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Sonntag, 26. Oktober 2025

Über eine beliebte Standartpolemik wider die vorkonziliare Kirche,daß sie sich der Moderne widersetzt habe.

 

Über eine beliebte Standartpolemik wider die vorkonziliare Kirche,daß sie sich der Moderne widersetzt habe.


Wer auch nur oberflächlich sich mit der Thematik der Beziehung der Katholischen Kirche oder weniger kirchenfixiert des katholischen Milieus beschäftigt zum Nationalsozialismus beschäftigt,stößt unweigerlich auf die These einer antimodernistisch gestimmten Affinität des Katholischen zum Nationallsozialistischen. Christoph Kösters sagt aus, daß die Sozialgeschichtsschreibung „das katholische Milieu mit dem Ausdruck >antimodernversah, bzw als „rückständig“ abwertete.1 Die Bedeutung dieser sozialgeschichtlichen These erschließt sich aber erst, wenn der Nationalsozialismus dabei als eine radical antimodernistische Ideologie interpretiert vorausgesetzt wird, sodaß die These einer Affinität zwischen dem antisäkularistisch antimodernistisch eingestellten katholischen Miieu und der nationalsozialistischen Ideologie sich aufdrängt, auch wenn die Präferenz dieses Milieus für die katholische Zentrumspartei dagegen spricht.

Für die Perhorreszierung der vorkonziliaren Kirche und ihrer Theologie reicht aber das Argument dieser Affinität und macht auch verständlich, warum mit solch einer Vehemenz die vorkonziliare Kirche mit ihrem Kampfe wider den Modernismus verurteilt wird. So referiert Kösters in diesem Aufsatz das Verständnis der Moderne, der Modernisierung in den Sozialwissenschaften des 20.Jahrhundertes:Da wurde eine lange Zeit die „Modernisierung“ „normativ als >Demokratisierung<bzw >Säkularisierung<verstanden.“ 2 Hierbei darf nun das Verhältnis zwischen der „Demokratisierung“ zur „Säkularisierung“ nicht addidativ verstanden werden, sondern als das Verhältnis zweier Seiten einer einzigen Medaille.Beide Seiten bedingen sich wechselseitig.

Das katholische Milieu erschien als >antidemokratisch< und >säkularisierungsfeindlich<,weil es sich gegen die Entwicklungen der modernen Gesellschaft stemmte, >gegen die Entzauberung der Welt,die Privatisierung von Religion,Differenzierung von Religion und Politik<.“3 In dieser Trias meint der Begriff der Entzauberung den Glauben, daß die ganze Welt weltimmanent erklärbar sei und daß noch nicht Begriffenes eben nur ein noch nicht Begriffenes sei.Diese Theorie der Weltimmanenz schließt nun die Vorstellbarkeit einer übernatürlichen Einwirkung aus und somit jegliche religiöse Deutung von etwas Weltimmanenten. Aus dem öffentlichen Diskurs hat so die Religion zu verschwinden, es sei denn als ein Objekt, über das als ein Element der Welt geschrieben wird.Das hat aber nun auch zur Folge, daß ein religiöser Mensch zwar in seiner Privatssphäre religiös sich verstehen kann, aber tritt er ein in den öffentlichen Diskurs,gerade in den politischen, er seine religiösen Vorstellungen rauszuhalten habe. Mit der Religion verhält es sich so wie mit dem Schuhzeug:Daheim mag man seine Pantöffelchen tragen,wenn man aber das Haus verläßt, zieht man die Straßenschuhe an.

Die Kirche des Antimodernismus verneinte energisch diese Moderne, da sie unvereinbar ist mit der katholischen Theologie und nicht etwa mit irgendwelchen klerikalistischen Machtansprüchen: Eine Vernunft, die sich ganz von den übervernünftigen Offenbarungswahrheiten emanzipiert, zerstört selbst die Vernunft – aber ganz anders als es der marxistische Philosoph Georg Lukacs in seinem gleichnamigen Werk meinte.

Was bedeutet es nun, daß die Kirche seit dem 2.Vaticanum faktisch die Moderne anerkannt hat und sich nun selbst auch modernisieren will, wobei aber das Maß des Sichmodernisierens innerhalb der Kirche umstritten ist? Meine These dazu lautet: Die Kaprizierung der Kirche auf die Menschenrechtsideologie ist die theoretische Praxis dieser Selbstmodernisierung der Kirche, wobei die Rede von der Menschenwürde das eigentliche Evangelium substituiert. Die Menschenrechtsidologie gilt als das Fundament der modernen bürgerlichen Gesellschaft, wobei dann aber eine religiöse Letztbegründung dieser Ideologie das Privatanliegen der Kirche ist, ihr es aber ermöglicht, so wieder im öffentlichen Diskurs teilzunehmen,ist diese privatistische doch tollerierbar.












































1Christoph Kösters,Katholisches Milieu und Nationalsozialismus, in:Hummel,Kießner:Die Katholiken und das Dritte Reich,2,Auflage 2010,S.151.Der Jahrgang ist zu beachten, da in diesen Aufsätzen manches geschrieben steht zur Causa:Kirche und Krieg, das jetzt ob des Ukrainekrieges mit dem revitalisierten Feindbild: Rußland nicht mehr so geschrieben würde.

2A.a.O.S.151.

3A.a.O. S.151. Mit der „Entzauberung der Welt“ wird Max Weber zitiert, wobei der Begriff der Entzauberung bei ihm auch ein Empfinden eines Verlustes markiert.

Freitag, 18. November 2022

Gott ist tot, wir haben Gott getötet- tötete die Kirche Gott?

Gott ist tot, wir haben Gott getötet- tötete die Kirche Gott? Nietzsches Diktum vom Tode Gottes, vom: Wir haben ihn getötet, ist allseits bekannt, aber könnte dies Diktum nicht auch einmal in kirchenkritischer Perspektive bedacht werden? Könnte von einem Anteil am Tode Gottes seitens der Kirche gesprochen werden? Nun muß diese Frage den Einwand provozieren, daß die Rede vom Tode Gottes ja a priori sinnwidrig ist, da Gott notwendig als unsterblich zu denken sei, ein Wesen, von dessen Tod man sprechen könnte, wäre so auf keinen Falle Gott. Deshalb sei hier von dem Tod des Glaubens an Gott die Rede, daß Gott nicht mehr für den Menschen lebendig sei, so sehr er objektiv immer noch als lebender ist. Im Jahre 1950 konnten noch in dem offiziellen Gesangbuch des Erzbistumes München/Freising dies als die 5 Grundwahrheiten des christlichen Glaubens benannt werden: (1)„Ein Gott in drei Personen, Vater,Sohn und Heiliger Geist. (2)Gott hat alles erschaffen,erhält und regiert die Welt.(3)Der Sohn Gottes ist für uns Mensch geworden und am Kreuze gestorben.(4)Gott belohnt das Gute und bestraft das Böse.(5)Ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis wird das endgültige Geschick der unsterblichen Seele sein.“ Gottes Relevanz für uns Menschen resultiert direkt aus der 5.und 4.Glaubenswahrheit: Gott entscheidet über unser ewiges Geschick, ob wir ewig leben oder ewig verdammt sein werden. Das „ewig“ ist dabei als Kontrast zum endlichen Leben gemeint: Im endlichen, wie wir es führen, entscheidet sich unser ewiges Geschick, denn Gott richtet uns gemäß unserem endlichen Leben, ob wir gut oder böse gelebt haben. Solange Gott so geglaubt wird, muß der Glaube an ihn ein lebendiger sein, denn Gottes Urteil über uns entscheidet über unser ewiges postmortales Dasein. Wie verändert sich nun aber der christliche Glaube, wenn diese Glaubenswahrheit außer Kraft gesetzt wird? Faktisch wird heute in der Kirche selbstverständlich, ausgehend von der These, Gott sei nur die Liebe und sonst nichts, gepredigt, daß keiner verdammt werden wird durch Gott. Das hat nun zur Folge, daß für Gott selbst es gleichgültig ist, ob ein Mensch gut oder böse lebt,denn er liebt jeden und verurteilt keinen. Nach welchen Kriterien nun der Mensch auch sein Leben ausrichten mag, will, soll ich so oder so leben,was in Gottes Urteil gut oder böse ist, ist nun vergleichgültigt für den Menschen, denn Gott liebt jeden, gleichgültig ob er gut oder böse sein Leben geführt hat. Wer als Subalterner arbeitet, weiß, daß für seine Arbeitsbewertung das Urteil seines Vorgesetzten das wichtigste ist: Arbeite ich in seinem Urteile gut?, aber wenn mir gesagt wird, daß es dem Chef gleichgültig ist, wie ich arbeite, welcher Angestellte wird sich dann noch um die Maßstäben seines Chefes kümmern? Die Rede von der bedingungslosen Annahme eines jeden Menschen durch Gott, weil Gott einfach die Allliebe ist, vergleichgültigt so Gottes Unterscheidung von Gut und Böse. Menschliche kulturell hervorgebrachte Unterscheidungen von Gut und Böse treten dann an die Stelle der göttlichen und verpflichten uns Menschen, weil uns das Urteil der Mitmenschen über uns nicht gleichültig sein kann: Was denken die anderen über mich, diese Frage ersetzt dann die einstige: Wie wird Gott über mich urteilen? Solange das Erlangen des Zieles des ewigen Lebens eines ist, davon abhängig ist, wie ich mein irdisches Leben führe, ist dies Ziel ein für das irdische Leben relevantes Ziel, denn daraufhin wird nun das irdische Leben gestaltet. Was ändert sich nun, wenn gemeint wird, daß dies Ziel sowieso jeder erreichen wird, weil Gott jedem das ewige Leben schenken wird und zwar gratis? Dies Ziel kann dann für das praktische Leben keine Relevanz mehr haben, da dies Ziel ja erreicht werden wird, gleichgültig, wie ich es führe. Alle irdischen Ziele, deren Erreichung auch von mir selbst abhängig sind, die ich nicht gratis bekomme, erheischen nun, daß ich mich darum bemühe, wohingegen das Ziel des ewigen Lebens und was Gott uns offenbarte, wie es zu erlangen sei, für das praktische Leben gleichgültig wird. Dies Ziel existiert dann nur noch als beschaulich zu Betrachtendes ohne eine Relevanz für das praktische Leben. Somit ist Gott für das praktische Leben ein Gott ohne eine Relevanz geworden. Erhält und regiert Gott denn noch die Welt? Wer auf die heutige kirchliche Verkündigung diesbezüglich achtet, wird feststellen, daß in liturgisch vorgegebenen Texten diese Aussagen zwar vorkommen, aber dann in den aktualisierenden Deutungen verschwindet zu einem Gott, der nur noch an uns appelliert: Bewahret die Schöpfung, sorget um den Frieden,helfet den Armen usw. Gott ist eigentlich nur noch dieser Appell und der Gehalt dieses Appellierens ist nur noch der Aufruf zu einem humanitären Verhalten. Auf Gott könnten solche Appellpredigten eigentlich verzichten. Schlußendlich: Was weiß die Kirche denn noch von Gott? Postmodernistisch heißt das heutige Credo der Kirche: Wir sind eine große Suchbewegung nach Gott im Verbund mit allen anderen Religionen- Gewisses wüsse Niemand! Das steht nun in einem unüberwindlichen Kontrast zu der Vorstellung von dem Gott, der nur die Liebe sei, die jedem unbedingt gälte. Diese Aporie findet aber ihre „Lösung“ in der Frage: Wie müssen wir uns Gott denken, damit die diversen Gotteslehren der Religionen nicht zu Konflikten führen, wenn dann jede Religion die ihrige Gotteserkenntnis als die allein wahre beurteilt: Gott muß als sich gleichgültig verhaltend zu allen Religionen gedacht werden. So ist Gott nicht an sich objktiv sondern so ist er um des innerweltlichen Friedens, dem höchsten Ziel des heutigen Menschen nicht zu gefährden, zu denken. Dieser Gott ist dann aber ob dieser Indifferenz ein toter Gott, weil er nur noch dies sagt: Es ist mir gleichgültig, wie ihr glaubt und wie ihr lebt. Zusatz: Beliebt ist ja auch die These, daß die Theologie, indem sie Gott denkend zu begreifen versuche, schon in die Irre ging. Gern amalgamiert sich diese Kritik mit der Vorstellung eines ursprünglich rein jüdischen Urchristentumes, das dann durch seine Hellenisierung kontaminiert wurde, daß eben, um es in Anlehnung n Adolf von Harnack aus dem fröhlichen Handwerksevangelium, im Vertrauen auf den väterlichen Gott zu leben, eine solche Abscheulichkeiten wie die Trinitätslehre hervorbringende Kirche geworden sei. Aber das Denken als Ursache des Niederganges zu behaupen, ist nur ein Exzeß plumpesten Antiintellektualismus.

Samstag, 4. Juli 2020

Relevanzverlust der Kirche- hat die Morallehre noch eine Bedeutung?

Relevanzverlust der Kirche- hat die Morallehre noch eine Bedeutung?

Einer der sicherlich fruchtbarsten Ansätze, die moderne Gesellschaft zu begreifen, hat Niklas Luhmann mit seiner systemtheoretischen Konzeption entwickelt. Diese kann hier in ihrer Komplexität nicht nachgezeichnet werden, sodaß ich mich hier darauf beschränke, sie in Hinsicht auf die Frage der Bedeutung der Moral für eine moderne Gesellschaft zu skizzieren. Dem liegt der Gedanke zu Grunde, daß es ja naheliegt, sich theologisch auf die Morallehre der Kirche zu kaprizieren, die über die Politik dann das gesellschaftliche Leben mitgestalten könnte. Ein indivdualistischer Ansatz als die Frage nach der Bedeutung der Moral für den Einzelnen soll hier nicht beschritten werden, da er den Einzelnen nur abstrakt isoliert bedenkt und somit seinem Handeln, gerade seinem moralischen nicht gerecht wird, da er nun mal stets in sozialen Kontexten handelt. Diese sozialen Kontexte, in die dann die kirchliche Moral eingeschrieben werden soll, gilt es so mit Luhmanns Ansatz zu erhellen.(Eine prägnante Darstellung dieses luhmannischen Ansatzes bietet Professor Hübner in der 12.Vorlesung: „Politische Philosophie“, im Internet leicht zu finden)

Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch ihre Ausdifferenzierung aus, sie bilden Subsysteme aus, die als Systeme existieren, indem sie sich auf ihre Umwelt beziehen, von der sie sich durch ihre Grenzziehung in ihrem eigenständiges Leben unterscheiden. Vier die moderne Gesellschaft ausmachende Systeme charakterisieren sie: das System der Politik,das der Wirtschaft, das des Rechtes und das der Wissenschaft. Keines ist auf ein anderes rückführbar, jedes kommuniziert intern nach je eigenem binären Code und kann über andere Systeme nur in seinem eigenen Code sprechen, aber nicht mit ihm, denn es gibt keine gemeinsame Sprache. Diese Funktionssysteme sind nun kein ´Zusammenschluß von Personen. Ja der Einzelne ist in der Regel ein Teilelement jedes dieser Systeme, als Wähler oder Politiker am politschen System, als Produzent oder Konsument an der Wirtschaft, als Inhaber von Rechten am Rechtssystem und als Nutzer von Produkten auch Nutznießer der Wissenschaft.
Die Gesellschaft als Ganzes kann nun selbst nicht mehr als System begriffen werden, da ihr als Ganzes eine Umwelt außerhalb von ihr fehlt,da ohne eine Relation auf etwas anderes, was sie nicht ist, sie kein System sein kann. Das Problem moderner Gesellschaften ist so evident: Sie können als Ganzes nicht mehr gesteuert werden, da es keine Sprache mehr gibt, die in allen Subsystemen anerkannt gesprochen werden kann. Pointiert formuliert: Die Subsysteme sind inkompatibel zueinander, sodaß beim Übersetzen von einer Subsystemsprache in eine andere so viel Gehalt verloren geht, daß diese externen Eingaben im System selbst nicht mehr sinnvoll rezipiert werden können.
Für jede Moral hieße das, daß sie strenggenommen in keinem Subsystem mehr rezipiert werden kann, weil jedes schon hinreichend durch sich selbst bestimmt ist. Auf das Individuum appliziert heißt dies, daß es wohl als abstraktes nach einer für es verbindlichen Moral fragen kann, dann aber im realen Leben stets als Funktionselement durch das jeweilige Subsystem hinreichend bestimmt ist, wie es da zu leben hat. Also, da keine Moral mehr eine Systemrelevanz besitzen kann, kann auch keine kirchliche Moral mehr eine Relevanz besitzen. Es könnte höchstens noch nach sozialen Räumen Ausschau gehalten werden, in denen noch nicht das Miteinanderleben geregelt ist, also keine sozialen Räume wären, sodaß hier noch eine externe Moral eingezeichnet werden könnte.
Luhmanns Ansatz überzeugt und doch bleiben gewichtige Fragen offen: Kann die moderne Gesellschaft wirklich auf eine Steuerung des Ganzen verzichten, ohne daß sie dann an ihrer Nichteinigkeit zu Grunde gehen muß? Liegt das evtl daran, daß hier die Ordnung des Staates nicht adäquat mitgedacht wird, daß das Subsystem: Politik nicht die Ordnung des Staates erfaßt? Wenn es aber ein der bürgerlichen Gesellschaft Gegenüberstehendes gibt, das nicht selbst ein Element der pluralistisch verfaßten Gesellschaft ist, also den Staat als das Allgemeine, dann wäre das auch der Ort für eine allgemeingültige Moral, die sich aus der christlichen speisen könnte, insoweit sie verallgemeinerungsfähig ist als zustimmbar für jedes vernünftige Denken. 

Corollarium 1
Soziale Räume: Vormittags ist er Lehrer, der Raum, in dem er agiert, ist nicht einfach nur ein Schulgebäude, sondern ein Raum, der durch ein Normsystem bestimmt ist, etwa die Rolle des Lehrers gegenüber den Schülern, durch die Normvorstellung der Kollegalität und der schulinternen Hierarchie. Von der Arbeit retour Zuhause ist er der Familienvater, er übernimmt da diese Rolle und am Abend trifft er sich zum Stammtisch- auch  ein Stammtisch ist ein sozial reguliertes Zusammensein. Es drängt sich der Eindruck auf, daß auch im Mikrokosmos unter der Ebene der vier Subsysteme sozial regulierte Räume existieren,die in sie Eintretende hinreichend bestimmen in ihrem Tun und Lassen, daß gar kein Raum mehr ist für eine universalistische christliche Moral!  

Freitag, 1. Mai 2020

Systemrelevante Kirche?

Ende des Gottesdienstverbotes : Kirchen? Nichtsystem-relevant“ titelte die FAZ am 1.Mai um weiter zu fragen: „Aber wie und für wen sind die Kirchen überhaupt noch relevant?“

Daß es in Deutschland gar keine Gottesdienstverbote gab, sondern die Messen weiter gelesen wurden nur eben ohne eine sich in der Kirche versammelnde Gemeinde und es reichlich Möglichkeiten gab und gibt, an sie per Medien teilzunehmen, ist wohl dieser Zeitung entgangen, aber es soll sich jetzt auf die Frage der Systemrelevanz der Kirche kapriziert werden.

Der Begriff der Systemrelevanz setzt voraus, daß das Ganze als ein System begriffen wird (etwa zu Zeiten Jesu das Römische Reich, jetzt für die Katholische Kirche Deutschlands der Deutsche Staat oder die Gesellschaft) und das Teile des Systemes, also die Subsysteme sich legitimieren durch ihre Funktionalität für das System.Welche Funktion für das System der Bundesrepublik könnten also die Kirchen erfüllen, sodaß sie so als systemrelevant qualifiziert werden können?
Lassen wir hier den FAZ-Artikel auf sich beruhen, er trägt nämlich nichts Relevantes zu der da aufgeworfenen Frage selbst bei.Die wichtigste Aufgabe des Systemes ist sein Selbsterhalt. Dazu kann das System sich auch verändern, um sich zu optimieren, also seine Selbsterhaltungskraft zu stärken.
Versuchen wir einmal, uns einen Dialog zwischen Pontius Pilatus und dem angeklagten Jesus vorzustellen, in dem Jesus, statt von seinem Königtum, das nicht von dieser Welt ist, von der Systemrelevanz seiner Verkündigung und der sich herauskristallisierenden Kirche gesprochen hätte.
Pilatus, meine Verkündigung ist systemrelevant für das Römische Reich! Sie stabilisiert das Römische Reich, wirkt sozialintegrativ, ich lehre den Gehorsam der Römischen Obrigkeit gegenüber, predige den aufständig gesonnenen Juden den Pazifismus....! Hätte Pilatus, aufmerksam geworden, nach sorgfältiger Prüfung der vorgetragenen Argumente die urchristliche Gemeinde um Jesus herum unter seinen Schutz gestellt, weil sie systemrelevant ist?
Blenden wir zur gegenwärtigen Kirche um. Politisch wäre die Frage leicht respondierbar: In allen politisch relevanten Fragen unterstützt die Kirche vorbehaltlos den Kurs der Regierung: Im Kampf gegen Rechts, in dem Projekt der Auflösung des deutschen Volkes in eine multiethnisch-multikulturelle Gesellschaft, in der Politik der offenen Grenzen, in der Förderung des Islames. Prinzipieller noch: Auch für die Kirche ist die pluralistisch verfaßte Gesellschaft mit ihrem demokratischen Rechtsstaat alternativlos. Es gibt eigentlich keine relevante politisch Frage, in der es einen Dissenz zwischen den Kirchen und der Regierungspolitik gibt.
Nur ist deshalb schon die Kirche systemrelevant? Sie ist es, wenn überhaupt noch, nur noch als politisierende Kirche, also dort, wo sie gar nicht als Kirche wirkt, sondern wo sie nur die Parolen der Mächtigen nachspricht.Abstrakter formuliert: In einer säkularisierten Gesellschaft, in der der Glaube verprivatisiert ist, kann sie als Kirche keine Systemrelevanz mehr aufweisen, die hatte sie nur in der Konstantinischen Epoche, die ihr endgültiges Ende mit dem Sturz der drei christlichen Monarchien Österreichs, Deutschlands und Rußlands fand. In einer postchristlichen Gesellschaft kann sie nicht mehr die öffentliche Religion sein, der Kampf der Weltanschauungen war eben ab dem Zeitpunkt der Kampf um die Neubesetzung dieser leer gewordenen Systemfunktion. Nach Alexander Dugin siegte dann 1989f die Ideologie des Liberalismus. Diese Ideologie kann nun die Religion nur als etwas rein Privates akzeptieren bzw sie kann die Umformung der Kirche zu einer Humanitätsagentur aus vollem Herzen begrüßen, wenn dabei die Religion als bloßer Motivationsverstärker in den sozialcharitativem Wirken verinnerlicht wird.
Aber als organisierte Religion hat die Kirche keine Systemrelevanz mehr.Einfacher:Wir leben in einer Gesellschaft, für die Gott tot ist, in der er nur noch privat leben darf.

Sonntag, 29. März 2020

Kampf der Katholischen Frömmigkeit - ein neuer Gott muß her!!

Unter der reizerischen Überschrift: "Ein Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert” – Julia Knop warnt vor kirchlichen Rückschritten angesichts Corona"kämpft nun diese Dogmatikprofessorin ihren Kampf gegen die Katholische Frömmigkeit. Seit dem 2.Vaticanum ist ja eine erfreuliche Entwickelung nicht zu übersehen: Immer weniger Anklang finden die traditionellen Praktiken des Katholischen Glaubens. Das signalisiert eben das Vernünftigwerden der Katholischen Kirche, auch wenn sie immer noch nicht das Ideal der Religionspraxis in den Grenzen der bloßen Vernunft (Kant) erreicht hat, nach dem der einzig wahre Gottesdienst in dem Streben nach einem sittlichen Leben bestehen könne.Aber nun wird Erreichtes wieder in Frage gestellt, nicht erst seit der Coronaepedemie. Es sei nur an diese voraufklärerische Praxis der Aussetzung und Anbetung des Allerheiigsten erinnert, die leider nun sich wieder revitalisiert. Da muß nun die modernistische Dogmatik den Kampf gegen die vorkonziliare Frömmigkeit  führen.   "Magische Restbestände und regressive Muster, die einen fatalen Trost versprechen, sind theologisch zu dekonstruieren. Weder Weihwasser noch Hostie wirken viruzid. Und nicht alles, was erlaubt ist und vor Jahrzehnten einmal gängig war, ist heute sinnvoll. Ob ein täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise sind, kann zumindest gefragt werden. Nicht wenige Katholik*innen sind ernsthaft verstört angesichts des Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert."
Als erstes fällt die politisch korrekt gegenderte Sprache auf, für eine Modernisten aber eine Selbstverständlichkeit. Die Katholische Frömmigkeit als magisch zu perhoreszieren, das stammt wohl aus dem Arsenal antikatholischer Confessionspolemik der Reformatoren und dann der antikatholischen Aufklärung. Ein Horrorzenarium abscheulichsten Aberglaubens führt hier nun diese "Dogmatikerin"  an. Der Blasiussegen, als könne ein Segen vor Kranheiten schützen, Prozessionen. in denen das allerheiligste Sakrament aus der Kirche hinausgetragen wird, damit so der Heiland die Orte segnet, durch die er getragen wird, die  Mutter Gottes, die zum Schutze angerufen wird, daß ganze Bistümer sich ihrem Schutz anvertrauen und Abläße und wohl das Allerschlimmste: die schon von Luther verteufelte Praxis, daß ein Priester allein ohne Volk Gott zu Ehre, den Menschen zum Heile die Messe liest und Gott das Meßopfer darbringt: Das ist zuviel Katholizismus! 
Aber was bietet diese Modernisten nun als die Alternative an? So schreibt sie: "Abseits solcher Angebote (er-)finden Menschen derzeit kreativ und eigenständig neue Formen von Gebet und Solidarität, die sie untereinander und mit Gott verbinden. Angehörige verschiedener Konfessionen und Religionen artikulieren in Gedanken, Worten und Werken ihr Leben vor Gott. " 
Das Wichtigste: Statt der Katholischen Traditon gälte es nun, Neues kreativ zu erfinden. Dabei sollen sich diese Kreativen miteinander verbinden und dann auch mit Gott. Wer verbindet sich da so vor welchem Gott. Hier gilt es, kreativ zu sein! Gläubige verschiedenen Confessionen und Religionen verbinden sich so zu einem Miteinander vor einem Gott, der wohl der Gott aller Relligionen sein soll.

 Dieser Gott, vor dem sich so die Erfinder versammeln ist einer, von dem ihre Erfinderin aussagt: "Sie muten ihm ihre Verunsicherung, ihre Einsamkeit und ihre Toten zu. Mit der Kerze im Fenster, dem Gebet oder Gottesdienst zuhause entsteht eine andere, deinstitutionalisierte und überkonfessionelle Weise, Christ*in und Kirche oder einfach ein gottgläubiger Mensch zu sein. Das besiegt nicht das Virus und rettet nicht vor dem möglichen Zusammenbruch des Systems. Aber es öffnet die Möglichkeit, Mensch vor Gott zu sein, wie auch immer dieses Drama ausgeht." 
An diesen Gott sich so zu wenden, ist völlig sinnlos, denn der hilft nicht, weil er es nicht kann oder weil er es nicht will. So ist das gewiß nicht der Gott der christlichen Religion, auch nicht der der jüdischen oder der islamischen, denn nach diesen Religionen kann und will Gott helfen, sondern ein anderer, eben ein kreativ erdichteter Gott. Vor diesem Phantasiegott können dann seine Verehrer Mensch sein, weil er auch nur ein Menschengott ist, ein von Menschen erschaffender. 
In vorkonziliaren Zeiten wäre das als Apostasie, als vollkommender Abfall vom Katholischen Glauben beurteilt worden, jetzt liegt der synodale Irrweg ihr zu Füßen.

So bejubelt diese "Dogmatikerin" katholisch de am 20.3.2020:"Sie war der heimliche Star der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in der vergangenen Woche in Lingen: Professorin Julia Knop."

Mittwoch, 25. März 2020

Kurz und bündig: Blasphemie und religiöse Gefühle

Die religiösen Gefühle des Anderen nicht zu verletzen, das gehört zu den guten Umgangsformen und reguliert so auch das Gespräch über Religiöses im zwischenmenschlichen Bereich und nicht nur den öffentlichen Diskurs. Das private, persönliche Gespräch ist durch das: Was man wie zu sagen und nicht zu sagen hat, mehr als man individuell merkt, reglementiert, der öffentliche sowieso.
Was hat das für eine Konsequenz für den Dialog zwischen Vertretern verschiedener Religionen oder Confessionen einer Religion? Eine der wichtigsten Spielregeln lautet, daß es in dem Raum der Religionen und Confessionen nicht ein Unterscheiden von wahr und unwahr geben darf. Die berühmte Gretchenfrag, wie hältst Du es mit der Religion? (Goethe,Faust) ist also so zu respondieren: Damit kann jeder es halten, wie es ihm beliebt, er muß nur jede andere Religiösität akzeptieren, egal welche er selbst auch präferieren mag. Kann unter dieser Condition überhaupt noch missioniert werden? Die Antwort fällt eindeutig aus:Die notwendige Voraussetzung jeglicher Art von Mission ist, daß es eine wahre oder zumindest wahrere gibt, zu der Missioniernde den Anders- oder Nichtgläubigen bekehren möchte. Weiterhin muß präsumiert werden, daß es für den Menschen wichtig ist, daß er die wahre Religion praktiziert und daß es gerade Gott selbst nicht gleichgültig ist, wie er geglaubt und verehrt wird.
Aus diesem Vorstellungskomplex ergibt sich erst das Urteil der Verwerflichkeit der Blasphemie, daß so unwahr von Gott gedacht wird, er so unwahr verehrt wird, daß dies a) den Zorn Gottes provoziert und b) auch dem Menschen und der Gesellschaft schadet. Das Gemeinwohl ist eben gerade von der rechten Gottesverehrung abhängig, denn alle guten Gaben kommen von Gott und ein erzürnter Gott könnte so seine guten Gaben verwehren.
Von dieser Vorstellung hat nun die modern aufgeklärte Gesellschaft sich verabschiedet. Das Gemeinwohl einer Gesellschaft ist etwas, daß wir Menschen allein durch uns zu realisieren haben, wobei dann religiös Motivierte auch einen nützlichen Beitrag dazu liefern können. Aber was hier das Gute ist, das ist etwas, was die politische Vernunft ohne jede Religion erkennen kann. Auch ist es für den einzelnen Bürger gleichgültig, wie er es mit der Religion hält und darum darf er jede beliebige, aber auch gar keine praktizieren. Und deshalb darf auch niemals ein Anhänger einer Religion Andersgläubigen gegenüber den Vorwurf der Blasphemie erheben. Denn, selbst wenn es einen Gott gibt, und sehr viele glauben noch an einen Gott, muß dieser Gott als einer sich allen Religionen gegenüber gleichgültig verhaltenden gedacht werden. Das ist nun selbst keine Gotteserkenntnis, daß Gott sich so realiter verhalte, sondern nur eine Spielregel für jede religiöse Kommunikation, die der pluralistisch strukturierten Gesellschaft kompatibel ist. Darum kann und darf es in modernen/postmodernen Gesellschaften das Urteil, das ist blasphemisch, nicht mehr geben- es kann nur noch das Gebot geben: Respektiere jede Religion, halte alle für gleichgültig, egal welche du nun auch rein privat präferierst. Das ist das endgültige Ende des christlichen Abendlandes, aber auch jeder religiös fundierten Gesellschaft.
Nur eines bleibt dabei ungeklärt: Verhält der wirkliche Gott sich so, wie es ihm dieser Diskurs vorschreibt, daß ihm alle Religionen und auch der praktizierte Atheismus gleichgültig ist.

Sonntag, 22. März 2020

Eine Welt, in der Gott tot ist- Die Welt in der Coronaepidemie

Der gesellschaftliche Umgang mit der Coronaepidemie offenbart uns auch dies, daß wir in einer Welt ohne Gott leben. Das meint, daß unabhängig von der Privat-frömmigeit im öffentlichen Diskurs Gott nicht mehr präsent ist. Es ist keine Banalität, daß das In-der- Welt-Sein unser Leben bestimmt. Wir leben nämlich immer schon in einer in bestimmter Weise ausgelegten und gedeuteten Welt.
Zizek faßt das Anliegen Cassirers so zusammen: „Durch ihre symbolischen Handlungen konstruiert die Menschheit nach und nach das Universum der Werte und Bedeutungen, das nicht auf den Bereich der Fakten und ihrer Bezüglichkeiten reduziert (oder durch eine Referenz auf solche erklärt)werden kann.“ Kritisch wird dann hinzugefügt: „Dieses Universum der Werte und Bedeutungen, das durch die menschliche symbolische Aktivität hervorgebracht wird, ist die moderne Version von Platons Reich der ewigen Ideen.“ Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts, 2001, S.41.
Was ist damit nun gewonnen?Die Einsicht, daß der Mensch a) in einer symbolischen Welt lebte und nicht nur in der der Tatsachen. (Ob es wirklich eine reine Tatsachenwelt gibt,die der Mensch realistisch wahrnimmt, das kann wohl bezweifelt werden, denn das, was als Tatsache im Gegensatz zu einer weltanschaulichen Auslegung der Welt bestimmt ist, ist doch selbst wiederum ein Produkt der symbolischen Weltauslegung. Wenn der Stadt Juda seine Vernichtung 586 v.Christus als eine militärische Niederlage gedeutet hätte statt als ein Strafgericht Gottes über diesen Staat, dann wäre das nur die Ersetzung einer Deutung durch eine andere.Das gilt auch für die Sintflut: Sie kann religiös oder naturwissenschaftlich gedeutet werden, aber das heißt nun doch nicht, daß einmal faktenlos „symbolisch“ gedeutet wird und das andere mal nur man den Fakten gerecht wird. )
und daß b) diese symbolische Welt, in der wir leben, einem Wandel unterworfen ist. Aus der platonisch gedeuteten Welt wird in der Moderne eine, die die Weltausdeutung als kreative Leistung des Menschen versteht, der so der Welt der Fakten erst eine Bedeutung zukommen läßt, die sie objektiv gar nicht hat. Der Mensch produziert eine sinnvolle Welt, die ihm dann als Kulturelt auch als etwas ihm Objektives gegenübertritt.
Der gesellschaftlich- öffentliche Diskurs der Coronaepidemie zeigt so, in welcher wie gedeuteten Welt wir leben und in welcher somit nicht.Für jede religiös fundierte Kultur wäre es eine Selbstverständlichkeit, zwischen dieser Panepidemie und Gott einen Zusammenhang zu sehen. Die Ausdeutung des Zusammenhanges wäre die Aufgabe der Priester und die hätten dann auch gewußt, was nun zu tuen ist ob ihres priesterlichen Wissens. Das schließt nicht aus, daß andere Subsysteme der Gesellschaft ergänzende Maßnahmen vorschlagen- so war es für die Frömmigkeit Israels kein Widerspruch, einerseits auf Gott zu vertrauen, man brachte ihm auch dafür Opfer und gleichzeitig militärisch gerüstet gegen den Feind in einen Krieg zu ziehen.Denn man wußte, daß ohne göttlichen Beistand das Volk keinen Krieg gewinnen kann. In einer religiös fundierten Gesellschaft wäre also an die Priesterschaft appelliert worden, nun das Ihrige zu tuen, damit die Seuche abgewehrt wird.
In unserer Zeit wird dagegen jede gottesdienstliche Aktivität nur noch als ein Risikofaktor wahrgenommen: Alle Gottesdienste seien zu unterlassen.Und die Kirche gehorcht! Ja, man könnte sich das ja so imaginieren, daß einer gottlos gewordenen Welt die gottgläubige Kirche als organisierte Religion gegenüber stünde und daß es so Kommunikationsprobleme zwischen der Welt und der Kirche geben müsse.Nein, die gibt es in der aktuellen Krise nicht, denn die Kirche spricht jetzt so verweltlicht, daß sie nichts anderes mehr sagt und unternimmt, was nicht auch jeder rein weltlicher Verein in dieser Lage auch unternimmt: das Vereinsleben so weit wie irgendwie möglich herunterzufahren.
Eleganti hatte sich zuletzt mehrfach zur Corona-Krise zu Wort gemeldet. In einem Video-Beitrag des österreichischen Portals "kath.net" nannte er die Pandemie eine "Strafe Gottes". Gebet, Buße und Umkehr sowie Gottesvertrauen wirkten sich auf die Befindlichkeit von Nationen und wie auch von einzelnen Menschen aus. "Es gibt da ganz klar einen Zusammenhang, den wir nicht übersehen dürfen", so der Weihbischof.“(Katholisch de 18.3.2020). Die für ihn zustänige Kirchenleitung ergriff da Sofortmaßnahmen: Der Weihbischof darf sich nicht mehr in Medien zu dieser Causa äußern, wenn er nicht vorher eine Erlaubnis dafür sich eingeholt hat. Diese Praxis ist die der Vorzensur!
Aber was wird hier nun zensiert: daß es einen Zusammenhang zwischen dieser Epidemie und Gott gäbe. In der Kirche darf kein Ereignis in der Welt mehr als „Strafe Gottes“ beurteilt werden. Auch die Kirche hat sich so der heutigen Weise der Weltauslegung zu unterwerfen, sie so zu praktizieren. Eines der Dogmen der modernen Weltauslegung ist die Ansicht, daß alles in der Welt sich Ereignende rein weltimmanent zu erklären sei, daß also Gott niemals als ein Subjekt in einer Deutung eines Ereignisses auftreten darf, er darf nur als geglaubter Gott ein Motivator zu bestimmten Handlungen auftreten. Damit ist de facto die Irrelevanz Gottes für das Leben behauptet, er kann nur noch als geglaubter Gott Menschen zu postiven Handeln motivieren. Damit ist der Kern der modern-säkularisierten Gesllschaft erfaßt. Nur noch in der Privatfrömmigkeit kann dann an ein Wirken Gottes in der Welt zugunsten von Menschen geglaubt werden.
Die Welt ohne Gott, das ist nun nicht eine reine Faktenwelt, zu der der Aufgeklärte vorgestoßen ist, nachdem er sich aus der symbolischen Welt emanzipiert hat. Nein, die Welt des „homo faber“ (Max Frisch) ist selbst nur eine anders ausgelegte Welt- eine Weltdeutung ersetzt eine andere aber nie lebt eine bestimmte Gesellschaft ohne eine bestimmte.So spricht Zizek sehr treffend von „unserem Zeitalter des globalen Kapitalismus und seines ideologischen Supplements, des liberal-demokratischen Multikulturalismus“. (Zizek, S.11)
Es darf aber nicht übersehen werden, daß diese symbolische Auslegung der Welt, gerade die liberal-demokratische selbst in dieser Epidemie in eine Krise geraten ist. Denn ganz im Widerspruch zu dieser Weltauslegung setzen jetzt alle Staaten und eben nicht nur die autoritäre Regierung Chinas auf illiberale Konzepte weitestgehender Einschränkung der Bürgerrechte, um das Volk vor der Seuche zu schützen. Auch der dem „homo faber“ eigene Gläubigkeit, daß alle Weltprobleme technisch zu lösen sind, gerät ins Wanken. Ob diese Weltanschauung unbeschadet diese Krise überstehen wird, ist so noch nicht ausgemacht. Aber eines ist unverkennbar gerade an dem Engagement der Kirche in dieser Krise: Sie selbst ist schon soweit säkularisiert, daß ihr ein spezifisch religiöses Reagieren als inakzeptabel gilt. In dem öffentlichen Diskurs gibt und kann es Gott nicht mehr geben. An diese Spielregel des jetzigen Diskurses hält sich auch der Diskursteilnehmer Kirche, weil auch er mitdiskutieren darf.
Es muß aber auch betont werden, daß Anhänger einer religiös fundierten Kultur, es sei an Dostojewskijs Votum: Wenn es Gott nicht mehr gibt, ist alles erlaubt!sich geirrt haben in ihrer Prognose, daß eine nichtreligiöse Kultur notwendigerweise eine nihilistische sein müsse. Hier siegte Nietzsche, der zwar den Nihilismus kommen sah aber auf die Kreativität vertraute, daß eine neue Weltanschauung möglich sein kann, wenn sie vielleicht auch nur dem zukünftigen Übermenschen möglich sei. Die neue Weltanschauung ist nun da und sie hat nun die Epoche des Christentumes als der öffentlichen Religion der konstantinischen Zeit (von Kaiser Konstantin bis zum Ende des 1.Weltkrieges) abgelöst als Sieger der Zeit der ideologischen Weltanschauungkämpfe zwischen Sozialismus/Kommunismus und Faschismus /Nationalsozialismus und dem Liberalismus. (Vgl: Alexander Dugin, die vierte politische Theorie)

Montag, 28. August 2017

Wie Gott denken? Nicht wie er objektiv ist!

Spontan wird die Frage, wie ist Gott zu denken, wohl so respondiert werden: Gott wird dann richtig gedacht, wenn er so gedacht wird, wie er wirklich ist. Das subjektive Denken hat Gott eben in seiner Objektivität wiederzugeben. Daß das auch für das menschliche Denken möglich ist, fundiert dann etwa Thomas von Aquin durch die These, daß Gott, weil er sich selbst erkennend ist, sein Sichwissen uns Menschen vermitteln kann. Dächte der Mensch nur von sich aus Gott, wie sollte er erkennen können, ob sein Denken von Gott Gott auch gemäß ist. 
Aber wir stoßen hier nun auf ein eigentümliches Phänomen, beginnend mit Kants Philosophie. Auch und gerade Gott ist für unser Denken in seiner Objektivität nicht erkennbar, schon daß er existiert, die Frage nach seinem Sein ist für unser Denken nicht eindeutig beantwortbar. 
Das eigentlich Revolutionäre ist nun aber, daß die Frage nach dem, wie Gott wirklich ist, mit und nach Kant ad acta gelegt wird zugunsten der Frage: Wie haben wir Gott zu denken, damit etwa das Faktum der verschiedenen Religionen mit ihren jeweiligen Gottesvorstellungen nicht zu Konflikten führt? So frug man nun angesichts eines Jahrhundertes der Religionskriege in Europa. Kant frug genauer vom Primat der praktischen Vernunft ausgehend: Wie hat der Mensch zu leben?, wie Gott zu denken sei gemäß den Erkenntnissen der praktischen Vernunft. Gott soll dabei den Gehalten der praktischen Vernunft nichts hinzufügen, denn wie der Mensch zu leben habe, das zu beantworten, dafür reiche die praktische Vernunft aus, das sagt uns der kategorische Imperativ hinreichend. 
Gott muß nun a) so gedacht werden, daß er nichts anderes will, als daß wir so vernünftig leben, sodaß so die ganze kirchliche Moralverkündigung überflüssig ist, wenn sie anderes oder mehr als das Vernünftige lehrt und b) darf nur noch der Gott in den Grenzen der bloßen Vernunft gelehrt und verkündigt werden: Nicht wie er objektiv ist, sondern wie er gemäß den Vernunftinteressen des Menschen zu sein hat, ist er nun  zu lehren.
Das können wir uns versimplifiziert so vorstellen: Wie muß Gott gedacht werden, damit die verschiedenen Religionen nicht zu innergesellschaftlichen Konflikten führen, wird zur Leitfrage der Moderne. Der ökumenische wie der interreligiöse Dialog dienen so dieser Frage.
Zudem: Moderne Gesellschaften stellen hohe Leistungsanforderungen an ihre Glieder. Wenn nun die Religion auch noch Leistungen einfordern würde im Namen ihres jeweiligen Gottes, dann wäre das eine Überforderung, denn wie ich zu leben habe, das bestimmt die moderne Gesellschaft schon immer aus sich heraus in ihren jeweiligen Subsystemen. Das Berufsleben ist determiniert durch die Regeln des Berufslebens, das politische Leben durch die politischen Regeln...Jeder soziale Lebensraum ist sozusagen durch sein spezifisches soziales Regelwerk bestimmt. Religiöse Morallehren führten dann nur noch zu einer Überdetermination, sofern die Religion auch ein Leben nach ihr außerhalb der Sphäre der Religion verlangte. Darum reduziert sich Gott auf die Forderung, daß der Mensch in seinen jeweiligen Lebensräumen gemäß den dortigen Regeln zu leben habe.
Statt einer Moral, wie der Mensch zu leben habe, werden so einfach die bestehenden Ordnungen der modernen Welt mit ihren Regeln affimiert und das Eigentliche der religiösen Verkündigung wird die Verkündigung der unbedingten Liebe Gottes zu den Menschen (die heutige Konsensformel des ökumenischen Rechtfertigungsdiskurses). Weil der Mensch sich in der modernen Gesellschaft permanent Leistungsanforderungen ausgesetzt sieht, soll so als Kompensation dem Menschen gesagt werden, daß er schon vor jeder Erbringung von Leistungen ein anerkannter Mensch ist. Diese Verkündigung soll ihm dann helfen, den Leistungsanforderungen gerecht werden zu können aus diesem daraus resultierenden Selbstwertgefühl des Bejahtseins.
Abstrakter formuliert: Die Frage: Wie ist Gott zu denken?, wird respondiert mit der Frage: Wie ist er zu denken, damit Gott für das gesellschaftliche und individuelle Leben nicht dysfunktional sondern nützlich und  lebensförderlich gedacht wird?  Der diesen Anforderungen genügende Gottesbegriff soll dann der des vernünftigen Denkens sein und somit der wahre.   

Merke: Der Atheismus isb in der Französischen Philosophie nach den Religionskriegen beantwortet die Frage, wie ist Gott zu denken, damit die verschiedenen Gottesvorstellungen nicht für das gesellschaftliche Leben schädlich sich auswirken, mit der These: als nicht seiend. Das sollte alle religiös motivierten Konflikte den Boden entziehen. Kant dagegen wollte Gott so umdenken, daß er als Postulat der praktischen Vernunft für das gesellschaftliche Leben nützlich sich erweist und diese praktische Nützlichkeit soll dann die Wahrheit der Gottesvorstellung sein. Gott ist nicht zu denken, wie er objektiv ist, das wäre Metaphysik, sondern wie er von uns in der praktischen Vernunft zu denken ist um der Bestimmung des Menschen zur Sittlichkeit willen.  

Corollarium 1
Der wahre Gott ist die uns nützliche Gottesvorstellung. Der Gott als Letztbbegrüdung von der Pflicht zu einem moralischen Leben entfällt dann zusehens, wenn die Geselschaft in der Norm der Funktionalität das moralische Leben hinreichend reguliert.       

Mittwoch, 16. März 2016

Lesefrüchte : Kein Nachwuchs- sterben wir aus?

"Er glaubte ernstlich, es sei weniger unrecht, einen Menschen zu töten als ein Kind zu zeugen: dem ersteren nimmt man nur das Leben, aber nicht das ganze Leben, sondern die Hälfte oder ein Viertel oder de hundersten Teil dieses Daseins, das zu Ende gehen würde; aber bist du letzterem,so sagte er, nicht verantwortlich für alle Tränen, die es von der Wiege bis zum Grabe vergießen wird? Ohne dich wäre es nicht geboren, und warum wird es geboren? Weil es dir so gefällt, aber nicht, weil es ihm so gefällt, das ist sicher." Gustave Flaubert, November, in: G. Flaubert, Drei Erzählungen,hrsg: Christa Bevernis, 1979, S.306. Zwei Motive werden hier gegen den Wunsch zum eigenen Kind aufgeführt: daß das Leben sich nicht lohnt (das ist das Thema dieser Erzählung des romantischen Protestes gegen die Tristesse des bürgerlichen Lebens) und ein freiheitstheoretisches: es sei moralisch nicht vertretbar, jemandem das Leben zu geben, der dies nicht selbst wolle. Dem Ideal des Selbstbestimmungsechtes widerspräche es, ohne seine Einwilligung gezeugt und geboren zu werden. Fortpfanzug sei so ein Unrecht! 
Geben wir dem Icherzähler noch einmal das Wort: "Ich bin geboren mit dem Wunsche zu sterben. Nichts schien mir törichter als das Leben und nichts schmachvoller, als daran zu hängen. Wie die meisten Menschen meiner Zeit ohne Religion aufgewachsen, kannte ich doch nicht das kalte Glück der Atheisten oder die ironische Unbekümmertheit der Skeptiker." (S.231) Die Moderne ist eben nicht einfach die aufklärerische Überwindung der Religion hin zum großen Projekt der Humanisierung der Welt, daß der Mensch nun erst anfange, würdig zu leben. Goethes junger Werther und der Protagonist der Novembererzählung manifestieren eben auch den romantischen Protest gegen ein säkularisiertes als so sinnlos empfundenes Leben, das seinen Tod verdient hat im Sterben beider Protagonisten. Goethe läßt seinen Werther sagen, und dem hätte der Protagonist der Novembererzählung wohl zugestimmt: "Wenn Du fragst, wie die Leute hier sind? muß ich Dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmig Ding um´s Menschengeschlecht. Die meisten vearbeiten den grösten Theil der Zeit, um zu leben, und das Bisgen, das ihnen von Freyheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um´s los zu werden. O Bestimmung des Menschen.
Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, (Bibliothek der Erstausgaben, 1997, S.14f) Ohne Religion kann dem Menschen, gerade dem feinfühligen und nachdenklichen das Leben so kalt werden, daß ihm das Nichtsein erstrebenswerter erscheint als ein Weiter so! Es ist zu fragen, ob das Faktum, daß in Westeuropa nur noch so wenige Kinder geboren werden, sodaß unser Aussterben keinesfalls eine überspannte Negativphantasie ist, eben nicht nur auf dem Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beruht, daß Frauen um des Gelderwerbes willen auf eigene Kinder verzichten. Ist seit Gott ist tot! unser Leben uns zu kalt geworden, um es mit Nietzsche zu sagen, als daß wir es noch als fortpflanzungswürdig ansähen?  Geben wir so Nietzsche das Wort über die Folgen des Todes Gottes:
"Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? "  Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 125 „Der tolle Mensch“ (KSA 3, S. 480 ff.).
Aber es bleibt dann noch die Anfrage aus der Novembererzählung: Darf man einem Menschen das Leben schenken, wenn der es nicht selbst als Geschenk möchte. Diese Anfrage ist nun aber selbst eine Aporie, denn damit der Mensch frei entscheiden  kann, ob er sein oder nicht sein will, muß er schon sein, um so frei entscheiden zu können. Erst durch die Zeugung und das Zur-Welt-Kommen kann ein Mensch als Freiheit Ja oder Nein zum eigenen Leben sagen. Aber somit taucht der Freitod nun doch noch in ein ganz anderes Licht: Es ist das Vermögen, das Geschenk des Lebens abzulehnen, wie es dann auch Goethes Werther prakiziert. Das entlastet aber die Eltern, so befremdlich es auch zuerst klingen muß, denn nun ist das Leben eine Gabe, zu der der so Beschenkte auch sein Nein sagen kann und so wird es erst zu dem seinigen, indem er Ja zu der Gabe sagt und so es zu seinem macht, gerade weil er es auch negieren könnte.
 In der Moderne raunt so subkutan eine Rede, die da sagt, daß es sich vielleicht gar nicht lohne, zu leben. Gelegentlich manifestiert sich diese Rede gar in der Hochliteratur, in Goethes Leiden des jungen Werther, aber auch in Flauberts Erzählungen und Romanen. st die demographische Katastrophe unseres Aussterbens auch ein Ausfluß dieser unheimlichen Rede des: Es lohnt sich nicht?