Über die Selbstdestruktion der christlichen Religion oder der Kampf wider die religiöse Praxis
Man kann und ist über, das was eine Religion ausmache sehr verschiedener Ansicht, daß aber das Beten konstitutiv zu jeder Religion ist, ist unbestreitbar.(Ob das auch für funktionale Äquivalente der öffentlichen Religion gilt, soll hier nicht erörtert werden, wobei meine These dazu lautet, daß keine Gesellschaft funktioniert ohne irgendeine öffentliche Religion oder ein Substitut von ihr.)
Nun offeriert das „Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe“, herausgegeben von Peter Eicher, ein gediegenes Kompendium des theologischen Modernismus, auch einen Versuch, das Gebet „theologisch“ zu destruieren,schließlich gilt es ja, die christliche Religion für den aufgeklärten Konsumenten akzeptabel zu gestalten.1 Mit Vehemenz wird dabei die „ehrwürdige“ Kritik des Gebets, anhebend mit dem Aufklärungsphilosophen Kant vorgetragen:
„Viele – vor allem neuzeitliche (beginnend bei Kant)- Gebetskritik konzentriert sich auf diese heikle und auch gefährdete Verbindung: Beten in einer Zeit technisch- rationaler Machbarkeit sei nicht bloß überflüssig geworden,es ziehe den Menschen vom Wesentlichen (der Selbstverwirklichung) weg.“2 Das meint einfach, daß der Betende,statt selbst tätig zu werden auf Gottes Tuen zu seinen Gunsten seine Hoffnung setzt. „entschuldigt ihn für den Mangel an Initiative““3als wäre das Gebet keine „Initiative“, aber warum ist einen Rosenkranz Aufopfern für ...keine Tätigkeit? „und bestärke ihn in feiger Schicksalsergebenheit und schwäche so seinen Einsatz für die anderen“.4 Sein Schicksal anzunehmen, etwas unheilbar erkrankt zu sein, verlangt ein großes Maß an Stärke und was kann ein Christ besseres für seinen Mitmenschen tuen, als ihm der Hilfe Gottes anzuempfehlen?
Diese „ehrwürdigen“ Argumente wider das Gebet sind nun wirklich so dürftig und leicht zu widerlegen, daß man sich nur wundern muß, daß sie hier erwähnt werden! Aber das eigentliche Hauptargument wird danach erst aufgeführt, obzwar das überhaupt erst die Grundlage der gerade vorgetragenen Argumente bildet: Das wahre Gebetsverständnis sei nämlich dieses: „Es ist unnütz.irgendein Eingreifen Gottes (welch deistischer Ausdruck!) in dieser Welt zu erwarten;so als ob für den Menschen zusätzliche Hilfe nötig und für die Welt nachträgliche Korrekturen am Platze wären! Gott muß nicht eingreifen“.5 Hier wird das Argument des Deismus repristiniert, daß Gott einmal die Welt so vollkommen erschaffen hätte, daß ein weiteres Eingreifen von ihm unnötig sei, da es die Perfektheit seiner Schöpfung infrage stellte. (Gern wird das Anliegen des Deismus mit dem Vergleich zu einem Uhrmacher veranschaulicht: Wenn Menschen Uhren herstellen, sind sie immer reparaturbedürftig, ab und zu funktionieren sie halt nicht wohingegen Gott seine Uhr so vollkommen erschuf, daß sie bis in alle Ewigkeit funktionieren wird und so keiner Reparatur bedarf.)
Einfacher gesagt: Gott kann keine Gebete erhören, entweder weil es ihn nicht gibt.das ist die atheistische Gebetskritik oder weil er zwar ist aber nicht in der Welt handeln kann,das ist die modernistische Gebetskritik.Was ereignet sich dann im Gebet? Der Autor stellt nun die These auf: „Der Mensch beginnt zu handeln:nicht anstatt zu beten sondern weil er betet.“ 6 Das (wahre) Gebet, nicht das, das auf ein Handeln Gottes hofft, ist eine Selbstmotivation zum Handeln. Im Gebet erfahre der Betende sein unbedingtes Geliebtsein von Gott. Daraus resultiere das „Selbstwertgefühl“ des Betenden, der so angemessen handeln könne, da er sein Selbstwertgefühl nicht durch sein Tuen erst aufbauen müßte, sondern es ihm schon in dieser Erfahrung seines Geliebtseins ist. Das meint nun nicht, daß weil er betet, so geliebt wird von Gott sondern daß er im Gebet nur erfährt, was im unabhängig von seinem Beten schon immer gilt. Das Gebet verhilft so nicht zu einem bestimmten Tuen sondern stärkt das Selbstbewußtsein des Menschen, der so selbstbewußt in der Welt agieren kann.
Der Glaube, von Gott unbedingt geliebt zu sein, machte so das Gebet völlig überflüssig,wenn nicht dieser Glaube im Gebet immer wieder neu zu erfahren ist,um unser Selbstbewußtsein zu stärken. Selbstbewußte Menschen bräuchten so nicht zu beten, nur an ihrem Selbstwert Zweifelnde!
Hierbei zeigt sich mal wieder, daß der Grund der meisten Häresien eine falsche Gotteslehre ist,daß hier Gottes allmächtige Wirkkraft verleugnet wird: Er könne nicht in der Geschichte einwirken! Handeln könne allein der Mensch, wenn er selbstbewußt ist.
1Der Artikel: „Gebet“ von Hans Schaller,in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, Band 2, 1984 S.26-34.
2A.a.O.S.31.
3A.a.O.S.31.
4A.aO. S.31.
5A.a,O.S.33.
6A.a.O. S.31.
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