Donnerstag, 19. Februar 2015

Sich frei machen für Gott

Fasten-Verzichten-Sich freimachen für Gott?
Oft hören wir es in Fastenpredigten: der Sinn des Verzichtes, der Buße sei ein Sichfreimachen für Gott. Zu viel sei da in unserem Herzen gelagert, auf Thronen gestellt, auf das wir unser Herz kaprizierten, sodaß Gott zu kurz käme. Die vielen weltlichen Dinge aus unserem Herzen verbannen, damit da so ein freier Raum für unsere Liebe zu Gott freigeschaufelt würde. Das klingt wahrlich fromm, aber irgendwie doch etwas schief!Buße soll ein Sichfreimachen sein von Hindernissen, damit wir der Liebe zu Gott so mehr Raum geben!
Versuchen wir mal, dieses Gerede zu begreifen! Also: zuerst ist das Liebenkönnen des Menschen als limitiert vorzustellen. In unserer Zeit des Primates der Ökonomie, das meint, daß wir alles in ökonomischen Strukturen denken, heißt das: mit der Liebe verhält es sich ähnlich wie mit unserer Kaufkraft. (Allgemeine Potenzenlehre unter der Herrschaft des ökonomischen Denkens). Gebe ich viel Geld für Nahrungsmittel aus, habe ich nur noch ein wenig Kaufpotenz für die Bekleidung. So verhielte es sich auch mit der Potenz der Liebe. Wer viele weltliche Dinge liebt -im schlimmsten Falle Wein Weib und Gesang, der hat nur noch wenig Liebe für Gott übrig, weil er sein Liebesvermögen ja weitestgehend an diese unheilige Dreieinheit verausgabt. Wer also Gott mehr als bisher lieben möchte, muß weniger Liebe in weltliche Dinge investieren, und kann dann das so eingesparte in die Liebe zu Gott ausgeben. Buße heißt dann, falsche Liebesinvestionen zu stornieren, um dann alles auf Gott zu setzen. Weil wir das Weltliche und die materiellen Dinge zu viel liebten, liebten wir Gott zu wenig-es geht ja auch nicht anders. Denn unsere Liebesenergie ist nun mal begrenzt endlich und so können wir sie auch nur begrenzt verausgaben. 
Werden wir mal anschaulicher: Wenn eine Mutter zwei Kinder hat, dann teilt sie ihre Reservoir an Liebespozenz (wenn sie gerecht austeilt) zu 50% an das eine und zu 50% an das andere Kind aus! Käme ein drittes dazu, bekäme jedes nur noch eindrittel der mütterlichen Liebe ausgeteilt! Wie nun aber, wenn sie auch noch verheiratet ist? Bekommt dann der Ehemann 50 % und die drei Kinder müßten sich die restlichen 50% dritteln? Und Buße hieße dann, daß der Ehemann urteilt: einst liebtest du mich hundertprozentig, jetzt, da die Kinder da sind nur noch zu 50%, und wenn der Mann es genau abwägt, eher nur noch 25 prozentig, weil die Ehefrau ihre begrenzte Liebe gerecht auf 4 Objekte ihrer Liebe verteilt! Also, tue Buße, liebe mich wieder 100%, indem du unsere 3 Kinder in der Bußzeit vergißt! Mache dich frei von der Liebe zu unseren drei Kindern, damit ich, dein Ehemann die ungeteilte Liebe von Dir ausgeteilt bekomme! 
Spätestens jetzt wird sich auch ein wohlgesonnener Leser fragen, was denn dieser Unsinn hier soll! Zu recht: Das ist Unsinn! Nur, daß, wenn von der Liebe zu Gott die Rede ist in der Buß-und Fastenzeit uns regelmäßig das als die kirchliche Lehre von der Buße verkündet wird! 
Gott befände sich in einer fast ausweglosen und chancenlosen Konkurrenzsituation zu den anderen möglichen Objekte unseres Liebenskönnens! Und diese Objekte unserer potentiellen Liebe haben den unübersehbaren Vorzug, sichtbar und anfaßbar zu sein, wir können sie sinnlich genießen wie den lieblichen Wein ...Gott dagegen ist unsichtbar und unfaßbar und so schon schwerlich als ein Objekt der Liebe geeignet. Denn das Schöne erweckt unsere Liebe, aber Gott ist unsichtbar. So verleiten uns die schönen und lieblichen Objekte der Welt, unsere begrenzte Liebespotenz in diese Art von Objekten zu investieren und für Gott bleibt dann halt fast nichts übrig! Aber die Buße, das ist nun die Abkehr von allen oder wenigstens von ein paar weltlichen Objekten, um so freie Liebesenergie für Gott zu erhalten! 
Aber wer sagt uns denn, daß das Vermögen zur Liebe so begrenzt ist wie die Kaufkraft meines Portemonaies? Soll denn eine Ehefrau, wenn das erste Kind in der Ehe kommt, wirklich nur noch weniger den Ehemann lieben können, weil und nur weil sie nun auch das gemeinsame Kind liebt? Sollte wirklich mit jedem weiteren Kinde die Liebe zu jedem einzelnen Kinde immer kleiner werden, weil nun die Gesamtmenge der mütterlich austeilbaren Liebe gleich bleibend auf immer mehr Kinderherzen verteilt werden muß! Und ist ein Ehemann vorstellbar, der ehrlich sagt: weil du unsere gemeinsamen Kinder liebst, liebst du mich immer weniger! Darum höre auf, unsere Kinder zu lieben-damit ich deine ungeteilte Liebe wieder empfangen kann?
Das ist absurd!
Aber von der göttlichen Liebe soll all das gelten. Wenn wir Gottes Schöpfung lieben oder auch nur Teile von ihr, dann reduziert das unsere Liebe zu Gott. Damit diese Reduzierung aufhört,sollen wir in der Bußzeit unsere Liebesenergie von weltlichen Dingen abziehen, um sie so freizustellen für Gott!
Stellen wir uns Künstler vor-sagen wir Thomas Mann -für die Liebhaber guter Literatur und für die Freunde guter Musik Richard Wagner. Da stellte ich mich vor Thomas Mann hin und erklärte ihm, daß ich jetzt 6 Wochen lang keine Zeile aus seinen literarischen Werken mehr lesen würde, weil ich mich ganz der Liebe zu ihm als großen Autoren hinwenden möchte. Und damit meine Bewunderung ganz sich auf ihn konzentrieren könne, würde ich sein literarisches Werk in dieser "Fastenzeit" unbeachtet links liegen lassen. Danach wendete ich mich Richard Wagner zu und erklärte ihm das selbe: 6 Wochen ohne einen Ton wagnerischer Musik um der Liebe zu diesem großen Musiker willen! 
Unbezweifelbar: Thomas Mann und Richard Wagner wären entsetzt. Wie kann ein Mensch meinen, mich zu ehren, indem er auf den Genuß meines Werkes verzichtet! Nichts freut doch einen großen Künstler mehr, als daß wir ihn  in seinen Werken lieben  und nicht unabhängig von ihnen!  Gott ist nun der vollkommene Künstler. indem er die Welt, den Kosmos schuf und erhält-sein Kunstwerk. Und die asketische Frömmigkeit soll nun darin bestehen, daß wir unsere Augen und unsere Liebe abwenden von seinem Kunstwerk und uns allein auf den Künstler Gott kaprizieren: weil unsere Liebesfähigkeit limitiert ist, lassen wir Deine Werke, o Schöpfergott links liegen und wenden uns allein der Liebe zu Dir zu. Denn wollten wir Deine Werke und Dich lieben, dann könnten wir Dich nur noch 50 prozentig lieben, weil wir die anderen 50% an Deine Werke verausgabten! Und Gott urteilte dann: das gefallt mir. Denn eigentlich ist die Welt, die ich erschuf, doch nur ein Blendwerk, das eure Liebe aufsaugt, sodaß ihr mich dann nicht mehr lieben könnte. Wenn ihr all eure Liebe in meine Schöpfung investiert, da bleibt eben keine freie Liebesenergie mehr für mich frei. Darum gibt es die sechswöchige Bußzeit! 
Nur eines müssen wir uns nun ernsthaft fragen: warum gab Gott uns das Gebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe? Sollen wir etwa doch nur zu 50% beide, Gott und den Nächsten lieben? Oder, wenn wir mit ganzem Herzen ungeteilt Gott lieben wollen, daß wir dann von der Nächstenliebe dispensiert sind?  Kann nur der Gott ganz lieben, der seinen Nächsten nicht liebt- wie der, der all sein Geld in das Projekt A investiert, nichts mehr in ein anderes Projekt investieren kann?  
Eine ganze Welt an Absurditäten eröffnet sich so uns! Und was ist der Anfang all diesen Unsinns? Die einfache Parallelisierung von der Fähigkeit zum Liebenkönnen mit der Vorstellung von der Begrenztheit der Kaufkraft. oder daß wir uns die Fähigkeit zum Lieben physikalisch wie eine Energie vorstellen, die begrenzt vorhanden ist. Wenn das wahr wäre, würde die größte Gefahr für jede Ehe ein gemeinsames Kind, weil das nun die elterliche Liebesenergie auf sich zöge und so der ehelichen entzöge und es wäre die Nächstenliebe die größte Gefahr für die Gottesliebe, weil auch die praktizierte Nächstenliebe zuungunsten der Gottesliebe sich auswirken müßte!
Wahr ist dagegen, daß die mütterliche Liebe 100 prozentig ihr erstes Kind liebt und  das zweite ebenso liebt, ohne daß die Liebe zu den beiden gemeinsamen Kindern die Liebe zum Vater und Ehemann schmälert! Das ist das große Geheimnis der menschlichen Liebe, die ihre Wahrheit in der göttlichen Liebe findet, die ja auch nicht immer kleiner wird für jeden Einzelnen, weil sie vielen Menschen gilt. 
Aber wie kommt dann dies Gerede vom Freimachen für die Liebe zu Gott durch den Verzicht auf die Liebe zu etwas Irdischem zustande?  Doch nicht, weil wir uns Gott als einen eifersüchtigen Gott vorstellen, der als Schöpfer und Künstler der Welt ausriefe: wer meine künstlerischen Hervorbringungen  liebt, der entzieht damit seine Liebe dem Erschaffer der Kunstwerke, nämlich mir! 
Hören wir auf die Nebensätze dieses Fastenpredigtthemas! Da hörten wir aus dem Munde des Bischofes zu Passau: Buße, das klingt unschön. Da assozieren wir: das wirst du mir büßen...und anderes Unschönes. Buße-Schuld-Strafe-Sühne-ein ganz und gar greußlicher Vorstellungskomplex! Mit so Düsterem hat der christliche Glaube nichts zu tun! Christsein heißt: ein fröhliches Herz zu haben, den Heiligen Geist in uns, der uns immer froh stimmt! Also muß all das, was man in allen Religionen und auch in der christlichen Religion unter Buße versteht, verschwinden! Der Vorstellungskomplex von der Gerechtigkeit Gottes, die eine Strafe für den Sünder verlangt, eine der Schwere der Strafe gemäße, damit ein ausgewogenens Verhältnis wieder entsteht und daß die Buße so ein Akt der Selbstbestrafung ist, den Gott gnädig annimmt...das alles sei ferne.

Das wichtigste an dem Vorstellungskomplex des Sichfreimachens für Gott ist somit die einfache Verdrängung dessen, was im religiösen Sinne Buße bedeutet! Stattdessen wird die Vorstellung von der menschlichen Liebe als einer begrenzt zur Verfügung stehenden Energie konzipiert, um plausibel zu machen, daß der Mensch, der zu viel Weltliches liebt, dann ein zu wenig an freier Liebesenergie für Gott übrig hätte. Das Verzichten der Buße -als Akt einer Selbstbestrafung- soll so zu einer Handlung werden, die uns aus der Zerstreuung: was lieben wir nicht alles, den guten Wein, ein gutes Buch, eine schöne Musik, herausführt in die scheinbare Reinheit und Konzentriertheit des: ich will Gott allein lieben! Nur, daß wir gerade so Gott ein Unrecht antuen, vergleichbar dem, wenn ich zu einem großen Künstler sagte, daß ich um der Wertschätzung ihm gegenüber auf jede Ehrung seiner künstlerischen Werke verzichten wolle! Ich gliche einer Ehefrau, die sagte, daß ich 6 Wochen die gemeinsamen Kinder nicht mehr lieben wolle, weil ich jetzt nur den Ehemann lieben werde, 6 Wochen lang! Oder zumindest, weniger als sonst um der Liebe zum Mann willen! Hier sehen wir einmal wieder, wie sehr uns selbst in der Erörterung der Frage, wen lieben wir wie unser ökonomistisches Denken in die Irre führt, indem wir das Lieben in Analogie zum Investieren von Kapital uns vorstellen!Aber der größte Irrtum ist das Vergessen der göttlichen Gerechtigkeit-daß Gott gerecht ist und so auch ein gerecht strafender Gott ist! 

Anbei: wenn ein Mensch etwas Weltliches liebt, dann liebt er es als religiöser Mensch immer auch als Gabe Gottes und ehrt so in jeder Liebe zu etwas Weltlichem den Schöpfergott als Künstler des Sogeschaffenen. Wer aber etwas Weltliches nicht auch als Gabe Gottes liebt, der wird auch dann nicht Gott lieben, wenn er aufhört, das Weltliche zu lieben!  Wer den Wein als religiöser Mensch liebt,liebt darin Gott, der die Welt so geschaffen hat, daß in ihr Wein herstellbar ist. Wer als Atheist den Wein als Genußmittel verachtet, weil er sich höherwertigen Genüssen zuwenden möchte, etwa einem guten Buch, der wendet sich trotz seines Verzichtes auf den niedrigen sinnlichen Genuß des Weines nicht der Liebe zu Gott zu. Und wenn man den religiösen Mensch frägt, was sei denn ein guter Grund, Gott zu lieben, dann wird er wie jeder Kunstliebhaber respondieren: der Grund, Thomas Mann oder Richard Wagner zu lieben, sind ihre Werke-und so lieben wir auch Gott!             
        

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