Freitag, 26. Juni 2026

Eine Welt ohne Grenzen – ein gemeinsames Projekt der Linken und der Katholischen Kirche?

 

Eine Welt ohne Grenzen – ein gemeinsames Projekt der Linken und der Katholischen Kirche?


Slavoj Zizek enthüllt in seinem Buch:“Der neue Klassenkampf“ die neue Revolutionsstrategie der Linken, nachdem sie ihre Hoffnung auf das revolutionäre Subjekt der Arbeiterklasse endgültig, desillusioniert aufgegeben hatten:“Nur eine wirklich große Anzahl von Flüchtlingen(mitsamt ihrer Enttäuschungen,da Europa ihre Erwartungen offensichtlich nicht erfüllen kann) könne die radikale europäische Linke wiederbeleben.“1

Es soll nun der Gedankengang, der diese Revolutionsstrategie hervorgebracht hat, rekonstruiert werden. Am Anfang war der Wille Linksintellektueller, daß die modern bürgerlich - kapitalistische Gesell-schaftsordnung überwunden werden müsse. Das verband sich mit der Einsicht, daß die Gruppe der Linksintellektuellen auf sich allein gestellt, der Aufgabe einer revolutionären Überwindung dieser Gesell-schaftsordnung nicht gewachsen sei. Wer kann dann das revolutionäre Subjekt sein, wenn es nicht der aufgeklärte Bürger sein kann,und nicht eine neue Intellektuellenherrschaft in einer Entsprechung zu dem Konzept einer Priesterherrschaft? Der Marxismus gab darauf die Antwort, die die Linke bis 1989 im Wesentlichen zustimmte. Der Klassenkampf sollte dabei das Mittel sein, durch das die Revolution schlußendlich siegen würde. Zu beachten ist hierbei, daß die Gründe, warum die Linksintellektuellen das Ende der bürgerlichen Gesellschaft herbeisehnten und die Gründe, warum die revolutionäre Arbeiterklasse den Kapitalismus überwinden möchte, nicht a priori identisch sind.

Wer könnte nun als ein Ersatz für die Arbeiterklasse als das revolutionäre Subjekt fungieren? Der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie wird nun substituiert durch den zwischen den ausgebeuteten Völkern und den sie imperialistisch ausbeutenden Völkern. Die „Flüchtlinge“ sind nur Vertreter der ausgebeuteten Völker, die nun in Europa und Amerika die „Ausbeuter“ selbst „ausbeuten“ wollen, indem sie einen Anteil an dem Reichtum der „Ausbeuter“ für sich zurückfordern da unser Reichtum doch nur deren „Ausbeutung“ erwirkt sei. Die individuelle Rückgewinnung des ihnen eigentlich gehörenden Reichtumes der westlichen Länder würde sich dann in eine politische Revolution radicalisieren, in der die bürgerlich- kapitalistische Gesellschaft zerstört würde.

Damit transformiert sich der Klassenkampf in einen zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden Völkern. Er wird zu einem ethnischen Konflikt. Diesen Wandel kritisiert nun der in diesem Punkte eher traditionalistische Linke Zizek in diesem Buch.Seine Kritik fundiert er mit diesem Leninzitat, das wirklich bedenkenswert ist:“Die Methode der sozialistischen Reolution unter der Losung >Fort mit den Grenzen< ist völlige Konfusion.“ „Wir vertreten die Notwendigkeit des Staates,der Staat aber setzt Grenzen voraus. Zum Staat kann natürlich eine bürgerliche Regierung gehören,während wir Sowjets brauchen. Aber auch für diese besteht die Frage der Grenzen. Was heißt >Fort mit den Grenzen<? Hier beginnt die Anarchie.“2

Die Forderung nach der Auflösung aller Grenzen zerstört die Ordnung des Staates und verwandelte die Welt so in eine Anarchie.Daß diese Erkenntnis der Revolutionär Lenin erfaßte, zeigt seine Größe. Die postmarxistische Linke dagegen will die Anarchie als die Zerstörung jeglicher staatlicher Ordnung. Indem sie die Ordnung des Staates zerstören will,will sie auch die Zerstörung der Ordnung der Völker. Sie revoltiert so gegen die Schöpfungsordnungen Gottes.


Aber wie konnte es nun dazu kommen, daß jetzt postmarxistische Linke mit der Kirche zusammen faktisch die Ordnung des Staates nichten wollen? Ein Staat der offenen Grenzen liquidiert sich ja selbst.


Meine vorläufige These dazu lautet: Die Katholische Kirche hat sich dem Humanitarismus zugewandt und dabei die Gehalte der christlichen Religion aufgegeben. Zu diesem Humanitarismus als dem Glauben an den guten Menschen gehört auch die Vorstellung einer herrschaftsfreien Weltgesellschaft, die nur noch aus vernünftigen Menschen bestünde ohne eine Volks- und Geschlechtszugehörigkeit, ohne eine sie beanspruchende Religion , daß es nur noch atomisierte Menschen gäbe, die sich alle wechselseitig als gleiche bejahten.


1Zizek, Der neue Klassenkampf, 2020, S.88.

2A.a..O. S.95.


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