"Früher durften wir am 1.Mai nicht gegen die Massenarbeitslosigkeit, explodierende Lebensmittelpreise, Wuchermieten, daß alles immer teurer wird und unser Geldbeutel an chronischer Schwindsucht leidet, aber jetzt nach der Wende 1989 dürfen wir all dies." Ein "Ostalgiewitz",dem man leicht den Vorwurf machen kann, die Errungenschaften der friedlichen Revolution in Ostdeutschland völlig zu ignorieren.
Jesus Christus belehrte seine Schüler so über eine wesentliche Differenz zwischen dem staatlichen Regieren und wie das Leben in der Kirche, in seiner zu sein habe: "Ihr wißt,daß die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigeen ihnen Gewalt antuen. So soll es nicht unter Euch sein,sondern wer unter Euch der Erste sein will,der sei Euer Knecht." Mt 20,26f. Soll das nun heißen: So wird eben regiert, das ist halt so, nur in der Kirche dürfe das nicht so sein? Entlastet diese Jesusaussage die Regierenden, daß das regierte Volk halt vom Staate nicht viel Gutes zu erwarten habe? Oder soll das nur zeitbedingt gelten, daß halt zwar zu Jesu Lebzeiten so regiert wurde, daß es aber auch anders sein könnte.
Im liberal- conservativen Diskurs wird einerseits die Gehorsamspflicht, um es mal lutheranisierend zu formulieren, der Obrigkeit gegenüber betont, andererseits aber ganz liberal von zu hohen Fürsorgean-sprüchen des Volkes dem Staate gegenüber gewarnt. Als Bürger habe man zuerst für sich selbst zu sorgen und nur in Notfällen eine staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen: Je weniger Staat, desto mehr Freiheit, je freier staatlich nicht reglementiert die Wirtschaft agieren könne,desto mehr Wohlstand für alle Bürger!
Aber in der christlichen Religion ist auch eine ganz andere Tradition lebendig, die des "guten Hirten". Ursprünglich war das eine Königsideologie, eine zweigesichtige: Der König sagt: "Weil ich Euch wie ein guter Hirte regiere, habt Ihr mir zu gehorchen! und das Volk sagt: "Weil Du unser König bist, hast Du uns gut zu regieren!" Diese Vorstellung von dem "guten Hirten" wird nun auf Gott bzw Jesus Christus übertragen, aber damit hört diese Vorstellung nicht auf, auch das Idealbild guten staatlichen Regierens zu sein. Jesus stellt so mit seiner Äußerung über das staatliche Regieren fest, daß nicht so regiert wird, wie es nach dem Willen Gottes zu sein hätte, den Gott selbst hat die Ordnung des Staates als die eines politisch regierenden "guten Hirten"eingesetzt. Es soll regiert werden, aber zum Wohle des regierten Volkes und das darf so auch anspruchsvoll den Regierenden entgegentreten.
Der Staat setzt die Ordnung der Volkswirtschaft, damit dann in ihr die Akteure der Wirtschaft in dieser Ordnung wirken können. Das ist nicht unähnlich dem Regelsystem des Schachspieles, das erst den Spielern Spielzüge individueller, also freier Art ermöglicht. Ohne dies Regelsystem wären Spielzüge von Nichtspielzügen ununterscheidbar und so ein sinnvolles Agieren unmöglich.
Darf denn nun der Staatsbürger auch eigene Ansprüche an die Ordnung der Volkswirtschaft erheben? Ist eine Wirtschaftsordnung eine gute, die 3 Millionen Arbeitslose zuläßt, eine in der circa 1,6 Millionen auf Armenspeisungen angewiesen sind? Das kann man wohl nicht mehr einfach als eine Folge individuellen Fehlverhaltens verurteilen? Es bedarf gar nicht eines philosophisch-politischen Gerechtigkeitsdiskurses, um zu urteilen, daß die elementarste Aufgabe jedes Staates die Lebenser-haltung des ihm anvertrauten Staates ist. Wenn Jahr für Jahr mehr Staatsbürger sterben als geboren werden, dann ist hier von einem Versagen der Staatspolitik zu reden. Der Staat darf die Frage des Überlebens des ihm anvertrauten Volkes nicht den Privatmenschen allein zuschreiben, statt eine Rahmenordnung zu setzen, die das Überleben des Volkes ermöglicht.
Ein Volk kann also auch zuwenig vom Staate verlangen, zu geringe Ansprüche an die Regierenden stellen. Wenn mein Auto defekt ist, bringe ich in eine Autowerkstatt in der Erwartung, daß dort Fachkräfte es reparieren können und werden. Früge mich nun ein KFZ-Mechaniker: "Wie soll ich denn ihr Auto wieder in Ordnung bringen?" antwortete ich zu recht: "Das weiß ich nicht. Sie sind die Fachkraft, reparieren Sie mein Auto, sodaß ich wieder mit ihm fahren kann!" So darf auch jeder Staatsbürger seiner Regierung entgegentreten.
Jesu Aussage über die schlechte Qualität des staatlichen Regierens darf also nicht zu einer Exculpation der Regierenden vernutzt werden,sondern es muß darauf insistiert werden, daß die Völker ein Recht darauf haben, vom Staat wie von einem "guten Hirten" regiert zu werden.Die Ostdeutschen zeichnen sich anscheinend gegenüber den Westdeutschen aus, daß sie nicht so bescheiden sind gegenüber dem Staat wie die "Wessis".
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