Zur
Sexualmorallehre der Kirche – ein großes Mißverständnis?
Nicht
in medias res sondern über einen kleinen Umweg soll nun diese Causa
erörtert werden, da manchmal Umwege schneller und besser zum Ziele
führen als wenn das Ziel direkt angesteuert wird.
Ich
stelle nun eine These auf, die eindeutig falsch ist. Die Frage lautet
deshalb: Was ist an dem angeführten Beweisgang falsch, denn es muß
da etwas falsch sein.
Das
Beweisziel: Jedes mal, wenn
ich einen Glühwein trinke, sündige ich.
Das
Trinken dient der Lebenserhaltung, tränke ein Mensch nicht, würde
er verdursten.
Das
Glühweintrinken dient nur dem Genuß, nicht der Aufnahme der
lebensnotwendigen Menge an Flüssigkeit.
Also
ist das Glühweintrinken eine Sünde.
Was
ist an dieser Beweisführung verkehrt? Es steckt in einem in die
wahre Aussage, daß das Trinken der Lebenserhaltung diene,
hineingeschummelten: „nur“,sodaß
nun diese Aussage verkehrt wird in die:Das Trinken hat „nur“ der
Lebenserhaltung zu dienen. Jeder Mensch muß genügend Flüssigkeit
pro Tag zu sich nehmen, was aber nicht ausschließt, daß er dann zum
Genießen weitere Getränke zu sich nimmt.
Das
gilt genauso für die Sexualität. Sie dient der Fortpflanzung um des
Erhaltes der Gattung Mensch willen, aber sie kann darüber hinaus
auch genossen werden. Wenn die Sexualität nur um der Fortpflanzung
willen erlaubt wäre, dürfte kein Ehepaar sie mehr praktizieren,
wenn sie wissen, daß die Frau ob ihres Alters nicht mehr schwanger
werden kann oder wenn sie absichtlich dann ehelich miteinander
verkehren, wenn sie wissen, daß die Frau nicht schwanger werden
kann.
Das
evoziert nun eine tiefgründigere Frage: Wie kam es im theologischen
Diskurs zur Perhorreszierung des Genießens? Der hl. Augustin lehrte
die Differenz zwischen „uti = gebrauchen“ und „frui=
genießen“. Ein simples Beispiel möge dies veranschaulichen: Ich
kaufe ein Buch, um es zu lesen, ich lese es, um eine Prüfung über
dies Buch zu bestehen, die Prüfung will ich bestehen um....Alle „um
zu“ Handlungen haben ihren Zweck nicht in sich, sondern sind nur
Mittel zu einem ihnen äußerlichen Zweck. Das sind: „uti-
Relationen“. Nach Augustin existiert aber nun ein Endzweck, auf den
alle „um zu Relationen sich auszurichten haben. Das kann nur Gott
selbst sein, denn nur er ist selbstzwecklich. Nur Gott kann und ist
so zu genießen, alles andere ist auf ihn hin zu tuen. Alles sollen
wir so gebrauchen, daß es uns zu dem einzig wahren Ziel, dem
Gottgenießen führt.
Das
bedeutet aber für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, daß der
Mitmensch immer nur für mich ein Mittel zu einem Zweck sein darf,ich
gebrauche nur noch meine Mitmenschen zu etwas. Das wäre aber der Tod
der Nächstenliebe.
Der
hl. Augustin entfaltet nun aber als ein notwendiges Korrektiv dazu
seine Güterlehre. Immer wenn der Mensch nach etwas strebt, strebt er
nach einem Gut – so Aristoteles. Was macht nun das Gutsein des
erstrebten Gutes aus Hier antwortet Augustin gut platonisch: Gott
allein ist das Gute und alles andere ist nur gut, insoweit es am
Gutsein Gottes partizipiert.Anders gesagt: Alles gut Scheinende ist
nur als ein Abbild des Guten gut. In jedem Gut wird somit eine
Erscheinung des Gutseins Gottes genossen.
Statt
des Dualismus von nur Gott ist zu genießen, alles andere nur zu
gebrauchen, entsteht nun eine hierarische Kosmologie mit dem einen
vollkommenen Gut, Gott und den vielen Gutseienden in der geschaffenen
Welt die ihr Gutsein ihrer Teilhabe am Gutsein Gottes besitzen.Das
befreit dazu, auch anderes als Gott genießen zu dürfen, es um
seiner selbst willen zu tuen. Der Glühwein kann also um seines
Genießens willen getrunken werden wie auch die Sexualität um
ihretwillen genossen werden kann
Was
bedeutet das nun aber für das erste Gebot, das Gott uns gab: „Seid
fruchtbar und mehret euch!“? Wenn dieses Gebot für jeden Menschen
gelten würde, sündigte jeder Mönch und jede Nonne,
ja selbst Jesus Christus müßte als ein Sünder angesehen werden.
Das kann nicht sein. Dies Gebot ist also nicht primär
individualethisch gemeint sondern sozialethisch: Gott will, daß die
Menschheit sich durch die Fortpflanzung erhält und nicht ausstirbt.
Nicht ist nun jeder Einzelne dazu bestimmt,sondern es ist eine
bevölkerungspolitische Aufgabe, daß eben jeder Nationalstaat dafür
zu sorgen habe, daß das jeweilige Volk hinreichend Nachwuchs bekommt
durch seine Familienpolitik. Darum hat er isb die Ehe zu fördern.
Die Sexualität dient der Fortpflanzung, aber sie kann auch um ihrer
selbst willen genossen werden.
Daß
die Fortpflanzung die Frucht zweier sich Liebender ist, die nach der
katholischen Morallehre sich um ihrer Liebe willen verheiratet haben,
ist von der Bibel wie von der Morallehre der Kirche her gesehen keine
Selbstverständlichkeit. Das Ziel der Fortpflanzung ist vorrangig und
neben der Liebesheirat ist stets auch die Vernunftehe als legitim
beurteilt worden.Wollte ein Liebespaar kirchlich heiraten, erklärte
aber,keine Kinder bekommen zu wollen, dann darf diese Ehe nicht
geschlossen werden und wenn sie geschlossen worden wäre, wäre sie
eindeutig ungültig. Nach der Morallehre der Kirche wird eben nicht
aus der wechselseitigen Liebe heraus geheiratet sondern um der
gemeinsamen Kinder willen.Das evoziert das Problem: Was tuen, wenn
der Kinderwunsch in einer Ehe sich nicht erfüllen läßt? (Dazu
später mehr)