Samstag, 24. Januar 2015

Sehschule des Glaubens

Du siehst nur, was Du kennst-
oder: was könnte ich in der Eucharistiefeier sehen?

Ja, es gibt wohl Heilige, oder irgendwie sonst von Gott Begünstigte, die erleben etwas Außergewöhnliches in der Eucharistie, wenn der Priester die Wandlungsworte spricht oder sie machen intensive beglückende Erfahrungen vor dem Tabernakel. Einst offenbarte sich Gott dem Mose gar im brennenden Dornbusch, Menschen begegneten Jesus und erlebten in ihm Gottes Liebe.
Aber ich nicht! Warum erlebe ich nicht, was anderen vergönnt ist? Und lese ich authentische Berichte solcher Erlebnisse von anderen Menschen, was nützt es mir, stellt sich bei mir nichts davon ein? Was tun? Hier soll nun ein Weg aufgezeigt werden für die, die ihrem eigenen Empfinden nach, immer leer ausgehen. Es soll mit fast Null angefangen werden, um dann Schritt für Schritt zum Reichtum der Eucharistie voranzuschreiten.
1. Der Verlust
Ein evangelischer Abendmahlsgottesdienst. Der Vikar der Gemeinde teilt Brot und Wein an die um den Abendmahlstisch im Kreis stehenden Gläubigen aus. Jeder sei eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen, egal welcher Konfession er angehöre. Jeder empfängt so ein Stück Brot und danach aus dem einen Kelch den Wein. Beim Austeilen sagt der Vikar nichts; die Handlung soll für sich sprechen.
Ja, früher habe er beim Austeilen, „Leib Christi“, „Blut Christi“, gesagt, aber da habe ihm gesagt der Ausbildungspfarrer kritisiert: das wäre nicht in Ordnung. Da könnte man ja meinen, daß Jesus irgendwie da gegenwärtig sei, gar in dem Brot und dem Wein. Da die Austeilungsformel, Blut Christi, Leib Christi nicht eindeutig sei, sei auf sie zu verzichten. Sonst müßte ja erklärt werden, daß uns das Brot und der Wein nur an Jesu Abendmähler und insbesondere an sein letztes Abendmahl erinnern solle. Früher, in voraufklärerischen Zeiten, meinten Christen ja noch, Jesu sei realiter von den Toten auferstanden, er säße zur Rechten Gottes, und dann könne er, obwohl er zur Rechten Gottes im Himmel säße, irgendwie auch in der Gemeindefeier seines letzten Abendmahles gegenwärtig sein. Ganz vulgär meinte Thomas von Aquin gar: in, Brot und Wein würden gewandelt in den Leib und das Blut Christi..Aber das haben wir hinter uns! Inzwischen sei man ganz auf der Höhe der Aufklärung angelangt. Deshalb seien die mythologischen Vorstellungen abzustreifen, wie ein aus der Mode geratenes Gewand. Wir konzentrieren uns nun auf das Leben Jesu, das was sein Leben bestimmte. Wir erinnern uns an Jesu Lebensideale in dieser Feier. So wollen auch wir leben. Mehr sei die Abendmahlsfeier nicht für moderne evangelische Christen. Es ist eine -leider unbestreitbare Tatsache-daß dies Unverständnis des Abendmahles Christi, forciert durch die Ökomene auch in das katholische Christentum eingedrungen ist und so zu unserem Problem geworden ist. Der Weg zur Tradition ist uns versperrt worden durch modernistische Ideen.
2. Wa+ bleibt vom letzten Abendmahl Jesu übrig?
Nichts, außer einem entleerten Ritual mit einem moralischen Appell: lebe anständig gemäß dem Vorbild Jesu. Es war ein langer Irrweg, den uns im christlichen Glauben Verbundene gingen, bis am Ende nichts mehr übrig blieb. Am Anfang standen Zweifel und Fragen: Kann den Jesus in Brot und Wein gegenwärtig sein? Reicht es nicht, zu glauben, daß er irgendwie da ist, wenn seine Gemeinde an ihn denkt, indem sie sein Abendmahl nachfeiert. Das Abendmahl soll ein Opfer sein, von der Kirche Gott dargebracht-gar zur Sühne? Wie abscheulich ist doch diese Vorstellung! So eine Opfervorstellung paßt nicht zu uns Christen. Ach,und einst konnten nur von Gott besonders talentierte Männer das Opfer, das Meßopfer darbringen. Das ist diskriminierend gegen Frauen und alle Laien! Weg damit! Jeder, der will, kann Vorsteher der Abendmahlsfeier sein, auch ein nichtgeweihter und nichtordinierter evangelischer Vikar. So wird uns die Eucharistiefeier zu einem substanzlosen Etwas. Als Katholliken verlieren wir, was wir einst hatten, indem wir so blind werden für das, was da in dieser Feier wirklich sich ereignet.
3. Betrieb+blindheit
Den Wert von etwas begreifen wir erst, wenn wir ihn verloren haben. Meint wer, das wäre wohl eine etwas zu überspannte Aussage, der möge sich dies vorstellen: Morgen erwachst du, wie immer, wenn es Zeit für dich ist. Du machst die Augen auf, verschlafen und siehst nichts. Es dauert bis du vor der entsetzlichen Tatsache stehst: ich bin -über Nacht-blind geworden. Nichts kann ich mehr sehen! Wer zweifelt, das dem Betroffenem nun: Wieder sehen können!, das schönste und wunderbarste Geschenk Gottes wäre. Aber er ist blind. Und jetzt erst begreift er, wie wunderbar es ist, mit den Augen sehen zu können! Gerade das hier grob skizzierte Verständnis des Abendmahles Christi im modernen Protestantismus könnte uns so behilflich sein, daß wieder zu sehen, was wir in dieser Feier wirklich haben. Nur, wir Katholiken sind so reich, daß wir die tägliche Eucharistiefeier in der Kirche haben, daß wir vor lauter Reichtum den Reichtum nicht mehr sehen! Das ist unser Sehproblem.Es ist uns zu selbstverständlich, daß da auf dem Altar Brot in den Leib Christi und Wein in das Blut Christi gewandelt wird durch den dazu geweihten Priester, als daß wir dies Wunder noch sehen könnten! Die Gewöhnung an das Wunder ist der Tod für seine Wahrnehmbarkeit!
4.Eine Scule de+ Sehen+
Aus unserer Betriebsblindheit aufwachen, damit wir wieder sehen, welch ein großes Wunder Gott uns in jeder Meßfeier bereitet, das ist unsere Aufgabe. Ursprünglich nannte man das „Exerzitien“.
Übung macht den Meister. Soldaten exerzieren und exerzieren, damit sie im Ernstfall können, was sie sollen. Und so ist es kein Zufall, daß ein Exsoldat, der Ignatius, nachdem er Soldat Christi wurde, der Schöpfer der Exerzitien wurde, die auch heute noch die meist praktizierten in der Kirche sind.
Ginge es nicht einfacher? Daß da ein Gläubiger zu mir tritt, mir authentisch erzählt, wie er im Glauben Jesu Dasein in Brot und Wein erfahren hat, ja, daß da nicht mehr Brot und Wein ist, sondern unter den Gestalten von Brot und Wein der Leib Christi und sein Blut wahrhaftig ist? Wenn mir jemand ganz authentisch und ergriffen erzählte, wie bedeutsam für ihn die Eucharistie ist, müßte mich das nicht anstecken: das möchte ich so auch erleben? Das erzählte Erlebnis bleibt aber das des Erzählers. Mag er dies noch so wortgewaltig und kraftvoll zum Ausdruck bringen, es wird nicht zu meinem Erlebnis. Zudem: die Enttäuschung ist vorprogramiert: denn warum sollte ich das so erleben, wie es der authentische Zeuge darlegt, sehe und erlebe ich das dann doch nicht mit seinen sondern mit meinen Augen! Mit diesem Einwand stünden wir auch nicht alleine dar. So fragte schon der ungläubige Thomas: Was nützt es mir, wenn ihr den Auferstandenen gesehen habt, ich aber nicht? Dürfte ich da so nicht auch mit dem ungläubigen Thomas fragen: Was nützt es mir, wenn das nur eine Erfahrung von Anderen ist und nicht die meine! Wenn ich nichts erlebe außer dem mir ausgeteilten Brot, was hilft mir da das Glaubenszeugnis anderer, daß für sie das alles ganz und gar anders ist. Wenn ich, obgleich ich katholisch bin, die Eucharistie nur evangelisch als ritualisiertes Einnehmen von Brot und Wein erlebe?
Fangen wir beim Nullpunkt an: da ist dann nur noch eine Feier,in der Brot und Wein ausgeteilt wird, damit wir Jünger Jesu uns an ihn erinnern. Weil Jesus so gern mit seinen Freunden aß und trank, denken auch wir jetzt an ihn, wenn wir essen und trinken. Jesus ist dann für mich nur ein Abwesender, an den ich mich erinnere, wie an einen lieben Verstorbenen. Ich sehe etwas, was ihm wichtig war und das erinnert mich an ihn.
5. Der Ort: der Tempel-die Kirce
Aber sollte Jesus nicht mehr für mich und seine Gläubigen übrig haben als ein bloßes Sich-In-Erinnerung -Bringen durch eine Gemeindefeier? Ja, die hl. Schrift und die Kirche sagt: Jesus Christus will bei euch, mitten unter euch sein und nicht nur in eurem Sicherinnern an mich! Wie war es im Alten Bund? Da sagte Gott zu Salomon, als der König den neu erbauten Tempel einweihte: dies ist der Ort, an dem ich meinen Namen wohnen lassen werde. Hier bin ich für dich da. Hier bin ich für dich erreichbar, weil ich hier mit meinem Namen für dich anrufbar bin. Einmalig offenbarte sich Gott dem Mose im Dornbusch. Aber was nützt das dem Volk Israel, daß er da einmalig für Mose war. Im Tempel ist Gott immer da für jeden Gläubigen, der ihn anruft. Und im Neuen Bund? Sollen wir da ärmer dran sein, als das Volk Israel im Alten Bund? Sollte Gott uns Christen nicht gewähren, was er seiner ersten Liebe gewährte: daß er uns einen Ort gibt: Hier bin ich für dich da?
Schon haben wir die ersten Schritte der Schule des Sehens beschritten! „Du siehst nur, was Du kennst!!“ Damit warb ein Reiseführer auf recht intelligente Art für sich. Das geschulte Auge kennt die Verheißung Gottes an den Tempel: hier lasse ich meinen Namen für dich wohnen. Und dann sieht es in jedem Tabernakel den Ort des Neuen Bundes, wo Gott seine Verheißung erfüllt. Hier wohnt meine Name für euch, damit ihr hier mich anrufen könnt
.Das Zentrum des Tabernakels ist die konsekrierte Hostie, das in den Leib Christi gewandelte Brot der Eucharistiefeier. Das ewige Licht verkündet es: hier läßt Gott seinen Namen für dich wohnen.Nicht an einem beliebigen Ort ist der Tabernakel. In der Kirche ist er. Und die Kirche ist das, was im Alten Bund der Tempel war. Gott läßt sein Volk nicht tempellos sein.
Schaute ich nur auf die Abendmahlsfeier mit dem Priester, den Ministranten und dem Volk und sähe den Ort des Ereignisses nicht, nie könnte ich das Ereignis wirklich sehen. Der Ort des Ereignisses gehört unbedingt dazu. Wie der Tempel so ist auch die Kirche der Ort der Gegenwart Gottes für uns. Da wohnt Gottes Name für uns. Was ist Gottes Name? Sein Name ist:Jesus Christus. Sehe ich den Ort der Eucharistie nicht, weil ich ganz unmittelbar nur die Eucharistie sehen und erleben möchte, sehe ich das Wesentliche nicht. Zu nah bin ich dann, um noch etwas erkennen zu können! Ein Tempel ohne einen dort anwesenden Gott, das wäre kein Tempel, sondern ein Museum toter Exponate. Nur, Gott ist kein toter Gegenstand, sondern ein sich als lebendiger Gott Exponierender!
6.Der Tempel, der Priester und da+ Opfer
Ich sehe und versehe mich. Jede will sehen, wie es wirklich ist, und doch versehen wir uns oft. Einen heiligen Priester, der im Tempel Gott wohlgefällige Opfer darbringt, da sehen unsere Augen. Ein Gnerallverdach drängt sich auf: die Erzählung vom Priesterbetrug. Priester hätten einen zornigen Gott erfunden, dem Opfer darzubringen seien, um ihren Beruf und die Abgaben an sie zu rechtfertigen. Priester wollten Macht für sich und erfanden dann den dazu passenden Gott. Unter Christen wird dazu noch ergänzend das Märchen vom Jesus von Nazareth erzählt, der ein Gegner des Priestertumes gewesen wäre, ja der den Tempel, das Opfer und die Priester abschaffen wollte. Er habe uns in seiner Person gezeigt, daß sein Gott, der allein der wahre ist, der Gott der Liebe sei,der so Opfer, Tempel und Priester verabscheue.
So verbildet kann ich nicht mehr wahrnehmen, was in der Feier der Eucharistie wirklich geschieht.Mit der falschen Brille sehe ich Trugbilder. Mir entsteht ein Zerrbild. Entweder, daß ich Menschen sehe, die sich ein Amt anmaßen, daß ihnen nicht zusteht, weil Jesus es abgeschafft hat und die etwas tun, was wider Gottes Willen ist, nämlich, daß sie Opfer simulieren. Oder ich sehe einen Gemeindevorsteher, liturgische Farben tragend, der einer Abendmahlsfeier vorsteht, die uns an die Liebe Gottes erinnern soll. Alles andere wäre für mein verbildetes Auge ein Rückfall ins dunkelste Mittelalter.
Der Augenblick der Eucharistie verlangt so von mir die Kunst der Unterscheidung der Geister! Welcher Geist gibt mir die Erzählungen vom Priesterbetrug ein? Wer flüstert mir ein, daß Tempel, Priester und Opfer mittelalterliche Vorstellungen seien, die uns modernen Menschen nichts mehr angingen? Wer sagt mir, daß ich zu wählen hätte zwischen der Vorstellung eines primitiven Gottes, der Priester und Opfer will und der Vorstellung, daß Gott nur die Liebe sei und so keine Priester und kein Opfer wolle?
Hier gilt es für mich: reinige deine Gedanken! Asketische Gedankenarbeit ist gefordert. Wir müssen üben, exerzieren. Man sage jetzt nicht, daß Gott aus Gnade oder Liebe uns all das schon gratis geben werde, daß es dagegen unsere höchste Tugend wäre, nichts zu tun und einfach darauf zu warten, daß Gott uns begnade und beschenke. Nein, Gott will uns als Mitwirkende, nicht einfach als rein passiv Empfangende.
Lassen wir uns durch die Bibel belehren. Es ist kein Zufall, sondern ein Akt der göttlichen Pädagogik, daß zuerst im Alten Bund der Tempel, die Priester und das Opfer waren und uns vor Augen gestellt werden, lesen wir die Bibel von Anfang an, der Reihe nach. Das ist der Vorbereitungsunterricht für uns, damit wir danach die Eucharistie begreifen können, nicht als Anfänger der Glaubens, sondern als schon Fortgeschrittene. Wer nun stattdessen, auf der Überholspur fahrend, gleich mit dem Höhepunkt anfangen will, der wundere sich, daß er vor der Feier der Eucharistie steht und sieht und doch nichts sieht!
Erst wenn ich in der Feier der Eucharistie das alte Bild des Tempels, des Priesters und des Opfers wiedererkenne, dann erst kann ich sehen und erleben, was die Eucharistie wirklich ist. Die Eucharistie ist nichts für eilige Leser, die nur das Ende eines Romanes lesen wollen, hoffend so Zeit einsparend doch das Ganze begreifen zu können.
7. Wa+ sehe ic, wenn der Priester die konsekrierte Hostie emporhebt?
Jetzt stehen wir vor dem Höhepunkt der Eucharistiefeier: der Elevation. Der Priester bringt Gott das wohlgefällige Opfer dar. Sehe ich das, erlebe ich das? Eines müßte mich, frage ich so, stutzig machen. Hörte ich nicht, daß wir im Glauben und noch nicht im Schauen leben? Der Glaube vertraut auf das, was er noch nicht sieht. Er hofft darauf, daß er einst sehen wird, was er jetzt nichtsehend doch schon glaubt!
Ja, zu unserem christlichen Glauben gehört das Enttäuschtwerden notwendig dazu. Wir möchten sehen, Gott selbst verheißt uns, daß wir ihn schauen werden, aber diese Verheißungen erfüllt er uns im Regellfall nicht in unserem Erdenleben. Wenigen Heiligen ist es gegeben, hier auf Erden schon schauen zu dürfen, was uns für den Himmel verheißen ist.
8 Wa+ können wir dann sehen?
Wir müssen unser Auge zuerst reinigen von den falschen Bildern, die uns den Zugang zur Eucharistie verwehren. Das ist das Zerrbild eines Jesus, der halt gerne Brot und Wein zu sich nahm und der uns gebot: denkt an mich, wenn ich nicht mehr unter euch bin, wenn ihr das Abendessen zu euch nimmt in der feierlichen Form des letzten Abendmahles. Wir müssen unsere Augen frei machen von den Zerrbildern des Priesters, daß der Priester etwas ist, was Gott nicht will. Unsere Augen sollen, wenn sie so den Priester sehen, nach dem Opfer Ausschau halten. Denn nur wo ein Opfer ist, da ist auch ein Priester. Dann werden wir in der konsekrierten Hostie das Opfer des Alten Bundes wiedererkennen, im Pfarrer den Priester des Alten Bundes und im Tisch, hinter dem der Pfarrer agiert , den Altar. Diese kraftvollen Bilder des Alten Bundes, das sind unsere Sehhilfen für die Eucharistie. Darum gab sie uns Gott.
Und jetzt erst wollen und sollen wir unser Augenmerk auf die konsekrierte Hostie richten. Nicht unmittelbar, sondern wie ein Bergsteiger, der hinaufklettert, bis er am Ende die Spitze des Berges erreicht. Und jetzt gilt uns, was der hl. Thomas so wunderbar vollkommen so formuliert: „Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heißt durchglüht: laß die Schleier fallen einst in deinem Licht, daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“
Mein Auge sieht und schaut noch nicht. Das ist die Verheißung und auch die notwendige Enttäuschung in jeder Eucharistiefeier. Wir können in der Feier, geschult durch die Bilder des Alten Bundes den Priester sehen, der in der Kirche, dem Tempel des Neuen Bundes, Gott das wohlgefällige Opfer darbringt, sehen und dies Opfer kann und ist niemand anders als Jesus Christus. Aber wir können ihn noch nicht schauen. Das ist uns für den Himmel verheißen!
Warum sehen wir da in der Hostie, in der Gestalt des Brotes Jesus Christus? Verführerisch könnte uns der Gedanke überkommen: das Brot, das da erhoben wird, solle uns nur an Jesus erinnern, der so gern Brot mit seinen Freunden aß zum Abendmahl! Ich nehme nur an einer Erinnerungsfeier an den längst Verstorbenen fest. Nur, jetzt kann ich diesen Gedanken befragen. Wenn du recht hättest, was brächte denn dann der Priester Gott als Opfer dar? Er brächte nichts da, nur erinnerte er an das Opfer Christi. Dann wäre er aber kein Priester sondern nur ein Geschichtenerzähler, der seine Erzählung mit anschaulichen Handlungen unterstützte! Dann wäre die Kirche auch keine Kirche mehr, denn Kirche ist nur der Begriff für den Tempel des Neuen Bundes. Wir wären nur eine Versammlung von Nostalgikern, die sich an eine bedeutsame religiöse Persönlichkeit erinnerten, die jetzt noch für uns irgendwie bedeutsam ist.
9.Aber sehe ic auc, wa+ ic sehen könnte?
Denken wir daran: man sieht nur, was man kennt. Ist mir mein Wissen um Tempel, Priester, Opfer präsent, vergegenwärtige ich es mir, dann sehe ich in der Eucharistiefeier das Bild des Opfers, daß hier ein geweihter Priester Jesus Christus Gott als Opfer darbringt. Dies Bild kann ich sehen. Nicht sehe ich schon das Opfer Christi selbst. Das ist mir für den Himmel verheißen.Aber sein Bild kann ich hier in der Kirche schon sehen. Das meint der hl. Thomas, wenn er vom Sehen in der Eucharistie spricht.
Was ich kann, das kann ich auch verfehlen. Und wie oft verfehle ich es! Und warum? Ich sehe nur, was ich kenne. All meine Kenntnisse nützen mir nichts, vergegenwärtige ich meine Kenntnisse nicht und wende sie nicht an auf das von mir Gesehene. Nicht verschließt Gott mir meine Augen, daß ich nichts sehe, noch müßte ich Gott um eine außergewöhnliche Gnade bitten! Nein, Gott gibt mir alles durch die Kirche, die Bibel und die Tradition und das Lehramt, damit ich in jeder Eucharistie das sehen kann, was mein Glaube zu sehen ersehnt: meinen Heiland als das Gott wohlgefällige Opfer. Nur, wenn ich diese Sehhilfen nicht nutze, ungeübt in der Handhabung bin, dann sehe ich nichts außer dem täuschenden Schein einer bloßen Eß-und Trinkfeier in sehr ritualisierter Gestalt.
Das größte Hindernis für unser Sehen ist aber die Konsumentenhaltung. Da soll es nichts geben, was ich erst durch mein Tun aktiv in mir aufnehme. Da soll mir alles gut aufbereitet, bequem einfach einnehmbar serviert werden. Wird mir die Messe dann nicht zu einem wahren Erlebnis, dann war der religiöse Service nicht gut genug. Der Gottesdienst müsse dann „menschennäher“ gestaltet werden, zeitgemäßer, so lautet das dann in Reformerkreisen. Wir kennen diese Parolen der Religionskonsumenten. Aber das Heilige ist nicht konsumierbar und ist schon gar kein Event. Sehen ist eine Kunst, die eingeübt sein will, wie jede Kunstpädagogik weiß! Autozufahren, einen Computer benutzen zu können, all das verlangt vom Anfänger viel üben, bis es klappt. Wie komme ich nur auf die Idee, daß Gott zu begegnen dagegen etwas ganz Einfaches wäre? Ist es nicht so in unserem Leben, daß uns nur das Unwichtige zufällt und alles Bedeutsame errungen sein will? Sprechen wir also ganz bewußt von der Kunst der Gotteserfahrung.
Der Apostelfürst Paulus schreibt, daß das Gesetz der Pädagoge auf Christus hin ist. Es ist hier nicht der Ort, Paulus komplexe Lehre vom Gesetz darzulegen. Jetzt soll nur auf dies geachtet werden. Nicht gibt es einen unmittelbaren Zugang zu Christus. Wenn die Hörer Jesus sich frugen, ob dieser Jesus wirklich der Messias ist, dann wußten sie schon aus der religiösen Tradition, was der Messias ist, um dann zu fragen: ist er der Erhoffte? Jesus erkennen, heißt, in ihm die schon gekannte und vorausgewußte Größe wiederzuerkennen. Wer die religiöse Tradition der Messiasvorstellung gar nicht kennen würde, wie sollte er dann die Aussage Jesu: Ich bin der Messias“ verstehen. Er könnte mit ihr nichts anfangen, er verstünde nur Bahnhof. Nur wenn mir die Tradition vertraut und bekannt ist, kann ich das sehen, was ein Ereignis im Strom der Tradition ist. Wem das unverständlich vorkommt, der mache dies einfache Experiment. Er nehme einen beliebigen Roman, schlage in der Mitte auf, das nächste Kapitel des Romanes und versuche das jetzt Gelesene zu verstehen. Den Höhepunkt der religiösen Entwicklung, das Meßopfer der Kirche begreifen zu wollen unter Absehung und Mißachtung aller Vorbereitungslektionen, das geht in der Regel daneben wie der Versuch, mitten in einem Roman mit dem Lesen anzufangen! Aber statt auf unsere unzureichende Vorbereitung zu schauen, sehen wir die Schuld lieber bei den Anderen!
Gern schieben wir so die Schuld, wenn uns die Eucharistiefeier zu keinem großen religiösen Erlebnis wird, gar zu keinem Event, auf die Priester, die Gemeinde, die Gestalt der Kirche und die unfrommen Glaubensbrüder-und Schwestern. Nur unseren Fehler sehen wir nicht: daß wir die Sehhilfen nicht recht benutzen. Uns fehlt die Praxis der Sehschule, die Exerzitien des Sehens. Selbstredend muß eingeräumt werden, daß durch die Liturgiereform uns das Sehen erschwert worden ist.Dadurch, daß der Priester selbst im Akt des Opferns der Gemeinde zugewendet ist, evoziert das den Eindruck, daß auch dies priesterliche Tun eines für die Gemeinde ist. Das Wesen der Handlung, daß Gott geopfert wird, und die äußerliche Gestalt treten so wider einander. So ist für den Anfänger der Schule des Sehens die alte Messe vielleicht eine Hilfe, um so später auch in der reformierten Gestalt das Wesentliche sehen zu können. Aber da nun die Reformmesse die Regelgestalt ist, verlangt sie umso mehr unser Einüben in das rechte Sehen!
Wie macht man das? Das Üben des Sehens? Die Bibel ist uns da der erste und beste Lehrmeister. Lassen wir uns in der Schule des Alten Bundes einweisen in die Kunst, in der Eucharistiefeier das Opfer Jesu Christi zu erkennen. Lektion für Lektion. Was ist der Tempel? Er ist der Ort, wo Gott seinen Namen wohnen läßt. Wo Gott anrufbar ist für uns, da bringen Priester ihm das wohlgefällige Opfer dar.Was ist das Gott wohlgefällige Opfer? Die Opfer des Alten Bundes sind die Vorbilder des wahren Opfers Jesu Christi. In der Kirche bringt dies Opfer der Priester des Neuen Bundes dar. Das geschieht in der Eucharistie. Diese einfachen Lektionen sind vertiefbar durch ein solides Studium der hl. Schrift und der Tradition: was sagt die Kirche über die Eucharistie.Eines ist aber gewiß: unvorbereitet, ohne Kenntnis dessen, was die Eucharistie ist, sehe ich nichts außer dem trügerischen Schein. Aber die Wahrheit ist verborgen unter dem äußerlichen Schein. Die religiöse Haltung ist immer eine metaphysische. Das meint, daß das Eigentliche verborgen hinter dem Schein zu suchen ist. Wo der Konsument, der Adressat der Unterhaltungsindustrie immer nur auf den Schein konzentriert ist, er immer nur Events möchte, als intensivst unterhalten werden, weiß der religiöse Mensch, daß ohne die Fähigkeit zum Dahintersehen, zum Ergründen ihm die Welt nur eine Täuschung ist.
„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns- und wir sahen seine Herrlichkeit“ heißt es im Anfang des Johannesevangeliums. Unsere Augen sehen nur das Fleisch der Eucharistie, damit wir die Herrlichkeit sehen können, bedarf es der Sehhilfen, damit auch wir Sehende werden.Und der Weg dazu: üben! Exerzitien! Für den Anfänger der Schule des Sehens sei angemerkt, daß die Werktagsmesse oft geeigneter ist als die Sonntagsmesse. Hier bleibt er häufiger von kreativen Einfallen der Gestaltung des Gottesdienstes verschont. Die Messe ist, gerade auch, wenn sie nur gelesen wird und kein Gemeindegesang ablenkt, aufs Wesentliche konzentrierter. Auch das Fehlen der Predigt führt dazu, daß dem Anfänger es leichter wird, sich auf den Kern der Messe zu konzentrieren. Wer dann von dieser konzentrierten Messe wieder zur üppiger ausgestaltenen Messe zurückkommt, dem gelingt es dann auch leichter, hier sich aufs Eigentliche zu konzentrieren, auf das Meßopfer.
Ist das nur Theorie,oder klappt das auch. Als Anfänger dieser Exerzitien kann ich sagen: mein Üben bringt Frucht! Ich sehe schon, oft noch verschwommen, aber mein Sehen wird klarer! Aber diese Beteuerung wird dem Leser nicht viel nützten. Warum sollte er auch dem Schreiber dieser Zeilen Glauben schenken. Nein, es gibt einen besseren Weg: es selbst mit Exerzitien zu versuchen, mit ihnen anzufangen: was sehe ich, wenn ich die Eucharistiefeier sehe? Was könnte ich sehen, machte ich mich frei von den falschen Bildern und Vorstellungen? Welche Sehhilfen nehme ich mit zum Gottesdienst! Es gibt für uns eine große Verheißung: wer sucht, der wird Gott auch finden! Aber suchen sollen wir.





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