Montag, 27. April 2015

Handeln nur Menschen in der Geschichte?

Welches historisch oder kirchengeschichtliche Werk der Moderne man auch zur Hand nimmt, in einem Punkte stimmen sie überein: wie auch immer die religiöse Umkehr Kaiser Konstantins zum aktiven Unterstützer der christlichen Religion analysiert und dann auch bewertet wird, daß Gott selbst hier eingewirkt haben könnte, ist eine a priori ausgeschlossene Vorstellung. Strittig ist nur, ob man diesem Kaiser neben staatspolitischen Erwägungen auch religiöse Beweggründe zubilligen will. Im Raume der Geschichte gibt es nur ein Handlungssubjekt, den Menschen, nur daß dieses Subjekt eben auch aus religiösen Motiven handeln könnte. Kritische Historiker zeichnen sich dann dadurch aus, daß sie solche religiösen Motive als Verschleierung der wahren Beweggründe enthüllen und dies Enthüllen macht dann den kritischen Historiker zum kritischen. 
Nur, wie begründet sich dieses Axiom der historischen Wissenschaft den selbst? Versuchen wir mal, der Geschichtswissenschaft näher zu kommen, indem wir das komplexe Phänomen Geschichte mit etwas Simpleren vergleichen, um an Hand eines Einfachen ein Blick für das Komplexere zu bekommen. Eine gespielte Schachpartie nehmen wir als Modell zur Komplexitätstreduktion. Um eine gespielte Schachpartie begreifen zu können, bedarf es des Wissens um das System des Schachspieles: welche Spielfiguren können da wie gesetzt werden auf was für einem Spielfeld und wie ist das Ziel des Spieles definiert? Aus der Gesamtheit der Spielregeln des Schachspieles kann nun nicht das einzelne gespielte Spiel deduziert werden, als wenn das Spiel sich selbst spielen würde (das auch als Einwand gegen den Eindruck, daß im Strukturalismus tatsächlich von einer sich selbst sprechenden Sprache, eines Spieles gesprochen wird-Novalis deutet das an, wenn er schreibt: "Wie, wenn ich aber reden müßte? und dieser Sprachtrieb zu sprechen das Kennzeichen der Eingebung der Sprache, der Wirksamkeit der Sprache in mir wäre? und mein Wille nur auch alles wollte, was ich müßte, so könnte dies ja am Ende ohne mein Wissen und Glauben Poesie sein und ein Geheimnis der Sprache verständlich machen? Und so wär ich ein berufener Schriftsteller, denn ein Schriftsteller ist wohl nur ein Sprachbegisterter?- " Monolog 1798.  Begeistert ist hier streng zu begreifen als ein Subjektswechsel im Menschen: das, was ihn begeistert, bestimmt ihn, wird zum Subjekt seines Tuens!.) Aber das Regelsystem Schach ermöglicht erst individuelle Spielzüge. Diese sind kontingent, aber sie können es auch nur sein, weil das Regelsystem kontingente Spielzüge ermöglicht. Nicht ist ein System deshalb notwendig deterministisch, wie es Fichte in "Die Bestimmung des Menschen", 1800 im ersten Buch:"Zweifel" entfaltet. Ohne das Regelsystem Schach ist aber der Einzelspielzug sinnlos und er kann auch von einem Beobachter nicht begriffen werden.
Ist die Geschichte auch ein Geschehen, in dem wir, wie beim Schachspiel und der Sprache zu unterscheiden haben zwischen dem System des Spieles und der Sprache und der Einzelspielhandlung?
Und wenn es selbstverständlich für das Schachspiel ist, daß da verschiedene Figuren mit verschiedenen Handlungsmöglichkeiten sind, warum sollte auf dem Spielbrett der Geschichte es nur das eine Subjekt, den Menschen geben? Schon die Vorstellung eines begeisterten Menschen impliziert, daß da etwas durch den Menschen handelt, er medial wird für ein Wirken durch ihn. Bleiben wir erstmal "innerweltlich": gibt es da nur das Subjekt des Einzelmenschen, das im Raume der Geschichte agiert oder nicht auch Subjekte wie: die Kirche, das Volk, eine Partei,Klassen und Rassen ...also Subjekte bestehend aus vielen Teilen, etwa aus vielen Mitgliedern und doch spricht man hier von einem Subjekt, etwa wenn geschrieben wird: Die Kirche missionierte dann..Auch der Einzelmensch besteht aus Teilen, etwa aus Kopf, Rumpf und Beinen, oder aus Seele und Körper, aus Überich-ich und es, usw...aber trotzdem denken wir ihn als Einheit: ich schreibe jetzt diese Betrachtung und nicht: mein Kopf mit meinen Fingern...Also agieren in der Geschichte auch solche Subjekte, sagen wir mal Kollektivsubjekte. 
Wer besagt nun, daß es nicht auch nichtmenschliche Subjekte gibt, die im Raume der Geschichte Subjektscharakter besitzen? Und man muß hier jetzt nicht nur -im Sinne etwa eines Erich von Däniken an Außerirdische denken- sondern an Überirdische, an Engel und an Gott und an Daimonen! 
Gibt es eine für uns Menschen erkennbare Ordnung in der Geschichte, wie etwa jeder gespielten Schachpartie das System des Schachspieles zu Grunde liegt, das erst das Einzelspiel ermöglicht?Spontan könnte man wohl Jorge L. Borges zustimmen, wenn er schreibt: "Überflüssig zu erwidern, daß auch die Wirklichkeit geordnet ist. [und damit auch die Geschichte als Teil der Wirklichkeit]. Mag sein, daß sie es ist, aber in Übereinstimmung mit göttlichen Gesetzen-normal gesagt: mit unmenschlichen Gesetzen-" Borges, Tlön, Uqbar, Orbis Tertius, in: Borges, Die Bibliothek von Babel, 
Reclam, 2001, S.43. Unmenschlich meint hier nicht vom Menschen gesetzt und ihm begreifbar.
Die Geschichtswissenschaft gleicht so einem Betrachter einer gespielt werdenden Schachpartie, dem das Regelwerk Schach unbekannt ist- wie soll er dann das da sich Ereignende begreifen? Und dann weiß er nicht einmal, ob er als Betrachter der Geschichte auch wirklich alle Handlungssubjekte in der Geschichte wahrnimmt! Es könnte sein, daß er die wichtigsten Subjekte nicht sieht: Gott, die Engel und die Daimonen!  
Wenn es einen Gott gibt, dann widerspräche aber die Vorstellung von einer Menschheitsgeschichte, in der Gott nicht selbst als Subjekt agierend eingeht, dem Begriffe des Gottes im religiösen Sinne. Philosophisch kann Gott als rein außerhalb der Welt und der Geschichte gedacht werden, aber dieser Gott wäre dann für den Menschen irrelevant. Jede Religion lebt aus der Voraussetzung, daß Gott ein Subjekt in der Geschichte ist,und zwar das gewichtigste.Wo Gott nicht mehr vorgestellt werden kann, als in der Geschichte Wirkendes, da ist dieser Gott nur noch ein toter Götze. Wie Gott in der Geschichte handelt, das erkennen wir Menschen nur, wenn Gott es uns selbst offenbart-daß er aber in der Menschheitsgeschichte handelt, das gehört unbedingt zur Vorstellung Gottes in jeder Religion hinein-sonst nichtet sie sich selbst. Wenn die Kirchengeschichte wirklich eine Disziplin in der wissenschaftlichen Theologie sein soll, dann muß in ihr mit Gott als dem Handlungssubjekt in der Geschichte gerechnet werden! Und er muß für die Geschichte stehen als der, der die Ordnung der Geschichte gesetzt hat, in der dann erst die Menschen ihre Spielzüge setzen können. Denn ohne eine göttliche Ordnung hätten die Spielzüge der Menschen so wenig Sinn und Bedeutung wie Einzelpielzüge einer Schachpartie, wenn es das Regelsystem Schach nicht gäbe. Aber diese göttliche Ordnung determiniert nicht den Menschen, (wie es Luther in De servo arbitrio und Zwingli in seinem Sermon über die Vorsehung dozieren), sondern ermöglicht erst die Freiheit des Menschen, kontingent, Spielzüge zu setzen. Man denke an: Die Welt als Theater Gottes.    

Corollarium 1: Wird die Aussage, daß Gott in der Geschichte handelt, als unwissenschaftlich verneint, kann eine wissenschaftliche Lektüre der Bibel nur noch in der Eliminierung ihrer wichtigsten Aussagen bestehen!            
       
              

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