Eine vergessene Frage – eine zu unrecht vergessene im Diskurs der Kirche
„Dem,der tut,was in ihm ist, versagt Gott nicht die Gnade“= Facienti quod in se est,Deus non denegat gratiam“ wird Petrus Abaelardus zugeschrieben.1 Warum wird das mit dieser Aussage verbundener Problemkomplex heute kaum noch verstanden und in seiner Bedeutung verkannt? Diese Aussage setzt einen Kontext voraus, ohne den sie unverständlich ist: Gott will etwas von uns Menschen und wenn wir das tuen, will er uns etwas Gutes geben. Und Gott hat uns offenbart, zur Kenntnis gegeben,was er von uns will. Das klingt banal, aber selbst solche Banalitäten sind nicht mehr oder nur sehr vage im heutigen religiösem Wissen präsent. „Was muß ich tuen, um das ewige Leben von Gott zu erlangen?“
„Kann ich das, was ich soll, aus mir selbst heraus, also aus meinem natürlichen Vermögen oder bedarf ich dazu einer göttlichen Hilfe?“Aus meinem natürlichen Vermögen kann nun auf die Natur des Menschen bezogen verwendet werden oder aber auch auf seine individuierte Natur. Das evoziert die Anfrage, ob denn Gott etwas von uns Menschen verlangen könne, was unser natürliches Vermögen überfordert.Wie sollte etwa ein Kurzsichtiger etwas gut sehen können, wenn er dazu nicht eine Sehhilfe, seine Brille verwendet?
Das obige Zitat soll nun sagen, daß Gott nichts von uns fordert, das unser Vermögen übersteigt. Wenn ein Mensch das ihm Mögliche realisiert an dem von Gott ihm Angeforderten, dann wird Gott ihm das dazugeben, was ihm an der Realisierung fehlte,das er aber nicht zu leisten vermag. Gottes Gerechtigkeit bestünde somit darin, nur das uns Mögliche zu fordern. Nur, daß das Gott selbst nicht genüge, sodaß er dann das Fehlende ergänze. So gedacht ist sichergestellt, daß jeder Mensch Gottes Geboten genügen könne, da er sie nur soweit zu erfüllen bräuchte, wie es ihm selbst möglich ist. Aber wird so die Gnade Gottes nicht etwas, das der Mensch sich verdienen kann? „Wenn Du a,b...tust, wird Gott Dich beschenken!“
Nun ist dieser ganze Diskurs über das natürliche Vermögen des Menschen und über die Gnade Gottes zu einem Museumsstück geworden, den fast nur noch Archivare interessiert. Das sogenannte Indikativ- Imperativ- Schema hat diesen Diskurs ersetzt: „Gott liebt uns Menschen und darum sollen wir“ und was wir sollen,können wir im Glauben an unser Geliebtwerden! Unser Geliebtwerden wird dabei in einer Analogie zur Vorstellung der Menschenwürde und der Menschenrechte als nicht gnadenhaft Gewährtes verstanden, sondern als ob unseres Menschseins Zukommendes. „Weil Gott uns geschaffen hat, liebt er uns auch, denn sonst hätte er uns nicht erschaffen.“Gott wird sozusagen uns natürlich liebend gedacht, sodaß es keine göttliche Gnade ist, von ihm geliebt zu werden.
Die Praxis dieses Verständnisses der Liebe Gottes ist so der Humanitarismus, der sich theologisch fundiert in dem Glauben an die Menschenwürde, die jedem Menschen ob seines Geliebtseins durch Gott zukommt. Einer Gnade bedarf dieser Mensch nicht mehr. Durch diese Konstruktion wird nun jede wie auch immer geartete Erlösungslehre obsolet, es reicht ein monotheistischer Schöpferglaube.
1 zitiert nach. Saskia Wendel,In Freiheit glauben, 2020, S.125
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