Donnerstag, 5. Februar 2026

Zur Sexualmorallehre der Kirche – ein großes Mißverständnis?

 

Zur Sexualmorallehre der Kirche – ein großes Mißverständnis?


Nicht in medias res sondern über einen kleinen Umweg soll nun diese Causa erörtert werden, da manchmal Umwege schneller und besser zum Ziele führen als wenn das Ziel direkt angesteuert wird.

Ich stelle nun eine These auf, die eindeutig falsch ist. Die Frage lautet deshalb: Was ist an dem angeführten Beweisgang falsch, denn es muß da etwas falsch sein.

Das Beweisziel: Jedes mal, wenn ich einen Glühwein trinke, sündige ich.

Das Trinken dient der Lebenserhaltung, tränke ein Mensch nicht, würde er verdursten.

Das Glühweintrinken dient nur dem Genuß, nicht der Aufnahme der lebensnotwendigen Menge an Flüssigkeit.

Also ist das Glühweintrinken eine Sünde.

Was ist an dieser Beweisführung verkehrt? Es steckt in einem in die wahre Aussage, daß das Trinken der Lebenserhaltung diene, hineingeschummelten: „nur“,sodaß nun diese Aussage verkehrt wird in die:Das Trinken hat „nur“ der Lebenserhaltung zu dienen. Jeder Mensch muß genügend Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen, was aber nicht ausschließt, daß er dann zum Genießen weitere Getränke zu sich nimmt.

Das gilt genauso für die Sexualität. Sie dient der Fortpflanzung um des Erhaltes der Gattung Mensch willen, aber sie kann darüber hinaus auch genossen werden. Wenn die Sexualität nur um der Fortpflanzung willen erlaubt wäre, dürfte kein Ehepaar sie mehr praktizieren, wenn sie wissen, daß die Frau ob ihres Alters nicht mehr schwanger werden kann oder wenn sie absichtlich dann ehelich miteinander verkehren, wenn sie wissen, daß die Frau nicht schwanger werden kann.


Das evoziert nun eine tiefgründigere Frage: Wie kam es im theologischen Diskurs zur Perhorreszierung des Genießens? Der hl. Augustin lehrte die Differenz zwischen „uti = gebrauchen“ und „frui= genießen“. Ein simples Beispiel möge dies veranschaulichen: Ich kaufe ein Buch, um es zu lesen, ich lese es, um eine Prüfung über dies Buch zu bestehen, die Prüfung will ich bestehen um....Alle „um zu“ Handlungen haben ihren Zweck nicht in sich, sondern sind nur Mittel zu einem ihnen äußerlichen Zweck. Das sind: „uti- Relationen“. Nach Augustin existiert aber nun ein Endzweck, auf den alle „um zu Relationen sich auszurichten haben. Das kann nur Gott selbst sein, denn nur er ist selbstzwecklich. Nur Gott kann und ist so zu genießen, alles andere ist auf ihn hin zu tuen. Alles sollen wir so gebrauchen, daß es uns zu dem einzig wahren Ziel, dem Gottgenießen führt.

Das bedeutet aber für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, daß der Mitmensch immer nur für mich ein Mittel zu einem Zweck sein darf,ich gebrauche nur noch meine Mitmenschen zu etwas. Das wäre aber der Tod der Nächstenliebe.

Der hl. Augustin entfaltet nun aber als ein notwendiges Korrektiv dazu seine Güterlehre. Immer wenn der Mensch nach etwas strebt, strebt er nach einem Gut – so Aristoteles. Was macht nun das Gutsein des erstrebten Gutes aus Hier antwortet Augustin gut platonisch: Gott allein ist das Gute und alles andere ist nur gut, insoweit es am Gutsein Gottes partizipiert.Anders gesagt: Alles gut Scheinende ist nur als ein Abbild des Guten gut. In jedem Gut wird somit eine Erscheinung des Gutseins Gottes genossen.

Statt des Dualismus von nur Gott ist zu genießen, alles andere nur zu gebrauchen, entsteht nun eine hierarische Kosmologie mit dem einen vollkommenen Gut, Gott und den vielen Gutseienden in der geschaffenen Welt die ihr Gutsein ihrer Teilhabe am Gutsein Gottes besitzen.Das befreit dazu, auch anderes als Gott genießen zu dürfen, es um seiner selbst willen zu tuen. Der Glühwein kann also um seines Genießens willen getrunken werden wie auch die Sexualität um ihretwillen genossen werden kann


Was bedeutet das nun aber für das erste Gebot, das Gott uns gab: „Seid fruchtbar und mehret euch!“? Wenn dieses Gebot für jeden Menschen gelten würde, sündigte jeder Mönch und jede Nonne1, ja selbst Jesus Christus müßte als ein Sünder angesehen werden. Das kann nicht sein. Dies Gebot ist also nicht primär individualethisch gemeint sondern sozialethisch: Gott will, daß die Menschheit sich durch die Fortpflanzung erhält und nicht ausstirbt. Nicht ist nun jeder Einzelne dazu bestimmt,sondern es ist eine bevölkerungspolitische Aufgabe, daß eben jeder Nationalstaat dafür zu sorgen habe, daß das jeweilige Volk hinreichend Nachwuchs bekommt durch seine Familienpolitik. Darum hat er isb die Ehe zu fördern. Die Sexualität dient der Fortpflanzung, aber sie kann auch um ihrer selbst willen genossen werden.


Daß die Fortpflanzung die Frucht zweier sich Liebender ist, die nach der katholischen Morallehre sich um ihrer Liebe willen verheiratet haben, ist von der Bibel wie von der Morallehre der Kirche her gesehen keine Selbstverständlichkeit. Das Ziel der Fortpflanzung ist vorrangig und neben der Liebesheirat ist stets auch die Vernunftehe als legitim beurteilt worden.Wollte ein Liebespaar kirchlich heiraten, erklärte aber,keine Kinder bekommen zu wollen, dann darf diese Ehe nicht geschlossen werden und wenn sie geschlossen worden wäre, wäre sie eindeutig ungültig. Nach der Morallehre der Kirche wird eben nicht aus der wechselseitigen Liebe heraus geheiratet sondern um der gemeinsamen Kinder willen.Das evoziert das Problem: Was tuen, wenn der Kinderwunsch in einer Ehe sich nicht erfüllen läßt? (Dazu später mehr)




1Meiner Erinnerung nach polemisierte der Reformator Zwingli gegen das Mönchtum auch mit der Kritik, sie kämen ihrer staatsbürgerlichen Pflicht der Familiengründung nicht nach.

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