Donnerstag, 10. März 2016

Das Ende der großen christlichen Erzählung- ein Paradigmenwechsel

Die christliche Religion fundiert sich in ihrer großen Erzählung, die von Gott, dem Schöpfer, dem Menschen, der im Ursprung sündigte, aus der Gemeinschaft mit Gott herausfiel, als Exilierter in der Welt lebte und Gottes Projekt zur Rückgewinnung des Menschen durch das Erlösungswerk Christi und seiner Vergegenwärtigung durch die Kirche bis zur endgültigen Errichtung des Reich Gottes. In diese Großerzählung zeichnen sich dann die Einzelereignisse ein, daß Jesus Christus die Kirche gründete, daß Sakramente gespendet werden, daß das Evangelium verkündet wird etc...Das Einzelne erhält dabei seine Bedeutung, was es wesenshaft ist, durch seinen Ort in der Gesamterzählung.
Zur Veranschaulichung: Den Ausruf: "Es regnet" verstehe ich erst richtig, wenn ich den Kontext der Aussage mitberücksichtige. So hat diese Aussage eben eine andere Bedeutung, wenn sie die Antwort ist auf die Frage, wie denn das Wetter jetzt da sei, oder wenn es die Antwortreaktion ist auf den Vorschlag, laß uns doch jetzt spazieren gehen. Je komplexer der Kontext ist, desto mehr ist etwas Einzelnes, was ist die Taufe, was bedeutet Sünde, nur begreifbar in und durch seinen Kontext. Das bedeutet aber auch, daß die Einzeldinge ihre Bedeutung verändern, wird der Kontext geändert, die Rahmenerzählung der Religion, in die alles Einzelne eingezeichnet ist. 
Wir müssen in Anlehnung an den Philosophen Lyotard von einem Glaubwürdigkeitsverlust der großen Erzählungen ausgehen. Dafür gibt es viele Gründe. Faktisch ist in der Theologie diese Großerzählung verschwunden. Weder vom Paradies noch vom Reich Gottes ist mehr hauptsächlich die Rede, weder vom Sündenfall noch vom Erlösungswerk Jesu Christi. Statt der großen Erzählung dominiert die Vorstellung von der Begegnung: Heil ereignet sich mir, wenn mir Gottes Liebe begegnet als die mich bedingungslos liebende Liebe. Jesus Chrisus fungiert dabei als die Person, in und durch die sich diese Menschen begegnende Liebe aufs authentischte ereignet hat und ereignet. Gottes Offenbarung ist dann nur noch die göttliche Aussage der Liebe zu allen Menschen. Dieser Kaprizierung auf die Vorstellung der Begegnung korrespondiert die Geschichtslosigkeit dieses Vorstellungsrahmens: Sie kennt nur den Augenblick der personalen Begegnung und dem Leben aus dem Ereignis dieser Begegnung heraus. Für die Theologie ergibt sich daraus die Vorliebe für das Indikativ-Imperativ- Schema. Zur Veranschaulichung: Weil Gott dich liebt, kannst und sollst du dich nun bejahen und deinen Nächsten. Weil Gott....deshab kann und muß der Mensch nun....bildet das Grundschema, das die Erzählung vom Sündenfall und des Menschen Erlösung ersetzt. 
Werden nun in dies Schema etwa die Sakramente eingezeichnet, so können sie nur noch Aktualisierung der Urerfahrung der christlichen Religion sein, daß uns in Jesus die göttliche Liebe begegnet, die zu dir, zu jedem Menschen ihr Ja sagt. 
Ideengeschichtlich setzt dies den Humanismus der Aufklärung voraus mit seinem Glauben an den Menschen als dem höchsten Wert und reflektiert kritisch, daß die humanistische Wertschätzung des Menschen im humanistischen Denken nicht selbst letztbegründet werden kann.Mit Nietzsche könnte man sagen, daß wir, nachdem wir Gott getötet haben, an den Menschen noch so glauben wollen, als lebte Gott noch. Die auf dies Begegnungsschema reduzierte Religion übernimmt nun die Aufgabe der Letztbegründung des Humanismus,um sich dann die Inhalte der Religion vom Humanismus vorschreiben zu lassen: Das Christentum wird zum religiösen Humanitarismus (so Arnold Gehlen) und hört so auf, eine Erlösungseligion zu sein. Der Wille zur Humanisierung der Welt wird so zur Hauptaufgabe der christlichen Religion- nicht mehr die Verkündigung der Erlösung. So ist es auch nur konsequent, daß aus der Mission, (die ursprünglich dem Seelenheil diente) der interreligiöse Dialog wird mit dem Ziel, trotz unterschiedlichem Glaubens gemeinsam am Projekt der Humanisierung der Welt mitzuwirken mit allen Menschen guten Willens. Alle Einzeldinge der alten Großerzählung können nun beibehalten werden, indem sie nun in das neue Schema der Begegnung mit seinem Indikativ- Imperativ- Schema eingeschrieben werden und somit umgedeutet werden. So wird aus der Taufe das Ja Gottes zum Menschen, das allen Menschen gilt und somit auch dem Zutaufenden, aus der Beiche die Feier, daß Gott Ja zu mir sagt, auch wenn ich nicht so lebe, wie ich es sollte und aus dem Kreuz Christi, daß Gott uns so liebt....Es bleibt alles nominell gleich und doch verändert sich alles, weil alles in einen anderen Rahmen eingezeichnet wird, dem der personalen Begegnung.  
Ein solcher Paradigmenwechsel (vgl den Wissenschafstheoretiker Kuhn dazu) ist nun nicht eine Folge eines wissenschaftlichen Fortschrittes (in der Theologie), so wie ja auch Michel Foucault in "Die Ordnung der Dinge" nicht einen Fortschritt für die Veränderung der Ordnung der Dinge als Diskursordnung im Denken ansieht.  Es klingt plausibler, hier eine Erschöpfung eines Paradigmas anzunehmen, daß eben alle Möglichkeiten in einem Paradigma ausgeschöpft worden sind und daß darum das Denken nach einer neuen Ordnung sucht, um das bisher so Begriffene neu zu begreifen. Es ist für die Produktion der Theologie das Problem, daß sich kein Theologe dadurch universitär profilieren kann, wenn er nur das reproduziert, was die Tradition schon lehrt, er muß innovativ sein, um sich zu profilieren und daß kann er, wenn ein Paradigma der Theologie erschöpft und ausgespielt ist, nur durch die Hervorbringung eines neuen. Inneruniversitär könnten so solche Paradigmenwechsel erklärt werden und somit auch das Aufkommen von Modetheologien, wie etwa die Befreiungstheologie, die Feministische Theologie, aber grundlegende Paradigmnwechsel setzen sich nur innertheologisch durch, wenn sie durch außertheologische Gründe gestützt werden. Hier wird man an das Ende der Geschichtsphilosophie nach Hegel und Marx denken müssen und die Hinwendung der Philosophie zum Personalismus und Existentialismus, um den Primat des Begegnungsschemas in der Theologie zu verstehen.  Man denke an Kierkegaard, Buber, und Sarte aber auch Levinas, um hier nur ganz wenige markante zu nennen. Nicht verdankt sich also die Auflösung der christlichen Großerzählung vom Fall und der Erlösung des Menschen einem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, zumal Erkenntnisgewinne nur in einem Rahmen, einem Paradigma möglich ist, denn das Paradigma definiert ja erst, was eine Erkenntis ist.             

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