Donnerstag, 23. Juli 2026

Jeder ist dafür: Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit – oder gibt es da Fragen?

 

Jeder ist dafür: Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit – oder?


Einen Bruder oder eine Schwester kann es doch nur geben, wenn es auch einen Nichtbruder und eine Nichtschwester gibt, eingedenk der Einsicht: omnes determinatio est negatio.Die Ermöglichungsbedingung von Verwandtschaftsbeziehungen ist, daß es Nichtverwandte gibt. Wen grenzt auch die Brüderlichkeit bzw die Geschwisterlichkeit aus? Diese Frage ist sozusagen die Nachtseite von der Rede von der Brüderlichkeit bzw Geschwisterlichkeit.

3 Konzeptionen existieren: a) durch die Geburt werden uns bestimmte Menschen zu Brüdern oder Schwestern; sie erwählt man sich nicht, sondern sie sind es objektiv, vorgegeben, gleichgültig wie man sich ihnen gegenüber verhält. Aber es existieren normative Vorstellungen darüber, wie man sich zu seinen Geschwistern zu verhalten habe und wie nicht. Menschen können sich also nicht nur unmenschlich sondern auch ungeschwisterlich verhalten und b) kann damit eine freundschaftliche Beziehung zu Nichverwandten gemeint sein: Sie verhalten sich dann zueinander wie es der normativ der Geschwisterlichkeit entspricht und c) meint es eine Gesinnungs-gemeinschaft: Alle, die selbe Gesinnung,bzw Weltanschauung oder Religion teilen, sind Geschwister, die sich untereinander so verhalten, wie es der Norm der Verwandtschaftsbeziehung der Geschwisterlichkeit entspricht.


Nur die Geschwisterschaft im verwandtschaftlichen Sinne ist eine objektive Gegebenheit, alle anderen bezeichnen eine Normativität des Wie Miteinanderumgehens. „Ein Bruder oder eine Schwester bist Du mir nur, wenn Du dieser Norm gerecht wirst!“ Die Nachtseite dieser Aussage lautet deswegen im realen Leben so: „Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein!“ Die Französische Revolution proklamierte die Brüderlichkeit und guillotinierte zu Hauff die Nichtbrüder, die Kritiker der Revolution.


Könnte es sein, daß die Norm der Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit in Nichtverwandtschaftsbeziehungen dazu führt, wenn diese Norm nicht erfüllt wird, den Bruder und die Schwester zum Nichtbruder und zur Nichtschwester zu erklären, die dann gar als Feinde behandelt werden? Der Gesinnungsgenosse von Gestern könnte morgen so zum Verräter und Feind werden, der Glaubensbruder zum Ketzer, der brüderliche Freund zum persönlichen Feind. Die ursprüngliche Geschwisterlichkeit als eine Verwandtschaftsbeziehung suggeriert nun dabei, daß solche Enttäuschungen nicht zu befürchten seien, da sie doch etwas Objektives bezeichnen, das nicht durch ein Fehlverhalten negiert werden könne: Freunde oder Glaubensbrüder oder Glaubensschwestern oder Gesinnngs-genossen können nicht so enttäuschen, indem sie gegen die Normativität der Geschwisterlichkeit verstoßen, da diese Normativität doch etwas Objektives sein soll daß eben sich Verwandte von Natur aus brüderlich, geschwisterlich verhielten und dies für sie nicht in erster Linie nur eine Norm sei.

Ein leiblicher Bruder bleibt ein Bruder,wenn er sich unbrüderlich verhält, der Gesinnungsbruder wird dagegen dann zum Feind. 

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