Radicale Nachfolge Jesu: ein Klärungsversuch über die Verbürgerlichung der christlichen Existenz
„Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!“ Mt 19,21. Radicaler kann Jesus Christus das, was es heißt, ihm nachzufolgen, nicht formulieren. Das „komm und folge mir“ bezeichnet die Zielbestimmung, das verkaufe alles, das Mittel, um ihm nachfolgen zu können. Denn jeder Besitz macht den Besitzer immobil, es existierten damals noch keine kleinen überall hinnehmbaren Kreditkarten, mit denen überall bezahlt werden kann. Den Armen soll das Geld aus dem Verkauf von allem geschenkt werden, denn die können dafür keine Gegengeschenke machen und so dem Verschenker wieder zu einem Besitz verhelfen. So mahnt Jesus ja davor, nicht die zum Essen einzuladen, von denen dann eine Einladung zu einem weiteren Essen zu erwarten ist, oder nur zu geben, der dann auch wiedergeben kann.
Diese Aussage ist bestimmt durch die oppositionelle Gegenüberstellung von dem irdischen und dem himmlischen Lohn bzw Schatz: Wer irdische Schätze genießt, wird keine himmlischen genießen können und wer keine irdischen genießt, dem werden himmlische verheißen.
Aber was meint nun die Nachfolge Jesu? Die Nachfolge Jesu meint hier eine genau bestimmte Lebenspraxis, die des Wanderpredigers, der auf allen seine Mobilität behindern würden Besitz verzichtet, um von Ort zu Ort ziehend das Evangelium zu predigen. Seinen Lebensunterhalt bezieht er dann allein aus dem ihm Gespendeten. Der Apostel Paulus bildete dabei eine Ausnahme, da er seinen Lebensunterhalt durch sein Handwerk verdiente und dem deswegen in Korinth der Vorwurf gemacht wurde, kein echter Apostel zu sein, da ihm die Versorgung durch die Gemeinden als einem Apostel zustünde.
Diese radicale Nachfolgepraxis ist eine antibürgerliche Existenz, indem auf ein Familienleben und dem dazu gehörigen Berufsleben verzichtet wird.
Aber die Wanderprediger gründeten selbst Gemeinden von Seßhaften, die ihr bürgerliches Leben nicht aufgaben, sondern als Gläubige in der Ordnung der Familie und des Berufes und des Staates lebten. Ein Familienvater kann nicht alles den Armen verschenken ohne gegen die Ordnung der Familie zu verstoßen, seinen Pflichten der Ehefrau und seinen Kindern gegenüber. So gibt es auch die Berufspflichten, denen nicht jeder Berufstätige sich einfach entziehen kann und auch die staatsbürgerlichen Pflichten: All diese zu befolgen, verlangt die Nächstenliebe.
Wie soll sich nun der bürgerlich lebende Christ zu der Idee der radicalen Nachfolge verhalten. Der Apostel Paulus präsentiert uns ein konstitutives Element der Verbürgerlichung der radicalen Jesusnachfolge: „Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht;“.1.Kor 7,29ff. Aus dem alles Weggeben und alles Verschenken wird hier ein Besitzen „als ob nicht“. Innerlich soll der Christ sich von allem Weltlichen distanzieren aber er kann das Weltliche dann doch noch nutzen um seiner weltlichen Verpflichtungen willen. So lebt der Weltchrist innerlich eine antibürgerliche Existenz in seinem äußerlichen bürgerlichen Leben.
Gekrönt wird diese paulinische Konzeption des „als ob nicht“ durch die Aussage: „denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ Wer sein Herz an die vergängliche Welt hängt, sie liebt, der wird mit ihr vergehen, denn die von ihm geliebte Welt wird ihren Liebhaber mit in ihren Untergang hinunterziehen.
Aus dem der bürgerlichen Welt sich Entziehenden, dem antibürgerlichen Wanderprediger wird so der Weltchrist in seiner ihm eigentümlichen Weltfremdheit, dem die Welt nie seine wahre Heimat sein kann. Die Gefahr dieser unweltlichen Existenz in der Welt ist offenkundig: daß er die Welt zu lieben anfängt und diese Distanz des „als ob nicht“ verdrängt.
Völlig verbürgerlicht präsentiert sich die Theologie, wenn sie Jesu Nachfolge als ein sozialpolitisches Programm mißversteht, die Armut zu bekämpfen.
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