Montag, 4. Juli 2016

Lesefrüchte: ein romantischer Blick auf die alten Zeiten

"Die alten Zeiten sind nicht mehr, wo zu den Träumen göttliche Gesichte sich gesellten, und wir können und werden es nicht begreifen, wie es jenen auserwählten Männern, von denen die Bibel erzählt, zu Muthe gewesen ist. Damals muß es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben, so wie mit den menschlichen Dingen.
In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr Statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntniß von der überirdischen Welt, so weit wir sie nöthig haben, zu Theil wird; und statt jener ausdrücklichen Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger und wohlgesinnter Männer und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer Menschen zu uns." (Novalis, Heinrich von Ofterdingen 1802, Bibliothek der Erstausgaben, 2004, S.15f) Romantisch gestimmt wird hier der Verlust der Unmittelbarkeit betrauert. So einsichtig diese Trauer auch ist, darf der Verlust der Unmittelbarkeit nicht auch als ein Gewinn begriffen werden? Hebt nicht jedes Begreifen von etwas die spontane Unmittelbarkeit zu dem zu Begreifenden auf? Heut wird meist die Lehre über Jesus Christus als Surrogat für ein unmittelbares persönliches Verhältnis zu ihm angesehen, sodaß fast der Eindruck entsteht, als wenn eine explizierte Christologie mir einen Zugang zu der Person Jesu verbaue. Wie nun aber, wenn im unmittelbaren Erleben der Person Jesu noch gar kein Erkennen und gar Begreifen des so Erlebten mitenthalten ist? "Für wen haltet ihr mich?" frägt Jesus nicht nur seine Schüler sondern immer auch uns! Aber dies "Halten für" soll ja nun nicht irgndeine Meinung über ihn sein, sondern frägt nach der Erkenntnis: "Habt ihr mich erkannt als das, was ich wirklich bin?".Hier muß die unmittelbare Erfahrung transzendiert werden, sie muß reifen zur Erkenntnis- und die ist die in der Lehre der Kirche explizierte Christologie. Erst in der aufgehobenen Unmittelbarkeit lebt die Erkenntnis von Jesus Christus in uns. 
Zur Veranschaulichung: Wer einen herunterfallenden Stein sieht, der kann das als unmittelbare Erfahrung qualifizieren, insbesondere wenn er ihm auf den Kopf fällt, aber warum Steine fallen und nicht wie Federn herunterschweben, diese Erkenntnis vermittelt keinem das bloße Widerfahrnis, daß der Stein auf seinen Kopf fiel!                    

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