Gott ist die Liebe – ein paar verwirrende Anfragen dazu und ein Lösungsversuch
“Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.”1.Johannes 4,16b. Das ist doch eine eindeutige und klare Aussage und befreit uns vor den theologischen Spekulationen über Gott, weil hier sich gleich auf das Praktische konzentriert wird. Aber was, wenn nun angefragt wird: Liebe zu wem? Liebt Gott jeden Menschen, weil sie seine Geschöpfe sind, liebt er dann auch den Teufel und seine Daimonen, da er die ja auch erschaffen hatte, die er als gute Kreaturen erschuf und von denen er vorauswußte, daß sie gegen ihn rebellieren werden und so zu den Mächten der Finsternis wurden?
In welcher Liebe zu wem muß der Mensch bleiben, damit er in Gottes Liebe zu ihm bleibt? Ist hier an seine Liebe zu Gott und zu den Menschen zu denken, oder reicht etwa die Menschenliebe? Und was hat es für Folgen, wenn ein Mensch weder Gott noch seine Mitmenschen liebt? Die Aussage: „Wer in der Liebe bleibt“, ist doch conditional zu verstehen: Wer diese Condition erfüllt, der und nur der bleibt in Gott, wird also von ihm geliebt. Es gibt also die Möglichkeit eines Herausfallens aus dem Geliebtwerden von Gott.
Aber diese Aussage ist noch viel schwieriger als ein naiver Leser es sich vorstellt. Gott liebt: Diese Aussage ist klar: Gott fungiert als ein Subjekt, dem das Prädikat: „lieben“ zugeschrieben wird. Das evoziert nun die Nachfrage, die zur Klärung dieser Aussage notwendige: Liebt Gott notwendig, kann er nicht anders als zu lieben oder ist es ein kontingentes Geschehen, daß er also freiwillig liebt, daß er also auch freiwillig nicht lieben könnte? Wenn nun die Liebe des Menschen zu Gott und zu den Menschen als die Condition anzusehen ist, daß Gott einen Menschen liebt, dann kann diese Liebe keine notwendige sein, daß Gott völlig unabhängig davon, ob ein Mensch liebt, ihn liebt und immer lieben wird.
Aber in der Aussage wird das Lieben Gottes nicht prädikativ verwendet, sondern als eine, oder gar die Wesensbestimmung Gottes selbst. Damit steht die Theologie vor einer der schwierigsten Aufgaben, zu durchdenken, was das Wesen Gottes ausmacht. Dem Menschen, wie auch allen Geschöpfen Gottes ist durch Gott eine ihm und allen eigene Natur vorgegeben, dem Menschen seine menschliche Natur, zu der er sich dann noch reflexiv verhalten kann: Der Mensch kann sich bejahen als das, wozu ihn Gott erschaffen hat, erst Mal seine Natur oder er kann sie verneinen, indem er entweder mehr als ein Geschöpf Gottes sein will oder weniger. Aber stets liegt ihm seine Natur voraus zu der er sich dann sekundär kontingent verhalten kann. Diese Natur ist die Idee Gottes vom Menschsein und geht so ante rem seiner Existenz voraus. Aber die Idee des Menschen hat Gott selbst kontingent hervorgebracht, denn er hätte dem Menschen auch eine andere Natur zudenken können. Die ideele Welt, das Glaubensbekenntnis subsumiert sie unter die unsichtbare Welt, ist so von Gott verschieden, wie Gott als das Subjekt von dem verschieden ist, was er hervorbringt als von ihm Gedachtes, seinen Ideen.
Verhält sich nun Gottes Natur zu seinem Tuen wie es beim Menschen sich verhält: Sein Sein geht seinem Tuen voraus,wenn dabei unter dem Sein nicht das pure Seien sondern ein bestimmtes Sein, die Natur Gottes bzw die Natur des Menschen gedacht wird? Dann würde Gott wie ein kreatürliches Seiendes gedacht, also univok und nicht analog, ähnlich= analog und nicht gleichartig= univok. Die Natur des Menschen ist die Idee Gottes vom Menschsein, die jeder Einzelexistenz des Menschen zugrunde liegt, aber wie könnte nun Gott gedacht werden als ein Subjekt, dem seine eigene Natur genauso zugrunde liegt und zu der er sich dann nur noch reflexiv verhalten könnte wie ein Mensch?
Omnes determinatio est negatio, diese philosophische Erkenntnis kann und darf auch die Theologie nicht mißachten. Die Natur Gottes, das was ihm dann als zugrunde liegend gedacht würde, wäre als eine bestimmte eine Einschränkung Gottes: Sie besagt, indem sie aussagt, was Gott ist, was er alles nicht ist, weil er ein bestimmtes Sein ist. So würde Gott wie ein Mensch als ein Geschöpf gedacht, als eines das bestimmt ist und nicht durch sich selbst bestimmt ist. So kann aber Gott nicht als Gott gedacht werden.
„Gott ist die Liebe“ muß also als das Ergebnis des göttlichen Selbstbestimmungsaktes gedacht werden: Er hat sich dazu bestimmt, die Liebe zu sein. So wird Gott als causa sui gedacht. Gott setzt somit eine Ordnung der Liebe, in der er sich selbst positioniert. In dieser Ordnung gilt nun die Aussage:“Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.”1.Johannes 4,16b. Nicht ist Gott so die Liebe,daß er von seiner Natur aus jeden Menschen lieben müßte, gleichgültig wie er sich dem Menschen gegenüber verhält.
Corollarium
Eingedenk Heraklits These:„Der Krieg ist der Vater aller Dinge, aller Dinge König; die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.“ könnte man es so denken: Erst durch das Setzen von Differenzen, das etwas nur etwas ist, indem es etwas anderes nicht ist, entsteht bestimmtes Seiendes. Wenn Gott völlig unbestimmt wäre, wäre er weder für sich selbst noch für andere erkennbar, im Sinne Plotins wäre Gott das völlig Unerkennbare. Indem Gott sich aber selbst erkennt bestimmt er sich in diesem Akt zu etwas, zu seinem Gottsein und setzt damit die Differenz zu allem, was nicht Gott ist. Den Krieg deute ich hier als das Setzen von Differenzen, daß alles, was ist, nun nur etwas ist, indem es nicht so ist wie alles andere: "Ich bin ich, weil Du nicht ich bin!"
In dem Wikipediaartikel "Das Eine" wird die neuplatonische Position und damit auch Plotins vortrefflich charakterisiert:
"Wegen seiner absoluten Einfachheit bildet das absolu t transzendente Eine den äußersten Gegensatz zum Differenzierten und Mannigfaltigen. Es kann keine Unterscheidung enthalten, weder eine Zweiheit noch sonstige Pluralität. Jede Aussage, die eine positive Bestimmung darstellt, widerspricht dem absolut undifferenzierten Charakter des Einen, denn jede positive Bestimmung impliziert einen Unterschied, einen Gegensatz und damit Nicht-Einheit. Man kann nicht einmal wahrheitsgemäß aussagen, dass das Eine „ist“, denn das Sein als Gegenteil des Nichtseins oder das vollkommene Sein im Gegensatz zu einem geminderten Sein setzt bereits eine Unterscheidung voraus und damit etwas, was dem Einen nachgeordnet ist. Das Eine ist „überseiend“, es transzendiert das Sein. Es ist kein „Etwas“.
Als höchste Instanz nimmt dieses Eine im Neuplatonismus die Stellung ein, die in religiösen Systemen Gott bzw. der obersten Gottheit zukommt. Wegen seiner absoluten Bestimmungslosigkeit und seiner Seinstranszendenz dürfen ihm aber keine göttlichen Merkmale zugeschrieben werden. Daher ist sogar die Identifizierung des Einen mit dem Guten aus neuplatonischer Sicht nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt angebracht. Wenn das Eine aus der menschlichen Perspektive betrachtet wird, erscheint es als etwas Höheres und damit Gutes und kann daher als „gut“ bezeichnet werden. An und für sich ist es aber auch von dieser Bestimmung frei. Genau genommen ist es weder gut noch schlecht, sondern jenseits solcher Begrifflichkeit."
Ich möchte vorschlagen, das Verhältnis des "Eines" zu dem "Nous" bei Plotin als ein den Übergang vom Einen zum Nous als den Selbstbestimmungsakt Gottes zu rekomstruieren.