. Irrweg - der Genderismus - ein Auszug aus meinem Buch: "Der zensierte Gott"
(Meinen Lesern mute ich hier viel Text zu, aber knapper läßt sich eine Kritik nicht darlegen, wenn sie wirklich fundiert sein soll!)
A. Camus eröffnet sein Kapitel
„Die metaphysische Revolte“ mit dem Satz: „Die metaphysische Revolte ist die
Bewegung, mit der ein Mensch sich gegen seine Lebensbedingung und die ganze
Schöpfung auflehnt. Sie ist metaphysisch, weil sie die Ziele des Menschen und
der Schöpfung bestreitet.“
Um das Besondere der metaphysischen Revolte im Kontrast zur sozialen Revolte zu
unterstreichen fügt er hinzu: „Der Sklave protestiert gegen das Leben, das ihm
innerhalb seines Standes bereitet ist, der metaphysisch Revoltierende gegen das
Leben, das ihm als Mensch bereitet ist.“
Wir verstünden den Genderismus
völlig falsch, sähen wir in ihm nur eine frauenspezifische soziale Revolte mit
dem Ziel einer Verbesserung der Lebensbedingungen für Frauen. Dann wäre die
Eröffnung eines Genderzenters durch den EKD-Vorsitzenden Schneider eben nur eine
weitere Bereicherung des sozialen Engagements des Protestantismus, das die
Katholische Kirche ruhig nachahmen könnte. Nur, wer sich an das unsägliche
Antifamilenpapier der EKD erinnert, der wird wohl argwöhnisch fragen: Ist das
wirklich so eine unschuldige Sache mit den Genderstudies? Wird hier ein Geist
in das Christentum hineingelassen, den, hat man ihn erst mal gerufen, man nicht
mehr zu beherrschen weiß, den Geist einer metaphysischen Revolte, die das
Christentum so völlig zerstört? Der Verdacht ist erlaubt. Sichern wir Spuren
und Indizien!
Nicht ab ovo, sondern mit den
Grundsätzen des Genderismus soll nun die Erörterung dieses Themas eröffnet
werden. Beide Grundsätze stammen von Simone de Beauvoir, der Philosophin des
französischen Existentialismus, der Lebensgefährten Sartres, einer
außergewöhnlich talentierten Schriftstellerin. Die Grundsätze lauten: man wird
nicht als Frau geboren sondern dazu gemacht.
Mutterschaft ist heute eine wahre
Sklaverei.
( Anbei: es wäre eine eigene Untersuchung wert, den Niedergang des Adels als
der einstigen Elite der Völker in einem Zusammenhang mit der in Adelskreisen
üblich gewordenen Übergabe der eigenen Kinder von der leiblichen Mutter an
Ammen und Gouvernanten zu erörtern.) Auf diesen beiden Grundaxiomen baut dann
die Weltanschauung des Genderismus auf. Darum sollen diese Grundsätze nun
diskutiert werden.
2.13.1. Der erste Grundsatz
Der erste Grundsatz wird im
Genderismus entfaltet durch die Unterscheidung von Gender und Sex als
Geschlecht. Das natürliche Geschlecht der Frau wird von dem sozialen Konstrukt
des weiblichen Geschlechtes unterschieden. Diese Unterscheidung soll dabei
schon der erste Akt der Aufklärung sein, denn es wäre ein Anliegen
patriarchalistischen Denkens, das gesellschaftliche Konstrukt der Natur der
Frau als die Natur der Frau auszugeben. Etwas geschichtlich kontingent
Gewordenes würde so zu einer außergeschichtlichen Natur hypostasiert, zum Wesen
der Frau. Die Dekonstruktion dieser Natur der Frau, ihres Wesens ist, so das
erste Anliegen des Genderismus. Als postmoderne Gesellschaft „muß sie alles
>Natürliche< als bloßes soziales Konstrukt leugnen“, urteilt Lisson.
Die Frau soll ihrer geschichtlichen Entfaltung entkleidet werden, um so ganz
neu eingekleidet zu werden. Nicht ist so das Anliegen des Dekonstruktivismus
ein rousseauisches „Zurück zur Natur“ als dem wahren und unverdorbenem
Frausein, sondern es ist nur die Entkleidung der Frau, damit sie nun sich
einkleiden kann. Shopping ist angesagt. Sie soll so neu, frei, selbstbestimmt
sich kultivieren. Kultur ist so nicht per es ein Negativum. Nur die
patriarchalische Kultur wäre rein negativ. Die sich aus dem Patriarchalismus
emanzipiert habende Frau soll sich nun erst frei neu erwählen als freies
Projekt ihrer Selbstbestimmung. Jedes Rollenbild, jede Vorstellung vom wahren
Frausein behindere dabei nur die freie Wahl. Existentialistisch ausgedrückt:
Der Wahl der Frau, wie sie sein wolle, dieser ihrer gewählten Existenz geht
keine Essenz des Frauseins voraus. Denn jede Essenz limitierte die Freiheit des
freien Selbstentwurfes. Darum sollen alle gesellschaftlich bedingten Bilder des
Frauseins dekonstruiert werden als Hervorbringungen männlichen Willens der
Macht über die Frau. Erst wenn jedes normative Frauenbild aufgelöst ist,
entsteht das wahre Reich der Frauenfreiheit: sich frei bestimmen zu können!
Sartre legte diese
Grundkonzeption in seinem Essay „Ist der Existentialismus ein Humanismus ?“
prägnant dar. „Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht
definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst
in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen hat.
Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu
entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich selbst konzipiert.“
Ab ovo: Der Mensch ist nichts, das und nur das ist seine Freiheit, denn das
meint die reine Unbestimmtheit. Nur aus ihr heraus kann sich der Mensch frei,
nämlich willkürlich als Projekt entwerfen. Jede Vorstellung von einer Natur des
Menschen ist so ein Angriff auf die menschliche Freiheit. Gäbe es einen Gott,
dann bestimmte er das Menschsein, das Wesen des Menschen, und er wäre somit
unfrei, weil er nun nicht mehr der Kreator seiner selbst wäre. Der Genderismus
transformiert diesen sartreschen Gedanken nun um: Die Frau kann nur frei sein,
wenn die Gesellschaft, die patriarchalistische, ihr nicht mehr vorschreibt, wie
sie als Frau zu sein hat. Der Begriff der Natur der Frau wird so rekonstruiert
als Akt des Beherrschungswillens des Mannes: Er will ihr diktieren, wie sie zu
sein hat. Der gesellschaftliche Begriff der Frau, ihre Natur ist so das Produkt
einer gesellschaftlichen Konstruktion. Es gäbe zwar eine biologische
Grundausstattung der Frau, aber dies biologisch-natürliche Geschlecht dürfe
nicht verwechselt werden mit dem sozialen Geschlecht der Frau.
Die Frau ist nichts, bevor sie
sich selbst zu etwas entwirft, so würde es Sartre formulieren, ist so gesehen
noch radikaler, weil dieser Satz selbst noch die biologische Naturbestimmtheit
des Menschseins unterlaufen will. Nebenbei: Offenkundig bildet die
ockhamistische Gotteslehre, Gott als vollkommene Willkürfreiheit zu denken als
potentia absoluta, den ideengeschichtlichen Hintergrund des sartreschen
Freiheitsverständnisses. Begrenzt so die biologische Natur der Frau ihre
Freiheit? Genau das bejaht Beauvoir in ihrem zweiten Grundsatz: Mutterschaft
ist Sklaverei. Solange die Frau noch Mutter sein will, ist sie noch eingebunden
in die Natur und durch diese Einbindung unfrei. Erst wenn sie nicht mehr Mutter
sein will, ist sie frei. Und das lebte die kinderlose Beauvoir auch vor! Erst
wenn die Frau ihre innere Natur, ihr Berufensein zur Mutterschaft überwindet,
ist sie wahrhaft frei. Darum gehört zur feministischen Frauenemanzipation der
unbedingte Wille zum Recht des Tötens der eigenen ungeborenen Kinder. Es ist
bezeichnend, „dass der erste Staat der Welt, der Abtreibungen legalisierte,
Lenins bolschewistisches Russland gewesen war.“
Der Kampf gegen den einstigen §218 gehört so konstitutiv zum Genderismus
dazu. Und in diesem Punkte siegte der
Feminismus. Wahrscheinlich sind noch nie
im Namen einer Weltanschauung so viele Menschen getötet worden wie im Namen des
Feminismus. Kommunisten und Nationalsozialisten töteten wohl weniger Menschen
als Feministinnen Kinder abtreiben und töten ließen und lassen!
Es gibt einen abgründigen
Zusammenhang zwischen Sartres Rechtfertigungsversuche des stalinistischen
Terrors und des Ja der feministischen Beauvoir zum Kindermord, zur Abtreibung
verharmlost. Somit ist der Feminismus gerade in seiner genderistischen
Ausgestaltung eine metaphysische Revolte gegen die Natur der Frau. Aber es ist
auch ein Aufstand gegen das Leben: werden keine Frauen mehr Mütter, stirbt das
menschliche Leben aus.
2.13.2. Das natürliche und das
gesellschaftliche Geschlecht der Frau
Der als Frau geborene Mensch
verfüge über eine natürliche geschlechtliche Grundausstattung. Das wäre sein
natürliches Geschlecht. Dann gäbe es darauf aufbauend noch das soziale
Geschlecht der Frau. Das ist das, wozu die Frau durch die Gesellschaft in
Gestalt ihrer Eltern, des Kindergartens und der Schule gemacht wird. Wer auch
immer noch die Frauwerdung mitprägt, man denke an die Massenmedien, aber auch
an das soziale Umfeld, eines fällt ad hoc ins Auge: Die Frauwerdung der Frau
wird in diesen sozialkritischen Ansätzen sehr einseitig gesehen. Die Frau wird
gemacht durch die Gesellschaft. Das Spezifische, daß die Frau auch das Subjekt
ihres Werdens ist, wird dabei weitestgehend ausgeklammert. Dies evoziert die kritische
Anfrage: Könnte es denn nicht sein, daß dem Zur-Frau-Machen der Gesellschaft
ein Zur-Frau-Werden-Wollen der Frau entspricht? Implizit wird hier ein
Widerspruch hineingelesen zwischen dem, was die natürliche Natur der Frau
ausmacht und dem, was die Gesellschaft aus der Frau macht.
So müßte ein im Geiste des
Genderismus Urteilender sagen, daß wenn Mädchen lieber mit Puppen und Buben
lieber mit Autos spielen, dieses nichts mit der Natur der Mädchen und Buben zu
tun habe, sondern ausschließlich ein Produkt der geschlechtsspezifischen
Erziehung wäre. Gäbe es die nicht, spielten Jungen auch gerne mit Puppen und
Mädchen mit Werkzeugkästen. Sieht man kleine Mädchen mit lackierten
Fingernägeln und Schmuck, dann sind die Eltern oder die Gesellschaft daran schuld
und nicht etwa die ewige Natur der Frau, die den Blick in den Spiegel sucht:
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Lande?“ Der
einstige Mao-Einheitslook für Frauen und Männer wäre so das Paradies auf Erden
für Genderisten: Frauen, die nicht mehr als Frauen erkennbar sind!
Aber wie begründet der
Genderismus, daß die soziale Natur der Frau das ihr gesellschaftlich
zugeschriebene Frauenbild der biologischen Natur der Frau widerpricht? Solange
wir noch so fragen, denken wir die Natur, die biologische als die Norm für das
Soziale. Es läge dem ein romantischer Rousseauismus zugrunde: die gute Natur
und ihre Korruption durch das Soziale. Sartre weist uns da aber in eine andere
Richtung. Seit Humes Kritik am naturalistischen Fehlschluß, daß das, was ist,
uns sagt, was sein soll, wissen wir, daß das, was ist, nur das Material unseres
Gestaltungswillens ist. Die Natur ist nur noch der Rohstoff unseres
Gestaltungswillens. Unser Wille sagt, was sein soll, und er verfügt dann so
über die Natur, daß sie demgemäß gestaltet wird. Sartre mißt so der Natur
keinerlei normative Größe zu. Das übernimmt der Genderismus. Das ist auch nur
verständlich. Es ist ein Leichtes darzulegen, daß gerade das traditionelle
Frauenbild, das sie primär als Mutter und somit als Ehefrau sieht, der
biologischen Natur der Frau entspricht. Wir wissen: Die Natur kennt nur einen
Willen, den der Arterhaltung. Dem ordnet sie das Individuum unter: Es ist nur
um der Arterhaltung willen. Die Natur ist so gesehen sehr konservativ
ausgerichtet: Arterhaltung ist ihr oberstes Ziel. Das Leben ist dabei beständig
bedroht im natürlichen Kampf aller gegen
alle.
Nur, von all dem will diese
Weltanschauung nichts mehr wissen. Die Naturvergessenheit des Genderismus
zeichnet sie als typisches Phänomen der Großstadtkultur aus. Es sei hier en
passant an die immer noch lesenswerte Darstellung Oswald Spenglers „Die Seele
der Stadt“ erinnert. „Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben,
wohl als einzelner, aber nicht als Typus, als Menge; in seinem Gesamtwesen
erlischt die Furcht vor dem Tode. Das, was den echten Bauern mit einer tiefen
und unerklärlichen Angst befällt, der Gedanke an das Aussterben der Familie und
des Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des verwandten Blutes
innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als Pflicht dieses Blutes, das
Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als Verhängnis empfunden. Nicht nur weil
Kinder unmöglich geworden sind, sondern vor allem weil die bis zum äußersten
gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben
sie aus.“
Das ist nach Spengler das Besondere der Stadtkultur. Offenkundig ist der
Genderismus eine Gewächs, ein recht unansehnliches zumal dieser Asphalt- und
Betonkultur.
Nicht bildet also die biologische
Natur der Frau den normativen Gegenpol zum sozialen Konstrukt der Frau. Nein,
diese frauliche Natur soll geradezu entwertet werden zum Rohmaterial der freien
Selbstbestimmung der Frau. Sie will nur noch ein Projekt sein, ein
Selbstentwurf. Für einen solchen Selbstentwurf
wäre eine normative Natur nur eine unzumutbare Einschränkung. Ja, jedes
normative Frauenbild verkleinerte die Freiheit der Frau, sich frei zu
entwerfen. Sartre: „Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv
lebt“. Nur drängt sich nun ein gravierendes Problem
auf: Wenn es keine normativen Kriterien zur Prüfung eines Entwurfes der
Selbstbestimmung von Frauen gibt, wie und mit welchem Recht wird dann das
jetzige sozial konstruierte Frauenbild kritisiert? Es bliebe nur die reine
Formalität, daß das gesellschaftlich konstruierte Frauenbild nicht eine
Hervorbringung ungebundener Subjektivität von Frauen sei! Nur weil das
Frauenbild ein soziales sei, widerspräche es dem Ideal der Selbstbestimmung.
Nimmt man dies Argument ernst, wird die Frau und überhaupt der Mensch nur ein
freies Wesen werden können, wenn er asozial, außerhalb jeder Gesellschaft
lebte. Denn jede Gesellschaft bringt Rollenbilder hervor, geschlechtliche von
Mann und Frau, soziale von Lehrer und Schüler, Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
beliebig ergänzbar, die so die jeweilige Freiheit der Menschen auflösten, weil
sie keine freie Selbstbestimmung mehr zuließen. Wußte Aristoteles noch, daß der
Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist, so wird im Genderismus das Soziale
zum Feind der individuellen Freiheit. Jede Frau habe das Recht, sich so zu
bestimmen, wie sie es möchte ohne jede Rücksicht auf das Sozialwesen, in dem
sie lebt. Zugleich fordert diese asoziale Selbstbestimmung aber, daß sie
unbedingt von der Gesellschaft bejaht bzw. akzeptiert werden muß. So reduziert sich die Kritik an der sozialen
Konstruktion des Frauenbildes auf die These, daß, weil es sozial ist, es nicht
individuell ist, und nur individuelle Entwürfe des Frauseins entsprächen dem
Ideal selbstbestimmten Lebens.
2.13.3. Die Revolte wider Gott
Sartre erfaßt das widergöttliche
Anliegen des Genderismus treffend: Wenn es einen Gott gäbe, dann hätte dieser
Gott als Schöpfer dem Menschen eine Natur gegeben, und die wäre dann normativ
für den Menschen. Meiner Wahl, also meiner Existenz ging die Essenz meines
Menschseins voraus, und diese normierte meine Selbstbestimmung. Soll dagegen
meine Selbstbestimmung ein reiner Freiheitsakt sein im Sinne von Willkür, dann
darf meiner Wahl keine normative Vorgabe vorangehen. Eine von Gott geschaffene
Natur, die mir sagte, wie ich sein solle, verhindert eine freie
Selbstbestimmung unter der Prämisse, daß ich Freiheit als Willkür verstehe. So
revoltiert der Genderismus gegen den Schöpfergott, indem er die von Gott gewollte
Unterscheidung von Mann und Frau beseitigen will! Der Genderismus kämpft so
gegen die Natur der Frau wie gegen die Natur des Mannes. Denn die natürlichen
Unterschiede von Frau und Mann und die darauf aufbauende soziale Differenz von
Frau und Mann sind ja die Schöpfungsordnungen Gottes, die Gott gab, damit
menschliches Leben ermöglicht wird und gelingen kann. Der Archetyp aller
menschlichen Revolutionen gegen Gott bildet ja der Aufstand der Rotte Korach
wider die gottgewollte Hierarchie mit den Parolen von Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit bzw. politisch korrekter: Geschwisterlichkeit. Die ihm
nachfolgenden Revolten, von Luther über die Französische Revolution bis zum
Genderismus sind so gesehen nur Mutationen dieses Urbildes der Revolte wider Gott
und seine Ordnung.
2.13.4. Die Sexuelle Revolution
Oberflächlich betrachtet ist die
sogenannte sexuelle Revolution ein Produkt des Scheiterns des
orthodox-marxistischen Klassenkampfkonzeptes: Als das Subjekt der erlösenden
Revolution, die Arbeiterklasse unter Führung von kommunistischen
Avantgardeparteien die Hoffnung Linksintellektueller nicht erfüllte,
brachte u.a. Max Reich die These auf,
daß das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft die Unterdrückung der
Sexualität sei, und daß darauf aufbauend erst der Widerstreit von Kapital und
Arbeit sich formiere. Deshalb müsse, wer die bürgerliche Gesellschaft
revoltieren wolle, die Sexualität aus dem Gefängnis der bürgerlichen
Gesellschaft befreien. Das war sozusagen der revisionistisch-marxistische Grundsatz
der Kampagne der Sexuellen Revolution. F. Engels sagte: „In der Familie ist der
Mann der Bourgeois und die Frau repräsentiert das Proletariat.“
Der Kampf um die Befreiung der Sexualität verband sich mit dieser marxistischen
Familienkritik und wurde so zum Kampf wider die Familie. So urteilt Popov: „Das
traditionelle Familienleben und die Religion waren die hauptsächlichen Träger
der alten Kultur. Deswegen war die Politik der Befürwortung von Abtreibung
eines der Instrumente der gewünschten vorrevulutionären Zerstörung der
russischen Familie und der russischen Kultur.“
2.13.5. Die Technik als unser
Schicksal?
Nur, so wird die Tiefgründigkeit
dieser Bewegung übersehen. Kaprizieren wir uns auf das Hauptproblem. Es ist die
Abtrennung der Sexualität von der Fortpflanzung. Die Technik ermöglichte dies,
sodaß es zum Regelfall wird, daß Sexualität gelebt wird unter dem Ausschluß der
Möglichkeit, daß durch die gelebte Sexualität Nachwuchs entsteht. Die Pille und
die vielen anderen Verhütungmittel erlauben es, Sexualität zu leben, ohne daß
Nachwuchs entstehen kann. Ja, es bedarf
jetzt des besonderen Willensentschlusses der Partner, auf die Verhütung
zu verzichten, damit ein Kind entstehen kann. Die Technik, wenn man will, der
technische Fortschritt ermöglichte erst diese Trennung von Sexualität und
Fortpflanzung. Die Natur des Menschen wird somit durch diese Technik
überlistet. Erfand die Natur den Lustgewinn beim Fortpflanzungsakt, damit die
Menschen sich fortpflanzten - würde der Mensch sich nur motiviert durch die
Einsicht in die Pflicht zur Fortpflanzung zur Arterhaltung fortpflanzen, er
wäre wohl längst mangels Nachkommen ausgestorben - so trennt nun die Technik
den Akt der Fortpflanzung mit seinem Lustgewinn von der Frucht der
Fortpflanzung, dem Nachwuchs. Jetzt, wo der Gebrauch von künstlichen
Verhütungsmitteln zur Regel geworden ist, erscheint auch die Sexualität als
etwas Selbstzweckliches, das nur um des Genusses willen praktiziert wird. Das
wiederum legitimiert alle Arten praktizierbarer Sexualität, bereiten sie den
Praktizierenden nur Lust. Das ist der Kern der Forderung der gesellschaftlichen
Anerkennung aller sexuellen Praktiken, sofern sie nur alle Beteiligten
befriedigt. Daß die Sexualität wesenshaft auf die Fortpflanzung und die
Nachkommenschaft ausgerichtet ist, wird in den Zeiten der Verhütungsmittel nur
noch zum moralischen Appell. Faktisch ist diese Ausrichtung beseitigt. Faktisch
gab es vor den technisch-künstlichen Mitteln der Verhütung von
Schwangerschaften Methoden der Verhütung, so etwa die Propagierung des
Analverkehres durch den Radikalaufklärer Marquise de Sade, aber erst durch die
Omnipräsenz der künstlich-technischen Verhütungsmethoden kommt es faktisch zur
Abtrennung von der gelebten Sexualität von der Fortpflanzung.
Des Menschen Natur ist es, sein
Leben zu verkünstlichen. Diese These soll nun an den Anfang einer
tiefgründigeren Erfassung des Wesens des Genderismus vorangestellt und kurz
erläutert werden. Der Genderismus ist so
gesehen ein Nebenprodukt der technischen Revolution. Ein kurzer Blick auf den
zeitgenössischen Menschen reicht, um uns den Grad der Verkünstlichung vor Augen
zu führen: von der Brille, als künstlicher Sehhilfe, über die Heizung, die uns
vor der Kälte nicht nur des Winters schützt, über die Kleidung, die wir statt
der Wärme spendenden Behaarung tragen, bis zu künstlichen Ersatzorganen.
Seitdem der Mensch technische Geräte zur Naturbeherrschung entwickelte, wendete
er die Technik auch auf sich selbst an. Wir leben nicht natürlich, sondern
technisch-künstlich. Der Mensch versteht die Natur als Aufgabe zur
Umgestaltung. Nur in Mußestunden meditiert er in der Natur, betrachtet sie
genießend. In der Regel ist sie dem Menschen nur ein Rohstoff. Der
Schreinermeister sieht ein Stück Holz, und schon betrachtet er es unter
der Fragestellung: Wozu kann ich dies
Stück verarbeiten? Da wir Menschen selbst ein Teil der Natur sind, machen wir
uns selbst zum Rohstoff für eine technische Weiterverarbeitung. So gesehen
entspricht es dieser Neigung des Menschen, die Natur und somit auch die eigene
durch Technik zu beherrschen, daß der Mensch durch künstliche Verhütungsmittel
die gelebte Sexualität von der Fortpflanzung abtrennt. Er entnaturalisiert
damit die Sexualität. Sie wird jetzt nur noch um des reinen Lustgewinnes willen
praktiziert unter Ausschluß der Hervorbringung von Nachwuchs. Der Mensch
überlistet somit mittels der Technik die Vernunft der Natur durch den
Lustgewinn die Entstehung der Nachkommenschaft zu sichern. Am Endpunkt dieser
Entwicklung werden wir auf eine künstlich unfruchtbar gemachte Sexualität
stoßen, die Sexualität wird gelebt unter dem Ausschluß von der Möglichkeit der
Entstehung von Kindern und einer künstlichen Fortpflanzung. Das meint, daß die
Nachkommen in vitro erzeugt, vom Brutkasten zur Kita kommen ohne natürliche
Eltern und ganz und gar mutterlos. Das wäre der Endpunkt der Verkünstlichung
des menschlichen Lebens. Wem dies nur als grausige Zukunftsromanphantasie
vorkommt, der mag genau hinschauen, wie weit wir schon auf diesem Weg
vorangeschritten sind. Es bleibt die bedrückende Frage: Lassen wir den
technischen Fortschritt über uns herrschen, oder gelingt es dem Menschen, den
Fortschritt selbst im humanen Geiste zu beherrschen? Der Genderismus will die
totale Verkünstlichung des Menschen bis dahin, daß Frauen und Männer
gleichermaßen durch Kunstoperationen ihr Geschlecht beliebig ändern können. Ich
brauche nicht mehr zu sein, wozu mich die Natur bestimmt, also Frau oder Mann,
weil ich mein Geschlecht dank der Technik künstlich beliebig verändern kann. Lisson
bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Warum sind Männer eigentlich
Männer, Frauen eigentlich Frauen, Weiße weiß und Schwarze schwarz? Sie müssen
es doch nun nicht mehr sein, nachdem ihre >Natur< als etwas technisch
Variables verstanden wird, das nur der Zufall als Startbedingung so bestimmt
hat, was aber nicht heißt, daß jeder sein Leben lang schicksalshaft an diese
Bedingungen gebunden ist.“
Die Sexualität wird nun ob der Verkünstlichungstendenz zu einer Quelle reinen
Lustgewinnes, weil sie von dem Ziel der Sexualität, dem der Fortpflanzung
völlig emanzipiert ist. Dieser durch die Technik ermöglichten Sexualität ohne
Fortpflanzung korrespondiert dann die durch den technischen Fortschritt
ermöglichte Fortpflanzung ohne Sexualität, die rein künstliche Fortpflanzung.
Die Erziehung der künstlich erzeugten Kinder wird dann zur reinen
Staatsaufgabe. Das macht dann die Mutterschaft und die Elternschaft völlig
überflüssig.
2.13.6. Das soziale Umfeld des
Genderismus
Die Weltanschauung des
Genderismus hat sich natürlich nicht in einem luftleeren Raum entwickelt. Die
Katholische Sozialethik definierte einst als gerechten Lohn, daß der Ernährer
der Familie so viel verdiene, damit er davon die Familie, die Frau und die
Kinder unterhalten könne.
Marxisten meinten, daß der Mindestlohn ausreichen müsse zur Reproduktion der
Arbeitskraft als Ware für den Arbeitsmarkt. Das meinte auch die Perpetuierung
der Arbeitskraft in der Institution der Familie durch den eigenen Nachwuchs.
Denn die Wirtschaft funktioniert nicht ohne genügend Arbeitskräfte, die die
arbeitende Klasse selbst hervorbringt als zukünftige Werktätige. Um es
ökonomisch auszudrücken: es muß viel investiert werden, bis daß aus der
befruchteten Eizelle eine den Ansprüchen des freien Marktes genügende Arbeitskraft
hervorgebracht worden ist. Das sind - rein ökonomisch betrachtet - nur
Unkosten. Die Internationalisierung des Arbeitsmarktes bringt hierfür die
Lösung. In sogenannten Dritte-Welt-Staaten läßt man die Arbeitskräfte von der
Geburt an ausbilden, um sie dann in die hoch entwickelten Industriestaaten zu
importieren. Die Entwicklungskosten der Arbeitskraft werden so eingespart, sie
tragen allein die Entwicklungsländer, unterstützt durch die Entwicklungshilfe.
In den entwickelten Industriestaaten dagegen animiert man die Frau, keine
Kinder zu bekommen, damit sie einerseits uneingeschränkt dem freien
Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und damit andererseits die hohen Kosten der
„Kinderaufzucht“ im eigenen Lande vermieden werden. Der Genderismus ist so
gesehen die Wohlstandsideologie von Frauen, die die Notwendigkeit des
Nachwuchses den Frauen der „unterentwickelten“ Länder aufbürdet, um selbst
kinderlos die Früchte der Mutterschaft anderer Frauen zu genießen in Form des
Importes von
ausgebildetem Nachwuchs aus den
sogenannten Dritte-Welt-Staaten. Denn gerade auch die jetzt kinderlos lebenden
Frauen können weiterhin nur leben, wenn irgendwelche Kinder später für sie
sorgen, wenn auch nur als Finanzierer ihrer Renten durch Steuerzahlungen! Die
Ausbeutung der Bodenschätze der 3.Welt wird so ergänzt durch die Ausbeutung des
Kinderreichtumes der 3. Welt. Dort sollen die noch intakten Familien Kinder
hervorbringen, damit die hiesigen Frauen sich der Mühe und der Unkosten des
Kindernachwuchses entziehen können. Darin manifestiert sich die asoziale
Einstellung des Genderismus. Sie will die Willkürfreiheit von einigen Frauen zu
Lasten der vielen anderen in den „Entwicklungsländern“. Diese asoziale
Einstellung paßt aufs beste in einen von allen sozialen Verpflichtungen sich
emanzipierenden Turbokapitalismus, dem Motor der Globalisierung. Damit zeigt
sich mal wieder, wie sehr der hl. Vater Franziskus im Recht ist, wenn er immer
wieder den Kapitalismus als unsoziale Gestaltung des Wirtschaftslebens
kritisiert.
2.13.7. Der radikale Aufstand
gegen Gott, der 2. Grundsatz
Ich möchte in loser Anlehnung an
Ernst Noltes Diktum von den Widerstandsformen gegen die Globalisierung von den
verschiedenen Widerstandsformen wider die Herrschaft Gottes sprechen. Der
Mensch revoltiert wider Gott. Die radikalste Widerstandsform gegen Gott ist das menschliche Nein zur
Fortpflanzung, zum Leben. Gott schuf den Menschen. Der Gott des Lebens will
Leben, und darum setzte er den Menschen als weibliches und männliches
Menschsein. So und nur so können sie sich fortpflanzen und somit den Tod
natürlich überwinden. Mancher Bibelleser wird vielleicht den göttlichen
Imperativ an den Menschen, das erste Gebot, das Gott Frau und Mann gab: „Seid
fruchtbar und mehret euch!“ (Gen 1,28) als etwas peinlich empfinden. Hätte Gott
den Menschen nicht etwas Geistiges, Höheres anbefehlen können, etwa: Strebet
nach der Gotteserkenntnis, lebt heilig? Nein, der Grundauftrag lautet: pflanzt
euch fort. Könnten wir nicht einwenden: Das tun die Menschen schon von Natur
aus ob ihres sexuellen Fortpflanzungstriebes? Dieser göttliche Imperativ sei so
gesehen überflüssig. Eigentlich hätte Gott stattdessen anordnen müssen:
Pflanzet euch gemäß der Ordnung der Ehe fort, denn die bloße Fortpflanzung
würde sich auch instinkthaft natürlich ohne einen göttlichen Imperativ
ereignen! Nur, Gott selbst ordnet dies als seinen ersten Befehl an Mann und
Frau an! Können wir dafür einen Grund eruieren? Ja, der göttliche Imperativ
sagt, daß es der ausdrückliche Wille Gottes ist, daß der Mensch sich fortpflanze.
Simone de Beauvoirs „Nein“ zur Mutterschaft, weil die Mutterschaft die
Sklaverei der Frau sei, ist so die radikalste Auflehnung gegen Gott, gegen sein
erstes Gebot, daß er als der Schöpfergott das menschliche Leben will und daß es
sich darum fortzupflanzen hat. Der göttliche Imperativ impliziert aber noch
etwas anderes: daß der Mensch wirklich die Möglichkeit hat, nein zum Leben zu
sagen in der Form des Freitodes und zur Fortpflanzung. Der Mensch wird nicht so
durch seinen Lebenswillen und seinen Willen zur Fortpflanzung determiniert, daß
er sich nicht frei gegen sein Leben und das menschliche Leben stellen könnte.
Weil der Mensch Nein zum Leben, zur eigenen Arterhaltung sagen kann,
verpflichtet Gott den Menschen durch dies erste Gebot zum Leben und somit zur
Arterhaltung durch die Fortpflanzung. Im Timotheusbrief ( 2, 15 ) wird dieser
göttliche Imperativ in der Darlegung des Ordo Salutis der Frau noch einmal
bestätigt: die Frau werde dadurch gerettet, daß sie Kinder zur Welt bringt und
fromm lebt. Die göttlichen Ordnungen der Ehe und des Staates sind so Gottes
Ordnungen zum Erhalt und das heißt immer auch zur Fortpflanzung des Menschen
angesichts der Bedrohung des Lebens durch den Tod. Der metaphysische Gehalt
dieser genderistischen Revolte ist sein Nein zum Leben in der Verweigerung der
Fortpflanzung.
2.13.8. Die große Täuschung: das
Ideal der Selbstbestimmung
Man könnte nun das Anliegen der
Genderstudien reduzieren auf den Imperativ: Da, wo bisher die gesellschaftliche
Fremdbestimmung der Frau durch das Konstrukt der Natur der Frau war als
normative Vorgabe für die Frau, soll nun die Realität völliger Freiheit der
Selbstbestimmung der Frau treten. Jede Normativität, jedes normierende
Frauenbild wäre so ein Angriff auf die vollkommene Freiheit der Frau. Nur, zu
unserer Enttäuschung: Immer dann, wenn sich nun eine Frau frei dazu
entscheidet, gemäß dem traditionellen Frauenbild zu leben und ihr Glück in
Liebe und Familie zu finden und nicht im werktätigen Berufsleben, sind unsere
Genderisten empört! Eine Frau entscheide sich nur frei, wenn sie sich gegen das
traditionelle Frauenbild entscheide. Sonst triebe sie so einen Mißbrauch mit
ihrer Freiheit! Die Frau ist so gesehen dazu verpflichtet, sich ihre Freiheit
zu bewahren, indem sie, wozu auch immer sie sich positiv entscheidet, sie sich
negativ gegen das traditionelle Frauenbild zu entscheiden hat. Sie darf alles
sein wollen, nur nicht Frau im klassischen Sinne! Das ist die große Intoleranz
des Genderismus.
Im Hintergrund steht dabei die
Vergötzung der Erwerbsarbeit durch Karl Marx in seiner These, daß der Mensch
sich durch seine Arbeit selbst hervorbringe, moderner formuliert:
selbstverwirkliche. Dies gälte aber nur für die Erwerbsarbeit, nicht für die
Arbeit in der Familie, für die Frau, deren Beruf die Mutterschaft ist. Sie
arbeitet nicht und soll deshalb schnellstmöglich um ihrer Menschwerdung willen
in die kapitalistische Wirtschaft integriert werden. Die Frau soll so von der
Familie und der Mutterschaft vollkommen emanzipiert werden, damit sie wie der
Mann uneingeschränkt der Wirtschaft zur Verfügung steht! Die Frau wird so der
Ökonomie geopfert!
Einfach gesagt: wenn unser
kleines Madel im Kindergarten, wo nach Meinung nicht nur der katholischen
Caritas die Erziehung im Ungeiste des Genderismus anzufangen hat, wenn also
unser kleines Madel mit Puppen spielen will, dann ist dort die Hölle los: „So
nicht!“ Du mußt jetzt mit Schraubenziehern spielen, damit so früh wie möglich
die Umerziehung erfolgversprechend
beginnt! Die Kitas und Kindergärten sollen so zu Umerziehungslagern im
Geiste des Genderismus werden. Wehe, wenn die Kleinen natürlich bleiben wollen!
Das ist der totalitäre Charakter dieser Revolte wider Gott. Es ist bezeichnend,
daß die Homosexlobby heute die führende Kraft im Kampf wider die
Meinungsfreiheit ist in ihrem Anliegen, jede Meinungsäußerung, die nicht mit
ihrer Homosexideologie übereinstimmt, verbieten zu wollen und strafrechtlich zu
verfolgen.
2.14. Die Welt ist in Ordnung -
warum revoltiert der Mensch gegen Gott?
Wir könnten es uns einfach
machen! Gott ist als vollkommen zu denken, und so müsse sein Werk auch
vollkommen sein. Wir Menschen lebten in der Welt, die ein vollkommener Gott
geschaffen habe, und diese müsse dann auch vollkommen sein. Menschen, die gegen
diese Welt und ihre Ordnungen revoltierten, revoltierten so gegen die
vollkommene Welt! Aber leben wir denn in einer vollkommenen Welt? Ja, wir leben
in der vollkommensten aller möglichen Welten, so dachte es der Philosoph
Leibniz, und Schopenhauer protestierte mit seiner ganzen Philosophie gegen
diesen leibnizschen Optimismus. Unsensiblen Menschen mögen die Millionen Toten
des 1. und 2. Weltkrieges erst ein Argument, ja der Beweis gegen die
vollkommenste aller denkbaren Welten sein. Feinfühligeren reicht schon der Anblick
eines einzigen unschuldig leidenden Kindes, um mit Karamasoff „Nein!“ zu sagen
zu Leibniz Optimismus.
Und protestiert nicht schon der Prediger Salomon gegen diese Welt, so wie sie
ist? Auch wenn es frommen Ohren unschön in den Ohren klingt: „Alles ist eitel,
alles ist nichtig,“ und wie all die
Übersetzungen des hebräischen Textes dann auch lauten mögen, unbestreitbar ist,
daß der Prediger meinte: „Alles ist Scheiße!“. Das wäre die beste Übersetzung,
die die Textintention wirklich trifft, aber so übersetzt niemand, weil man
diese Wahrheit dem Bibelleser nicht zumuten will! Wir können weiterfragen: Ist
die christliche Religion nicht eine Erlösungsreligion? Sie sagt nicht: „Ich bin
in Ordnung, die Welt ist in Ordnung, weil Gott die Welt und mich so geschaffen
hat, wie er es wollte, und Gott will nur das Gute und Vollkommene!“
Leben wir wirklich in der besten
aller denkbaren Welten? Wäre dann der
christliche Glaube das Vertrauen darauf, daß wir in der vollkommensten aller
möglichen Welten leben? Wäre dann die göttliche Offenbarung die Aufschließung
unserer Augen, daß wir endlich sehen, daß wir in Gottes vollkommener Welt
leben? Jesu zerriß den Schleier vor unseren Augen, nur um uns zu sagen, daß wir
uns falsche Vorstellungen machten. Alles sei gut, und Gott liebe uns, weil wir,
die ganze Schöpfung gut sei! Schlagen wir jetzt die Bibel auf, lesen wir da
nicht, daß Gott auf seine Schöpfung schaute und sagte: „Alles ist gut“?
Beginnen wir jetzt mit der
Anfangsgeschichte, dem Uranfang. Eine
große Erzählung liegt vor uns. Sie erzählt uns, warum die Welt, in der wir nun
leben, so ist, wie sie ist, obwohl sie von einem Gott geschaffen worden ist,
der vollkommen gut ist. Es wird der Fall der Schöpfung erzählt.
Ideengeschichtlich setzt diese Erzählung die Geschichte vom Fall Jerusalems,
dem Strafgericht über Israel voraus. Im Exil, vertrieben von ihrer Heimat,
gefangen im babylonischen Exil, stand Israel vor der Frage: „Wo war unser Gott,
als wir den Krieg verloren und der Sieger uns ins Exil vertrieb?“ Gott selbst
strafte sein Volk, weil es gegen ihn gesündigt hatte. Gott ließ den Feind über
Israel siegen, den Tempel zerstören und all das Unheil über sein Volk kommen.
Das sogenannte deuteronomistische Geschichtswerk, (das Buch der Richter, die
Samuel- und die Königsbücher ) erzählen die Geschichte des Volkes Israel nach
unter der Frage: Warum strafte Gott sein Volk so? Sie zeigen, daß Gott sein
Volk rechtens so strafte, weil er mit diesem Volke einen Bund geschlossen
hatte, daß er ihr Gott sein werde, wenn das Volk gemäß Gottes Willen lebt. Was
der Wille Gottes ist, das sagt das Gesetz Gottes, und dies Gesetz hat Gott
seinem Bundesvolk bekanntgemacht. Der Bund sagt nun, daß Gott unter der
Bedingung, daß sie Gottes Gebote und Satzungen halten, ihr Gott sein will. Wenn
sie die Gebote nicht halten, dann wird Gott sie strafen, indem er sie aus der
Heimat, die Gott ihnen geschenkt hat, vertreiben wird.
Das radikal Neue ist die
Radikalisierung dieser Erzählstruktur. Aus dem Land Israel, das Gott seinem
Volke zum Erbe gab, wird das Paradies. Aus dem Bund wird das Gebot Gottes für
Adam und Eva, aus der Geschichte der Verfehlungen Israels wird die eine Sünde
Evas und Adams. Aus der Exilierung wird die Vertreibung aus dem Paradies. Nun
wird unser Erdendasein gedeutet als das Leben von Exilierten, wie es in so
unüberbietbarer Eindringlichkeit uns das „Salve Regina“ vor Augen malt: „Zu dir
rufen wir verbannte Kinder Evas. Zu dir seufzen wir trauernd und weinend in
diesem Tal der Tränen.“ Dies ist für die christliche Religion von eminenter
Bedeutung. Jetzt wird dem Menschen seine natürliche Umwelt, sein Sein in der
Welt zu einem Sein in der Fremde. Das Lebensgefühl der Weltfremdheit wird
geboren. Die Details der Geschichte sind nun zu bekannt, als daß sie hier noch
nacherzählt werden müßten. Gott schuf die Welt gut, er setzte den Menschen ein
in diese Welt, damit er in ihr lebe. Das Drama der ersten Sünde: Adam und Eva
sündigten.
Es soll nun unser Augenmerk auf
das gerichtet werden, was wir oft, schauen wir konzentriert auf das Drama der
ersten Sünde, überlesen. Die Einzelereignisse sind eingezeichnet in eine
strukturierte Erzählung. Erst durch diese Struktur erhalten die Einzelaussagen
ihre Bedeutung. Zur Veranschaulichung: Die Aussage „ich gehe zur Bank!“ ist
eine für jeden der deutschen Sprache Mächtigen verständliche Aussage. Wer
verstünde sie nicht! Aber: Ist damit eine Sitzbank oder eine Geldbank gemeint?
Das eine mal ging ich dahin, um mich auszuruhen, das andere mal, um ein Geld
abzuheben- also zwei grundverschiedene Handlungen. Liest jemand nur den Satz
„ich gehe zur Bank“, ist es ihm unmöglich, erkennen zu können, was unter Bank
er verstehen soll, und doch meint jeder, er verstünde diesen so einfachen Satz.
Die Fallgeschichte des ersten Menschen
ist nun eine hochkomplexe Erzählung, deren Einzelaussagen oft ob des
Verkennens der Erzählstruktur so „verstanden“ werden wie die Aussage „ich gehe
zur Bank.“
Das Ziel der Erzählung ist der
Kontrast von Vorher und Nachher. So schuf Gott die Welt, und das wurde daraus
infolge der Sünde Adams und Evas. Die Folge ist nun nicht eine immanente Folge,
die aus dem Tun Adams und Evas resultiert, sondern zeigt, wie durch Gottes
Strafen Gott selbst die Schöpfung und den in ihr lebenden Menschen änderte,
weil er ihn strafte. Der Mensch lebt nicht mehr in den Schöpfungsordnungen
Gottes, sondern diese sind verändert worden. Der Mensch, der exilierte, lebt
unter dem Fluch und dem Zorn Gottes. Er ist aus Gottes Nähe, dem Paradies,
verbannt.
Aber so ist das Wesen dieser
Anfangsgeschichte noch nicht erfaßt. Es soll ja nicht eine Geschichte im Strom
der Geschichten erzählt werden, die zusammen die eine Geschichte der Menschheit
bilden. Im Zentrum steht ja nicht eine Katastrophe im Laufe der Geschichte wie
die der Exilierung Israels, sondern der Fall des Menschen in die Geschichte. Im
Anfang war das Wort, der Logos, heißt es im Johannesevangelium in seinem ersten
Satz. Nicht wird eine Geschichte erzählt als eine unter vielen, sondern es wird
erzählt, warum es überhaupt eine Menschheitsgeschichte gibt. Anders gesagt: Wo
über die Geschichte nachgedacht wird, drängt das Denken notwendig zur
Anfangsfrage fort: Warum ist überhaupt Geschichte? Warum ist nicht nur Natur,
sondern im Kontrast zur Natur eine Menschheitsgeschichte, in der das Subjekt
Mensch sich zur Natur als etwas von ihm Verschiedenes verhält? Das Subjektsein
des Menschen setzt nämlich voraus, daß er sich von seiner Welt distanzieren
kann, sie sich zu einem Objekt machen kann, das er sich unterwerfen kann. Eine
Menschheitsgeschichte setzt die Zerreißung der Einheit von Natur und Mensch
voraus.
Ein Deutungsversuch: Denken wir
uns Gott als einen Theaterregisseur. Er entwirft eine Gesamthandlung, ein Drama
oder eine Komödie, ein Theater zur Ehre Gottes. Es verlangt nach einer Bühne,
die Welt und nach Schauspielern, den Menschen. Gott entwirft die einzelnen
Rollen, ihre Charaktere und besetzt sie mit den passenden Schauspielern. Die
Gesamthandlung ist sozusagen der Spielplan. Die theologische Sprache nennt das
die Vorsehung Gottes. Er teilt Menschen Rollen zu. Das bezeichnet das
theologische Denken mit dem Begriff der Prädestination: Gott erwählt bestimmte
Menschen zu etwas. Das Gesamthandlungsgefüge kennt nun noch komplexere
Handlungssubjekte, etwa Völker und Institutionen wie Staaten und Kirchen, die obgleich
sie selbst aus Menschen bestehen, auch eigenständigen Subjektscharakter haben.
Das meint einfach, daß sie Träger von Handlungen sind. Sie agieren in der
Geschichte. Die Gretchenfrage lautet nun: Gibt es im Raum der Geschichte
Kontingenz und Freiheit, oder ist alles durch den göttlichen Regisseur
determiniert? Ist Gott als vollkommener
Regisseur zu denken, sodaß alles, was auf der Bühne geschieht, genau so
geschieht, wie es Gott vorherbestimmt hat? In der Vorstellung des Schicksales
leuchtet diese Vorstellung immer wieder auf. „Der Mensch hat nur wenig
Mitspracherecht in seinem eigenen Leben. Das Schicksal hat das Sagen.“
Die Reformatoren Luther und
Zwingli bejahten dies.
Für sie determiniert Gott alles. Luther entfaltet diese Vorstellung einer durch
Gott völlig determinierten Welt in seiner Schrift wider den freien Willen und
Zwingli in seiner Schrift über die Vorsehung Gottes. Es sind zwei Schriften,
die heutzutage nur noch nostalgisch zur Kenntnis genommen werden. Das
menschliche Freiheitsbewußtsein revoltiert gegen die Zumutung, sich als von
Gott determiniert zu verstehen und so die Freiheit als illusionäre Täuschung zu
betrachten. Unsere Sprache und damit unser Denken widerspricht dieser
Vorstellung. Zu jedem indikativischen Satz, gestern tat ich dies, kann ich den
konjunktivischen Satz bilden, daß ich auch stattdessen etwas anderes hätte tun
können. Das Vermögen, in Konjunktiven zu denken, drückt so unser menschliches
Freiheitsbewußtsein aus: Es hätte auch anders kommen können! Nur die Vorliebe des
wissenschaftlichen Denkens für indikativische Aussagen kann dazu führen, die
Möglichkeit, konjunktivische Aussagen zu tätigen, zu vergessen. Luther und Zwingli können
deshalb in ihrem wissenschaftlich theologischen Denken keinen Konjunktiv
zulassen, und so stirbt die Freiheit. Weil Gott als Vollkommenheit zu denken
sei, muß von Gott ausgesagt werden, daß er, gerade so wie er handelt, nur
handeln konnte, weil er immer nur das Vollkommenste wollen und realisieren
kann. Vor unserem Auge entsteht so ein vollkommenes System, in dem Gott als
Erstursache durch sich selbst determiniert alles so wirkt, wie es ist und sich
ereignet. Um es mit Zwingli zu sagen: Gott ist als summum bonum zu denken, das,
weil es das ist, alles von Anfang an bis zum Ende determiniert, weil er selbst
durch sich determiniert ist.
Im vollkommenen System kann es
keine Freiheit geben. ( Nebenbei, das ist auch die Einsicht des Philosophen
Fichte, der mit seiner Ichphilosophie dem entgehen will.) Das göttliche Theater
lief wie eine perfekt programmierte
Maschine. In diesem System kann es keine Moral geben, weil es keine Subjekte
gibt, die für ihr Tun und Nichttun verantwortlich wären. Verantwortlichkeit
setzt nämlich denknotwendig die Freiheit des Subjektes voraus, so oder auch
nicht so wollen und handeln zu können. Ein Handlungsträger, von dem nicht
ausgesagt werden kann, er hätte auch anders wollen und handeln können, als er gewollt und gehandelt
hat, ist im strengen Sinne des Wortes kein Subjekt. Er wäre nur ein Wesen,
durch das Gott handelt. Er wäre für Gott nur ein Instrument oder Werkzeug,
dessen sich Gott bedient, um die Geschichte zu gestalten. Man könnte die
Grunddifferenz in der Rechtfertigungslehre zwischen dem Katholischen Glauben
und den Reformatoren zurückführen auf 1 Kor 15,10: Die Reformatoren lesen
statt: „Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle, nicht aber ich, sondern
Gottes Gnade mit mir“: Gottes Gnade DURCH mich, und entfernen so das
mitwirkende Ich um des „Allein aus Gnade willen.“
Interessanterweise versucht nun
auch der antireformatorische Theologe schlechthin, der hl. Ignatius von Loyola,
den Menschen von der Last der Freiheit, immer zu wissen, ich könnte auch immer
anders als ich jetzt will und handele, zu befreien, indem er die Forderung des
Kadavergehorsames einführt in die christliche Frömmigkeit. Der Christ soll zur
reinen Passivität werden und nur noch etwas wollen und tun, wenn es ihm
befohlen wird. Er soll sich somit freiwillig zum Werkzeug Gottes machen, indem
er seine eigene Freiheit verneint. Er kann dies aber nur, indem er seine
Freiheit betätigt zur Verneinung seiner Freiheit.
Aber all die Geschichten und
Szenen, die wir uns bisher vor Augen geführt haben, setzen doch immer voraus,
daß alle Handlungsträger in ihnen frei waren, so oder auch nicht so zu handeln.
Gott determinierte Abraham nicht, als er
sagte: „Opfere mir deinen Sohn“, es war Abrahams Freiheit, daß er „Ja“ zu
Gottes Befehl sagte. Er hätte auch Nein sagen können. Israel hat gesündigt,
sodaß Gott es strafte. Aber Israel hätte nicht sündigen müssen und Gott hätte
nicht strafen müssen! Wo kommt in ein perfektes System, dem göttlichen
Gesamtplan des Theaters mit seiner Bühne, der Welt und seinen Schauspielern die
Freiheit hinein? Wie konstituiert sich da eine wirkliche Geschichte? Anders
gesagt, daß eben kein perfektes Computerprogramm abläuft, in dem die
menschlichen Handlungsträger sich nur einbilden, frei zu agieren.
Die Anfangserzählung will diese
Frage beantworten. Es ist die Geschichte von der Freisetzung des Menschen. Gott
gab dem Menschen die Freiheit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.
Konkreter: Indem er dem Menschen ein Gebot gab, das er erfüllen oder auch nicht
erfüllen konnte, setzte er ihn als Freiheit. Er ist kein durch Gott
determiniertes Wesen, sondern ein zur Selbstbestimmung befreites Wesen. Die
Menschheitsgeschichte, die damit eröffnet wurde, ist dann folgerichtig die
Geschichte des Gebrauches und des Mißbrauches dieser Freiheit, und genau das
macht das Wesen der Geschichte aus. Und angesichts der Mißbräuche kommt die Freiheit
sogar so sehr in Mißkredit, daß man sie theoretisch und praktisch beseitigen
will. Theoretisch in allen Denksystemen, die lehren, daß der Mensch nicht das
Subjekt seines Wollens und Handelns ist, sondern nur ein Instrument, durch das
etwas Anderes will und handelt, der absolute Gott, die Natur, das Schicksal
oder wer auch immer und praktisch in allen Versuchen, politisch die Freiheit zu
beseitigen. In der Regel beschränken sich die Menschen aber in ihrer Abneigung
gegen die Freiheit darauf, dem Mitmenschen verbieten zu wollen, frei zu denken
und zu leben wie in der politischen Korrektheitsideologie.
Gott wollte und will aber die
Freiheit, weil er selbst frei ist. Das zeigt uns die Ursprungegeschichte. Sie
erzählt, wie der zur Freiheit aufgerufene Mensch anfing, Geschichte zu
schreiben, indem er seine Freiheit zur Wahl einsetzte, sich für oder gegen das
Gebot Gottes zu entscheiden.
Diese Ursprungsgeschichte gehört
so selbst nicht in die Geschichte, sondern sie erzählt, wie überhaupt erst
Geschichte wurde. Es ist die Gründungsgeschichte der Geschichte und erscheint
darum in der Erzählform des Mythos. Dieser Mythos ist nicht eine Vorstufe
späterer höher entwickelter Darstellungsformen von Geschichte in der Form der
wissenschaftlichen Darstellung, sondern sie stellt als Gründungsmythos der
Geschichte das dar, was historisch wissenschaftlich nicht darstellbar ist: den
Ursprung, das Davor vor aller Geschichte. Der Mythos ist so als Form die einzig
angemessene Darstellungsform dieses Davors.
Einfacher gesagt: Bevor der
Vorhang der Bühne sich hebt und das Drama der Menschheitsgeschichte beginnt,
konzipiert Gott das Subjekt der Geschichte. Er gibt ihm nicht eine Rolle und
einen Charakter, sodaß er dadurch determiniert dann auf der Bühne auftritt und
seinen Part spielt, den des Menschen. Sondern der Mensch ist von Gott als
Freiheit gedacht und das meint: Er kann und soll sich selbst bestimmen, wie er
die Rolle in dem Weltendrama spielen will. Indem Adam und Eva Nein zum Gebot
Gottes sagten, entschieden sie sich dazu, als „Neinsager“ in dem Weltentheater
aufzutreten. Sie wollten die Rolle des Revolutionärs, des Neinsagers. Und jetzt
erst schuf Gott für den Menschen, der als Neinsager existieren wollte, die ihm
gemäße Welt.
Von dieser Urwahl könnte das
gelten, was Sartre über den Selbstbestimmungsakt des Menschen schreibt: „So bin
ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes
Bild des Menschen, den ich wähle; indem ich mich wähle, wähle ich den
Menschen.“
So könnte dies für unser Anliegen ausgedeutet werden: Gott setzte den Menschen
als das Urbild aller Menschen nicht als determiniertes Wesen, sondern als eines
zur Selbstbestimmung bestimmtes. In einer Urwahl bestimmte sich der Mensch, und
darin bestimmte er das Wesen aller Menschen, insofern das Menschsein das ist,
was sich in allen Menschen individuiert und dabei das Wesen des Individuierten
ist. Sartre versucht den Menschen als
Freiheit zu denken. Er ist nicht wie ein Ding. Sein Sein ist ein von Dingen
grundverschiedenes. Sartres atheistische These lautet nun, versimplifiziert:
Wenn Gott ist, dann kann der Mensch nicht mehr als Freiheit gedacht werden. Er
wäre durch Gott zu etwas Bestimmten geschaffen. Der Mensch wäre aber nur frei,
wenn er sich selbst bestimmt, anstatt daß er bestimmt wird. Es soll deshalb
hier der etwas kühne Gedanke gewagt werden, daß Gott so sehr die Freiheit
liebt, daß er den Menschen wirklich zur Freiheit bestimmt hat.
Sartre sagt, „daß der Mensch
zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach
definiert. Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht
definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist.“
Versuchen wir es so zu denken: Wie Gott durch nichts bestimmt ist und nur
bestimmt ist, weil und sofern er sich bestimmt, so setzte er den Menschen als
sein Ebenbild, auch als reine Unbestimmtheit und damit zum Vermögen, sich zu
bestimmen. Für Gottes Selbstbestimmung kann es keine Norm geben, wie er sich zu
bestimmen hätte, denn alle Normen, auch die Unterscheidung von Gut und Böse
(die praktische Vernunft), Sein und Nichtsein (die theoretische Vernunft) und
die Unterscheidung von Schön und Nichtschön (die ästhetische Vernunft) sind ja
erst durch Gott gesetzt. Aber Gott setzt für den Menschen diese drei Ordnungen, er setzt den Menschen als sich frei dazu
verhalten könnendes Subjekt. Indem der Mensch sich in Hinsicht auf diese
Ordnungen selbst bestimmte, definierte, bestimmte er seine Natur. So hätte Gott
den Menschen in einer Urwahl sich selbst bestimmen lassen, wie er im
Welttheater Gottes auftreten will.
Gott hatte sozusagen eine ideelle
Welt geschaffen, wie jeder, der etwas schafft, erst eine Idee von dem entwirft,
was er schaffen will. Gott setzte in diese ideelle Welt den Menschen als zur
Freiheit bestimmten Menschen, damit er in seiner geschenkten Freiheit sich
bestimmte, wie er sein will. Gott hatte für ihn eine Rolle vorgesehen, aber wie
er sie ausführen wollte, das überließ er dem Menschen. Indem Adam seine
Freiheit zum Neinsagen nutzte, setzte Gott dann die Theaterwelt so, wie sie für
diesen so sich bestimmt habenden Menschen paßt. Gott paßte die Theaterwelt dem
Charakter des Menschen an, dem er sich selbst gab, indem er sich als Neinsager
wählte.
Wir leben jetzt in der gefallenen
Welt, der Welt, die Gott dem gefallenen Menschen gemäß umgestaltete. Denn in
Adam sagt der Mensch, daß er in Gottes Theater als Ungehorsamer agieren will.
Der sündige Mensch gleicht einem Schauspieler, der in permanentem Widerstreit
zu seiner Rolle sein Rollenleben führt. Gerade das macht das Dramatische der
Menschheitsgeschichte aus. Ohne das Sklavenhaus Ägypten hätte es auch keine
Befreiung aus ihm geben können. Ohne die Möglichkeit zum Sündigen gäbe es keine
Möglichkeit für ein heiliges Leben. Das Negative muß sein, damit das Positive
sein kann. Und somit eröffnete Adams Sünde die Menschheitsgeschichte als einer
dramatischen Geschichte. Die kirchliche Tradition spricht hier von der „felix
culpa“ des Adam, denn ohne sie wäre Gott
nicht Mensch geworden.