Dienstag, 3. Mai 2016

Die Sexualität wird neu erfunden

"Die Familie wird neu erfunden" titelte die "Welt" am 2.5. 2016. Kath net kommentierte das am selben Tag. Das Problem:"Mittlerweile gebe es in Deutschland Frauen, die ein Kind geboren hätten, von dem sie nicht die leibliche Mutter seien." Einfach gesagt: Eine befruchtete Eizelle, die nicht von der Mutter stammt, wird ihr eingepflanzt, sodaß diese Mutter dann das so "gezeugte" Kind als das ihrige zur Welt bringt, obgleich es ein Produkt künstlicher Befruchtung ist. 
Wenn die natürliche Ordnung die  ist, daß die Sexualität gelebt wird, damit so der Mensch sich fortpflanzt und so seine Art erhält, denn die Arterhaltung ist die oberste Maxime alles natürlichen Lebens, so verwandelt der postmoderne Mensch diese Ordnung zu einer, in der die Sexualität möglichst freizügig ausgelebt wird, ohne daß im Regelfall Nachwuchs entsteht durch den Gebrauch von Verhütungsmitteln und einer, in der Kinder ohne den menschlichen Geschlechtsakt erzeugt werden, ganz und gar künstlich. Diese Tendenz ist erkennbar, auch wenn noch eine rein künstliche Erzeugung eine extreme Ausnahme bildet. ( Aber einem Zukunftsromanleser ist diese Vorstellung rein künstlicher Erzeugung in allen Variationen schon sehr vertraut; es muß dabei bedacht werden, daß die Science Fiction Literatur die Zukunftswerkstatt der Technikentwicklung ist: Hier wird das erträumt, was Techniker dann in Kleinstschritten zu realisieren versuchen, aber angetrieben durch die großen Zukunftsvisionen dieser Literatur.) 
Der spontane Reflex nicht nur von Theologen, sondern von allen sich mehr Geisteswissenschaften zugehörig Fühlenden ist das pure Entsetzen. Verstärkt wird das noch durch den Zeitgeist, dem das Natürliche das Gute und das Künstliche das Ungute ist. Nachdenklichen muß aber diese Spontanreaktion verdächtig sein. Jeder Mensch, der in einer kalten Winternacht in seinem beheizten Wohnzimmer sitzt, würde sich bedanken für den Rat, doch gefälligst draußen bei -10 Grad zu schlafen, weil das natürlich ist, und es künstlich ist, stattdessen in beheizten Räumen zu nächtigen. Auch die durch wissenschaftliche Erkenntnisse gut fundierte  Erkenntnisse, daß wohl die meiste Zeit die Menschen selbst in kältesten Winternächten bestenfalls in unbeheizten Höhlen nächtigten, hilft da Naturliebhabern weiter: Wir wollen in beheizbaren Wohnungen leben und reduzieren das Natürliche dann auf das Hineinstellen von Grünpflanzen in unsere Wohnungen als bloße  Dekoration des rein künstlichen Lebensstiles ! Abstrakter formuliert: Die Natur des Menschen ist sein Wille zum künstlichen Leben, in dem er das Natürlich kultiviert und so "künstlich" lebt. 
Nun ist der Mensch auch ein Bestandteil der Natur und so verkünstlicht er sich auch selbst. Er kann sich aber nur deshalb als Natur behandeln, weil er selbst auch immer Nichtnatur ist! Das ist der Gehalt des Begriffes der Geistseele. Die hl. Schrift bringt gerade diese anthropologische Wahrheit aufs trefflichste zum Ausdruck: " Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden
[das ist seine natürliche Beschaffenheit, die durch den menschlichen Geschlechtsakt weiter vermittelt wird] und blies ihm in seine Nase den Lebensatem. [ das ist die Seele, oder auch Geistseele, die von Gott unmittelbar als creatio ex nihilo geschaffen dem menschlichen Körper inkarniert wird" (Gen 2,7). Die Seele ist das Nichtnatürliche des Menschen, insofern es nicht aus etwas Natürlichem ist, sondern direkt von Gott geschaffen und dann inkarniert wird in das natürliche Fleisch des Menschen. 
So gilt der Auftrag Gottes, und machet euch die Erde untertan, auch auf die Eigennatur des Menschen: Wo Natur ist, soll Kultur werden und Kultur ist durch den Geist verarbeitete und umgestaltete Natur. Der natürliche Mensch frißt, der kultivierte ißt. 
Nicht erst Hume erkannte, daß die Natur, so wie es ist, die Norm ist, daß es auch so sein soll. Schon der Schöpferauftrag Gottes selbst ist der zur Kultivierung der Natur, daß sie nicht bleiben soll, wie sie ist. 
Man kann nicht umhin, daß von der Erfindung des Herdfeuers, sodaß seit dem der Mensch nicht mehr natürlich wohnt, sondern in künstlich beheißbaren Wohnräumen bis zur Ermöglichung rein künstlicher Befruchtung der weiblichen Eizellen es einen geraden Weg geht, den der Mensch betrat, als er das erste Werkzeug sich erschuf! Und doch ist uns Menschen dabei eine unüberwindliche Grenze gesetzt: Wir können künstlich menschliche Körper erzeugen, bzw befruchtete Eizelllen, aus denen sich dann ein menschlicher Körper herausentwickelt, aber der Mensch kann weder natürlich noch künstlich eine menschliche Seele erschaffen; dies kann allein Gott. 
Der Wille zum eigenen Kinde ist das Natürlichste des Menschen, aber der Mensch kann diesen Willen auch, und gerade das ist wesenshaft menschlich, künstlich realisieren, so wie er auch künstlich und nicht natürlich wohnt! Nun kann man lesen, daß die Würde desMenschen entweder abhängig sei von seiner natürlichen Erzeugung oder daß es die Würde des Menschen verlange, natürlich erzeugt zu werden. Das klingt gut, aber experimentieren wir mal mit diesem Gedanken, um seine Wahrheit zu überprüfen! Was hältst Du, geneigter Leser von dieser These: Der Würde des Menschen entspricht es, daß er mit der Milch seiner Mutter gestillt wird, sodaß es widernatürlich und somit mit der Würde des Kleinkindes unvereinbar ist, gibt seine Mutter ihm statt der Brust eine Milchflasche! Das sei künstlich und somit gegen Gottes Willen! Wenn eine Mutter nicht genug Muttermilch hat, dann gibt es ihrem Kinde selbstverständlich Flaschenmilch, auch wenn das dann nicht natürlich ist. Wenn eine Frau auf natürliche Weise kein Kind bekommen kann, warum soll sie dann nicht auf künstliche Weise eines bekommen? Wenn ein adoptiertes Kind Kind seiner Adoptivmutter werden kann, warum kann dann nicht auch eine eingepflanzte befruchtete Eizelle im Mutterleib zu dem Kind dieser Mutter werden? 
Man kann nicht umhin, daß dieser technische Fortschritt etwas Erschreckendes an sich hat! Aber wie würde Goethe sich erschrecken, sähe er heutigen Schriftstellern zu, die statt mit der Feder und mit Tinte zu schreiben, mit dem Computer ihre Texte schreiben und dann die Orthographie von einem Computerprogramm überprüfen lassen? Ist es vielleicht einfach die Angst vor allem Neuen, was uns da in Schrecken versetzt, ganz vergessend, an was für viele ungeheure Verkünstlichungen wir uns seit der Seßhaftwerdung der Menschen schon gewöhnt haben! Dem romantisch Empfindenden ist sein Herz das Zentrum seines Gefühlslebens und jetzt leben Menschen mit künstlichen Herzen und trotzdem mit Gefühlen!  
Selbstredend gibt es Gründe für so eine geartete Technikangst gerade unter Theologen. Ein Witz mag das verdeutlichen: Einst betete der Pfarrer bei Gewitter, jetzt stellt er einen Blitzschutz aufs Dach der Kirche. Merke: Je mehr Technik, desto unfrömmer und religionsloser der Mensch. So albern der Witz auch ist, steckt in ihm doch ein Moment der Wahrheit: So lange der Mensch sich von der Natur auch bedroht sah und sich nicht vor ihr ausrechend zu schützen wußte, waren ihm die Praktiken der Religion, das Opfer und das Gebet Mittel zur Beherrschung der Natur durch die Anrufung Gottes: "Bewahre, beschütze uns vor..." Je mehr die Technik hilft, uns vor der Natur zu schützen- etwa durch Herdfeuer vor der winterlichen Kälte- desto weniger wird Gott zum Schutze vor der Natur angerufen!  Ja, in postmodernen Zeiten fürchten sich Menschen oft schon mehr vor der Technik, mit der sie die Natur domestizierten, als vor der Natur! Aber die christliche Religion kennt gerade den Herrschaftsauftrag des Menschen über die Natur. Die theozentrische Schöpfungslehre säkularisiert geradezu die Natur und macht sie zum Objekt für den Menschen, daß er sie kultiviere. Und das inkludiert immer auch, daß der Mensch sich selbst kultiviert, daß er in künstlichen Behausungen wohnt, Unterwasser in U-Booten fährt und in Weltraumschiffen zum Mond und zu den Sternen! 
Im Rahmen der Ökologiebewegung erlebten wir nun eine Entsäkularisierung der Natur, wenn etwa plötzlich wieder von der Mutter Erde gesprochen wurde, als wäre sie ein quasi Göttliches. Das ist aber eine Regression der Gotteserkenntnis des Christentumes gegenüber! Für unsere Religion ist nicht erst seit dem Baumfäller Bonifatius die Natur das bloße Objekt unserer Schaffenskraft zur Kultivierung. Aber das setzt eben die Erkenntnis der "Unnatürlichkeit" des Menschen voraus, daß er eben Geistseele ist, die sich eines Körpers bedient, um ihn zum Leib zu formen, um die natürliche Welt zu kultivieren, dem Menschen gemäß zu vergeistigen. 
Liebe und Sexualität treten somit aufgrund dieses Willens zur Selbstverkünstlichung in ein anderes Verhältnis zu einander und somit kann gesagt werden, daß die menschliche Sexualität denaturalisiert und verkünstlicht wird. Aber gerade das entspricht dem Menschen ob seines Doppelcharakters als Natur- und Geistseelewesen. Ein liebgewonnener Mythos wird sich dabei aber wohl auflösen müssen: daß ein Kind nur dann ein aus elterlicher Liebe erzeugtes und geborenes Kind ist, wenn es natürlich aus einem Geschlechtsakt entsteht. Wo eine Frau und ein Mann sich ein gemeinsames Kind wünschen
in Liebe und aus Liebe zueinander, dann wird das ihrige Kind auch dann als eine Frucht dieser Liebe sein, wenn der Geschlechtsakt durch eine künstliche Erzeugung ersetzt wird. Denn der körperliche Geschlechtsakt kann völlig von der Liebe abgetrennt werdend Frucht bringen und der Geschlechtsakt, in wechselseitiger Liebe zueinander vollzogen, kann fruchtlos bleiben. Ob das in einem Geschlechtsakt erzeugte Kind eine Frucht der Liebe ist, ist so abhängig von der wechselseitigen Liebe, und ist noch nicht garantiert einfach durch den natürlichen Akt. Erst die geistliche Liebe, die des Herzens oder der Seele läßt eine Frucht der Liebe entstehen und das Entstehen kann dann ein natürliches oder auch ein künstliches sein! Zudem: Die Seele des Menschen verdankt sich niemals dem natürlichen Geschlechtsakt sondern allein, daß Gott die von ihm geschaffene Seele in den sich bildenden menschlichen Körper inkarnieren läßt, die ihn dann erst zum Leibe formt! 
Wendete man nun aber ein, daß all das hier Gedachte Widerchristlich sei, so frage man sich selbst, ob man hier nicht ein Opfer einer Vergöttlichung des Natürlichen geworden ist und ob man Gottes radicales Ja zum Leben wirklich ernst nimmt, daß Gott so sehr das Leben der Menschheit wollte, daß er den Söhnen und Töchtern Adams und Evas die Inzestehe erlaubte, damit die Menschheit, kaum aufgetreten im großen Welttheater Gottes nicht wieder verschwände mangels an Nachwuchs!          
                     

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