Freitag, 9. Oktober 2015

"Das religiöse Milieu leidet an einer Überbewertung des Sechten Gebotes!

Mit dieser These, veröffentlicht auf Kath net am 8.10.2015, ursprünglich Cathwalk verblüffte M. Krah die Leserschaft. Provokant ist diese These schon, auch wenn der Emergenzpunkt erst ganz harmloser Art war: daß das Tragen von langen Wickelröcken- in conservativ-traditionalistischen Kreisen angeblich beliebt- unmoralisch sei, weil es unmoralisch sei, wenn Frauen sich so häßlich kleideten. In Modefragen zugegebenermaßen nicht auf dem letzten Stand der Bewegung, mußte ich erstmal googeln, um herauszufinden, was das denn für Röcke sind und bin nun vollenst irritiert, denn was mir da mein Computer als Wickelröcke lang anzeigte, sah von Frauen getragen recht attraktiv aus. Aber der Kern dieser Problemanzeige ist wohl die Frage, wenn man die Debatte nicht einfach nur als Unterhaltung abtuen will, ob es eine moralische Pflicht ist,sich attraktiv zu kleiden? Es sei an die Anfänge des Radicalfeminismus erinnert, als Frauen erklärten, daß jede Frau, die sich schön mache, sich zum Sex- und Lustobjekt der Männer degradiere und damit beweise, wie sehr sie die Patrichalismusideologie verinnerlicht habe. So sei der erste Schritt der Frauenemanzipation ein bewußtes Sich-Häßlich-Machen, um so den Männern zu zeigen, daß sie nicht mehr das Objekt männlichen Begehrens sein wollten- ja einige erklärten gar, daß die Ausrichtung der Frau auf den Mann, daß sie mit ihm Intimität suche, eine Konstruktion des Patriachates sei (so ein Referat habe ich wirklich während meines Theologiestudiumes gehört!), den von Natur aus sei die Frau lesbisch orientiert!  Also, der Feminismus erfand die Frauenmoral: kleide dich wie ein Aschenputtel, damit man dich nicht als eine Frau mit Interesse an Männern ansieht.  Aber die Natur der Frau erwies sich als stärker und so kleiden sich jetzt auch die Feministin attraktiv, auch, um neben anderen Frauen auch wieder Männern zu gefallen. 
Aber das von Cathwalk angerissene Thema entewickelte sich ja weiter zu der These, daß man in conservativ-katholischen Kreisen das 6.Gebot überbewertet. Als Bibelleser und Exeget kann man auch nicht umhin, daß die Auslegung des 6.Gebotes: "Du sollst die Ehe nicht brechen", auch wenn man die Erläuerterung Jesu, daß, wer eine Frau nur lüstern ansieht, schon die Ehe bricht, wobei hier wohl eine verheiratete Frau gemeint sein muß, weil sonst es keine Möglichkeit des Ehebruches bestünde, es sei denn, der Mann sei verheiratet, oft so weit von dem, was der Text aussagt, sich entfernt, daß man wirklich von einer Überbewertung sprechen könnte. Der Katechismus hängt an dies Gebot seine Lehre von der Keuschheit. Das ist gute Tradition, aber man könnte auch-hyperkritisch?- anmerken, daß ursprünglich das Gebot nicht die Tugend der Keuschheit im Auge hatte, wie alle 10 Gebote keine Tugenden lehren, sondern nur erklären, was nicht erlaubt ist. Die kirchliche Tradition hat so dieses Gebot sehr weit entfaltet und darin zeigt sich eben auch, wie wichtig der Kirche dieses Gebot war und ist. Aber man wird mit dem Kritiker fragen dürfen, ob so die Ursprungsintention des Gebotes nicht in Gefahr gerät, vergessen zu werden, wenn nun statt des Schutzes der Ordnung der Ehe die sexuelle Enthaltsamkeit zu dem Thema dieses Gebotes wird. Man könnte ja den Eindruck gewinnen,daß es ursprünglich die Meinung gegeben hätte, daß die menschliche Sexualität etwas Negatives sei, daß der Mensch aber, weil er nun leider so viele starke Triebe habe, besonders den Sexualtrieb, diese nicht gänzlich abtöten könne, sodaß als Notordnung die Ehe erfunden wurde, damit da kontrolliert und begrenzt der Mensch seine Triebe leben dürfe, aber nur da! Nur, das ist nun wirklich nicht die Intention dieses Gebotes und schon gar nicht die Quintessenz der hl. Schrift. 
Wir haben es hier eher mit einem Paradigmenwechsel zu tun: für das Alte Testament mit seinem 6.Gebot steht das jüdische Volk als das von Gott sich erwählt habende im Vordergrund und damit dieses lebt, bedarf es der Fortpflanzung, durch die sich das Volk perpetuiert. Die Ehe ist dafür die Organisation, die von Gott dafür eingesetzte und sie ist diesem Ziele auch subordiniert. Denn nur so war er möglich, daß Gott am Anfang der Menschheitsgeschichte gar Inzestehen zuließ, weil ohne sie die Menschen schon in der 2.Generation ausgestorben  wären. Nicht ist also eine Begrenzung und Eingrenzung der Sexualität das Ziel der Ordnung der Ehe, sondern daß es eine gute Ordnung gibt, in der Kinder aufwachen können und erzogen werden. damit so das Volk sich erhält. Gottes Verheißung an Israel, daß es ein großes und mächtiges Volk werden soll, überwindet nun dabei den strukturellen Conservatisnus des Willens zum Erhalt des Volkslebens- es soll wachsen und sich vermehren! Im Sinne des Alten Bundes ist so nicht der enthaltsame Mann und die enthaltsame Frau ein religiöses Ideal, sondern das Ideal ist die kinderreiche Familie! Die unfruchtbare Frau ist dagegen eine Tragödie für die Frau und eine kinderlos bleibende Ehe "erlaubt" dem Ehemann, um es modern auszudrücken, den Seitensprung, damit die Ehe zu legitimen Kindern kommt. Wer meint, dem was Ehe ist, gerecht zu werden, ohne daß die Subordination dieser Ordnung unter die des Volkes beachtet wird, irrt gewaltig: er redet dann nicht von der Ordnung der Ehe des Alten Testaments. 
Aber da hat sich was geändert: spätestens der bürgerliche Individualismus löst diese Subordination auf und läßt die Ehe zu dem Ort der privaten Existenz werden, in der Mann und Frau in Liebe zueinander verbunden leben und als Frucht ihrer Liebe auch eigene Kinder empfangen. 
Der Apostelfürst Paulus lehrt nun ganz anders: " Wenn sie aber nicht enthaltsam leben könne, sollen sie heiraten. Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren." (1.Kor.7, 9) Wenn das auch zuallererst auf Verwitwete bezogen, gemeint ist, kündigt sich hierin doch der Paradigmenwechsel zum Thema der Sexualität an. Paulus sagt, daß er wünscht, daß alle unverheiratet lebten wie er- aber, wenn man sich nicht enthalten könne, und bevor man seinen Begierden erliege, dann ist es besser, zu heiraten. Bedenken wir das jetzt Gelesene! Wenn jeder wie Paulus enthaltsam leben würde, würde die Menschheit nach circa 100 Jahren ausgestorben sein, gerechnet von dem imaginären Punkte an, an dem alle beschlössen, wie Paulus zu leben, also enthaltsam. Das kann nun unmöglich von Gott gewollt sein, der das Leben der Menschen will, und nicht ihren Untergang! Eine Morallehre, die besagte, daß es eigentlich gut wäre, stürbe die Menschheit aus infolge gelebter Enthaltsamkeit, wenn nicht einige, die sich nicht enthalten können, heirateten und sich fortpflanzten, wäre so gesehen die Antithese zum Alten Testament. Sexuelle Enthaltsamkeit ist ein Akt der Lebensverneinung- nur daß der bürgerliche Individualismus das verkennt, weil ihm nur das individuelle Leben von Bedeutung ist und eigene Kinder nur, wenn sie die Lebensqualität des Einzelnen verbessern. Will man  hier Paulus nun nicht im Geiste Marcions lesen, dann darf das: ich wünschte, daß alle Menschen enthaltsam leben wie er, der Apostel nicht auf alle Menschen bezogen werden, sondern auf alle Menschen, die wie der Apostel Paulus berufene Apostel sind und die dann um dieser Berufung willen enthaltsam leben. Verstünde man dagegen alle so, daß damit wirklich jeder Mensch gemeint ist, dann wäre das Ideal und der Wunsch des Paulus der des Aussterbens der Menschheit! Das ergäbe dann, und damit würde der Philosoph Schopenhauer nun doch recht bekommen, daß die christliche Erlösungsreligion die Erlösung in der Überwindung des Willens zum Leben sieht und so die enthaltsam lebenden Heiligen diese Überwindung vorgelebt hätten. Dann wäre tatsächlich die Sexualität als Wille zur Fortpflanzung, daß das Leben nicht verlöscht, das schlechthin Negativé- und je mehr dieser Wille zum Leben zum verlöschen gebracht werden würde. desto heiliger wäre da der Christ. (Und so ist das dann auch in häretischen Abspaltungen von der Kirche gedacht und gelehrt worden- etwa bei den Katharern!) 
Daß hier bei Paulus ein Paradigmenwechsel vorliegt, könnte so in gemäßigter oder in radicaler Weise verstanden werden: gemäßigt, wenn man sagt, daß der Wunsch Pauli, daß alle enthaltsam wie er leben sollten, nur auf die Apostel zu beziehen ist und nicht auf alle Menschen, daß also "Stände" in der Kirche, die der Apostel und die der Witwen enthaltsam leben sollten, aber nicht jedermann oder radical, daß wirklich jeder Mensch enthaltsam leben sollte wie Paulus, sodaß die Menschheit ausstürbe. In der gemäßigten Deutung  bleibt die Sexualität etwas Positives, weil es ohne sie kein Leben gibt, während in der radicalen Deutung die Sexualität. weil sie der Wille zum Leben ist, etwas Negatives.
Könnte es sein, daß in der kirchlichen Tradition diese beiden möglichen Verständnisse von Sexualität sich vermengelt haben und so konfundiert haben?
Dann würde die Ordnung der Ehe ein zwiefaches Gesicht bekommen: einerseits das der Ordnung für die Fortpflanzung der Menschen, damit sie nicht aussterben und andererseits als Notordnung für die Menschen, die sich nicht enthalten können, als Zugeständnis, daß sie so dann wenigstes geregelt ihre Sexualität leben! Etwas überspitzt formuliert: die Ehe wäre das, was in den Niederlanden die Restaurationen sind, in denen Rauschgiftsüchtige legal Drogen konsumieren dürfen, wenn sie als nicht mehr therapierbar gelten. Das Ziel der Ordnung der Ehe wäre so primär die Eingrenzung des Übels der sexuellen Triebe für die, die nicht wahrlich heilig, nämlich enthaltsam leben können!
Es drängt sich nun der Verdacht auf, daß der Kritiker in dem "religiösen Milieu" das das 6. Gebot zu wichtig nimmt, genau genommen, diese radicale Deutung der Paulusaussage meint, daß eigentlich Sexualität etwas Negatives sei und daß die Ehe nur ein Zugeständnis an die Schwachen ist, die, die sich nicht enthalten könnten. Dann würde der positive Gehalt des 6.Gebotes heißen: lebe enthaltsam und nur wenn du dich nicht enthalten kannst, dann heirate, damit du nicht Opfer deiner sexuellen Begierden wirst. Und das verlangte nun auch eine Kleiderordnung, die das Nein zur Sexualität ausdrückt: ich will ein Mensch ohne Sexualität sein, denn nur so bin ich rein!  
Darf man vermuten, daß die Tatsache, daß in der Entfaltung des 6. Gebotes (das erstmal gar nichts mit der Keuschheit zu tun hat) das Motiv der Keuschheit eingeführt wird, ein Versuch ist, die gemäßigte mit der radicalen zu synthetisieren? Jetzt erscheint die Sexualität als etwas Bedrohliches, das nur in dem Reservat der Ehe gelebt werden, weil sie sonst den Menschen gefährdet und er dazu aufgefordert ist, sie zu kontrollieren wie ein Hundebesitzer seinen Kampfhund unter Kontrolle haben muß, weil er ihn und die Mitmenschen, außer Kontrolle geraten, sonst nur gefährde! Daß dann in der Sexualität nur etwas Bedrohendes gesehen wird, das als Auslegung des 6.Gebotes, wäre dann die "Überbewertung des 6.Gebotes".Die Überwindung der Gefährlichkeit der Sexualität durch die  Ehe und daß die Sexualität  nicht nur perhorresziert wird, wäre dann die Differenz zur radicalen Deutung der Paulusaussage. Sie kann etwas Positives werden, aber nur in der domestizierten Form der ehelichen Liebe. Aber in diesem Willen zur Domestikation der Sexualität lebt vor allem die Angst vor der Sexualität als etwas eigentlich Bedrohlichem- nur dies Bedrohliche ist der Wille zum Leben, daß das Leben nicht im Tode untergeht sondern sich durch den Akt der Fortpflanzung erhält. Könnte, um auf den Emergenzpunkt der Kleiderästhetik zurückzukommen,es eine Kleidermode unter conservativen und traditionalistischen Frauen geben, die so ein Nein zum Leben ausdrücken als Nein zur eigenen Sexualität?   
Aber es steht noch die Frage im Raum, ob es eine Pflicht zum Attraktiv-Sich-Ankleiden der Frau gibt, sodaß es unmoralisch wäre, sich nicht schön zu machen? Sicher ist die Aussage, daß lange Wickelröcke zu tragen, etwas Unmoralisches sei, eine Übertreibung, weil es wirklich eine solche Pflicht weder für Frauen noch Männer gibt. Aber es ist doch ein Fünklein Wahrheit in diesem Urteil, wenn man dies Urteil versteht als polemische Erwiderung auf die Meinung, daß ein Sich-Attraktiv-Anziehen eine Sünde sei, wie es als Überreaktion auf eine : Alles, was Spaß macht, ist erlaubt Moral tatsächlich vertreten wird. Um nicht moralisch lax zu sein, verfällt man in die Prüderie und findet so nicht die goldene Mitte: daß es der Natur der Frau entspricht, sich schön zu machen und daß es eben der Frau als kultivierter Mensch nicht genügt, natürlich schön zu sein, sondern durch Kultivierung die natürliche Schönheit zu optimieren. Und selbstverständlich hat dies Sichschönmachen etwas mit der Sexualität zu tun. Von der Natur her ist es eben so vorgesehen, daß die Schönheit der Frau den Mann "anlockt" und ihn an sie bindet Der Mann liebt eine Frau, gerade auch, weil sie schön ist und darum sind eben auch alle geschlechtsreifen Frauen schön, so lange sie fortpflanzungsfähig sind. Aber Frauen sind nun unterschiedlich schön, die einen mehr, die anderen weniger und dann kommt noch das ästhetische Talent dazu, sich zu verschönern eben auch durch attraktive Kleidung.
Das einer Frau vorzuwerfen, hieße ihr ihre Natur zum Vorwurf zu machen. Aber es ist genauso einsichtig, daß die Konkurrenz der Frauen untereinander: bin ich attraktiver als...auch den Mißbrauch der Moral evoziert: Wenn ich nicht so schön bin wie die anderen und nicht so talentiert im Sichverschönern, dann liegt es nahe, das Schönsein der Anderen MORALISCH zu entwerten: es ist unmoralisch,sich so attraktiv zu kleiden! ist dann die Parole wider die Zuschönen und Zuattraktiven. Das Ressentiment gegen die Schönheit der Anderen und ihrer Attraktivität bildet dann einen Quellgrund für die Prüderie: wenn ich nicht schön sein kann, dann sollen und dürfen es die Anderen nicht sein! So ist die Neigung zur Prüderie eben nicht nur ein Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zur eigenen Geschlechtlichkeit sondern kann auch eine Waffe im Konkurrenzkampf der Frauen untereinander sein, den Schöneren und Attraktiveren ihre Vorzüge als etwas Unmoralisches abzuqualifizieren. Man kann deshalb urteilen, daß es keine Pflicht gibt, sich als Frau attraktiv zu kleiden, daß es aber wohl von Klugheit zeigt, wenn Frauen sich schön machen, steigen doch so ihre Chancen auf das Glück in der Liebe wie auf einen Erfolg im Beruf!   

Corollarium 1 
M,E. kann man Nietzsche nicht gerecht werden, liest man ihn nicht von seinem Nein zur Lebenswillensüberwindungs-Philosophie Schopenhauers, in dessen Licht er auch die christliche Religion wahrnahm.  Die christliche Moral ist aber auch wirklich immer gefährdet, eine "Moral" des Ressentiments zu werden als Verachtung des Schönen und Starken!               

  



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