Sonntag, 4. Oktober 2015

Kardinal Marx und sein Ja zur modernen Welt

Gegen Papst Benedikts Lehre, daß das 2 Vaticanums als in der Kontinuität der Lehrtradition der Kirche stehend zu interpretieren sei, setzt Kardinal Marx die weit verbreitete Ansicht des Bruches- ja, liest man seine kleine Ecclesiologie: "Kirche überlebt", es drängt sich der Leseeinsruck auf, daß es eigentlich die Kirche erst seit dem 2. Vaticanum  gäbe und daß jetzt erst die Suchbewegung  nach ihrer angemessenen Sozialgestalt angefangen habe. Die Diskontinuität mache dabei die differente Bewertung der Moderne aus. Sagte die vorkonzilare Kirche Nein zur Moderne, so sage sie nachkonzilar ihr Ja dazu. Sie soll nicht mehr ein Gegenpol zur Moderne sein, sondern sich eingliedern in sie und das verlange nun  auch eine Modernisierung  der Sozialgesalt der Kirche. 
Marx will nun diese Versöhnung mit der Moderne zwiefach begründen- einerseits rein realkirchenpolitisch- (und hier spricht der Kardinal wohl am authentischsten in eigener Sache: die Kirche habe den Kampf gegen die Moderne verloren und so müsse sie sich jetzt dem Sieger einpassen, sie hat aber auch den Kampf gegen die innerkirchliche Strömung des Modernismus verloren- sagen wir es etwas pauschalisierend, daß die zeitgnössische Universitätsthologie selbst vom Geist des Modernismus bestimmt wird und andererseits mit der verblüffenden These, daß die moderne Welt ein legitimes Kind des Christentumes sei! Pathetisch bekennt der Kardinal: " Ich glaube, dass die Entwicklung hin zu einer offenen pluralen, freien Gesellschaft, in der sich die Demokratie als Staatsform entwickelt hat, positiv ist, auch vom Glauben her die richtige Entwicklung war und von den Grundpositionen des Evangeliums gedeckt wird." (S.13)
Bisher war es der Standpunkt der Kirche, daß alle drei Grundformen des Staates, die der Monarchie, die der Aristokratie und der Demokratie aus theologischer Sicht bejahbar sind und man wies auf die Deformierbarkeit aller drei Grundformen hin, daß aus der Monarchie die Diktatur, aus der Aristokratie die Oligarchie und aus der Demokratie die Ochlokratie werden könnte. Daß die Demokratie die beste aller denkbaren Staatsformen sei, erkannten die kaholischen wie die evangelischen Theologen- man staue, ganz ökomenisch- nach 1945, als die Kircche im freien Westen unter dem Hegemon der USA zu dieser Einsicht kam. Als Alternative bot sich ja auch nur noch das Konzept der "sozialisischen Demokratie" des Ostblockes an und da votierte man für die Ideale des freien Westens! In der evangelischen Theologie in der Weimaraner Republik überwogen eindeutig die kritischen Stimmen zur Demokratie, in der Katholischen Theologie die Sorge, wie die Selbständigkeit gegen den modernen Staat zu verteidigen, verbunden mit dem Nein zur Moderne durch  die Päpste der vorkonziliaren Zeit. Das Ja zur westlichen Demokratie, diese Wende fand dann ihre erste Manifestation in der Unterstützung des Projektes der Gründung von C-Parteien, in denen Katholiken und Protestanten gemeinsam für eine Fundierung der Politik auf "christlichen" Werten wirken wollten. Wer sich über den Erfolg dieses Projektes informieren möchte, wage einen Blick in die CDU! Findet man da noch etwas Christliches? Fundiert wird das Scheitern dieses Projektes in dem ausgezeichneten Buch: "Die Löwen kommen" von Vladimir Palko aus dem Jahre 2014 dargelegt. Aber das hindert nun Kirchenobere nicht daran, zu bekunden, daß wir politisch gesehen schon in der besten aller denkbaren Staatsordnungen leben und daß es so nur noch die Aufgabe der Kirche sei,die Gesellschaft dabei zu unterstützen, daß sie ihren eigenen Idealen gerechter wird- das versteht der Kardinal Marx unter kritischer Wegbegleitung der modernen Gesellschaft, die sich eben kontinuierlich zu modernisieren habe.
Aber inwieweit ist denn nun die Moderne ein Projekt aus dem Geiste des Christentumes, wie es der Kardinal sieht? Als Positivum der Moderne vermerkt der Kardinal die Trennung von Kirche und Staat! Hier kann man nur staunen, denn selbstverständlich war die Kirche strikt gegen diese Trennung- sie sah als das Ideal bis zum 2.Vaticanum das Thron-und Altarbündnis an! Wenn man überhaupt die Trennung von Kirche und Staat dem Christentum zurechnen will als positive Leistung, dann nur so: ob der Kirchenspaltung in Folge der Reformation entstand die Idee des Staates, der sich von den "Kirchen" und dem Christentum emanzipiert, um allein vernünftig zu regieren! Den erhabensten und schreklichsten Ausdruck fand das in der Einsetzung  der Verehrung der Vernunft als neue Göttin Frankreichs unter Robespiere bei gleichzeitiger Verfolgung der Katholiken. Daß die Auflösung des Thron und Altarbundes etwas Gutes sei, das ist nun wirklich der Kirche bis zum 2Vaticanum nicht aufgegangen. Erst mal man gegen seinen Willen aus dieser Ehe entlassen worden war, fing man an, darüber nachzusinnen, ob das nicht was Gutes sein könne. also nach der Zerstörung der drei christlichen Monarchien im und nach dem 1.Weltkrieg. (Und es ist offensichtlich, daß gerade der Protestantismus in Deutschland in Hitler die Chance sah, nach der gewaltsamen Trennung  ein zweites Staat-Kirche- Bündnis zu schmieden, auch und gerade auch angesichts der atheistisch-kommunistischen Bedrohung! Und der Vatican agierte nicht völlig anders mit seinen Kirchenvertägen mit dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland!)  Nein. erst die Macht des Faktischen, daß der freie Westen und auf der Gegenseite Stalin den 2.Weltkrieg besiegte, erwirkte die kirchliche Begeisterung für die Demokratie und den Wert der Trennung von Kirche und Staat. Reden wir Klartext: nicht neue theologische Einsichten sondern die Anerkennung des Faktischen ließ die Kirche zur Bejaherin der Demokratie und der Trennung von Kirche und Staat werden. Dem christlichen Ideal der Verhältnisbestimung von Kirche und Staat entspricht das wenigstens nicht.
Und Pluralität und Freiheit? Erst die Erfahrung von totalitären Staaten führte zu dem Ja zur Pluralität und Freiheit als den Idealen jeder Gesellschaft, denn nun meinte man damit, daß der Staat nicht das Recht habe, im Namen seiner "Wahrheiten" die christliche Religion zu unterdrücken. Der Staat solle ideologiefrei sein. also, keine Religion und keine Weltanschauung unterdrücken, damit er nicht auch das Christentum unterdrücke. Man könnte eingedenk von Carl Schmitts Studie: "Römischer Katholizismus und politische Form" urteilen, daß das eben auch die Stärke der Römischen Kirche sei, politisch "flexibel" zu sein. Aber solche rein kirchenpolitischen Wandlungen haben nun sehr wenig mit neuen oder besseren theologischen Einsichten und Erkenntnissen zu tun- man paßt sich dem Nicht-mehr-Veränderbaren einfach an. 
Und das bildet dann auch den Grundton dieser kleinen Eccleiologie: die Kirche muß sich der Gesellschaft einpassen, denn nur so erhält und findet sie den Kontakt zu ihren Zeitgenossen. Peinlich ist aber bei diesem Anpaßmanöver, das diesem Kardinal vor Augen steht als die Suche nach einer neuen Sozialgestalt für die Kirche, daß er nun das, woran sich die Kirche eimzupassen hat. auch noch als eine Gesellschaftsformation bezeichnen will, die aus dem Geiste des Christentumes entstanden sei! Dagegen gilt aber festzuhalten, daß die Moderne als Projekt die Säkularisation des Christentumes ist, insofern sie das, was die Religion von Gott erhofft, nun als die Aufgabe des Menschen ansieht: die Humanisierung der Welt. Salopper formuliert: sah die vorkonzikiare Kirche ihre Aufgabe in der Verchristlichung der Welt sieht die nachkonziliare Kirche ihre Aufgabe mit der Welt zusammen in der Humanisierung der Welt, wobei der christliche Glaube dann nur noch eine Motivation zur Humanisierung ist- neben anderen Motivationen und das ist dann die bejahte Pluralität  an Motivationen, wenn sie alle nur dem selben Ziel dienen. Einfacher gesagt: egal, ob Christ, Muslim oder Atheist- Hauptsache humanistisch engagiert. Und so gesehen ist dies kleine Büchlein von Kardinal Marx ein wohl durchdachtes Konzept für das Jasagen zur Einpassung der Kirche in die moderne Welt. Und dazu gehört dann auch die jetzt beginnende  Familiensanode- daß hier die Weichen für die Modernisierung der Kirche gelegt werden!                                      


     



               



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