Samstag, 5. August 2017

Eine Quelle der Sexuellen Revolutionsttheorie

Das Schuldgefühl sei "das wichtigste Problem der Kulturentwicklung", Preis dafür hoch, "daß der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühles bezahlt wird."S. Freud,Das Unbehagen in der Kultur, Fischer Tb 1981, S.119.So tiefsinnig das auch klingen mag, faktisch ist dies sozusagen ein Klassiker der "sexuellen Revolution". In den Vordergrund rückt nämlich bei Freud die Unterdrückung der Sexualität, die dann zu einem Mehr an Schuldgefühlen führt, weil nun mal die sexuellen Bedürfnisse nicht ob ihrer Reglementierung verschwinden.
"Schon die erste Kulturphase, die des Totemismus,bringt das Verbot der inzestuösen  Objektwahl mit sich, vielleicht die einscheidendste Verstümmelung, die das menschliche Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat." (S.96) Das Verbot des Inzest war also nach Freud für das Liebesleben der Menschen wohl die größte Katastrophe!
Aber es geht noch weiter: "Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt".(S.97). Also die zweite Unterdrückung sei der der Tabuisierung der Homosexualität. Zudem wird die Sexualität auf die Erzeugung von Nachwuchs reduziert. Das heißt bei Freud so:"die meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen untersagt." (S.97)
So wird Freud der Kulturfortschritt primär neben der Geschichte der Unterdrückung der Neigung zur Gewalt im Menschen die Geschichte der Unterdrückung der Sexualität.
Das Urteil Freuds fällt entsprechend aus:"Die in diesen Verboten kundgegebene Forderung eines für alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die Unglechheiten in der angeborenen und erworbenen Sexualkonstitution  der Menschen hinaus,schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerechtigkeit."(S.97)
Das dem zu Grunde liegende Menschenverständnis ist von bestechender Schlichtheit: Ausgelebte Sexualität ist die Quelle größten Lustgewinnes für den Menschen, und da die Haupttriebkraft zum Handeln das Streben nach einem Lustgewinn ist, würden die Menschen, könnten sie, wie sie wollten, nur Sex machen. (Der Islam kommt dem sehr entgegen mit seiner Paradiesvorstellung, daß da jedem Mann 72 Jungfrauen pro Nacht zugeführt würden als Belohnung für ihr heiliges Leben).
Eine Arbeitsgesellschaft könnte so nicht entstehen, überhaupt kein gesellschaftliches Leben. Darum müsse die Sexualität so reguliert und minimiert werden, daß die Menschen noch genug Triebenergie frei behalten für das gesellschaftliche Leben, für das Arbeitsleben.
Klartext: Was der Mann "für kulturelle Zwecke verbraucht [an Energie] entzieht er größtenteils den Frauen und dem Sexualleben." (S.96)
Hier kann man erahnen, wieso der Marxismus sich Freud anzueignen versuchte, indem die Unterdrückung der Sexualität als Teil des Ausbeutungskonzeptes des Arbeiters im Kaptalismus gedeutet wurde. 
Also, nur um der Errichtung einer Arbeitsgesellschaft willen, die die permanente Unterdrückung der Sexualbedürfnisse verlangt, wurde die Sexualität unterdrückt. Das führt zu ungerechtem Leiden und da diese Bedürfnisse nicht auslöschbar sind, zu ungerechtfertigten Schuldgefühlen.  
Verblüffend ist nun, daß Freud vom natürlichen Zweck der Sexualität völlig absieht. Er nimmt nur die Binnenperspektive wahr, den Lustgewinn, der den Menschen zu sexuellen Tätigkeiten motiviert. Daß die Natur aber den Lustgewinn nur dazu instrumentalisiert, daß der Mensch sich fortpflanzt, auch wenn er dabei nur seine Lust im Sinne hat, das übersieht Freud. Und damit verschließt sich ihm auch die Einsicht in den Zusammenhang zwischen der Regulierung der Sexualität mit dem Zweck der Sexualität. Die Homosexualität wird eben tabuisiert, weil sie dysfunktional für die Fortpflanzung ist und der Inzest, weil da ein höheres Risiko an Erbkrankheiten besteht als beim Geschlechtsverkehr mit Nichtverwandten. Wo Freud letztendlich nur Herrschaftswillkür sieht, regiert eher die göttliche Vorsehung im Dienste des Erhaltes der menschlichen Gattung! 
Das alles übersehend, bilden aber diese Aussagen Freuds ein gutes Fundament für jede Sexualrevolutionstheorie der unterdrückten Sexualität zur Stürzung der kapitalistischen Unterdrückungsordnung, ganz gegen Freuds sehr kritischen Aussagen zum Marxismus. 

Corollarium 1
Geschichtsphilosophische Ansätze sind in erstaunlicher Häufigkeit Erzählungen von einem ursprünglich guten Anfangszustand, der dann destruiert worden ist, und daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, vielleicht auch nur in Ansätzen, daß einst Verlorene wiederzugewinnen. Hier finden sich Strukturähnlichkeiten bei Rousseau, Marx und Freud.  Selbst Michael Foucault ist teilweise so rezipiert worden. Darf man in all dem säkularisierte Erzählung der großen christlichen Erzählung vom Paradies und dem Sündenfall und der endzeitlichen Erlösung sehen? Kann es zudem so sein, daß mit dem Verlöschen der großen christlichen Erlösungserzählung auch ihre Säkularsurrogate an Ausstrahlungskraft verlieren? 

      
      

Keine Kommentare:

Kommentar posten