alle ersehnt. Ist nicht Nietzsche einer der feinsinnigsten Kritiker solcher dekadenten Todessehnsucht, die er in Schopenhauers Lehre von der Verneinung des Lebenswillens wahrnimmt, sodaß er den Willen zur Macht als gesteigerte Lebensbejahung dieser Todesmelancholie entgegensetzt?

Die Weisheit Salomos erfaßte so eine dunkle Möglichkeit des Menschen, die sein, gar das ganze Leben zu hassen und so kein Ohr mehr haben zu können für die göttliche Weisheit als Lebenskunst.

Leben wir den nun, 100 Jahre nach Freud und Hirsch wieder in Zeiten der Dekadenz, jetzt auch in der Ausgestaltung des Selbsthasses des „Weißen Mannes“ auf sich selbst, daß nun die westliche Kultur, die abendländische ihren eigenen Untergang will?