Hängt das Wohl des Staates von der Religion ab?Oder ist die Religion nur eine Privatsache?
Papst Leo 13. sagte dazu: „Von der Religion, durch die Gott verehrt wird,hängt das Wohl des Staates ab“ (Immortalis Dei Nr.31),1 Die spontane Reaktion auf diese These dürfte wohl lauten, daß das „Wohl des Staates“ ganz gewiß von vielem abhängig sei, aber gewiß nicht von der Religion. Darüber hinaus sei der Staat doch selbst nur ein Mittel zur Beförderung des Wohlergehens der Bürger der zu einem Staate sich zusammengeschlossen habenden Bürgerschaft. Ob zum Wohle des einzelnen Bürgers eine Religion gehöre,das sei nun doch eine rein private Ermessensfrage.
Die Religion gehöre so aber nicht in den Bereich des Staatsbürgers sondern in den des Privatmenschen, denn die Religion sei ja eine Privatangelegenheit abseits des öffentlichen politischen Diskurses.
Friedrich Romig vertritt nun die These, daß die Kultur „aus der Gottesliebe und der Liebe zum Nächsten“ entstünde, „die wiederum in der Gottesliebe begründet ist.“2 Unklar bleibt nun die Verhältnisbestimmung der Kultur zu dem Staate. Die Kultur als das Wie des Umgehens mit Gott und den Menschen untereinander soll so wohl für das Wohl des Staates eine wesentliche Bedeutung haben. Der Staat scheint dann hier das Gemeinschaftsleben zu meinen.
Nun könnte man diese These so verstehen, als wenn eine Kultur der wechselseitigen Liebe aller Bürger zu allen der Garant für das Wohlergehen aller Staatsbürger sei. Der Grund, oder die Motivation zu so einer wechselseitigen Liebe wäre dann der Glaube an Gottes jeden Bürger geltende Liebe.
Aber so verkürzte man diese These, denn hier meint ja die Gottesliebe die menschliche Liebe zu Gott und darauf die der Menschen zu ihren Mitmenschen. Die Liebe zu Gott ist die Weise seine Verehrung. Ob und wie Gott verehrt wird, habe so eine wesentliche Bedeutung für das Wohl des Staates und somit für das Wohlergehen jedes seiner Staatsbürger. Nicht meint somit diese These, daß nur die Weise des Miteinanders der Bürger für das Gemeinwohl eine konstitutive Bedeutung habe sondern die Frage, ob und wie Gott verehrt wird.
Um diese These zu verstehen, muß man sich einer zentralen religiösen Vorstellung annähern, die der Moderne völlig abhanden gekommen ist, daß es nämlich Gott selbst nicht gleichgültig ist,ob und wie er öffentlich verehrt wird.Das Wohlergehen des Staates hängt nämlich wesentlich von dem Wohlwollen Gottes ab, ob er der staatlichen Gemeinschaft wohlwollend oder zürnend gegenübersteht.
Wenn Kaiser Konstantin die Kirche förderte, dann tat er das nicht als eine Privatperson sondern in seiner Rolle als römischer Kaiser,als eine Amtsperson zu deren Berufspflichten die Sorge um die rechte Gottesverehrung gehört, denn nur wenn die Götter Rom wohlgesonnen sind, kann es Rom gut gehen.
Gott ist eben der Geber aller guten Gaben, aber er gewährt seine guten Gaben nicht einer Gemeinschaft, in der er nicht angemessen gemeinsam verehrt wird.
Gemeint ist somit mit der These„Von der Religion, durch die Gott verehrt wird,hängt das Wohl des Staates ab“ nicht, daß jeder Bürger die Tugend der Nächstenliebe praktizierend das Wohlergehen der Gemeinschaft des Staates hervorbringt und daß der Glaube an Gott dann zu dieser Bürgertugend motiviere. In erster Linie hängt das Wohlergehen der Gemeinschaft von der rechten Gottesverehrung selbst ab, denn wie sollte Gott einer Gemeinschaft von Bürgern Gutes gewähren, wenn sie ihn nicht verehren.
In der Moderne ist man fest davon überzeugt, daß es Gott gleichgültig sei, ob und wie er öffentlich verehrt wird. Wenn dann hat das Wie der Gottesverehrung nur eine Bedeutung für den Privatmenschen, für sein rein subjektives Sichwohlfühlen. Höchstens könnte noch konzediert werden, daß eine Religion mit ihrer Morallehre für die in einer Gesellschaft zu praktizierende Sittlichkeit eine Rolle spielen könnte. Aber auf das Wohlergehen einer Gemeinschaft, des Staates habe Gott keinen Einfluß: Aus der Geschichte und der Politik halte sich Gott eben heraus. Er interessiere sich halt nur für unser Privatleben.
Die ganze Geschichte des Volkes Israels in der Bibel zeigt uns nun überdeutlich, daß das Wohlergehen des jüdischen Volkes davon abhängt, daß Gott von seinem Volke in rechter Weise verehrt wird und daß Gott ihm zürnt, verläßt es seinen Gott. Das gilt so aber nicht nur für das jüdische Volk, denn Gott will nun durch Jesus Christus der Gott aller Völker sein.
1Zitiert nach:Friedrich Romig, Die Rcchte der Nation, 2002, S.111.
2A.a.O. S.111.
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