Dienstag, 22. September 2026

Zur Kirchenkrise und der Krise der christlichen Religion – ein weiterer Erklärungsversuch

 

Zur Kirchenkrise und der Krise der christlichen Religion – ein weiterer Erklärungsversuch


Wenn man sich weder mit der naiven Vorstellung, an der Krise sei primär die „Diskriminierung“ der Frau in der Kirche und die zu conservative Sexualmorallehre der Kirche schuld noch mit der, man bräuchte nur die vorkonziliare Kirche mit ihrer Theologie repristinieren, zu Frieden geben mag, der steht vor der Aufgabe, erst mal eine Genealogie dieser Krise sich zu erarbeiten.

Ich lege hierzu nun einen weiteren Versuch dar.

These: Die christliche Religion ist eine Buchreligion. Es gibt nur ein maßgebendes Buch, die Bibel und viele andere Bücher, die allerdings ihren Wahrheitsanspruch daraus ableiten, daß sie eine Sekundärliteratur zu dem einen Buch sind. Was wahr ist, erschließt sich so nur durch das Studium des einen und dann sekundär der vielen Bücher. Der Gebildete ist so der, der versteht, was er da in dem einen und dann abgeleitet in den vielen kommentierenden Büchern liest.


Die Aufklärung und der Humanismus setzte diese Vorstellung der Bildung voraus, um sie dann zu modifizieren: Nun sollte es viele gute Bücher geben, die gute Literartur, durch deren Studium der Mensch sich bildete. Der „Monotheismus“ des einen Buches wurde so ersetzt durch einen Bücherpolytheismus: Die guten Bücher avancierten nun zu der Quelle der Bildung und der Humanität. So blieb die Aufklärung in der Tradition des Glaubens an die Wirkkraft des Buches, des Geschriebenen.


Den Hintergrund bildet ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis, daß es die Wirklichkeit der Vielfalt der Erscheinungen gibt, die Wahrheit des Erscheinenden aber nicht einfach sie selbst sind, sondern das, was in ihnen erscheint. Zu diesem den Erscheinenden als Wahrheit zugrunde Liegendem führt das eine heilige Buch, da es das Buch der offenbarten Wahrheiten ist und die viele Kommentarbücher. Das Wahre ist so ein dem Erscheinenden, den Phänomenen gegenüber Transzendentes.


(So obskur es auch klingen mag: Selbst der orthodoxe Marxismus hielt noch an diesen Buchglauben fest, indem nun die marxistischen Klassikertexte als die die Wahrheit erschließenden gelesen wurden, die Gesamtausgaben von Marx, Engels, Lenin und Stalin.Man könnte den Marxismus als säkularisierte Erlösungsideologie somit als ein uneheliches Kind der christlichen Religion bezeichnen.)

Gegen diesen Buchglauben stellt die Weltanschauung des Empirismus einen rabiaten Bruch dar. Nun gilt das Urteil, das sei doch Bücherwissen, als ein Negativurteil . „Das hat der nur aus Büchern, vom wirklichen Leben dagegen hat er keine Ahnung.“ Der Büchermensch gilt nun als ein weltfremder Mensch, gebildet ist nur der, der seine Studierstube verläßt und hinausgeht, um alles zu erforschen. „Reisen bilde“ heißt es nun.1

Den Hintergrund dieses Wirklichkeitsverständnises bildet die Vorstellung, daß die Einzeltatsachen, die Dinge in sich das Wahre seien und daß nun alle Interpretationen und Theorien, die über das Einzelne als Wahrnehmbares hinausgehen,dem kritischen Verdacht unterliegen, haltlose Spekulationen über das einzig Erkennbare, dem Einzelnen zu sein.

Das Bücherwissen sei eben gar kein Wissen, sondern böte nur zweifelhafte Interpretationen des Wirklichen dar, die allein empiristisch erkennbar sei, was eben meß- und zählbar sei. Wenn die Bibel von Jesus als dem Sohn Gottes schreibt, dann ist das eben nur eine Deutung der Person Jesu von Nazareth. Die Umweltkatastrophe der Sintflut deutet die Bibel halt nur als ein Strafgericht Gottes, statt es bei einer naturwissenschaftlichen Erklärung sein zu lassen.

Das Buchwissen wird so zu einer Deutungskultur entwertet, dem die wirkliche Welt der Tatschen gegenüberstünde und die erschlössen sich eigentlich nur durch die Naturwissenschaften.


Die Krise der Kirche ist so auch die Krise des Buches, indem das, was ein Buch schreibt von dem, worüber es schreibt unterschieden wird als eine Polarität von dem, wie es ist, und dem, wie es beschrieben wird. Das Wie des Beschreibenwordenseins gerät dabei unter den Generalverdacht eines Verschreibens der Wirklichkeit. Bücher seien Verschreibungen der Wirklichkeit und keine Führer mehr zur Wahrheit, die sich in ihnen offenbare.


Dieser Zerfall des Wahrheitsgehaltes der Sprache setzt voraus, daß die Wirklichkeit selbst nichts sprachlich Strukturiertes sei und so genaugenommen nie von der Sprache erfaßt, begriffen werden könne.Die Theologie setzt dagegen, daß alles durch den göttlichen Logos ist und so selbst sprachlich strukturiert ist. „Gott sprach und es wurde!“ Der Zerfall des Wahrheitsgehaltes der Sprache wird aber gerade aus der Sprache selbst erst ermöglicht, indem in ihr die Differenz zwischen dem Zeichen, einer Zeichensprache und dem Bezeichneten ruht. Im Nominalismus begann dann der Zerfall, indem den abstrakten Begriffen keine reale von ihnen verschiedene Existenz zugebilligt wurde. Die Ideen von etwas galten nun ontologisch nicht mehr als ante rem, als die Idee Gottes von ihm sondern nur noch als post rem nachträglich produzierte Gedanken über es, wie auch die Bücher mit ihrem eigenen Buchwissen.


1In einem Reiseführer las ich mal: „Du siehst nur, was Du kennst!“. So offenkundig die Abzweckung dieser Aussage auch ist, mich zum Kaiuf dieses Buches zu animieren, so wahr ist doch diese Aussage.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen