Ist die Anpassung an die Welt die höchste Tugend der Kirche und ihre Widerständigkeit ihr größter Fehler?
Im theologischen Diskurs hat sich nun der Begriff des „Integralismus“ eingeheimatet als eine diffamierende Bezeichnung der kritischen Haltung der Kirche der modernen Welt gegenüber in zwei Richtungen, a) der Kritik des Antimodernismus der Kirche bis zum 2.Vaticanum und b) als die Kritik einer Neubelebung dieser kritischen Haltung in der nachkonziliaren Kirche aus Kreisen, die die durch das 2.Vaticanum vollzogene Einpassung in die moderne Welt kritisieren. Die einzig legitime Stellungnahme der Kirche sei dagegen die der Einpassung. Die moderne Welt wird dabei als die verstanden, wie sie sich in der Französischen Revolution konstituierte.
Der pastoraltheologisch orientierte Artikel: „Der Integralismus. Wie es dazu kam und was er wollte“ der Internetseite „Feinschwarz“ offeriert eine gediegene Einführung in diese Apologetik der Bejahung der modernen Welt,politisch korrekt, wie es für diese Internetseite eine Selbstverständlichkeit ist.1
So wird die Moderne dort charakterisiert: „Denn Politik umfasst seit der Französischen Revolution nicht nur Taktik und Strategie des täglichen Interessenskampfes, sondern auch die Definition der Organisationsprinzipien des Staates und der Gesellschaft selbst. Das aber war nun wirklich neu. Politik war nicht mehr nur die Verwaltung einer vorgegebenen Ordnung, sondern grundlegende Definition und Gestaltung dieser Ordnung selbst.
Indem die Idee der Menschenrechte an jene legitimatorische Stelle trat, die zuvor die Kirche und der von ihr kontrollierte theologische Diskurs besetzt hatten, stürzte nicht nur das derart legitimierte ancien régime, sondern verlor umgekehrt auch die Kirche ihre Funktion als Legitimationsressource.“
Die Kirche legitimiert sich dadurch, daß sie für die jeweilige Gesellschaftsordnung eine, oder die Legitimierungsfunktion erfüllt. Durch die Französische Revolution verlor sie diese ihre Funktion, da die sich jetzt auf das Fundament der Vernunft neu auferbaut und die in der Vorstellung der Menschenrechte und der Menschenwürde ihre Manifestation findet, die Kirche in ihrer Legitimationsfunktion überflüssig mache. Der Fehler der Kirche sei es nun gewesen, die Fundamente der Moderne zu kritisieren, ja sie abzulehnen, statt sich der Moderne einzupassen.
Aber dieser Antimodernismus ist gescheitert und müsse scheitern, da der Primat der Kirche,besser gesagt, der Gottes, dessen Wille in der Kirche offenbar ist, nur mit Gewalt durchsetzbar wäre. Die moderne Gesellschaft konstituiere sich eben durch ihre Fundierung in der Vernunft und das schlösse die Emanzipation von der Religion, auch oder isb der christlichen ein. Die „Idee der Menschenrechte“ legitimiere ja nun auch und gerade die Politik in der Moderne. Es muß jetzt im Sinne Carl Schmitts ergänzt werden, daß nicht mehr der Atheist sondern der Mißachter der Menschenrechte nun als der Feind gilt,den es zu bekämpfen gilt – aktuell Rußland, China,der Iran, Venezuela,Kuba und und …
Aber diesem pastoraltheologisch orientierten Artikel wohnt noch eine grundlegendere These zugrunde,die da nur angedeutet wird: Gemäß des ersten Prinzips des Marketings und damit auch der Pastoraltheologie: „Der König ist Kunde“ gilt der Staat mit seinen Legitimationsbedürfnissen auch als ein bedeutsamer Kunde der Kirche: Sie habe ihre Legitimationsfunktion früher erfüllt und so sich selbst legitimiert, sodaß es auf der Hand liegt, daß sie auch für den modernen Staat eine Legitimationsfunktion übernehmen könnte. Dieser weitergehende aber sich ad hoc aufdränende Gedanke wird nun aber in diesem Artikel nicht entfaltet, seine gravierende Scwäche.
Klaus Kunze, der Verfasser der Broschüre: „Wie der Mensch sein eigener Gott wurde. Humanitarismus- die Religion der Gottlosen“2 versteht das Verhältnis der christlichen Religion zu diesem Humanitarismus als ein antithetisches. Der Humanitarismus wäre eine Religion ohne Gott: „>Der Mensch<bildet den Dreh- und Angelpunkt einer neuen inoffizielen Staatsreligion unserer Tage. Als höchstes Wesen trat er seit der Renaissance an die Stelle Gottes“.3 „Der Humanitarismus ist zur neuen Religion geworden und hat strenge Gebote.“4
Nun ist aber sowohl Klaus Kunze als auch dem Marketingtheologe des Feinschwarzartikels entgangen, daß die Theologie und nun auch die Kirche diesen Humanitarismus in sich selbst zu integrieren versuchen könnte, um wieder auch für die Moderne eine Legitimationsfunktion erfüllen zu können. Die dazu konzipierte Theologie besticht durch ihre Schlichtheit: Gott sei als der Schöpfer des Menschen, den er als sein Geschöpf bejahe der Grund für den Humanitarismus, des Glaubens an die Menschenwürde und die Menschenrechte.Dem Humanitarismus wird so eine Legitimationsformel angeboten,die er sich als einer kontingenten Letztbegründung bedienen könnte, wenn er nicht allein auf die Evidenz des Glaubens an die Menschenwürde setzen will. Kontingent bedeutet hier, daß sie nicht notwendig ist, aber eine sinnvolle Ergänzung, zumal diese Konstruktion von allen monotheistischen Religionen übernommen werden kann.
Der Kirche ermöglicht nun diese theologische Konstruktion, die sich von der christlichen Religion emanzipierende Moderne zu bejahen, indem sie den praktizierten Humanitarismus bejaht und als ihre ureigenste Praxis darstellt. Die Aufgabe der Kirche sei der praktizierte Humanitarismus,den sie innerkirchlich mit dem Glauben an den alle Menschen liebenden Gott motiviert. Angesichts der Krise der Ideologie der Menschenrechte, man kann sich kurz und bündig darüber in Alain de Benoist : „Kritik der Menschenrechte“ informieren, ist es auch nicht unplausibel, dem politischen Diskurs, dessen Fundament diese Ideologie bildet,mit dieser theologischen Konstruktion zur Hilfe zu kommen. Dann kann die Kirche wieder „ihre Funktion als Legitimationsressource“ 5 erfüllen.
Das paßt auch wunderbar zur pastoraltheologischen Ausrichtung als Dienst an dem Kunden Staat! Die Kirche wird so wieder systemrelevant,isb durch ihren vorbildlichen Kampf gegen Rechts, das ist allen Nichtmenschenrechtsgläubigen bzw gegen diesen Glaubensartikel Verstoßende.
1Feinschwarz, Integralismus, 7Jänner 2026.
2Klaus Kunze, 2022.
3Klaus Kunze a.a.O. S.7.
4Klaus Kunze a.a.O. S.6.
5Feinschwarz, Integralismus, 7Jänner 2026.
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