Donnerstag, 9. Juli 2026

Ist uns der Nächste abhanden gekommen? Zur Krise der Nächstenliebe

 

Ist uns der Nächste abhanden gekommen? Zur Krise der Nächstenliebe



Wer ist denn mein Nächster?“, ist eine Zentralfrage der christlichen Religion, zumal in einer Zeit, in der die christliche Religion auf die zu praktizierende Nächstenliebe reduziert wird. Daß der sonntägliche Gottesdienst zur Religion gehört, scheint ja nur noch eine antiquarische Vorstellung zu sein.

Wer nur einen Blick in die Medienwelt wirft, stößt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf die Problemanzeige der Einsamkeit: der vereinsamte sozial isolierte Mensch.

Der Nächste, das ist primär eine räumliche Kategorie und dann eine Qualifizierung der Verwandtschaftsbeziehungen, es sei an die Weisheit: „Blut ist dicker als Wasser“ erinnert. In unserer jetzigen Zeit hat sich hier etwas grundlegend geändert: Im Zeitalter der Medien ist der „Nächste“ der in den Medien Präsente. Manchmal kann man eine Gruppe junger Mädchen beieinander sitzen sehend, jedes mit einem Mobiltelephon kommunizierend, im Internet surfend und kommunizieren die noch miteinander?

Je prominenter eine Person ist, desto mehr kennt ihn der Medienkonsument, während man vom Nachbarn kaum noch etwas weiß. Das wirkt sich auf die Praxis der Nächstenliebe aus: Die heutige Gestalt der praktizierten Nächstenliebe ist die der Spende zugunsten von in notleidenden Medien, deren Not uns in den Medien vermittelt wird. Das ursprüngliche Almosengeben avanciert so zu der Gestalt der Nächstenliebe.

Die (post)moderne Gesellschaft ist eine Dienstleistungsgesellschaft. Das heißt für die Nächstenliebe: Die potentiellen Adressaten der Nächstenliebe sind Auftraggeber für die die Dienstleistungen geworden, die sie dann bezahlen. Zur Veranschaulichung: Der Nachbar, der nicht mehr rüstig genug ist für die anstehenden Gartenarbeiten, beauftragt damit eine Servicefirma. Das, was einst zu den potentiellen Aufgabengebieten der Nächstenliebe gehörte, sind nun die Aufgabengebiete von Dienstleistungsunternehmen geworden.

Wer für Dienstleistungen bezahlen kann, der bedarf keines Nächsten mehr, der ihm hilft und er hat keine Nächsten mehr vor seinen Augen, denen er helfen bräuchte. Die professionalisierte Hilfe ersetzt so auch die zu praktizierende Nächstenliebe.

Weihnachten, das Fest der Nächstenliebe: Wie viele Spendenaufrufe flattern da einem ins Haus und wir Deutschen spenden eifrig!

Der Nächste ist uns einerseits als räumlich Naher abhandengekommen in dem Medienzeitalter und andererseits in der gut funktionierenden Dienstleistungsgesellschaft als ein der Nächstenliebe Bedürftiger.

Die christliche Religion wird so praxislos. Spenden verwandelt auch den Nächsten in einen faktisch Fremden und Fernen, dem wir nur noch durch die Medien kennen. Die praktizierte Nächstenliebe lebt aber vom Pathos der interpersonalen Kommunikation, dem „Du“ der Begegnungsrhetorik. Die Appelle der Medien: „Spende für“ sind Einbahnkommunikationen, denn es ereignet sich keine Kommunikation zwischen dem Spendengeber und dem Spendenempfänger. Anders gesagt: Der Nächstenliebende verharrt so in seinem Alleinsein, seiner Einsamkeit obgleich er nun die Nächstenliebe praktiziert. Die Dienstleistungsgesellschaft löst die mitmenschlichen Beziehungen in Geschäftsbeziehungen auf: Für alles muß bezahlt werden und dann kann man auch alles bekommen! Die Kaufkraft ersetzt so die Liebenswürdigkeit des Mitmenschen.

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