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Sonntag, 9. November 2025

Über die fröhliche Markttheologie – was sie alles uns verspricht und was sie uns nimmt

 

Über die fröhliche Markttheologie1 was sie alles uns verspricht und was sie uns nimmt



In dem Buch: „Zur Tytrannei der Werte“ wird unter dem Begriff der Theologie eine Lehre vom Heil für den Menschen verstanden und der Begriff des Marktes soll das Medium bezeichnen, das uns das Heil verspricht, wenn wir denn nur gemäß den Marktgesetzen uns selbst verstehen und dem gemäß auch agieren. Dabei tritt der Mensch als Subjekt, wie es in der postmodernen Philosophie fast üblich geworden ist, in zweifacher Stellung auf, als das von einer Ordnung Unterworfene, als Subjectum und als das Subjekt auf, als das alles selbst Bestimmende. Diesem so zweifach verstandenem Subjekt gelten nun die Verheißungen der Markttheologie, wobei hier diese Art von Theologie auch als die Alternative zur christlichen Theologie sich versteht, indem sie selbst diese zu einer Ware des Marktes, die ihre Käufer sucht, herabstuft.

So wird diese der Marktwirtschaftsideologie immanente Paradies-vorstellungen dann näher bestimmt: „Dessen Paradiese verlocken und verführen,weil sie ein Begehren nicht vollständig befrieden und sättigen.Ein Hunger nach Weiterem muss immer bleiben.Vollkommenheit als vollkommen gestillter Hunger würde den Markt und die Wirtschaft vollkommen durcheinanderbringen.“2 Die Verheißung, durch den Konsum von vielen Waren einmal satuiert zu sein, verschiebt sich immer wieder zu der Hoffnung, daß noch eines fehle, das es noch zu konsumieren gälte, um endlich zufrieden zu sein. Hier tritt der Konsument nicht in der Position des königlichen Kunden auf, sondern als ein durch diese Verheißung zu immer weiterem Konsumieren Getriebener. Konsum ist Pflichtheißt es deshalb.3 Resümierend wird dann festgestellt: „Der Aufstieg vom Menschen zum Endverbraucher war das Programm fröhlicher Markttheologen.Sie erhoben den Markt zum Erlöser,Retter und Befreier, zu einer Glaubensmacht,die keinen verlässt,der sich seiner Gnadenmittel beflissen als Marktgerechter versichert.“4

Diese religiöse Sprache disiertverwendet hier Straub absichtlich, um den religiösen Charakter dieser Marktideologie zu erfassen, daß nun der freie Markt verheißt, was einst der Gläubige von Gott sich erhoffte. Der heutige politische Duskurs, das müßte jetzt ergänzt werden, bejaht diese Markttheologie und sieht so seine Aufgabe darin, a) die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, daß massenhaft die zu konsumierenden Güter von der Wirtschaft auch produziert werden können und daß b)die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen daß alle, eher so viel wie möglich auch als Käufer der Waren fungieren können. Um es im Geiste des Eudaimonismus zu formulieren: Der Raum möglichen Glückes ist der durch den Markt ermöglichte Konsum des Endverbrauchers und der Staat soll es ermöglichen, daß der Markt so funktioniert.

Die Menschen müßten dafür angeglichen und gleichförmig gemacht werden: Der Markt könne nämlich nur so funktionieren, „wenn die Mannigfaltigkeit der Begehrlichkeiten standadisiert wird,Massenware und Luxusprodukte zu ein und der gleichen Wertordnung gehören.“5 Die Massenproduktion verlangt den Massengeschmack, der selbst wiederum durch den Markt erzeugt wird. Der Mensch fungiere so nur noch als Arbeitstier und als Kunde auf dem Markt.“6 Er ist nur noch als ein dem Markt Unterworfener, als subjectum.Hierbei ist also die ideologische Fiktion vom Kunden als dem Keinenönig des freien Erwählens und seiner faktischen Indienstnahme durch die Ordnung des Marktes strikt zu unterscheiden.

Bedenkenswert ist dabei der Versuch, die Marktwirtschaft nicht einfach nur als eine Ordnungsmöglichkeit der Ökonomie zu begreifen, sondern in seiner quasi religiösen Dimension zu erfassen, daß diese Ordnung dem Menschen das Glück auf Erden als ein mögliches vor Augen stellt als die Option des unbegrenzten Konsumes.

Das dieser Wirtschaftsordnung immanente Problem ist nicht auf den ersten Blick offenkundig, daß nämlich einerseits diese Ordnung eine fast unbegrenzte Kaufkraft der Konsumenten verlangt und daß andererseits zur Gewinnmaximierung die Produktionskosten zu senken sind und das heißt, daß die Löhne klein gehalten werden sollen, was aber die Kufkraft der Konsumenten beeinträchtgt: Als Arbeiter soll er wenig verdienen und als Konsument über eine große Kaufkraft verfügen, damit die massenhaft produzierten Güter auch verkauft werden können.

Erstaunlicherweise wird dann in diesem Buch die Kritik Karl Marx an dieser Marktwirtschaftsordnung zugefügt, wie sich diese Ordnung auf das Miteinander der Menschen auswirkt,erstaunlich, da der Verlg, in dem dieses Buch erschienen ist, eher conservativ- rechts orientiert ist. Über die Grundwerte der bürgerlichen Gesellschaft: Freiheit,Gleichheit, Eigentumspottet Marx: „Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware,z.B.der Arbeitslraft,sind nur durch ihren freien Willen bestimmt.Sie kontrahieren als freie,rechtliche ebenbürtige Personen.Der Kontrakt ist das Endresultat,worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben.Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivilant für Äquialent.Eigentum!Denn jeder verfügt nur über das Seine! Bentham! Denn jedem von beiden ist es nur um sich zu tun.Die einzige Macht,die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt,ist ihres Eigennutzes.(,,,)ihrer Privatinteressen.“ So weit Marx Kritik, die die Ordnung des Marktes als bloßen Raum der wechselseitigen Realisierungen von Privtinteressen ansieht, in der jeder nur ein Mittel zur Realisierung der Privatinteressen des Anderen sein kann. Dem Menschen als Zoon politicum wird somit sein gesellschaftliches Leben nur noch ein Mittel zur Steigerung des Genusses seines Privatlebens, das ihm das Reich des Konsumierens ist. Aber der so verprivatisierte Mensch verfehlt sein Leben als Mensch, lebt entfremdet von sich, urteilte Karl Marx als, um es mit dem marxistischen Philosophen Althusser zu formulieren der noch humanistisch denkende Marx, bevor er ein Marxist wurde.

Man tut sich keinen Gefallen, alles, was Karl Marx schrieb, zu verdammen, nur weil es von ihm stammte. Das gilt ebenso für den ihm gleichbürtigem Philosophen Nietzsche! Es ist ein Stärke der kaholischen Theologie, stets im Gespräch gewesen zu sein und zu sein mit der Philosophie.

Wenn alles zur Ware wird, wird auch der Mensch zu einer Ware, die, wenn sie keinen Gebrauchswert mehr hat, nichts mehr wert ist. 









1Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, 2019, S.92.

2A.a,O. S.92.

3A.a.O.S.92.

4A.a,O. S.92.

5A.a.O. S.91.

6A.a.O. S.91.

Mittwoch, 10. September 2025

„daß die Religion durch die Wissenschaft aufgelöst werden könnte“ oder verfügt die Religion noch über ein Existenzrecht?

 

daß die Religion durch die Wissenschaft aufgelöst werden könnte“1



In diesem Verb: „auflösen“ stecken hier zwei Bedeutungsvarianten, daß die Religion durch die Wissenschaft innerlich aufgelöst wird und daß die Religion in ihrer Funktion für durch die Wissenschaft substituiert wird. Ersteres könnte dann meinen, daß gar durch die Theologie als eine Wissenschaft betrieben, sie die Religion selbst auflöst, oder daß die Wissenschaft als eine Religionskritik betrieben sie als nichtet. Oder aber, daß im Geiste August Comtes geurteilt wird, daß die Wissenschaft die Epoche der Religion und der Metaphysik ablöst, da dann die Wissenschaft all das leistet, was einst die Religion leistete, nur eben effektiver, daß etwa, statt für Kranke zu beten sie durch Medizintechnik geheilt werden.

Aber der marxistische Philosoph Althusser verblüfft seine Leser in diesem Essay: „Marxismus und Humanismus“ nun doch durch seine These: „Nur eine ideologische Weltanschauung konnte Gesellschaften ohne Ideologien erdenken imd die utopische Idee einer Welt zulassen,in der die Ideologie (ind nicht eine ihrer historischen Formen),ohne Spuren zu hinterlassen,verschwinden würde,um durch die Wissenschaft ersetzt zu werden.Die Utopie liegt z.B der Vorstellung zugrunde,daß die Moral,die in ihrem Wesen Ideologie ist,durch Wissenschaft ersetzt oderdurch und durch wissenschaftlich werden könnte;oder daß die Religion durch die Wissenschaft aufgelöst werden könnte, die in gewisser Weise deren Platz einehmen würde;daß die Kunst mit der Erkenntnis verschmelzen oder >allrägliches Leben< werden könnte,etc.“ 2 Althusser fügt dem gar noch hinzu, daß selbst die kommunistische Gesellschaft nie ohne irgendeine Ideologie auskommen werden könne.

Daß dieser Philosoph anspruchsvolle Texte hervorbringt, die ein genaues Mitdenken verlangen, erweist auch dieses Zitat, aber es lohnt sich, ihm nachzudenken. Konstitutiv für diesen Gedankengang ist die Antithetik von der Wissenschaft einerseits und all den anderen Größen, die er unter dem Begriff der Ideologie subsumiert: die Moral, die Religion und die Kunst. (Das besondere Anliegen Althussers ist es nun, den Humanismus als eine besondere Ideologie zu thematisieren.) Dann taucht noch der Begriff der ideologischen Weltanschauung auf! Diesen möchte ich so interrpretieren, daß eine Ideologie eine bestimmte Gestalt der Weltanschauung ist, die ihrer selbstreflektieren Gestalt. Vor Augen wird uns so eine Gesellschaft, die so sehr rein wissenschaftlich fundiert ist, daß sie auf jede Ideologie verzichten kann. Dabei wird dann der Begriff der Ideologie rein pejorativ benutzt, etwa im marxistischen Sinne als ein verkehrtes Bewußtsein oder als eine Folge mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse, bzw als ein Instrumentarium der Unterdrückung durch die Herrschenden, Die Wissenschaft könne erkennen, wie es wirklich sei, während Ideologien wie ihr Rohstoff die Weltanschauungen die Wirklichkeit verklärt statt sie zu erklären. Das könnte dann garniert werden mit der vulgären These, daß eben die Religionen solange für die Welterklärung nützlich seien, solange die Aufgabe der Erklärung von allem die Wissenschaft noch nicht übernommen habe, die dann aber die Religion überflüssig mache.

Diese These stellt dieser Philosoph dem gegenüber: „Die Ideologie ist also keine Verirrung oder ein zufälliger Auswuchs der Geschichte: sie ist eine für das historische Leben der Gesellschaften wesentliche Struktur.“3.

Aber dann läßt uns dieser Text in Stich, indem sich er als ein Theorie im Werden erweist, in statu nascendi: Was eine Ideologie sei, daß exakt zu definieren und was ihren präzisen Unterschied zur Wissenschaft ausmacht, das müsse erst im Weiteren geklärt werden. Jetzt solle nur gelten: „daß die Ideologie als System von Vorsellungen sich von der Wissenschaft darin unterscheidet,daß die praktisch-gesellschaftliche Funktion sich gegen ihre theoretische Funktion (oder Erkenntnisfunktion) durchsetzt.“4 Daß die Ideologie ein System von Vortellungen sei, macht m:E die Differenz zur Weltanschauung aus, daß hier eine Weltanschauung zu einem in sich geschlossenem System weiterentwickelt ist, das von seinem Eigenanspruch her in sich widersprchsfrei ist und für das es kein Außen gibt, das nicht durch es erklärbar ist. (Vgl dazu etwa die großen Systeme Fichtes,Schellings und Hegels, dann aber auch den Marxismus-Leninismus, wie ihm der Althusser vorlag.) Ideologien gelten also als „wahr“,weil sie gesellschaftlich nützlich sind, die Wissenschaft sei dagegen mehr auf das Wahrsein als eine theoretische Erkenntnis ausgerichtet.

Damit stehen wir vor der entscheidenden Frage, warum es neben der Wissenschaft die Ideologie geben muß und aus christlicher Perspektive wäre ergänzend zu fragen, ob die christliche Religion etwas ihr Eigenes hat,dodaß sie nicht durch Ideologien völlig ersetzbar ist. Man kann nicht umhin, aber für die erste Frage findet sich in diesem Essay Althussers keine eindeutige Antwort, es ist eben ein Ansatz in statu nascendi. Aber er beinhaltet Spuren, die weiterverfolgbar sind.

Frägt man nach der Differenz zwischen der Wissenschaft, oder den Wissenschaften und einer Weltanschauung, dann fällt eine Antwort leichter. Eine Weltanschauung hat das Ganze zu seinem Thema, die Wissenschaft aber nur das, was ist. Aber die Welt des Menschen, so wie er sich sie zurechtlegt in einer Weltanschauung, beinhaltet mehr, nämlich eine Vorstellung von dem, was sein sollte, eine Vorstellung von dem, was wünschbar wäre und einer Vorstellung von der Kontingenz, daß das, was ist, auch anders sein könnte und von der Freiheit des Menschen, daß er etwas wollen kann und es auch nicht wollen könnte. Für Althusser ist gerade der Humanismus als dem Glauben an den Menschen als einem freien Hervorbringer seines Wollens und Tuens die Ideologie der bürgerlichen Welt. Es sei an Kants These von der Welt als einem durch sich selbst determinierten System erinnert, die Welt, so wie sie uns die Wissenschaft aufzeigt, so auch Fichte in seiner „Bestimmung des Menschen“und daß dem die Welt der Freiheit als einer nicht zur empirischen Welt gehörenden entgegenzustellen ist, die sich der Vernunft nur als der praktischen entbirgt: Daß das „Du sollst“ uns als freie Wesen kontituiert, die ihr „Ja“ oder ihr „Nein“ zum Geollten sagen können. Diese Welt der Freiheit ist aber der Wissenschaft als theoretischer unzugänglich, und nur, im Sinne Althussers in einer Ideologie, isb dem Humanismus lebend. Aber dieses ideologische Element ist für dasgesellschaftliche Leben, daß sich die Bürger als für ihr Tuen und Unterlassen verantortlich wissen, konstitutiv. Ergänzend kann gesagt werden, daß die Ideologie Fragen beantortet in ihrer reflexiven Gestalt als eine Art Metaphysik, die die Wissenschaft nicht beantworten, ja nicht mal fragen kann, die Frage nach dem Ursprung von Allem, nach einem letzten Ziel und ob das Ganze etwas in sich Sinnolles ist, oder ob es als Sinnloses nur vom Menschen einen Sinn eingehaucht bekommt. Eine rein wissenschaftliche Betrachtung der Welt gliche so einem Zuschauer einer Schachpartie, der ganz genau jeden Spielzug beschreibt, aber da er die Regeln dieses Spieles nicht kennt, das ganze Geschehen nicht begreifen kann. Nach Althusser würde nun die Ideologie die Aufgabe haben, alle einzelnen Spielzüge,die die Wissenschaft erfassen kann, als sinnvolle Ereignisse zu deuten in dem Rahmen einer Ganzweltanschauung.

Die Wissenschaft produziert für uns also eine Welt, in der Menschen nicht leben können, weil diese Welt zu defizitär wäre, als daß auf ihr aufbauend eine Gesellschaft funktionieren könnte. Das ergibt immerhin für den Status der Religion (=einer Weltanschauung) und der Theologie (= Ideologie), daß sie nicht durch die Wissenschaft surrugierbar ist, aber sich in einer Konkurrenzsituation mit den Weltanschauungen und den zu Ideologien auferbauten Weltanschauungen befindet als eine Religion. 

1.Corollarium

Catherine Belsey erfaßt den Doppelcharakter des Menschen im Denken Althussers so: "Die Doppeldeutigkeit des Status des Subjekts als Akteur und als unterorfenes Wesen bestimmt den Gebrauch des Begriffes." Poststrukturalismus, 2013, S.57. Präziser kann nun gesagt werden, daß in der Ideologie der Mensch als Subjekt im Sinne des Akteurs erscheint,der als freies Subjekt agiert, wohingegen er als unterworfenes, determiniertes Subjekt in der Wissnschaft zu stehen kommt.

2.Corollarium

Wo eine Ideologiefreiheit proklamiert wird, verbirgt sich dahinter nur eine Ideologie, die für sich einen Monopolanspruch erhebt.

1Louis Althusser, Maexismus und Humanismus, in: L.Althusser, Für Marx, 1968, S.182.

2A.a.O. S.182. Zur Kunst: Hier kritisiert der Text die Vorstellung, daß die Kunst uneigentlich geworden ist, wenn sie als etwas vom Leben Abgesondertes, etwas Künstliches erscheint, wohingegen das Leben selbst sich als eine künstlerische Aufgabe zu verstehen hätte.Die Arbeitsteilung von Künstlern und Nichtkünstlern,die dann nur noch die Kunstwerke konsumieren, soll dabei aufgehoben werden, daß jeder der Künstler seines Lebens wird.

3A.a.O. S.183.

4A.a,O. S.181.

Mittwoch, 19. Juli 2023

Anmerkungen zur Moralisierung der Politik: Kann es rein sachliche Politik geben? Oder die effektivste Ideologie ist die, die keine sein will

Anmerkungen zur Moralisierung der Politik: Kann es rein sachliche Politik geben? Die jetzige deutsche Außenministerin präsentiert sich als eine Musterschülerin der Vermoralisierung der Politik, indem für sie der Ukrainekrieg einfach ein Krieg der Bösen gegen die Guten ist, der die Verurteilung der bösen Russen verlangt, sind die ja der alleinige Aggressor. Diese dichotomische Weltsicht macht jede Analyse dieses Konfliktes überflüssig, verbietet auch jede diplomatische Lösung sondern kennt nur die Option des Endsieges der Guten. Zu dem gehöre dann auch, daß die russische Regierung vor ein Kriegsverbrechertribunal gestellt wird, das sie dann abzuurteilen habe. Für die Grünenpolitikerin sind da die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ein leuchtendes Vorbild, daß die Sieger die Verlierer zu den alleinigen Kriegsverbrechern erklären. So fordert diese Politikerin ja vehement eine Änderung des Völkerrechtes, um Putin als Kriegsverbrecher verurteilen zu können. Angesichts dieses vermoralisierten Politikverständnisses, daß keine realen Interessengegensätze kennt, die dann auch zu Kriegen führen können, ist die Lektüre des Artikels: „Moralraush oder Interessenpolitik“des Internetblogges von Klaus Kunze vom 5.7.2023 mehr als lesenswert. Dort heißt es: „Die Moralisierung des Politischen ist eine politische Frage, keine moralische.Ein alter Trick im politischen Machtkampf besteht darin, Interessen moralisierend vorzutragen. Ein moralisch maskierter Machtanspruch wirkt auf schlichte Gemüter gerechter als ein offener“. Als Beleg dafür wird Panajotis Kondylis, „Macht und Entscheidung“1984 ,zitiert: „Ideen und Werte sind Funktionen, ja Funktionsweisen des um Selbsterhaltung und Machterweiterung kämpfenden sozialen Existenz.“ (S.119) Das präsumiert, daß der so Agierende zuerst seine Interessen erfaßt, die im Raum der Politik als Wille zur Selbsterhaltung und Machterweiterung definiert werden, um dann in einem zweiten Schritt diese Interessen moralisch verpackt, um sie so besser durchzusetzen. Emanuel Hirsch offeriert uns dafür in seinem Werk: „Deutschlands Schicksal“ den 1.Weltkrieg als Anschauungsbeispiel: „Der englische Welt-Imperialismus fällt praktisch mit dem einzigen Pazifismus,der auf Erden möglich ist,zusammen.So durfte England auf Glauben rechnen,als es verkündete,daß es für den Weltfrieden kämpfe,daß die Deutschen Friedensstörer seien“ (1925,S.87) England führte diesen Krieg im Namen der Moral,es kämpfe für den Weltfrieden und Deutschland kämpfe wider die Friedensordnung. Diese Entlarvungssstrategie steht in der aufklärerischen Tradition des Priesterbetrugsnarratives: Die Priester hätten die Götter nur für sich erfunden, um damit ihre Herrschaft zu legitimieren. Sie selbst glaubten natürlich nicht an ihre Götter, aber sie simulierten diesen Glauben, um das dumme Volk zu täuschen. (Bedenkenswert, daß so zur Aufklärung konstitutiv diese Priester-verschwörungstheorie dazugehörte, während jetzt alle Verschwörungstheorien als rein irrationale Phantasmata abgbetan werden.) Nur existiert kein einziger Beleg dafür, daß diese Priester nicht an ihre Götter geglaubt haben. (Vgl dazu: Peter Slotterdijk, Kritik der zynischen Vernunft) „Das ist der Grund, warum alle festen und langlebigen Herrschaften in der bisherigen Geschichte im Namen von objektiv gültigen Prinzipien und nicht einer nackten Entscheidung ausgeübt wurden; der Herrscher muß theoretisch dienen, um praktisch herrschen zu können.“ verallgemeinert Kondylis S.56 dann dieses aufklärerische Narrativ, das dadurch auch nicht wahrer wird. Die Prämisse ist nämlich das Prioblem, daß zuerst ganz objektiv die Welt, die besondere Lage und die eigenen Interessen wahrgenommen würden, und daß dann erst sekundär die ideologisch bzw moralisch verpackt im öffentlichen Diskurs präsentiert würden. Man bräuchte eigentlich nur die Schlüssellochperspektive wählen, wie die Diener ihre Herren belauschen, um zu erkennen, daß sie alle nicht an ihre eigene Moral und Ideologie glaubten. Nur gibt es außerhalb dieses Narratives auch für diese Schlüssellochwahrheiten keinen Beweis. Realistischer ist es, daß die vorherrschende Ideologie von den Herrschenden selbst geglaubt wird, wie die Priester an ihre Götter, denen sie opferten, daß das gerade die herrschende Ideologie ausmacht. In der Anfangszeit Westdeutschlands soll das nun aber anders gewesen sein.Kunz schreibt: „Jene waren hervorragend ausgebildet gewesen. Ein antitotalitärer Grundkonsens verband sie. Dieser schloß ideologische Konstrukte weitgehend aus, verpönte politische Propaganda und widmete sich pragmatisch dem Aufbau der deutschen Institutionen und unseres Wohlstandes.“ Anfänglich hätte es also ideologiefreie Eliten gegeben, die nach 1945 Deutschland rein vernünftig aufgebaut hätten. Aber der hier zitierte antitotalitäre Konsens ist nun mal ein rein ideologisches Gebilde, fußend auf einer kritisierbaren Interpretation des deutschen National-sozialismus und des russischen Stalinismus als Totalitarismus. Die Ideologie des Liberalismus fundierte diese Totalitarismustheorie, die, wen wundert es, den Liberalismus dann als einzig wahr Alternative zu allen Totalitarismen propagiert. Daß der Pragmatismus und der ihm anverwandte Utilitarismus genuin angelsächsische Hervorbringungen sind und sich so wenig mit unserer deutschen Kultur vertragen, zeigt dann an, wie sehr die Ideologie der westlichen Siegermächte den Werdegang Westdeutschlands nach 1945 bestimmte. Daß dann kein „Pragmatismus“, wenn man darunter eine Politik ausgehend von den Interessen des deutschen Volkes, die westdeutsche Politik bestimmte, zeigte dann die schroffe Ablehnung der Stalinofferte, daß Deutschland wiedervereint werden könnte, wenn es sich außenpolitisch für neutral erklärte. Nein, die Welt wird nicht erst rein sachlich objektiv wahrgenommen, um sie dann in einem zweiten Schritt ideologisch zu verklären. Die Welt ist uns immer nur als eine ausgedeutete, interpretierte. Die Vermoraliserung der Politik stellt nun mal ein mögliches Politikverständnis dar, das ob seiner Dichotonomie von den rein Guten und den rein Bösen extrem friedensgefährdend ist, da es nicht den diplomatischen Kompromiß sondern nur den Sieg über den bösen Feind kennt. Nietzsche hat wahrscheinlich mit seinem Votum: „Gegen den Positivismus,welcher bei den Phänomen stehen bleibt,>es giebt nur Thatsachen< ,würde ich sagen:nein,gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Intepretationen.“ mehr Recht als die Verkünder einer ideologiefreien Politik. (Nietzsche zitiert nach:Norbert Fischer,Die philosophische Frage nach Gott, 1995,S.266 Anders gesagt: Mannschaften können nicht miteinander Ball spielen, ohne festgelegt zu haben, welches Ballspiel sie spielen wollen.ob Hand- oder Fußball oder....Es gibt eben keinen pragmatischen richtigen Umgang mit dem Spielgerät Ball ohne ein bestimmtes Ballspielregelsystem und so auch keine Politik ohne eine ihr zugrunde liegende Ideologie. Zusatz: Die Außenministerin verlangt nun die moralische Verächtung des Angriffskrieges. Nur, als England und Frankreich uns 1939 den Krieg erklärten,war das nicht auch ein Angriffskrieg, da es keine Kriegsabsichten Deutschlands gegen diese 2 Länder gab? Und wie war das noch mit den Angriffskriegen gegen Afghanistan und Jugoslawien? Selbstverständlich sollen die nicht verurteilt werden, sondern nur unsere vor 1945 und alle russischen, denn nur wenn Böse Kriege führen sind das verwerfliche.

Samstag, 19. November 2022

"Man sieht nur, was man kennt"...sehen andere nur mit ideologischen Scheuklappen- oder ein Versuch zur Buchkultur

„Man sieht nur, was man kennt“...sehen andere nur mit ideologischen Scheuklappen? Ideologen stehen nicht hoch im Kurs, gelten sie doch einfach nur als Menschen, die die Wirklichkeit nicht so sehen können und wollen, wie sie nun mal ist. Diese objektive Wirklichkeit zu erkennen sei nun das Privileg des nichtideologischen Blickes, daß sozusagen die Wirklichkeit nicht durch die Farbigkeit meiner aufgesetzten Brille verklärt wird. Don Quijote ist so der Prototyp eines Ideologen, steht doch über ihn geschrieben: „Und da es unsern Abenteurer bedünkte,alles, was er auch immer dachte,sah oder sich einbildete,sei so beschaffen und trage sich so zu wie die Dinge, die er gelesen hatte“. (1.Buch, 2.Kapitel;Übersetzung: L.Braunfels) Der Held wird zum Opfer seiner Bücher: die gelesenen und verinnerlichten Bücher, durch die er in allem das in den Büchern Gelesene recogniziert.Er sieht die Welt, alles in ihr ihm Begegnende im Lichete dieser Bücher. Die Bücher sind ihm das Reale, und in der Wirklichkeit sucht er nun das Reale wiederzufinden. Findet er es wieder,dann erst hat er das Wirkliche begriffen. Den Antitypus bildete dann der Empirist, der ganz frei von allen Bücherwissen, einfach die Dinge so sieht, wie sie wirklich sind. Ideologen sind demzufolge Büchermenschen. Darum werden ja auch gleich am Anfang dieses Romanes alle Bücher dieses Helden verbrannt, um ihn aus der Wahnwelt der Bücher zu befreien. So sollte man auch mit allen Ideologien verfahren, diesem Bücherwissen, das nur den Zugang zur Wirklichkeit behindere oder gar verhindere. Bevor nun man als Christ dem enthusiastisch zustimmt und miteinstimmt in den Abgesang auf alle Ideologien, frage man sich aber, wie denn dann mit dem Buch der Christen, der Bibel umzugehen sei. Verhindert das Lesen dieses Buches etwa auch den Zugang zur Wirklichkeit? Wer etwa die Geschichte des Aufruhrs wider die göttliche Ordnung der Hierarchie im 4.Buch Mose, im 16. Kapitel liest und dann den dortigen Geist auch in dem „Synodalen Weg“ wiedererkennt, verkennt der die Wirklichkeit dieses Weges? Wenn jemand auf seinem Sonntagsspaziergang sagt: „Das da ist eine Eiche!“, erkennt der nicht die Vorstellung, die Idee der Eiche in dem Objekt wieder, das er so als eine Eiche benennt und damit als einen Fall, ein Exemplar des Eicheseins. Ist somit nicht jedes Erkennen ein recognizieren. In einem Spiegelbild erkenne ich mich selbst wieder, kennte ich mich nicht, könnte ich mich in dem Spiegelbild ja gar nicht wiedererkennen. Eine unindeologische Erkenntnis gliche also dem Versuch, eine Eiche zu erkennen ohne daß ich eine Vorstellung, eine Idee von der Eiche hätte, sodaß ich in einem Baum ein Exemplar der Eiche recognizieren kann. Ein Reiseführer wurde beworben mit: Was Du nicht kennst, sieht Du nicht! Wenn unter dem Sehen ein Wahrnehmen verstanden wird, daß das Gesehene begriffen wird, dann ist diese Aussage, trotz ihrer Abzweckung zur Motivation zu dem Ankauf dieses Reiseführers, einfach wahr. Jedes Wahrnehmen ist ein Wiedererkennen, sonst wird das Gesehene nicht begriffen und nicht wahrgenommen. Der seine Reisebücher gelesen Habende sieht eben das, was der Unbelesende nicht sieht. Der Christ ist so ein Bibelbuchleser, der die Wirklichkeit sieht, indem er sie von diesem Buche her liest. Man könnte die Wirklichkeit auch als einen Text verstehen, denn man lesen können muß, um ihn verstehen zu können. Das heilige Buch wäre dann der Grundtext, durch den die anderen Texte für uns zu lesbaren werden. Aber existieren denn nicht auch Nichtideologen, die ohne irgendwelche von ihnen gelesenen Grundtexte die Wirklichkeit einfach nur so sehen, wie sie wirklich ist? Es drängt sich der Verdacht auf, daß in postmodern pluralistisch strukturierten Gesellschaften es verschieden sortierte Bibliotheken gibt, und jeder nun die Wirklichkeit so liest, wie er sie ob seiner Buchlektüren, seiner Ideologie liest. Dabei kann nun jeder den anders Sehenden als ideologisch Verblendeten abqualifizieren um dabei seinen eigenen ideologischen Blick zu verkennen. Wenn Bücher als die Quelle aller Ideologien angesehen werden können, dann könnte man also fragen:Aus welchen Büchern hast Du Deine Weltsicht, daß Du in allem immer wieder das in den Büchern Gelesene recognizierst! Die Wirklichkeit kann somit keinen Gegenpol zur Ideologie bilden, denn sie wird ja immer schon von den verinnerlichten Büchern her gelesen. Gleichen wir alle so viel mehr als uns es lieb sein kann, diesem wundersamen Helden Don Quijote, der nur ein Held sein konnte, solange er aus seinen Büchern lebte? Nehmen wir als Ergänzung etwa die sehr erfolgreiche Serie: „Sturm der Liebe“ mit fast 4000 Fortsetzungen: Wie viele ihrer Zuschauer werden wohl in ihren Gefühlen und Liebesbeziehungen die dortig dargestelten wiedererkennen und danach dann auch gestalten! Die dortigen Erzählungen bieten sozusagen Deutungsmuster für das Eigenerlebte, daß in ihnen Filmisches recogniziert werden kann. Das hieße dann, daß so eine Serie nicht realitisch oder unrealistisch Wirklichkeiten widerspiegelt sondern Deutungsmodelle bereitstellt, durch die erst uns Wirklichkeiten verstehbar und dann auch gestaltbar werden, so wie wir sie jetzt wahrnehmen und gestalten. 1.ZUsatz: Die einfachste Ideologiekritik: Alle denken ideologisch, nur ich nicht. 2.Zusatz: Könnte der Wirklichkeit ein Mangel innewohnen,sodaß sie deshalb ideologisch "vervollständigt" wird? Für das naturwissenschaftliche Denken ist der Mensch weltimmmanent verstehbar, die Theologie urteilt, daß er nur als Gottes Geschöpf begriffen werden kann. Das ist im Urteil der Naturwissenschften eine weltanschaulich-ideologische Deutung unwissenschaftlicher Art. Ist aber das Axoim, daß der Mensch allein weltimmanent zu begreifen ist, nicht selbst wiederum ein Axiom eines weltanschaulich-ideologischen Denkens?

Mittwoch, 31. August 2022

Triumphe des Opportunismus in Kirche und Politik? Unsere Zeit die des Opportunismus?

Triumphe des Opportunismus in Kirche und Politik? Unsere Zeit die des Opportunismus?


Wer sich den bisherigen Verlauf des „Synodalen Weges“ vor Augen hält und den zu erwartenden weiteren Verlauf, könnte zu dem Ergebnis kommen, hier könnte nicht ein Film: „Triumpf des Willens“ (Lenie Riefenstahl) sondern ein Film: „Triumph des Opportunismus“ gedreht werden: Die Verantortlichen der Katholischen Kirche Deutschlands unterwerfen sich dem Zeitgeist, überbieten sich in der Disziplin des den Mächtigen und Einflußreichen Nachdemmunderedens und nennen das die Demokratisierung der Kirche.

Aber dies Phänomen ist nun nicht auf die Kirche beschränkt. Wer auf die aktuellen Kontroversen in der Partei „Die Linke“ schaut (vgl dazu die Berichterstattung in: „Die junge Welt“) recogniziert da erstaunlich Ähnliches. Galt noch der SED Amerika als der Inbegriff des westlichen Imperialismus unterstützt jetzt die Parteiführung die antirussische Wirtschafts- und Kriegspolitik der Nato unter der Führung der USA. Sie will zwar noch die Regierungspolitik kritisieren, weil sie die Lasten dieser Kriegspolitik unsozial verteilt den Bürgern aufbürde, aber da sie ihr Ja sagt zur aggressiven Außenpolitik kann sie schwerlich noch die Sozialpolitik der Regierung verurteilen, denn die ist ja die Folge dieser Außenpolitik: Das Volk hat wie immer die Lasten der Kriegspolitik zu tragen, während wenige dann das große Geschäft mit dem Kriege machen.

Ist das nicht auch purer Opportunismus? Wenn Conservative oft es bedauern, daß in den Medien diese Partei nicht als nur umgefirmte SED bezeichnet wird, die in ihrer Substanz sich aber treu geblieben wäre, so muß konstatiert werden, daß die Tugend des Sichtreubleibens in dieser Partei ad acta gelegt worden ist. Das einstige Zentralorgan: „Neues Deutschland“ heißt nicht mehr so sondern firmiert unter „nd“, der alte Titel klingt eben politisch unkorrekt nach Deutschtümelei- aus dem selben Grunde wurde ja die Fußballnationalmannschaft in „Die Mannschaft“ umgetauft. Und auch sonst wird da alles Alte abgelegt. Frau Wagenknecht und ein paar Getreue protestieren zwar gegen diese Totalumkehr der Partei zu einer Natojubelpartei, die so auch im Prinzip Ja sagt dazu, daß der gemeine Mann nun die Kosten dieser Natopolitik zu tragen hat, nur soll es eben etwas solidarischer gestaltet werden, aber die Modernisierung dieser Partei schreitet unaufhaltsam voran, wie auch in der Katholischen Kirche Deutschlandes.


Soweit das Auge reicht, überall nur noch triumphiert der Opportunismus? Aber wird dieser Begriff der Realität gerecht? Der Vorwurf des Opportunimus setzte ja voraus, daß die so Agierenden wider besseres Wissen so handeln, daß sie sich aber davon so gewichtige Vorteile versprechen, daß sie auch subjektiv gesehen Unwahres vertreten und tuen. Um des Erfolges willen müsse eben das Wahre zurückgestellt werden. Ein triviales Beispiel möge das verdeutlichen: Eingeladen zu einer Geburtstagsfeier sagt der Eingeladene nicht, daß er keine Lust hätte, dort mitzufeiern sondern entschuldigt sein Fernbleiben mit unaufschiebbaren Terminen an dem Tage der Geburtstagsfeier. Im Prinzip verhielte sich ein Opportunist nicht anders: Um es mit Mächtigen und Einflußreichen nicht sich zu verderben, erzählt er Unwahres, er weiß, daß er lügt, aber der Zweck heilige eben dies Mittel des laxen Umganges mit der Wahrheit.

Nur: Wissen die Entscheider des Synodalen Weges denn noch, was die Wahrheit ist? Woher könnten sie die denn noch kennen? Wird etwa noch in den katholischen Faultäten diese gelehrt und wird sie noch in der Kirche gepredigt? Ja, in guter Fachliteratur mag sie noch schwarz auf weiß geschrieben stehen, auch noch in den Dokumentensammlungen des Lehramtes, aber da stauben sie ein als nicht mehr Zeit(geist)gemäßes.


Wer hier einfach von einem Triumph des Opportunimus spricht, verkennt einfach die Macht der vorherrschenden Ideologie, die als solche, sonst wäre sie nicht die dominierende, die auch den Raum der Kirche erfüllt, als der Geist, der dort alles umfaßt. Steppenwolfexistenzen können sich diesem Geiste wohl entziehen, nicht aber die Masse der in dem Raume der Kirche Lebenden. Die Kirchenfenster öffnete die Kirche im 2.Vaticanum und nun strömte der Weltgeist in sie hinein. Seit der Trennung von der politischen Macht mit dem Ende der Konstantinischen Epoche war und ist die Kirche sehr anfällig geworden für den Zeitgeist, der nun in sie eindrang und sie erfüllt. Die Tradition, das was bisher als wahr galt, erscheint nun, mit den Augen des Zeitgeistes betrachtet als eine Rumpelkammer auszurangierender Altertümer, um dem Neuen Platz zu machen.

So will der Synodale Weg die Kirche modernisieren. Dies Modernisierungsvorhaben findet nun auf den ersten Blick erstaunliche Ähnlichkeiten in dem politischen Raum: Aus einer Oppositionspartei wird jetzt eine richtige Systempartei,indem sie alles einst in ihr als wahr Angesehenes nun entrümpelt. Auch hier gilt: Nicht Opportunisten wenden die Partei sondern Überzeugungstäter, Politiker, die so eins sind mit der herrschenden Ideologie, daß sie sich gar nicht irgendwie anpassen müßten. In ihnen existieren eben gar keine Gedanken mehr, die nicht aus dem Geiste der alles dominierenden Ideologie kreiert worden sind.

Wenn Descartes urteilte: Ich denke, also bin ich!, so müßte heutzutge erwidert werden, daß das Ich nur noch als Element des: Man denkt so!, zu verstehen ist. Oder wenn man überspitzte Formulierungen liebt: Das Man denkt durch mich! Das allgemeine Gerede, wie man über etwas zu denken hat, dies „Man denkt so!“ tiumphiert eben in der Kirche wie auch in dem politischen Diskurs.

Ein triviales Beispiel möge das veranschaulichen: Warum antwortet jeder auf die Frage: „Wie geht es?“ mit: „Gut“? Warum ruft jede andere Antwort beim Fragenden Irritationen aus? Weil man so und nicht anders zu antworten hat! Aber wie kam und kommt diese Man hat so zu antworten Regel in die Köpfe aller? Ähnlich funktioniert wohl die vorherrschende Ideologie. 

Corollarium 1

Das Narrativ des Priesterbetruges, daß die Götter Erfindungen der Priesterklasse seien, beinhaltet so notwendig die Behauptung, daß die Priester selbst Atheisten seien, da sie ja selbst erst die Götter kreiert haben. Für solch einen Priesteratheismus gibt es nun keinen Beleg außerhalb dieses Narratives. (Vgl dazu:P.Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft).Wie also zu präsumieren ist, daß die Priester an ihre Götter glaubten, so glauben die Ideologen an ihre Ideologie. So gibt es auch keinen Hinweis dafür, daß Mohammed etwa seine ihm ergangenen Offenbarungen selbst erfunden hat. 

 

Samstag, 23. Juli 2022

Wahrheit macht unfrei! Ein postmodernes antichristliches Credo

Wahrheit macht unfrei! Ein postmodernes antichristliches Credo


Den „Nihilismus als Errungenschaft“zu feiern, das fordert Stefan Lorenz-Sorgner, ein Vordenker des Transhumanismus. (Übermensch,Plädoyer für einen Nietzeanischen Transhumanismus, 2019,S.91-99). Diese sehr klug geschriebene Studie zum Thema des Transhumanismus kritisiert nun auch Nietzsches Anliegen der Überwindung des Nihilismus,ist für diesen Philosophen gerade doch das Projekt des Übermenschen die der den Nihilismus überwindenden Kreativität. Mitnichten, der prophezeite Nihilismus soll nun eine positive Entwickelungsstufe sein, in der es um der Pluralität des Lebens willen zu verharren gälte. „Bei den verschiedenen Facetten des Nihilismus handelt es sich um Errungenschaften,die die Wahrheit fördern, die Vielfalt des Lebens zum Florieren zu bringen.“ (S.91) Dabei wird dann zwischen dem alethischen und dem ethischen Nihilismus unterschieden. Es gäbe weder Wahrheit noch Moralität (S.92).Die Antithese zu allen totalitären und paternalistischen Strömungen sei der Nihilismus,denn er ermöglichte allein eine Pluralität von „Wahrheiten“ und „Moralen“. Darin verbirgt sich ein typisches postmodernes Axiom, das, daß eine erkannte Wahrheit oder eine zu erkennende sowohl der theoretischen und der praktischen Vernunft eine Legitimität der Pluralität beseitigen würde. Die Wahrheit, daß 5 plus 7 12 ist, verunmöglicht alle anderen Zahlen als 12 als legitime Antworten auf die Frage, was sei 5 plus 7 zu qualifizieren. Für den Bereich der Ästhetik: Wie könnte es noch eine Manigfaltigkeit von Kunstwerken geben, wenn es das wahre Kunstwerk gäbe?

Die totalitären Staaten seien so charakterisiert durch ihre Behauptung, im Besitz der Wahrheit zu sein, der gemäß dann in diesen Staaten alles bestimmt worden sei. Als Musterknaben solch eines Wahrheitstotalitarismus zählen dann Hitler und Stalin. Hitler sei eben keinesfalls ein Nihilist gewesen, der an nichts glaubte als an seinen Willen zur Macht und Stalin kein Despot, der den Marxismus-Leninismus nur dazu vernutzte, seine Willkürherrschaft zu rechtfertigen. Ganz von einer Wahrheitserkenntnis Erfüllte liquidierten diese jede Pluralität in ihrem Willen zur unbedingten Uniformität. Damit es eine legitime Pluralität geben könne und diese ihre Legitimität nur dem Faktum verdanken könnte, wenn etwas noch nicht begriffen worden ist, sodaß es nur noch eine Wahrheit über das Zubegrifende gibt, dürfe es keine erkannte Wahrheit geben.

Der Paternalismus fundiert sich dabei aus der Erkenntnisdifferenz, daß die einen Erkennende sind und die anderen Nochnichterkennende, sodaß die Erkennenden den Nichterkennenden zu führen haben, sie so zu entmündigen. Theologisch gewendet: Die Notwendigkeit des Hirtenamtes resultiert aus dem Nichtvermögen der Schafe, sich selbst hüten, das heißt regieren zu können. Cognitivistisch gewendet heißt das, daß sie die Wahrheit nicht erkennen können. Solange es aber doch noch erkennbare Wahrheiten gibt, verleiht jede erkannte dem Erkennenden das legitime Recht, die anderen zu führen. Das sei dann das Ende jeder legitimen Pluralität. Alles Nichtwahre wird eben zur Häresie.

Soweit das dieser Betrachtung Innewohnende. Aber ist das in sich konsistent? Die Kritik muß ich zuerst kaprizieren auf das Phänomen, daß in diesem nihilistischen Gedankengang ein höchster Wert auftritt, der der Pluralität. Wie kann dieser Wert aber ein Element eines nihilistischen Denkens sein? Darüberhinaus dürfte der so propagierte Wert des Pluralismus nicht selbst wieder etwas aus sich ausschließen. Aber hier wird ja der Totalitarismus wie auch der Paternalismus ausgeschlossen. Damit begrenzt sich der Pluralismus selbst, indem er sagt, daß im Pluralismus nur pluralistische Ansätze erlaubt sind. (Das hieße für die internationale Politik, daß es dem afghanischen Volke nicht erlaubt werden dürfe, sich talibanisch regieren zu lassen, weil deren Regierungskonzept totalitär sei.)

Der Wert des Pluralismus wird also so hoch geschätzt, daß in seinem Namen alles nicht im Pluralismus das Höchste Ansehende aus dem legitimen Diskurs auszuschließen sei. Das hat nun viel mit Nietzsches Willen zur Macht gemein, mißbraucht aber das Theorem der Pluralität nur dazu, alles dazu sich oppositionell zu Verhaltendes zu delegitimieren. Schon ganz außerhalb seiner Begründungsmöglichkeiten ist nun aber dieser höchste Wert der Pluralität. Denn orientierte sich dies Denken an der Natur oder pathetischer am Leben, so müßte eingeräumt werden, daß nicht die Pluralität sondern das Prinzip des Sichdurchsetzens des Stäkeren das Leben ausmacht, denn das Gesetz des Lebens ist das des Kampfes und der ist pluralitätsvernichtend.

Prinzipieller formuliert: Warum soll denn überhaupt die Pluralität etwas Gutes sein? Wenn es zur Lösung eines politischen zwischenstatlichen Konfliktes militärische und nichtmilitärische Lösungen gibt, warum soll es dann etwas Gutes sein, beide Optionen als gleichwerige anzusehen, statt moralisch begründet nichtgewaltsame gewaltsamen als vorzuziehen zu beurteilen.

Dieser hier skizzierte „Nihilismus“ dekonstruiert sich selbst, weil er auf einem Werturteil sich aufbaut, der erstens nicht mit dem Nihilismus vereinbar ist und weil der oberste Wert des Pluralismus sich dann auch noch selbst destuiert, indem er nur dazu dient, sich selbst zu negieren, indem aus dem Pluralismus alles Nichtpluralitische exkommuniziert werden soll. Aber trotz dieser inneren Widersprüche ist dieses Denken das unsere Epoche bestimmende, das so aber auch zutiefst antitheologisch und somit antichristlich ist. Denn das Basiscredo der christlichen Religion wie der ganzen Philosophie war und ist: Die Wahrheit macht frei. Es darf sogar geurteilt werden, daß selbst noch Nietzsches Übermensch an dieser Wahrheitskonzeption verhaftet blieb. 

Zusatz:

Es gibt das Ereignis des Nationalsozialismus und des Stalinismus, aber die Interpretationen dieser Ereignisse sind für die darauf folgende Zeit relevanter als das Ereignis selbst. Nicht das Realereignis sondern seine Interpretation wirkt in der Geschichte. Der naivste Standpunkt ist nun der, die je meinige Interpretation für die einzig wahre zu erachten und die anderen dann als ideologisierte zu verurteilen. Die Potmoderne könnte nun als die Anerkennung der Unhintergehbarkeit der Pluralität der Interpretationen der Ereignisse der Geschichte verstanden werden, würde sie nicht selbst auf einer bestimmten Interpretation dieser beiden Ereignisse sich fundieren, die daß der Totalitarismus beider Systeme auf dem Glauben an die bessene Wahrheit sich gründet.  Konträr dazu steht Rauschning,der den Nationalsozialismus als "die Revolution des Nihilismus" qualifizierte. Für postmoderne Denker erscheint dagegen der Nihilismus als Schutz vor solchen totalitaristischen Ideologien.


 

Dienstag, 8. März 2022

Ein Orientierungsversuch über Weltanschauung, Ideologie und Religion – warum es ohne dem nicht geht!

Ein Orientierungsversuch über Weltanschauung, Ideologie und Religion – warum es ohne dem nicht geht!


Eine banale aber sehr populäre Vorstellung: Ein Mensch sieht die Wirklichkeit durch seine Brille. Durch sie nimmt er nun die Wirklichkeit nicht so wahr, wie sie wirklich ist, sondern verzehrt. Die Brille soll nun die Auswirkung auf unser Wahrnehmen veranschaulichen, wenn wir die Welt durch eine Weltanschauung, eine Ideologie oder eine Religion wahrnehmen. Die Brille verfälsche so unsere Wirklichkeitswahrnehmung.

Narrative erklären dann, wieso Menschen solche Verzehrbrillen aufsetzen, daß sie irgendwie dazu manipuliert werden. Die plumpeste Variante ist dabei das Narrativ vom Priesterbetrug, daß sie eine Religion erfanden, um durch sie die anderen Menschen auszunutzen. Die Priester simulierten dann nur, daß sie an ihre eigene Religion glaubten, um dann etwa im Namen der von ihnen selbst erfundenen Götter Opfergaben einzufordern oder prinzipieller ihre Priesterherrschaft zu legitimieren. Die heutige Polemik gegen den Klerus lebt auch immer noch von dieser simplen Betrugsgeschichte. Tauscht man den Begriff des Priesters durch den des Intellektuellen aus, ergibt das das Narrativ der Intellektuellenherrschaft, der dann gerne der gesunde Menschenverstand entgegengesetzt wird.

Komplexer ist dann schon die Vorstellung von Herrschenden, die eine Religion oder eine Weltanschauung oder Ideologie instrumentalisieren, um ihre Herrschaft zu legitimieren, wobei entweder gemeint wird, daß sie dazu schon eine Religion, eine Weltanschauung oder Ideologie vorfinden, von wem auch immer hervorgebracht, die sie dann für ihre Absichten instrumentalisieren oder gar selbst sozusagen produzieren lassen für ihre Herrschaftszwecke. Unklar bleibt dabei in der Regel, warum dann Menschen sich so eine Verzehrungsbrille aufsetzen, die nur dazu führt, die Wirklichkeit nicht mehr adäquat wahrzunehmen. Die Formel der Manipulation hilft dann aber genau genommen auch nicht viel weiter, weil dadurch nur das Problem verschoben wird: Warum läßt sich ein Mensch manipulieren, warum verbleibt er denn nicht in seiner ihm eigenen unbebrillten Wirklichkeitswahrnehmung?


Ein kleine Begriffsklärung: Die Theologie verhält sich zur Religion wie die Ideologie zur Weltanschauung. Weltanschauungen werden erst wirksam, wenn die Religion an Bedeutung verliert als Surrogat. Religionen wie auch Weltanschauungen sind soziale kulturelle Hervorbringungen, erst in der Theologieproduktion wie in der der Ideologieproduktion treten dann Einzelne hervor, große Theologen, der hl. Augustin, der hl. Thomas von Aquin oder große Philosophen, die dann Weltanschauungen zu Ideologien vertiefen, etwa Platon, Hegel aber auch Marx und Nietzsche.


Der Generalverdacht gegen jede Religion oder Weltanschauung lautet nun ja im Kerne, daß durch sie die eigentlich erkennbare Wirklichkeit verkannt wird. Wissenschaftsgläubige erachten dann die Wissenschaften, zu denen dann aber die Theologie und Philosophie und manchmal gar alle Geisteswissenschaften nicht gezählt werden, neben dem „gesunden Menschenverstand“, wenn er nicht manipuliert wird, zu den einzigen Weisen der Wirk-lichkeitserkenntnis. Ohne Religion und ohne eine Weltanschauung wäre alles klar, so lautet wohl die simpelste Religions- und Weltanschauungskritik. Diese Haltung kann sich dann noch verbinden mit einer gesellschaftskritischen Geste, der der Kritik der Priester- und der Ideologenherrschaft.


Aber warum verharrt der Mensch nicht einfach in seiner ihm möglichen Wirklichkeitswahrnehmung, warum läßt er sich stattdessen Brillen aufsetzen? Verharrten wir im Bilde der Brille, könnte gemutmaßt werden, daß zur Brille gegriffen wird, weil ohne eine unsere Augen, das, was sie erkennen sollen, nicht richtig erkennen. Es gäbe eine dem Menschen eigentümliche Sehschwäche, die durch das Aufsetzen von einer Brille kompensiert werden soll.


Ein Annnäherungsversuch:


Ein Kind sitzt vor einem aufgeschlagenem Märchenbuch, aber es kann noch nicht lesen. Seine Mama liest ihm dann aus dem Buch vor. Das Kind sieht nur Buchstaben, zu Worten figuriert, die dann gar noch zu ganzen Setzen komponiert wurden und insgesamt einen Text ergeben. Aber für das Kind sind das nur unlesbare Zeichen. Nun soll die Gesamtwirklichkeit als ein Text verstanden werden. Die Wirklichkeitserkenntnis wäre so das Lesen und Verstehen dieses Textes. Aber das Auge sieht nur eine Menge von Zeichen und kann auch die Anordnung der Zeichen zu Sätzen nicht erfassen.


Meine These: Erst durch eine Religion oder eine Weltanschauung wird für uns der Gesamttext und auch seine Teiltexte les- und verstehbar. Ohne einer dieser zwei Größen, die in sich selbst reflektiert als Theologien oder philosophische Ideologien erscheinen, ist uns der Gesamttext unzugänglich. Da es aber nun keinen unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeit gibt, kann keine Religion oder Weltanschauung im Namen einer direkten Wahrnehmung der Wirklichkeit als falsch beurteilt werden. Religionen und Weltanschauungen kritisieren sich so nur untereinander, indem eine sich als allein wahre verstehend alle anderen kritisiert.

Der Mensch lebt aber immer schon in einer menschlich gedeuteten Wirklichkeit, er gleicht einem Textleser, der sich nicht damit begnügen kann, in einem Meer von ihm unverständlichen Zeichen zu leben, denn in einer so unlesbaren Welt könnte er gar nicht leben.

Die Wissenschaften unterscheiden sich so gesehen nur von Religionen und Weltanschauungen, indem sie konstitutiv für die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft Bedingungen der Falsifizierbarkeit von von ihr als wahr Ausgesagtem benennen können müssen- in Anlehnung an Popper. Für Religionen und Weltanschauungen gilt dagegen, daß es für sie kein mögliches Ereignis geben kann, durch das sie widerlegbar wären.

Aber damit das Ganze der Wirklichkeit les- und verstehbar wird, bedarf es einer Religion oder einer Weltanschauung, da die Wissenschaften nicht das Ganze verstehbar machen. Das könnte nur wiederum die Philosophie, die dann als die erste Wissenschaft (vgl etwa Fichtes Wissenschaftslehre oder das Hegelische System)genau genommen keine Wissenschaften mehr sind, sondern Ideologien geworden sind. Ohne Religion oder ohne eine Weltanschauung würde dem Menschen die Wirklichkeit so als Ganzes zu etwas Unlesbarem und Unverstehbarem.

 

Freitag, 3. Dezember 2021

Man muß die Welt so sehen, wie sie wirklich ist ohne ideologische Brille – ein populärer Irrtum?

(Nichts ist so populär wie der Glaube an die Möglichkeit, die Wirklichkeit so erkennen zu können, wie sie ist, zumal dieser Glaube im Alltagsleben sich stets als praktikabel erweist. Und doch gibt es Bedenken.)


Zizek weist darauf hin,dass Ideologie oftmals - sinnbildlich gesprochen- wie eine Brille angesehen wird, die mit einer bestimmten Verzerrung und Tönung dem Ideologen auf der Nase sitzt. Jemanden vorzuwerfen, einer <ideologischen Sichtweise anzuhängen, impliziert den Glauben, dass der Mensch ohne diese >Brille< besser auf die Wirklichkeit schauen könnte.“ So erfaßt Dominik Finkelde in seinem Buch: „Slavoj Zizek zwischen Lacan und Hegel“ S.21 ein wesentliches Moment der Ideologiekritik Zizeks.Um im Bilde zu bleiben gleiche die Ideologie eher einer Netzhaut als einer aufgesetzten Brille.

So wenig wie der Mensch einen Gedanken hat, zu dem er sich die passende Welt sucht, so wenig gibt es eine Wirklichkeit, zu der man sich die passende Ideologie aussucht. Ideologie ist immer schon dort am Werk, wo wir Wirklichkeit >nur< zu betrachten wähnen.“ (S.22) Die Wirklichkeit sei so schon immer das Produkt einer ideologischen Wahrnehmung! Dies evoziert natürlich die Nachfrage, ob diese Aussage über die ideologisch strukturierte Wahrnehmung selbst wiederum eine ideologisch bedingte ist oder wenn nicht, warum es dann doch eine nichtideologische Wahrnehmung geben kann.

Zur Marktwirtschaftsideologie gehört die Vorstellung der Souveränität des Kunden, der eben ganz frei sich die Brille seines Geschmackes erwählen kann und so auch auf dem freien Markt sich seine Ideologie erwählt. Daß faktisch nun durch Marketing und die Werbung versucht wird, wohl erfolgreich, diese Souveränität zu unterlaufen, um das Konsumverhalten zu regulieren, ist nun ein Moment der Wirklichkeit, das diese Ideologie geflissentlich ausblendet um der Vorstellung vom souveränen Kunden willen, der sich als König verstehen soll: „Der König ist Kunde“. Vielleicht ist diese Königsillusion ein Garant dafür, daß der Kunde kauft, was er kaufen soll.

Wenn also die Ideologie immer schon das Wahrnehmen strukturiert, wie kommt die dann in die Köpfe der Menschen, daß sie so wahrnehmen, wie sie wahrnehmen? Versimplifiziert kann wohl gesagt werden, daß das Wahrnehmen ein Akt in einer symbolisierten Welt ist. Die Welt ist uns schon durch die vorherrschende Ideologie in einer bestimmten Gesellschaft so gedeutet, daß sie uns nur als solche zugänglich ist, indem in jedem Wahrnehmen diese Weltdeutung aktualisiert wird.Ein einfaches Beispiel möge das veranschaulichen: ein Schachspiel, schon viele Züge sind gespielt worden, da kommt wer vorbei und schaut auf das Schachbrett mit den darauf positionierten Schachfiguren. Wenn er über keine Kenntnis dieses Spieles verfügte, könnte er wohl das von ihm Gesehene beschreiben, aber verstehen kann er es nur, wenn er die symbolische Ordnung des Schachspieles kennt und mit dieser Kenntnis wird ihm dies Schachspiel erst zu einer Wirklichkeit, die er sich verstehend aneignen kann.

Es müßte sozusagen von einem Mangel der Wirklichkeit als das unmittelbar Rezipierbare gesprochen werden, daß da eben nur Figuren auf einer Fläche verteilt stehen,die erst durch ein deutendes Wahrnehmen zu einer uns verstandenen Wirklichkeit wird. Im Regelfall ist davon auszugehen, daß Gesellschaften durch eine vorherrschende Ideologie mitkonstituiert werden, daß so diese jedem Bürger der Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit ist.In besonderen Fällen kann nun eine vorherrschende Ideologie ihre Selbstverständlichkeit verlieren, daß dann eben alternative in den öffentliche Diskurs eingespeist werden. Pluralistisch strukturiert ist dann der öffentliche Diskurs, wenn in ihm differente Ideologien sich artikulieren können. So kann es Phasen der ideologischen Kontroversen geben, aber so müßte mit Zizek geurteilt werden, daß keine einfach die Wirklichkeit „richtig“ widerspiegelt, denn es könne keine einfache Wirklichkeitswahrnehmung geben.Alles Wahrnehmen sei eben immer ein Deuten und Verändern des Rohstoffes „Wirklichkeit“ zu einem Produkt des Vorstellens und Denkens.Durch jedes Denken wird eben das Zubedenkende zu einem Objekt des Denkens.

Wenn Sartre sinngemäß sagen kann, daß der Blick des Anderen mein Tod sei, so meint dies ja wohl nur, daß ich durch den Anderen verobjektiviert werde und somit auf etwas fixiert werde, was nur eine meiner Möglichkeiten ist. Oder es könnte jetzt auf Nietzsche rekurriert werden, daß die „Wahrheit“ nur das Produkt einer perspektivischen Wahrnehmung ist und es keine nichtperspektivische gibt. Aber all diese Positionen evozieren nun die Anfrage, die Emanuel Hirsch schon in „Deutschlands Schicksal“ aufwarf: Wie kann den solch ein Kritiker wie Nietzsche seine eigenen Aussagen als wahr ausgeben, wenn alles nur ideologisch perspektivistisch ist? Bleibt dann nur der Kampf der Ideologien, ohne daß eine wahrer sein kann als die andere, weil es nur Wahres in den Ideologien gibt, aber nicht außerhalb von ihnen?

 

Donnerstag, 11. November 2021

Die herrschenden Ideen sind die der Herrschenden: Ideologiekritik

Die herrschenden Ideen sind die der Herrschenden: Ideologiekritik


Unter einer Ideologie sei hier eine durchreflketierte und systematisierte Weltanschauung verstanden. In ihr wird eine Weltanschauung sozusagen reflexiv. Dies evoziert nun aber die Frage, warum es denn überhaupt Weltanschauungen gibt als den Rohstoff der Ideologien. Ein Versuch: Ein Spielzug in einer Schachpartie. Dieser Zug kann nun minutiös beschrieben werden, wie er sinnlich rezipiert und beschreibbar ist. Aber verstehbar wird er erst dem, der im Wissen um das Regelsystem Schach diesen Spielzug verstehen kann, a) als einen legitimen, wenn er gemäß dem Regelsystem durchgeführt wurde und b) als einen sinnvollen, wenn er auf das Endziel des Schachmattsetzens bezogen ist. Es wird also ein Deutungsschema hier appliziert um etwas zu begreifen, das ohne es eine zwar beschreibbare aber nicht begreifbare Wirklichkeit wäre.

Verstehst Du auch,was Du liest?“, diese berühmte Frage in der Apostelgeschichte kann so als Ausgangspunkt der Frage nach dem Ursprung der Weltanschauungen verstanden werden. Alle Wirklichkeiten sind „Texte“,die gelesen werden können, wie ein Spielzug einer Schachpartie, die aber, um verstanden zu werden, gedeutet werden müssen. Für eine Schachpartie ist das ihr zugehörige Deutungsschema eindeutig vorgegeben in dem Regelsystem des Schachspieles. Für viele Wirklichkeiten gibt es nicht so eindeutige Zuordnungen. So kann die Wirklichkeit des Menschen biologisch, soziologisch, philosophisch oder theologisch gedeutet werden. Weltanschauliche Betrachtungen des Menschen wären dann den wissenschaftlichen vorgeordnet, die dann in den Wissenschaften auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden.

Die Differenz zwischen Wissensschaften als verarbeitete Gestalten von Weltanschauungen und den Ideologien könnte dann so bestimmt werden: Wissenschaften weisen die Möglichkeit der Verifikation und Falsifikation ihrer Erkenntnisse aus, während Ideologien ihre Falsifikierbarkeit ausschließen. Während nun die Wissenschaften das Ganze ausdifferenzieren zu Wissenschaften von Teilen des Ganzen, der Natur, des Geistes und weitere Binnendifferenzierungen, conserviert die Ideologie das Anliegen einer Weltanschauung, das Ganze, die Welt zu begreifen. (Hier kann es zu Konflikten mit der Theologie und der Philosophie kommen, wenn diese beiden Diskurse sich zutrauen, noch das Ganze zu begreifen.)Ideologien gibt es also aus dem Grundbedürfnis des Verstehens heraus als Alternative und Ergänzung zu den wissenschaftlichen Diskursen, die alle in Weltanschauungen sich fundieren, um sie zu reflektieren.

Ergo: Weltanschauungen und Ideologien gibt es nicht, weil Herrschende sie erfinden, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Sie entspringen des Menschen Sein in der Welt, die ihm erst durch Weltanschauungen und dann Wissenschaften und Ideologien zu einem nicht nur lesbaren sondern auch verstehbaren Text machen.

Aber die Grundtexte sind nicht eindeutig einer Weltanschauung und dann einer Ideologie oder Wissenschaft zuordbar, wie eine Schachpartie dem Deutungssystem des Schaches. Das bildet den Ermöglichungsgrund diverser Weltanschauungen.

Nun erhebt sich die Frage, wie es kommt, daß faktisch die Herrschenden die Ideologie ihrer Beherrschten bestimmen?Darauf gibt es nun eine sehr einfache Antwort: Verschiedene Weltanschauungen und Ideologien stehen im Kampfe gegeneinander und wenn eine dann die anderen zurückdrängt oder besiegt, dann ist das die herrschende Ideologie, mit der dann auch die Herrschenden herrschen. Nur ist dieser Kampf eben nicht ein rein akademisch diskursiver, sondern ein Machtkampf, in dem Ideologien nicht einfach kritisiert werden sondern bekämpft werden.

Stabil wird eine Ideologie erst dann, wenn es kein mögliches Ereignis mehr geben kann, das von der Ideologie nicht mehr als kompatibel mit ihr gedeutet werden kann. Diese Immunisierung gegen jedes mögliche Ereignisse in der Wirklichkeit qualifiziert dann ein Deutungssystem des Ganzen, der Welt zu einer Ideologie. Das macht ihre starke Lebenskraft aus.

Zur Veranschaulichung ein sehr simples Beispiel: Ein Stammtischabend. Jemand erzählt: Irren ist menschlich. Da sah ich diesen Verkehrsunfall. Ein Wagen fuhr bei Rot über die Kreuzung und stieß mit einem anderen Auto zusammen. Aber unverletzt stieg der Mann, der über Rot gefahren war, aus seinem Auto.

Mehrere Bierrunden später. Der selbe: Frauen können nicht Auto fahren. Ein Wagen fuhr bei Rot über die Kreuzung und stieß mit einem anderen Auto zusammen. Aber unverletzt stieg eine Frau, die über Rot gefahren war, aus ihrem Auto.

Die Summe aller möglichen Verkehrsunfälle ergibt sich aus den von Männern oder Frauen oder durch einen technischen Defekt verursachten. Für jeden von Menschen verursachten gilt nun, daß der Fahrer entweder männlich oder weiblich ist. Mit diesen 2 Deutungsmöglichkeiten,Irren ist menschlich und Frauen können nicht Auto fahren, kann so jeder menschenverursachte Unfall gedeutet werden, es kdnn keinen Unfall geben, der nicht auf eine der 3 Möglichkeiten hin interpretierbar ist.Deshalb kann dieser Stammtischgast auch durch keine Erfahrung in seiner Unfalllideologie widerlegt werden. Sie ist erfahrungsresistent.Das macht die Lebenskraft von Ideologien aus, die so, herrschen sie einmal, kaum noch widerlegbar sind.



 

Sonntag, 7. November 2021

„Die herrschenden Gedanken sind die der Herrschenden“

Die herrschenden Gedanken sind die der Herrschenden“


Wohlvertraut ist dies Votum von Karl Marx, aber sein Gehalt gibt doch viel zu denken. Seit gefühlten Ewigkeiten wird Bayern von der CSU regiert, diese Partei könnte so als die Bayern beherrschende bezeichnet werden und trotzdem ist der Bayrische Rundfunk von seiner Tendenz her eindeutig Grün-Rot ausgerichtet; ja auf diese „Staatspartei“ färbt diese Grün-Rote Tendenz ab, die CSU vergrünt sich.Seit circa 2000 Jahren predigt die Kirche das Gebot der Nächstenliebe, in Europa lange aus einer herrschenden Position heraus, aber hat diese christliche Predigt wirklich gefruchtet? Trotz 2000 jähriger Predigt: Noch nie wurden in Europa so viele unschuldige Menschen getötet wie jetzt im Namen des „Menschenrechtes“ der Tötung von Kindern im Mutterleibe.

Im 2. Johannesbriefes des Theologen der Liebe lesen wir aber: Habe keine Gemeinschaft mit Irrlehren, „verweigere ihm den Gruß“. (V.10) Gehört es nicht zu jedem kultivierten Bürger, daß er genau weiß, wem man nicht zu grüßen habe, mit wem man keinen Kontakt zu pflegen habe? Man stelle sich das einmal vor: Ein Bischof gibt einem bekannten AfD-Politiker die Hand. Würde nicht sofort in den Medien lautstark sein Rücktritt gefordert?

Offensichtlich neigen wir als Hörer, uns Genehmes gern aufzunehmen: Es gibt Menschen, denen ich den Gruß verweigern darf!- und weniger Genehmes: Ich habe meine Mitmenschen zu lieben!, das dann auf wenig fruchtbaren Boden fällt.

Wenn also die Gedanken der Herrschenden unter den von ihnen Beherrschten auf fruchtbaren Boden fällt, sodaß diese Gedanken die der Beherrschten werden, warum werden sie so positiv rezipiert? Zu oberflächlich verstünden wir wohl dies Marxvotum, wenn wir es in der Vorstellung des Opportunismus deuteten, daß eben die Beherrschten gegen ihr eigenes besseres Wissen den herrschenden Ideen zustimmen aus Angst vor den Sanktionen, die Andersdenkenden drohen. Dann dächten die Beherrschen ja gar nicht die Gedanken der Herrschenden, sie äußerten sie nur als eine Simulation ihrer Zustimmung zu ihnen.

Wie werden also die Gedanken der Herrschenden zu denen der Beherrschten? Damit stehen wir vor einem der Kernprobleme jeder Ideologiekritik, bzw der Kritik des zeitgeistgemäßen Denkens. Dies zeigeistgemäße Denken ist das in den öffentlichen Diskursen präsente. Kann geurteilt werden, daß einfach schon durch eine Partizipation an diesen Diskursen der Mitkommunizierende ein Vertreter der herrschenden Ideologie wird. Das könnte so veranschaulicht werden: Wenn Fußball gespielt wird, muß jeder, der mitspielen will, auch Fußball spielen wollen. So kann er eben nicht mitten im Spiel wie ein Handballspieler ein Tor werfen. Um am öffentlichen Diskurs teilhaben zu können, müßte man sich so gesehen so an die Regeln dieses Diskurses halten wie der, der mitspielen will, in diesem Falle die Fußballspielregeln einzuhalten habe. Die Ideologie der Herrschenden wären dann als die Regeln der öffentlichen Diskurse zu verstehen, die jeder einzuhalten hat, wenn er auch an diesen Diskursen partizipieren möchte.

Nur außerhalb dieser öffentlichen Diskurse, unter den Steppenwolfexistenzen (Hermann Hesse) könnte es so ein abweichendes Denken geben. Das individuelle Denken, wenn es sich nicht von den öffentlichen Diskursen absondert und so absonderlich wird, ist eben nur eine Individuierung der öffentlichen Diskurse, so wie das Regelsystem des Schachspieles jedem individuellem Spielen vorausgeht und so auch erst individuelle Spielzüge ermöglicht, indem es aber auch nichtkonforme ausschließt. Das hieße, daß nicht zuerst ein individuelles Denken sich ereignet, das dann sekundär durch die herrschende Ideologie verformt und depraviert wird,sondern gerade wenn individuell eigenständig gedacht wird, dies Denken die Partizipation am öffentlichen Denken, den bestimmenden Diskursen ist.






 

Sonntag, 11. Oktober 2020

Das christliche Abendland und zwei seiner unehelichen(?)Kinder


Daß das Abendland nicht nur griechisch-römisch fundiert war (durch die griechische Philosophie und das römische Organisationstalent, auch durch das Römische Recht.sondern auch durch die christliche Religion und der jüdischen, wie heutzutage hinzugefügt wird, ist unbestritten. Es sei nur an Max Webers heute noch überzeugende These von der Geburt des Kapitalismus aus dem Geiste des Protestantismus erinnert, oder an die These, daß das Projekt der Technik als Naturbeherrschung sich dem Beherrschungsauftrag der Schöpfungserzählung der Bibel verdanke.

Aber zwei wirkmächtige Ideologien des 20.Jahrhundertes, der Kommunismus besonders in der Ausgestaltung des Bolschewismus und des Nationalsozialismus, das sollen nun völlige Fremdkörper in der abendländischen Kultur sein, ja sie markierten den totalen Bruch mit der gesamten abendländischen Kultur. Aber wie nun, wenn diese radicale Distanzierung nur dazu dient, sich dieser Schmudelkinder zu entledigen, als wären sie nicht auch Hervorbringungen dieser Kultur, deren Verwandtschaft man sich aber schämt.

Man könnte den Text: „Wofür kämpfen wir?“ Jänner 1944 herausgegeben vom „Personal-Amt des Heeres“, mit ausdrücklicher Zustimmung Hitlers als einen nationalsozial-istischen „Katechismus“ für die deutschen Soldaten bezeichnen. In ihm wird eine Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus geführt. In dieser Auseinandersetzung wird auch die (christlichen) Religion thematisiert als ein entscheidender Differenzpunkt : Wie anders verhält sich der Nationalsozialismus zur Religion als der Bolschewismus? Wenn bei einem ersten Überflug über den Text ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema wahrgenommen wird, enthüllt eine zweite Lektüre verwirrende Komplikationen, die ein sehr eigentümliches Verhältnis zur Religion und damit zur abendländischen Kultur anzeigen.

Eingedenk der These, daß der Kommunismus wie der Faschismus nur zwei Gesichter eines ideologischen Totalitarismus sind, zerstrittene Zwillingsbrüder sozusagen, liegt es ja nahe, daß beide sich wechselseitig besser verstehen als wenn sie aus einer antitotalitären Perspektive beobachtet werden.

Alles, was durch den Begriff >Religion< bezeichnet wird, ist für den Bolschewisten nichts anderes als eine Art sozialer Krankheitserscheinung. Der Bolschewismus lehrt die Gottlosigkeit.“ (Reprintausgabe 2017, S. 23). Dem wird dies Bekenntnis Hitlers gegenübergestellt: „Das Höchste aber, was mir Gott auf dieser Welt gegeben hat, ist mein Volk. In ihm ruht mein Glaube, ihm diene ich mit meinem Willen, und ihm gebe ich mein Leben“ 1935, S.77. Im 30.Kapitel setzt sich dieser „Katechismus“ mit der Kritik auseinander, daß die nationalsozialistische Ideologie (auch, genauso) gottlos wäre wie der Bolschewismus. Als Antwort wird formuliert: „Der Nationalsozialismus wurzelt in ehrfürchtiger Gotteserkenntnis“. (S.109) „Das Volk ist uns ein Glied der göttlichen Schöpfungsordnung.“ „Wer Gott dienen will, muß mit dem Vaterland anfangen.“ (S.110)Offenkundig ist hier das Bemühen, sich in ein positives Verhältnis zur (christlichen) Religion zu setzen und somit auch den Antikommunismus der Partei religiös zu legitimieren. Damit zeichnet sich dieser Katechismus in die christlich-religiöse Tradition des Abendlandes ein, auch wenn hier die christlich-religiösen Traditionen schon sehr verblaßt sind zu: göttlichen Schöpfungsordnungen, die zu bejahen sind. Einem aufmerksamen Leser wird aber nicht entgehen, daß damit aber auch an eine Tendenz des zeitgenössischen Luthertumes angeknüpft werden konnte und an eine verblassende Gottgläubigkeit im deutschen Volke. Wenn dieser „Katechismus“ feststellt: Der Glaube an eine „göttliche Weltordnung“ „ist aber die religiöse Grundlage unserer artechten Weltanschauung wie überhaupt der europäischen Völker und Kulturen“ (S.23), dann knüpft er wohl realistisch an: Was glauben die Deutschen jetzt?, an und deuten sich so im Einklang mit der abendländischen Kultur.

Dann wäre der Bolschewismus einfach die pure Negation der abendländischen Kultur in seinen geistigen Fundamenten. Aber was lesen wir nun über die gewaltigen Leistungen Rußland, im Ökonomischen wie im Militärischen unter der Herrschaft Stalins? „Es darf nicht übersehen werden, daß ohne die insbrünstige Glaubenskraft der russischen Seele, ohne die Hoffnung auf ein vorgegaukeltes >Paradies der Werktätigen< ein solches System nicht möglich wäre.“ (S.25) Damit wird gesagt, daß diese religöse Vorstellung von einem erlösenden Paradies nicht etwa eine akzidentielle Beigabe zum Bolschewismus sei, sondern ihn fundiere. Die christliche „Heilslehre“ habe der Bolschewismus mit „unübertrefflichen Fanatismus“ rezipiert.Wird diese These ernst genommen, ernster als dieser „Katechismus“ es wohl hier gemeint hat, dann wäre der Bolschewismus gerade der Versuch, fanatisch, das, was die christliche Religion von der Erlösung im jenseitigen Paradiese erhofft, nun politisch revolutionär als diesseitiges Paradies zu realisieren.

So ergibt sich sicher nur als recht vorläufige These: Der Nationalsozialismus knüpft an die religiöse Vorstellung einer göttlichen Schöpfungsordnung an und versteht seine politischen Ordnungsvorstellungen selbst als darin fundiert, während der Bolschewismus an die Paradieserlösungsvorstellungen anknüpft und diese religiöse Hoffnung nun als revolutionär politische Aufgabe versteht. Eingedenk Ernst Noltes These vom primär reaktiven Charakter des Nationalsozialismus als antikommunistische Bewegung ergibt das, daß dem revolutionären Umgestaltungswillen der Wille zur Erhaltung der Ordnungen, die als Schöpfungsordnungen angesehen werden, entgegengesetzt wird. Somit verweisen diese antithetisch sich gegenüberstehenden Anknüpfungen auf eine der christlichen Religion immanenten Spannung zwischen den göttlichen Schöpfungsordnungen und der eschatologischen Verheißung einer neuen Erde und eines neuen Himmels.

So wären also diese beiden Ideologien selbst noch in der abendländischen Kultur verortbar und so nicht einfach ihre pure Negationen.


 

Mittwoch, 6. Mai 2020

Kurz und bündig: Alles Ideologie? Und sonst nichts?

"so wie man sagen kann, dass der ideologische Akt darin besteht,eine klare Trennlinie zwischen Ideologie und >wahrem< nichtideologischem Wissen ziehen zu wollen“.Zizek, Weniger als nichts, 2016,S.110.
Die Konstitution eines nichtideologischen Wissens ist so die Tat, durch die sich eine Ideologie als Nichtideologie hervorbringt, indem sie alle anderen mit ihr konkurrierenden Ideologien als Ideologie kritisiert. Diese Strategie setzt das Vorurteil voraus, daß das wahre Wissen immer ein nichtideologisches ist, einfacher gesagt, daß Wissen und Erkennen den Gegenpol zur Ideologie bildet. Ideologen verkennen eben die Wirklichkeit.
Geht man von der Wortbedeutung der Ideologie aus, daß sie die Lehre von den Ideen ist, daß also der Gegenstand der Ideologie die Frage des Verhältnisses des Denkens zu dem Gedachten ist, dann muß dieses Vorurteil geradezu absurd erscheinen. Man müßte doch urteilen, daß jedes Denken, das nicht einfach naiv das was ich denke mit dem, worauf sich mein Denken bezieht, als identisch zu setzen: So wie ich denke, so ist es auch!
Spätestens wenn zwei miteinander inkompatible Weltanschauungen eine Aussage über etwas machen, wir also zwei differente Aussagen vor uns haben, evoziert diese Differenz den Glauben an dies etwas, das entweder von einem der zwei gedachten Etwassen verschieden sein muß, oder gar ganz anders sei als beide gedachten Etwasse. Nur, daß dies so ganz anders seiende Etwas auch nur als Denkvorstellung in unserem Denken existiert.
Gibt es denn überhaupt nichtideologisches Wissen? Nahe läge es nun, so das Wissen der Naturwissenschaften zu qualifizieren. Aber ist der methodische Atheismus dieser Wissenschaften, daß alles in der Welt weltimmanent zu erklären sei, nicht selbst eine ideologische Setzung, ein Akt, der so erst diese Wissenschaften zu ideologiefreiem Wissen kürt?
Wie verändert sich die Frage der Ideologiehaftigkeit des Wissens, wenn das Denken nicht einseitig auf indikativische Aussagen beschränkt wird, ist die Aussage, das ist so, wahr, sondern auch imperativische Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu diskutieren sind: Das soll man nicht! Das Denken kennt dann auch noch optativische Aussagen,o möge es doch so sein und konjunktivische: wenn das nicht geschehen wäre. Verlangt diese Diversität des Denkens nicht nach einer Klärung des Verhältnisses des Denkens zu dem Gedachten, das es so ist, sein sollte, oder sein möge oder wenn es doch so wäre.Wo all diese Fragen diskutiert und beantwortet werden, entsteht da nicht so eine Ideologie? Wäre so die Ideologiefreiheit nichts anderes als der Verzicht auf die Reflexion des Denkens über sich selbst, daß dann naiv einfach gesetzt wird: Wie ich denke, so ist es?

Corollarium 1
Ein Ausweg könnte die Distinktion der Tatsachenaussage und der Interpretation der Aussage sein. Aber genau mit der Setzung dieser Differenz vollziehen wir ja den ideologischen Akt. Und sind Tatsachen wirklich ideologiefreies Wissen. Enthält nicht die "Tatsachenaussage",Friedrich Nietzsche ist der Autor des "Zarathustras" einen ganzen Vorstellungskomplex über das Verhältnis eines Autoren zu seinem Werk, der dieser Aussage erst ihren Sinn gibt. Dieser damit mitgesetzte Vorstellungskomplex der Autorenschaft ist nun selbst nicht einfach eine Summe von "Tatsachenaussagen", sondern selbst wiederum ein Teilelement einer , wenn man will, ideologischen Vorstellung etwa einer "Ich-Philosophie": Ich schreibe Werke. Nietzsche ist nun gerade aber ein Philosoph, der jeder "Ichphilosphie" (in der Tradition Descartes) ablehnend gegenübersteht. Ist er dann im descartischen Sinne der Autor seiner Werke?   

Sonntag, 26. Januar 2020

Linker Ideologiewahn: Franziskus spaltet katholische Kirche

"Papst Franziskus versucht mit aller Macht neue weltlich-linke Ideologie in die katholische Kirche zu bringen und bringt Teile der Theologen, Bischöfe und auch der Basis gegen sich auf. Es ist, als ob die Kirche in eine weltliche NGO umgewandelt werden soll." Die etwas reißerisch geratende Überschrift der "Freien Welt" am 20.Jänner 2020 verkennt leider, wie klein und schwach der Widerstand in der Kirche gegen dies Modernisierungskonzept Papst Franziskus ist. 
Der "synodale Irrweg", der jetzt in Deutschland eingeläutet wird, wird wohl zeigen, auf wie viel Zustimmung der Papst für sein Programm der Verweltichung stoßen wird. Aber es gibt auch Spannungen zwischen dem päpstlichen Reformwillen und dem deutschen Reformkatholizismus. Es scheint so, als wenn der Papst die linksliberalen Reformer des "synodalen Irrweges" bremsen möchte, damit die ihn nicht avantgardistisch überholen, als wenn deren Reformeifer zu weit ginge, vielleicht auch nur deshalb, weil er die ganze Kirche im Auge habend weiß, was in ihr noch nicht umsetzbar ist. Es könnte aber auch die diesem Medienpapst eigene Eitelkeit sein, daß er als der Reformer in die Kirchengeschichte eingehen möchte und daß er diesen Ruhm Kardinal Marx nicht gönnt. Franz Josef Strauß sagte eins, daß es ihm gleichgültig sei, wer unter ihm der Bundeskanzler sei- ob Kardinal Marx wohl ähnlich über seine Stellung zum Papst "unter ihm" denkt? 
Aber noch etwas ist problematisch an der These, daß der Papst bzw. der "synodale Irrweg" eine "weltlich linke Ideologie" in die Kirche implantieren möchte. Sind denn die Multikultiidologie, das Projekt der Auflösung der Völker durch eine gezielte Masseneinwanderung von Flüchtlingen und die Glorifizierung der Homosexualität genuin linke Konzepte? Der Umweltschutz mit seiner Klimahisterie ist gewiß keine linke Ideologie, betont doch gerade der Marxismus, daß der Menschheitsfortschritt gerade in der Zunahme der Beherrschung der Natur durch die menschliche Arbeit und nicht in einem romantischen: Zurück zur Natur besteht. Das traditionelle Zukunftsziel der Linken war die klassenlose Gesellschaft, aber doch nicht die Verklärung der diversem Kulturen.Nein, hier muß genauer hingeschaut werden. Mit Alexander Dugin möchte ich behaupten, daß die linke Ideologie (Sozialismus/Kommunismus) seit der Implosion des real existierenden Sozialismus sich aufgelöst hat und daß die einstigen Linken nun zu Linksliberalen wurden. Dieser Liberalismus, vor dem 2. Vaticanum als Modernismus bekämpft, herrscht jetzt in der Kirche so sehr vor, daß die Katholiken in dieser Kirche selbst zu einer Minderheit geworden sind. 
Wenn Papst Franziskus die Kirche spaltet , dann spaltet er die nachkonziliare Kirche von der Katholischen Kirche ab, von dem, was sie immer und überall gelehrt und praktiziert hat. Die Katholische Kirche Deutschlands hat diesen Abspaltungsweg schon lange beschritten, forciert durch die "katholische" Universitätstheologie.