Montag, 12. Januar 2026

Hat Papst Franziskus etwa den Philosophen der Postmoderne, Lyotard gelesen? Seine Fundamentalismuskritik!

 

Hat Papst Franziskus etwa den Philosophen der Postmoderne, Lyotard gelesen? Seine Fundamentalismuskritik!


Diese Frage wird selbstverständlich jeder,der diesen Papst auch nur ein wenig kennt ,ohne Zweifel mit einem „Nein“ beantworten und auch seinen Redenschreibern wird es gewiß nicht einfallen,diesen manchmal recht hemdsärmelig Daherredenden mit einem so außerordentlichen Philosophen in irgendeine Beziehung zu setzen außer der der völligen Ignoranz.

Nur querdenkerisch Veranlagte sehen Verbindungen, die es nicht geben kann. In einem Interviev des Papstes:: „Ich habe kein persönliches Projekt unterm Arm, sondern führe aus, was wir Kardinäle überlegt haben“1 erwiderte der Papst auf die Anfrage, daß doch im Namen Gottes die Gewalt im Nahen Osten praktiziert wird: Das ist ein Widerspruch. Gewalt im Namen Gottes passt nicht in unsere Zeit. Das ist etwas Altes. Aus historischer Perspektive muss man einräumen, dass wir Christen sie zeitweise praktiziert haben. Wenn ich an den Dreißigjährigen Krieg denke, dann war das Gewalt im Namen Gottes. Heute ist das kaum vorstellbar, nicht wahr? Wir kommen manchmal aus religiösen Gründen zu sehr ernsten, sehr schwerwiegenden Widersprüchen. Fundamentalismus, zum Beispiel. Wir drei Religionen haben jeweils unsere fundamentalistischen Gruppen, klein im Verhältnis zum ganzenRest.“

Die Aussage, daß die „Gewalt im Namen Gottes“ nicht in unsere Zeit passe, ist nun mehr als seltsam: Soll das etwa heißen, daß Gott früher, vor unserer Zeit eine Gewaltanwendung in seinem Namen bejaht habe, nun aber es sich anders überlegt hätte und das nun reprobiere? Oder soll das heißen, daß früher die Kirche Gottes Willen mißgedeutet hätte und daß die Kirche nun diesen Irrtum eingedehen hätte? Pauus predigt den Juden, was alles Gott Gutes für sein Volk Israel getan hat. Da sagt er dann: „Sieben Völker hat Gott im Lande Kanaan vernichtet und ihr Land den Isreaeliten zum Besitz gegeben.“ (Apg 13,19) Das „und“ ist hier als ein: „um zu“ zu lesen. War das nicht eindeutig eine extreme Gewaltausübung im Namen Gottes? Gott hat ja nicht unmittelbar selbst die sieben Völker vernichtet sondern hat das Volk Israel dazu befähigt, diese Völker auszurotten.

Entweder müßte nun im Sinne des Papstes geurteilt werden, daß Gott halt seine Meinung geändert hätte, wie es bei Politikern usus ist und jetzt wolle er keine Gewaltanwendung mehr in seinem Namen oder es müßte geurteilt werden, daß der Apostelfürst Paulus hier Gott falsch verstanden hätte, denn Gott würde niemals so gewaltsam handeln, Nur, was machen wir dann mit der Sintflut, in der Gott die ganze Menscheit bis auf 8 vernichtete?

Also, nur noch Fundamentalisten übten Gewalt im Namen Gottes aus und die gäbe es leider in allen drei Weltreligionen. Damit nimmt der Papst erstmal die islamische Religion aus der Schußlinie: Im Namen des Gottes Mohammed führen ja die Palästinenser ihren Krieg gegen den jüdischen Staat. Das sei kein spezifisch islamisches Phänomen sondern eben eines aller Religionen: „Gläubige aller Religionen, vereint Euch im Kampfe wider jeglichen Fundamentalismus!“ , lautet so die päpstliche Parole des interreligiösen Dialoges.

Aber was zeichnet denn nun den Fundamentalismus, der in allen Religionen als randständig beheimatet ist, aus? Der Papst belehrt „Eine fundamentalistische Gruppe ist gewalttätig, selbst wenn sie niemanden tötet und niemanden schlägt. Die mentale Struktur des Fundamentalismus ist Gewalt im Namen Gottes.“ Wie kommt der Papst nun auf diese Charalterisierung des Fundamentalismus? Seine Intention ist eindeutig: Es gäbe auch einen Fundamentalismus in der Katholiischen Kirche und auch im Protestantismus, damit nicht der Eindruck entsteht, daß das nur ein Problem der anderen Religionen und nicht der christlichen sei. Da im Christentum kein militanter erkennbar ist, konstruiert er eine fundamentalistische Mentalität, die schon gewalttätig sei, auch wenn sie nicht direkt gewalttätig auftritt. (Selbstredend zählt der Papst die Anhänger der „Alten Messe“ auch zu so mentaln Gewalttätern.)

Aber woher stammt nun diese Konstruktion, daß jeder Fundamentalismus schon in sich gewalttätig sei? Hier findet sich nun die Antwort bei dem Philosophen der Postmoderne! „Lyotard asoziiert die Einbildung, im Besitz der Wahrheit zu sein, mit Terror.“2 Das entspricht exakt dem Fundamentalismusverständnis dieses Papstes. Das Gefährliche sei, die „Gewissheit,dass man im Besitz der Wahrheit ist – und dass man das Recht hat, in ihrem Naamen Menschen zu töten.“3 Das ist ein Spezificum des postmodernen Denkens, daß das Wesen des Totalitarismus, des kommunistischen wie des nationalozialistischen in dem Glauben, die Wahrheit erkannt und zu besitzen, besteht. Die Demokratie dagegen fundiere sich in dem Axiom, daß die Wahrheit nicht erkennbar sei, sondern daß es nur eine Pluralität von Meinungen gebe. Das schließe auch die Vorstellung aus, daß die Wahrheit, oder das, was das Gemeinwohl sei, durch eine Offenbarung Gottes erkennbar geworden sei. Das ist eine der Zentralaussagen der Vorlesung: „Grundkurs politische Systeme“ von Professor Patzelt.4

Im theologischen Diskurs auf der „Höhe“ der Postmoderne wird deswegen die durch Gottes Offenbaren erkannte Wahrheit substituiert durch die Vorstellung eines Suchens nach der (noch) nicht erkannten Wahrheit, wobei dann alle Religionen als gleichwertige Suchbewegungen auf- und auch abgewertet werden, denn in keiner sei die Wahrheit als erkannte präsent. Davon zu unterscheiden ist die Diskursregel, jede Religion als gleich wahr anzunehmen, um einen Streit, welche sei wahrer als die andere zu verumöglichen.

Die Erkenntnis der Wahrheit wird dabei als etwas Freiheitsgefährdendes und die Gewaltbereitschaft Förderndes diskreditiert. In der Patzeltvorlesung wird dazu der primäre von dem sekundären Totalitarismus unterschieden, daß zuerst der Besitz der Wahrheit behauptet wird im Namen einer Ideologie, einer Offenbarung Gottes oder eines charismtischen Führers und daß dann als die Reaktion auf die Weigerung, diese Wahrheit anzuerkennen, gewaltsam gegen die „Ungläubigen“ vorgegangen würde.

Wer daraufhin Papst Franziskus Meinung zum Fundamentalismus liest, kann nicht umhin festzustellen, daß der Papst das auch so sieht. Seine liberalistische Auflösung der Theologie speist sich aus dieser Ablehnung von der Idee einer Offenbarung der Wahrheit. Es soll eben keine offenbarten Wahrheiten geben.

Anbei sei hier noch eine besondere Spielart eines so verstandenen Antifundamentalismus angesprochen werden: Die Glaubenslehre der Kirche als ein System von wahren Aussagen, wird auf eine Wahrheit reduziert, und die soll die Person Jesus (mit oder ohne den Christustitel) sein, und diese Person vermittele uns nur eines, die Liebe Gottes zu allen Menschen. Es gäbe so gar keine Glaubenswahrheiten, sondern nur die Praxis dieser Liebe. 

Thomas von Aquins und damit auch das Wahrheitsverständnis der Katholischen Theologie ist dagegen fundamentalistisch: Die Theologie ist "eine wahre Wissenschaft,weil sie von sicher feststehenden Grundwahrheiten (principia), den Offenbarungslehren ausgeht,in einem streng wissenschaftlichenBeweisverfahren neue Erkenntnisse, theologische Folgesätze (conclusiones) daraus ableitet und das Ganze zu einem geschlossenen System vereinigt." Ludwig Ott,Grundriss der Dogmatik, 2005,S.24. 




1 Radio Vatican 13.6,2014

2Catherine Belsey, Poststrukturalismus, 2013,S151.

3A.a.O. S.151.

4Die 14 teilige Vorlesung ist leicht im Internet zu finden und sehr hörenswert.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen