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Freitag, 27. Dezember 2024

Soll und kann die Kirche an dem Aufklärungsphilosophen Kant genesen?

 

Soll und kann die Kirche an dem Aufklärungsphilosophen Kant genesen?


Nicht nur der „Startheologe“ M.Striet empfiehlt der Kirche, sich neu zu fundieren und. um der Moderne kompatibel sich zu gestalten, auf der Philosophie Kants sich aufzuerbauen. Pater Recktenwald analysiert nun die Kantrezeption dieses Fundamentaltheologen mit dem Resultat, daß dieser „Kantianer“ dessen Philosophie völlig mißverstehe: Wenn schon Kant, dann ihn erstmal richtig verstehen! In dem „Tagespost“ Artikel: „Eine reine Vernunft gibt es nicht“. "Wider die Schließung der Vernunft" am 21.Dez.2024 untersucht er nun die Kompatibiliät der kantschen Philosophie mit dem Katholischen Glauben und empfiehlt dann verblüffenderweise die philosophische Schule der Phänomelogie als eine bessere Alternative.

Das Anliegen der Transzendentalphilosophie ist legitim. Doch so genial ihre von Kant erstmals konsequent bedachte Fragestellung ist, so unübersehbar wird die Gefahr einer Sackgasse, in die die Entwertung der Erfahrung führen kann. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, meint Martin Buber. Begegnung ist Erfahrung. Wenn Buber recht hat, dann folgt aus dem Gesagten, dass die Philosophie sich vom wirklichen Leben so weit wie möglich zurückziehen muss, um zu sich selbst zu kommen. Diese Folgerung kulminiert in Kants Apotheose der „reinen Vernunft“: „rein“ bedeutet: rein von jeglicher Erfahrung. Lebenserfahrung zählt nicht. Das gilt auch für die moralische Vernunft: Eine „Metaphysik der Sitten“ ist die Erkenntnis der moralischen Prinzipien in ihrer „Reinigkeit“ aus bloßen Begriffen ohne Rückgriff auf Erfahrung. Die Erfahrungswelt ist für sie nur ein Anwendungsfeld, keine Erkenntnisquelle.“

Mit der Transzendentalphilosophie ist hier die kantsche Philosophie gemeint. In dem Satz: „Wenn Buber recht hat“, hat sich nun ein gravierender Fehler eingeschlichen, es müßte heißen: „Wenn Kant recht hat“. Daß Kant alle Erfahrung entwertet hätte, ist nun ein noch gravierendes Fehlurteil. Zur Veranschaulichung: Der Empirist Hume würde sagen: Wenn ich zwei Ereignisse sehe, daß ich in die Hände klatsche und daß ein Vogel davinfliegt und diese ursächlich verbinde in dem Urteil: „Weil ich in die Hände geklatscht habe, flog der Vogel davon“, dann ist das ein unbegründetes Urteil, weil die Kausalität nicht ein Bestandteil der Empirie ist, sondern nur meine subjektive Deutung der zwei Ereignisse. Kants Philosophie untersucht nun die Frage, warum das Urteil: „Weil ich in die Hände klatschte, flog der Vogel davon“ ein wahres Urteil ist. Es entsteht durch die Anwendung der Kategorie der Ursache. Diese ist nicht aus der Erfahrung gewonnen, sondern eine Hervorbringung der theoretischen Vernunft. Sie bringt diese Kategorie hervor ohne einen Rekurs auf die Empirie; aus der könnte sie auch nicht deduziert werden, wie es überzeugend der Empirist Hume nachweist.Simpler formuliert: Ohne unser Denken gibt es für uns keine Wirklichkeit, denn das was wir als wirklich bezeichnen, ist ein Produkt unseres Denkens, dem ein Rohmaterial zugrunde liegt, das uns aber in seiner unbearbeiteten Rohheit nie zugänglich ist.

Ein triviales Beispiel besonders geeignet für Brillenträger möge dies noch mals versimplifiziert veranschaulichen: Vor einem Gemälde in einer Kunstausstellung stehend schaue ich mir das Bild an, dann setze ich meine Brille ab und sehe das vorher gesehene Bild ganz anders, verschwommen. Wie ist es möglich, daß ich das eine Bild so verschieden sehe, daß in mir zwei verschiedene „Bilder“ von dem einen Bild außerhalb von mir erscheinen? In mir sind zwei „Abbilder“ des einen Bildes produziert worden und wenn ich auch meine, das Bild da außer mir seiend zu sehen, so sehe ich faktisch doch ein Abbild des Bildes in mir. Dieses Abbild ist nun das Produkt meines Sehens und Interpretierens des sinnlich Vermittelten. Kants Philosophie ist so eine Analyse des Sehens, wie dann in uns durch unser Denken unsere Wirklichkeit entsteht. Der fundamentale Irrtum des Empirismus ist nun der Glaube, einen unmittelbaren unreflektierten Zugang zu dem, wie es wirklich ist, zu haben, um dann unsere Deutungen der Wirklichkeit mit dem, wie uns die Wirklichkeit unmittelbar zugänglich sei, vergleichen zu können.

Ob nun der Philosoph Buber eine geeignete Quelle für das theologische Denken ist, das darf sicher bezweifelt werden. Die Behauptung, alles wirkliche Leben sei Begegnung, mag wohl für das Genre des Liebesromanes und Liebesfilmes gelten, wem das unverständlich sein sollte, emfehle ich aus der Serie: „Sturm der Liebe“ die jeweiligen Erstbegegnungen der Traumpaare der einzelnen Stafeln, filmästhetisch hervrragend inszeniert, besonders die erste Folge: Laura begegnet Alexander, aber sonst: 1.Gilt das nur für zwischenmenschliche Begegnungen? Begegnet einer Maus auch eine Katze wirklich, auch wenn diese Begegnung dann dann die letzte im Leben dieser Maus sein dürfte? 2. Ist jede Begegnung zwischen Menschen wirkliches Leben und eine Erfahrung, auch wenn ein Jude einem Hamasanhänger begegnet und daß die dann sein Lebensende herbeiführt? Man müßte also fragen, was hier präzise unter einer so qualifizierten Begegnung zu verstehen ist. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß am Ende dieser Näherbestimmung wir doch im Genre des Liebesromanes bzw Liebesfilmes enden werden. Das provoziert aber die Frage: Wie erkennen denn die zwei sich so Begegnenden, also Laura und Alexander, daß sie für einander bestimmt sind in dem Augenblick des Sichbegegnens?

Welche Bedeutung kann nun aber die Erfahrung für die Moralphilosophie bzw Moraltheologie haben. Pater Recktenwald will offenkundig darauf insisteren, daß die Erfahrung eine wesentliche Bedeutung für die Morallehre haben soll.Erfahren werden kann aber nur das, was ist. Die Moral sagt aber, was sein soll und daß ist kein Element der Erfahrung. Zur Veranschaulichung: Ein Mörder sitzt in einem Gefängnis,zu einer 20 jährigen Haftstrafe verurteilt. Er erfährt das Verhaftetsein als einen qualvollen Zustand und sagt sich: „Ich hätte mich nicht erwischen lassen dürfen, wenn ich nochmals wen umbringen werde, ich muß es besser anstellen, daß ich nicht wieder erwischt werden werde.“ Es gibt keinen zwingenden Grund dafür, daß die Erfahrung des Erleidens der Gefängnisstrafe ihn zur Einsicht verhilft: „Du darfst nicht morden!“ Das was hier so pathetisch die „Erfahrungswelt“ betitelt wird, ist nur ein Meer von Aussagesätzen: „So ist das“ und besagt nichts über das, was sein soll. Der Empiriker Hume hat das erkannt, er spricht deshalb von einem „naturalistischen Fehlurteil“, wenn von dem, was ist, auf das geschlossen wird, was sein soll!

Begegnen sich zwei Menschen, so ist keiner für den Anderen ein moralisch qualifizierbarer Anspruch. Der eine kann Ansprüche dem Anderen gegenüber erheben: „Du hast Dich mir gegenüber so zu verhalten!“, aber dann muß dieser Anspruch auch moralphilosophisch begründet sein, wenn er denn ein legitimer ist.Wenn ein Mann einer Frau begegnet und er ein Messer zieht: „Zieh Dich aus, oder ich ersteche Dich“dann ist das zwar eine ganz reale Begegnung im Leben dieser zwei Personen, aber der so gestellte Anspruch ist kein moraltphilosophisch legitimer. Ob der Philosoph Buber diese Begegnung als ein Fall für die Aussage, wirkliches Leben sei Begegnung ansehen würde, ich hoffe, daß er das nicht meint. Hätte er nachgedacht, hätte er diese Begegnunsthese nie aufgestellt.

"Karl Popper etablierte das Falsifikationsprinzip als Kriterium der Wissenschaftlichkeit: Wissenschaftliche Theorien müssen falsifizierbar sein, d.h. sie müssen zu erkennen geben, mit welchem empirischen Befund sie unverträglich sind.“ Wenn ein Theologe diese Aussage Poppers zustimmt, muß er bedenken, daß genau genommen, nur die Naturwissenschaften dann wirklich wissenschaftliche Theorien enthalten, schon die simple Aussage der Mathematik: Die Wurzel aus 9 ist Minus oder Plus 3, ist empirisch nicht falsifizierbar, da die Zahlen zwar real aber nicht empirisch sind. Für die philosophische Tradition des Nominalismus, in der die popperische Philosophie steht, sind zudem alle Abstraktbegriffe: der Mensch, das Volk, die Kirche, die Menschheit etc keine etwas Wirkliches Bezeichnendes, das empirisch verifiziert oder falsifiziert werden könnte. Für jedes theologische Denken ist das ob des ihm eigenen Begriffsrealismus, daß die Ideen real seiend in Gott sind, inakzeptabel. So schreibt Joseph Ratzinger, Benedikt VXI in seiner „Einführung in das Christentum“,in dem Kapitel: „Der Primat des Logos“: „All unser Denken ist in der Tat nur ein Nachdenken des in Wirklichkeit schon Vorgedachten.Es kann nur auf eine armselige Art versuchen, jenes Gedachtsein,das die Dinge sind, nachzuvollziehen und darin Wahrheit zu finden.“Der Empirismus verfehlt so die Wahrheit von jedem Seienden, weil es seine Idealität verkennt.

So muß geurteilt werden, daß Kants Moralphilosophie der katholischen auf jeden Falle näher steht als das buberische Begegnungsgerede. 

Ein Witzlein: Ein Empirist und ein Dogmatiker führen ein Streitgespräch: Der Dogmatiker urteilt, daß jeder Junggeselle ein unverheirateter Mann sei, dem Empiristen ist das purster Dognatismus. Er teilt 100 Fragebögen an Junggesellen aus, 97 sagen, sie seien unverheiratete Männer, 3 verneinen das: Also ist der Dogmatiker widerlegt. 


Mittwoch, 16. Oktober 2024

Die Verheißung des Naturalismus: Alles sei weltimmanent erklärbar, Gott sei so überflüssig

 

Die Verheißung des Naturalismus: Alles sei weltimmanent erklärbar, Gott überflüssig


Vorab, hierzu sei auf den guten Artikel zu dieser Causa der Internetseite „Communio“ vom 14.10.2024 verwiesen. Gott würde somit für nichts mehr gebraucht. In einer Hinsicht muß dieser These zugestimmt werden, daß viele Heutige ganz auf eine Vorstellung von Gott verzichten, da alle ihnen relevante Fragen ohne einen Rückgriff auf Gott als respondierbar scheinen. Die Welt sei eben ein sich geschlossenes und abgeschlossenes System,in dem alle seine Elemente hinreichend erklärt werden können. Manch moderne Theologie,sich dabei gerne auf D.Bonhoeffer berufend erwidert dann, daß Gott eben kein Lückenfüllergott sei, der nur dann noch ins Gespräch gebracht werden könne, wenn die Theologie etwas weltimmanent nicht Erklärbares aufgefunden habe: Da bräuchten wir Gott noch zum Erklären!

Es sollen nun trotzdem versucht werden, Gott als Lückenfüller zu rechtfertigen oder doch zumindest in dieser Funktion zu plausibilisieren. Gesetz den Fall, daß das Ganze ein in sich geschlossene System ist, in dem alle seine Elemente, daß sie sind und wie sie in dem System agieren, aus dem System selbst deduzierbar sind, woher kommt dann das Ganze und woher seine Ordnung? Denknotwendig muß immer ein letzter oder erster Grund angegeben werden, aus dem heraus dann alles andere ableitbar ist.Das heißt aber, daß jedes gründliche Denken ein metaphysisches ist, da es diesen Urgrund angeben können muß, aus dem dann alles andere deduzierbar ist.

Der in seiner Bedeutsamkeit kaum überschätzbare Philosoph Fichte hat das in seinem Werk: „Über den Begriff der Wissenschaftslehre“ auf den Punkt gebracht, daß eine Wissenschaft, die alles zu erklären habe, mit einem Grundsatz anzufangen habe, aus dem sie dann das Ganze konstruiert und somit die ganze Wirklichkeit begreift. Dieser Grundsatz kann nun wieder selbst nicht von etwas anderem abgeleitet werden, denn dann wäre er kein Grundsatz sondern nur ein Derivat. Der Grundsatz muß also in sich selbst evident sein.Es bliebe so nur die Wahl zwischen einer theologischen Metaphysik mit Gott als dem Urgrund und einer atheistischen Metaphysik. Aber der Naturalismus verwirft jede Metaphysik - siehe den Communioartikel. Er verzichtet so auf eine Antwort nach dem Grund von allem.

Das Ganzes, die Welt besteht nun aber nicht nur aus mit indikativischen Aussagen Aussagbarem, sondern auch aus Realitäten, die durch den Konjunktiv ausgesprochen werden. „Ich las gestern einen Roman, ich hätte mir auch einen Film ansehen können.“ Wie ist eine konjunktivische Aussage als eine wahre in der Welt, wenn sie ein geschlossenes Ganzes ist, in dem jedes Ereignis aus der Welt deduziert werden kann, zu erklären.Die naturalistische Sicht auf das Ganze kann genau genommen keine Ereignisse als kontingent geschehen erklären und für ihn kann es dann auch keinen freien Willen des Menschen geben. Die Willensfreiheit ist nämlich nach Kant kein Element der durch die theoretische Vernunft erkennbaren Welt. Der Kausalnexus der Welt verunmöglicht die Vorstellung von kontingenten Ereignissen und eines freien Willens. Das Ganze ist somit mehr als die Welt, die in den indikativischen aussagbare.

Daß es eine Moral gibt, die uns imperativisch auffordert, setzt voraus, daß es einen freien Willen gibt, der den moralischen Gesetzen gehorchen kann oder auch nicht. Die Naturgesetze determinieren den Lauf der Dinge der Welt, das ist die naturalistische Welt, aber die Moralgesetze konstituieren noch eine andere Welt, die der Freiheit, des so oder so auch nicht Wollenkönnens, der Kontingenz. Nur diese Welt der Freiheit ist nicht enthalten in der Welt des Naturalismus. Das Ganze ist also größer als die Welt des Naturalismus.


Eine menschliche Handlung hat ihren Sinn in sich oder außer sich, sodaß sie sinnvoll darauf bezogen vollzogen wird. Ich lese um des Lesevergnügens willen, oder um mich für eine Prüfung vorzubereiten. In der Welt sind nun viele Handlungen wahrnehmbar, die so sinnhaft erklärt werden können und wenn nicht, dann fehlen dem Interpreten der Handlung die Informationen, um den Sinn der Handlung zu verstehen. Denken wir an ein Theaterstück:Die Handlungen in ihm, alle zusammen haben einen Sinn, es reicht nicht aus, die eine Handlung eines Schauspielers zu verstehen, das ganze Theaterstück will verstanden werden. So drängt diese simple Tatsache einen gründlich die Welt als Ganzes Bedenkender die Frage auf, ob auch das Ganze einen Sinn hat oder nur eine Serie von Dingen und Ereignissen sei. Wer den Anspruch erhebt, das Ganze zu verstehen, muß auch hier eine Antwort geben. Die Theologie kann das, aber auch Metaphysiken geben darauf Antworten, nur der Naturalismus kann das nicht.Er kapituliert vor dem Ganzen, das aber nicht verstanden ist, solange um es mit Aristoteles zu sagen weder die Wirkursache noch die Zweckursache erfaßt ist. Auf Gott ist so nur zu verzichten, wenn der Anspruch des Erklärens sehr reduziert würde. Man stelle sich einmal vor, jemand beschriebe exakt jeden Spielzug einer Schachpartie aber könnte den Sinn keines Zuges erklären, da er das Regelsystem des Schachspieles nicht kennte.

Zusatz:

„Wir alle sind Schauspieler auf dieser großen Bühne, die sich Erde nennt“ Shakespeare. Der Naturalismus kann so dem Ganzen nicht  gerecht werden, dem Sinn des Erdentheaters. Wo etwas Ganzes ist, sieht der Naturalismus nur eine Vielzahl von Ereignissen ohne einen sinnhaften Zusammenhang.

 






















































Ratzinger als ein Prophet: Zur Krise der Kirche



1958 prophezeite Ratzinger ein Neuheidentum,das in der Kirche sich ausbreiten werde. Auf Kath info wurde dankenswerter Weise dieser prophetische Text des späteren Papstes vollständig abgedruckt am 14.10.2024 und sei hiermit eindringlichst zur Lektüre empfohlen. Da ist zu lesen: „Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht. Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, daß sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird“.

Die rund vierhundert Jahre könnten auf die Reformation bezogen verstanden werden, aber in dem Gesamttext findet sich keine und auch nur die kleinste Anspielung auf die Reformation. Dabei wäre die These, daß durch die Zerspaltung des Christentumes in die Katholische Kirche und den Protestantismus der Anfang des Zerfalles des damals noch existierendem christliche Abendlandes gesetzt worden sei, sehr plausibel.Wer den Text aber sehr genau liest, könnte eher den Eindruck bekommen, daß die staatliche Anerkennung der christlichen Religion durch den Kaiser Konstantin die Neuverheidnisierung der Kirche eingeleitet hätte. In der Konstantinischen Epoche sei eben die Differenz zwischen der Kirche und der Welt nivelliert worden, indem die christliche Religion zu der Staatsreligion avancierte.In dem Text wird ja antithetisch die Zeit, als die Menschen Christen wurden, indem sie sich persönlich zu Christus bekehrten von der Zeit unterschieden, in der man in die Kirche hineingeboren und hineingetauft wurde als ein Kind christlicher Eltern. Jetzt gälte es also, daß die Kirche sich in ihrer Differenz zur Welt begreifen müsse, damit sie sich nicht völlig verweltliche durch das Konzept der Staatsreligion, in dem tendenziell nicht die Welt verchristlicht sondern die Kirche verweltlicht würde. So habe hier der Theologe Ratzinger die Einsicht des Papstes Benedikt XVI, daß die Kirche sich zu entweltlichen habe, vorweggenommen.

Die Wahl des Begriffes des Neuheidentumes ist aber mehr als unglücklich. Denn die Heiden waren ja weder theoretische noch praktische Atheisten, sondern sie glaubten an ihre Götter und auch praktizierten sie ihre Religion,lebten also nicht so, daß sie zwar an ihre Götter glaubten, aber ihr Leben so führten, als existierten sie nicht. Unsere Gegenwart ist aber durch einen massenhaften Atheismus geprägt, bzw durch einen Gottglauben, ein Höheres wird es schon geben, der aber keine Relevanz für das Leben besitzt.Davon wäre ein neues Interesse an den heidnischen Religionen zu distinguieren, in der Romantik anhebend als das Interesse an den volkstümlich ursprünglichen Religionen, die dann die Katholische Kirche verdammt hätte. Die Verweltlichung der Kirche kann so auf keinen Fall als eine Selbstverheidnisierung aufgefaßt werden. Es ist stattdessen ihre Selbstversäkularisierung, daß sie nur noch eine Sozialdienstagentur sein will.

Auch ist wohl die pointierte Gegenüberstellung von der Kirche, der nur die sich zu Christus Bekehrten angehören zur Volkskirche, in die man hineingetauft wird, sehr problematisch, verkennt sie doch, daß wie der Alte Bund ein Bund Gottes mit einem Volke war, dem jüdischen, so auch der Neue Bund der mit einem Volke ist, dem Kirchenvolke. Zum Volkssein gehört nun aber konstitutiv,daß man in es hineingeboren wird und nicht in es eintritt wie in einen Verein. Das Problem ist deswegen nicht das Hineingeboren- und Hineingetauftwerden, sondern daß die Vermittelung des christlichen Glaubens an die so Hineingetauften nicht gelingt.

In dem Text wird die These aufgestellt, daß es selbst den Christen nicht mehr vorstellbar sei, daß es die eine wahre Religion gäbe, die als solche heilsnotwendig zu glauben sei, daß es doch wohl ausreiche, anständig zu leben, um gottefällig zu sein. Alle Religionen seien so gleichgültig für das Heil, wenn man denn überhaupt noch an eine Erlösung glaube.Heiden war ihre Religion aber nie so gleichgültig. Diese Vergleichgültigung kann wirklich nicht unter dem Begriff eines Neuheidentumes subsumiert werden. Wir erleben und erleiden eine Selbstsäkularisation, die so es vordem noch nie in der Menschheitsgeschichte gegeben hat.


























































Dienstag, 20. August 2024

„Die Liebe als die Vollendung der Moral“ das ist doch wahr oder etwa nicht?

 

Die Liebe als die Vollendung der Moral“ das ist doch wahr oder etwa nicht?



Pater Recktenwald präsentiert auf der Internetseite: „Portal der katholischen Geisteswelt“ eine Predigt zu dem Verhältnis von Liebe und Moral am 14.8.2024. Daß die Liebe die Vollendung der Moral sei, wird sicher bei jedem Christen spontan auf seine Zustimmung stoßen. Die dürfte dann unter katholischen Lesern noch zunehmen, wenn hierbei kritisch zu Kants Moralphilosophie Stellung bezogen wird, der als der preußische und protestantische Philosoph ja auch nicht recht ins Katholische paßt. Der Prediger faßt dabei die Kernaussage seiner Predigt für den eiligen Leser selbst so zusammen:

Aristoteles kannte die Philia, Platon den Eros, das Christentum aber brachte uns die Agape. Jesus Christus eröffnete uns die Möglichkeit einer Freundschaftsliebe mit Gott. Alle Moral ist seitdem in diese Beziehung eingebettet. Immanuel Kant fiel unter dieses Niveau wieder zurück, indem er Gott durch das Sittengesetz und die Liebe durch die Achtung als einzigem moralischem Gefühl ersetzte.“

Das klingt gut, aber fast schon zu gut, um wahr zu sein. Ist denn die Beziehung des Menschen zu Gott die der Freundschaftsliebe? Bringen dann etwa die Priester der Alten und des Neuen Bundes Gott die Sühnopfer aus Freundschaftsliebe dar? Hat nicht König David, und gibt es einen anderen so in der Bibel gerühmten König außer Salomon, aus Liebe einen Mann töten lassen, um dessen Ehefrau zu ehelichen, von der er ein gemeinsames Kind erwartete? Meist unbedacht bleibt dabei die Frage der Liebe dieser Frau, die den Mörder ihres Ehemannes heiratete. Was, wenn nun ein Homosexueller dies läse und so urteilte: „Den Mann XY liebe ich, also ist es auch moralisch legitim,mit ihm intim zu werden.“ Aber der Katechismus verurteilt das als eine Sünde wie auch, wenn ein verheirateter Mann zu seiner Geliebten geht. Indem sie lieben, sündigen sie.

Was ist denn nun unter dem Begriff der Liebe zu verstehen? Wer sich nun auf das Wagnis einließe, die Erfolgsserie: „Sturm der Liebe“ als eine große gediegene Studie über: „Was ist denn nun die Liebe wirklich?“ anzusehen, wird kaum noch auf die Idee kommen, die Liebe als die Vollendung der Moral anzusehen. In Goethes: „Wahlverwandtschaften“ wird doch schon klassisch der Konflikt zwischen der romantischen Ehe und der Ordnung der Ehe als einem integralen Bestandteil der Sittlichkeit dargestellt, wobei hier dann die sittliche Ordnung über die romantische Liebe einen zweifelhaften Sieg erringt, wohingegen in Fontanes „Effie Briest“ wie auch in Flauberts: „Madam Bovery“ die Liebe die Eheordnung zerstört. Seit dem gehört die Liebe zu dem Standartargument gegen Intitutionen und allgemeine Morallehren.

Liebe statt Institution, Bücher die mit dieser Parole die Katholische Kirche verdammen, damit ließen sich wohl ganze Bibliotheken anfüllen. Aber: Wie wäre ein Richter zu beurteilen, der aus Liebe zu einem des Mordes Angeklagten den freispräche: „Ich kann doch den, den ich liebe, nicht zu einer lebenslangen Kerkerhaft verurteilen“? Müßte nicht vielmehr von ihm verlangt wird, daß er gemäß seiner Berufspflicht urteilt und nicht nach dem Ansehen der Person des Angeklagten, ob sie ihm sympathisch oder unsympathisch ist.

Es drängt sich so der Verdacht auf, daß „Liebe“ und „Freundschaft“ eine allgemein anerkannte Sittlichkeit voraussetzen um dann als Motivationen, sein Leben demgemäß zu führen, fungieren. Existiert so eine nicht mehr, dann eröffnet die These der Liebe als der Vollendung der Moral der Amoralität Tür und Tor. Der kantianische Begriff der Pflicht ist dann ein Bollwerk gegen eine solche Selbstauflösung der Moral.

Der Prediger arbeitet mit der Antithese von Gott statt dem Sittengesetz. Das ist so sinnwidrig als schriebe ich: Gott statt die Gebote Gottes. Diese antithetische Gegenüberstellung suggeriert eine Unmittelbarkeit zu Gott, die es überflüssig mache, sich an Gottes offenbartem Willen auszurichten. In dem Sittengesetz wäre Gott mir nur im Medium des Gesetzes, aber meine Unmittelbarkeit erübrigt mir ein Sichausrichten auf dies Vermittelnde. Die Liebe soll nun gar das Hören auf Gottes jus naturae, auf das Sittengesetz als ein Fehlen dysqualifizieren. Bruder Konrad aber ist heilig gesprochen worden weil er seine Pflichten als Pförtner des Klosters erfüllte, seine Liebe galt der Berufspflichterfüllung und die heiligte ihn.

Abstrakter: Nicht bildet die Liebe einen Gegenpol zum Hören auf das Sittengesetz, sondern der Mensch lebt moralisch, der aus seiner Liebe zur Pflicht und zum Sittengesetz handelt. Wird aber die Liebe als pure Liebe, also aus dem Sittengesetz entbunden gelebt, dann resultiert daraus eine Praxis der Liebe, die moralisch wie auch ganz unmoralisch ausfallen kann. Das veranschaulicht sehr gelungen die Serie: „Sturm der Liebe“, so die ganze Fülle der Liebe ausschöpfend. Zudem: Der Gottesdienst ist ja in erster Linie unsere Pflichterüllung Gott gegenüber und darum ist es ja auch ein Dienst und nicht in erster Linie eine Feierveranstaltung einer religiösen Gemeinde. 

Zusatz:

Wie der hl. Augustin in seinen Confessiones schrieb, jeder wüsse, was Zeit sei, aber wenn er es erklären solle, löst sich dies Wissen in Unwissen auf, so scheint es sich auch mit der Liebe zu verhalten.