„Zur Vielfalt befreit: Offenheit und Toleranz als normativer Anspruch“
Der Moraltheologe Sautermeister hielt diesen Vortrag auf eine Einladung der „Katholischen Akademie Freiburg“ im Jahre 2024 und er ist unter diesem Titel auch leicht im Internet auffindbar. Gleich am Anfang seines Vortrages erklärte dieser Theologe, daß die Normativität von Offenheit und Toleranz nicht (mehr) eigens zu begründen sei, da sie sich selbstverständlich aus der christlichen Religion, der Theologie und isb der Moral- und Soziallehre ergäbe. So sei nur noch die Frage, was uns behindere, diesem normativen Anspruch zu genügen, zu erörtern! Er lieferte dann einen politisch korrekten Vortrag, der nicht erörterungsbedürftig ist.
Statt nun gleich auf einer theoretisch abstrakten Ebene diesen normativen Anspruch zu kritisieren,möchte ich ein paar einfache Anschauungsbeispiele vorführen, die diesen normativen Anspruch zweifelhaft erscheinen lassen.
Ist eine Ehefrau verpflichtet, die Seitensprünge ihres Mannes zu tolerieren und offen zu sein für ein Eheverständnis, das ein Recht auf ein Fremdgehen inkludiert? Müßte dann nicht auch unterschieden werden, ob eine Frau prinzipiell es toleriert, wenn ein Mann so ein liberales Eheverständnis bejaht, aber es nicht toleriert, wenn ihr Ehemann das dann so praktiziert? Gibt es so eine Differenz zwischen etwas prinzipiell Tolerierbaren, daß aber dann von einer bestimmten Person als für sie nicht mehr tolerierbar markiert wird?
Was würde wohl die Hörerschaft dieses Vortrages sagen, erklärte ein Familienvater,daß er die Prügelstrafe für ein adäquates Mittel seiner Kindererziehung erachtet und eine Tolerierung einfordert von den Verneinern dieser Strafpädagogik?
Spätestens hier wird klar, daß es einer Unterscheidung bedarf einerseits zwischen bestimmten Personen nicht Tolerierbarem, etwa, daß ein Gast in seiner Wohnung raucht,obzwar der Einlader ein strikter Nichtraucher ist und Handlungen, die prinzipiell nicht tolerierbar sind, etwa die Prügelstrafe für Kinder. Ganz auf die Unterscheidung von Tolerierbarem und Untolerierbarem zu verzichten, ist auf jeden Fall mit dem Gebot der Nächstenliebe unvereinbar!
Es gibt Bereiche, in denen klar gewußt wird, was wahr und was unwahr ist. Im Rechenunterricht wird so die Antwort „13 „oder „11“ nicht als Antwort auf die Lehrerfrage: „Was ist 5 plus 7?“ toleriert. Nur in den Bereichen, in denen nicht eine wahre Aussage von einer falschen unterscheidbar ist, kann berechtigt Toleranz und Offenheit praktiziert werden. So ist weder die Existenz noch die Nichtexistenz von von Nichtirdischen geflogener UFOs beweisbar und so ist sowohl der Glaube wie auch der Unglaube an UFOs zu tolerieren.
Wie steht es nun aber, wenn die kirchliche Morallehre bestimmte Handlungen als unmoralisch und als nicht tolerierbar beurteilt? Hier herrscht weitestgehend die Meinung vor, daß das nur eine Kirchenmeinung sei, die man bejahen oder auch verneinen könne. Im Bereich der Religionen und Weltanschauungen gäbe es keine Kriteriologie des Unterscheidenkönnens von wahr und falsch, sodaß jede Religion und jede Weltanschauung zu tolerieren sei. Damit muß sich jeder Gläubige, jeder Anhänger einer Religion und Weltanschauung sich zerspalten in ein gläubiges Subjekt, das ist eine, das seine Religion für wahr hält und in ein Subjekt innerhalb der pluralistisch strukturierten Gesellschaft, die jede Religion und Weltanschauung als gleich wahr anerkennt. Das heißt faktisch, daß er seinen Glauben für gleichgültig erklärt. Mit Slavoj Zizek gesagt: Für ihn ist seine Religion ein Kulturgut, das er praktiziert, ohne an sie selbst noch zu glauben.
Die Alternative wäre der Kampf aller Religionen und Weltanschauungen widereinander, da keine, nicht nur nach dem Urteil Max Webers ihren Wahrheitsgehalt verifizieren könne. Die Postmoderne offeriert dazu das Konzept der Vergleichgültigung aller Wahrheitsansprüche, die dann aber jeden Glauben an eine erkannte, weil gar offenbarte Wahrheit ausschließt und so als nicht tolerierbar reprobiert.
Nun ist der Diskurs des Unterscheidens von dem Tolerierbarem und dem Nichttolerierbarem kein herrschaftsfreier Diskurs im Sinne J. Habermas, sondern ein durch den Willen zur Macht (Nietzsche) geformter. Wer die Macht innehat, bestimmt, was wahr und unwahr, was tolerierbar und was untolerierbar ist. Die politische Korrektheit und der Kampf gegen Rechts zeigen, wie die Macht das Sag- und Nichtmehrsagbare definiert. So ist es jetzt unvorstellbar geworden, daß an einer österreichischen oder deutschen Universität ein Vortrag stattfinden könnte, in der der Vortragende die Lehre der Kirche in der Causa der Homosexualität bejahend vortragen könnte: Er würde einfach niedergebrüllt. Das Faustrecht ersetzt den Wahrheitsdiskurs. Das Verbietenwollen nichtkonformistischer politischer Meinungen gehört heute eben zu den Selbstverständlichkeiten des politischen Diskurses.
Es müßten also diese Unterscheidungen in dieser Causa getroffen werden: Erstens müssen die Räume unterschieden werden, in denen wahre von unwahren Aussagen unterschieden werden können,(etwa die Mathematik) von denen, in denen solche Unterscheidungen nicht treffbar sind, dazu zählt heute die Welt der Religionen und die der Weltanschauungen.
Dann müßte in den Privaträumen unterschieden werden, was zwar prinzipiell tolerierbar aber nicht für jeden tolerierbar ist.
Im politischen Raum dagegen gilt es, den Machtkampf wahrzunehmen, daß hier ausgekämpft wird, was als wahr und was als unwahr und nicht mehr tolerierbar festgesetzt wird. Seit dem Ende des Real existierenden Sozialismus 1989f behauptet sich der Liberalismus als einzig wahre Ideologie, die nun aber im Islamismus und noch mehr in der „Rechten“ ihren zu bekämpfenden Feind sieht. Der „Feind“ (Carl Schmitt) ist der Nichttolerierbare- der Liberalismus hat eben dazu gelernt. Die Kirche macht sich diese Feinderklärung mustergültig zu eigen: Wer und was ist auszugrenzen aus dem Diskurs, wer und was ist intolerabel!
Corollarium
Im Alten Testament wird die Beziehung Gottes zu dem Volke Israel als ein Ehebund gedacht: Jedes Fremdgehen wird als die Sünde Israels qualiiziert.Von einer Tolerierung solcher Ehebrüche ist keine Spur erkennbar. Seit dem sich der Monotheismus in Israel durchsetzte, im babylonischen Exil werden alle Religionen als Götzenverehrung verurteilt, nur die Jahwereligion ist wahr. Eine Toleranz oder Offenheit anderen Religionen gegenüber ist hier unvorstellbar.
Im Neuen Testament: Jesus Christus bezeichnet sich selbst als die einzige Wahrheit. Den Juden, die ihn nicht als den Sohn Gottes und ihren Messias anerkennen,wirft er ihren Unglauben vor, nirgends wird das jüdische Nein zu ihm toleriert! Der Apostelfürst Paulus polemisiert gegen seine christlich-gnostischen Kritiker in den 2 Korintherbriefen: Von einer Toleranz ist da nichts spürbar, obschon es ein innerchristlicher Konflikt über die Weise der Vorstellung über das ewigen Lebens war. Die heidnischen Religionen werden stets nur negativ beurteilt, ja ihren Anhängern droht gar die ewige Verdamnis, wenn sie sich nicht zu Christus bekehren. Ist das tolerant?
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