„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen rechts und links?“ 1- ein notwendiger Klärungsversuch
In unseren Zeiten der postmodernen Unübersichtlichkeit, in denen scheinbar alles fließt und nichts mehr so ist, wie es einmal war, legt nun europa aeterna einen Orientierungsversuch da durch David Berger, der manchem Leser wohl noch von der Zeitschrift: „Theologisches“ bekannt sein dürfte.
Die in diesem Artikel vertretender These lautet,daß die jeweilige Anthropologie die Grunddifferenz zwischen „links“ und „rechts“ ausmache. Die mannigfaltigen Differenzen auf eine Grunddifferenz zurückzuführen, ein solcher Reduktionismus, auch wenn er die übliche Kritik, daß dabei man der Mannigfaltigkeit nicht gerecht wird, ist wissenschaftstheoretisch nur zu begrüßen, kann eine Wissenschaft sich doch nicht damit begnügen, viele Einzelheiten akribisch genau zu erfassen und das schon als ein Begreifen aufzufassen. Das Ganze kann eben nicht eine Serie von Einzelnem sein.
„Das linke Menschenbild: Der Mensch ist vor allem Produkt seiner Verhältnisse.Das linke Menschenbild setzt an einem anderen Punkt an. Es ist durch und durch vom Elend des seit dem 19. Jahrhundert fröhlich Urständ feiernden philosophischen Materialismus abhängig. Nicht mehr die Frage nach dem Wesen des Menschen steht im Mittelpunkt, sondern die Frage nach seinen Lebensbedingungen. Der Mensch erscheint vor allem als Ergebnis sozialer, ökonomischer und kultureller Einflüsse.“
Wäre diese Interpretation der Anthropologie der Linken zutreffend, ergäbe das Zentralanliegen der Linken, den Menschen aus seiner Entfremdung zu befreien keinen Sinn. In der Urstandslehre wird hier das Wesen des Menschen erfaßt, das dann durch die gesellschaftliche Fehlentwickelung destruiert wird, aber nur, damit am Ende der Menschheitsentwickelung der wahre Mensch wieder in der Geschichte auftreten kann. Althusser und andere kritisierten diese Vorstellung zwar als eine vormarxistische im Werk Marx, aber trotzdem ist das immer noch wohl die Mehrheitsvorstellung. Der traditionelle Marxismus steht so Rousseau viel näher, als manch Linker das wahrhaben will. Die gesellschaftlichen Verhältnisse korrumpierten den Menschen, sodaß er erst wieder zum wahren Menschen werden kann, wenn er die Gesellschaftsverhältnisse revolutioniert,
Das „Wesen des Menschen“ wird so vergeschichtlicht: Er ist ein so Gewordener, der zu einem anderen werden kann.
Es ist aber zu fragen, ob diese Anthropologie noch in der postmodernen Linken das Fundament der linken Ideologie ausmacht. Der etwas diffuse Begriff des „Kulturmarxismus“ deutet hier einen wesentlichen Paradigmenwechsel an: Der Kapitalismus soll nicht mehr abgeschafft werden, sondern nur noch die bürgerliche Kultur, die angeblich eine repressive, freiheitsfeindliche sei. Die „Linke“ ist links-liberal geworden!
„Das rechte Menschenbild: Der Mensch hat eine Natur
Das rechte Menschenbild beginnt mit einer Einsicht, die heute fast revolutionär wirkt: Der Mensch erschafft sich nicht selbst. Er findet sich vielmehr in einer Wirklichkeit vor, die ihm vorausliegt. Er wird als Mann oder Frau geboren, als Mitglied einer Familie, einer Kultur, einer geschichtlichen Gemeinschaft. Seine Freiheit besteht deshalb nicht darin, alle Bindungen abzuschütteln, sondern darin, verantwortlich mit ihnen umzugehen.“
Daß ein Mensch als Mann oder als eine Frau geboren wird, das gehört nun wirklich zur Natur des Menschen, aber daß er in einer Familie, einer Kultur und in einer geschichtlichen Gemeinschaft lebt, gehört zu seiner Kultur und nicht zu seiner Natur.
„Der Mensch hat eine Natur“ ist nun aus einer theologischen Perspektive problematisch, denn es muß hier distinguiert werden von dem Menschen, wie er vor dem Sündenfall war, wie er durch ihn geworden ist und wozu er dann bestimmt ist von Gott, daß er ewig in der Gemeinschaft zu Gott leben soll. Es besteht nun die Gefahr, seine Natur im Status des Gefallenseins mit seiner ursprünglichen Natur zu verwechseln.
Alle Bindungen abzuschütteln und das als die Freiheit des Menschen auszugeben, ist nun das Credo des Liberalismus. Es sollen alle Bindungen substituiert werden durch Marktbeziehungen, durch Verträge, die eben voraussetzen, daß es keine legitimen Bindungen des Menschen existieren könnten, die nicht durch zwischenmenschliche Verträge ausgehandelt worden wären. Diese antiliberale Ausrichtung der rechten Anthropologie ist nun aber kein Abgrenzungskriterium gegen eine Anthropologie der Linken.Der Linken wirft doch der Liberalismus gerade ihren "Kollektivismus" vor.
Der Interpretationsversuch, was ist links, was ist rechts?, überzeugt so nicht und evoziert die Frage, ob es sinnvoll ist, in der Anthropologie die Grunddifferenz zu suchen. Jede politische Haltung, ob rechts oder links oder liberal mittig ist ein auf ein oder mehrere Ziele ausgerichtet. Von dem Ziel her wird dann erst die Anthropologie konstruiert. Der Lehrerberuf erheischt den Glauben an die Bild- und Ausbildbarkeit des Menschen und produziert so seine Anthropologie. Ein Kommissar, der einen Mordfall aufzuklären hat, wird eine Anthropologie bevorzugen, die jedem Menschen einen Mord zutraut, um nicht durch Vorurteile den Kreis der Tatverdächtigen unzulässig einzuschränken.
Keine politische Ideologie wird doch das von ihr erstrebte Ziel selbst als nicht realisierbar aus anthropologischen Gründen desavouieren wollen.
1 In:“Europa aeterna“ von David Berger.
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