Mittwoch, 1. April 2026

Confusionen über das Gebet oder das Verwirrspiel des „Gotteslobes“

 

Confusionen über das Gebet oder das Verwirrspiel des „Gotteslobes“



Gebet hat nicht die Absicht, die Welt aktiv zu verändern. Aber seine verwandelnde Kraft verändert den Menschen.Und solche Menschen werden bereit sein,die Welt nach dem Auftrag des Evangeliums zu verändern“.1 Die so veränderten Menschen sind die gebetet habenden. Nur muß hier doch der Einwand erhoben werden, daß jedes Gebet, das Gott erhört, eine Veränderung in der Welt bewirkt, indem Gott das gibt, um das er gebeten worden ist.

Der „Gotteslobtext“ ist zum größten Teil eine Lamentierei über die Schwierigkeit und Unwilligkeit des modernen Menschen, zu beten. Etwas fremdkörperhaft wird dann aber proklamiert: „Der volle Grund zum Beten ist für uns immer Gott selbst und sein Heilshandeln. Gott ist so, daß er verehrt werden muß, wir sind so,daß wir Gott verehren , anbeten müssen.“2 Das ist die Praxis der Anbetung, aber ist das wirklich eine Unterabteilung des Betens oder nicht viel mehr eine eigenständige Praxis. Auf der nächsten Seite heißt es nun: „Gott braucht mein Gebet nicht“. Wie paßt das denn nun zusammen mit der vorherig zitierten Aussage,daß Gott zu verehren sei, daß die Verehrung zum Gottsein dazugehörig sei? Damit ist wohl gemeint, daß Gott unser Gebet nicht brauche, es aber wolle. Ein gewisser auch der christlichen Religion fremder Anthropozentrismus schleicht sich hier ein.Eine so starke Betonung des Axiomes der völligen Selbstgenügsamkeit Gottes insinuiert,daß Gott selbst alle seine Beziehungen zu anderem als zu sich selbst ihm eigentlich gleichgültig wären.

Beten hieße dann, sich bei und vor Gott ganz aussprechen zu können. Dann heißt es aber: „Im Gebet versuche ich, Gottes Willen zu erfahren und mein Leben daraufhin zu ändern.“ 3 Hierin verbirgt sich eine bestimmte Gebetskritik: Statt zu beten, solle der Mensch selbst anfangen, sich zu bessern und Gutes für die Anderen zu tuen, die mit der Behauptung, daß das Gebet zum Tuen des Guten motiviere, hier repliziert wird.

Die wesentliche Frage, ob denn Gott unser Beten erhören kann und will, verharrt in einer eigentümlichen Ungeklärtheit: So heißt es zwar, daß wir im Bittgebet erbitten, „was wir brauchen, für uns und andere“4, aber ob Gott denn auch unser Bitten erhört, darüber wird nichts ausgesagt. Zu dem Erflehen des Erbarmens Gottes heißt es dann aeber etwas apokryph: Daß Gott uns zeigen könne, „was wir von uns aus nicht sehen können.“5 Somit erkennen wir nur etwas, was uns schon unabhängig von der Erkenntnis gilt, denn das göttliche Erbarmen verändert so gar nicht Gottes Beziehung zu uns. Wir erkennen nur, daß er uns immer barmherzig gegenüber ist.

Dominierend ist aber die Tendenz, daß das Gebet den Betenden positiv verändert und nicht primär an Gott adressiert ist, daß er zu unseren Gunsten sein Verhalten uns gegenüber ändert. Im Hintergrund könnte das Axiom stehen, daß Gott sich gar nicht ändern könne, auch nicht sein Verhalten uns gegenüber, sodaß er gar kein Gebet erhören könne.

Thomas Mann präsentiert uns nun aus dem Munde des „Dr Breisacher“ diese Polemik: „Das Gebet ist die vulgarisiete und rationalistisch verwässerte Spätform von etwas Energischem,Aktiven und Starkem:der magischen Beschwörung,des Gotteszwanges.“6 Völlig falsch ist diese Behauptung nun nicht, denn man könnte sagen, daß die Differenz zwischen einer magischen Beschwörung und dem Gebet genau darin liegt, daß die Magie den Beschwörten zu beherrschen versucht, das Gebet Gott Herr sein läßt über das Gebet, ob er es erhört oder auch nicht, aber vertrauend darauf, daß Gott unser Beten erhören will. Eine Theorie des Gebetes, die es faktisch ausschließt, daß Gott unsere Gebete erhört, ist dann tatsächlich eine „vulgarisierte und rationalistische Spätform“ des Gebetes.

1„Gotteslob“, 1988, S.18.

2A.a.O. S.16.

3A,a.O. S.17.

4A.a. O. S.17.

5A.a.O. S.17.

6Thomas Mann, Doktor Faustus, 28.Kapitel.