Ein denkwürdiges Gespräch – oder vergessene Wahrheiten
Eine ältere Frau, auf einem Rollator gestützt stand in der Blumenabteilung eines Kaufhauses, künstliche Blumen in der Hand haltend, ratlos auf sie schauend. „Da haben Sie aber sehr schöne ausgewählt!“, sagte ich zu ihr. Es waren wirklich sehr schön ausschauende. Sie: „Darf ich die denn auf das Grab meines Mannes stellen?“ „Ach“,klagte sie, „das Gehen fällt mir so schwer und dann noch der lange Weg auf dem Friedhof zu dem Grabe meines Mannes!“ Nach einer Pause: „Aber kann ich das meinem Mann zumuten, daß ich nun statt echter künstliche Blumen ihm hinstelle?“
Diese Frage gilt es nun zu begreifen. Oft sagen wir mehr als wir intendieren und uns bewußt ist. Wer bedenkt schon, daß die Äußerung: „Morgen“ eine Abkürzung von „Guter Morgen“ ist und meint: „Ich wünsche Dir einen guten Morgen!“ Begriffen wäre diese Wunschäußerung aber erst, wenn gewußt würde: Ist das eine säkularisierte Version des ursprünglichen: „Ich bitte Gott, daß er Dir einen guten Morgen schenkt!, oder manifestiert sich darin ein magisches Wunschverständnis, daß durch die Wunschäußerung der gute Morgen beschworen, also erwirkt würde?
Welche Voraussetzungen impliziert diese Frage der Frau: „Kann ich das meinem verstorbenen Manne zumuten?“ Hierbei soll nun das Ausgesagte ernst genommen werden und nicht psychologistisch entkernt werden: Hier melde sich nur ihr Übberich, daß sie nicht gegen die Norm, man legt auf Gräber keine künstlichen Blumen, verstoßen dürfe. Es geht in dieser Aussage objektiv nicht um eine Norm, sondern um die Frage, ob das für ihren Mann akzeptabel sei. Das impliziert, daß erstens der Verstorbene noch wahrnimmt, daß Blumen auf sein Grab gelegt werden und daß zweitens es ihm nicht gleichgültig ist, welche seine Frau auf sein Grab legt und daß drittens das Folgen zeitigen könnte für das jetzige oder spätere Verhalten des Mannes zu seiner Frau, später,wenn sie selbst verstorben wieder bei ihm sein wird. Denn es ist der Ehefrau nicht gleichgültig, daß es ihrem Manne nicht gleichgültig ist, ob sie künstliche oder echte Blumen auf sein Grab legt.
Das sagt über die Vorstellung, was bedeutet es für den Verstorbenen, tot zu sein, viel aus. Dies Wissen um den Verstorbenen ist in der Frage: „Kann ich das meinem verstorbenen Manne zumuten?“ implizit enthalten. Die heutige Beerdigungskultur lebt immer noch aus diesem Wissen, aber es könnte wahr sein, was Slavoj Zizek so formuliert, daß die Kultur das ist, was wir tuen und nicht mehr glauben. Nur, konnte diese Frau diese Frage noch so stellen, wenn sie das so nicht mehr glauben würde?
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