Freitag, 21. Juli 2017

Über die Nützlichkeit der Religion für die Gesellschaft

Louis de Bonald Position zur Religion ist eine sehr zweischneidige Angelegenheit, indem der Nutzen der Religion für die Gesellschaft als ihre Wahrheit gedeutet wird.M. Lichtmesz faßt diese Position nicht ohne kritische Untertöne so zusammen: "Keine Gesellschaft könne ohne ein sakrales Zentrum existieren und zusammenhalten. Da der Nutzen des Glaubens für das Gemeinwohl empirisch feststellbar sei, die Gesellschaft also >frei< mache, so müsse im Umkehrschluß auch der Glaube >wahr< sein. Der Nutzen für die Gesellschaft wird bei Bonald also >zum eigentlichen und letzten Argument für die Wahrheit> Spaemann." Lichtmesz, Kann nur ein Gott uns retten? 2017, S.161. 
Das heißt dann konkreter: "Über die Existenz Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und das Endgericht schreibt er[Bonald]>Diese Dogmen sind wahr,weil sie nützlich sind für die Erhaltung der Gesellschaft.<" (S.161)  
Weil die Dogmen nützlich sind, sind sie wahr, diese These impliziert, daß, weil diese drei Dogmen als wahr geglaubt werden,  sie auch nützlich sind. Wenn aber nun gelten soll, daß nur noch ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft ihre Wahrheit ist, könnte diese Wahrheit nicht mehr von einer nützlichen Illusion unterschieden werden. Trotzdem ist etwas Wahres dran: Die Wahrheit dieser drei Dogmen zeitigt eben auch positive Folgen für das gesellschaftliche Leben. 
Frägt man, ob es gewiß sei, daß es ein Unterbewußtsein und ein Über-Ich im Menschen gibt, so wird man wohl kaum einen Beweis ihres Seins erbringen können, aber man kann demonstrieren, daß vielfältiges menschliches Verhalten durch die Hypothese, es gäbe ein Unterbewußtsein und ein Über-Ich im Menschen, besser als ohne sie begreifbar gemacht werden kann. Könnten nun gar Fälle von Verhaltensweisen nur durch die Applikation dieser Hypothese begreifbar gemacht werden, würde das ausreichen, daß diese Hypothese im wissenschaftlichen Diskurs als wahr gilt. 
Kann etwas als wahr gelten, weil es für das soziale Leben nützlich ist, oder gar notwendig ist? Nur, was spricht dagegen, daß eine Gesellschaft für ihr Leben auf nützliche Lügen angewiesen sind? Wenn ein Schiffbrüchiger auf einem Rettungsboot feststellt, daß seine Wasservorräte aufgbraucht sind, dann weiß er, wenn ihn nicht bald ein anderes Schiff aus der Seenot retten wird, daß er verdursten wird. Der Glaube an das rettende Schiff kann ihm so in den letzten Lebensmomenten nützlich sein, weil er ihn vor der Verzweifelung bewahrt, aber deshalb ist diese Glaubenshoffnung doch nicht wahr. 
Implizit setzt diese Nützlichkeitserwägung ein Grundvertrauen  in das Leben voraus: Das, was dem Leben nützt, ist auch wahr, ist vorhanden, denn der Kosmos, in dem wir Menschen leben ist ein dem Leben wohlgesonnen geordneter. Wenn also das soziale Leben nicht ohne diese drei Dogmen auskommt, dann sind sie auch wahr, weil das Ganze so geordnet ist, daß das, was ein Teil von ihm zum Leben braucht, auch in ihm ist. 
Glaube, die Religion tut mir gut, die hilft mir in meinem Leben, das sind demgegenüber Aussagen, die wenig Anstoß erwecken. Wenn es wem nützt, dann mag er ruhig dran glauben, respondiert dann der tolerante Atheist. Aber das darf nicht für das soziale Leben gelten, nur für das rein private. Der ursprüngliche Sitz der Religionen im Leben war natürlich nicht das individuelle Leben, sondern eine soziale Gemeinschaft, der Familienverband, der Stamm, das Volk....Und die jeweilige Religion wurde da gelebt, eben auch und gerade, weil sie für dies Sozialleben förderlich, wenn nicht sogar konstitutiv war. Nicht der Gott und das Einzelich stehen am Anfang einer Religion, schon gar nicht außergewöhnliche Persönlichkeiten, sondern die Religion war, wie die Sprache immer schon vor jeder individuellen Aneignung, vor jeder Individuation. Der Einzelne partizipierte durch die soziale Gemeinschaft hindurch, vermittelt durch sie an der Religion seiner Gemeinschaft. So wenig es eine Privatsprache gibt, so wenig gibt es eine Privatreligion.Es gibt nur den individuierten Glauben, wie es nur bestimmte Sätze gibt, weil ihnen das System einer bestimmten Sprache vorausgeht.
Erst wenn die Religion zerfällt, sich auflöst, erscheint das Einzelsubjekt, das sich nun seinen Glauben zusammenkonstruiert als der eigentliche Hervorbringer der Religion. Dann kann das individuelle Glaubenserlebnis zum Anfang einer Religion avancieren. So gesehen spricht einiges dafür, daß die Lebenskraft einer Religion sich in ihrer Nützlichkeit für das Sozialleben erwies. Nur: Weil diese Religion als wahr geglaubt wurde, konnte sie sich auch als lebensförderlich erweisen. Wenn aber erst der Erweis der Lebensförderlichkeit die Wahrheit der Religion erweisen soll, dann kann die so bewiesene Religion nicht mehr lebensfördernd wirken. Das ist das Problem bei Louis de Bonald aber wohl auch bei Joseph de Maistre und Charles Maurras. Aber man kann doch den Verdienst dieser großen Denker wider den Atheimus nicht gering schätzen, gerade weil sie darum rangen, die Religion nicht zu privatisieren und das Sozialleben so de facto dem Atheismus zu überlassen!    

Zusätze:
A)
Im Kampf wider die Auflösungstendenz der abendländisch-europäischen Kultur scheint es auch eine Neigung zu geben, gerade die christliche Religion in ihrer Katholischen Fassung als erhaltenswert zu erachten und für sie zu kämpfen, auch wenn man persönlich sie nicht für glaubwürdig und wahr hält. Diese Religion gehört eben zu unserer Kultur.
B)
Es ist interessant, daß gerade die bewußt atheistisch sich gestalten wollenden Staaten nicht ohne eine Ersatzreligion auskamen. Der Stalinismus ist dafür auch gerade in seinem Personenkult ein anschauliches Beispiel. So ist der Stalinismus eben nicht einfach ein Zerbild der kommunistischen Ideologie, sondern: Wenn Kommunisten an die Macht kommen und so statt einer Kraft des Negierens eine des Aufbauens werden müssen, werden sie pseudoreligiös, um eine Gesellschaft ohne eine Religion aufbauen zu können. Man könnte es auch so sagen: Revolutionäre, an der Macht, werden wieder conservativ als die Macht erhalten Wollende und als das Sozialleben Fördernde und so schaffen sie auch wieder eine neue Religion für das Sozialleben. So ist es auch kein Zufall, daß Stalin seit dem Kriegseintritt 1941 auch wieder auf ein Bündnis mit der Russisch-Orthodoxen Kirche setzte. Conservativ gewordene Revolutionäre können auch an der christlichen Religion wider Gefallen finden ob ihrer sozialen Nützlichkeit. Und ist das nicht auch etwas ähnlich bei Charles Maurras als revolutionäer Antirevolutionär der Action Francaise? 
C)
Warum wurde das Christentum denn anhebend mit Kaiser Konstantin zur Staatsreligion, wenn nicht deshalb, daß der Römische Kaiser von Amtswegen für die rechte Gottesverehrung zuständig war, weil man wußte, daß das Gemeinwohl des römischen Volkes abhängig war von der rechten Verehrung der Götter im öffentlichen Kult. Es reicht eben nicht, daß es 50 Fromme gibt, sodaß Gott um dieser in ihrem Privatleben fromm Lebenden willen auf sein Gericht verzichtet. Als nun der Kaiser den Gott Jesu Christi erkannte als den,der ihm den Sieg in einer wichtigen Schlacht im Kampfe um die Macht Roms gab, da erwies dieser Gott sich ihm als der wahre, den er um des Wohles Roms willen zu verehren hat als Kaiser, nicht so sehr als Privatmensch. Die Nützlichkeit dieser Religion war ihm die Wahrheit dieser Religion, weil ab nun er und seine Heere in diesem Namen - im Namen Jesu Christi - siegten.        
  

Keine Kommentare:

Kommentar posten