Lesefrüchte: Wie die Gottesdienstbesucher einer Messe zu Madrid im Jahre 1796 beschrieben wurden
Auch wenn der Verdacht, daß der Autor M.G.Lewis als Engländer der Katholischen Kirche nicht nur reserviert sondern gar ablehnend gegenübersteht,so bezeichnet er Madrid als eine Stadt, in der der „Aberglaube sein despotisches Zepter schwingt“1so realistisch ist ihm in dem ersten Kapitel dieses Buches die Analyse der Gottedienst- besucher doch gelungen. Sehr viele Menschen strömten zu der hl. Messe in der Kapuzinerkirche, die Kirche sei erfüllt gewesen „vom Gedräng und Gewühl der Gläubigen“2, aber dann entlarvt dieses erste Kapitel die Hoffnung des Lesers, daß diese Vielen aus frommen Gründen da zusammengeströmt seien. Es soll nun dem Autoren das Wort erteilt werden:
„ So war denn die Zuhörerschaft,welche sich gegenwärtig in der Kapuzinerkirche drängte,daselbst aus den untershiedlichsten Gründen zusammengeströmt,nur nicht aus dem einzig plausiblen Anlasse der Gläubigkeit: Die Weiber waren gekommen,ihren Putz zur Schau zu stellen, die Männer hinwiederum,solcher Schaustellung nach Gebühr beizuwohnen.Etwelche Besucher hatte die Neugierde hergetrieben, den weitbeschrieenen Prediger zu hören,ein paar weitere hatten sich eingestellt, da sie sich der Langeweile bis zum Theater nicht besser zu verkürzen gewußt,und einige wenige waren erschienen,weil man ihnen versichert hatte, sie würden zu späterem Zeitpunkte keinen Platz mehr in der Kirche finden.“ ((Das ist eine besonders feine Beobachtung: Wohin alle gehen, dahin gehe auch ich, weil dahin alle gehen und wenn es nicht leicht es, dann da hinzukommen, will ich umso mehr da dabeisein! Weiter im Text:)) „Vollends aber war die halbe Einwohnerschaft Madrids hierhergeströmt in der Erwartung, im Gotteshause ihrer anderen Hälfte zu begegnen.“
Aber es kommt noch ärger: „So kam`s,daß die einzigen Menschen,die in Wahrheit dem Kanzelworte lauschen wollten, sich aus ein paar runzelig-vertrckneten Betschwestern zusammensetzten sowie aus einem Halbdutzend mißgünstiger Prediger,welche bloß von dem einen Wunsch beseelt waren, in dem Sermone, den sie da hören sollten,den oder jenen Fehler zu entdecken und die Schale ihres Spottes darüber auszugießen.Was aber den Rest der Versammelten betrift, so hätte besagte Predigt zur Gänze wegbleiben können, ohne daß man darob enttäuscht gewesen, ja solchen Fehlens überhaupt inneworden wäre.“
(Ich zitiere hier ausführlicher als sonst, auch weil ich für diesen brillanten Übersetzer Polakovics werben möchte, seine Übersetzung geben dem Werk selbst noch einmal eine ästhetische Qualität, er ist eben ein Sprachkünstler.) Gibt es einen berechtigten Grund, dieser sagen wir mal recht pessimistischen Beschreibung zu widersprechen außer dem Wunsche, daß das doch nicht so gewesen sein möge? Zeichnet sich diese Analyse nicht aus als die eines Kenners des Menschlich- Allzumenschlichen, der wir nur so ungern zustimmen mögen, da uns sie zu realistisch ist?
1M.G.Lewis, Der Mönch, Übersetzung: Friedrich Polakovics, 1.Kapitel.
2Alle folgenden Zitate aus diesem 1.Kapitel, am Anfang des Kapitels. Auf eine Seitenangabe verzichte ich ob der Vielzahl der Veröffentlichungen dieses literarischen Meisterwerkes.
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