Dienstag, 6. Februar 2018

Theologisch? Bitte nicht!

"Das kurze Video über die Beichte, das wir letztes Mal verwendet haben? Das war schon sehr theologisch!" Sätze wie diese hört man ungern, wenn man als angehende Theologin an einer Besprechung zur Planung der Firmvorbereitung teilnimmt. Offenkundig steht das Adjektiv "theologisch" hier für etwas Negatives. Genauso hätte der Sprecher "abstrakt" oder "unverständlich" sagen können." katholisch de am 5.2. im Standpunkt. 
Theologie steht in der Kirche nicht im hohen Kurs- von ihrem Ansehen außerhalb der Kirche ganz zu schweigen. Diese weitverbreitete Abneigung gegen die Theologie ist natürlich in erster Linie ein Moment des allgemeinen Antiintellektualismus. Aber diese Aversion zeigt auch spezifisch kirchliche Züge. Den Rat, den Paulus seinem Timotheus gibt: "Achte auf dich selbst und auf die Lehre [doctrina];halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören." (1.Timotheus 4,16), ruft nur blankes Entsetzen unter Theologen hervor; daß das Heil des Menschen von der Lehre der Kirche abhängen solle, ist einfach indiskutabel. Daß Jesus gelehrt haben soll, daß es so eine Jesus Doktrin geben solle, gilt als völliges Mißverständnis des Wirkens Jesu.
Eigentlich hat er doch nur die Nächstenliebe so praktiziert, daß in seinem Verhalten zu seinen Mitmenschen da für sie Gottes Liebe zu ihnen erfahrbar wurde. Die Erfahrung seiner Zuwendung ist das Eigentliche, demgegenüber alle Lehre doch nur graue Theorie sein kann.
Der Antiintellektualismus konfundiert sich dabei mit der Lieblingsvorstellung der Philosophie des Personalismus, daß Alles eben Begegnung ist zwischen Ich und Du. Wenn dann nachträglich über eine Ich und Du Begegnung nachgedacht wird, löscht dies Denken dann das Eigentliche der Begegnung aus. (Dem das völlig unverständlich ist, der halte sich die wunderschöne Szene des Erfolgsfilmes: "Casablanca" vor Augen: "Schau mir tief in die Augen, Kleines!" Da würde doch alles nachträgliche Durchdenken dieses Augenblickes nur den Zauber dieses Augeblickes nichten!)
Wo nicht mehr nach Erkenntnis gesucht wird, wo die persönliche Erfahrung allein das Maßgebende ist, da hat alle Lehre ihr Ende schon gefunden.
Es ist dann auch stimmig, wenn die Einheitsübersetzung aus der Erkenntnis des Heiles Lukas 2,77 die Erfahrung des Heiles macht- wer will noch eine Erkenntnis! Eine Lehre, auch die  der Kirche ist eine Explikation von Erkenntnissen: So ist es wahr!, aber in der christlichen Religion soll es nur noch: "Das glaub ich so- aber jeder Andere kann das auch anders glauben! geben, denn alles andere wäre ja Dogmatismus als die schlimmste Abart des Fürwahrhaltens von Lehren! Aber seit Luther wissen wir eben, daß der christliche Glaube nichts anderes ist als mein persönliches Vertrauen zu Jesus.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund der Abneigung allem Theologischen und gar Dogmatischem gegenüber. Für die Kirche in der Postmoderne gilt: "Der Kunde ist König!" Eine Ausrichtung auf die dogmatische Lehre verhindert eben eine klare Kundenorientierung. Kardinal Marx hat das begriffen: Wenn viele Homopaare eine kirchliche Segnung ihrer Verbindung wollen, dann kommt die Kirche dieser Nachfrage nach, wenn sie sich sicher sein kann, daß sie nicht ob dieser neuen Servicepraxis mehr Stammkunden verliert als Neukunden dazugewinnt. Das dogmatische moraltheologische Nein zu so einer neuen Segnungspraxis unterläuft dann der Kardinal, der von Papst Franziskus eben gelernt hat, indem gesagt wird, im Prinzip geht das nicht, daß Homopaare gesegnet werden, wohl aber im Einzelfalle. So kann dann jedes Paar als Einzelfall gesegnet werden und trotzdem bleibt die allgemeine Lehre der Kirche bestehen, nur daß sie für die Einzelfallpraxis als irrelevant abgeurteilt ist. 
Dogmatiker und überhaupt alle nach Erkenntnis Suchenden gleichen eben Anhängern der Planwirtschaft, in der ja gemäß den objektiven Bedürfnissen der Menschen produziert wird, statt daß der freie Konsument durch seine Nachfrage bestimmt, was produziert wird. So soll eben auch die Kirche nachfrageorientiert Díenstleistungen anbieten und das kann sie nur, wenn sie sich von jeder Lehre, was objektiv wahr sei, emanzipiert.

Zusatz 1
Der (anti)katholische Theologe Zulehner untersuchte die Predigten Papst Franziskus auf die in ihnen am häufigsten gebrauchten Worte (katholisch de). Dabei erklärt er dann auch Papst Franziskus und sein Feindbild:
 " Zulehner nennt sie "Ideologen, denen das Kirchenrecht wichtiger ist als das Evangelium". Franziskus warne solche fundamentalistischen Alles- oder Besserwisser vor theologischer Arroganz und falscher Sicherheit." Der Feind ist also der Ideologe (das ist eine polemische Bezeichnung für den Intellektuellen, dem der sachliche Pragmatiker entgegensteht. Das Kirchenrecht wird nun dem Evangelium entgegengesetzt; das ist urprotestantisch und meint, das Recht und Liebe zweierlei sei. Konkret heißt das, wer das in der Morallehre fundierte Nein zum Empfang der hl. Kommunion für Geschieden-Wiederverheiratete als verbindlich ansieht, der verkennt das Liebesevangelium.  Fundamentalistische Alles- und Besserwisser- an Polemik kaum noch überbietbar- das sind die, die vom Offenbarsein der Wahrheit in der Lehre der Kirche überzeugt sind.Stattdessen soll jede Lehre der Kirche nur noch relativ wahr sein. Der Papst kann eben das von Gottes Sohn selbst gelehrte Herrengebet ändern, weil es dem Papst mißfällt, er kann das eindeutige Ja der Kirche zur Legitimität der Todesstrafe beseitigen wollen und bald wird er wohl, deutschen Bischöfen folgend Homopaare segnen wollen- weil all das dem Widerstehende der Lehre der Kirche nicht verbindlich ist, es zählt nur die Liebe und nicht die Lehre der Kirche.
Theologische Arroganz und falsche Sicherheit, damit wird gegen die Gewißheit und den Wahrheitsanspruch der Lehre der Kirche polemisiert. Die Grundtendenz: purer Antiintellektualismus
und eine tiefe Abneigung gegen die Theologie.    


Corollarium 1
Das grundlegende Problem ist aber, daß der Antiintellektualismus nur so erstarken konnte, weil das Vertrauen in das Denken, daß das Denken wahre Erkenntnis hervorbringen kann, erschüttert ist.  Nietzsche ist da als das Ereignis der"Zerstörung der Vernunft" zu benennen -um es mit Georg Lukacs zu sagen- daß die Vernunft das, was und wie  es ist, nicht erkennen kann. Ein solcher Irrationalismus untergräbt eben auch den Wahrheitsanspruch der Lehre der Kirche.      

Keine Kommentare:

Kommentar posten