Dienstag, 3. März 2015

Lesefrüchte 3 Zur pessimistischen Stimmung in der Kirche

Eine kleine Lesefrucht aus: M. Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone, dritter Teil, 4.Kapitel
aus dem Leben eines "gescheiterten" Priesters:

Der Priester sagt:
" Ich hatte es dir gesagt, dass Vitry keine leichte Gemeinde ist; es ist noch schlimmer, als du es dir vorstellen kannst. Seit meiner Ankunft habe ich versucht, Jugendgruppen zu bilden; kein einziger Jugendlicher ist jemals gekommen.Seit drei Monaten habe ich kein Kind mehr getauft. Zur Messe sind nie mehr als fünf Personen gekommen: Vier Afrikaner und eine alte Bretonin; ich glaube, sie wae zweiundachtzig Jahre alt; [...]" [ Sie verstarb. Drei Tage nach ihrem Tod]

"Drei Tage später bekam ich Besuch von Patricia" [...]"Sie wollte beichten, aber sie wusste nicht wie, sie kannte die Prozedur nicht. Sie war Krankenschwester in der Abteilung, in der man die Alte
[die 82. jährige Kirchgängerin] gebracht hatte; sie hatte die Ärzte untereinander sprechen hören.Sie wollten nicht, dass sie all die Monate, die zu ihrer Genesung nötig waren, ein Bett belegte; sie sagten, das sei eine überflüssige Last. Also beschlossen sie, ihr eine Mischung aus starken Beruhigung- mitteln zu verabreichen, die unter bestimmten Umständen einen schnellen und sanften Tod bewirken. Sie haben zwei Minuten diskutiert, länger nicht, Dann hat der Stationschef Patricia gebeten die Injektion vorzunehmen.Sie tat es noch in derselben Nacht.Es war das erste Mal, dass sie eine Euthanasie durchführte; ihre Kollegin tum das ziemlich oft. Sie ist sehr schnell gestorben, im Schlaf.
Seitdem konnte Patricia nicht mehr schlafen; sie träumte von der Alten".
Was hast du gemacht [wird der Priester gefragt]
Ich bin zur Diozöse gegangen, aber die waren ohnehin auf dem Laufenden. Im Krankenhaus werden offenbar regelmäßig Euthanasien durchgeführt. Noch nie hat es Anzeigen gegeben; zumal alle früheren Prozesse mit Freisprüchen endeten." 
[...]
Einen Monat lang habe ich Patricia beinahe jede Nacht wieder gesehen. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Seit dem Seminar hatte ich keine Versuchungen gehabt." [...]Ich betete viel während dieser Zeit; ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas Böses zu tun.Ich fühlte, dass Christus mich verstand, dass er mit mir war." [Triumph des Subjektivismus!]
[...]
[Dann beendete Patricia diese Affaire]:
"Im Grunde möge sie mich gern leiden, aber nicht mehr; was sie vor allem errege, sei die Vorstellung, mit einem Priester zu schlafen, sie finde das irgendwie geil; aber sie werde niemanden davon etwas davon sagen,Ehrenwort."

[Der Besucher, ein Agnostiker zum Priester]: "Schließlich hatte ich eine sonderbare Idee: Du solltest beichten. 
[Der Priester]: Morgen muß ich die Messe lesen. Ich glaube, ich schaffe es nicht. Ich fühle die Gegenwart nicht mehr.
Welche Gegenwart?
[...][Der Priester] fuhr fort, in regelmäßigem Rhythmus Biere hununterzukippen. Es war klar, dass ich nichts für ihn tun konnte.    

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