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Montag, 19. Januar 2026

Ver-rücktes über die Sünde

 

Ver-rücktes über die Sünde


Was man die Sünde nennt,ist ein wesentliches Glied in der Kette des Fortschrittes. Ohne sie würde die Welt zum Sumpfe, sie würde alt und farblos.Durch die starke Betonung der Individualität rettet sie uns vor der Einförmigkeit des Typus.“ So lautet einer der bekannten Aphorismen des Schriftsteller Oscar Wilde.Francoise Sagan, zitiert in ihrem Roman: „Bonjour tristesse“ diesen Schriftsteller so: „Die Sünde ist der einzige lebendige Farbfleck,der in der modernen Welt existiert.“ 1

Das klingt verrückt und ist nicht nur antichristlich sondern auch antimoralistisch. Allerdings ergänzt die Protagonistin des Sagan Romanes diesen Aphorismus Wildes so: „Vollkommen überzeugt machte ich mir diesen Ausspruch zu eigen,und dies um so leichter, als ich ihn nie in die Tat umgesetzt hatte.“ Eine einfache Kontrollfrage zeigt das Problem eins solchen Antimoralismus: Was, wenn ich selbst das Opfer eines solchen Antimoralismus werden würde? Wer so denkt, dürfte sich immer nur als Täter denken, oder zumindest als ein außerhalb des Lebens Stehender, dem das Leid der Opfer unberührt läßt.

Aber irritieren müßte einen aufmerksamen Leser doch der Zusammenhang zwischen der Sünde und der Individualität, von der dieser Aphorismus spricht. Daß Oscar Wilde nun selbst seine Individualität inszeniert hat, ist auch allseits bekannt. Was bedeutet es denn nun für das Verständnis des Sünde, wenn sie auf das engste mit der Vorstellung des Individualismus verbunden wird? Man könnte den Individualisten als einen Menschen verstehen, der sich selbst sein Gesetz, wie er leben will oder meint, leben zu sollen, sich selbst gibt. Es existiert für ihn dann keine objektiv geltende Moral, sondern er entscheidet sich selbst für eine oder kreiert sie gar für sich. Im Sinne Nietzsches wäre ein Individualist jemand, der das Faktum, daß es keine objektiv geltenden moralischen Gesetze anerkennt und diesen Nihilismus überwindet, indem er sich selbst ein Gesetz gibt, das aber dann nur für ihn selbst gelten würde. Es gäbe so nur eine Privatmoral und Menschen, die ihre Privatmoral anderen zum Gesetz machen wollen, obgleich ihre Geltung doch nur eine rein subjektive ist.

Ist also der Individualismus so gedeutet im Sinne Wildes die Quelle des Fortschrittes und der Lebendigkeit des Lebens, daß es nicht ein uniformes Einerlei ist? Soziologisch, isb im religionssoziologischen Diskurs ist ja die These von der Individualisierung der Religion wie überhaupt der Lebensstile des modernen Menschen eine übliche Vorstellung geworden: Jeder erwähle sich seinen Lebensstil,bestimme selbst, wie er es mit der Religion halten wolle und was er selbst für ein moralisches Leben erachtet.Wenn nun das theokratische System des Irans zugrunde geht, dann ist das ja für jeden Individualisten der Beweis, wohin ein System führt, das jedem Menschen diktieren will, wie er zu leben habe. Nur ein liberaler Staat sei so der Garant für die Freiheit seiner Bürger, privat leben zu können, um dabei nur ein Minimum an für alle geltende Gesetze anerkennen zu müssen.

Aber kann man sich einen König David oder Salomon vorstellen, die obschon selbst fromm, erklärten, daß jeder sich frei entscheiden dürfe, welchen Gott oder welche Götter er verehren möchte und daß dann in Jerusalem es so viele Göttertempel gäbe wie Religionen in dieser Stadt praktiziert werden? Aber das hat es gegeben zum Ende der Regentschaft des Königs Salomon: Gott rechnete das ihm und dem jüdischen Volke aber als Sünde an und nicht als ein Musterbeispiel gelebter Pluralität, als ein buntes Festival der Religionen!

Aber in der Politikwissenschaft gilt es wohl als ein Allgemeinplatz, daß die Demokratie von der Prämisse lebt, daß nicht erkennbar sei, was objektiv das wahre Leben oder das Gemeinwohl sei, sondern daß die Pluralität der Meinungen darüber eine unhintergehbare Tatsache sei. Wahrheit ist und kann nur eine Privatmeinung sein des Einzelnen oder von Gruppen, in denen die Einzelnen dann in ihrem Meinen übereinstimmten. Deswegen verurteilt ja Popper alle Philosophen von Platon bis Hegel, die eine Erkennbarkeit der Wahrheit vertreten.

Wenn das nicht völlig daneben gedacht ist, dann hieße das, daß unsere jetzige postmoderne Gesellschaft den Individualismus als ihr Fundament anerkenne und damit auch die Sünde. Die innerkatholische Strömung des Integralismus tendiert tatsächlich zu diesem Urteil und wird deswegen auf das entscheidendste bekämpft von allen Bejahern des Pluralismus.

So scheinen die verrückt anmutenden Aphorismen Wildes über die Sünde doch viel bedeutsamer zu sein, als es der erste Leseeindruck suggeriert. Abstrackter formuliert: Wie verhält sich die Wahrheit, wenn sie erkennbar ist, zur Pluralität der menschlichen Lebensgestaltungen? Die Extremthese lautet : Wahrheit schließt die Legitimität der Pluralität aus und kann sie nur als eine Abkehr von der Wahrheit begreifen. (Das ist die Hauptthese der Vorlesung: „Grundkurs der politischen Systeme“ von Professor Patzelt. Wo das, was das Allgemeinwohl ist, politikwissenschaftlich ver-standen,philosophisch, das, was die Wahrheit ist, a priori erkannt wird, etwa durch die Offenbarung Gottes oder durch eine Philosophie, da könne es keinen legitimen Pluralismus geben.) Ist eine andere Verhältnisbestimmung zwischen der Wahrheit als erkannten bzw erkennbaren und der Pluralität und Individualität konstruierbar? Das ist wahrlich keine leichte Aufgabe.





1Erster Teil, 2.Kapitel, Schluß. Übersetzung Helga Treichl.

Freitag, 6. September 2024

Die Mogelpackung: Wie die liberalistische Ideologie in einem conservativen Gewand an Katholiken verkauft wird

 

Die Mogelpackung: Wie die liberalistische Ideologie in einem conservativen Gewand an Katholiken verkauft wird



Am 5.9.2024 konnte man auf Kath net unter der Überschrift:“Konservative, nicht Progressive, sind die wahren Verteidiger der Freiheit“ Befremdliches lesen:„Die Versuche der Demokratischen Partei sich einen Mantel der Freiheit umzuhängen seien unglaubwürdig. Die Partei stehe seit mehr als hundert Jahren für Steuern, Regulierungen und Überwachung, warnt Alexander Salter.“ Die „Demokraten“ seien also keine conservative Partei, da sie für „Steuer“,“Regulierungen“ und für „Überwachungen“sich einsetzten. Daß die „Demokratische Partei“ der USA keine conservtive sei, bestreitet nun niemand, ja es könnte sogar in Frage gestellt werden, ob es denn überhaupt in den USA eine conservative Partei geben könne, ist doch die da ursprünglich dort erwachsene und beheimtete Kultur der Ureinohner völlig ausgelöscht worden, die der Indianer, um dann dorthin Fremdkulturen zu exportieren, die als solche keine amerikanischen sind. Die ursprüngliche heimische Kultur bildet nun aber den Mutterboden jeglichen Conservatismuses.

Was soll nun aber nun das Anticonservative der „Demokraten“ sein? „Steuern“.Das kann auf keinen Fall stimmen, den der politische Conservatismus bejaht immer einen starken Staat, und der muß nun mal über die Steuern finanziert werden. Otto von Bismarck schuf in Deutschland die Grundlagen des Sozialstaates, indem er in diesem Punkte Luther follgend die Soziale Frage als eine Aufgabe des Staates interpretierte:die Sozialpolitik, da reine Privatinitiativen diese Problem nicht auf sich selbst gestellt in den Griff bekamen. Bismarck war nun unbestreitbar ein conservativer Politik und er war der bedeutendste Staatsmann der modernen deutschen Geschichte. Ohne eine Steuererhebung ist ein Sozialstaat nicht finanzierbar. Noch wesentlicher: Kein Staat ist souverän, der sich nicht selbst verteidigen kann und dazu muß der Staat eine Armee unterhalten, sie also auch ausrüsten. Keine Steuern, das entspricht dem liberalen Ideal des Nachtwächterstaates: Dem liberalistisch sich verstehenden Bürger erscheinen die Steuern nun aber nur als eine Einbuße seiner Kaufkraft in der Meinung, daß die Staatsausgaben für das Allgemeinwohl eigentlich immer überflüssig und zu hoch sind, da doch jeder in erster Linie für sich selbst zu sorgen habe ohne daß er dabei auf den Staat setzt.

In den USA steht der Mythos vom „Wilden Westen“ dafür im Hintergrund, daß ein echter Mann nur einen Revolver braucht, um sich und sein Recht durchzusetzen, wobei der Staat eher als ein Hindernis angesehen wird. Der Cowboy mit Pferd und Revolver ist der Freie, der Stadtmensch der Unfreie, da er da der Gewalt des Staates mit seinen vielen Gesetzen und Vorschriften unterworfen sei. Den Cowboy ersetzt nun der freie Unternehmer, der sich ebenso durch die Staatsgesetze in seiner unternehmerischen Freiheit limitiert sieht. Das ist Liberalismus pur und hat so mit einem politischen Conservatismus nichts gemein.

Regulierungen“ sollen anticonservativ sein! Daß um eines vernünftigen Miteinanders der Bürger willen dies staatlicher Gesetze bedarf,wer außer Anarchisten und Liberalen widerspräche dem! Schon der Basistext jeder Staatslehre des Abendlandes, Platons Politeia zeigt auf das Überzeugendste, daß nur durch den Staat die Gesamtgellschaft vernünftig gestaltet werden kann, daß wie die Vernunft, der Kopf den Menschen zu regieren hat, so der Staat den Gesamtkörper der Gesellschaft.Aus der theologischen Perspektive ist dann noch unbedingt hinzuzufügen, daß der Mensch ob seiner ihm erbsündlich eigenen Neigung zum Bösen der Gesetze und Regeln nötig hat, um diese Spontanneigungen zum Bösen einzudämmen. Ein Verzicht auf staatliche Regulierungen würden so nur destruktive Kräfte freisetzen.

Ein kleines Beispiel aus dem Alltagsleben möge das veranschaulichen:Ein Vermieter in München wollte die Wohnungsnot ausnutzen, in dem er in dem Mietvertrag einfügte, daß die Mieterin zu regelmäßigem Sex mit ihm verpflichtet sei. Eine Frau unterschrieb diesen Mietvertrag, ging dann damit vor Gericht und der erklärte diesen Vertrag für sittenwidrig. Sie behielt die Wohnung und der Vermieter mußte auf den Sex verzichten. Was wäre aus dieser Causa geworden, gäbe es nicht die staatliche Bestimmung eines sittenwidrigen Vertrages. Gut liberal hätte der Vermieter ja sagen können: Diesen Mietvertrag bräuchte doch nur die unterschreiben, die dem zustimmen möchte, die also freiwillig dann den Sex ihm anbieten wolle.

Überwachungen sollen anticonservativ sein! Um wie viel würde wohl überall die Kriminalität anwachsen, wenn es keine Überwachungen gäbe! Wie viele führen alkoholisiert Auto, wie viel würde über die Landesgrenzen an Waaren geschmuggelt, nicht nur Rauschgifte. Die Asylantenflut ist ja auch eine Folge zu nachlässiger Grenzkontrollen, der Staat überwacht viel zu wenig unsere Grenzen. Keine Überwachungen kann nur der fordern, der ganz naiv blauäugig an das Gutsein jedes Bürgers glaubt und das tuen nur Liberale, für die es nur Wirtschaftskonkurrenten gibt, aber keine Feindschaft und keine Neigungen zum Bösen!

Daß ein Kath net Artikel seiner Leserschaft nun diese Fundamentaldogmen des Liberalismus als einen Conservatismus verkaufen will, ist schon eine arge Mogelpackung. Vielleicht soll damit nur der antikatholiche Gehalt dieser Dogmen vertuscht werden. Denn die antisoziale Tendenz des Liberalismus ist nun mal unverkennbar, auch wenn er mit dem Pathos der Rede von der Freiheit übertüncht werden soll. 

Corollarium

Der Liberalismus steht der Ordnung des Staates prinzipiell ablehnend gegenüber, kennt er doch nur Partikularinteressen und kein Allgemeinwohl, woraufhin der Staat alles Partikulare  steuert. Der Mensch wird hier nicht als Zoon politikon begriffen, sondern als ein atomisiertes Einzelwesen, das nur über Vertragsbeziehungen mit anderen verbunden ist.






Mittwoch, 4. September 2024

Ein vielleicht leichtfertig, zu schnell gelöstes Problem der Theologie oder ein erschreckender Verdacht

 

Ein vielleicht leichtfertig, zu schnell gelöstes Problem der Theologie oder ein erschreckender Verdacht


Eigentlich ist es gar kein Problem: Wir lesen über den Brudermord Kains: „Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht.“ (1.Mose, 4,3-5) Schauen bedeutet hier: annehmen. Gott Opfer darzubringen ist die religiöse Praxis schlechthin und darum wird sie hier an so exponiert.Es wird aber hierbei auch das Problem dieser Praxis artikuliert: Gott kann das Opfer annehmen, er kann es aber auch verwerfen. Das heißt, daß Gott nicht durch die kultische Praxis des Opferns manipuliert werden kann: Wenn wir ihm opfern, nimmt er immer das Opfer an und nun muß ergänzt werden: in der Intention, in der es Gott dargebracht wird. Gott die Erstlinge darzubringen ist eben auch die Bitte an Gott, wieder dafür zu sorgen, daß ihm weiterhin die Erstlinge dargebracht werden können.Es wird menschlich-allzumenschlich gedankt im Vertrauen darauf, daß der so Bedankte dann wieder eine gute Ernte geben wird, sodaß ihm die Erstlinge davon geopfert werden können.

Warum hat Gott nun das Opfer des Abels angenommen und das des Kains verworfen?Der Text gibt uns darüber keinerlei Auskunft! Aber wir finden in der Bibel dann dazu klare Antworten: Im Hebräerbrief (11,4) steht geschrieben: „Aufgrund des Glaubens brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain.“ Wenn nun aber das Opfer Kains nur ein weniger gutes war, warum reprobierte Gott es dann?Das muß irritieren.In dem 1.Johannesbrief 3,12 heißt es über Kain, daß er „von dem Bösen stammte und seinen Bruder erschlug.“ Ist nun sein vom Bösen Stammen, daß er seinen Bruder erschlug, dann ist dies keine Aussage über das Warum der Verwerfung des Opfers Kain. Oder dysqualifizierte sein vom Bösen Stammen schon sein Opfer, sodaß es deshalb Gott reprobierte und Kain dann aus Eifersucht auf seinen Bruder, weil dessen Opfer Gott angenommen hatte, seinen Bruder getötet hat. Klar wäre im zweiten Falle die Intention, eine akzeptable Antwort auf die Frage zu geben: Warum verstieß Gott das Opfer Kains? Kain war von Anfang an böse. Die Aussage von Judas 11, sie gingen die Wege Kains, daß Kain habgierig gewesen sei, kann als Konkretion und Bestätigung der Aussage, Kain wäre ein böser Mensch gewesen sein, gelesen werden:Weil Kain habgierig gewesen sei, habe Gott sein Opfer nicht angenommen.

Nun schleicht sich angesichts dieser Befunde ein Verdacht ein, daß die ursprüngliche Erzählung, daß Gott das Opfer Abels annahm und das Kains reprobierte, ohne daß dafür ein Grund angegeben wird, als inakzeptabel empfunden wurde. Gott nimmt nicht grundlos das eine Opfer an und verstößt grundlos das andere. Für dies differente Verhalten Gottes müsse es für uns Bibelleser nachträglich akzeptable Gründe nachgeliefert werden. Aus Praktibilitätsgründen muß doch gewußt werden, wie ein Opfer Gott darzubringen ist, sodaß es Gott wohlgefällig sei und wie es nicht dargebracht werden dürfe. Der 1.Johannes- und der Judasbrief sagen: Auf die Moralität des Opfernden käme es an, der Hebräerbrief, daß es auf den Glauben ankäme. Der Verdacht lautet nun, daß somit nachträglich das Verhalten Gottes, daß er das eine Opfer annahm und das andere zurückwies, rationalistisch erklärt werden soll, damit die Opfernden wissen, wie sie zu opfern haben, damit Gott ihr Opfer annimmt.Vorausgesetzt wird dabei, daß Gottes Verhalten so vernünftig ist, daß es für uns verstehbar ist. Gott kann nicht als irrational handelnd gedacht werden, da Gott eben spätestens seit der griechischen Aufklärung durch Platon als das Gute und rein Vernünftige gedacht wurde. Er darf eben nicht anders gedacht werden, denn wie sollten die Menschen zu einem sittlichen Handeln erzogen werden, wenn man schon von den Göttern sich Unsittliches erzählte in den griechischen Göttergeschichten etwa. Der bekannte Spruch: „Was einem Jupiter erlaubt ist, ist Menschen nicht erlaubt“, diente ja auch dazu, einem Mißbrauch solcher Göttergeschichten zu wehren: Wenn Götter schon so unsittlich handeln, dann dürfen wir Menschen das doch wohl auch!

So könnte sich der Verdacht verhärten, daß die nachträgliche Deutungen der Nichtannahme des Opfers Kains Rationalisierungsversuche darstellen, um Gott nicht als unbegreiflich Handelnden akzeptieren zu müssen. Eine Opferpraxis verlangt doch nach der Sicherheit, daß, wenn ich richtig opfere, Gott mich erhören wird und wenn Gott mich nicht erhört, mein Opfern oder Beten, dann habe ich irgendwie falsch geopfert oder gebetet. Könnte die ursprüngliche Erzählung aber vielleicht der Wahrheit näher kommen? Ersetzen wir einmal das Annehmen bzw Nichtannehmen durch die Liebe bzw Nichtliebe. Ist es irgendwie vernünftig zu begründen, warum ein Mann eine bestimmte Frau liebt und dann eine andere nicht? Ein Mann steht vor 2 Frauen, Zwillinge, die sich so ähnlich sind, daß sie kaum unterscheidbar sind.Jetzt sagt die eine: „Warum liebst Du mich nicht sondern meine Zwillingsschwester!“ Die Anklage, die darin verborgene ist unüberhörbar:Es gibt keinen vernünftigen Grund, daß Du mich nicht liebst, aber meine Schwester. Daß dieser Mann die eine liebt und die andere nicht, erklärt der Mythos vom Amorengel, der die Liebespfeile in die Herzen der Menschen schießt, indem er diese Liebe für unerklärbar erklärt. Es kann ein vernünftiger Grund eruiert werden, warum der Mann diese eine Frau liebt und die andere nicht. Heiraten mögen Menschen dann aus vernünftigen Gründen, ihr Lieben: Nur Dich liebe ich!, ist etwas rein Irrationales, das aber so konstitutiv zum Menschen dazugehört.(Die Erfolgsserie: „Sturm der Liebe“ demonstriert gerade dies in seinen über 4000 Folgen.) Könnte es nicht sein, daß Gottes Liebe auch irrational ist, daß es so keinen vernünftigen Grund dafür gab, daß Gott das Volk Israel erwählte und nicht die Chinesen oder uns Deutsche, daß auch Gott liebt, wen er lieben will, weil er ihn lieben will? Nur das mag eben eine vernünftig denkende Theologie nicht wahrhaben, denn sie will alles vernünfteln.Ist etwa die Theologie das Produkt des Kommodmachenwollens Gottes?

Da aber vernünftige Deutungen der Nichtannahme des Opfers Kains schon das Neue Testament offeriert, können wir sie auch als wahre bejahen und das Problem als gelöst ansehen.




Donnerstag, 15. August 2024

Bedenkliches zu Mariä Himmelfahrt, zu ihrer leiblichen Aufnahme

 

Bedenkliches zu Mariä Himmelfahrt, zu ihrer leiblichen Aufnahme


Der Prophet Elia wurde von Gott entrückt: „Während sie miteinander gingen und redeten,erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander.Elia fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.“ (2.Könige 2,11) Nebenbei: Der UFO-Experte Erich Däniken interpetierte dies Geschehnis mal als eine Aufnahme durch ein außerirdisches Raumschiff! Aber diese skurrile Interpretation kann hier unberücksichtigt auf sich ruhend beiseiten gelegt werden, denn wesentlicher ist die Frage, wie sich denn diese Entrückung des Propheten und dann auch die des Hennoch zu der leiblichen Aufnahme Mariä verhält. Zumindest die Erzählung der Aufnahme des Propheten in den Himmel wird ja nicht durch den Leib-Seele-Dualismus plausibiliert, daß die Seele des Propheten in den Himmel aufgenommen worden sei, wohingegen sein Leib auf der Erde blieb. Dabei ist zu berückichtigen, daß die alttestamentlichen Aussagen über das Beerdigtwerden und die über Weiterexistenz der Toten in der Unterwelt nur miteinander kompatibel erklärbar sind, wenn gesagt wird: Der Leib wird in die Erde begraben und die Seele gelangt dann in die Unterwelt, den Hades. Also muß diesen 2 Vorstellungen ein Leib-Seele Dualismus zugrunde liegen.

Nun besagt aber das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariä, daß sie als eine Einheit von Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist, nicht aber inkludiert dies Dogma, daß die Mutter Gottes erst gestorben wäre, d.i daß die Seele sich vom Leibe getrennt hätte und daß dann diese Trennung wieder aufgehoben worden wäre, wie sie daraufhin leiblich und nicht nur als Seele in den Himmel aufgenommen worden wäre. Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß so wie der Prophet Elia ohne zu sterben in den Himmel auffuhr auch sie ohne zu sterben in den Himmel aufgefahren ist.

Die Kritiker des Apostelfürten Paulus lehnten die Vorstellung einer leiblichen Auferstehung zu einem ewigen Leben ab mit dem Argument, daß ein menschlicher Leib, wenn er zu einem neuen Leben aus dem Tode erweckt werden würde, wieder sterben müßte, denn zum Begriff der Leiblichkeit gehöre notwendig sein Sterbenmüssen dazu. Es erginge dann uns wie dem vom Tode erweckt gewordenen Lazarus, der dann erweckt doch wieder sterben haben gemußt. Paulus konzipiert deshalb im 1.Korinther 15 und im 2.Korinther 5 eine Konzeption der Leiblichkeit, die nicht dem Schicksal des Sterbenmüssens unterliegt: den neuen verklärten unsterblichen Leib des Menschen.

Teilte man diese paulinische Konzeption, müßte gedacht werden, daß sowohl der Leib des Propheten Elia als auch der der Mutter Gottes verwandelt worden sind, damit sie auch leiblich ewig leben können. Nun gehört aber zur Leiblichkeit notwendig ihre Dreidimensionalität. Es sei an Descartes Unterscheidung von der res cogitans, der Seele also und der res extensa, des Leibes also erinnert. Lebte der Mensch nur als Seele ewiglich, könnte der Himmel unräumlich gedacht werden, den der Seele kommt keine räumliche Ausdehnung zu. Wenn der Mensch aber leiblich ewig lebt, muß der Himmel selbst auch dreidimensional gedacht werden, denn sonst könnte in ihm nichts Dreidimensionales, also der menschliche Leib existieren. Denn auch der verklärte verwandelte Leib muß ja als ein dreidimensionaler gedacht werden, sonst wäre er kein Leib. Der Himmel als etwas von Gott Differentes, als ein von ihm Erschaffendes muß also selbst ein dreidimensional Strukturiertes sein, damit dann da, wo Gott beheimatet ist, auch die Menschen lebendig sein können. Wer eine Dreidimensionalität nicht akzeptieren will, der muß dann doch nachträglich den gnostischen Kritikern des Paulus rechtgeben, daß das ewige Leben nur als eines der Seele denkbar ist.

Aber damit stehen wir vor einem noch gößeren Problem: Wie kann der Mensch als Seele-Leib-Einheit lebend gedacht werden ohne die 4.Dimension der Zeit? Würde die Ewigkeit als die Zeitlosigkeit konsequent zu Ende gedacht,müßte eingeräumt werden, daß dies postmortale Leben nicht von einem Todsein unterscheidbar sei. Als Katholiken vertrauen wir darauf, daß unsere himmlische Mutter unsere Gebete an sie gerichtet hört und auch erhören kann und will.Wie sollte Maria aber ein Gebet hören und dann gar erhören können, wenn sie nicht zeitlich lebte, daß ihr eine Zeit zum Hören zu eigen ist und eine Zeit zum Reagieren auf das gehörte Gebet? Wäre ihr ewiges Leben das einer puren Zeitlosigkeit dann kann sie genaugenommen weder hören noch erhören, denn diese 2 Aktivitäten verlangen eine Zeit als den Ermöglichungsgrund dieser Aktivitäten, zumal schon das Leben des Leibes Zeitlichkeit verlangt für die vielfältigen Körpertätigkeiten. Man versuche sich doch bitte ein schlagendes Herz in einer ewigen Zeitlosigkeit vorzustellen!

Aber wir glauben doch an eine lebendige Himmelsmutter, die nur als lebendige unsere Mutter sein kann. Dazu wäre dann es notwendig, die Differenz von Gott und dem von ihm erschaffenden Himmel zu bedenken, daß der wirklich vierdimensional strukturiert sein kann als räumlicher und als zeitlicher. Aber im philosophischen wie dann auch in dem ihm folgenden theologischen Diskurs dominiert die Vorstellung, daß die Ewigkeit Zeitlosigkeit bedeutet. Nur, wie ist unter dieser Condition Maria noch als unsere lebende Mutter zu denken? 

Auch wenn man nun angesichts dieser Probleme zu einer platonischen  Lösung sich zurückwandte, eine den gnostischen Kritikern des Pulus vergleichbare, stände das theologische Denken vor dem Problem, wie denn eine lebendige Beziehung der Seele zu Gott zu denken sei ohne Zeit.  

Zu beachten ist aber, daß das Besondere der Aufnahme Mariae in den Himmel, ihre leibliche nur erfaßt werden kann in dem Kontrast zur Vorstellung der Trennung der Seele vom Leib und des Aufstieges der Seele zu Gott. Aber das gilt so auch schon für den Propheten Elia.











Freitag, 17. Mai 2024

Wo ich als Christ mein Kreuz nicht machen darf oder: Daß der Christ, weil er an seine unsterbliche Seele glaubt, asozial zu sein hat!

 

Daß der Christ, weil er an seine unsterbliche Seele glaubt, asozial sein soll!



Kath net offenbart uns neue für die anstehenden Wahlen geradezu revolutionäre Kriterien für die Wählbarkeit von politischen Parteien in dem Artikel: „Rote Linien dürfen nicht überschritten werden“ vom 16.5.2024.

Welcher Partei gebe ich meine Stimme? „Es gibt einfach Sachen, die sind in sich schlecht. Völkischer Nationalismus ist in sich schlecht, Abtreibung ist in sich schlecht.“ Tipps für die Europawahlen von Zisterzienserpater Isaak M. aus Neuzelle.“ Selbstverständlich ist mit dem „völkischen Nationalismus“ die AfD gemeint, sodaß hier Kath net ganz im Einklang mit den deutschen Bischöfen diese Partei für unwählbar erklärt. Wenn nun aber auch die Bejahung der Abtreibung als Kriterium der Nichtwählbarkeit genannt wird, hat das zur Folge, daß keine der antretenden Parteien wählbar ist. (Die „Christliche Mitte“, die dann noch wählbar gewesen wäre, tritt ja zu Wahlen nicht mehr an.)

Aber wie begründet nun dieser Pater sein „Nein“ zum „völkischen Nationalismus“? Ein grundlegendes christliches Prinzip sei, dass wir eine unsterbliche Seele haben. Dies sei der Grund, warum der Einzelne, das Individuum der Gemeinschaft übergeordnet und nicht kollektiven Interessen untergeordnet sei. Soziale Konstrukte und Staaten sind vergänglich, die menschliche Seele jedoch unsterblich, und aus diesem Grund hat sie Priorität.“

Das ist nun radicalster Liberalismus.Ganz in der philosophischen Tradition des Nominalismus fussend kennt dieser Liberalismus nur den Einzelnen (wie auch nur die Einzeletwasse) als wirklich seiend an, während alle Abstraktbegriffe nicht auf etwas Wirkliches sich beziehen, sondern nur Ideenkonstrukte seien. So existiert keine „Gemeinschaft“, auch kein Gemeinwohl, das verzeichnet dieser Liberalismus als eine Art Kollektivismus und selbst den Staat soll es nur als ein soziales Konstrukt geben. Für den Nominalismus kann es tatsächlich nicht einmal den „Staat“ geben, denn es gibt nur einzelne Regierer, die dann auch gemeinsam regieren können, wenn dabei die Einzelheit des Regierers betont wird.

Nur der Einzelne zählt und alles Soziale wäre dann schon eine Bedrohung des Einzelnen. Der so vereinzelte Einzelne kann so weder als Glied der Kirche, des Volkes Gottes noch als das Glied eines Volkes noch einer Familie gedacht werden, da er als Einzelner stets über solchen Sozialordnungen steht, stets nur sich selbst verpflichtet. Der Anarchist Max Stirner wäre begeistert,hätte man ihm das als das Kernstück der christlichen Religion angepriesen. Sein Hauptwerk: „Der Einzige und sein Eigentum“ ist nun eine Apotheose der bürgerlichen Freiheit, die ihre Grenze nur in der Freiheit des Anderen findet und die den Egoismus als die alles vorantreibende Kraft glorifiziert. Heute vertritt das in gemäßigter Form nur noch die traditionell antisozial ausgerichtete FDP, aber die englische Regierungschefin M. Thatcher darf wohl als das Musterbeispiel einer solch radicalliberalen Politik angesehen werden. Faktisch hielt sie die Sozialpolitik für eine kommunistische Erfindung.

Für den Einzelnen kann und darf somit jede Sozialgemeinschaft, die ja nur zu dekonstruierende Sozialkonstrukte sind, nur ein Mittel zur Realisierung seiner individualistischen Privatinteressen sein, denn es existiert ja für mich nur mein Ich und mein Interesse! Dies Ich einer dem Ich übergeordneten Gemeinschaft unterzuordnen wäre ja eine Beeinträchtigung der Freiheit des Iches. Im Begriff des Eigentumes findet dies Freiheitsverständnis seine Krönung. Eigentum ist das, was nur für mich ist und dessen Genuß durch keinerlei angeblich sozialer Verpflichtungen eingeschränkt werden dürfe.

Das hat nun mit einer christlichen Ethik überhaupt nichts zu tuen, sondern ist einfach nur ein Exzeß liberaler Ideologie.

Daß für diesen Exzeß nun gar der Glaube an die unsterbliche Seele als Legitimierung hergenommen wird, ist geradezu grotesk. Ein Blick in die Staatsphilosophie Platons, der nun als der Lehrer der Unsterblichkeit der Seele gilt, beweist das. Nicht zu Unrecht verurteilt Popper ihn als den philosophischen Feind der liberalen, von ihm als offene Gesellschaft genannten Staatsordnung.Gilt für die christliche Sozialethik der Vorrang des Allgemeinwohles den Parikularinteressen gegenüber ganz im Geiste Platons, so behauptet der radicale Liberalismus, daß es gar kein Gemeinwohl gäbe,da es ja auch keine Sozialgemeinschaften gäbe, sondern nur ein Meer von Privatinteressen, die dann durch Verträge Interessensausgleiche erwirkten ganz gemäß der Struktur der freien Marktwirtschaft.

Um also die AfD als nicht wählbar zu markieren, vertilgt dieser radical liberalistische Ansatz den Menschen als Sozialwesen, der als solcher auch immer ein Volksangehöriger ist, um ihn zu einen egozentrischen Bourgeois umzuformen.

Philosophisch kann der Liberalismus den Menschen nicht begreifen,bedeutet doch schon die Aussage: "Das ist ein Mensch", daß er ein individuiertes Allgemeines, ein Fall des Menschseins ist und somit schon nicht einfach nur etwas Einzelnes, sondern immer auch ein Allgemeines, ein Menschsein. Aristoteles erfaßt so den Menschen als Zoon politikon, als ein Wesen, dem es konstitutiv dazugehört, Glied von sozialen Gemeinschaften zu sein, der einer Familie und der eines Volkstumes. Erst die völlige Entfremdung von diesem dem Menschen eigenen Sozialleben produziert die Vorstellung des isolierten allein für sich seienden Menschen.

Dabei hätte Kath net es sich doch einfacher machen können, um die Nichtwählbarkeit der AfD zu begründen: Diese Partei unterstütze nicht die Natokriegspolitik  gegen Rußland, und das sei unverzeihbar!

Freitag, 29. März 2024

Ostern:der Sieg des Lebens über den Tod? Eine nicht mehr verstehbare und somit verdrängte Botschaft?

 

Ostern:der Sieg des Lebens über den Tod? Eine nicht mehr verstehbare und somit verdrängte Botschaft?


Wer nie in seinem Leben ernsthaft erkrankte, wie soll der die Botschaft: „Du wirst wieder gesunden!“verstehen können? Wie soll sich ihm der Wert der Gesundheit erschließen? Es ist zwar ein Allgemeinplatz,daß erst der Verlust von etwas uns den Wert davon erschließt, aber das ist wahr. Wem das als eine maßlose Übertreibung vorkommt, dem rate ich zu diesem Selbstexperiment: Ich wache am frühen Morgen auf, dunkel ist alles um mich, ich schalte meine ertastete Nachttischlampe an: Es bleibt dunkel....es braucht eine Zeit, bis mir das Entsetzliche vor meinen Augen steht. Über Nacht bin ich erblindet. Nur noch ein Wunsch beherrscht mich: O könnte ich doch wieder sehen, das wäre mein größtes Glück! Jeden Tag wachen wir des Morgens auf: Danken wir unserem Schöpfer, daß wir nicht blind sondern sehend erwachten?

Wer über das Leben, gar das ewige wahrhaftig sprechen will, kann das so nur, wenn er wahrhaftig über den Tod eine Auskunft geben kann. Wüßten wir nichts vom Tod, blieb uns die Botschaft von dem verheißenden ewigen Leben etwas unbegreiflich Mirakulöses.

Meine These lautet nun, daß der moderne/postmoderne Mensch zu gut über den Tod Bescheid weiß, als daß ihn die Verkündigung eines ewigen Lebens als die Osterbotschaft noch erreichen könnte.Auch wenn wohl nur noch philosophisch Gebildete den Philosophen Epikur namentlich kennen oder gar irgendetwas von seiner Lehre wissen, hat sein Verständnis des Todes sich in der Welt durchgesetzt. Sein Anliegen ist ein wahrhaft therapeutisches, denn er wollte die Menschen vor ihrer Furcht vor dem Tode befreien,womit er objektiv zu dem Antipoden zur christlichen Überwindung der Furcht vor dem Tode durch das Osterevangelium wurde, wohl zu dem erfolgreichsten. Er stellte sich der Frage: Wie muß das Todsein gedacht werden, damit unsere Erwartung unseres Todseins nicht zu einer Angst vor unserem Todsein wird? Diese Konstruktion des Todseins fand er, um diese Furcht zu überwinden und den Menschen mit seinem Geschick des Sterbenmüssens und seines Todseins zu versöhnen: „Solange ich lebe,ist der Tod nicht und wenn der Tod ist, bin nicht Ich, also kann es meinen Tod gar nicht geben. „Meinen Tod“ gibt es nur für die Anderen.Unser menschliches Lebensziel, gut zu leben, bedeutet, alle möglichen Leiderfahrungen zu minimieren und alle möglichen Lusterfahrungen zu erleben. Das Todsein ist somit ein ewig währender Zustand, in dem es für mich zwar keine Lusterfahrungen mehr geben kann aber genauso wenig Leiderfahrungen, denn das Ich, durch das etwas Erfahrenes zu meiner Erfahrung erst werden kann, nichtet der Tod und verunmöglicht so irgendein Erleben für mich.

Wie wenn ein Geschäftsmann sein Geschäft auflöst,wenn er statt Gewinne zu erwirtschaften nur noch Verluste schreibt und keine Hoffnung mehr auf „schwarze Zahlen“ hegt,so könne der Mensch auch sein Leben beenden, wenn er nur noch Negativerfahrungen für sein weiteres Leben erwartet. Stirbt er, freiwilllig oder ungewollt, dann kann er sich damit trösten,nie mehr Leid erfahren zu müssen,obschon er dann auch nichts Positives mehr erfahren werden kann. Die ewige „Ruhe“ des Todes tröstet dann gar. (Ursprünglich meint die „Ruhe“ in der Bibel etwas völlig anderes, daß nämlich Gott sein Volk Israel vor seinen Feinden so schützt, daß sie eine Zeitlang im Frieden leben konnten, das ist ohne mit Kriegen überzogen zu werden.)Wer daraufhin die Todesanzeigen in den Zeitungen aber auch in Beerdigungsansprachen kritisch mithört, kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß das „ewige Ruhen in Gott“ sich kaum noch von der Verheißung Epikurs, nie mehr leiden zu müssen, wenn man verstorben ist, unterscheidet.Statt ewig zu leben, schlafe man ewig traum-und alptraumlos.

Die Vorherrschaft eines biologistisch-naturalistischen Menschenverständnisses erleichtert dann die Akzeptanz eines so gearteten epikureischen Todesverständnisses: „Nie mehr wirst Du leiden, bist Du erst tot!“ Eine Epoche der Dekadenz, des geschwächten Lebenswillens, also gerade auch die unserige ist dann noch besonders anfällig für dies Todesverständnis. So denkt sich jeder, der den Freitod erwählt, sein Todsein im Sinne Epikurs, daß er dann zwar nichts Positives mehr erleben können wird aber auch und gerade nichts Negatives mehr!

Die christliche Religion versteht nun aber das Todsein völlig anders und findet in Platon ihre philosophische Fundierung: Der Tod ist die Trennung der unsterblichen Seele von ihrem Leibe, der zwar zerfällt, aber nicht löst sich die Seele ebenso auf. Mein Ich erfährt und erleidet so sein eigenes Todsein. Jesu Christi Hinabstieg in das Reich des Todes, früher sagte die Kirche noch klarer in das Reich der Hölle, ist das Geschick jeder Seele nach ihrem Auszug aus seinem Körper. Die Weiterexistenz in der „Unterwelt“, griechisch der „Hades“, hebräisch: die „Sheol“ ist so unser aller Geschick. Dieser Zustand wird erlitten, denn das Subjekt, das Ich, durch das etwas zu meiner Erfahrung erst werden kann, wird nicht durch den Tod ausgelöscht und nur deshalb gibt es meinen Tod. Die Unsterblichkeit meiner Seele ist so die denknotwendige Voraussetzung dafür, daß es meinen Tod auch wirklich geben kann.Darum erfreut sich eben auch ein rein materialistisches Menschenverständnis so großer Beliebtheit, denn nur dann kann das Todsein als ein einfaches Nichtmehrsein vorgestellt werden.

Theologisch wird die Weiterexistenz der Seele, des Iches in der „Unterwelt“ als das radicale Getrenntsein von Gott begriffen, ein Sein in der völligen Gottverlassenheit.Gottes Liebe hat den Verstorbenen verlassen, wie Gott seinen Sohn am Kreuze verließ. Darum kann die Bibel auch von den Sündern sprechen wie von Toten, es gibt also schon ein Todsein vor dem Sterben, wenn der Sünder sich ganz von Gott abgewendet hat. Ostern rettete Gott seinen Sohn aus der Unterwelt, aus seiner Gottverlassenheit, indem er ihn zum ewigen Leben auferweckte.

Das Osterevangelium sagt eben nicht, daß Jesus nie von Gott verlassen gestorben ist, sondern daß der wahrhaft tot Gewesenen von Gott in ein neues Leben gerufen worden ist. Ist das Todsein so das ewige Getrenntsein der Seele von Gott in seinem Dasein in der „Unterwelt“, der Welt außerhalb der Liebe Gottes so ist das ewige Leben das ewige Sein in Gottes Liebe zu uns, die wir selbst auch als diese erfahren.Nur dies Osterevangelium steht heute im Widerstreit zu dem „Evangelium“ Epikurs, daß es den meinigen Tod für mich gar nicht gibt, daß der Tod zum Leben natürlich dazugehört und das Positive, nie mehr leiden zu müssen, als seine Verheißung in sich birgt. 

Merksätze:

Ostern ist nicht die Widerlegung Jesu Schmerzensausruf: "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen", das war das schlimmste Kreuzesleiden des Sohnes Gottes, als hätte er sich da halt geirrt, nein: Ostern ist Gottes  Rettungstat aus dem Tode, der Gottverlassenheit Jesu Christi.

Eine Theologie, die auf jegliche philoophische Fundierung zu verzichten meint zu können, also eine biblizistische destruiert sich selbst. Aber nicht jede Philosophie ist gleich gut geeignet für die Theologie- der Platonismus ist gewiß die nützlichste Philosophie für das theologische Denken.   


Montag, 11. Dezember 2023

Was nicht in der Bibel stehen dürfte....skandalöse Aussagen

Was nicht in der Bibel stehen dürfte....skandalöse Aussagen


Gerade dem Reformator Luther bereitete der Jakobusbrief ein unerträgliches Kopf-weh, hatte er doch gerade seine neue Rechtfertigungslehre des „allein aus Glauben“ Gerechtfertigtwerdens allein aus der hl.Schrift konstruiert, da mußte er im Jakobusbrief schwarz auf weiß lesen: „Ihr seht,daß der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird,nicht durch den Glauben allein.“ (2,24) In einer Fußnote kommentiert die Einheitsübersetzung diese Aussage so:“Jakobus wendet sich in diesem ganzen Abschnitt gegen eine mögliche Mißdeutung der paulinischen Lehre.“ Man hätte auch stattdessen kommentieren können, daß der Text sich prophetisch gegen die Lehre Luthers wendet, dem der Jakobusbrief so eine nichtschriftgemäße Lehre präsentiert.

Aber auch katholischen Lesern offeriert dieser Brief Schwerstverdauliches, wenn da zu lesen ist: „Ihr Ehebrecher, wißt ihr nicht,daß Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, wird zum Feinde Gottes.“ (4,4) Mit dem Terminus „Ehebrecher“ist hier, wie schon in den Texten des Alten Testamentes der Übertreter des Bundes mit Gott gemeint, der Gott untreu Werdende. Mit wem betrügt hier der Untreue Gott? Nicht wie im Alten Testament ist damit ein Fremdgehen mit anderen Göttern gemeint, dies Verständnis präsumiert nämlich den Glauben an die Existenz von vielen Göttern, sodaß eine Verehrung eines anderen Gottes tatsächlich als ein Untreueakt dem Gott Israels gegenüber angesehen werden konnte, sondern die Freundschaft zu dieser Welt ist ein Untreueakt.

Der Jesuit A. Arndt kommentiert in seiner Vulgataausgabe 1903 diese Aussage so:Mit der Freundschaft sei eine „falsche Begierlichkeit nach irdischen Gütern und Genüssen“ gemeint. Daß hier aber unter der Freundschaft eine „falsche Begierlichkeit“gemeint sein soll, dafür gibt es kein Anzeichen in dem Text, zumal dann doch wohl die „Freundschaft“ irgendwie negativ qualifiziert worden wäre, etwa als eine „falsche“. Auch hilft der dortige Verweis auf die Alternative von Gott oder dem Mammon dienen (Mt 6,24) nicht viel weiter, denn warum sollte die „Freundschaft mit der Welt“ ein Leben im Mammondienst meinen?

Die Welt, die hat doch Gott geschaffen, wie kann da die Liebe zu dem von Gott Erschaffenem eine Feinschaft wider Gott bedeuten? Sollten wir dann doch nicht mit Luther diesen Brief als un- wenn nicht gar antievangelisch abqualifizieren?Vielleicht hilft uns aber die Vulgataübersetzung: „dieser Welt“ weiter, die vom griechischen Text möglich wäre. „Diese Welt“, das wäre dann die Welt, so wie sie nach dem Sündenfall geworden ist, und die Gott beseitigen will, weil er eine neue Erde und einen neuen Himmel uns verheißt. Das, was Gott zum Untergang bestimmt hat, sollte dann der Christ nicht lieben sondern die zukünftige neue Welt mit ihrer neuen Erde und ihrem neuen Himmel.

Skandalös bleibt diese Aussage trotzdem, aber vielleicht ist er gerade deshalb auch eine wahre Aussage dieses Briefes, daß so der Gläubige aus seiner Verhaftung in diese Welt hinausgerufen werden soll, daß ihm diese jetzige Welt nicht seine Heimat ist. J. Gaarder erfaßt in seinem Roman: „Sofies Welt“ das platonische Anliegen so: „Auf den Fittichen der Liebe möchte die Seele >heim< in die Ideenwelt fliegen. Sie möchte aus dem >Kerker< des Körpers befreit werden“. (Kapitel: Birkely). Wenn nun statt des „Körpers“ „diese Welt“ gelesen würde und statt der „Ideenwelt“ die neue Erde und der neue Himmel, dann könnte verstehbar werden, warum die Freundschaft zu dieser Welt den Aufstieg zu dieser jenseitigen Welt verhindert und so eine Feindschaft wider Gott ist. Statt zu fliegen klebte der Freund dieser Welt an ihr und kann so nicht zu seiner wahren Heimat streben.

Aber trotzdem: Der Jakobusbrief ist nicht nur für Lutheraner eine schwere Kost, der gern gemieden wird, auch und gerade auch weil er die Heilsnotwendigkeit der guten Werke lehrt und nichts weiß von einer bedingungslosen Liebe Gottes allen Menschen gegenüber.

Corollarium

Seit der Parole: Vom Mythos zum Logos produziert der philosophische Diskurs Gottesvorstellungen, die Gott entmythologiesieren sollen, aber den Verdacht evozieren, Gott zum Produkt unseres Wunschdenkens zu machen: Wie hätten wir den gern UNSEREN gott!  

 

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Ein Ausverkauf des christlichen Glaubens

Ein Ausverkauf des christlichen Glaubens


Der Apostelfürst Paulus urteilte: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben,sind wir erbärmlicher als alle anderen Menschen“. (1.Korin-ther 15,19). In der „TAZ“ konnte man nun am 29.11.2023 ein sehr aufschlußreiches Interview mit dem evangelischen „Theologen“ Steffensky lesen, (Theologe Fulbert Steffensky: „Wir müssen nicht die Letzten sein“) dem Ehemannes der allseits bekannt-berüchtigten verstorbenen „Theologin“ Dorothee Sölle,deren Kernanliegen eine radicale Modernisierung des Glaubens war, damit er für die Zeitgenossen wieder zumutbar würde. Der 90 jährige Exehemann sagt nun:

„… ja, sie und die vielen Toten, die vor mir gestorben sind, sie lehren mich, dass man sterben kann. Sie haben es gekonnt, so werde ich es auch können, mehr oder weniger gut. Es muss ja nichts vollkommen gelingen, nicht einmal das Sterben. Ich bin, wie sie, gegen­ die nur scheinbar tröstende Idee vom ewigen Weiterleben. Zur Größe des Menschen gehört es, die eigene Vergänglichkeit anzuerkennen, so sollten wir es auch mit dem Tod halten.“

Klarer und eindeutiger kann ein Nein zur christlichen Verheißung des ewigen Lebens nicht ausgesprochen werden. Der Tod, daß jeder Mensch sterben muß, das muß bejaht werden. Die Hoffnung auf ein ewiges Weiterleben wird dabei als Scheintrost abgetan: Wer wolle den wirklich ewig leben! Ob zu leben wirklich etwas Gutes oder ob nicht viel mehr das Nichtsein dem Sein vorzuziehen sei, diese Frage bildet den Hintergrund dieser Verneinung des ewigen Lebens. Der benutzte Terminus des Weiterlebens signalisiert, daß das Leben, so wie wir Menschen es auf Erden nun mal erleben und erleiden, als nicht ewig lebbar erwünschenswert erscheint.Daß das postmortale ewige Leben nicht einfach die Prolongierung unseres Erdenlebens meint,(wie es sich die „Zeugen Jehovas imaginieren), sondern ein erlöstes Leben verheißt, wird dabei völlig ausgeblendet. Das Leben, wie es nun mal ist, ist nicht erstrebenswert, ewig gelebt zu werden.

Nietzsche formulierte dazu seine Antithese mit dem Postulat der ewigen Wiederkehr des Gleichen: „Lebe jeden Augenblick Deines Lebens so, daß Du ihn ewig wiederholen möchtest“ als seine Strategie der Überwindung einer nihilistischen Lebensverneinung. Nicht ewig leben zu wollen, darin manifestiert sich die Dekadenz unserer Zeit, denn letztlich ist es doch gut, nicht mehr zu leben und deswegen den Tod zu begrüßen.

Wenn es nun kein Leben nach dem Tode gibt, kann dann Jesus jetzt noch leben? Bei modernistischen Theologen wie Frau Sölle findet sich darauf auch die verklausulierte Antwort: Nein. Jesu vorbildliches Leben soll weiterwirken, aber auch für ihn gilt die Endgültigkeit des Todes. Im Protestantismus hat die sogenannte „dialektische Theologie“ Anfang des 20.Jahrhundertes dies präfiguriert durch ihren Kampf wider die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Gaarder bringt das in seinem Buch: „Sofies Welt“ in dem Pauluskapitel so zum Ausdruck: „Aber das Christentum lehrt,daß es im Menschen nichts gibt - zum Beispiel auch keine >Seele<- was von sich aus unsterblich sei.“

Zur Natürlichkeit des Menschen gehöre so seine Sterblichkeit, besser gesagt sein Sterbenmüssen. (Zur Verdeutlichung: Nymphen können eines gewaltsamen Todes sterben, müssen aber nicht sterben, und könnten so auch unbegrenzt leben - so nach der zwölfteiligen finnischen Erfolgsserie: „Nymphs“, mehr als sehenswert) . Gott könne dann zwar aus reiner Gnade den Verstorbenen ein ewiges Leben gewähren, aber das wäre dann eine Zusatzgabe, die nicht zum natürlichen Leben des Menschen gehörte. Ja, dies postmortale Leben wäre genau genommen ein unnatürliches Leben und somit nicht mehr die Vollendung des natürlichen, da der Mensch ohne eine unsterbliche Seele zu sein, von seiner Eigennatur her zum endlichen Leben bestimmt ist. Wer also sein Todwerdensein bejaht, bejaht sein natürliches Leben als ein zum Sterbenmüssen bestimmtes. Die christliche Hoffnung auf das ewige Leben wird damit aufgegeben, aber damit auch die des Reich Gottes, denn kein schon Verstorbener kann daran noch einen Anteil bekommen, selbst wenn sich einmal in der Zukunft ereignen sollte.

 

Samstag, 2. Dezember 2023

Spurensuche zum Niedergang der christlichen Religion: Vergessene Fragen

Spurensuche zum Niedergang der christlichen Religion: Vergessene Fragen


Wer heute noch nach der Relevanz von philosophischen Fragen für das theologische Denken und die Kirche frägt, dem wird sicher geantwortet, daß der philosophische Diskurs für die Kirche völlig irrelevant geworden sei, es sei denn man kritisiert mit Theologen wie Magnus Striet und Saskia Wendel, daß die katholische Theologie immer noch nicht den Aufklärungsphilosophen Kant zu ihrem Fundament erkürt hat.

Als völlig relevanzlos wird dagegen die Kontroverse zwischen der platonischen und der aristotelischen Philosophie angesehen, ob, um es mit J.Garder (Sofies Welt)zu formulieren die Idee des Pferdes vor der Realität des Pferdes oder ein Produkt des Nachdenkens über gesehene Pferde sei.(Vgl dazu: „Aristoteles“ in „Sofies Welt): „Aristoteles zufolge steckt Platon in einem mythischen Weltbild fest,das die Vorstellungen der Menschen mit der wirklichen Welt verwechselt“, deklariert Garder in seinem Aristoteleskapitel: „Keine angeborenen Ideen“. (Auf die Angabe von Seitenzahlen verzichte ich, da dies Buch sehr vielfältig publiziert wurde.) Aristoteles Philosophie führe uns also hinaus aus dem mythischen Denken des Platonismus hin zum modern aufgeklärten.

Ab ovo: Wenn ein Handwerker einen Stuhl fabriziert, hat er zuerst eine Vorstellung von dem Stuhl, die er dann realisiert. Ob die Realisierung ihm gelungen ist, wird er durch einen Vergleich seiner Idee von diesem Stuhle und seiner Verwirklichung beurteilen:Je mehr das Erschaffene der Idee des Zuerschaffenden ähnelt, desto mehr ist das Werk ihm gelungen. Gottes Erschaffung der Welt wird so theologisch in einer Analogie dazu gedacht: Gott realisiert die in ihm ewig existierenden Ideen von der Welt, indem er sie realisiert.Der Vergänglichkeit alles Geschaffenen steht so die Idee des Geschaffenen entgegen, die als solche unvergänglich ist. Wenn Schüler im Rechenunterricht Kreise malen sollen, einmal freihändig und einmal mit Hilfe eines Zirkels, dann entscheidet die Idee des Kreises, welcher der so hervorgebrachten Kreise mehr oder weniger ein gelungener Kreis ist, insofern er der Idee des Kreises mehr oder weniger ähnelt. Die Idee des Kreises ist so der wahre Kreis,alle gezeichneten Kreise sind dagegen nur Kreise,inwieweit sie dieser Idee ähnlich sind.Wer nun eine Vielzahl von verschieden gezeichneten Figuren sieht, wird nur die Figuren als einen Kreis bezeichnen, die der Idee des Kreises hinreichend ähnlich ist.Die Grunddifferenz, die Platon hervorhebt, ist nun die der Ewigkeit der Idee von etwas und der Vergänglichkeit von all seinen Realisierungen als Erscheinungen dieser Idee.

Was passiert nun, wenn diese platonische Ideenlehre reprobiert wird, wie es in „Sofies Welt“ geschieht? Die uns über unsere Sinne und das Nachdenken über sie Zugängliche wird uns das Reale, die Ideen darüber das Sekundäre und Bezweifelbare. Die Ideen Gottes, die durch die Schöpfung realisiert wurden, werden nun fragwürdig und nur das Existierende gilt als gewiß und damit auch Gott selbst als Schöpfer alles Existierenden, das er nach seinen Ideen erschuf. Die von Nietzsche geforderte „Treue zur Erde“ ist so zuallererst die Verneinung der Ideen Gottes, durch die dann alles Gott erschuf. Es existiert nur die Welt, insoweit sie uns sinnlich erfahren denkend zugänglich ist, aber keine zweite himmlische, die als die Ideenwelt dann noch die Norm der Wirklichkeit ist.

Die Frage, was ist realer und ursprünglicher, die Idee von etwas oder das Etwas, über das dann auch noch Gedanken gemacht wird,respondiert die Moderne antiplatonisch in einer solchen Selbstverständlichkeit, daß die Frage schon kaum noch begriffen wird.

Nur dieser Tod des Ideenhimmels präfiguriert auch den Tod Gottes als des Kreators, denn die Wirklichkeit der Welt wird so zum Selbstverständlichen, daß sie ist, wie sie ist. Nur Freunde philosophischen Spekulierens suchen dann noch nach ersten Ursachen jenseits dieser Wirklichkeit. Damit einher geht nun aber auch der Verlust des Normativen, wenn es keine göttlichen Ideen mehr gibt. Ist nur die Welt, existiert nicht mehr die Welt der normativen Ideen, die sind dann nur noch fragwürdige Hervorbringungen des Bedenkens der einzigen Wirklichkeit, der Welt, die uns in indikativischen Aussagen zugänglich ist.Wie sagte Hume doch so treffend: Imperative, was sein soll, sind nicht aus der Welt der Indikative, der Tatsachen derivierbar.

Zusatz:

Ein Zusammenhang existiert zwischen der Vorstellung, daß alles,was ist, durch Gott, der Geist ist,ist und der, daß die Seele als etwas Geistiges die Körperwelt beherrschen kann und soll, daß die Seele als menschlicher Logos das Geschaffene begreifen kann, weil alles aus dem göttlichen Logos ist. Das ist mit dem Begriff des Logozentrismus bezeichnet, oder einfacher dem Primat des Geistes über das Materielle, sodaß auch die Idee von etwas der Realisierung der Idee vorausgeht als die Norm ihrer Exemplifikationen.

 

Montag, 26. Juni 2023

Der Mensch, gehört er sich selbst? - ein Klassiker zum Freiheitsthema

Der Mensch, gehört er sich selbst? - ein Klassiker zum Freiheitsthema Ist es wahr, „daß die Götter unsere Hüter und wir Menschen eine von den Herden der Götter sind.“? So wird deshalb im Phaidon 62a-c über den Freitod geurteilt: „Also auch du würdest gewiß,wenn ein Stück aus deiner Herde sich selbst tötete,ohne daß du angedeutet hättest,daß du wolltest,er solle sterben,diesem zürnen,und wenn du noch eine Strafe wüßtest,es bestrafen.“ Dies platonische Argument ist nun auch das christliche: Weil der Mensch Gottes Eigentum ist, darf er sein Leben nicht freiwillig beenden. Der Begriff des Hüters besagt nun aber noch mehr: Als von den Göttern Behüteter gibt es für den Menschen auch keinen legitimen Grund, sein Leben zu beenden, denn das Leben,was hier dann beendet werden würde, ist ja das behütete. So beeindruckend nun auch dies platonische Argument ist, so ist es doch auch erlaubt, Anfragen zu stellen: Ist der Mensch wirklich ein Eigentum Gottes, wie die Herde das Eigentum des Hirten ist? Einem anderen gehören, heißt ja notwendigerweise: nicht frei zu sein. Die rechtliche Stellung des Menschen wäre so die eines Sklaven, eines Unfreien, der aber darauf vertrauen darf, daß sein Herr ein ihn gut behütender ist. Er kann so all seine Lebenssorgen in die Hände seines Herrn legen als vollkommen gut Behüteter. Aber es darf nun auch eingewandt werden, daß dies eben auch die Lage des Volkes Israel in Ägypten war, denn kaum aus diesem Sklavenhaus befreit murrten sie wider Mose und wider Gott: „Ach wie gut ging es uns doch bei den Fleischtöpfen Ägyptens! Jetzt sind wir zwar frei, aber die Behütung, der wir uns in Ägypten erfreute, die ersehnen wir zurück!“ Gleicht der Mensch in der christlichen Religion nicht eher dem Befreiten aus der ägyptischen Knechtschaft als dem mit Nahrung gut Versorgtem aber Unfreien? Dem freien Menschen gibt Gott Gebote zur Bewahrung seiner menschlichen Freiheit. Das ist wohl etwas anderes, als wenn ein Herr seinem Sklaven gebietet, was er zu tun habe. Doch ist es nicht abzusprechen, daß in der Theologie die Vorstellung von der Freiheit des Menschen nicht auf viel Zustimmung stößt, verbindet sich damit doch ad hoc die Vorstellung des Mißbrauches der Freiheit,sodaß keine Freiheit als etwas Gutes angesehen wird. Dem hl. Ignatius wird dies Gebet zugeschrieben: Nimm hin,o Herr,all meine Freiheit“. Auch wenn ,mir gelang bisher keine Verifikation dieses Gebetes gelang, paßt es doch zu dem Gründer des Jesuitenordens: Alles Unglück kommt von der Freiheit, die nur durch eine strenge Gehorsamsdisziplin entfährdet werden könne. Aber gegen die Betonung der Freiheit könnte nun ergänzend auch eingewandt werden, daß der Mensch als Zoon politicon auch nicht einfach sich allein gehöre, denn er gehöre Gemeinschaften an, denen er verpflichtet ist.Als Glied einer Familie, eines Volkes, einer besonderen Gemeinschaft, etwa der der Kirche, gehöre er auch denen an, die ihm gegenüber zwar auch Verpflichtungen haben, er aber auch immer ihnen gegenüber in der Pflicht steht. Ein Aspekt wurde bis jetzt aber unbeachtet gelassen. Der Freitod ist erlaubt, wenn der Mensch zu der Erkenntnis kommt, daß sein Hüter den selbst wolle. Denken wir an den hl. Maximilian Kolbe: „Tötet mich und verschont dann den Anderen!“ War Kolbe nicht selbst davon überzeugt, als er dies sagte, daß Gott wollte, daß er so handle? Er wollte ja sein Leben lassen, um das eines anderen zu retten. Auch der Sohn Gottes war ja bereit, sein Leben am Kreuze zu opfern, um das von vielen zu retten. Taucht hier denn nun nicht wieder die menschliche Freiheit auf, wenn der Mensch sich frägt: Was will Gott nun von mir? Das „Andeuten“ stellt den Menschen vor eine Aufgabe, daß es nun an ihm liegt, eine Antwort zu finden auf die Frage: Was will Gott jetzt von mir? Der Freitod wäre dann auch für einen Menschen, dessen Herr Gott ist, erlaubt, wenn er zu der Erkenntnis kommt: Jetzt will, erlaubt Gott mir ihn. D Bonhoeffer urteilte in seiner Ethik: Wenn jemand in die Kriegsgefangenschaft gerät und er gefoltert werden soll, um kriegsrelevante Geheimnisse zu offenbaren, dann sei es erlaubt, sich zu töten, um so diesen Verrat, der viele schädigen wird, zu verhindern, wenn er nicht anders den Verrat verhindern kann. In dieser Situation spräche in dem Urteil des Kriegsgefangenen: Ich töte mich jetzt!, Gott zu dem Menschen: „Handle jetzt so! Handeltest Du so nicht, würdest Du nämlich vielen meiner Menschen einen großen Schaden zufügen.“ Zusatz: In Liebesromanen liest man manchmal: "Dich liebe ich, ich gehöre Dir!" Meint dies Gehören nicht etwas anderes als der juristische Begriff des Besitzerseins von?

Sonntag, 4. Juni 2023

Fundamentales: Die vergessene und verdrängte unsichtbare Welt oder siegt der Materialismus`?

Fundamentales: Die vergessene und verdrängte unsichtbare Welt Wir glauben an Gott als Allmächtigen, als den Schöpfer des Himmels und der Erde,“visibilium omnium et invisibilium“.Das Credo der Kirche. Es existiert eine von Gott geschaffene unsichtbare Welt. Also ist damit nicht Gott selbst gemeint, was dann aber? Das philosophische Denken unterscheidet zwischen der uns über unsere Sinne zugänglichen Welt und der rein intelligiblen, die uns nur im Denken zugänglich ist. Damit stehen wir in einem 2 Weltenschema und hören so Nietzsches Kritik über die Erfindung der Hinterwelt, der unsichtbaren, die wir nur erfanden, weil wir die einzig reale nicht ertrugen konnten. Aber eine solche psychologistische Kritik beweist ja noch gar nicht, daß diese Hinterwelt nicht existiere, sie demonstriert doch nur, warum diese Hinterwelt Menschen nützlich ist. Fangen wir einmal ganz einfach an mit der Aussage: „Dies Mädchen ist schön.“ Dieser Satz soll nun erörtert werden: Was muß gelten, wenn diese Aussage wahr ist? „Dies Mädchen“ verweist auf ein Subjekt, von dem etwas ausgesagt wird, Es ist ein Einzeletwas. „Schön“ dagegen ist etwas, was von vielem aussagbar ist: Ein Bild kann schön sein, ein Glas, von vielen x,y,z kann das Schönsein ausgesagt werden. Worauf bezieht sich so das „Schöne“, Es ist eine Universale. Nach Platons Analyse dieses Satzes, wenn er denn wahr ist, bezieht sich „schön“ auf die Idee des Schönen. Dies Mädchen als schönes partizipiert so an der Idee des Schönen. Es ahmt die Idee nach- Mimesis heißt das. Die Teilhabe an der Idee des Schönen macht so dies Mädchen schön. Die Idee nun selbst gehört nicht der sichtbaren Welt an, nur als in ihr Erscheinende ist sie für uns sichtbar. Aber diese Idee ist. Theologisch formuliert: Die Idee des Schönen ist eine von Gott selbst hervorgebrachte Idee. Sie fungiert dann als das Urbild für alles andere schön Erscheinende, indem sie dem so Erscheinenden an sich einen Anteil gibt. In der Welt ist alles relativ: Dies Mädchen kann schöner als ein anderes und weniger schön als ein anderes sein. Ja, man könnte gar urteilen, daß sie schön ist im Vergleich zu einem, aber unschön im Vergleich zu einem anderen Mädchen ist. Es kann von diesem Mädchen gelten, daß sie jetzt schön seiend, alt geworden nicht mehr schön sein wird. Die Idee des Schönen ist dagegen absolut sich gleichbleibend. Sie ist als der Quellgrund alles schön Erscheinenden ewig, während alles schön Erscheinende vergänglich ist. Mit diesen wenigen Gedanken haben wir nun schon das Wesentliche der Unterscheidung und der Beziehung dieser 2 Welten erfaßt, die unsichtbare, nur im Denken zugängliche und die sinnlich erfahrbare. Aber schon wenn wir 3 Äpfel abzählen im Urteil: „Das sind 3 Äpfel“, verbinden wir doch das „sind“ 2 Elemente der sichtbaren Welt mit Elementen der intelligiblen: die Äpfel verbinden wir mit der Zahl 2. Wir verfügen zwar über ein Zeichen für diese Zahl, aber das ist nicht selbst die Zahl. Frügen wir, wo denn diese Zahl ist, müßten wir respondieren, daß sie selbst nicht zur Sinnenwelt gehört und doch existiert sie. Das zeichnet sie aus als ein Element der intelligiblen Welt. Ohne diese Welt der Ideen existierte nun aber für uns die wirkliche der Sinnenwelt nicht: Die Aussage: „Dies Mädchen ist schön“ wie sollte sie wahr sein können ohne daß es die Idee des Schönen gäbe. Somit erschließt sich in einer simplen Betrachtung dieser Aussage die Wahrheit der unsichtbaren Welt der Ideen. Von daher ist es einsichtig, daß die Theologie in der platonischen Philosophie ihr Ähnliches recognizierte und diese Philosophie als die wahre bejahte. Fällt nun dies philosophische Denken fort, dann untergräbt sich die Theologie selbst, weil sie eine denkende Tätigkeit ist, die über das Denken sich Klarheit verschaffen muß und das leistet allein die Philosophie: In ihr bedenkt sich das Denken, inwiefern es wahrheitsfähig ist. Kardinal Ratzinger kann so in dem Kapitel: „Der Primat des Logos“ in seiner „Einführung in das Christentum“ schreiben, daß unser menschliches Denken, wenn es denn ein wahres Denken ist, nur das Nachdenken des Vorgedachten in Gott ist, im Denken wir also an der Ideenwelt Gottes partizipieren. Corollarium 1 Adam und Eva sind so als die Urbilder des Menschseins als Mann und Frau zu begreifen, die als von Gott als zur freien Selbstbestimmung Bestimmten durch ihre Entscheidung, faktisch ihren Sündenfall die menschliche Natur als eine sündige bestimmten: die Erbsündenlehre. Im Sinne Pico della Mirandola erwählte der Urmensch so seine Natur, die erbsündliche als die, wie der Mensch dann in der sinnlich-wirklichen Welt erscheint. Corollarium 2 Kann es die Idee des Schönen geben, wenn es nicht die Idee des Nichtschönen auch gibt? Könnte es nicht so sein, daß um des Seins der Idee des Schönen willen auch die Idee des Nichtschönen gibt, das was Gott nicht wollte aber doch dachte, damit die Idee des Schönen auch in der Sinnenwelt erscheinen kann in ihrer Differenz zum Nichtschönen? Das Mißliche an der platonischen Ideenlehre ist ja, daß das Böse wie das Häßliche nur als etwas defizitär Gutes und Schönes existieren kann, das aber der Realität des Bösen und Häßlichen nicht gerecht wird.

Montag, 29. Mai 2023

Fundamentales - ein Orientierungsversuch

Fundamentales - ein Orientierungsversuch Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen, um aus diesem verzehrenden Perspektivismus herauszukommen, soll nun ein Orientierungsversuch unternommen werden. Zum Ausgangspunkt wähle ich dafür eine mehr als bedenkenswerte Aussage des Philosophen Slavoj Zizek,neben Peter Sloterdijk wohl der anregendste und kreativste Denker der jetzigen Zeit. „Der große Andere ist eine virtuelle Ordnung,die nur durch Subjekte existiert,welche an sie >glauben<;würde allerdings ein Subjekt seinen Glauben an den großen Anderen aufheben, würde es selbst, würde seine >Realitätes gibt nur Tatsachen

Sonntag, 16. April 2023

Die Welt, ein einziges Theater - weitere Nachtgedanken

Die Welt, ein einziges Theater - weitere Nachtgedanken Plotin, wohl der bedeutsamste Platonausleger schreibt: „Und was Mord und Tot-schlag aller Art betrifft...,so soll man es anschauen wie auf den Gerüsten der Schaubühne,es ist alles nur Umstellen der Kulisse und Wechsel der Szene, und dazu gespielte Tränen und Wehklagen (Enneade III,2,15,44f), zitiert nach: Norbert Fischer,Die philosophische Frage nach Gott,1995, S.70f. Paulus schreibt: „Ich glaube nämlich,Gott hat uns Apostel auf den letzten Platz gestellt,wie Todgeweihte,denn wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt,für Engel und Menschen.“ (1.Korinther 4,9) Das Wort: „Schauspiel“wird leicht überlesen, aber dem könnte mehr Gehalt innewohnen, als es anfänglich scheinen mag. Auf den letzten Platz stellen, das könnte als eine Kurzbeschreibung der Tätigkeit eines Regisseurs verstanden werden. Auf der Bühne des Schauspieles treten so die Apostel auf, das wäre dann eine Rolle in dem Schauspiel. Ein Schauspiel verlangt nach Zuschauern, für die eben auf der Bühne gespielt wird: Die Welt und die Menschen,bezeichnet dann Paulus als diese Zuschauer. Das muß doch verwirren, fungiert doch die Welt hier als die Bühne des Schauspieles und die Menschen als die Schauspieler auf der Bühne. In zweifacher Weise existieren so die Menschen hier, einerseits als Rollenspieler auf der Weltbühne und andererseits als die Zuschauer, für die das Schauspiel aufgeführt wird. Von daher ist dann wohl auch für die Engel zu deuten: Auch sie wirken als Gottes Engel auf der Bühne und sie fungieren auch als Zuschauer. Somit werden also die Engel und die Menschen in zweifacher Perspektive hier thematisiert: Als Agierende sind sie die Schauspieler und als Reflektierende sind sie die Zuschauer des Welttheaters. Gott wird dabei vorgestellt als der Theaterregisseur. Plotin reflektiert nun, wie wir Menschen, das Weltgeschehen, isb das Schreckliche,das in ihr sich Ereignende betrachten sollen: Wir sollen die Position des Zuschauers einnehmen, denen die Geschehnisse der Welt Bühnenereignisse sind. Implizit ist damit mitgesetzt, daß der Mensch als Betrachtender, philosophisch Reflektierende sich, die Menschen als Schauspieler des Welttheaters wahrnehmen soll und so in eine Distanz zu sich sich setzen soll.Erst dem so Distanziertem erschlösse sich die Wahrheit der Welt und gerade auch des Bösen in der Welt. Wie beschreibt denn nun Paulus das Leben der Apostel, ihre Rolle auf der Weltbühne? „Bis zur Stunde hungern und dürsten wir, gehen in Lumpen,werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos.“ (1.Kor 4,11) (Von dem her erschließt sich auch, wenn Jesus in seiner großen Gerichtsrede meint, wenn er da von den „Brüdern“ spricht, die da hungrig,durstig und fremd waren: Mt 25,35f) Paulus und Plotin haben also Negatives, menschliches Leiden vor Augen und reflektieren dies theologisch bzw philosophisch in der Begrifflichkeit des Theaters. Der leidende Paulus oder der mitleidende Plotin versetzen sich so in die Rolle von Schauspielzuschauern, um von daher das Leid zu begreifen: Es ist ein Element eines Schauspieles. Der Apostel Paulus kann auch den Regisseur des Theaterstückes benennen, nämlich Gott. Dieser Regisseur garantiert nun, daß das das gespielte Stück kein absurdes Theater ist, daß es etwas sinnvoll Ganzes ist. Als auf der Bühne Agierende bleibt uns der Sinn des Stückes verschlossen, nur in der Reflexion, im Nachdenken kann er sich erschließen, könnten wir das Theaterstück in seiner Gänze überblicken. Darum lebt der Christ im Glauben, das ist im Vertrauen darauf, daß das ganze Stück und seine Rolle darin etwas Sinnvolles und Gutes ist, aber noch nicht im Schauen des Ganzen, das der postmortalen Existenz vorbehalten ist. Aber einen positiven Effekt hat diese Selbstunterscheidung der menschlichen Existenz in das agierende und das reflektierende Leben: Im Denken wird uns das Leben zu einem Schauspiel, sodaß gerade dem Leid in der Welt seine Schrecklichkeit genommen wird. Das könnte auch als etwas Fragwürdiges kritisiert werden, daß so dem Leben der letzte Ernst genommen wird. Dem steht aber entgegen,daß weder für Plotin noch für Paulus das irdische Leben wirklich das wahre ist, denn letztlich ist für beide nur Gott das wahre und das wahre menschliche Leben nur der Aufstieg zu Gott.Die Welt gewährt nur ein Nachtleben, aus dem es gilt, zum Licht emporzusteigen.

Freitag, 23. Dezember 2022

Weihnachten ohne den Weihnachtsmann - christlich geboten?

Weihnachten ohne den Weihnachtsmann – christlich geboten? In Zeiten der Laxheit, in der selbst die Christen meinen, daß alles erlaubt sein müsse, was gefalle, nur daß in der Kirche noch so altmodisch reaktionäre Verbote gepredigt würden, findet eine rigoristische Verbotsmoral auch immer unter den Gläubigen ihre Verfechter. Im Zentrum des Weihnachtsfestes habe der Mensch gewordene Gott, Jesus Christus in der Krippe zu stehen und somit nicht der neoheidnische Weihnachtsmann, den ja sowieso nur „Coca Cola“ nur zu Konsumzwecken erfunden habe. Ergo dürfe es unter dem Weihnachtsbaum für die Kleinen, schon gar nicht für die Großen die allseits beliebten Schokoladenweihnachtsmänner geben und schon gar keine Erwähnung des Weihnachtsmannes, der den Kindern ihre Weihnachtsgeschenke brächte. Das klingt doch fromm christlich: Dem Schokoladenzeitalter entsagen Ja zum Kinde in der Krippe, der doch so armselig zur Welt kam: Wie unpassend verhielten sich denn dazu die Süßigkeitenberge unter dem Weihnachtsbaum! Und wieso überhaupt einen Weihnachtsbaum, gar einen reichlich dekorierten? Eine kleine Ausschweifung zu einem so gearteten Weihnachtsrigorismus: Der in der Kirche aufgebaute Weihnachtsbaum, nur die Hälfte aller Kerzen brannten in der Hl.Nacht, die anderen blieben ausgestellt. „So viele Menschen gerade auch in Afrika hungern jetzt, während wir hier im reichen Deutschland im Überfluß leben! Wie dürften wir uns da freuen zu Weihnachten, angesichts der hungernden Kinder in Afrika. Solange nur ein Kind Afrikas leidet, darf kein Christ sich freuen! Die nicht angezündeten Kerzen mahnen uns: Wie kannst Du Dich freuen, wenn so viele Mitchristen leiden! So predigte wort- und tongewaltig ein evangelischer Prediger in der Hl. Nacht. Dieser Prediger hätte sicher auch mit Begeisterung alle Weihnachtsmänner aus dem Fenster geworfen um der Reinheit des Weihnachtsfestes willen- und wehe, ein Kind freute sich! Nur, wenn wir nun nachdenken, verbirgt sich hinter der Parole: Jesus statt Weihnachtsmann!, nicht auch so ein reformatorischer Rigorismus: Jesus Christus allein, deshalb keine Marienverehrung, keine Schutzengel, keine Heiligen... Wenn es nun mal die Tradition des Weihnachtsmannes gibt, die auch nicht „Coca Cola“ kreiert hat, sondern nur ihr die bis heute geläufige Gestalt gab, die aber so kindgemäß gestaltet wurde, daß die Firma dafür wirklich ein Lob verdient hat, könnte man, statt zu raisonieren und zu quengeln, nicht daraus etwas Gutchritliches machen? Eines der größten Probleme der Vermittelung der Gehalte der christlichen Religion ist nun eindeutig der Immantismus, daß die Welt ein in sich Abgeschlossenes ist, in dem alles, was in ihr existiert und sich ereignet, aus dieser Welt heraus weltimmanent also erklärbar ist, weil nichts Externes gibt, das in dies in sich verschlossene Universum irgendwie einwirken könnte. Alles ist Welt und profan säkular. Die Religion lebt aber von der Voraussetzung, daß mitten in der Welt Außerweltliches in ihr einwirkt und daß diese Einwirkungen für unser Leben von höchster Bedeutung ist. Werden diese Einwirkungen personalistisch vorgestellt, daß es da übernatürliche Subjekte gibt, die da einwirken und daß wir Menschen mit ihnen kommunizieren können, daß wir auf sie und sie auf uns hören können, haben wir die Fundamente jeder Religion vor unseren Augen. Bei einer nichtpersonalistischen Sichtweise dieser übernatürlichen Einwirkungen erscheinen uns diese Einwirkungen als Auswirkungen übernatürlicher Kräfte, die dann magisch beschworen werden können. Der gemeinsame Grund der magischen wie der religiösen Praxis ist die Wahrnehmung Überirdischem in der Wirklichkeit als für des Menschen äußerst Relevantem. Wo ein personalitisch gedachtes Subjekt als der Urheber solcher Einwirkungen vorgestellt wird, generiert sich die religiöse Praxis als eine Kommunikationspraxis mit diesen Einwirkern: die Praxis des Opferkultes und des Gebetes. Wofür steht nun der Weihnachtsmann? Daß das Kind seine Geschenke von „Oben“, vom „Himmel“ herab bekommt durch den Weihnachtsmann, der mit einem Himmelsschlitten die Geschenke zu den Kindern herabbringt. Diesem Weihnachtsmann kann das Kind gar seine Weihnachtswünsche mitteilen und der erhört sie dann gar! Dieser Vorstellungskomplex durchbricht so in einer kindgemäßen Sprache den Immantismus, daß alles in der Welt nur weltlich ist. Die Weihnachtsmanngestalt kann dann religionspädagogisch gedeutet werden als ein Symbol dafür, daß wir von „Oben“, vom „Himmel“ beschenkt werden. Das dualistische Weltenschema von „Oben“ und „Unten“, von dem „Himmel“ und der „Erde“ liegt dem zugrunde. Gerade dies Schema ermöglicht ja die Vorstellung eines Einwirkens von „Oben“ in die Welt „unten“ und ist philosophisch gut fundiert im Platonismus. Den Weihnachtmann kann das Kind bitten: „Bitte, schenke mir von „Oben“, woher Du dann kommen wirst zu mir...“ Kann so nicht ein Kind kindlich beten lernen? Wo der Mensch sich aber eingemauert in den Immantismus sieht, da kann er nicht mehr beten, da kann es für ihn keine Hilfe mehr von „Oben“, aus dem „Jenseits“ geben. (Vgl dazu einmal den wunderbar gut geschriebenen Roman: „Hilfe aus dem Totenreich“ von Mary Cotten!) Im heutigen Religionsunterricht werden ganz andere Symbole als das des Weihnachtsmannes präferiert: etwa das Brot für die Einführung in die Eucharistie. Aber mit diesem Symbol bleibt der RU im Immantismus stecken, weil kein Weg gefunden wird zum Aufstieg vom irdischen Brot zum Himmelsbrot. Wie schnell verkommt dann die Eucharistie zum bloßen Appell: Brot für die Welt, daß jeder sich satt essen müssen dürfe! Vielleicht könnte so der vom Himmel zu den Kindern herabkommende und sie beschenkende Weihnachtsmann ein gutes Symbol für die christliche Religion sein, in der wir wie die Kinder werden sollen, um das Himmelreich zu empfangen.